GERMANIA. VIERTELJAHRSSCHRIFT DEUTSCHE ALTERTHUMSKÜNDE. BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER. HERAUSGEGEBEN KARL BARTSCH. SECHSZEHNTER JAHRGANG. NEUE REIHE VIERTER JAHRGANG. WIEN. VERLAG VON CARL GEROLDS SOHN. 1871. ^7' BuchJruckerei tob Carl Gerold'» Sot« in rtUn INHALT. Über die sogenannten Verba Intensiva im Deutschen, Von Ludwig Tobler. . . 1 Germanische Mythen und Sagen im alten Amerika. Von Felix Liebrecht.. . . S7 Der Mariencult in Österreich. Von Theodor Vernaleken 42 Zur Deutung von Fiölsvinnsmäl. Von Theoph. Kupp 60 Bruchstücke aus dem Rennewart des Ulrich von Türheim. Von Melzer, . . . 64 Bruchstücke eines Passiousspieles. Von Alwin Schultz. 57 Zum Brandan. Von Karl Schröder 60 Margaretha von Schwangau. Von Ig. Zingerle 75 Kleine Bemerkungen. Von A. v. Keller 78 L Heinrich Steinhöwel 78 IL Das Wort Hien 78 Fischart in Tübingen? Von Hermann Kurz 79 Kleine Beiträge. Von Anton Birlinger 82 1. Zum wälschen Gast 82 2. Zu Meier Helmbrecht 82 3. Her Hüc von Werbenwac 83 4. Felix Faber 83 5. Zu den Volksbüchern 83 6. Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten 86 7. Mundartliche Pflanzennamen 88 Kleine Mittheilungen. Von K. E. H. Krause 89 1. Zu den deutschen Monatuamen. 89 2. uns, US, ösek, sek 93 3. Haueman 97 Zum Muspilli. Kritisches und Dogmatisches. Von Ferdinand Vetter 121 Hartmann's von Aue Heimath und Stammburg. Von F. Bauer und Hans C. Freih. v. Ow 155 Bruchstücke von Wolfram's Parzival und Willehalm. Von K. Bartsch 167 Das Spiegelbuch. Von M. Rieger 173 Runen aus Rom und Wien. Von H. F. Maß mann 253 Altnordische Wortdeutungen. Von Theodor Wisen 259 Straßennamen von Gewerben. Von E, Förstemann 265 Mythisches von dem durch den Gunzenle gefeierten Konrad. Von K. J. Schröer. 286 Zur Ortsnamenforschung. I. Von Lutterbeck 293 Zur Ortsnameuforschung. H. Von Richard Bück 297 Sprachliches zu Closener. Von Karl Schröder. . 300 Seite Kleine Mittheiliiiioen. Vd.i K. E. H. Krause 303 1. Moneko. Simon 303 2. Zum Namenrätlisel des Primas 306 8. Lever-Meer. 1593. Toten-Übersetzen 306 -1. Nachtrag zu uns, us, ösek, sek 307 Sieben Wundergeschichten aus dem XIII. Jahrhundert. Von Karl Hoj)f 308 Über das Väpnatak der nordischen Rechte. Von Konrad Maurer 317 Nachtrag • • • . . . 462 Von, etslichen Meisterstückelin. Von Fedor Bech 338 Bnichstücke von Handschriften des jüngeren Titurel. Von Hugo Graf v. Walder- dorff und K. J. Schröer 338 Die nordische Erexsaga und ihre Quelle. Von Eugen Kölbing 381 Der urdeutsche Sprachschatz. Von E. Forst emann 414 Lied der Ritter wider die Städte. Von Richard Wülcker 438 LITTERATUR. Die Kosenamen der Germanen. Eine Studie von Dr. Franz Stark. Von J. Petters. 99 Simrock, Karl, Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen. Von F. Liebrecht 212 Rumpelt, Das natürliche System der Sprachlaute und sein Verhältniss zu den wichtigsten Kultursprachen. Von H. Rück er t 229 Kluge, Geschichte der deutschen National-Litteratur. Von R. Bechstein. . . . 346 Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre. Von F. Liebrecht 358 Die Programme der gelehrten Schule Islands. Von Konrad Maurer 442 Zeno , oder die Legende von den heiligen drei Königen. Ancelmus. Herausg. von A. Lübben. Von Karl Schröder 449 Regel, Karl, Die Ruhlaer Mundart dargestellt. Von Reinhold Bechstein. . . . 456 BIBLIOGRAPHIE. Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie im Jahre 1870. Von Karl Bartsch 463 MISCELLEN. Drei deutsche Litterarhistoriker. Von Karl Bartsch 109 Der litterarische Verein in Stuttgart. Von demselben 120 Adolf Holtzmann. Von demselben. . 242 Georg Gottfried Gervinus. Von demselben 247 Franz Joseph Mone. Von demselben 250 Benedict Greiff. Von demselben 252 Luthers Handexemplar seiner Schrift: An die Pfarrherrn etc. Von Dietz. . . . 378 Beide. Von Fr. Möller 380 ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. VON LUDWIG TOBLER. Die vor einiger Zeit erschienene Schrift von Dr. G. GerLind „In- tensiva und Iterativa" (Leipzig 1869) hat neben andern Verdiensten, deren Würdigung nicht in diese Zeitschrift gehört, unstreitig auch das, die im Titel genannte Erscheinung näher, als bisher geschah, ins Auge gefasst und eine Erklärung derselben versucht zu haben. Wir können nun zwar dieser Erklärung, obwohl sie dem deutschen Sprachgeist eine für ihn schmeichelhafte Eigenschaft, nämlich eine ihm in hohem Grade eigene fortdauernde Lebens- und Schöpfungskraft, zuschreibt^ nicht bei- stimmen; aber wir finden dieselbe immerhin so bedeutend und vom Verfasser mit solchem Eingehen auf speciell deutsche, sowie auf all- gemeinere Spracherscheiuungen vorgebracht, daß wir die Darstellung unserer eigenen Ansicht am besten von der seinigen und dem von ihm beigebrachten Material ausgehen lassen. Was wir dabei sowohl Nega- tives als Positives vorzubringen haben, ist so Manches und mancherlei, daß es die Haltung und die Grenzen einer bloßen Recension über- schreiten musste. Herr G. beginnt S. 2 mit dem Satze: „Es gibt eine nicht unbe- deutende Anzahl abgeleiteter Verba im Deutschen, welche die Bedeu- tung ihrer Stammwurzel in intensiver Steigerung ausdrücken, indem sie den Schlußconsouanten der Wui'zel verdoppeln und theilweise ver- härten, den langen Vocal verkürzen , den kurzen aber entweder kurz lassen oder abschwächen." Durch solche Gestalt der Wurzel findet Hr. G. die intensive Bedeutung derselben symbolisch angezeigt; übri- gens erweisen sich die betreff'enden Verba durch ihre schwache Flexion als abgeleitet, meistens von starken, welche sich neben ihnen erhalten GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 1 2 LUDWIG TOBLER haben. — Der letztere Umstand ist nicht unwichtig, denn da Hr. G. von diesen Bildungen als im Sprachgefühl noch lebendigen spricht, so kann die intensive Form und Bedeutung derselben als solche wirklich nur insofern empfunden werden, als die entsprechenden Stammwörter daneben bestehen. In der That gibt es nun zunächst, im Hochdeutschen mit Einschluß der altern Dialecte und neueren Mundarten, eine Anzahl Verba, bei welchen jenes Verhältniss stattfindet; wenigstens fühlen Avir in Bezug auf die Bedeutung zwischen dem einfachen Verbum und dem abgeleiteten eine Intension auf Seite des letzteren, wenn wir auch symbolischer Bezeichnung derselben durch geschärfte Gestalt des Wortes uns nicht deutlich bewusst sind. Aber fi-eilich ist g-erade dieses Merkmal wieder kein unwesentliches, und wenigstens für die ältere Zeit, in welcher jene Bildungen zuerst aufkamen, sollte behauptet und einiger- maßen nachgewiesen werden können, daß jenes Gefühl von symboli- scher Kraft der Laute vorhanden, ja daß es der eigentliche Trieb der Bildungen war und sein musste ; denn an unserm heutigen Sprachgefühl haben wir bekanntlich sehr oft keinen zuverlässigen Halt für Etymo- logie , und ohne j enen Nachweis , der wenigstens W a h r s c h e i n 1 i c h- keit mit sich führen sollte (weil ja völlige Gewissheit in solchen Dingen nicht zu erreichen und zu vei'langen ist), schwebt die ganze Auffassung des Hrn. G. in der Luft. Wir vermissen aber an derselben eben die Wahrscheinlichkeit, daß in einer verhältnissmäßig bereits späten Zeit wie die des Althochdeutschen (wo uns jene Bildungen zu- erst begegnen), die Sprache noch im Stande gewesen sei, solche rein dynamische Lautsymbolik anders als höchstens in Schalinachahmungen zu üben , und wenn Hr. G. in dem Vermögen dazu eben eine unter- scheidende Eigenthümlichkeit und Auszeichnung des deutschen Sprach- geistes innerhalb des indogermanischen findet , so müsste eine solche doch durch ähnliche erst noch bestätigt werden. Aber auf diesem Gebiet und mit solchen Waffen ist der Streit überhaupt nicht auszufechten, sondern auf dem Boden des Deutschen allein , und zwar durch die directe Untersuchung, ob die Annahme des Hrn. G., sei sie nun an sieh wahrscheinlich und möglich oder nicht, sich ftir die angeblichen Fälle zunächst als in sich selbst richtig, sodann als einzig mög- lich und darum schließlich auch als noth wendig erweise. Wenn irgend eine oder mehrere andere Annahmen dem Thatbestand Ge- nüge thun, ohne eine Möglichkeit von jener allgemeinen Art als Voraus- setzung und Hilfe zu brauchen , vielmehr gestützt auf bereits festste- hende Thatsachen der deutschen Sprachgeschichte , so verdienen sie offenbar den Vorzug, und wir nehmen ausdrücklich mehrere in Aus- ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 3 sieht, weil sieh zeigen wird, daß wir es hier, trotz oberflächlicher Ähn- lichkeit der Fälle und scheinbarer Einfachheit der für sie alle ange- nommenen Erklärung des Hrn. Gr., nicht mit Erzeugnissen eines ein- heitlichen organischen Grundtriebes zu thun haben, sondern mit Fac- toren verschiedener Art, unter denen ein ursprünglich zufälliges, erst nachträglich in den Schein von Absicht und Zweckmäßigkeit einge- tretenes Zusammentreffen, verbunden mit falscher Analogie und halber Onomatopoiie, eine Hauptstelle einnimmt. Gleich das erste Beispiel, das Hr. G. als typisch füi' die ganze Erscheinung auch später noch mehrmals anfuhrt, ist von dieser ge- mischten Art, und wir sehen nicht ein, warum er gerade dieses voran- stellt, da doch das betreffende Stammverbum kein ursprünglich deut- sches Wort ist und darum auch nicht starke Flexion hat, die in der Regel auch nach Hrn. G.'s Ansicht der Bildung zu Grunde liegt; viel- leicht wollte er aber gerade an diesem Falle zeigen, wie tief der frag- liche Bildungstrieb in der deutschen Sprache wurzle, indem er, wie ja auch der Ablaut und der Accent, sogar Fremdwörter ergriffen habe. Wenn wir bei Platen lesen : „Soll ich &w\^ plagen mich xxnii •placken'^ ^'' so fühlen wir unstreitig zwischen den beiden Verben das oben als fac- ti seh zugegebene Verhältniss der Bedeutung; aber folgt daraus un- mittelbar, daß jener Zusammenhang auch ein genetischer, daß also das (nach Weigand, Wörterbuch) seit dem 17. Jhd. geläufige placken damals erst auf die von Hrn. G. angenommene Weise von plagen ge- bildet sei ? Über die Bedeutung und Herkunft des letztern, wie sie von Weigand a. a. O. angegeben sind, ist nichts weiter zu bemerken ; wenn er aber placken ebenso von plagen gebildet findet wie jackern von jagen, wobei auch nicken von neigen usw. zu vergleichen sei, so haben wir zwar gegen diese „Vergleichung'', wenn sie nicht eine Gleichsetzung be- deuten soll , nichts einzuwenden und wollen sie , wie auch die von jackern '.jagen für einmal hinnehmen, bis wir zu jenen Wörtern der Reihe nach kommen; für placken aber ergibt sich aus den bei Weigand un- mittelbar folgenden Worten die Möglichkeit einer andern Erklärung. Placken ist nach seiner Angabe aus dem Niederdeutschen aufgenommen, dasselbe gilt aber noch von einem andern gleichlautenden placken, wel- ches, zunächst vom Substantiv p?«c/.e(7i), m. ■=rz Fleck, Lappen, abgeleitet, die Bedeutung hat: Lappen einsetzen oder aufkleben (flicken), dann auch: Flecken (== Fehler) machen. Diese beiden Bedeutungen werden zwar, wie die entsprechenden Substantive, von Weigand auseinander gehalten, aber etymologisch gehören sie ohne Zweifel zusammen, da W. selbst für placke(n) = Flecken Entlehnung aus lat. pläga (Wund- 1* 4 LUDWIG TOBLER mal) möglich findet, für die Bedeutung „Lappen" aber (mnl. plagglie, abgetragenes Zeug) auf lat. pläga, Teppich, Bettdecke, Vorhang zurück- greift. Dieses bedeutet ursprünglich überhaupt etwas breitgeschlagenes, ausgedehntes, also z. B. ein Stück Land oder Zeug, daher einerseits: Fläche, Gegend, andererseits: ausgespanntes Jägernetz, Grewebe usw. Lat. pläga und pläga stammen aber von derselben Wurzel plag, schla- gen, welche in 'pla{n)ge nasal, in pläga (griech. Ttltjy^, nlriy-vv-^L neben Ttlay- im Aorist II) vocalisch verstärkt ist; die verschiedene Quantität der lateinischen Wörter war oder wurde bei ihrer Aufnahme ins Deutsche ebenso wenig festgehalten wie bei einheimischen. Übri- gens kann placke{n) = Flecken statt aus lat. pläga auch direct aus dem bereits verdeutschten ^^acÄ;e(n) = Lappen (plaga) abgeleitet werden ; denn ähnlich besteht in der Schweiz neben dem transitiven Verbum flicken ein intransitives flecken == fehlen, missrathen. Wenn nun neben placke schon früher Plage und plagen aus pläga war aufgenommen wor- den, so ist doch denkbar oder sogar wahrscheinlich, daß volksetymo- logischer Trieb zwischen jenem (ebenfalls bereits bestehenden) placken und dem plagen eine Beziehung suchte und irrthümlich herstellte, indem allerdings placken in die Stellung eines Intensivums zu plagen gezogen, aber nicht daß ein neues placken als Intensiv zu plagen erst geschaffen wurde kraft eines ursprünglichen Grefühls von speci- fischer Angemessenheit des Lautunterschiedes ftlr jenes Begriffsver- hältuiss ; wohl aber mochte das erstere geschehen in Folge von Analogie mit bereits bestehenden (aber auf anderm Weg entstandenen) Paar- formen ähnlicher Art. Natürlich musste auch die Bedeutung von placken Ankuüpfungspuncte für jene Wendung bieten, und sie lagen in dem Begriffe des Herumflickens, Aufheftens, womit sich leicht die Vorstellung lästiger kleinlicher Zumuthungen und Misshandlungeu ver- binden, oder in dem von placke = abgetragenes Zeug, aus dem sich der von Abnutzung entwickeln konnte ; auch war ja der alte Grund- begriff des S ch l a g e n s, den placken mit plagen gemein hatte, in jenem wie in diesem nie ganz in Vergessenheit gerathen. Wir geben gerne zu, daß diese unsere Erklärung complicierter und mühsamer, auch auf den ersten Blick nicht so einleuchtend sei wie die von Hrn. G. , aber nirgends weniger als in sprachgeschichtlichen Dingen gilt der Spruch: Simplex sigillum veri, und nur durchgeführte Prüfung möglichst vieler anderer Einzelfälle berechtigt zu einem Urtheil und Entscheid. Hr. G. gibt nun auch (S. 4 — 14) eine Reihe von 44 weiteren Bei- spielen, denen sich (mit Unterbrechungen S. IG — 17. 20 — 22. 28 — 29) noch ungefähr 14 beigesellen, so daß die Gesammtzahl sich auf die 60 ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 5 beläuft, womit aber noch keineswegs alle wirklich vorhandenen auf- gezählt sein sollen, vollends nicht die in den lebendigen Mundarten noch immerfort neu zu bildenden (S. 15). Diese letztern zu anticipieren, ist Niemandes Aufgabe, dagegen hätte Hr. G. wenigstens die in der Schriftsprache vorhandenen voll ständig, wenn auch nur noch in Kürze, aufzählen sollen; denn unzählbar viele andere gibt es nach den ge- nannten jedenfalls nicht mehr (wir glauben sogar nur noch wenige), die Aufzählung der übrig-en hätte aber dazu beigetragen, den Begriff, den Hr. Q. mit seinen Intensiven verbindet, und seine Methode dieselben ausfindig zu machen und zu erklären, noch mehr ins Licht zu setzen. 60 ist zwar schon eine ansehnliche Zahl , aus der sich wohl etwas schließen lässt; aber wenn es gilt, ein ganz neues Gesetz aufzustellen, so sollte die Induction möglichst vollständig sein. Von den 60 nun, an die wir uns zunächst zu halten haben, die übrigens auch von Hrn. G. nicht alle in dieselbe Linie von Regel- mäßigkeit gestellt und mit gleicher Sicherheit angenommen zu werden scheinen, sind etwas mehr als die Hälfte so beschaffen, daß intensive Bedeutung der betreffenden Verba im Verhältniss zu vorhandenen oder anzunehmenden Stammwörtern sich nicht bestreiten lässt, obwohl genaue Bestimmung jenes Begriffs an subjectiver Verschiedenheit des Sprachgefühls zuweilen eine SchranJce finden mag. Die Differenz der Ansichten betrifft aber wesentlich die Entstehung und ursprüngliche Bedeutung der Laut form, in welcher die fraglichen Verba auftreten, und zwar nicht bloß die Ansicht des Hrn. G. von derselben im All- gemeinen als einer unmittelbar dynamischen, sondern auch, diese vor- ausgesetzt, die Eichtigkeit ihrer Anwendung im Besondern. Wir haben also die von Hrn. G. angenommenen Fälle zunächst au dem allgemeinen Bildungsgesetz zu messen, welches er selbst aufstellt; wenn sich dann ergibt, daß sie ein Gesetz von jeuer Art nicht bewähren oder daß sie anderweitigen Gesetzen widersprechen, so muss für die- selben eine andere Erklärung gesucht werden. Nachdem Hr. G. die 45 ersten Beispiele abgehandelt hat, hält er inne (S. 15), um einen Rückblick auf dieselbeu zu werfen und das Ge- setz ihrer Bildung aus ihnen herauszulesen. Dabei findet er vor allem bemerkenswerth, daß die ahd. Wurzel, aus welcher sich das Intensivum entwickelt, nie auf Tennis, sondern nur auf Media oder Aspirata (Spi- rans) ausgehe, und er erklärt dies daraus, daß die Tenuis eben zur Bildung der Intensivform vorzugsweise bestimmt gewesen sei, d. h. daß sie zur Verhärtung von Media und Spirans habe aufgespart werden müssen. Daß nun, wie Hr. G. beifügt, dieser Ausschluss der Tenuis 6 LUDWIG TOBLER in einer altern Periode des Hoclideutsclien, d. h. vor der zweiten Laut- verschiebung, nicht habe stattlinden können, sehen wir nicht ein; da- gegen wäre zu bedenken gewesen, daß gerade die zweite Lautver- schiebung , weil sie überhaupt keine vollständige war und nicht bei allen liuchdeutschen Stämmen gleichmäßig zum Durchbruch kam, durch theilweise Nichtfortschiebung der alten Medise b und g in Folge der Stockungen bei / und h im In- und Auslaut die Zahl der auf reine Tenuis auslautenden Wurzeln überhaupt verminderte, so daß sie fast auf Null reduciert wurde , da Wurzeln auf t , aus andern Gründen, ebenfalls selten waren: hier also läge die Ursache jener Erscheinung, nicht in einer absichtlichen Ausschließung. Aber sehen wir nun zu, wie sich nach Hrn. G. die Verhärtungen der Medise und Spiranten (denn von eigentlichen Aspiraten kann ja hier nicht mehr die Rede sein) gestaltet haben: g wurde intensiv ck^ einmal ch (jcigeii •.jochen'i). h „ „ ck. ch „ „ ck^ es blieb aber iu kelclien '. kichern \ siuchen, Sachen (kranken), weil die Gutturalaspirate selbst schon ein harter Laut, also für Intensivbildungen brauchbar gewesen sei, und weil ch für Verdopplung derselben stehe (für ahd. hh?). b wurde jjf {pp, dieses eigentlich niederdeutsch), einmal bb {rei- ben : ribben, mundartlich). f (ff) wurde /^', zweim'di ff {streifen: striffela, mhd. sifen^ tviei'en : siffeln, gleiten?). / wurde py, mhd. laßen, lecken : uhd. lappeti (V). w „ pj] mhd. ziuiven, ziehen : nhd. zupfen^ und mhd. kiuwen, kauen : kiffen (?). z (ß) wurde tz^ welches aber in schnitzen aus d, resp. t (schnei- den^ schnitt) entstand. Als Unregelmäßigkeiten nimmt Hr. G. an: ch : ff in kriechen: kniffen (hessisch, was aber von kriefen, einer hochd. verschobeneu Form des nd. kriepen , wovon auch krüppel , abzuleiten ist) ; w : k in mhd. spiiven, speien : nhd, spucken (dessen k aber aus dem häutigen Über- gang von 10 zunächst in g seine Erklärung findet) und d : pp in schnei- den : mundartl. schnippeln, was wir so wenig anerkennen können wie den Übergang von g (k) : p in ags. hntgan : hnipian, nappian (S. 9.39). Bei genauerer Prüfimg (besonders der mundartlichen Nebenformen, welche Hr. G, unter den Hauptnummern beibringt, aber nicht mit ge- höriger Unterscheidung von der Schriftsprache) ergibt sich, daß er noch 3,nderc Übergänge annimmt, so; h '.ff {riffeln von reiben)^ p : pp {hiippen ÜBE R DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 7 von kneipen, oder von der hoehd. Form kneifen?)^ hh : pp (ags. hebhan : Jioppian?). Einen besondern Zusatz bildet dann noch die Entstehung von intensivem ck aus nk^ ng (durch Assimilation ?) : wackeln aus wanken (vgl. jedoch S. 14 — 15 loacken aus loegen, ivagen) , hikkeln aus hinken, schlucken aus schlingen (denen ohne Zweifel auch noch drücken aus dringen beizugesellen ist). Endlich wird noch bemerkt, daß der Schluß- consonant der Intensivbilduug nie eine Liquida sei, was später noch einmal zur Sprache kommt ; der Grund ist wohl, daß die Liquidse von Natur schon mehr als die Mutse zu Verdoppelung geneigt sind und darum schon einfache starke Verba dieselbe zeigen (vgl. S. 22). Der Vocal des Verbums, von welchem das lutensivum abge- leitet wird, ist nach S. 18 meistens lang, einfach oder diphthongisch; doch kommen auch ungefähr 10 Fälle von kurzem Vocal vor. Der Vocal des lutensivums selbst ist meistens der kurze des starken Prse- teritums oder Participiums , nur selten wird der des Prsesens beibe- halten. Diese Angaben werden aber sofort dahin berichtigt, daß das Intensivum den kurzen Vocal der Wurzel beibehalte, in seiner ursprünglichen oder in der geschwächten Gestalt, die gegenüber den verwandten Sprachen dem Deutschen eigen sei. Daß darum diese In- tcnsivbil düngen etwas specifisch Deutsches haben sollen, können wir nicht einsehen; dagegen folgt aus jener zweiten Fassung, daß von einer erst zum Zweck der Intensivbildung eintretenden Verkürzung, welche oben als Merkmal aufgestellt wm-de, nicht die Rede sein kann. In der That entsteht der Schein davon nur daraus, daß Hr. G. zuerst die Intensivbildung von der Form des Praesens oder Infinitiv ausgehen Hess, Avo ein Theil der starken Verba eine Steigerung des Wurzelvocals mit sich führt, die eben nur jenem Tempus und in noch vollerer Ge- stalt dem Prset. Sing, angehört; es hindert aber nichts (obwohl Hr. G. S. 73 und 74 sich widersprechend darüber erklärt), die Bildung, je älter sie sein soll um so mehr, unmittelbar von der Wurzelgestalt ausgehen zu lassen, wie sie auch im Preet. Plur., Part. Perf. und in Nominal- stämmen lebt. Bei den Wurzeln, welche im Prsesens a zu i (e) schwächen, kann auf das Prset. Sing, zurückgegriffen werden (icehen : icappen] loippen kann mit den Substantiven icib und tcihil und dem schwachen Verbum ■weihen von einem starken wlhen abgeleitet werden; trecken und stecken veiTathen sich schon durch die Aussprache ihrer e als nicht unmittel- bare Ableitungen von trechen und stechen; das Verhältniss von schicken : schehen ist noch unklar); oder auf das Part. Perf. (brechen : brocken); Bildimgen von ungeschwächten «-Wurzeln, deren Hr. G. mehrere auf- stellt, werden wir als unrichtig erweisen. Während also zur Erklärung 8 LUDWIG TOBLER des Vocals der Intensiva die Annahme eines besondern Actes von Verkürzung nicht nöthig ist, bleibt die wichtigere Frage, ob für die Consonanten eine „Verdopplung" und theilweise „Verhärtung" sich wirklich als Regel erweise. Eine Veränderung der Consonanten liegt allerdings vor (ausgenommen die Fälle wo ch bleibt), und sie kann im Allgemeinen wohl als eine Verhärtung bezeichnet werden, „Verdopplung" aber linden wir auf obigem Verzeichniss eigentlich nir- gends, und gerade in den echt hochdeutschen Beispielen am wenigsten; eher könnte von einer Verdickung des Lautes gesprochen werden; überhaupt aber scheint die Veränderung weniger eine quantitative als eine qualitative, und diese veranlasst durch Einfluss eines fremden Lautes, der den der Wurzel mannigfach, je nach des letztern eigener Beschaffenheit, modificierte. Von einer unmittelbaren, gleichmäßigen und deutlich symbolischen Veränderung der Laute kann also nicht die Rede sein, und was wir an der ganzen Behandlung des Hrn. G. hauptsäch- lich vermissen, ist eben, daß er nicht vor allem die Erscheinung rein lautgeschichtlich betrachtet und die Frage erhoben hat, welche Entstehung und Geltung die in den intensiven Verben auftretenden Doppellaute im Altdeutschen überhaupt haben; er würde dann ge- funden haben, daß sie vielfach auch sonst vorkommen und auf einem Wege erzeugt werden, welcher zwar eine nachträgliche, scheinbar spe- cifisch intensive Bedeutung derselben in Fällen, wo abgeleiteten Verben noch ihre einfachen Stammwörter zur Seite stehen, nicht ausschließt, aber doch den Ursprung der ganzen Bildung in ein anderes Licht setzt. Hr. G. weiß sehr wohl (vgl. S. ö7. 73), daß es viele hochdeutsche Verben gibt, die ganz ähnliche Lautgestalt zeigen wie seine Intensiva, nur daß eben ihre Stammwörter verloren oder verdunkelt sind ; so wenig nun aus jener Lautgestalt folgt, daß solche Verba ebenfalls Intensiva sein müssen^ eben so wenig durfte dieselbe umgekehrt als primitives Merkmal der wirklich intensiven aufgestellt werden, von denen übri- gens manche nach Hrn. G. eigener Aussage (S. 36) diese Bedeutung kaum noch merklich an sich tragen , so wie hinwider manche von den erstem auch ihrer Bedeutung nach gar wohl Intensiva von an- dern sein könnten, da sie eine starke oder überhaupt „angestrengte" Bewegung bezeichnen, z. B. schleppen, raffen, gaffen, hocken, schrecken, strecken, jpochen (vgl. Jochen), schwitzen, putzen und viele mundartliche. Bevor wir unsere positive Ansicht näher entwickeln, haben wir, immer dem Gange des Hrn. G. folgend, nur noch einen Punct zu be- rühren. Er findet (S. 20), daß die meisten Intensiva von starken Verben gebildet sind, was richtig und bedeutsam, aber für seine Grund- ÜBER DIE SOGENANNTEN VEEBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 9 ansieht nicht eben günstig ist. Denn wenn die Bildung rein dynamisch symbolisch sein soll , so ist in der That nicht abzusehen , warum sie nicht von schwachen Verben ganz ebenso gut könnte vollzogen werden, sobald ihre Lautgestalt jene zwei Operationen der Vocalkürzimg und Consonantenschärfung erlaubt, was ja bei sehr vielen der Fall wäre. Daß die starken bevorzugt sind, lässt sich wohl nur daraus erklären, daß sie durch ihr Ablautvermögen überhaupt in der Wortbildung leben- diger und fruchtbarer sind ; was aber eben auf einen allgemeineren Ursprung und Charakter auch der fraglichen Intensivbildung deutet. Die wenigen von schwachen Verben gebildeten Intensiva beweisen natürlich nichts gegen diese Auffassung und erklären sich aus über- wiegender Analogie der von starken gebildeten, welche übrigens selber schon zum Theil nur jenem Princip ihr Dasein verdanken. Daß von reduplicierenden Verben keine Intensiva gebildet wurden (S. 23), ist ebenfalls richtig und für beide charakteristisch ; wenn aber siulzen im Verhältniss zu stossen ein umgekehrtes oder unorganisches Inten- sivum genannt wird (S. 24. 25), weil es die ursprüngliche Kürze des Wurzelvocals enthalte, so können wir dies nach dem Obigen nicht mehr zugeben ; vielmehr entsprang aus dem Ablaut des auch von Hrn. G. vorausgesetzten stiozan im Pr?et. Sing, das reduplicierende stozan, so wie gleichzeitig und unabhängig von diesem aus dem Ablaut des Prset. Plur. (resp. aus der alten Wurzelkürze) mit ableitendem und dann sich assimilierendem j stuzjan, stuzzan. Ganz dasselbe gilt von putzen im Verhältniss zu hozen (s. Grimm Wb. unter hntzen). Aus ahd. studjcm konnte, wenn nicht eine unregelmäßige Fortschiebung wie bei schützen aus schütten stattfand, kein hochd. stutzen, sondern nur ein stutten ent- stehen, vgl. retten, schütten^ deren tt sächsischem dd aus dj entspricht. Studjan und gasttcdnon gehören nach Grimm zunächst nicht zu stützen, sondern zu stad als Weiterbildung von sta stehen, vgl. ahd. stad, sta- dal, stat. Das angenommene stiozan aber lebt fort im ahd. stiuz, nhd. Steiß, im Schweiz. Eigennamen Stüfii und in dem obd. Stotz, Stamm, Bein, stotzig, stämmig, steil, stotzen, auch statzeln = nd. stottern. Hieran knüpft sich nun bei Hrn. G. S. 2^ ff. ein wichtiges Capitel, in welchem er selbst EinAvürfe gegen seine Ansicht zur Sprache bringt, aber (wie uns scheint, allzu leicht) erledigt. Es schwebte ihm zunächst die Möglich- keit vor, daß die Verdopplung des Schlußconsonanten aus Assimilation eines ableitenden j entstanden sein könnte, also so ziemlich unsere An- sicht; aber er verdarb sich diesen richtigen Blick durch eine seltsam irrige Ansicht von der Bedeutung und Anwendung der verbalen Bil- dungssilbe -ja, von dem Verhältniss der Intensiva zu Causativen. 10 LUDWIG TOBLER Ganz richtig beginnt er mit dem Satze, daß das -ja im Deutschen, wie im Sanskrit, Causativa bilde, und richtig ist auch noch die Bei- fttgimg , daß dabei die Wurzel in ungeschwächter (a) oder in ver- stärkter Vocalgestalt (bei i und tc) auftrete, wodurch sich also die Causa- tiva von den Intensiven unterscheiden. (Aus dem oben Bemerkten ergibt sich, daß, von geschwächten ^-Wurzeln abgeleitet, beide gleich lauten können.) Daß die Silbe -ja, weil sie unter anderm auch, und allerdings oft, Causativa bilden hilft, darum zu keinerlei andern Ver- balableitungen, also z. B. nicht auch zu Bildung von Intensiven dienen konnte und gedient habe, oder daß Causativa und Intensiva, bei un- leugbarer Verschiedenheit ihres Begriffs, auch in der Form nichts,, auch nicht ein Bildungselement von so unleugbarer Vielseitigkeit wie -ja (vgl. S. 30. 31), gemein haben konnten, scheint Hr. Gr. selbst kei- neswegs zu folgern; denn wenn er S. 10 ergetzen ein „causatives In- tensivum" nennt, d. h. ein Verbum mit intensiver Form und causa- tiver Bedeutung , S. 14 schicken „intensiv mit factitiver Bedeutung", S. 21 fützen wieder „intensiv mit causativer Bedeutung", und auch got. buc/jan (S. 39) für ein solches halten möchte, wenn ihm nicht ander- weitige Gewähr fehlte (S. 39), so liegt darin wenigstens die Annahme einer Übertragung intensiver Form auf causative Function. Daß er S. 33 auch geradezu Bildung von Causativen aus Intensiven annimmt, hätte nichts gegen sich, wenn die Beispiele sonst richtig wären, aber bei blecken = „blicken machen" bleibt der Vocal unerklärt und die Er- klärung von Grimm (Wb.) unberücksichtigt, bei necken = „nicken ma- chen" kommt zu derselben lautlichen Schwierigkeit noch die begriff- liche hinzu. Später S. 80 (ob.) heißt es, die deutschen Intensiva werden fast gar nicht (ausgenommen die vorhin angeführten Fälle) auch cau- sativ wie das hebräische Fiel, wohl aber nehmen sie oft das causale Suffix -ja an ; S. 40 (ob.) aber wird das ags. hnwgan (aus hnäg-ja-u) als Beweis dafür angeführt, daß die Bedeutung des j nicht causal sei. (Hncegan heißt aber wirklich humiliare, prosternere, hiipian : se incli- nare.) Schon S. 31 hat nämhch Herr G. gesagt, da die Endung aller schwachen Verba von dem Suffix -ja stamme, so müsse es seine ur- sprünglich wohl causale Kraft theilweise aufgegeben und mit so erweiterter, allgemein ableitender Bedeutung sich auch au die Intensiva angesetzt haben (schon darum, weil ja diese eben auch schwache Verba seien), aber offenbar nur pleonastisch, nicht wesentlich für das Intensivum als solches. — Es hält schwer, aus allen diesen Wendungen eine definitive und widerspruchslose Ansicht des Verfassers über das Verhältniss von Intensiven und Causativen herauszulesen: sollte die ÜBER DIE SOGENANNTEN VEKBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. H ursprüngliche causative Bedeutimg des -ja, nachdem sie in einer all- gemeineren aufgegangen war, in jenen Intensiven mit causativer Be- deutung wieder aufgelebt oder geblieben sein, so bliebe noch immer ganz unerklärt, warum diese Verba überhaupt intensive Form ange- nommen haben, da ihre Bedeutung nichts Intensives hat und ein Übergang von intensiver zu causativer Bedeutung noch weniger denkbar ist als der umgekehrte. Übrigens ist wenigstens ergetzen auch der Form nach gar nicht Intensivum, sondern ein regelrechtes Causativum wie setzen und ätzen (S. 28). „Selbständige Existenz des Intensivums neben dem Causativum" halten auch wir für „gesichert" (S. 28 ob.) und linden sie nur durch Hrn. G.'s eigene obige Auffassungen gefährdet; auch daß das Intensive nicht in dem -j selbst liege, ist klar (sonst müssten ja alle damit abgeleiteten Verba intensive sein!), daß hingegen das Fehlen des Umlauts beweise, es seien nicht alle Intensiva mit y gebildet worden (was auch wir glauben, nur aus andern Gründen), ist nicht zuzugeben, da der Umlaut nirgends ganz consequent durch- gedrungen ist (vgl. Gr. 1, 336) ; der conson an tische Bestandtheil des j konnte darum doch wirken, und es fragt sich also nur, ob und wie er es gethan habe, ob und wie er die Verhärtung und Verdopp- limg des Schlußconsonanten erzeugen konnte, was Hr. G. bestreitet (S. 31); davon wird denn auch abhangen, ob und in welchem Sinne von „selbständiger Existenz des Intensivums gegenüber sonst abge- leiteten Verben" die Rede sein kann. Die Verschiedenheit zwischen Intensivum und Causativum findet Hr. G. besonders deutlich ausgeprägt, wo vom selben Verbum beide Ableitungen neben einander überliefert sind und fortbestehen, wie von ahd, hnigan, Causat. hneigjan, Intens, hnikjan ; sUfan, Causat. sleifan, Intens, slipfan. Aber wenn er aus der Form hnik-j-an weiter beweisen will, daß die Verstärkung des Schlußconsonanten beim Intensiv auch vor dem -ja, d.h. unabhängig von demselben, eintrete, während in hneigjan das g unverhärtet bleibe, so hat er die Zufälligkeiten und Unregelmäßigkeiten ahd. Schreibung nicht bedacht, denn meistens findet sich geschrieben (h)nicchan, anderseits auch {k)neikan, beide mit eingetretener Assimilation des j und Verhärtung des g, und wollte man das k der letztern Form etwa als streng ahd. Schreibung er- klären, so wäre natürlich für hnikjan dasselbe geltend zu macheu. Letzteres ist allerdings eine Art von pleonastischer Schreibung, aber sie findet zahlreiche Parallelen; denn wie dort das / noch mitgeschrie- ben wird, nachdem es eigentlich bereits in dem k (= gg aus gj) auf- gegangen und vertreten ist, so wurden im Ahd. imd Mhd. ursprünglich 12 LUDWIG TOBLER kurzsilbige Verba der ersten schwachen Conjugation, nachdem sie durch Assimilation des ;' scheinbar langsilbig geworden waren , wirklich als solche behandelt, mit unorganischem Rückumlaut im Prseteritum, z. B. zeiht (aus zelju) Prset. zalta neben und statt zelifa, weil man der Ent- stehung von zellan aus zcdjan sich nicht mehr bewusst war; s. Grimm, Gr. 1 ' 874, 947. Eher könnte die Frage erhoben Averdeu, Avarum nicht aus hnig-ja-n eher hniggan entstand und ob hmk(j)an für jenes geschrieben und gesprochen werden konnte. Daß nun nirgends hniggan sich ge- schrieben findet und auch in andern Verben dieser Art nie gg, sondern meist eck, bleibt allerdings auffallend; denn wenn sonst ahd. kJc, cc, ck mit gg wechselt, jene also dieses vertreten können, wie vorliegt in den Formen (man-) sleggo und -slecco, mhd. -slecke und -slegge aus slagjo von slalian {slagan), loeggi und wekki Keil, äioiggi und mcicki, unweg- sam (welchem letzteren Hr. G. S. 68 ganz ohne Grund intensive Form und Bedeutung zuschreibt), so haben wir es hier, wie noch im mnhd. flücke neben flügge , offenbar nur mit dialectischen Varianten zu thun, übrigens zugleich mit Beispielen derselben Assimilation von gj in gg wie beim Verbum. Aber wirkliche Verwirrung der Schreibart, näm- lich Schwanken auch zwischen gg und eck (welches allerdings durch ableitendes J entsteht, aber aus ch = got. k), bezeugt doch auch Grimm, Gramm. 1*, 193; sie konnte eben durch den doppelten Lautwerth der Zeichen c und k (bald als härtere Medien, bald als wirkliche Tenues)^ des g im Auslaut geradezu auch für c (k) und des ch im Inlaut auch für cch (weil h im Auslaut =: ch) herbeigeführt werden , und daß sie schon alt ist, geht auch daraus hervor, daß gerade in den Mundarten der Schweiz , welche dem streng ahd. Typus am nächsten stehen, die Aussprache gg theils neben cch gilt, theils diese verdrängt hat, z. B. in der allgemein gültigen Form Ingg = nhd. locker, von got. lükan, mhd. lüchen, Uechen (schließen, eigentlich zuziehen), woher Loch und Lücke, vielleicht auch loc (Locke) und locken (herbeiziehen); daß jenes lugg mit ahd. luggi^ lukki, mendax, von lügen zusammenhänge (Weigand), ist unAvahrscheinlich, da das letztgenannte Verbum, im got. liugan nubere, auf die Grundbedeutung „verhüllen" weist. Daß nun die Schreibung cch für gg gerade bei unsern Verben sich festsetzte, kann freilich nicht bloßer Zufall sein, sondern es mag ein Gefühl davon, daß sie Neubildungen mit verstärkter Bedeutung waren, zur Differenzierung auch ihrer Form nach jener Seite hin beigetragen haben. Dieselben Consonantenverhältnisse wie bei nicken : neigen haben wir anzunehmen bei hucken : biegen (ahd. huck{j)an findet sich zwar ÜBEE DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 13 nicht, ist aber durch bucchelön, curvare, mittelbar bezeugt) und schmücken : schmiegen. Das c in mhd. smuc, smuckes erklärt Weigand geradezu als Verdopplung und Verdichtung von g, smücken hingegen vom Sub- stantiv durch j abgeleitet; aber die erstere Annahme ist doch gewalt- sam, wir werden eher umgekehrt smtic von smücken abzuleiten haben (dessen verschiedene Bedeutungen sich auch nicht alle aus der von smuc erklären würden) , und dieses aus smiegen mit j, ahd. smukjan^ wozu dann auch smoccho (engl, smock) Hemd, gehört, ähnlich wie hrocco zu mhd. brücken (ahd. bruchjan) von brechen ', vgl. auch Grimm Wb. und Boch und Bock und die vorhin genannten Ableitungen von lüchen, nur daß hier das ck aus ch sich einfacher erklärt. Zu dem aus g zu erklärenden ck gehört noch das in zucken von ziehen, da der Vocal uns darauf hinweist, auch hier die im Prset. Flur, erscheinende Wurzelform zu Grunde zu legen ; das im Pra3sens und im Prät. Sing, geltende h, das mhd. im Auslaut ch ge- schrieben wird und bei der Gestalt des ahd. ziecha Überzug (noch Schweiz, zieche) wenigstens mitgewirkt zu haben scheint, mag zu der Verdickung des Lautes beigetragen haben, obwohl h -\- j höchstens in- lautendes chy noch kein ck ergibt; letzteres muss dann auf obigem Wege entstanden sein. Wie ist aber das neben ahd. zucchan bestehende fast gleichbedeutende zocchon (vgl. mhd. bocken niedersinken neben bückea) und wie sind noch andere Intensiva zu erklären, welche ebenfalls der zweiten schwachen Conjugation angehören, also kein ^ mit sich führ- ten, aus dessen Assimilation der Doppellaut entstehen konnte, z. B. auch das bereits angeführte locchon (wenn es wirklich Intensivum von lüchan ist), neben welchem mit gleicher Schwierigkeit noch locchen nach dritter Conjugation besteht? Substantiva, von denen diese Verba abge- leitet sein könnten, bestehen nicht und es müsste ihr Auslaut selber erst erklärt werden. Wir müssen also auf das vorhin bei smocco Be- merkte zurückkommen. Die Ableitungen mit j waren die zahlreichsten ; wenn nun auf diesem Wege ein Verbum mit Doppelconsonanz ent- standen und geläufig geworden war, so bildete es gleichsam eine Wurzel oder wenigstens einen Stamm zweiter Ordnung, von dem weitere Bil- dungen ausgehen konnten wie von einer starken Wurzelgestalt. Betref- fend den Vocal kommt noch in Betracht, daü ein c in dem Sub- stantivum zoc (mit einfacher Consonanz) bereits vorlag. Wir haben also eine von einer Wurzel abstammende Gruppe von Wortstämmen als ein lebendiges Ganzes zu betrachten, dessen Glieder, wie die einer Familie, mit Einschluß der „schwachen", aber immerhin un- ter Vorwalten der „starken" ihre Eigenschaften unter einander 14 LUDWIG TOBLER austauschen und durch Combinationen derselben neue Sprossen er- zeugen. Wälirend das h von ziehen schon innerhalb dieses Verbums selbst sich in g fortschiebt, ist hingegen das in schehen einem solchen Über- gange fremd, so daß wir in schicken, wenn es von jenem abgeleitet ist, das ck nur als Schärfung von ch (Jih aus h -\- j) erklären können, also durch eine ähnliche Vermischung der Laute und Schriftzeichen wie ck aus gg. Wie nun für die Steigerung von g{g) zu k(k) nach- träglich immerhin noch kann geltend gemacht werden, daß der streng ahd. Dialect die Media g (wie b) eigentlich verloren hatte (womit frei- lich die mhd. Ersetzung derselben durch c im Auslaut nicht wohl zu- sammenhängen kann, vgl. Gr. 1, 378), so kommt für die Steigerung von ch zu ck in Betracht, daß das Zeichen h im ahd. In- und Auslaut nicht bloß einem got. h entsprach, sondern auch einem got. k, aber mit der Aussprache ch, welche dann irrthümlich auch auf einzelne h der ersten Art übertragen werden mochte (vgl. Gr. 1, 189). Eine solche Ausnahme scheint in schicken von schehen vorzuliegen, in welchem auch Weigand eine Verdickung des h zu cch durch j annimmt, und unsere Erklärung ist trotz ihrer mühsamen Vermittlung durch Annahme von Störungen des organischen Lautverhältnisses weit mehr dem wirklichen Leben der Sprache angemessen, als die Annahme eines unmittelbaren Sprunges von einem h zu ck als dessen „Verdopplung" oder „Verhär- tung", was allem Lautgefühl widerspricht. Was den Vocal betrifft, so ist derselbe bei der Annahme, daß schicken Causativ von schehen sei, ebenfalls nur durch Ausnahme von der Regel zu erklären; denn nach dieser müsste die Bildung schecken lauten; es ist aber möglich, daß schicken zwar zu schehen gehört, jedoch nicht als Causativum desselben, sondern als Ableitung von der geschwächten Wurzelgestalt schih mit transitiver Bedeutung, wie denn auch gar nicht alle Bedeutungen des mhd. schicken sich als Causative von schehen auffassen lassen. Der Vocal würde sich verhalten wie im mhd. schricken, aufspringen, welches doch auch ein starkes schrehhan voraussetzt, zu dem es denn auch schon mhd., aber mit Beibehaltung des aus der Ableitung durch ; entstan- denen ck aus ch, zurückgekehrt ist; auch ßcken, icipfen, knittern, von denen noch weiter unten die Rede sein wird, zeigen diesen ausnahms- weisen Vocal. Als ein solcher müsste er auch gelten, wenn wir schicken von schehen trennen und es mit dem für das Substantiv schoc, nhd. /Schock, Haufe, bestimmte Menge, alts. scoc vorauszusetzenden ahd. sc'fihhan in Verbindung bringen wollten, dessen Bedeutung ungefähr „in Ordnung anhäufen, aufschichten'" gewesen sein muss und zu der ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 15 von mild, schicken mehrfach passen würde. Bei dieser Annahme wäre dann auch das ck ohne weiteres gerechtfertigt, denn daß es meistens einem ahd. cch , welches seinerseits aus ch -\- j entsprungen ist , ent- spricht, wurde schon oben bemerkt und bedarf keines Beweises mehr; wir können daher auch die hieher gehörigen Intensiva des Hrn. G., als im Allgemeinen richtig, übergehen, nur mit der wiederholten Be- merkung, daß ihr ck nicht anders entstanden ist, als in vielen andern Vei'ben, die dasselbe enthalten, ohne darum Intensiva (oder auch immer Causativa) zu sein. Etwas anders verhält es sich mit den nun folgenden labialen Bildungen, indem zwar auch hier etwelche Verwirrung schon der ahd. Laute, wie bei den Gutturalen, mitspielt, jedoch die Doppelconsonanz nicht einzig aus Assimilation eines j zu erklären ist, weil manche ahd. ph auch nur den Werth eines einfachen / hatten, d. h. des aus p verscho- benen, aber nicht mehr voll aspirierten Lautes, so daß in- und aus- lautend p/i und/ zunächst unter sich, dann auch (nach kurzen Vocalen) mit p/ und ff wechseln. Ahd. ff vertritt nach Gr. 1', 133 ff. theils ph theils pf, dieses hinwieder theils ph theils ppA; im erstem Fall ent- spricht es einem niederdeutschen p, im zweiten einem nd. pp und ist dann, wie dieses, oft aus Assimilation von j entstanden (wie ck aus cch = cÄ -j- j). hh und p>p schwanken wie die einfachen Laute (und wie gg und kk) und die Dopplung scheint ebenfalls aus Assimilation von j entsprungen (a. a. O. S. 148). Der Wechsel von ff und pf kommt auch im Mhd. noch vor; tro2)fe steht für tröffe, vom Prset. Plur. truffen (von triefen), wo die Verdopplung (wie bei zz) vielleicht nur graphisch die Kürze des Vocals festhalten helfen soll, da Gemination überhaupt, und oft unorganische, schon im Mhd. zunimmt (a. a. 0. S. 384 — 5). — Was folgt nun aus diesem Lautstand im Allgemeinen für unsere Frage im Besondern? Zunächst daß der Laut pf, um den es sich bei den Inten- siven zumeist handelt, entstehen konnte (nicht musste, da er auch schon ohne j möglich war, = einfachem /) aus f -\- j, d. h. vertreten kann ein aus jenen Elementen durch Assimilation entstandenes ff, also Verbalwurzeln mit Auslaut / voraussetzt, deren denn auch Hr. G. eine Reihe aufzählt, daß er hingegen nicht entstehen konnte aus einem Wurzellaut h, den Hr. G. ebenfalls mehrfach zu Grunde legt, ausge- nommen wo er, wie bei schnauben, mit / ohnehin wechselt ; aus sniuben konnte schnuhbern entstehen, aber nicht schnupfen und schnüffeln' schnup- pern ist entweder hochdeutsche Schriftvariaute zu schnubbern oder nie- derdeutsche Form von snüpen ^= hd. snCfen, und nach diesem Beispiel sind auch andere pp-Forraeu zu beurtheilen, so weit sie nicht unter 16 LUDWIG TOBLER einen anderen, nächstens folgenden, Gesiehtspunct fallen. Unzulässig ist auch unmittelbarer Übergang von tu in pf, ohne die Zwischenstufe w : V, f, ähnlich dem Verhältniss von mhd. splwen : spucken, vermittelt durch ?ü : g. Am wenigsten Schwierigkeit machen die Lingualen, bei denen auch bloß eine Gestalt der Intension vorkommt: ß: tz, denn nhd. sproßen erklärt Hr. G. selbst (S. 16) als Denominativ von Sproß. Eigen- thümlich ist die Entstehung eines tz aus d, resp. t, in schnitzen (schweiz. auch schnätzle{n) , in kleine Stücke schneiden) , welches unzweifelhaft (statt des von Hrn. G. angegebenen schnippeln, vgl. jedoch S. 33) zu schneiden gehört und sich (nach Weigand) nur aus weiterer Fortschie- bung des d, t zu z erklären lässt, von der wir freilich im Inlaute weni- gere Beispiele haben als im Anlaut mit folgendem lo {dicahan, tivahen, zivahen). Das ableitende j konnte den Übergang von snit zu snitz be- günstigen, aber nicht erzeugen (was Hr. G. S. 28 anzunehmen scheint); dagegen scheint die Annahme seiner Mitwirkung für den Übergang von ß (mhd. zz) in fz {zz) nothwendig , obwohl nach langen Vocalen mhd. z auch dann unverändert bleibt (beizen, aus heizjan, nhd. heizen, vielleicht nur zum Unterschied von „beiüen'', mhd. hizen). Wir haben nun mit einiger Ausführlichkeit , wie es nöthig war, Hrn. G.'s Haupteinwurf gegen eine von der seinigen verschiedene Er- klärung der Intensiva widerlegt. Es bleibt also dabei, daß dieselben ihre Form wesentlich ableitendem y verdanken, ihre Bedeutung aber dem durch Assimilation des j an den Schlußconsonanten der Wurzel hervorgerufenen Abstand der abgeleiteten Form von der daneben deutlich fühlbar bestehenden einfachen, welcher nun eine Intension der Bedeutung mit sich zu führen schien, in demselben Maße wie die Form eine Intension der Lautgestalt. Hiemit anerkennen wir aller- dings ein Gefühl von Lautsymbolik als mitwirkend, aber nicht als ein- zige oder wesentliche Ursache, nicht als einen Trieb zu unmittelbarer Erzeugung jener Formen, sondern nur zu nachfolgender Ausdeu- tung und Verwendung derselben, nachdem sie auf anderem Wege einmal entstanden waren. Feinere Betrachtung wird zwischen den beiden Auffassungen einen bedeutenden Unterschied finden, denn das Zeitliche und causale Verhältniss der Vorgänge ist so ziemlich umge- kehrt. — Wie viele und welche von den anzuerkennenden Inten- ßiveu selbst erst wieder nach bloßer Analogie von bereits beste- henden, und in diesem Sinne dann wohl auch unmittelbar, ge- schaffen waren, lässt sich nicht mehr ermitteln ; daß aber solche äußere ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 17 Analogie schon frühe mitwirkte, halten Avir ebenfalls für unabweislich, weil wir sie später überhand nehmen sehen. Dies führt uns nun auf einen zweiten Einwurf, den Hr. Gr. S. 28 — 30 sich selbst macht und ebenfalls nicht genugsam gewürdigt hat, obwohl derselbe an Gewicht dem ersten nachsteht. Dieses zweite Bedenken beruht darauf, daß in manchen scheinbaren Intensiven der kurze Vocal der alte mundartlich erhaltene sein könnte, und die Doppel- consonanz erst durch diese Vocalkürze hervorgerufen, resp. zur schrift- lichen Bezeichnung derselben gemäß dem in nhd. Zeit geltend gewor- denen Principe der Aussprache und Orthographie, wonach Vocalkürze und folgende Doppelconsonanz einander meistens bedingen. Welche gewaltige Umgestaltungen und Entstellungen die nhd. Schriftsprache und Aussprache durch dieses Princip erlitten hat, ist bekannt, und wir halten allerdings dafür, daß dasselbe auch zur Erzeugung einer zwei- ten, neueren Schicht von noch weniger echten, übrigens auch mehr der Volkssprache angehörigen Intensiven beigetragen habe, zusammen mit einer unleugbaren Fähigkeit und Neigung eben der Volkssprache zu lautmalenden Wortbildungen innerhalb gewisser Schranken und mit Anlehnung an ältere Wörter , welche zwar gar nicht immer aus diesem Trieb entstanden waren, aber demselben gemäß aufgefasst wurden, wie wir so eben an den älteren Intensiven anerkennen mussten. Die älteste Sprache liebt^ mit Ausnahme gewisser weitverbreiteter Na- turlaute des Kindesmundes, keine Doppelconsonanz; sie bedarf der- selben auch nicht, weil die einfachen Laute ihre ursprüngliche Bedeut- samkeit noch in vollerem Maße besitzen; Dopplung entsteht daher zwar schon früh, aber aus secundären Ursachen, durch Assimilationen und auch durch Contraction von Iterativbildungen, wie Hr. G. im Verlaute seiner Schrift vielfach nachweist. Gerade die spätere Sprache ist es, die in Ermanglung jenes ursprünglichen Gefühls auf das Mittel der Dopplung leicht verfällt und uns dann auch leicht verführt, ältere Bildun- gen fälschlich demselben Motiv zuzuschreiben. Übrigens bleibt die Doppel- consonanz auch so mehr eine Sache der Schrift als der Aussprache; wir haben uns durch unsere ganze moderne Cultur daran gewöhnt, die Sprache mehr zu lesen als zu hören; es hält in manchen Fällen schwer, phonologisch einen deutlichen Unterschied zwischen der Aus- spi'ache eines einfachen Consonauten (nach kurzem Vocal) und der Aussprache seiner einfachen Verdopplung (nicht Verbindungen Avic ^jf) nachzuweisen, und in vielen Fällen liegt auf der Hand, daß wir auch" hier gar nicht sprechen was wir schreiben. Aber wir stehen nun mit Hrn. G. zunächst auf dem Standpuncte des Geschriebenen, und da ist GERMANIA. Neue Keihe IV. (XVI.) JaUrg. 2 13 LUDWIG TOBLER bekannt genug, daß Formen wie Knappe, Rappe nvcv Varianten der altern knähe, rahe{n) sind, während in Mutter, Waffen, schleppen (nach Weigand aus nd. slepen = hd. schleifen) ausnahmsweise gerade das Widerspiel des sonstigen Prineipes Platz gegriffen hat : Bezeichnimg ursprünglicher Länge durch (überflüßige und falsche) Position, welche dann aus der Schrift in die Aussprache zurückdrang und diese gerade entgegengesetzt der ursprünglichen Absicht gestaltete (vgl. auch noch nhd. tappen neben mhd. täpe, Pfote; ScMippe, mhd. schuope). Es gibt nun auch Beispiele von Verben, wo die Doppelconsonanz nur die ursprüngliche Vocalkürze bezeichnen und festhalten sollte , wie zappeln, rappeln, schnappen u. a,, und wo der Schein von Intension nur darum nicht eintritt, weil die einfachen Verba fehlen (für schnappen könnte Schnabel als Vergleich dienen), Trappen aber erklärt Hr. Gr. als „nach Form und Bedeutung richtiges Intensivum zu traben, wie placken = plagen" ; trappen soll nicht bloß die alte Kürze des mhd. droben bewahren , sondern als Gegensatz zu nhd. traben neu gebildet oder wenigstens gewerthet sein. Aber abgesehen davon, daß auch hier eine Vermengung hochdeutscher und niederdeutscher Formen mitspielt, welche durch die von Grimm Wb. unter draf angeführte Berührung mit treffen vermehrt wird — ist denn der Begriff von „trappen" als „schweres festes Auftreten" Intension von „traben" = leichtes flüch- tiges Laufen?" ist es nicht vielmehr der Gegensatz dazu, das andere Extrem von dem gemeinschaftlichen Begriff des „Auftretens", das De- minutiv zu trappen aber (vgl. S. 90) trippjeln , welches S. 13 offenbar unrichtig als Intensiv von treiben gefasst wird? So soll sich auch (doch nur „vielleicht") happen , gierig sein und -essen , zu haben verhalten und zu letzterem auch (doch nicht etwa als Intensivum mit langem Vocal?) hapern gehören, während wir es auch hier wieder zunächst mit niederdeutschen Formen zu thun haben. Was das S. 30 noch an- geführte gäken : gacke{r)n betrifft, so ist sehr die Frage, ob nicht das letztere ebenso ursprüngliche Lautnachahmung sei, wie das erstere, ja dieses vielleicht eher von jenem aus gebildet als umgekehrt. Bei solchen Lautmalereien, welche theilweise auch in bloße Laut Spielereien über- gehen, verlieren wir übrigens festen Boden und Maßstab und müssen uns begnügen, die Volkssprache in ihrer Fähigkeit, eine Fülle sinn- licher Nuancen jener Art auszudrücken, mit aller Aufmerksamkeit zu belauschen und zu bewundern, aber diese Schöpfungslust in Regeln und Begriffe zu bannen geht nun einmal nicht an und widerstreitet dem Wesen der Volksmundarten im Unterschied von der Schriftsprache, wir können daher die betreffenden Bildungen auch nicht als besonders ÜBER DIE SOGENANNTEN VERRA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 19 gelungene Erzeugnisse neuhochdeutschen Sprachgeistes , als Blüthen und Zierden und als Zeugnisse einer besondern schöpferischen Leben- digkeit desselben gelten lassen. Bei genauerer Betrachtung stellen sie auch im günstigsten Falle eher ganze Scalen von Gradunterschieden dar als Paare von je zwei Begriffen , welche unter sich in dem ein- fachen und klaren Verhältniss eines Positivs zu seinem Intensiv stünden, wie die wenigeren, aber auch weniger sinnlichen, welche wir oben als echter und älter bezeichnet haben ; man darf daher die relative Regel- mäßigkeit der letztern nicht verwirren durch Hereinziehen der erstem unter dasselbe Gesetz, dem sie doch nicht genügen können, sondern in ihnen höchstens eine etwas verwilderte, in die Breite ausgeschlageue Fortsetzung und Nachahmung des edleren Triebes erkennen, in welche allerlei Unorganisches und Zufälliges, Schwankungen und Verirrungen der Mundarten unter einander mit eingedrungen sind. Einen dritten Einwand, den Hr. G. noch kürzer als die beiden ersten abweist , wollen auch wir nicht weiter ausführen , nämlich daß die Intensiva allerdings mit j gebildet sein könnten, aber als Deuomi- nativa (S. 32). Wir haben diese Möglichkeit bereits gelegentlich einmal berührt und es wäre gegen dieselbe, besonders wenn sie nur für einen Theil der Verba angenommen würde, an sich nichts einzuwenden. Was Hr. G. geltend macht, ist nicht entscheidend, denn wenn die No- mina, von denen die Verba abzuleiten waren, nicht alle vorliegen, son- dern zum Theil erst ergänzt werden müssten , so sehen wir uns bei der Erklärung aus Verben ebenfalls zu jenem Verfahren genöthigt; ob aber die Bedeutung der Nomina passen würde , wäre für die ein- zelnen Fälle eben zu prüfen, und gerade bei Hrn. G.'s Annahme von intensiver Bedeutung auch mancher Nomina (S. 68 — G9) wenigstens im Allgemeinen nicht von vornherein zu bezweifeln. Es entstünde aber die Frage, wie sie selber dazu gekommen seien, und hier steckt die Schwierigkeit , denn davon daß Ableitung mit -j auch bei Nominen ähnliche Assimilationen wie die bei Verben nachweisbaren mit sich brachte, haben wir nur wenige Spuren, die oben angeführten Beispiele, meist von Adjectiven, denen gerade keine Verba intensiva entspre- chen. Dennoch muss Ableitung intensiver Verba von Substantiven offen gelassen werden, wenigstens für die (freilich nur wenigen) zweiter und dritter Conjugation, welche kein j enthielten, und zwar in der oben bereits angedeuteten Weise, daß das betreffende Substantiv seine Stamm- gestalt von einem mit / gebildeten Verbum unmittelbar empfangen oder mittelbar entlehnt hatte. Indessen kann man auch ohne diesen Umweg Verba zweiter und dritter Conjugation unmittelbar von den offenbar 2* 20 LUDWIG TOBLER vorherrschenden der ersten ihre Stammgestalt entnehmen lassen; denn wenn starke Verba von starken konnten gebildet werden (vgl. Gr. 2, 70 fF.), warum nicht auch schwache von schwachen? Wir verkennen zwar nicht, daß die starken überhaupt die lebendigeren, triebkräftigeren sind, aber wenn die Thatsache, daß sie trotzdem zum Theil abgeleitete sind, jener Eigenschaft keinen Abbruch thut, so darf etwas ähnliches auch den schwachen zugetraut werden ; unter ihnen sind nicht alle gleich schwach, wie unter jenen nicht alle gleich stark: die der ersten schwachen entsprechen ungefähr den starken der VIII. — XI. Con- jugation. Leider hat uns Grimm über die Ableitungsverhältnisse der schwachen von starken Verben, oder auch von Substantiven, ohne Auf- schluß und Vorarbeit gelassen, so daß wir genöthigt sind, selber einen Weg in jenes Gebiet zu bahnen; aber so viel scheint klar: wenn Grimm Hrn. G.'s Ansicht von den Intensiven als einer ganz besondern pri- mären Bildung gehegt hätte, so hätte er sie irgendwo und irgendwie aussprechen müssen; er konnte sich aber dessen enthalten, wenn sie ihm als ein nur secundäres, specielles Product der jf- Ableitung neben andern erschienen. Daß Hr. G. jene höhere Ansicht von ihnen hegt, zeigt sich be- sonders in dem S. 38 folgenden Capitel „über Alter und Verbreitung des deutschen Intensivums" und in dem spätem „Einfluß der Intensiva auf die Wortbildung" (besonders S. 67 fi".), „Ursprung der deutschen Intensiva" (S. 73 — 6). Wir müssen also auch diese Abschnitte noch durchgehen, obwohl sich von selbst versteht, daß wir bei Bestreitimg der Grundansicht auch die Consequenzen derselben nicht anerkennen können. Hr. G. erklärt S. 38 imter andern hungern, wundern als Deside- rativa mit r gebildet, während diese Verba doch offenbar zvinächst von den entsprechenden Substantiven stammen, welche allgemein ablei- tendes r enthalten; die got. 'Form des Substantivs, huhrus, steht von huggrjan ab {-wiejukiza von jugg), auch wenn man das umgekehrte Ver- hältniss annimmt, und kann gegenüber den andern Dialecten nichts beweisen. Ferner findet Hr. G. Spuren der alten Bildvmg von intran- sitiven und passiven Verben auf -na auch im Hochdeutschen , „allei*- dings mit abgefallenem Suffix"; ahd. bleichen, heilen, blinden, haften, stummen sollen nicht bloß in der Bedeutung, sondern auch in der Form den got. hailnan, blindnan entsprechen; die Bildungen auf -e von Ad- jectiven haben aber im Ahd. von Haus aus und ohne weiteres intran- sitive und nicht so fast passive, als zugleich inchoative Bedeutung. Das Suffix im )ulid. glitzenen (ahd. -in -on) ist von dem got. -na deutlich ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSrV^A IM DEUTSCHEN. 21 verschieden, obwohl got. lekinon auch in passiver Bedeutung vorkommt und im Altn. die hieher gehörigen Verba durch Vei'hist des i mit denen auf -na zusammenfallen , so wie hinwider ahd. stwch-an-en dem got. staurknan nahe kommt; vgl. Gr. 2, 169. 173 ff. Doch diese Bildungen haben mit den Intensiven nichts zu schaffen; es handelt sich vielmehr darum , Hrn. Gr.'s Ansicht vom Alter der letzteren zu prüfen. Dem Gotischen fehlen sie und ebenso nach Hrn. G. dem Altsächsischen ; um so auffallender ist, daß er sie in dem nahe verwandten Angelsäch- sischen vorfinden will; die Ausbeute ist aber gering und zweifelhaft, besonders da Hr. G. selbst erinnert, daß dort nach kurzem Vocal der Consonant sich ohnehin gern verdopple (wie im Mhd. und Nhd., s. ob.). Für hojypjnn, saltare (dessen Ableitung von hehhan übrigens noch nicht ausgemacht ist, s. unt.) citiert er Gr. 1, 250, wo auch zu lesen steht, daß die meisten Fälle solcher Verdopplung aus ableitendem i zu er- klären seien wie im Althochdeutschen. In hnnjypjan = ahd. naffizan, mhd. nipfen, dormitare, mögen die beiden eben angeführten Gründe der Verdopplung zusammentreffen; ist sie bloß dem zweiten zuzu- schreiben, so gilt betreffend die Schreibiing des j das oben über ahd. hnikjan Bemerkte ; daß aber diesem die ags. Form hnijrjan, mit Über- gang der Gutturale in die Labiale, entsprechen soll, können wir nicht einsehen, wenn nicht andere Beispiele solchen Lautwandels in diesem Dialect aufzuweisen sind. Man „könnte" nun noch manche andere Bil- dungen als Intensivformen erklären , aber daß Hr. G. selbst (S. 40) dies nicht wirklich thut, ist bedeutsam, und aus dem beigebrachten Material kann jedenfalls nicht der Schluß gezogen werden, daß die Intensivbildimg dem Ags. mit dem Ahd. gemein und darum noch in die Zeit der Ungetrenntheit der Stämme hin aufzusetzen sei. Das Alt- sächsische soll dann mit dem Gotischen diesen urgemeinsamen Trieb aufgegeben haben , aber die niederdeutschen Beispiele , welche nach Hrn. G. bloß aus dem Hochdeutschen sollen eingedrungen oder ihm nachgebildet sein, tragen echt nd. Lautgestalt und sind vielmehr um- gekehrt ins Hochdeutsche eingedrungen. Da übrigens das Englische eine Anzahl den neuhochdeutschen ähnlicher Intensivformen aufweist (vgl. noch INIätzner, Gramm. 1, 433. 4.35), so kann und soll gar nicht behauptet werden , daß die Bildung dem Ags. gefehlt habe , wie ja überhaupt nicht das Daß, sondern das Wie ihrer Entstehung streitig ist; aber wenn Hr. G., nachdem er dieselbe als eine urgermanische er- klärt hat, aus der überwiegenden Ausbildung derselben im Hoch- deutschen (doch besonders erst im Neuhochdeutschen) schließen will, daß dieses „schon lange vor dem ersten Auftreten der Germanen sich 22 LUDWIG TOBLEE selbständig entwickelt habe", so ist das offenbar wieder zu viel, zumal da die dem Hochdeutschen zugeschriebene, größere geistige Regsam- keit doch auch wieder vom Englischen gelten soll. Daß das deutsche Intensivum auch bei der Nominalbildung gewirkt haben soll (S. 66) , ist eine von vornherein etwas auffallende Behauptung, da der Nominalbegriff, besonders der des Substantivum, principiell den specifisch verbalen einer Intension auszuschließen scheint, aussrenommen natürlich von bereits bestehenden intensiven Verben ab- geleitete Substantiva, dergleichen wir oben selber angenommen haben. Nominale Intensivbildungen sollen nach Hrn. G. im Deutschen alle die- jenigen sein, welche durch Verkürzung langvocalischer Verbalstämme entstanden sind. Hr. G. weiß sehr wohl und fügt ausdrücklich bei, daß diese Länge nicht ursprünglich ist, es sollen aber die verkürzten No- miualstämme nicht etwa Bildungen aus der kurzvocalischen indogerma- nischen Wurzelgestalt sein, sondern eine absichtliche besondere Art von Bildung aus der verlängerten deutschen Verbalwurzel (S. 67, vgl. 73). Diese Auffassung entspricht ganz der des kurzen Vocals der intensiven Verba (s. ob.) und leidet auch an demselben Mangel, denn es ist gar nicht abzusehen, warum überhaupt der Vocal des Prsesensstammes für das Verbum maßgebender sein soll als der des Prseteritums , wo die alte Kürze der Wurzel fortlebt und sich zu weiteren verbalen und nominalen Bildungen von selbst darbot. Daß die betreffenden deutschen Nominalbildungen bis in die indogermanische Urzeit hinaufreichen, ist also auch unsere Meinung nicht, so wenig als bei den int. Verben; aber wenn snit von siitdan, sloz von sliuzan Beispiele von jenen sein sollen, so muss (pvyri von cpavyca, XCna von akeCcpa eben so aufgefasst und es kann dann nicht gesagt werden, daß die urverwandten Sprachen ihre Nomina nie durch Verkürzung der Verbalstämme bilden, son- dern nur durch Verlängerung, wie üjj^ von 6k, vOx von voc, lex von leg. Hierüber kann mau sich am Ende noch verständigen (da Hr. G. selbst S. 74 von bloß scheinbarer Kürzung spricht) , aber worin soll denn das Intensive jener Nominalbildungen liegen? Sie sollen „den all- gemeinen Begriff des Verbums in eine einheitliche concreto Anschauung zusaramengefasst" enthalten, und diese Intensität des substantivischen Begriffs soll durch die intensive Formation des Wortes ausgedrückt sein (S. 68, wo der intensiven Form auch oolleotive Bedeutung zuge- schrieben wird, während diese in mhd. gewicke offenbar von dem ge- herrührt). Hr. G. macht S. 69 ff. den Versuch, diese Erklärung etwas näher auszuführen, kommt aber mit den Beispielen offenbar ins Gedränge, Die intensive Form soll gelten, wenn das Substantivum einen einma^ ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 23 ligen prägnanten Act des Verbalbegriffes bezeichnet, z. B. smuc, grif, oder für Namen von Dingen, an welchen sich jener besonders stark zeigt, z. B. stock, sluzzil, smiite, oder für Nomina agentis: gripf cere, smüj dagegen Abstracta sollen langen Vocal haben, z. B. die auf -ung. Aber „natürlich kommt man mit Regeln hier nicht ganz durch und es laufen viele willkürliche Auffassungen mit unter", wie z. B. nhd. „Griff" con- cret und abstract zugleich ist, während altn. grip und greip sich unter- scheiden, aber mit Umkehrung der Regel, und wenn Hr. G. diese wie- der hergestellt finden will, im Verhältniss von altn. heit Weide, beita Lockspeise, zu bit, Biss, so hat er übersehen, daß wenigstens heita gar nicht von bita stammt, sondern vom causativen beita, und unserm „Beize" entspricht. Sogar got. shif- 1 und drus sollen Intensivbildungen sein, obwohl intensive V e r b a dem Gotischen fehlen und auch nicht die Spur von Consonanzverstärkung in jenen Formen vorliegt ; selbst vippja kann nicht geltend gemacht werden, da es die einzige Form mit pp im Go- tischen ist und daneben vipja besteht , jenes also nur ein früher Fall doppelter Schreibung sein wird. Wie vielseitig Hr. G. seinen Begriff von Intension zu wenden weiß, sieht man aus der (S. 71, vgl. auch 96 und 188 — 189) versuchten An- wendung desselben auf die verkürzten Koseformen der Eigennamen und sogar auf die Namen einiger weiblicher Tliiere. Hier soll die ver kürzte und verschärfte Form des Namens die auf das geliebte Wesen oder das zartere Geschlecht eoncentrierte Innigkeit der Vorstellung aus- drücken , und da Intension auch beim Verbum sich nicht selten mit Deminutiou verbindet, sowie hinwieder das Kleinere auch sorgfältigere Behandlung bedarf und findet, so ist der Zusammenhang nicht unfein' ausgedacht; was übrigens das Verhältniss von gitze zu Geiß betrifft, so wird es doch lautlich kein anderes sein als das von Hitze zu heiß, und wie Hr. G. für kitze eine bloße Verhärtung des Anlauts annimmt, so könnten auch im Inlaut g und k von ahd. ziga : ziki ursprünglich nur dialectische Varianten sein, oder k aus g erzeugt durch das de- minutive {, Gr. 3, 684. Wir können aber diese Frage dahingestellt sein lassen, da auch Hr. G. sie mehr nur parenthetisch vorbringt, und wenden uns zum letzten Capitel, dem „Ursprung der deutscheu Intensiva. " Es konnte Hrn. G. nicht entgehen , daß die von ihm noch für intensive Nominalbildung angenommene kurze Gestalt von Wurzeln mit { und ti auch im Prset. Plur. und im Partie. Perf. der betreffenden Verba vorkommt, wo doch von keinerlei intensiver Bedeutung die Rede sein kann; eine solche weist er denn hier auch ausdrücklich ab, da- 24 LUDWIC4 TOBLER gegen hat ihn dieses Zusammentreffen auf die Annahme geführt, daß die i- und w-Stämme den ersten Anlass zu deutschen Intensivbildungen gegeben haben, wie denn von ihnen auch der Ablaut ausgegangen zu sein scheine, dessen kürzere (von Grimm sogenannte „zweite") Ge- stalt ja eben mit der intensiven Verkürzung des Hrn. G-. zusammen- fällt und besonders im Part. Perf. auftritt, wo der Verbalbegriff in sei- ner abgeschlossensten stärksten Concentration erscheint. Mit dieser Anschauung bringt Hr. G. in wirklich scharfsinniger Weise die That- sache in Verbindung, daß die germanische Intensivbildung im Unter- schied von der indischen und griechischen, welche reduplicativen Cha- rakter tragen, gerade" von reduplicierenden Verben nicht stattfindet, daß hinwieder die i- und tt-Stämme, von welchen am meisten Intensiva im Deutschen gebildet werden, die Reduplication schon früh aufge- geben haben, und daß gerade der ahd. und ags. Dialect, welche am meisten Intensiva bilden, die Reduplication, auch wo sie noch geblieben war, durch Zusamraenziehung verwischt haben. Gegen diesen Zusam- menhang ist nur einzuwenden, daß die i- und ?t-Stärame (wie übrigens auch die a-Stämme mit folgenden leichten Consonanten) schon im G o- ti sehen ebenfalls die Reduplication nicht mehr zeigen, aber darum doch dort keine Intensiva erzeugt haben. Überdies führt Hr. G. selber als zweiten Grund , der die Inteusivbildung beförderte oder hinderte, eben die leichtere oder schwerere Gestalt der Wurzeln selbst an, indem nur die erstere noch eine consonantische Verstärkung zuliess. Daß von Wurzeln mit Liquidse im Auslaut ebenfalls keine Intensiva gebildet werden, hängt allerdings damit zusammen, indem bloße Verdopp- lung jener Laute weniger deutlich empfunden wird als die von Mutge und durch Assimilation von ;' keine andere Art von Verstärkung aus ihnen entstehen konnte. Wir können also diese letzte Ansicht des Hrn. G, zugeben und thun es gerne, um wenigstens am Schluße noch in einem Puncte mit ihm uns einig zu finden; die Intensiva von t- und it-Stäm- men sind in der That nicht bloß die zahlreichsten, sondern auch deutlichsten, und mögen darum wohl die ältesten sein; die Ansicht vom Ursprung der Bildung selbst wird freilich davon nicht berührt. Es bleibt noch übrig, unsere allgemeine Ansicht von den Inten- sivbildungen an einer Reihe einzelner Fälle, soweit es nicht gelegent- lich bereits geschehen ist, darzustellen, zunächst an den von Hrn. G. angenommenen, so weit wir seine Aufstellungen, auch abgesehen von der Gesaramtansicht über die Bildungsweise, nicht gutheißen können, sodann an einigen neuen Beispielen sowohl voji wirklichen als auch von bloß scheinbaren Intensiven, ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 25 schupfen, nd. schippen , stossen , ' und mundartlich (sich) schobben, schihhern, (sich) reiben, erklärt Hr. G. als Intensiva von schieben^ was aber nur von den letztgenannten Formen gelten kann, so wie von ahd. scoppen in giscoppot, onustus, Schweiz, sclioppen, stopfen; für die erst- genannten ist ein ahd. sciofan, alts. sciopan anzunehmen, die von Hrn. G-. angeführte Neigung des got. h und p zu Übergang in / gehört gar nicht hieher, wohl aber die oben von uns citierten Erklärungen Grimms über ahd. pph aus phj. klopfen von mhd. Hieben, spalten, abzuleiten, ist schon der Be- deutung wegen bedenklich, dazu kommt dieselbe lautliche Unmöglich- keit wie beim vorigen. Das von Hildebrand und auch von Weigand. angenommene ahd. clephan ist viel weniger „grundlos'' als viele An- nahmen des Hrn. G. ; es ist bezeugt durch ahd. chlaph und ebenso ver- hält sich ahd, chlocchon zu einem starken chlehhan , wovon mhd. klecken, klac. zupfen leitet Hr. G. von einem mhd. zieioen, das als mitteldeutsche Nebenform von ziehen erscheint und von dem auch mhd. zoutoen, md. zoiven, von Statten gehen, eilen, herstammt. Das von Hrn. G. beige- brachte ziepen ist richtige nd. Form eines hd. ziefen, dem wieder ein md. schwaches zofen, ziehen, zur Seite steht, aber zu Grunde liegt ein starkes ahd. ziofan, von dem auch zopf, Schweiz, zupfe (vgl. Locke von liechen, ziehen, ob.). hüpfen, mhd. auch huppen, hoppen kann nicht von heben abgeleitet werden, schon wegen des Vocals, denn das letztere zeigt erst im Nhd. ein ti (aus uo) und ein o (aus a) im Prseteritum; überhaupt scheinen die Verba der VH. Conjugation, mit beibehaltenem a im Praesens und Particip, den redupliciereuden näher stehend, keiner Intensivbildung fällig. Für hüpfen ist vielmehr ein ahd. hüfan {wie lühhan) oder hiofan anzunehmen, dessen Bedeutung allerdings „erheben" gewesen sein muss, denn es sind davon auch abzuleiten die Substantiva ahd. hiufila, f. hüfeli, n. Wange, weibliche Brust, mhd. hilf, hüffel, Hüfte (Namen her- vorstehender Körpertheile), hCfo, Haufe (Erhebung). Die Formen mit pp sind entweder aus dem Nd. eingedrungen, vgl. ags. hoppian, oder sie führen auf ein got. hiuhan, wie Haupt und Haube. ducken könnte der Bedeutung und dem Anlaute nach unmittelbar von ahd. dühan, mhd. diuhen, drücken, stammen; da aber diese schwach flectiert werden und mhd. tilcken geschrieben wird, so wie andererseits ahd. ingidüht, immersus, so ist allerdings, wie auch Hr. G. meint, Ver- mischung mit ahd. tühhan, tauchen, anzunehmen; vgl. Schweiz, tüch, gedrückt (in Stimmung und Haltung) ; Grimm Wb. deuhen, kleine Schrift. 26 LUDWIG TOBLER 2, 409. 410. Ags. ist thyan, stossen, alts. hethüwjan, deprimere (Heyne, klein. Denkm.). knüpfen kann nicht von got. hniupan kommen, da ein solches h im Anlaut sich nicht zu k verdichten kann, sondern schwindet, und da auch die Bedeutung „nectere" aus dis-hnmpan = dia-QQrjffösiv kei- neswegs wahrscheinlich erschlossen ist; es ist also ein got. kniupan an- zunehmen, davon ahd. chnuphjan. Daß rupfen nicht von raufen, sondern von einem starken riufan abzuleiten sei (zu dem roufen, got. raupjan der Form nach ursprünglich Causativum gewesen sein muss), vermuthet Hr. G. selbst, S. 20. Mhd. nücken soll regelrechtes Intensivum von ahd. hnüan (filr hnugan) sein und dieses von derselben Wurzel wie hmgan. Verwandt- schaft zwischen diesen beiden ist nicht unmöglich, aber die Bedeutung von nüan ist nicht „schlagen" nach der Seite oder nach unten, sondern „zerstossen, zerreiben" und davon lässt sich die Bedeutung „nicken" (welche übrigens auch im Schweiz, nuck , Schläfchen , fortlebt) nicht ableiten. Eher ist nücken auf die Wurzelgestalt hniv (vgl. got. hneivan = ahd. hmgan, lat. niveo) zurückzuführen, aus welcher hniu (vgl. gr. vevco), dann hniuio und mit Übergang von lo in g wie bei spucken aus spiicen, spiuwen (vgl. auch lat. nixi und nix, nivis) im Prset. Plur. hnug (für hnuio) entstehen konnte. So mag auch amhd. hlüg, schüch- tern, niedergeschlagen, zu hlhiwen gehören; aber vielleicht auch verblüffen, wie kiffen zu kiuioen. Von nicken soll aber eine bloße Nebenform auch nippen sein und dazu die bereits oben angefilhrten ags. hnipian und hnappian, ahd. hna- ßzan, dormitare, gehören, was d,er Bedeutung nach wohl passen würde. Aber nippen in der Bedeutung „fein trinken" (welche doch aus der von leichter Senkung des Kopfes überhaupt entstanden sein könnte) ist nach Weigand nd. Form = mnhd. nipfen (auch nüpfen, wie nücken neben nicken), was auf ein ahd. nifan führt; dieses könnte aber auf keinen Fall bloße Nebenform von hiigan sein, sondern es entsprächen ihm die von Grimm (Haupt Zeitschr. 7, 456) angeführten alts. hnipan, inclinari, altn. kmpa, incurvare, -clinare, hnipna, trauern, welche von goi. ganippan, 6Tvyvdt,siv. ags. genipan, obscurari (alts. genip, caligo), genäpan, obrepere, supervenire (überfallen) des Anlauts wegen wohl zu trennen sein werden. Dem nd. nippen entspricht auch ein oberdeut- sches niffen, stoßen, Schweiz. verniffe{n) (starkes Part. Perf) abgestossen,. vergriffen, unansehnlich; auch Schweiz. g-nepfe{ii), schaukeln, könnte hieher gehören, von welchem g-nappe{n), wackeln, in Form und Bedeu- tung ungefähr ebenso absteht wie hoppe(n), auf einem Beine springen, ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 27 von üher-hüpfe{n) , springend übergehen; vgl. tiifppig und topf, schwül. Auffallend ist auch daß Schweiz, mggele(n) nicht bloß Deminutiv von nicken ist, sondern auch, wie niffe{n), bedeutet „hart mitnehmen". Daß zu {h)nicken auch knicken gehöre, ist ebenso unwahrschein- lich wie knüpfen : got. hniupan, man müsste denn annehmen, das k sei nicht eine Verdickung des alten Wurzelanlautes h, sondern es stecke darin das Praifix ge- in der streng ahd. Gestalt, wie Hr. G. S. 28 kritzen aus ga-rizjan erklärt; knicken wird sich eher zu knacken ver- halten wie kritzen : kratzen (s. noch unt.) Für glotzen durfte Hr. G. gar wohl ein verlorenes gliozan verniu- then, so Avie für strotzen ein striozan, das dui'ch strüz gefordert und be- zeugt wird ; auch wird S. 20 mit Recht auf nahen Zusammenhang imd theilweisen Übergang zwischen Verben der VIII. und IX. Classe hin- gewiesen, so ^SiÜ gliozan va. glizan könnte aufgegangen sein, wie^spritzen. für sprützen aus spriozan (nicht spruan) und spreizen für spreuzen (alth. spriuz{j)an) eingetreten ist. Wir finden aber noch eine Spur des gliozan im Schweiz, Substantiv und Verbum glUße, Funke, funkeln, während die daneben l)estehende Form des Substantivs gloitße entstanden sein, kann durch diphthongische Ersetzung der nasalen* Form ghinze, De- min. glünzli, Fünklein, von glinzan, glänz, vgl. glumse, ebenfalls „Funke'^ bedeutend, Stalder Id. 1, 456 — 7. riffeln kann nicht zu reiben gehören, da auch die Bedeutung nicht diese ist, sondei'n „streifend durchziehen" ; vielmehr muss es zu mhd. reffen und refsen (von einem starken ahd. refan) gezogen werden, welche meist die bildliche Bedeutung von „durchhecheln" tragen; dazu auch Rüffel, Verweis, für Eiffel. kiffen wird allerdings mit kiiuoen zusammenhangen, wie verblüffen zu blimcen (nur daß hier der Wurzelvocal blieb), aber nicht unmittelbar,, sondern zunächst durch Reduction des letztern auf kticen (der umge- kehrte Fall von spticen : spimoen s. ob.), wo dann lo nach kurzem Vocal des Prset. Plur. und \äelleicht durch eine nochmalige Mittelstufe v, in/ übergehen konnte ; denn kiffe und keve sind nd. Formen = ahd. ckiwa, cheioa, cliieva, Kiefer (s. Weigaud unter diesem Worte). Nahe verwandt ist auch ahd. cheva, Schote (von der mundähnlichen Gestalt), Schweiz. chäfe und chifel ; chiße(n) heißt auch »zanken", und grenzt nahe an chibe{n), mhd. kiben, nhd. keifen, aus nd. kifen, von welchem vielleicht das mhd, kiffen unmittelbar abzuleiten ist. Jochen mag der Bedeutung nach als Intensiv zu jagen gelten, aber die Form ist unklar und der liegel des Hrn. G. entspräche eher das nd. jackern. Dieses erinnert aber auch au jach = jäh, ahd. gähi, und 28 LUDWI6 TOBLER dazu stimmt, daß das mhd. Jochen in den Handschriften der betreffenden Stelle des (unechten) Neithart wechselt mit gähen und jauchen. Letzteres könnte mit au für ä (vgl. Weinhold, alem. Gramm. S. 52) eine bloße Nebenform des erstem sein, erinnert jedoch auch an das Schweiz. ?aw- ken, welches als Intensiv von jagen ganz ähnlich wie jochen und jackeim gebraucht wird, aber in seiner Form durch das ebenso seltsame hräu- ken, Intensiv zu brennen oder brauen, nicht erklärt wird. Daß schnijppeln nicht von schneiden kommen kann, wurde bereits bemerkt, viel näher liegt ja auch schnippen, schnappen, welche ebenftiUs von Schneidgeräthen gebraucht werden. Zu schnappen verhält sich schnippen als Deminutiv wie tinppel{n) zu trappen (nicht zu treiben). /Schnappen selbst wurde oben als Beispiel von p(p) für b angeführt, aber es scheint sich mit einem nd. snappen vermengt zu haben, dessen p hochdeutsche Formen mit / entsprechen. Zu diesen gehört das Schweiz, schnäfle, schnitzeln (aber ohne Geschick und Zweck), schnifel, Schnitzel, und das reflexive (Intensiv) sich verschiäpfe = sich im Reden verschnappen, ein Geheimniss unvorsichtig ausschwatzen. Aus der alten Sprache gehört hieher ahd. snephezan, singultire, mundartl. schnipzen, schluchzen, einen kurzen Laut ausstossen, wovon wahrscheinlich auch die /Schnepfe benannt ist. Die Grundbedeutung ist die einer schnellen- den Bewegung, mit dem Munde zum Fassen, Schwatzen oder Schluchzen, mit der Hand zum Schneiden, mit den Füßen zum Straucheln, mhd. snaben, mundartl. schnappen = hinken. wackeln wird eher von loagen, wegen als von wanken abzuleiten sein, weil Ausstoßung des n sonst nur bei starken Verben vorkommt. recken ist auf keinen Fall, weder in der Form noch in der Be- deutung, Intensiv zu ahd. reichjan, aber auch zu got. rikan, mhd. rechen, zusammenhäufen, ist es der Bedeutung nach nicht Intensivum, ebenso wenig aber Causativum , obwohl es dies der Form nach sein könnte, da diese für Causativa und andere Ableitungen mit j , sowohl vom Verbalstamm (Intensiva) als von Nominalstämmen, bei den Wurzeln mit geschwächtem a dieselbe ist. Ebenso ist nicht ganz klar und sicher, ob stecken als Intensivum von stechen aufzufassen sei ; der Bedeutung nach ist es heute eher Causativum von stecken, das freilich selber schon abgeleitet ist, ahd. stecchen. /Sticken ist abgeleitet von stich ; daneben aber besteht ahd. sticchen, vollstopfen, unser ersticken, wofür mit tran- sitiver Bedeutung in der Schweiz auch er-stecken vorkommt , ebenso bairisch und schon mhd., nicht nothweudig von erstechen. schöpfen soll in beiden Bedeutungen dasselbe Wort und Intensiv zu schaffen sein, und zwar soll sich die Bedeutung „haurire" aus „creare" ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 29 entwickelt haben im Sinne von: Herbeischaffen des Nothwendigsten zum Lebensunterhalt, des Wassers. Allerdings findet sich mhd. schuof in solcher Bedeutung und schon ahd. scafan zwei Mal =: „schöpfen", s. die Stellen bei Weigand, welcher aber diese Bedeutung als die ursprüngliche des starken Verbums ansieht. Die concretere ist sie frei- lich, aber sie findet sich in den andern alten Dialecten nicht (alts. heißt haurire skeppian) und ein unmittelbarer Übergang von ihr zu der andern ist ebenso schwer wie der umgekehrte. Eine Vermischung beider Formen und Bedeutungen muss aber schon früh eingetreten sein, und wurde ja dadui-ch begünstigt , daß das got. skapjan gemischte Conju- gation zeigte. Nehmen wir nun noch /Schiß hinzu, welches ursprünglich „Gefäß" überhaupt bedeutet, wie noch in der Formel „Schiff und Ge- schirr" und wie ahd. scaf, wenn auch dieses erst aus lat. scaphium entlehnt ist (vgl. übrigens lat. vas auch = Schiff und davon franz. vaisseau), so lässt sich ein Wurzelverbum erschließen mit der Bedeu- tung „aushöhlen", welche sowohl auf das Graben von Cisternen als auf die Verfertigung von Geräthen durch Sculpturarbeit angewandt werden und die beiden fraglichen Bedeutungen zugleich ergeben konnte, wie auch die entsprechenden Bedürfnisse beide für die Anfänge der Cultur gleich dringend waren. Das griech. öxccjiza (exaq.-) und das lat. scabo bezeichnen ungefähr die beiden Richtungen jener ältesten „schöpferischen" Thätigkeit des Menschen; mit der Verschiebung der Laute scheinen aber zugleich die Bedeutungen sich gekreuzt zu haben. läppen kann weder lautlich noch begrifflich als Intensiv zu laßan gelten, aber auch das alamannische lüpfen nicht, ebensowenig wie hüpfen zu heben. Der Bedeutung nach liesse sich lüpfen wohl auf W. lab, laß „nehmen" zurückführen, da hafjan „heben" zu lat. capio sich ebenso verhält; aber für die Form haben wir ein got. liupan an- auzunehmen, von dem altu. loptr, Luft, stammen wird; davon lüßen (nd. lichten), erheben. loipfen gehört der Bedeutung nach eher zvnveben (hin und her sich bewegen) als zu mhd. icifen, welches „winden" bedeutet; Hr. G. findet das Verhältniss gerade umgekehrt. Der Form wegen müssen wir aber wipfen doch mit loifen zusammenbringen und die Bedeutung macht kein absolutes Hinderniss, da auch in „winden" der Begriff einer Bewegung hin und her liegt. Sonst könnte man am Ende an- nehmen, wipfen sei eine hochd. Nachbildung des als nd. aufgefassten ivippen von weben. tützen, ahd. duzzan, nhd. ver-dutzen, braucht nicht als Intensiv mit causativer Bedeutung aufgefasst zu werden, wenn wir ein starkes tiozan "30 LUDWIG TOBLET? ZU Grunde legen, dessen Bedeutung transitiv war, während dem schwa- chen tüzen, totzen intransitive zukam. Ein Causativum, welches tözjan lauten müsste (nach der Regel, die im mhd. schützen = in fallende Be- wegung bringen, nicht verletzt zu sein braucht, da dieses Verbum von scuz, statt direct von schiezen, abgeleitet sein kann), kommt nicht vor, dagegen mhd. tnizen, mit der geschwächten Steigerung des Praesens gebildet, und tiltzen, mit dem kurzen Wurzelvocal des Prset. Plur., beide mit j gebildet, das letztere intensiv; vgl. hnizen, aufrufen (refl. sich er- kühnen) und daneben das gleichbedeutende von Hrn. G. S. 68 angefühi-te hützen (welche schwerlich von der Interjection hiic! unmittelbar gebildet sind, da das Adjectiv hiiize, munter, frech, dieser Erklärung widerstellt) und die oben angeführten sprützen und spreuzen. Die Wortfamilie der Wurzel tuz- wird vermehrt und auch etwas verwirrt durch Übergang des z, ß in sck und auch in s; Schweiz, tüßle, leise gehen neben tusel, töseli, leichter Rausch usw., s. Grimm Wb. unt. dus^ dusel, dusen, däsig, dös; Zeitschr. f. deutsch. Mundart. 3, 228. Übrigens erklärte Grimm in der Abhandl. über Diphthonge das ahd. tuzan von tutto, Mutterbrust, also „stillen" im Sinne von „säugen". ficken mag als Intensiv von fegen gelten, aber nicht dieses als Causativ zu got. faxjr ; sonst ist hier nur noch zu erwähnen , daß in der Schweiz neben ßgge(n) , reiben, ein ßcche(n) , „heimlich und rasch entwenden" besteht, welches auf die Vorstellung „wischen" (vgl. er- wischen) zurückgehen wird, oder auf Ficke, Tasche? Als Nachtrag und Schluß führen wir einige Bildungen an, welche Hr. G. nicht behandelt, aber ohne Zweifel seinen Intensiven beizählen wird. In knittern ist zwar die Tennis wurzelhaft, nicht erst intensive Verstärkung, aber die Verdopplung derselben, wenn man sie nicht als bloße Schriftbezeichnung der Küi'ze des vorangehenden Vocals auf- fassen will, und diese letztere selbst, müssen nach Hrn. G. wohl als Intensivbildung erklärt werden. Da sich in der Bedeutung „knistern, prasseln" auch gnetern geschrieben findet, so nimmt Weigand als Stamm- wort das mhd. gmten, reiben. Aber nahe verwandt mit diesem und in der Bedeutung (zerdrücken) dem kmtterm ebenso nahe ist kneten, von welchem dann die geschwächte Gestalt des Wurzelvocals, i, zu neh- men wäre, wie in schicken, ficken, xoijppen {wickeln und wiegeln, zu loegen f). Eine unzweifelhafte Intensivbildung ist das Schweiz, spacken, un- ruhig und gierig spähen, aber nicht von diesem abgeleitet (welches auch in der Mundart nicht lebt), sondern von einem starken spehan, das auch dem ahd. spehon, spähi, mhd. spoehe, zu Grunde liegen muss^ also aus ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 31 spah-j-an, dessen assimiliertes hh in Aussprache und Schrift ch und ck wurde, wie bei zucken von ziehen u. a., nach den oben nachgeuieseneu Lautverhältnissen. So könnte auch zioacken aus zioahen gebildet sein, denn letzteres bedeutet nicht bloß „waschen", sondern wird bildlich auch = züchtigen (durch Schläge) gebraucht, so z. B. in den Schlacht- liedern des 15. 16. Jhd. Den Mangel des Umlautes haben wir schon oben als nicht wesentlich erklärt. hocken, hucken kann als Intensivum zu altn. hoka^ hüka, hangen, kauern, hokinn, niedergebogen, krumm, erklärt werden, wird aber nicht als solches gefühlt, und wir fuhren es hier nur an, weil ein Stamm- verbum sich vermuthen lässt und dabei ein Lautübergang mitspielt, den wir an mehrern Fällen von Intensivbildung vorgefunden haben. Aufhucken bedeutet „auf dem Rücken sitzen" und es findet sich auch geradezu Hucke = Rücken. Da tritt nun Höcker hinzu, welches mhd. und noch Schweiz, hoger lautet, ahd. aber hovar, lith. kupra. Diese Formen werden aller Wahrscheinlichkeit nach zusammengehören, nur muss zwischen kupra und hovar ein hofar, zwischen hovar und hoger ein hower angenommen werden (denn von/ zu ^ unmittelbar führt kein Weg); dann aber erhalten wir die Reihe iv, g, ck, wie bei spucken, nicken. Lassen wir aber kupra und hovar bei Seite und nehmen ein M'urzelhaftes ^ an, so werden wir auch Hügel nicht aus Hüwel , Hühel (zu Haube, Haupt usw. s. hüpfen ob.) erklären, sondern mit amlid. houc, altn. haugr von einem got. hiugan, sich erheben (vgl. xavx-äed^aL? bild- lich), von welchem vielleicht auch ahd. hugu, Geist, herstammt und kuck{j)an regelrechtes Intensiv wäre. hecken, brüten, durch Brut sich fortpflanzen (verschieden von dem Germ. 8, 301 — 2 erklärten hecken, stechen, beissen), scheint zusammen- zuhängen mit hegen, im Sinne von: pflegen, nähren. Dieses ist zwar zunächst abgeleitet von Hag, welchem aber ein starkes ahd. hagan zu Grunde liegt, erhalten in kihagin, gepflegt; hegga, Hecke, ist die dazu dienende Umfriedigung (mhd. hegge bei Neith. XXI, 11, Brut?); und auch das alte hagan, Dorngebüsch, Hain, kann auf diesen Begriff zurück- geführt werden, der bildlich auch in behagen fortlebt. Die Grundbedeu- tung der ganzen Wortfamilie möchte aber die des lebendigen Wachs- thums, der Fortpflanzung, gewesen sein, wie sie ja auch am „grünen Hag" (franz. haie vive) alljährlich erscheint; dazu stimmen dann aus dem animalischen Leben das mhd. und noch Schweiz, hage, Zuchtstier, und das ahd. hegadruosi, Zeugungsglied, welche wieder mit hecken (aus hag-j-an) sich zusammenschließen. schmettern wird von Hrn. G. S. 77 geradezu als Intensivum von '32 . LUDWIG TOBLER schmeißen aufgefasst, wobei doch wenigstens niederdeutsche Consonanz (Grundform smiten) angenommen und eine Erklärung des e statt i ver- sucht werden sollte; denn sonst findet sich mittel- und niederdeutsch öfter umgekehrt i statt e (s. das folgende). Im Übrigen käme das Ver- hältniss schmeißen \ schmettern äußerlich am nächsten dem von schleifen : schleppen, aber letzteres haben wir bereits oben nicht als Intensivum, sondern einfach als niederd. Form des erstem mit unorthographischer Doppelconsonanz erkannt, und umgekehrt ist schmettern nach Weigaud nicht von nd. smiten abzuleiten, sondern eine hochd. Form, früher auch schmittem geschrieben, mit tt aus //, von unbekannter Wurzel, vielleicht von schmieden, d. h. von einem altern starken smlden, mit fortgescho- bener Consonanz wie in Scheit, /Scheitel neben scheiden, gescheid, und Schnitt, schnitzen von schneiden (s. ob.). kritzen ist nach Weigand mit mitteld. i statt e, = mhd. Schweiz. kretzen aus ahd. chraz-j-an neben rhrazzon, und mit kratzen haben wir es auch bereits oben zusammengestellt, gegenüber der Erklärung des Hrn. G. aus ge-ritzen. Doch anerkennen wir auch an dieser etwas Richtiges: es könnte nämlich kritzen zu dem sonst einsamen kreiß von einem starken krtzen gehören und dann in die Analogie von reißen : ritzen u. s. w. fallen. Die ursprüngliche Bedeutung von kreis(z) wird wohl nicht die heutige exact geometrische gewesen sein, sondern „Umriß, Figur" über- haupt, aber vom „Eingraben^' von dergleichen gieng die Benennung aus und das mochte die Bedeutung jenes krizan gewesen sein, welche sich dann verengte und verfeinerte , wie reissen im Englischen (write) ^= schreiben geworden ist; vgl. auch noch: Reißblei, Abriß, Aufriß, vom Zeichnen. Verwandtschaft mit kratzen bleibt auch so bestehen, wie über- haupt zwischen Classe VIII und X durch das Ablautverhältniss zwi- schen a und i. In diese Reihe gehört auch das Wort Flitzbogen, wenn Weigand den ersten Theil desselben richtig erklärt aus lA.ßits, Pfeil, mhd. vliz, Streitbogen, von flizan, streiten. Das Grimm'sche Wb. weiss von dieser Ableitung nichts und hält sich mehr an die Nebenform ^«Vscä, welche als Schallnachahmung des Fliegens und Schwirrens aufgefasst werden könnte. Die romanischen Formen franz. fleche, it. freccia (s. Diez Wb. 1, 191) werden bald aus den deutschen erklärt, bald diese aus jenen. Auflfallend bleibt, warum gerade der Bogen und Pfeil als vorzugs- weise Waffe benannt sein sollten, was sie doch bei den Deutschen nicht waren. Ist trotzdem die erste Erklärung haltbar, so ist sie zugleich ein neuer Beweis, daß allerdings die sogen. Intensivformen auch in die Nominal bildung eingreifen, aber gar nicht mit merklich intensiver ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA DI DEUTSCHEN. 33 Bedeutung, welche sich auch in dem oben sclion angeführten Hiize (: heiß, vgl. schwitzen : Schweiß) und in spitz (von einem sphan, woher auch /Spieß für spiz') nicht nachweisen lässt : allenthalben haben wir einfach die kurzen wurzelhaften Ablaute, hinter welchen der Consonant, meist durch ableitendes -i mitafficiert, Verschärfung erfährt. — Gele- gentlich sei hier beigefügt, daß das Schweiz, splße, Splitter (besonders ein ins Fleisch gedrungener, für sprlße steht, mhd. spi^zel, ahd. sprizalon, schnitzen, und daß das Wort Splitter selbst nach Weigand nicht etwa zu spitzen gehört, als Intensiv von der nd. Form spUten (vgl. sihmet- tem, ob.), sondern als Umstellung von mhd. spilter zu spalten oder vielmehr zu einem altern spiltan, vgl. got. spilda, Taf<3l, alts. ags. spil- da% verderben, auch spillwi, in muspilli usw. Wir schließen diese Reihe mit einem schweizerischen Worte, das intensive Form und Bedeutung zu zeigen scheint, ohne daß M'ir es doch regelrecht und sicher einem Stammverbum zuweisen können. schletzen bedeutet 1, „die Thüre zuschlagen'^, und wird in dieser Bedeutung volksetymologisch wohl als Intensivum zu schließen aufge- fasst, was es doch der Form nach nicht sein kann; 2. groß thun mit Aufwand , Verschwendung. Dieser Bedeutung nach könnte es auf schleißen (etwa als eine Nebenform von schlitzen) bezogen werden, da auch ahd. spildan (vgl. das vorhin zu Splitter Bemerkte) „verschwenden" bedeutet und lat. lacerare aus dem Begriff des Zerreissens ebenfalls in jene Anwendung übergeht; aber die Form steht auch hier entgegen. Nun kann noch zwischen den beiden Bedeutungen das Gemeinsame geltend gemacht werden, daß das geräuschvolle gewaltsame Zuschlagen der Thüre oft Äußerung eines hochfahrenden großthuendeu Wesens und Benehmens in Gesellschaft ist, wie andererseits Verschwendune- : aber das hilft uns nicht auf einheitlichen Ursprung der Wortform, und es bleibt nichts als die ebenfalls unbefriedigende Annahme einer schall- nachahmenden Bezeichnung von „groß thun, Lärm und Aufsehen machen". Betreffend Lautverhältnisse sei hier noch die Bemerkung erlaubt, daß die schweizerischen Mundarten im Auslaut einiger Wörter noch z neben oder statt ß zeigen, im erstem Falle zum Theil mit ver- schiedener Bedeutung. Man hört z. B. schütz (ictus, impetus, nicht tu- tela) öfter als schuß, und hitz (Bissen) neben hiß, morsus, ritz (:= Ritze) neben riß, auch einige, die der Schriftsprache ganz fehlen, wie sprutz (spritzender Strahl einer Flüssigkeit) von sprießen (s. ob.), wie umgekehrt rinnan (schon im Gotischen und so auch noch Schweiz.) zugleich vom Ausschlagen der Pflanzen gebraucht wird. Im Ahd. und auch in den meisten mhd. Handschriften, besteht bekanntlich keine GKRMANIA. Neue Reilie IV. (XVI.) Jahrg. 3 34 LUDWin TOBLER schriftliche Unterscheidung der beiden Laute ; die mündliche muss freilich schon damals bestanden haben , aber schwerlich ganz ohne Schwankungen, von denen nun eben Reste in den Mundarten begegnen mögen; denn man hört in der Schweiz auch noch, freilich nur in ab- gelegenen Gegenden (wo etwa auch noch icas für tvar vorkommt) daz und diz und hinwieder nach langem Vocal /02 für Floß. Nur versuchsweise nennen wir noch einige Wörter, wo intensive Form eingetreten zu sein scheint als Ersatz für ein ausgestossenes n; ob dieses ursprünglich der Wurzel angehörte oder selbst erst als Er- weiterung in dieselbe hineingekommen war, ist eine Frage, die nur im Zusammenhang einer einlässlichen besondern Untersuchung über ger- manische Wurzelbildung erledigt werden kann. Die Fälle, die wir hier im Auge haben , schließen sich an die oben angeführten schlingen — schlucken, dringen — drücken an, d. h. aus ng (resp. 7id) wird ck. Aus schlingen bildet die Schweiz. Mundart neben schhicken auch noch ein Substantiv Schlick = Schlinge, Verschlingung, z. B. an einem Bindüiden oder Bande; schlecken gehöi't zu lecken. Wenn Glück zu gelingen gehört, woran man der Bedeutung wegen fast nicht zweifeln kann , so stammt von dem einfachen alten lingen, von Statten gehen, wohl das Schweiz, erlicken, einen Vortheil, Kunst- griff durch geschickten Versuch erhaschen. In der Chronik von Ju- stinger (ed. Studer 1870) findet sich U7ilik Mißgeschick = mhd. ungelinge. Unsere Mundart kennt ferner ein Substantiv Schicick, schnelle Bewegung, Augenblick, welches von schicingen gebildet sein kann wie Schlich von schlingen , und schwerlich das mhd. sicich von sictchen ist. Während nun die bisher genannten Bildungen den Vocal des Praesens zeigen, könnte Avieder mit dem des Prset. Plur. und Part. Perf. gebildet sein rücken, Ruck von ringen^ wofür abermals unsere Mundart ein Mittelglied bietet, nämlich das Subst. Rung , welches, fast schon = Ruck, eine einmalige kurze drehende Bewegung, den Ansatz oder Absatz einer solchen , bezeichnet und dann als Zeitmaß ^= Mal gebraucht wird. Ob nun auch das Verhältniss von streng, Strang zu strecken, strack hieher gehöre, mag zweifelhaft bleiben, ebenso das von sprengen (be- spritzen) zu mhd. spreckel, Flecken, auch sprinkel, spreckeloht, fleckig, gesprenkelt (vgl. mhd. sprenzen, spritzen, bunt aufputzen, sprinze, Falke (vom Gefieder?) sprüzval, fahl gefleckt). Vielleicht handelt es sich hier nur um eine Steigerung von g z\i k, auch abgesehen von ^^, wie in schwingen : schwanken, wo übrigens auch der ursprüngliche Anlaut zwei- felhaft ist, denn schwanken verhält sich wieder zu u-anken wie schwingen ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA Ul DEUTSCHEN. 35 zum englischen wlng ^ Flügel. Diese Verhältnisse liegen über unsere gegenwärtige Frage hinaus. Dagegen kann noch icickeln liieher gezogen werden, welches ge- wöhnlich als eine Art Intensivum zu loegen erklärt wird, und allerdings ein „hin und her bewegen" enthält, aber der Bedeutung nach näher an loinden rührt und auch der Form nach auf dieses kann zurückge- führt werden, wenn es erlaubt ist, hier einen Wechsel zwischen nd : ng anzunehmen, wie er in slinden — slingen vorliegt ; von der Form icingen aus würde sich dann wickeln gebildet haben wie Schlick (und schlick- er-en, Gerland S. 36) von schlingen. Wicke, Docht, ist Gewundenes; au Zu- sammenhang mit ahd. loichon, tanzen, gaukeln (sich im Kreise bewegen) ist kaum zu denken. Endlich können wir nicht umhin, einer Schwierigkeit zu erwähnen^ welche sich beim Durchgehen der abgehandelten Verba mehrfach gel- tend macht und unsere Zweifel, ob wir wirklich durchgehend Intensivbil- dungen anzunehmen haben, noch von einer neuen Seite vermehrt. Die Schwierigkeit rührt her von der tiefen und weiten Verbreitung, welche der Ablaut a, i, u in der deutschen Sprache gewonnen hat. Hr. G. hat auch diese Erscheinung in seiner Schrift nicht übersehen, aber er hat sie in anderm Zusammenhang (S. 89 ff.) behandelt, als den wir nun im Auge haben. In Folge jener Verbreitung des Ablauts tritt uns, besonders bei Bildungen mit u und folgenden Lippenlauten, die Frage entgegen, ob wir hier wii'klich Wurzeln mit ursprünglichem u anzunehmen haben (Classe IX) ^ oder ob die u sich nur als Schwächung von a neben i entwickelt haben, in Classe XI. XII, zum Theil vielleicht bloß nach Analogie von diesen; im erstem Fall hätten sich dann, da die Drei- heit der Laute überall vorschwebte, von u aus rückwärts Formen mit a imd i entwickelt, im andern wäre die Bildung vorwärts erfolgt, hätte aber, aus dem angegebenen Grunde, ti auch in Fällen hervor- getrieben, Avo starke Verba dieser Form sonst weder vorliegen noch anzunehmen sind. Jedenfalls sind auf diesem oder jenem Wege Ave- nigstens scheinbare Übergänge zwischen Classe VIII und IX einer- seits und X — XII andererseits geschaffen worden, durch welche die näher liegenden, häufigeren und unbestreitbaren zwischen VIII und IX, X und XI, zwischen X - XI und VI. XII vermehrt werden (vgl. Grimm, Gramm. 1, 1035—6. Gesch. d. Spr., Ablaut, Dietrich, Haupt Zeitschr. V). Die Frage der Intensivbildung hängt damit von Seite der Conso- nanten zusammen; denn Avährend wir bei der Annahme von wurzel- haftem ?f ein folgendes pf aus / -\- j erklären können , also mit An- 3* 36 LUDWIG TOBLER, DIE VERBA INTENSIVA. nähme schwacher Bildung, sind bei der andern Annahme die be- treffenden Verba zwar ebenfalls schwache, aber nicht entstanden aus dem Princip der schwachen Verbalbildung, sondern unmittelbar durch Ausdehnung des Princips der starken , und die Doppelconsonanz ist dann aufzufassen als wurzelhaft, resp. auf hochdeutschem Gebiet durch Verschiebung aus einfacher entstanden, ff aus p, ck aus ch = k (nicht aus h + j) , oder auch nur zur Bezeichnung der Vocalkürze in die Schrift eingeführt. Eine vermittelnde Annahme wäre, es seien die bei- den Triebe einander gleichsam auf halbem Wege entgegen gekommen und zusammengewachsen, so daß eine Ausscheidung nicht mehr mit Sicherheit zu vollziehen sei. Thatsache ist, daß eine Anzahl zwei- und dreifacher Formeln vorliegen, welche uns jene Frage vorlegen; wir stellen aber folgende Beispiele einfach zusammen, ohne auf Form und Bedeutung der einzelnen nochmals einzugehen. Neben zupfen besteht zipf{el) und zapften), letztere vielleicht Ver- schiebung von nd. tip{p)en, tap>{p)en, welche neben den Formen auf j»/ ebenfalls in hd. Gebrauch gedrungen sind. Gemeinsame Grundbedeu- tung könnte sein: Berührung eines Gegenstandes an einem hervor- rao-enden Theil seiner Oberfläche. Nahe verwandt ist tupfen, der Be- deutung nach besonders mit tippen, aber dem Anlaut nach davon ver- schieden und nach der ersten Annahme zu tief taufen gehörig. Mhd. guife, Spitze, Schweiz, gupf, Hügel, kann von Gipfel (schweiz. auch Name eines hornförmigen Gebäckes) nicht wohl getrennt und auch mit gaffen, mhd. kapfen (hervorragen, hervorblicken) zusammen- gestellt werden, aber auch mit ahd. goffa, mhd. giffe, Hinterbacke, goufe, hohle Hand, Kopfbedeckung = ahd. chuppha] güf, Geschrei, guß, Übermuth, welche Wörter alle auf den Begriff von Rundung, Wölbung, Anschwellen, Aufblasen sich zurückführen und dadurch auch mit den erstgenannten sich vermitteln lassen. Stupfen lässt sich dem Vocal nach mit mlid. stouf, Becher, Fels, zusammenstellen, sonst aber mit stapfen, fest auftreten, staffeln (schweiz. Deminutiv), steppen (nd.) fest stechen, ahd. stuph, stopha, Punct, Tupf, Stich. Daß zucken von ziehen abzuleiten ist, bleibt wohl unbestreitbar, aber es steht doch auch im Ablautsverhältniss zu zick und zack, welche ia nicht bloß in der Verbindung zick-zack vorkommen , sondern auch einzeln: schweiz. zicken, einen scharfen Geschmack („Stich") haben; zickli feiner Schlag (vgl. hick, Schnitt, zu hacken, hecken, stechen); Zacke, scharfe Kante, Spitze. Die Bedeutungen „scharfer Geschmack'' schnelle Bewegung'' und „spitze Gestalt" treffen oft zusammen. F. LIEBRECHT, GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IN AMERIKA. 37 Einen Fall von Berührung zwischen a und i-Reihe und zwar bei folgendem z, haben wir oben angeführt: kritzen im Verhältniss zu kratzen und kreiß. Dieselbe Consonauz zeigen auch Schmitz („verschmitzt" = verschlagen, gerieben), schmatz und schmutz (letztere beide mund- artlich = Kuss^ ursprünglich überhaupt = streichende oder streifende Bewegung), dabei auch wieder den vollen Dreiklaug der Vocale, der sich noch in vielen Beispielen findet, aber oft ohne daß sich i und u zugleich als möglicher Weise wurzelhaft nachweisen lassen. Weitere Verfolgung dieser Erscheinungen führt in etymologische Labyrinthe, welche wir dieses Mal nicht zu betreten im Sinne hatten. BERN, October 1869. LUDWIG TOBLER. GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IM ALTEN AMERH^A. Ob der unter den alten Bewohnern Centralamerikas als Schlangen- gott vorkommende Votan mit dem germanischen Odiu-Wuotau in nä- here Verbindung zu bringen sei_, ist mehrfach erörtert worden, s. z. B. J. G. Müller Gesch. der amerik. Urreligionen S. 486 — 491, und bin ich nicht gesonnen, hier weiter darauf einzugehen, wohl aber auf die bemerkenswerthe Analogie hinzuweisen, die zwischen einigen Concep- tionen von Völkern Europas und Mittelamerikas stattfindet. Zu Grunde lege ich hierbei das bekannte Werk des Abbe Brasseur de Bourbourg, welches den Titel führt: Popol Vtih. Le livre sacre et les mythes de l'antiquite americaine avec les livi'es heroiques et historiques des Qui- ches. Ouvrage original des indigenes de Guatemala , texte quiche et traduction frauQaise en regard , accompagne de notes philologiques et d'un comraentaire sur la mythologie et les migrations des anciens peuples de l'Amerique etc., compose sur des documents originaux et inedits. Paris 1861. Ich habe den Titel dieses wichtigen Werkes hier deshalb genauer angeführt, damit, wer es etwa noch nicht näher kennt, durch denselben eine Vorstellung von dessen Inhalt erhalte ; eine Besprechung des Buches findet sich unter anderm in Max Müllers Chips from a German Workshop 2"^ ed. Lond. 1808. I, 314 — 42; deutsch: Essays I. In der Einleitung des Popol Vuh wird nun zunächst Folgendes mitgetheilt. Als Votan von der Stadt des Gottestempels in seine Heimat Valum- Votan (Votansland, wie noch jetzt große Ruinen nicht weit von 38 FELIX LIEBRECHT Ciudad Real de Cliiapas in Guatemala heißen) zurückgekelirt war, berichtete er, daß man ihn durch einen unterirdischen Weg gehen Hess, der quer durch die Erde gieng und sich an der Wurzel des Him- mels endigte; dieser Weg, fügt der bald zu nennende Ordonez hinzu, sei aber nur ein Schlangenloch gewesen, in welches er kroch, weil er ein Schlangensohn war. Hierauf legte Votan in der Schlucht des Zuqui einen gleichen unterirdischen Gang an, der sich bis nach Tzequil er- streckte, welche beiden Localitäten sich gleichfalls in der Nähe von Ciudad Real de Chiapas befinden sollen. So lauten die Angaben des Ordoüez in seiner Histcn^ia del Cielo y dela Tierra, deren Handschrift im Besitz Brasseurs ist; s. p. LXXHI. LXXXVH. Der Bischof Nuhez de la Vega führt an (p. CVH f.), daß Votan sich nach Huehuetan be- gab, mehrere Tapire dorthin brachte und daselbst mit einem Hauch ein finsteres Haus baute, wo er einen Schatz niederlegte, dessen Obhut er einem Weibe (dame) und einigen Wächtern (Tapianen genannt) übergab. Hierzu bemerkt Brasseur, daß der Hauch (souffle) vielleicht auf einem Irrthum des Übersetzers beruht; es handle sich wohl eher von einem dem Ig (Geist, Hauch, Wind) geweihten Tempel. Der Tapir war ein bei den alten Amerikanern heiliges Thier. Die Stadt Huehuetan, wo das finstere Haus gebaut wurde, lag in dem District Soconusco (der Provinz Ciudad Real de Chiapas) nicht weit vom Stillen Meer, und noch sind bekanntlich dort merkwürdige Ruinen vorhanden. Der obenerwähnte Schatz bestand nach dem Bischof Nuüez de la Vega aus einigen großen Urnen, die sich nebst den Götzen- bildern des Jahrcalenders in einem unterirdischen Gemach befanden. Die Frau (dame) und die Tapianen oder Wächter der Grotte über- gaben dies alles dem Bischof, der es auf dem öffentlichen Platze von Huehuetan verbrennen liess. — Dies sind die Angaben, welche sich bei Brasseur finden und bei deren Lesung mir alsobald die eddische Mythe von Ocfm als Bölverkr einfiel. Als Schlange (i ormsliki) schlüpft er durch das Bohrloch (ok skreid i nafars-raufiua. Gylfag. 58; vgl. Hävam. 10(3 : um griot gnaga — yfir ok uudir stödumk iötna vegir), ganz ebenso wie Votan als Schlange durch einen unterirdischen Pfad schlüpft und einen ebensolchen zum Andenken daran in einer Fels- schlucht anlegen lässt. Die Urnen in dem unterirdischen Gemache gleichen den Gefäßen Odrcerir, Boctn und Sönim Hnitberge, so wie das sie hütende Weib der Hüterin Gunlöd entspricht. Brasseur setzt zu den oben angeführten, sich auf den unterirdischen G-ang beziehenden Worten : „et se terminait ä la racine du ciel" die parenthetische Frage : „a la sagesse ?'^ Ohne es zu beabsichten, erinnert er also an den Weis- GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IM ALTEN AMERIKA. 39 heit verleihenden Diclitermcth, so wie seine Erklärung der Worte: ,,il bätit d'un sonffle iine maison tenebreuse" durch ,,il s'agirait plutot d'un temple consacre a Ig, l'esprit le souffle, le vent de la nuit^', den Bei- namen Odins Yggr ins Gedächtniss ruft , der selbst zwar unsicherer Bedeutung ist, allein andererseits wird ja der Name Odin durch Geist erklärt. Alles dies sind überraschende Ähnlichkeiten, und man darf sie wohl zusammenstellen und zusammenhalten. Demnächst komme ich zu einer andern Quichesage, wende mich dabei aber erst nach Europa und wiederhole hierbei zum Theil eine frühere Notiz von mir im Philologus (24, 159 f.). Nach einer Sage des Mittelalters nämlich wurde die Stadt Acre (Ptolemais) in Syrien von den Kreuzfahrern unter Gottfried von Bouillon durch hinein geschleu- derte Bienenkörbe erobert; dies erzählt der französische Roman Le Chevalier au Cygne et Godefroi de Bouillon v. 26793 ff. (vol. III. p. 253 ff. Acad. roy. de Bruxelles 1854). Dasselbe Mittel mit gleichem Erfolge brachte Richard Löwenherz gegen die nämliche Stadt in Anwendung, Avie der altenglische aus dem Französischen übersetzte Roman Richard Coeur de Lion berichtet; s. Ellis Specimens of Early English Metrical Romances ed. 1848 p. 299. Man sieht, es handelt sich hier von ein und derselben Sage, die nur auf verschiedene Zeiten angewandt ist. Zahl- reicher jedoch sind die Versionen, wonach eine belagerte Stadt sich durch geschleuderte Bienenkörbe von den Angreifern befreit; s. Ad. Kuhn, Westphäl. Sagen Nr. 167; Baader, Volkssagen aus Baden Nr. 173, Müllenhof Sagen u. s. w. aus Schleswig-Holstein Nr. 87; Simrock, Rhein- land S. 326 (4. Aufl.) und früher schon im X. Jhd. bei Widukind, Res Gestae Saxon. 1. II, c. 23. Diese letztere Gestalt der Sage, wonach die geworfenen Bienenkörbe nicht beim Angriff, sondern bei der Verthei- diguug dieneU;, ist sicherlich die ursprüngliche, da sie die bei weitem verbreitetste ist, auch m einer andern viel altern Form vorkommt, wo- nach die so verwandten Thiere nicht Bienen, sondern Schlangen waren, welche die belagerten Byzantiner in thönerneu Gefätien gegen ihre Feinde, die Skythen, schleuderten; s. Tzetzes Chil. II, 929—949; vgl. Philol. 1. c. und Frontin. Strateg. 4, 7, 10. 11. Beide Thiergattungen zuffleich scheint folsrende Angabe zu umfassen. Von den die Stadt Themiskyra unter Luculi belagernden Römern lieißt es nämlich bei Appian De Bell. Mithrid. c. 78 : ,,rovrc)v ö' oC ^£v totg &S[ii,öKVQioig sr.iicad'rj^svoL ^ TtvQyovg SJirjyov avrotg , xal xa^arcc excövvvov^ xal vTtovö^ovg oj'pvtTov, ovra di] rt fisyaXovg, ag iv avtoi'g vno tt^v yfjv aAAifAofc? nard jilij&og imxsiQslv, Hai oC &eiiloxvqloc o^ag avatd'ev ig avTOvg oovrzovTsg , ccQxvovg re xal ^y^ia srsQa xal ß^rivri ft£- 40 FELIX LIEBRECHl Xi<}ßc5v ig rovg igya^oj^isvovg, fv/ßuXXov." Hier möf^en mit den ^rjgta evsQu wohl Schlangen gemeint sein ; ob es sich aber hierbei von einer historischen Thatsache handelt, muss freilich dahin gestellt bleiben. Zu beachten ist jedenfalls, daß auch diese Thiere alle von oben herab- geAvorfen werden, wie in den andern betreffenden Sagen von der Höhe der Stadtmauern. Ich wende mich nun zu den Quiche, welche folgende hierhergehörige Sage besitzen. Sie erzählen nämlich (Popol Vuh p, 275 bis 285), daß die Vorfahren ihres Volkes, deren Stadt auf einem Berge lag, einst von den feindlichen Nachbarstämmen belagert wurden und sich deshalb möglichst verschanzten. „Hierauf machten sie hölzerne Figuren, welche wie Männer aussahen und stellten sie auf die Befesti- gungswerke ; man hängte ihnen Bogen und Schilde an und setzte ihnen goldene und silberne Kronen auf. . . Alsdann suchte man Hornissen und Wespen nebst Bienen und brachte sie herbei ; man steckte die Thierlein in vier große Kürbisse (Kalabassen) und stellte diese dann rings um die Stadt ; dies sollte dazu dienen , ihre Feinde zurückzu- schlagen. Da geschah es nun , daß die Kundschafter der Feinde die Stadt auskundschafteten und ausspäheten. „„Sie sind nicht zahlreich"", sagten sie zu wiederholten Malen ; allein sie sahen bloß die hölzernen Figuren , welche sich mit ihren Bogen und Schildern hin- und her- bewegten. Wahrlich, sie glichen Menschen, sie gHchen Kriegern, als die Feinde sie ansahen ; und diese freuten sich über die geringe Zahl derer, die sie sahen. Ihre eigenen Stämme aber waren groß in ihrem Dasein, und man konnte die Zahl ihrer Männer^ Krieger und Soldaten nicht zählen. . . Und als sie stürmend am Fuße der Stadt anlangten. . . so fehlte wenig, daß sie in die Thore eindrangen. Da mit einem Male nahm man den Deckel von den vier rings um die Stadt aufgestellten Kalabassen fort und die Hornissen und Wespen strömten heraus; wie Rauch strömten sie heraus aus dem Bauche der Kalabassen. So kamen die Feinde durch die Thierlein um , welche sich ihnen an die Augen und Augenbrauen, an die Nasenlöcher, an den Mund, an die Beine und an die Arme hängten und sie stachen. . Zahllos umwimmelten die Thierlein einen jeden der Feinde; von Sinnen gebracht durch die- selben, konnten sie ihre Bogen und Schilde nicht mehr halten und fielen kraftlos von allen Seiten zu Boden ... sie empfanden es sogar nicht, daß man sie mit Pfeilen erschoss und mit Beilen auf sie loshieb ; selbst die Weiber fiengen an, sie hinzuschlachten und nur die Hälfte der feindlichen Stämme kehrte fliehend in die Heimat zurück. . . Also ka- men jene Stämme unter unser Joch und dies war die Niederlage derselben durch unsere Väter und Mütter auf dem Berge Hacavitz."^ GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IM ALTEN AMERIKA. 41 So lautet die Quichesage, zu der ich ferner bemerke, daß außer der Übereinstimmung mit europäischen Sagen in Betreff der durch Bienen geretteten belagei'ten Stadt auch die Vertheidigung der letztern durch hölzerne, auf den Mauern aufgestellte Figuren sich in europäi- schen Sagen vielfach wiederfindet; s. meine Nachweise in den Gott. Gel. Anzeigen 1868 S. 432 f Vgl. Wolf und Hofmann, Primavera y Flor de Romances, Berlin 1856 Nr. 133 (2, 44), wo es jedoch Leichname sind, welche auf die Mauer gestellt werden, um die Belagerer zu täuschen. Ich führe nun eine dritte Quichesage an. In der Urzeit lebte ein Mensch, Namens Vukab-Cakix. Er hatte zwei Söhne, Zipacna und Ca- bracan, die beide zum Spiele die größten Berge umherrollten. Zipacna trug einst ganz allein einen Baum, welchen 400 junge Leute nicht fort- schaffen konnten, und machte ihnen daraus nach ihrem Wunsche den Haupttragebalken ihres Hauses. Aus Furcht hießen sie ihn dann in eine Grube steigen und sie immer tiefer graben, um ihn durch einen hinabgeworfenen Baum zu tödten ; er aber , der ihren Plan wusste, grub sich tief unten eine Nebengrube, in der er sich verbarg, als sie auf das von ihm gegebene Zeichen, statt die ausgegrabene Erde hinauf- zuziehen, den Baum hinabwarfen. Nach einigen Tagen, als sie, ihn für todt haltend, sich in frohem Gelage berauscht hatten, stieg Zipacna aus der Grube empor und riss das Haus, worin sie sich befanden, über ihren Köpfen ein, so daß sie von den Trümmern desselben er- schlagen wurden. Popol Vuh p. 35. 37. 47 ff. cf. p. CXXVI f. — Vgl. mit dieser Sage Grimm KM. Nr. 90 „Der junge Riese", so wie die Sage von Olifat auf ülea, einer der Karolinen ; s. Chamissos Reise um die Welt (Werke 2, 387 ed. Kurz), wo es unter anderm heißt: „Die Ai'beiter fuhren nun mit dem Bau fort und gruben tiefe Löcher in den Boden, um die Pfosten darin aufzurichten. Dies schien ihnen, die da- mit umgiengen, den Olifat zu tödten, eine gute Gelegenheit zu sein. Olifat erkannte aber ihren Vorsatz und führte bei sich versteckt ge- färbte Erde, Kohlen und die Rippe eines Palmblättchens. So grub er nun in der Grube und machte unten eine Seitenhöhle , sich darin zu verbergen. Sie aber glaubten, es sei nun die Zeit gekommen, warfen den Pfosten hinein und Erde um dessen Fuß und wollten ihn so zer- quetschen. Er aber rettete sich in die Seitenhöhle, spie die gefärbte Erde aus und sie meinten, es sei Blut. Er spie die Kohlen aus und sie meinten, es sei die Galle. Sie glaubten, er sei nun todt. Mit der Cocosrippe machte Olifat durch die Mitte des Pfostens sich einen Weg und entwich usw." Also auch hier handelt es sich von einem Bau, 42 THEODOR VERNALEKEN Nach einer andern Sage der Quiclie speit der auf einen Baum aufgesteckte Todtenkopf Hunliun Ahpu's der Jungfrau Xquiq in die nach demselben ausgestreckte Hand, wodurch sie schwanger wird und die Zwillinge Hunahpu und Xbalanque gebiert; s. Popol Vuh p. 91 ff. Über die Zeugung durch Speien, wozu auch die des eddischen Kvasir gehört, vgl. Gervas. von Tilb. S. 71. Schließlich will ich noch erwähnen, daß der deutsche Volksaber- glaube (s. Wuttke S. 329 §. 526, 2. Aufl.), wonach der Zahnschmerz meist durch einen Wurm im Zahn verursacht wird, sich auch unter den Quiche findet oder doch fand. „Wir verstehen die Würmer aus den Zähnen herauszuziehen. . . denn es ist ein Wurm, der dir deinen Schmerz verursacht", sagen einige Zauberer zu einem an Zahnschmerz leidenden Fürsten der Quiche : Popol Vuh p. 41. Ob alle oder welche von den vorstehenden Analogien in den An- schauungen und Conceptioneu europäischer und amerikanischer Völker als solche zu betrachten sind, die überall von selbst entstehen können (wie namentlich die letzte sich auf den Zahnschmerz beziehende), will ich nicht entscheiden; mir genügt es, auf dieselben hingewiesen zu haben. LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT, DER MARIENCULT IN ÖSTERREICH. VON THEODOR VERNALEKEN. Wir betrachten diesen Cult hier nur vom Standpuncte der Volks- dichtung, wie man denn überhaupt seit einem Menscheualter angefangen hat, auch das Legendische in den Kreis wissenschaftlicher Betrachtung^ zu ziehen, seitdem man im Schachte unseres deutschen Alterthums eine Ader entdeckt hat, die zu dem versunkenen Schatze altdeutscher My- thologie und Volkspoesie führt. Das hängt mit der Bekehrungsweise imserer Vorfahren zusammen, die sich auch bei uns nach den Vor- schriften richtete, welche Pabst Gregor seinen Sendboten unter den Angelsachsen gab. Das Julfest ward zu Weihnachten ^ der Tag der Ostara zum Auferstehungsfest, heilige Berge wurden zu Wallfahrts- örtern, unter alten Bäumen Avurden Crucifixe und Bilder angebracht^ DER MARIENCULT IN ÖSTERREICH. 43 und die Herrschaft der alten Gottheiten ward durch Heilige verdrängt. Man konnte dem Volke nicht alles auf einmal nehmen, nur die Namen und Formen wechselten, um das Volk desto empfänglicher für die christliche Lehre zu machen. Ein deutliches Beispiel theilt Stöber mit in seinen Sagen des Elsasses S. 451 ff. Der Heiligendienst der römischen Kirche erinnert an den griechi- schen Heroendienst. Im Gegensatze zu den Indern war bei den Griechen die Vergötterung von Sterblichen ein Theil der Nationalreligion. Das- selbe zeigt sich in der römischen Kaiserzeit, und die römische Kirche wusste dieß zu benützen. Die Verehrung der Maria begann zwar schon in den ersten Jahr- hunderten (Gervinus I, 117), aber der eigentliche Madonnencultus kam erst durch die Romantik der Kreuzzüge nach Europa und hat eine Menge poetischer Erzeugnisse hervorgerufen. Vor den Kreuzzügen finden wir wenige Spuren, darum kommt z. B. in den Salzburger Urkunden- büchern der Name Maria vor dem 12. Jhd. höchst selten vor. Die frü- hesten Belege für den poetischen Cult stammen aus Osterreich (vgl. Wackernagel Leseb. I, 163), avo die Marienverehrung im Volksleben tiefe Wurzeln fasste. Es konnte daher nicht fehlen , daß sich auch nationale Anschauungen hier wie anderwärts einmengten. Erst im 16. Jhd. verschwindet die mittelalterliche Frauenhuldigung aus der Poesie ; wie aber das Volk in seiner Weise die alten Sagen weiter spann, so nahm auch der Mariendienst eine nationale Färbung an, und man fühlt sich zu der Untersuchung hingezogen, in wie weit deutsch- volksthümliches sich angelehnt hat, besonders in dem Hauptlande der Marienverehrung. Viele Marienlegenden sind von Kaltenbäck gesam- melt (Wien 1845 bei Klang) ; außerdem leben manche noch jetzt im Volke. Von den naturreligiösen Zügen , die in deutsch - österreichischen Überlieferungen an Maria haften , Avill ich zwei der auffälligsten hier vorführen, und zwar zum Theil auf Grundlage einiger, meines Wissens ungedruckter Legenden. Es sind dieß die Beziehungen auf Brunnen und Bäume. 1. B r u n n e n c ul t. Betrachten wir vorerst die Belege. Nahe bei Wien liegt Mariabruun, ein Name, der auch in Baieru vorkommt (Panzer, bair. Sag. 1, 373) ; auch bei Krems ist ein Marien- bründl (Kaltenbäck 212), ein anderes in Krain (Kaltenbäck 49), ferner 44 THEODOR VEENALEKEN Maria Bruuneck am Tännengebirge (Alpenburg 3), der Mariabrunnea in der Lausitz (Haupt 2, 184). Nach Kaltenbäck soll der Erzherzog Maximilian Mariabrunn (bei Wien) entdeckt haben (S. 111). Die mündliche Volksüberlieferung lautet: Die AVitwe des h. Stefan von Ungarn, Gisela mit Namen, floh nach Öster- reich und kam in die Gegend von Wien. Sie litt am Fieber und machte deshalb häufige Spaziergänge in der waldigen Gegend, wo jetzt Mariabrunn liegt. Eines Tages fühlte sie Durst und verlangte nach einem Trünke frischen Wassers. Ein Diener suchte eine Quelle und fand bald eine die mit Moos und Gesträuch überwachsen war. Er entfernte dieß und erblickte in dem Brunnen ein Marienbild mit dem Jesuskinde. Ver- wundert berichtete er das seiner Herrin und diese befahl, das Bild herauszunehmen. Sie tranli dann mit großer Zuversicht von dem Wasser und war bald von ihrem Leiden befreit. Aus Dankbarkeit für die Wunderkraft dieses Marienbrunnens ließ sie daneben eine Capelle bauen und das Bild darin aufstellen. Gewisse Brunnen hält man für heilkräftig und darum waschen sich Gläubige die Augen mit dem Wasser (Panzer 2, 46) ; andere Brunnen sind glückbringend , wie z. B. das Jüngfernbründl bei Sivering (vgl. meine „Mythen und Bräuche" 19). Panzer (2, 17) berichtet, am Rande eines Brunnens habe man die Maria weinen hören, weil man die h. Hostie hineingeworfen habe. Ferner (2, 30) : Ein Maurer, der einen eingestürzten Brunnen ausbesserte, hat versichert, er habe die h. Jungfrau mit einem weiß glänzenden Kleide geziert neben St, Leonhard gesehen und beide haben den einfallenden Steinen Widerstand geleistet. Das Bild der „Maria vom Thale" (Kaltb. 147) ist bei dem h. Brunnen gefunden. Im Vintschgau fanden Hirten ein Muttergottesbild im Sumpfe, der er- hellt war , wie wenn tausende von Glühwürmern darin lägen (Alpen- burg 244). Im Mai 1865 berichtete „Sürgöny" aus dem ungerischen Orte Kesthely, die Eigenthümerin eines Brunnens habe in demselben die Mutter Gottes mit dem Sohne gesehen, von brennenden Kerzen umgeben. Seitdem strömte eine große Menge Volkes zu dem Brunnen und zuletzt kamen auch Processionen dahin. Die Behörde sah sich aber genöthigt, den Brunnen abzusperren. — In Westfalen an der Ruhr ist ein Brunnen, zu dem wegen seiner Heilkraft viele Leute herbeiströmen; er soll von einer frommen Jungfrau aufgefunden sein (Kuhn, westfäl. Sagen 1 Nr. 142). Ortsnamen wie Heilbronn u. a. weisen ebenfalls auf diesen Volksglauben hin. Um der Quelle dieses Volksglaubens auf die Spur zu kommen, muss vor allem daran erinnert werden, daß seit Einführung des Chri- DER MAEIENCULT IN ÖSTERREICH. 45 stenthums heidnische Culte christlich umgebildet wurden, und auch dieser Cult hat seine Grundlage größtentheils in der Naturreligion des Volkes. Der Brunnencult weiset auf Holda und Berchta hin. Frau Holda liebt den Aufenthalt in Brunnen und bei ihr halten sich die noch Un- gebornen auf und die Seelen der ungetauft Sterbenden fallen ihr wieder zu (Wolf, Beiträge 1, 162). Weit verbreitet ist der Volksglaube, datS die Kinder aus den Brunnen geholt werden, entweder durch die Heb- amme oder durch den Storch *). An die Stelle der gütigen Holda, der brunnenbewohnenden Göttin unseres Volkes, trat später Maria, wie St. Martin an die Stelle Wodans. Zu Köln werden die Kinder aus Kuniberts Pütz geholt, dort aber sitzen sie um die Mutter Gottes herum, welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt (Simrock Myth. 399). Holda heißt aber auch Hellia, und man lässt sie in der Tiefe der Flut goldglänzende Hallen bewohnen, wo sie sitzt umgeben von den noch Ungebornen. Es ist schwer zu sagen, in wie weit die christliche Symbolik An- theil an diesem Volksglauben hat. Es verdient wenigstens nebenbei erwähnt zu werden, daß im Hoheuliede (4, 13) der verschlossene Brunnen ein Sinnbild der Jungfräulichkeit ist, welches auch auf die Jungfrau Maria angewandt wurde. Von dem Brunnen zu Bethlehem, aus Avelchem Maria getrunken, heißt es bei Gregor von Tours^ der Stern der Magier lasse sich noch immer darin sehen, aber nur reine jungfräuliche Augen könnten ihn erblicken (W. Menzel, Symbolik 1, 156). In der „goldenen Schmiede" Konrads von Wüi'zburg (13. Jlid.), einem Gedichte zum Lobe der Jungfrau Maria, in dem er alles zusammenfasst, was au Bildern und Gleichnissen in dieser Beziehung im Volke oder der Litteratur vorhanden war, dort heißt es (573): din güete kan uf loallen und als ein brunne quellen. Sie wird genannt der „Meerstern", „ein lebender Brunnen", sie ist „des heüwäges hort^ (Grimm, gold. Schm. XLV), des zu heiliger Zeit geschöpften, alle Wunden heilenden Wassers usw. In den Kirchenliedern heißt die h. Jungfrau ein Brunnen aller Güte. Das alles sind symbolische Beziehungen, und es begegnen sich hier der poetische Naturglaube und die legendische Überlieferung. Sehen wir uns weiter in Nieder-Österreich um, so treffen wir im Viertel unter dem Manhardsberge den Namen Ho Ilabrunn, oder wie die Bauern sprechen „Hollebrunn". Es fehlen zwar die darauf bezüg- lichen Überheferungen, aber ich bin geneigt, sie mit diesem Sagenkreise *) Über die Storchenbotschaft (Adebär) vgl. das Gedicht von Ed. Mörike und die drei schönen Kunstblätter von A. Rosenthal (Verlag von Kuntzmann in Berlin}. Vgl. Simrock, Myth. 315. 316. 4ß THEODOR VERNALEKEN in Verbindung zu bringen, da selbst der Name der alten Göttin sich darin erhalten hat. Der Name Holle erscheint zwar bei uns selten, am häufigsten Bercht oder weiße Frau, indessen weisen meine „Mythen" aus dem V. 0. M. B. den Namen Holke auf (S. 23). Weitere Nachfor- schungen wären erwünscht. Mir ist in Bezug auf den Brunnencultus noch Folgendes erzählt: Unweit Leobersdorf (V. U. W. W.) ist eine Mariencapelle, unter welcher der heilsame Brunnen entspringt. Als vor Jahrhunderten der Quell plötzlich hervorkam, sah man auf dem Wasser ein Marienbild schwimmen. Man erbaute die Capelle und stellte das Bild hinein, und seit der Zeit wallfahrten viele dahin *). Unfern Roding (im Regenthaie Baienis) steht eine Kirche, „zum Brünnlein" genannt. Die Heilquelle Avurde von einem Hirten entdeckt, der eines Tages ein Marienbild auf dem Wasser schwimmen sah. Solcher Legenden ließen sich noch viele beibringen, die alle die Verdrängung des heidnischen Volksglaubens durch kirchliche Einrich- tungen und Personen bestätigen. Da auch andere Eigenschaften Holdas auf Maria übergehen, so darf (nach Grimms Myth. 246) hier auch Maria Schnee (ad nives) verglichen werden (vgl. Kaltb. 126). In Süddeutsch- land heißt sie Berchta, d. h. die leuchtende, glänzende ; sie erzeugt wie Holda den glänzenden Schnee. Berchta ist in den Erzählungen tiefer herabgewürdigt; sie erscheint nicht bloß als Ahumutter, als weiße Frau, besonders in fürstlichen Häusern (Gr. Myth. 257), sondern auch als kinderschreckend. Nun haben wir, wie bei der Todesgöttin Hellia oder Hei , merkwürdigerweise auch die Kehrseite bei Maria , denn schwarze Madonnenbilder findet man aller Orten (Haupt, lausitz. Sag. 1, 12), sogar auf dem Wiener Burgring neben dem Volksgarten. Ein schwarzes Marienbild gemahnt zwar an die trauernde Erd- oder Nacht- göttin (Grimm Myth. 289) , wie die schwarze Proserpina (furva) der Alten ; allein diese Vorstellung hat wahrscheinlich bei den Marienbildern niemals gewaltet. Endlich ist noch zu erwähnen, daß im Mariencult Beziehungen stattfinden zu Ähren (Panzer 2, 7), Kräutern (2, 12) und besonders zu dem Getreide (2, 8 ff.^, ferner, daß die Bauern zu Baselga in Ti- rol das Frauenbild verehren zur Erhaltung der Früchte auf dem Felde, zur Fernhaltung der Gewitter (Kaltb. 224). Wenn wir ferner beden- ken, daß die schönsten Blumen nach Maria benannt sind, so müssen wir unwillkürlich an die Erdmutter des deutschen Volksglaubens den- *) Vgl. auch Kalteiiljmnn in Tirol iKaltenl)äe',k S. GO), Maria vom Gestade an der Leitha (da.s. 115). DER MARIENCULT IN ÖSTEREETCH. 41 ken, an Holda, die in dieser Hinsicht der Demeter ganz nalie stellt. (Panzer 2, 381). 2. B a u m c u 1 1. Den Bruunenbezieliungen nahe verwandt sind die auf Bäume und Wald. Diese treffen wir häufiger und früher, und der ganze Cultus ge- mahnt an den der griechischen Bergmutter Kybele, der die Eiche und Fichte heilig waren. Auf altdeutschen Bildern sieht man nicht selten die h. Jungfrau in einem rings ummauerten und verschlossenen schönen Blumengarten sitzen. In den Legenden aus dem 13. Jhd. , von denen einzelne noch im Munde des Volkes leben, kommt eine vor*), nach welcher ein Schüler in einem dichten Holze am Wege ein Marienbild erblickt. Er fiel nieder, sprach sein Gebet, sammelte dann schöne Blu- men zum Kranze für das Bild, damit die Waldvögel es nicht beschmutz- ten. Das Bild stand auf einem Baumstamme (oder Baumstinnpfe vf ebne ronen, S. 177 Marienleg). Volksüberlieferungen dieser Art gehen bis auf die neueste Zeit. Über das wunderthätige Bild in der Mariahilferkirche bei Gutten- stein ist mir Folgendes erzählt. Vor vielen Jahren ist das Bild von Hirten aufgefunden. Es war an einer Buche befestigt. Graf Hoyos ließ es in eine Capelle bringen, allein über Nacht verschwand es und man fjind es Avieder an der alten Stelle. Das geschah mehrere Male , bis man endlich auch den Baumstamm in die Capelle brachte. Nach meh- reren Jahren wurde der Graf von einem Hirschen angefallen. Da ge- lobte er eine Kirche zu bauen und er blieb unversehrt. In die Kirche, die an die Stelle der Capelle gebaut ward, ließ man auch das Mutter- gottesbild stellen. Von dem Buchenstamme wurden viele Stückchen ab- gerissen von den frommen Pilgern, die alljährlich die Kirche besuchten. Andere sagen: Die Hirten verehrten das Bild lange Zeit und ließen ihre Schafe in der Nähe jener Buche weiden, und es ruhte der Segen auf ihrer Herde. Da fanden sie aber eines Morgens den Baum- stamm verkohlt und in der Asche lag das Bild ganz unversehrt. Vgl. auch Kaltenbäck S. 235. Über die Entstehung der Wallfahrtskirche „Maria drei Eichen" in der Nähe von Hörn (Nied. Österr. V. O. M. B.) geht folgende Sage. Einem kranken Bürger in Hörn erschien die Mutter Gottes im Traume und befahl ihm, ihr Bild auf den Muldenberg zu tragen, wo er eine Eiche finden werde, die aus einer Wurzel drei Stämme treibe. Dort solle er das Bild zur Verehrung aufstellen. Es vergieng einige *) Pfeiffer Marienlegenden 171 fg. Gödeke, Mittelalter 136. 48 THEODOR VERNALEKEN Zeit und er dachte nicht mehr daran. Einst reiste er von Eggenburg nach Hause und war so müde , daß er sich unter einem Birnbäume niederließ und einschlief. Da wurde er von einem Gewitter erweckt und gewahrte in der Xähe die dreistätnmige Eiche. Sogleich eilte er nach Hause, holte das Bild und festigte es an dem Stamme. Nach einigen Jahren schlug aber der Blitz in die Eiche und zertrümmerte auch das Bild. Allein im nächsten Frühjahre begann der Stamm frische Zweige zu treiben, und an dem Stamme dieses wunderbaren Baumes ließ man ein anderes Bild anbringen. Später ward an der Stelle eine Kirche gebaut, und Überreste der alten Eiche sind dort noch aufbe- wahrt. Vgl. Kaltenbäck S. 227. Andere erzählen, ein Bauer habe Holz fällen wollen, da habe er drei schöne Eichen angetroffen. Als er aber einen Hieb gegen eine derselben fährte, prallte die Axt zurück und verwundete ihn. Und als er hilflos so da lag, bemerkte er auf dem Baume ein Marienbild, wel- ches aber so verdeckt war, daß er es anfangs nicht bemerkt hatte. Er flehte nun die Heilige um Hilfe an und seine Wunde war schnell geheilt. Auch andere Kranke pilgerten dorthin. Ganz ähnliche Sagen werden erzählt von Maria Taferl (Kaltb. 190), von Maria Eich in Ober-Österreich (Kaltb. 53). Vgl. Panzer, 2, 375. Über den Wallfahrtsort Maria Schein (bei Teplitz) wird erzählt: Einer Magd wand sich bei der Feldarbeit eine große Schlange um den Arm. Erschrocken starrte sie auf die Schlange hin. Da wurde die Magd von einem Scheine geblendet und die Schlange war plötzlich verschwunden. Sie suchte nach der Richtung, woher der Schein gekommen war und gewahrte eines Muttergottesbildes, das an einem Baume hieng. Dann lief sie zum Ortspfarrer, der das Bild in die Kirche trug. Tags darauf war dasselbe verschwunden und man fand es wieder au demselben Baume. Das wiederholte sich mehrmals. Da kam dem Pfarrer der Gedanke, an der Stelle des Baumes eine Capelle zu erbauen und man nannte sie „Maria Schein". Roseldorf (unweit Retz) wurde einmal ganz überschwemmt. Als sich das Wasser verlaufen hatte, suchte ein Bauer seinen Weinkeller auf, und unterwegs erblickte er auf einem Holunderstrauche ein aus Holz geschnitztes Bild der h. Maria mit dem Jesuskinde. Er drang in das Gebüsch, um das Bild zu nehmen, aber es gelang ihm nicht. Dann lief er nach Hause , versuchte es mit Hilfe anderer noch einigemale, allein immer kehrte es auf den frühem Standort zurück. Das Haus, welches dem Holunderstrauche zunächst stand, gehörte einem gewissen Tasch, und nach ihm ward das Bild „zur h. Maria von Tasch" benannt DER MARIENCULT IN ÖSTERREICH. gg Der Busch wurde ausgegraben und an der Stelle die jetzige Pfarrkirche von Roseidorf gebaut, in welcher sich das Bild befindet. Auch von der Klosterkirche in Freudeuthai (östr. Schlesien) er- zählt man : Ein Bauer erblickte in einem Dorustrauche ein Licht, und als er näher trat, sah er in den Lichtstrahlen ein hölzernes Muttergottes- bild. Das trug er als einen kostbaren Hausschatz zu den seinigen; am andern Morgen aber war das Bild verschwunden, man fand es an dem alten Orte. Abermals ward es mitgenommen und abermals kehrte es zu dem Dornstrauche zurück. Zum dritten Male holten sie es und baten die h. Maria , bei ihnen zu bleiben. Später baute man an dem Platze, wo das Bild in den Dornen gefunden, eine Kirche. Ganz Ahnliches wird zu Turas in Mähren erzählt (Kaltenbäck S. 17). Vergleichen wir andere Überlieferungen, so finden wir eine merk- würdige Übereinstimmung. Das Bild wird gefunden an einem Baum- stock (s. oben u. Kaltenbäck S. 25 und Panzer 2 , 7. 15) , an einer Eiche (Meier, schwäb. Sag. 1, 323; Stöber, Sag. des Elsasses S. 32. 134), an einer Linde (Kaltb. 74. 176. Haupt, Lausitzer Sag. 2, 181. Wolf, Beiträge 1, 169), an einer Weide (Panzer 2, 375), an einem Birnbaum (2, 14), einer Tanne (2, 15), an einer Kranowetstaude (2, 5 und 348(, einer Fichte (Kaltb. 70), als Marienbaum in der Lausitz (Haupt 2, 146), im verwilderten Gestäude (Tirol, vgl. Kaltb. 77), im Haselstrauche (Kaltb. 85) , im Lärchenstamme (Kaltb. 93). Bemerkenswerth ist es, daß Marienbilder immer nur an verdeckten Orten gefunden werden, entweder unter Moos versteckt oder im Gebüsch (Panzer 2, 16) oder in den Baumzweigen, sogar unter einem Haufen Kehricht (Kaltenb. S. 184), wie das bei den Karmelitern zu Wien. Zuweilen erscheint die Jungfrau „im finstern Walde" (Kaltenb. 56 u. Alpenburg S. 184) oder als „Maria im Schatten" (Kaltenb. 178). Dabei ist wohl zu beachten, daß das Bild an Bäumen erscheint, die, wie die uralte Fichte zu Landeck (Alpenburg S. 183) geradezu als „heilige Bäume" lange verehrt wurden. Der Bischof verbot erst 1658 die processio annua ad arborem im Valser- thale und zu dem „heil. Larchbaum" bei Nauders (Alpenb. S. 225). Charakteristisch ist auch der Sagenzug, daß das weggenommene Bild immer wieder, meistens dreimal, an den alten Ort zurückkehrt; sonst im Wesentlichen derselbe Grundgedanke , aber hundertfach variiert. Es ist nicht schwer, hier Spuren des germanischen Wald- und Baumcultus zu entdecken. Der Baumcultus galt dem hohem Wesen, dem der Hain geheiligt war. Daß man dem uralten Baumcult durch Aufhängen eines Marienbildes eine andere Richtung gab und daß das GERMANIA. Neue Reibe IV. (XVI.) Jahrg. 4 50 THEOPHIL EUPP entfernte Bild immer wieder zu seinem Walde zurückkehrte, darf nicht Wunder nehmen; denn in welch hohem Ansehen Wälder und Bäume bei den Deutschen standen, berichtet schon Tacitus: lucos ac nemora consecrant. Am meisten standen Eichen und Linden in Ansehen, die Eiche war dem Donar, die Linde der Frouwa oder Erka geheiligt. Jede Verletzung solcher Bäume wurde geahndet. Das Erscheinen der Bilder an Bäumen ist übrigens auch aus dem classischen Alterthum bekannt. Man lese z. B. das Werk von Bötticher „Baumcultus der Hellenen", wo er S. 140 sagt: „Bei den Hellenen wurden gewisse Götterbilder unmittelbar im Baume aufgestellt ; nach der Weise des Bildes unter oder an dem Baume war der nächste Schritt die Gründung einer aedicula, eines Tempelchens, in welchem man das Bild aufstellte." Also genau wie in Osterreich. Wir bemerken ferner, daß an den berühmten Cultusstätten der Hellenen, namentlich zu Delphi, donaria, Weihgeschenke, niedergelegt wurden. (Vgl. Böt- ticher S. 156.) Daß das auch in unsern Wallfahrtskirchen geschieht, ist allgemein bekannt (vgl. z. B. Kaltb. S. 103). Und was die Wunder anbetrifft, so sagt schon Lucretius: ut omne humanum genus est avi- dum uimi' miraclorum. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Alles Wunderbare zieht an und das Überlieferte wird nicht leicht auf- gegeben, selbst wenn es längst seine ursprüngliche Bedeutung ver- loren hat. WIEN, im Mai 1870. ZUR DEUTUNG VON FIÖLSVINNSMAL. Immer wieder taucht der Gedanke auf, das Eäthselgewebe der Fiölsvinnsmäl sei nur ein Bruchstück, und ohne das Fehlende zu finden, unerklärbar. Leider vertreten auch bedeutende Gelehrte diese Auffas- sung, und darum haben wir zu erwarten, daß vorerst jeder Versuch, dieses Lied als ein selbständiges zu deuten, mit einem bequemen, von sicherer Höhe fallenden Schlagwort ohne weitere Prüfung abgewiesen wird. Wohl in der Absicht, einen theilweisen Ersatz für das Verlorene zu bieten, gibt der Verfasser der Beiträge zur Kritik der Eddalieder (Germania XTV , 314) verschiedene Berichtigungen des Textes , und nimmt die von Grundtvig in seinem Werke „Danmarks gamle Felke- ZUR DEUTUNG VON FIÖLSVINNSMAL. §1 viser" ausgesprochene Idee wieder auf, indem er auf die Deutung des Ganzen verzichtend, Grogaldr und Fiölsvinnsmäl als zusammengehörige Bruchstücke eines umfangreichen Gedichtes erklärt. Diese Annahme setzt nun nothwendig eine gewisse Übereinstim- mung im Inhalte der beiden Gedichte voraus. Bei näherer Untersuchung derselben werden wir aber finden, daß trotz aller Zulassung von irgend möglichen Verbesserungen und Ergänzungen , weder Zusammenhang noch Übereinstimmung in den vermeinten Fragmenten herauszubringen sind. Das in Grogaldr Str. 3 vorkommende Menglödum, statt Menglödu, gibt Ettmüller Veranlassung, die Strophe als verdorben so umzuge- stalten, daß an einer unklaren Stelle herauskommt: „wo sie Lohen weisst". Er setzt kveyki statt des in allen Ausgaben vorkommenden kvedkij was ftir die Menglöd der Fiölsvinnsmäl bezeichnender wäre, und deutet das Menglödu am Schlüsse der Strophe eben auf diese personificierte Gottheit (vgl. Germania X, 433). Menglöd ist nun allerdings der Name der Heldin der Fiölsvinns- mäl; aber Menglöd heißt auch monili gaudens, femina, und bezeichnet überhaupt eine schmuckfrohe, eine weibliche Person, und so könnte sich die Benennung auch auf ein Mädchen oder eine Frau beziehen. Doch was damit gemeint ist, kann nur der sonstige Inhalt des Ge- dichtes lehren. Aus Grogaldr Str. 1, 2 und 3 erfahi'en wir, daß ein Sohn seine IVIutter an die Grabesthüre ruft, um ihr zu klagen, daß seine arglistige Stiefmutter ihn an einem Orte mit ihr zusammenkommen heiße, wel- chen Niemand kenne. Sie antwortet ihm : der Weg und die Fahrt sind lang; erwähnt aber weiter nichts von Mühen und Gefahren, auch nichts über das Ende seines Unternehmens. Er fordert sie nun auf, ein Zau- berlied zu singen, das heilsam sei und ihn kräftige; denn er fühle sich unerfahren und fürchte seinen Untergang. Hierauf singt sie ein Lied, das ihn veranlassen soll, hinter sich zu werfen, was ihm beschwerlich dünke, und sich selbst zu vertrauen; dann will sie mit ihrem Zauber bewirken, daß der Urd Riegel ihn wahren, wenn auf weiten wonnelosen Wegen er Schändliches sehen sollte. Weiter spricht sie gegen brau- sende Flüsse, die ihm Untergang drohen, entrauthigt durch Zauber- worte die ihm entgegentretenden Feinde und stimmt diese zum Frieden. Ein Lied soll die Fesseln lösen, welche sich um seine Glieder legen; ferner (Str. 11) Sturm und Fluth beschwichtigen, daß sie frohe Fahrt gewähren. Sie spricht gegen den Frost und glaubt ihm Schutz sein zu können, wenn auf nebeligem Wege er von der Nacht überfallen wüi'de, 4* 52 THEOPHIL RUPP WO auch ein getauftes Weib (wahrscheinlich seine Stiefmutter) ihm nicht schaden werde. Zum Schkiß ihrer Zaubersprüche sagt sie (Str. 14) : „Wird dir Noth, mit dem Joten dem Schwertgeschmückten zu reden: Wortes und Witzes sei im bewussten Herzen Fülle dir und Überfluß". Aus Fiölsvinnsmal sehen wir, was den Wanderer erwartet. Ein anfangs barscher, doch bald freundlicher Wächter, der eine Waberlohe umwandelt vmd sich Fiölsvidr (Vielwisser) nennt, antwortet dem Fremd- ling auf alle seine Fragen, doch nur in Räthseln. Der Fremdling, der vorerst als Windkaldr auftritt, ist mit den Antworten zufrieden , und findet keinerlei Anlass zu Wortkämpfen. Von einem Schwert, das, nach Grogaldr, Fiölsvidr haben, ferner daß dieser ein Jote sein soll, ist hier nichts bemerkt. Windkaldr sieht ein Gitter und Fiölsvidr sagt ihm auf seine Frage, wie es wirkt, und wer es gemacht; erklärt ihm auch weiter, aus was die Gürtung, Gastropnir genannt, geschaffen worden sei; dann sieht Windkaldr Himde, von denen immer einer wacht , wenn der andere schläft , und Fiölsvidr deutet ihm ganz wohlwollend an, wie diese Bestien kirre zu machen seien, um einzugehen, weil sie essen: nämlich mit den Flügeln des Halms Widofnir, der auf dem Baume Mimameidr sitze. Fiölsvidr er- klärt nun dem Windkaldr die Natur des Baumes Mimameidr , dem weder Feuer noch Schwert schade, und welche Früchte er bringe; ferner wie er den Halm Widofnir zu Hels Behausung senden und so die Flügel bekommen könne. Dies geschieht durch eine Ruthe, deren Erwerbungsweise Fiölsvidr gleichfalls angibt, das heißt durch die blin- kende Sichel, welche in Widofnirs Schwingen sich finde. Windkaldr fragt , wie der Saal heiße , der von Waberlohe um- schlungen, weiter wer gemacht habe, was außerhalb der Brüstung zu treffen sei, und wie der Berg genannt werde, auf welchem Meuglada wohne. Auf alles dieses antwortet der vermeinte feindliche Jote freund- lich entgegenkommend, und Windkaldr nimmt die Antworten auf, wie Jemand, der seines Erfolges gewiss, sich von den ihm entgegenti'e- tenden Hindernissen wenig berührt fühlt. Endlich fragt Windkaldr : ob wohl ein Mann in Mengladas sanften Armen schlafen möge? Fiölsvidr antwortet: kein IVIann mag in Mengladas sanften Ai-men schlafen, Svip- dagr allein. Die sonnenglänzende ist ihm verlobt seit Langem. Nun ruft Windkaldr: reiss auf die Thore! schaff weiten Raum, hier magst da Svipdagr schauen! Doch soll Fiölsvidr vorher fragen, ob seine Minne Menglada noch erfreue. Fiölsvidr sagt zu Menghada: ein Mann ZUR DEUTUNG VON FIÖLSVINNSMAL. - §3 ist gekommen, geh' und besehe den Gast. Die Hunde freuen sich, das Haus erschloss sieh selbst. Ich denke, Svipdagr sei's. Vergleichen wir nun den Inhalt der Lieder , welche gesprochen sein sollen , um den Sohn der Groa zu schützen und die Hemmnisse aus dem "Wege zu räumen , welchen er. auf dem Gang zu Menglada begegnen würde, so finden wir, daß keiner der Aussprüche zu dem passt, was zur Erreichung dieses Zieles nützlich, vielweniger nothwendig wäre. Daß in Fiölsvinnsmill gerade das verloren gegangen sein könnte; was in Grugaldr noch vorhanden oder umgekehrt, lässt sich nicht an- nehmen, vmd schon desswegen ist die Zusammengehörigkeit mehr als zweifelhaft. Fassen wir die Persönlichkeiten, nämlich den Sohn der Groa und Windkaldr ins Auge, so erscheint der Erstere als Opfer einer arglisti- gen Stiefmutter zu einem Unternehmen getrieben, von dem er nur un- glücklichen Ausgang erwartet. Er ist darum missmuthig, ängstlich, unsicher und glaubt bei seiner todten Mutter und ihrer Zauberkunst Hilfe und Schutz suchen zu müssen. Dieser Zustand schließt das Bewusstsein einer Verlobung seit Langem und eines sehnlichen Erwartetseins entschieden aus; und doch ist in Fiülsviunsmul genugsam angedeutet, daß diese Verhältnisse dem Verlobten Svipdagr bekannt waren, wie z. B. durch seine Bemerkung auf Fiölsvidi's zmnickweisende Rede: ,,Von Augenweide wendet sich ungern Wer Liebes sieht imd Süsses." Die Voraussicht der Groa geht auch nicht über das hinaus, was einem gewöhnlichen Menschenkinde auf Erden zustossen könnte, wäh- rend Windkaldr (Svipdagr) nur übernatürliche Dinge bewältigt zu haben scheint. Das ganze Auftreten von Windkaldr zeigt Sicherheit und das Bewusstsein des längst Erwarteten, Svipdagr selbst als ebenbürtig der Menglada. Eine Identification der beiden Bewerber ist darum geradezu ein Widerspruch. Wie wir Germania X, 433 gezeigt haben und hier theilweise be- richtigen möchten, bedarf es weder der Zauberkunst, noch Geistes- oder Körperkraft, um Svipdagr mit Menglada zu vereinigen. Die Schwierigkeiten, welche dem Wanderer entgegentreten, gelten dem Unberufenen, wie Lüning richtig bemerkt, und die Fragen Windkaldi's haben somit den Zweck, ihn selbst als einen Unberufenen darzustellen, damit dem Dichter Gelegenheit gegeben ist, seinen ganzen Scharfsinn iu diesem Räthselgewebe zu entfalten, was nicht geschehen 54 OTTO MELTZEE könnte, wenn Windkalclr gleich als Svipdagr aufgefasst würde. Wäh- rend nun durch diese Behandlung des Gegenstandes das erwähnte Ziel erreicht wird, ist durch den Umstand, daß Svipdagr nicht nur keines der angeführten Hindernisse zu überwinden hat , sondern Alles von selbst sich so gestaltet, daß er nur Menglada umarmen darf, unzwei- deutig dargethan, daß, außer der nöthigen Einkleidung, das Ganze ein sich selbst entwickelnder Naturmythus ist, und auch die Hindernisse und ihre Beseitigungsmittel nur Naturerscheinungen sind. Hiemit übereinstimmend ist auch der Schluß von Fiölsvinnsmäl. Er spricht die Zuversicht aus, daß die nunmehr Vereinigten ihr Leben mit einander brauchen werden *). Der Versuch, Fiölsvinnsmäl durch den späteren Gr6galdr oder gar durch den noch jüngeren Ungen Sven- dal bessern und erklären zu wollen, ist demnach ein entschieden un- glücklicher, der zu einem annehmbaren Erfolg nie führen kann. Die in diesen Gedichten verwendeten wenigen Worte und Gedanken, welche dem rein heidnischen Fiölsvinnsmäl entlehnt sein können, gehören mehr der Form als dem Inhalt des Gedichtes an, indem der Reiz des Neuen durch Anklänge an das Alte gesteigert wurde, und berechtigt keines- wegs zu der Annahme einer sachlichen Zusammengehörigkeit der er- wähnten Gedichte. EEÜTLINGEN, Sept. 1870. THEOPHIL KUPP. BRUCHSTÜCKE AUS DEM RENNEWART DES ULRICH VON TÜRHEIM. Die zwei Pergamentfolioblätter, welche die nachfolgenden Bruch- stücke enthalten, fand ich vor Kurzem in der zur Zeit von mir ver- walteten Bibliothek des Gymnasiums z. h. Kreuz in Dresden. Sie ge- hören zu dem noch ungedruckten Kennewart Ulrichs von Türheim, *) Sveinbjöm Egilsson tibersetzt alita aevi ok altri saman mit „aeviim aetatem- que una viventes consumere". Ettmüller macht daraus das für ihn bequemere „daß sie sich nie mehr trennen werden", und bemerkt dabei: „schon hieraus ergibt sich, daß die Deutung, nach welcher Menglöd die Sonne, Svipdagr der Mond sein soll, eine falsche ist". In wie fern dies der Fall sein soll, wird nicht gesagt, ohne Zweifel, weil nach wie vor der Mond nicht mit der Sonne vereint bleibt ; aber als Ehepaar gedacht, bleiben sie doch unter einem Dache; dabei geht der Mann seinem Berufe nach, und dies ist wohl genug für ein solches Ehepaar. BRUCHSTÜCKE AUS DEM RENNEWAET DES ULRICH V. TÜRHEIM. 55 ihr Text stimmt, wie Herr Prof. Zarncke mir gütigst mittheilt, am meisten zu der Kasseler Hs. Der Inhalt des ersten Blattes entspi-icht dem Abdruck nach den Nabburger Bruchstücken und der Münchener Pap. Hs. bei Roth (Rennewart, Regensburg 1856), der des zweiten ist noch nach keiner Hs. veröffentlicht. Die wohlerhaltenen Blätter dienten als Vorsatzblätter des Liber quadripartiti Ptholemei etc. (Venetiis 1493 fol.) Jede Seite ist in zwei Columnen von je 28 Zeilen beschrieben. Die zwei Initialen (Bl. 1 v. 53, Bl. 2 v. 8) sind ganz einfach gehal- ten, der erste blau, der zweite roth; die Schrift gehört der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an; später ist sie auf keinen Fall anzu- setzen. Abkürzungen begegnen nur wenige und allgemein bekannte; ich habe ihre Auflösung durch Cursiv kenntlich gemacht. Zwischen Bl. 1, Z. 3 u. 4 ist ein leerer Zwischenraum von 11, zwischen Z. 63 und dem unteren Ende der betreffenden Columne (1") ein solcher von 10, endlich zwischen dem oberen Ende der ersten Columne von Bl. 2 und dem ersten Vers derselben in glei- cher Weise ein solcher von 10 Zeilen gelassen^ was nur zu dem Zweck der späteren Einlegung von Miniaturen geschehen sein kann. Dem- nach enthält Bl. 1' siebzehn, Bl. V u. Bl. 2* je achtzehn, jede der übrigen aber achtundzwanzig Verse. DRESDEN. OTTO MELTZER. (1") Van strite vnder en beiden Der strit was vngescheiden Du des malefer wart gewar Du begüde her uaste dar 5 Mit sine zu riten Di rotte teilte her witeu Mit vil vngeuügen streichen Wan des cruces ceichen Daz her sach di cristene tragen 10 Ir were vil van ime irslagen Groz was daz gedrenge Vn der strit uii crenge Den uachten di lantherren Sich begüden di rotte werren 15 Vndir einander vaste Der lantmä mit deme gaste (l'')Vä strite lidde groz erbeit Karkar mit dem vanen streit So wol daz ni ritter baz 20 Nimäues tat vor in maz Zu lebene her nicht gerte Mit spere uii euch mit swerte Beging her michel wunder Di cristene al bisunder 25 Nach prise vaste vachten Swo sich di rotte vlachten KunTg malefer dar hin rurte Die rotte her gar zu vurte Mit uii harte grozen siege 30 Di künde her vf di heidene lege Der lag da manig van im tot Nu dachte gamalerot Daz her ettewanne was Eyn heidene vn darvä genas 35 Swaz irlebete dannoch Der werde kunlg van marroch Her sprach la mich irwerben Daz di icht uerterben Di da noch sint lebende . . 40 Tote ich bin dir gebende Swes din lip nicht wil ipern Des wil ich allis dich gewern 56 BEUCHSTÜCKE AUS DEM EENNEWAET DES ULEICH V. TÜEHEIM. T< Wan daz du mich bescheidö mus In wilcheme sinne du daz tus 45 Daz sagich dir vil libe?- tote (l'')Da weiz ich wol daz si van gotc Alle meschen wordö sint Swi doch si ein vnderbint Vnder heiden | luden | ci"isten 50 Ob dl zvei leben wisten Wi suze cristen leben ist Si globeten alle ane crist ote la mich versuchen Ob der kunTg küne ruche 55 Daz her sich wolle tovfen lan Dar vme ich dich gebeten han Daz sich din zorn sol mazen Vn en daz leben lazen Ich wil dir des nicht versagen GO Ich wil si lazen vnirslagen Min vil herce liber tote Van ime schit gamalerote Hin da di heidene war5 (l'*)Vnvro an al irn harcn G5 Van strite wäre si gebüden Ir was vil tot der wunden Der woste nimau achte Nimä sich ir weren machte So groz was malefers sterke 70 Ein iklich heidene merke Wi stark ist der cristene got Daz sin gewalt vii sin gebot Ir schone hat gepflegen Daz irkeiner ist tot gelegen 75 Daz merkit alle gliche Beide arme vil richc Di da sin sarracine Wi wol kan got di sine Mit siner gute behuden 80 Ist v lip daz guden So hat ein ende dirre strit Di kör an vch beiden lit Wolt ir sterben oder genesen Der muz daz eine schire wcsen 85 KunTg van marroch dine wort Di han ich vil gerne gehört Mir ist geteilit vor ein spil Des ich daz weger nemo wil Ich sol losen min leben 90 Daz ich malefer wil geben Eigentliche mine laut. BL 2 (=Casseler Hs. BI Bruchst. BL 3, v. 308—336; v. 231) BL 199 d, 200 a. b., v. 1- S. 39 f. 47 ff.) (2") An der vrowen man do sach Schone clcider harte rieh Ich wolte alle wip han ir glich Di wer schone vn reine 5 Vii hettich si alleine Vn were gar ane vorchte Daz si ich ir eere intworchte 'u di vrowe gecleidit wart Der kunTg vä polipoliart 10 Sprach nu mogit ir schowe An dirre schone vrowen Daz si ist vz geschonet Vor aUe wip gecronet So stüden ander vrowe gnug 15 Der ettelich di schone trüg Di ein wip nu mochte nemeu D, , 372-— 373"— V. 1-31 = Nabburg. 32 — 102 = Münchner Hs. (cod. germ. -71 (Roth, Uolr. V. T. Rennewart etc., Nu küde ir gnuge des geceme Daz si sich wolde tovfen lan (2'') Der reine biscof iohan 20 San daz tovfen nicht vej-bar Hern merte gote sine schar Mit dissen reinen kiuden Ich muz der sage irwinden Wi di vrowen alle hizzen 25 Di sich da tovfen Kzzen Du der reine tovf geschach KunTg malefer du sprach Werder kunTg fausaserat Daz din lip gelobit hat 30 Herre daz soltu cechen Din gelobde nicht zubrechen Gedenke der geheize BRUCHSTÜCKE EINES PASSIONSSPIELES. S7 Der du passagueize Hast geheizzen vii ovch mir 35 Kunlg malefer waz ich dir Geheizen han daz sol gesehen Libe tochtej' ruch veriehn Daz du tus des ich dich bite Ich breche miner züchte site 40 Vater ob ich nicht tete Swes diu müt mich bete Ich weiz daz du mir gutes gas Vater swaz du irdenken kans Ich bin der daz gerne tut 45 Nu höre miner tochter mut Vil hoch gelobete malefer (2") Swaz ich an mine tochter ger Daz wirt betalle san getan Westu tochter daz ich dich han 50 Gelobet passagueize Nu solt dii min geheize Tochter vollenbrengin gar Bearosin di wol gevar Sprach vz irm müde rot 55 Libe bruder gamalerot Wi swigistu so stille Vn were ich secüdille Der vrücht hettich groz ere Van kunig te?ramere GO Ich wil passagvweizen ■" Neme vii nicht geheizen Ich weiz vej'war her ist der art Daz ni gesiechte hoher wart Gamalerot sprach swester 65 Keyn gewalt wart ni so vester Also den di minne vüret Swen ir gewalt geruret Der muz sin ir eigen Si kan hohen vn neigen 70 Gedanken vn sinne Swester iz sint dri minne Der sol zvo din herce mme Der dritten nicht gesinne Wan mit vügen daz ist gut (2'')75Derglosen kennet nicht din mut Di min müt gesprochen hat Sint din sin des nicht verstat So wil ichs dich bescheiden wol Din lip di mlne rainne sol 80 Di nicht vergat vii vmmer wert Din lip der mine hat gegert Daz ist der al di werlde pfligit Vri allö lute ane gesigit Der selbe minne soltu pflegä 70 Daz si nach eren si gewogen Si ist stete vn vnstete Volge nicht irme gerete Minne den du mine solt Darvmme ist dir di mine holt 90 Di da nümer kan vergan Den rat den ich han dir getan Den soltu rechte merke Vii in din herce Sterken Swester dich kan geceme 95 Daz du wilt gerne neme Den kimlg passagweize Der in al der werlde creizen Geheizen ist ein türe helt Du hast dir eine man irwelt 100 An deme uil ere lit Wizze swester daz mä im git Daz lop daz harte hohe wigit BRUCHSTÜCKE EINES PASSIONSSPIELES. Auf der inneren Seite des hölzernen Buchdeckels von dem Bres- lauer Schöppenbuche no. 2 (städt. Arch. 634) 1357 — 69 ist ein Blatt Papier aufgeklebt, das zwei Seiten aus einem Passionsspiele enthält (B'^ A''). Die ursprängliche Hs. war in Octavformat, doch ist der un- tere Theil des Blattes dadurch, daß der Holzdeckel zur Hälfte abge- 58 ALWIN SCHULTZ brechen ist, defeet. Nachdem ich das Blatt losgelöst, stellte sich her- aus, daß auch die beiden anderen Seiten (B^ A') beschrieben waren und zwar enthält B* einen ferneren Theil des Gedichtes, während A^ in der entgegengesetzten Richtung mit Fedei-proben ausgefüllt ist, Meynen loyllygen vndirtan Wyssentlych sey vch lyhyr herr kumtur (?) Adam sy pater est nobys sy syt mater eva Hodye heata vyrgo maria 'puerum yhesum praesentahat (?) Vser aller icerke yst ny . . . Dann ist quer die Figur eines Ritters mit der Feder gezeichnet, der zu Rosse im Costüm des 14. Jahrhunderts die Lanze wie zum Turnier vorstreckt. Zwischen den Beinen des Pferdes liegt eine zweite sehr roh angedeutete Figur. A^ ist sicher die letzte Seite des ursprüng- lichen Manuscriptes gewesen und daher auf diese Weise benutzt worden. Da das Blatt bei dem wohl bald nach 1369 erfolgten Einbinden des Schöppenbuches verwendet worden ist, so rührt es wohl aus einer viel früheren Zeit her. Der Schrift nach muß es in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden sein. Daß Papier so früh zur Anwen- dung kommt, braucht nicht zu befremden, da schon das älteste Schöp- penbuch von 1345 auf Papier geschrieben ist. Die Verse sind nicht abgesetzt, sondern nur hier und da durch Punkte getrennt. Ich gebe einen genauen Abdruck und habe selbst an Stellen, wo eine Correctur leicht wäre, den Text der Handschrift treu wiedergegeben*). B ^ Maria die it. Maria lybe mume myn Johannes lyber vi-unt myn lan den grosis wennyn syn 1 0 ich trösten dich gerne mochtes gesyn Johannes dicit. sint mich myn lybis kynt dyr Maria lybe mume myn bevoln hat du salt dyn weynyn lozyn syn zo wil ich volgen dynem rat 5 wen her mich dyr czu zone hot ge- beyde vru vnde spat gebyn Maria cantat. Vnd dich myr czu mutyr by synem Groser clage ist myr lebem. 15 owe leg ich vor dich tot zo salt du bilch volgen myr voter schepfer bist du myn vil lybe mume als ich wil dyr vnd ich dyn gebereryn *) Ich habe mir erlaubt, einige Verweisungen auf gleichlautende Stellen ande- rer Passionsspiele hinzuzufügen. Dies Fragment beweist aufs Neue, wie diese Spiele immer wieder auf Grundlage älterer Gesänge zusammengestellt wurden. K. B. 3— t = Mone 1, 33. Pichler S. 25. 33. 14 lies j;uV not. 14—17 = Pich- 1er S. 130. Germ. 3, 283. Mone 1, 33. BRUCHSTÜCKE EINES PASSIONSSPIELES. 59 Versus. Dyne wonden tun myr we myner clag ist dennoch me 20 daz du hercze lybes trut wedir mich nyth moht werden Versus. Owe wer hot syn sper her czu dir genegit 1 abse icht an erem herczen. lyden worden groze smerczen. ich geswige gotis zon ihesum crist. der von myr mensche worden ist. 5 ich se daz Wut hernydirrjTinen. daz benymmit myr myne synne Maria cantat. Hercze brich tot nu sprich vnd loz mich dyr volgyn. 10 der iuden kynt sere sint gar of vns irbolgen Versus. Hercze kynt dyne wangyn synt 15 der zo gar vorblichyn. dyne craft dyne macht dy ist dyr gar inswychjm Versus. 20 Valsche dyt du pruuist nicht waz syn gotheyt brengyt. allis daz syn ougyn ansya noch syne tode is ryngyt V ersus. Dy sunne bu-git eryn schyn 25 al der werlde gemeyne dy bebyt do si lyt of clibyn sich dy steyne Ih e sus cantat. Li 7)uinus tuas domine commendo Ihesus dicit. Vatyr in dyne hende 30 ich dyr mynen geyst sende — — von myr haben — — — armer m(ay)t als daz man von leyde sprichyt. daz ist myner leyde eyn wicht Maria cantat. Owe waz hat her getan 5 mocht yr yn nich lebynde lan. vnd nemt myr den lyp was sal ich vil armis wyp owe nu ist her tot nu womowyt sich myt') not 10 vnd myues herczyn bittyr clage. dy sycht meryt von tage') synt ich syn byn ane Maria dicit. Owe vnde owe. owe hüte vnd ymmyrme 15 owse iamirliche clage dy ich arme mutyr trage, von mynes lybes kyndes not daz do heyget ^) vor myr tot gecrucegyt alzo eyn dyp 20 her waz myn trut vnd myn lyp 18—21 = Fundgr. 2, 263. Germ. 3, 283. Mone 1, 34. 21 lies werden Mt. 22 fg. = Germ. 3, 286. Mone 1, 33. Pichler 34. Altd. Bl. 2, 374. 7—12 = Genn. 3, 286 ; vgl. Fundgr. 2, 271. Haupt 7, 549. 13—18 = Germ. 3, 283. Mone 1, 32. 199. Pichler 34. 23-26 = Germ. 3, 285. Pichler 32. 34. 26 Hes di/ erde bebyt. 4—7 = Germ. 3, 284. Mone 1, 199. Fundgr. 2, 263. 8—11 = Germ. 3, 285. 9 lies myn not. 11 lies von tage czu tage. 15—16 = Germ. 3, 285, Pichler 20. 17 lies henget. Pichler S. 35. 60 CARL SCHRÖDER nu zoyt alle dy martyr syn dy ym woren czart vnd dar. wy eyn crone doinnyu. syn antlicz ist czu .... gedruckyt ist durch syn hobyt daz nmcz ich arme . . . do wou ich arme byn betoubit — — — — — — 25 syn ovgyn synt vor vallyn gar. BRESLAU. ALWIN SCHULTZ. ZUM BRANDAN. Ueber das Verhältniss zwischen der niederländischen und der niederdeutschen poetischen Bearbeitung der Brandanlegende sind von je die Urtheile ziemlich weit auseinander gegangen. Während Willems (Reinaert de Vos p. XVIII) und nach ihm Blommaert (Oudvlaemsche Gedichten I, 91) und Koberstein (Grundriß I, 4. Aufl., S. 347 Anm. h) den niederdeutschen Text für eine verkürzte Übersetzung des nie- derländischen erklären, möchte nach Moues Vorgang Jonckbloet (Ge- schiedenis der middennederlandsche dichtkunst I p. 413) für das nie- derländische Gedicht ein hochdeutsches Original annehmen, und eine neuere Ansicht endlich lässt im directen Gegensatz zu Willems dem niederländischen ein niederdeutsches Gedicht zu Grunde liegen, 'welches in der That, wenn auch in späterer Überlieferung (bei Bruns, roman- tische und andere Gedichte in altplattdeutscher Sprache. Berlin 1798) erhalten ist.' (Martin in Zeitschrift für deutsche Philologie I, 162.) Diese Verschiedenheit der Ansichten schien gleichwohl so lange möglich, als eine eingehende Betrachtung der beiden uns überliefer- ten Gedichte nicht angestellt worden ist. Was zunächst den niederdeutschen Text anlaugt, so musste bei genauerem Zusehen die Wahrnehmung gemacht werden, daß eine An- zahl der schlechten niederdeutschen Reime bei einer Übertragung zu tadellosen hochdeutschen werden. Einige Beispiele: V. 15. sinne : wunne; mhd. sinne : winne. 160. s§de : clagede; mhd. sagete : clagote. hinderen : viuden; mhd. kinden : vinden. stempne : grimme; mhd. stimme : grimme. Avas : mat; mhd. was : maz. sit : sw(jtet; mhd. sitzet : switzet. lätet : gät; mhd. lät : gät. 27 Vermuthlich czuslagin, reimend auf klag in. V. 58. V. 248. V. 348. V. 460. V. 626. V. 660. ZUM BRANDAN. 61 V. 838. ovcrstegen : liggen; mhd. überstigen : ligen. V. 8G1. rü : bük*j; mhd. rücli : buch. V. 948. sagen : na; mhd. stdien : nähen. V. 1079. Ybernien : gerne; mhd. Iberne : gerne. Alle diese Beispiele sind ganz auffallend. Es kommt hinzu, daß der niederdeutsche Text nicht wenige Formen bietet, die im correcteu Niederdeutsch anders lauten sollten: V. 7. stat : gat; niederd. steit : geit. V. 75. kil : vil; niederd. vel. Vgl. v. 141. 475. 575. V. 385. gesach : bach; niederd. b^ke. V. 387. guldin : sin. Die Adjectivcndung w ist nicht nieder- deutsch ; wirklich steht auch v. 369 : gülden : sin ; v. 446 : vüren : sin. V. 391. sunne : brunne. Die niederdeutsche Form des letzteren Wortes bricht gleich darauf durch in v. 395: mel (1. melk) unde honnichsem dat üt dem hörnen vlot. an ver ende sek de hörne got. V. 471. das : was; niederd. dat: Avas. V. 924. nennest : kennest; niederd. nomest. V. 1067. besach : sprach; niederd. sprak. Endlich fallen einige Ausdrücke und Redewendungen ins Auge, welche, hochdeutschen Gedichten geläufig, im Gewände des Nieder- deutschen fremdartig klingen imd gewissermaßen maskiert erscheinen- Dahin gehört z. B. v. 872: dar stunden 6k clor schauwen • '" man unde frauwen, so wie nicht minder v. 1048 : dar vunden se enen schönen man, de was nä prtse icol gedän. — Auf solche Erwägungen gestützt, hatte ich schon vor mehr als Jahresfrist unternommen, noch mehr ins Einzelne gehend, die Ansicht zu begründen : daß der niederdeutsche Brandan eine Übersetzung aus dem Hochdeutschen sei. Daß ein solches hochdeutsches Gedicht exi- stiert habe, dafür gab es ein bestimmtes Zeugniss. Frisch nämlich in seinem Wörterbuch I, 342 unter gerhen führt aus einem 'Ms. vom St. Brandano' die Verse an: Er gerbete sich viel schone zu der messe vrone, — ein Citat, welches Bruns nicht entgieng und auch v. d. Hagens Auf- *) So, und nicht wie bei Bnins, sind die Verse zu theilen. 62 KARL SCHRÖDER merksamkeit erregte: letzterer fand eine Notiz, der zu Folge die Hs. in Berlin sein sollte, doch gelang es ihm nicht, sie aufzufinden (Lite- rarischer Grundriß zur Gesch. d. deutschen Poesie, S. 295). So durfte ich, als ich das Ergebniss meiner Untersuchungen in die Hände des Herausgebers dieser Blätter niederlegte, mich bei der Annahme beru- higen, daß die Hs. nicht auffindbar sei. Aber noch bevor mein Manuscript zum Drucke gelangen konnte, wurde mir die Nachricht, daß das in Frage stehende Gedicht wirklich erhalten und zugänglich sei, und zwar in einer Hs. der königl. Biblio- thek in Berlin (Ms. Germ. Octav. 56), welche als zweites Stück (fol. 13" — 50'') das Gedicht Von sente Brandan enthält *). Unter diesen Um- ständen könnte es scheinen, als seien weitere Untersuchungen über- haupt nicht mehr von Nöthen. Doch ist dem nicht so. Einmal lässt sich wohl für den Nachweis, daß der niederdeutsche Brandan aus einer hochdeutschen Quelle geflossen ist, eine erhöhte Wahrscheinlich- keit gewinnen, doch ist der Beweis nicht mit voller Evidenz möglich; und sodann gibt der Umstand, der mit Sicherheit festgestellt werden kann, daß wenigstens unsere Handschrift es nicht war, die dem nie- derdeutschen Bearbeiter vorlag, Anlaß zu Erörterungen über das Ver- hältniss der verschiedenen nunmehr bekannten Brandantexte. Die Berliner Hs., die Avir im Folgenden der Kürze wegen mit B, wie den in der Wolfenbütteler Hs. erhaltenen niederdeutschen Brandan mit W bezeichnen, hat einige einleitende Verse, die in W fehlen; dieselben lauten fol. 13"): Vornemet alle wie er vant Ein herre der was uz trierlant Vil manige gotes tougen Crist irluchte raines herzen ougen Vnde richte min gemute. Es liegt auf der Hand, daß hier gleich zu Anfang eine Text- verderbniss vorliegt : wenn die beiden ersten Verse einen genügenden Sinn ergeben sollen, so müssten sie mindestens umgestellt werden. Aber sie sind nur einem Missverständniss des ersten Abschreibers ent- sprungen: das ergibt sich aus dem Anfang des in der Comburger Hs. überlieferten jüngeren niederländischen Brandan (bei Blommaert a. a. 0. H p. 3): *) Ich bin fiü- diesen Nachweis Herrn Professor Zacher, für die Zusendung der Hs. Herrn Geh. Regierungsrath Pertü zu Danke verbunden. ZUM BRANDAN. Nu vcraeemt hoe over lanc Een beere was in Yerlant*), Die sach menich Gods teekijn. Interessant ist aber diese Corruption dadurch, daß sie uns ver- räth, wo der Absebreiber, der sonst im Allgemeinen sieb großer Cor- rectbeit befleissigte, die Heimat seiner Vorlage suchte, nämlich in Trierlant. Ich gebe nun im Folgenden zunächst eine Reihe von Stellen, in denen das niederdeutsche Gedicht an Unklarheiten, Fehlern und Miss- verständnissen leidet, die sich fast ausnahmslos aus dem hochdeut- schen Texte berichtigen und ergänzen; die Nutzanwendung ergibt sich von selbst. W. 63 In dinemnamen wileklieu varen dat ek erkenne den deel. dar tu gif mi snel dat ek ervuUe de willen diu. W. 78 alse om de here wisliken gebar. 6k let he vele dinges mäken darinne nä wislikem sinne unde ene capellen göt: sin hilgredöm darin he droch. W. 87 enen nam om got in der wise vor dem paradise. W. 108 do kemen se in grote not. en wölke sekin dem ostenuntslut unde van enander sek entgot, darüt so vor en der gröslik, dat was enem herte gelik. albernende ot vor on kam, B. 15* Nach diuen wunderen wil ich varn uncz ich irkenne etelich teil, nü verlie mir ouch daz heil daz ich irvulle den willen din. B. lö** der herre vil wislich gebar, wol getane vensterlin liez er machen darin, er liez ouch machen darinne nach wislichem sinne eine capelle schone genüc: sin heilictüm man darin trüc. B.16* den einen nam im got der wise vor dem vronen paradise. B. 1 6'' darnach nicht lange brächt sie in not ein tir daz was vreislich : einem trachen was ez glich, vorslinden woldez den kiel: im was der munt unde der giel *) Das von Bruns v. 19 gesetzte Jitlant steht nicht in der Hs., welche viel- mehr Irlant hat; ein später hineingerathener Strich, der mit einem t eine entfernte Ähnlichkeit hat, mag Veranlassimg zu der Lesung Jitlant gegeben haben. Beiläufig mögen hier noch die Stellen verzeichnet stehen, an denen Bruns falsch gelesen hat; v. 14 duchte dut vnmere ; v. 22 duchte di sin; v. 285 were; v. 337 ist ausgelassen: Got mote vns beide geleiden; v. 369. grünt; v. 531 bet für he, auch dies verschrie- ben für bek mhd. pech; v. 539 dochtest; v. 547 gestanden; v. 662 we für wir, das zweite nicht zu streichen; v. 680 vlogen; v. 687 dore; v. 739 so komen. vnscone ; V. 824 ist ausgelassen alsc des himmels trone; v. 875 scone ; v. 879 stunt ; v. 961 iuwe; v. 980 manklachter. 64 CARL SCHEODER encn draken ot in der stunde nam unde wantsekmit om in de lucht. tö godde se repen mit ganser vlucht etc. W. 123 darnä de hillige man each enen walt stiln gewassen up enem vische. dat wäter was gar riscbe. do se kernen in de have in des waldes auwe, se mfikeden dar en scone vur. de vraude was one dür, do de visch dat vur vornam, he one mit dem entkam, dut sach de hilge man, dat de visch unde de walt , one entkam also balt. küme he to dem kile kam unde sine brodere he mit sek nam. W. 145 dut mach en grot visch sin unde meniges däges olt er om gewassen is de wolt. W. 152 unde brochten se in körten stunden dat Se lant vunden dar se holden mochten an. W. 170 sunte Brandän sprak. de visch begunde gän to des meres gründe, do slügen sek de bulgen went se der not entvloten. mancher cläfter wit und breit, darnach quämen siein grözerleit: ein wölken in den lüften sich entsloz, von einander ez sich ergoz, darüz so vur ein tier grülich, daz was eime hirze glich : alburnende ez varende quam, den trachen ez zu der stunde nam, ez want sich in die lüfte üf. got riefen sie an der sie geschüf. B. 17" darnach sach der heilige man einen schonen walt vor im stän, der stunt üf eime vische. an eime wazzer rische daz in daz wilde mer ran, da hatte der visch in getan unde gewesen zwäi-e wol vier tüsent järe. do sie quämen an die habe, dö gienge sie alle abe in des waldes öwen. sie wolden holcz houwen. ir cleider sie üf hiengen, wite sie umme giengen. einen dürren boum sie vunden : do sie den houwen begunden, do gienc daz wilde lant sin wec hin alzühant, daz der vil heilige man den kiel küme wider gewan. B. 1 7'' diz mac ein visch vil wol sin der zühet dissen walt in. er was vil manges tages alt e im gewüchs der walt. B. n^ sie brachte in kurzen stunden da sie ein lant vunden unde sie haben mochten hän. B. 18* sprach sente Brandän als der visch begonde gän zu des meres gründe, do slügen sie die unde biz sie der not entvlozzen. gotes gute sie genozzen. ZUM BRANDAN. 65 W. 186 lange vor ot umme den kil. Brandän vel nedder up sine kni went dat de der vorswunden. W. 197 van dorste unde van bitte grot. sprak sunte Brandan liere got, over uns geit nü goddcs slach. W. 2 1 8 he let dat segel wenden Ute dem elende mit dem vorsegelden kile. der sele se dar v§le vunden de dar lepen umme unde repen lüde acli unde we. W. 234. dö rep dar en stempne lüt dat nü so wart gehört : norden up dem mere wende, dar sc got hen sende. B. iS"* lange vür ez um den kiel, sente Brandan der viel dicke üf sine bare knie biz daz sie daz tier verlie. B. 1 8^ von dorste und von hitze not. waz mac diz wesen, hcrre got sprach der vil heilige man, : der gute sente Brandan. ein sele wider in du sprach 'alsus sei wir diz ungemacli liden biz an den jungesten tac. über uns get nü gotes sl.ic. B. 1 9^ er hiez dö umme wende viz so getanem elende " ■ mit dem virsigelten kil. der seien was da gar vil die um den se liefen, owe wie lüte sie riefen. B. 19'' in anrief ein stimme lüt, daz der wise gotes trüt norden üf daz mer wente, _. da, in got hin gesente. wan ein stein liget darinne, der betrübet manches sinne: swaz isens da bi queme, ' /// . •. daz er daz al zii im neme, ez müste ouch immer da bliben. . , I dö begonde sie ein wint triben nordenthalb verre genüc. kegen einer steiuwant daz mer in trüc. W. 282 up dem sulven stene dar sat en minsche allene, en clüsener vmde rü dat lic was. wü he dar komen were, vraofede sunte Brandän. W. 283 got het mi dat här tö euer bede geven. W. 295 nü nene minschen stempne lur wen allene de stempne dine. GKKMANIA. Neue Reihe IV. (XVI. ; Jahrg. B. 20^^ vif dem selben steine saz ein mensche aleine: rüch als ein ber der was.. , ^ der üf dem wizen steine saz, der was ein clüsenere. wannen er dar kumen were, . des vrägete in sente Bj-andän. B.21'^got der hat mir daz här zii "einer wete gegeben. B.21*mc keines menschen stimme ie dan dine aleinc, hcrre, hie. 5 66 KAEL SCHRÖDER W. 305 do wan ek to wive miner suster live. W. 354 der bösen sprak en to om. W. 379 dat se des lechten däges nicht mochten sen vor düsternis. W. 396 an ver ende sek de borne got. in dem säle weren 6k vif hundert cedren bome gut. den monniken wart gar gut ore möt, van denne se kärden ungeme wedder. me kerde den sal mit päwen vedderen. boven under dem dake dar weren alle gemake etc. W. 448 sin swert was bret undelang. Elias sprak : 'wil gi mit mi gän ?' W. 453 de porten sloch he nä om to. W. 499 vil scher wart en schin unde worden gelöst van der sorge pin. darnä en stempne om to sprak : 'wat witestu mi, Brandän?' W. 558 me hörde dar jämer clägen van den de dar vorsegelt wären, se grepen up de kile. de döden begunden to ilen al de dar legen sachhaftich. de düvel kam unde was creftich etc. B, 21*do gewan ich zu wibe die mine swester liebe. B. 22* der bösen einer sprach im zil : du hast diz wol vernumen nü. B. 22'*daz sie des clären tages liecht vor vinsternisse gesägen nicht. B. 23*. . . daz an vier enden sichergoz. von dem selben brunnen haben die würze saf gewunnen die got liez gewerden ie. in dem sale wären hie vumfhundert sidelen gut. den munchen allen wart vrö der Taut, von dan sie ungerne wider karten, von pfäwen gevidere was in dem sale obene daz dach, da was inne allez daz gemach etc. B. 2 4* daz swert daz was breit und lanc. Hellas sprach: nümitmirganc . B. 2 4* die pforte slüc er dräte zu. dannen hüben sie sich nü. B. 25*vil schire wart in schin darnach wie ein stimme wider in sprach : 'waz wizestü mir, Brandän?' B. 25'' man hörte jämer unde clagen von den die da versigelt lägen, die grifen an den kielen üf die töden vielen al da sie lägen scharaft. ouch quam der txivel mit grozer craft etc. W. 594 de möt van vrauden släpen. B 26** der müz von vreuden släfen durch not. von den kumt mancher in den tot. W. 607 he sprak, he wolde se leren etc. B. 26''er hiez sie dar keren. er sprach, er wolde sie leren etc. W. 622 des mach ome wol vordreten: B. 27''daz ez in wol mac verdriezen. ZUM BRANDAN. 67 du scoldest di darane vliten. di is unse let so lef, du nemest uns den t6md§f de dar hinder sek sit unde van verebten swetet. de monnik lach in sorgen, he hadde sek hinder om vorborgen, de düvel en glöendieh most dröcb, de was lang unde swäre noch, he warp den mast an den kil de swerliken nedder vil. des soldestü dich nicht vliezen. dir ist unser leit zu lib. du nemo uns ouch den zoumdieb der hinder dir da sitzet und vor angeste svvitzet.' der munch der lac in sorgen, er hatte sich verborgen under einer kielbanc, die wilc düchte in eines järes lanc. daz er in so sere vorchte, des spotte der verworchte: ein glüende masse er trüc. die was swere und gröz genüc, er warf die masse an den kiel, der munche gnüc nider viel. Der unglückliche glühende Mast! Auch Cholevius in seiner Ge- schichte der deutschen Literatur nach ihren antiken Elementen 1, 169 sagt: die 'Teufel werfen wie der Cjclops einen glühenden Mast nach dem Schiffe um es zu zerschmettern.' Die glüende masse aber unseres hochdeutschen Textes beruht auf der lateinischen Legende: portans . . . massam igneam. Jubinal la legende latine de S. Brandaines p. 4L Auch dem Schreiber von W scheint der Mast nicht unbedenklich ge- wesen zu sein: er schrieb einmal most und einmal mast. W. 6 54 de monnik de in der helle Wesen was, tö sunte Brandäne he sprak. W. 731 up anderhalve dem stene was ora so bete, dat he nergen hadde hulpe. sus was ot om to bete unde to kolt. B. 28' der munch der in der helle e was, zu sente Brandän sprach er daz. B 31^ anderhalb uf dem steine was im so heiz daz er bran. nicht beschirmes er me gewan wan ein wizez tvvelelin, daz hielt er stetelich vor in und slüc die hitze von im dan. ein schür die viel in eben an, die was heiz unde kalt. W. 7 50' des bin ek vorlorn dat ek on hän vorkorn. nü enhebbe ek nummer nene gnade. 6.32"^ des hän ich \nl sere entgolden: wen dö mich rüwen solden mine sunde uz der mäzen groz von der wegen ich got verlos, in einem zwivel ich da besaz: mir geriet der tüvel daz daz ich mir selbe tet den tot. des milz ich immer liden'not. 5* 68 KARL SCHRÖDER W. 776 he nam dat hilgedom to sek linde wolde merken de tit: al se gingen imde bededen sere. W. 786 du vellen se al ilt dem gliile, dar stank swefel unde bernde viir alse stro. het ich gehabet rüwe, got der ist so getrinve, er hette mich entphangen drat. alsus enwirt min nimmer rat. B. 33^dö hiez seute Brandän daz heihctüm hervur nemen, wen die tüvele dar quemen, daz sie ez sehen offenbaren, als die tüvele kumftic wären, do kos er im die rechte zit: er gienc durch sin gebet besit. B. 33^dö viel in allen üz dem giele pech rouch als ein nebel, darinne gar burndez swebel. alsus daz glüete äne zil: wä ez üf daz mer gevil, da brante daz wazzer alse stro. W. 812 unde let upten dat s^gel wentdatse vorlornden hellewech unde den rechten gank koren. W. 826 unde lit darumme da dat it den luden si ungelik. hadde se de wiut dar nicht hen slagen etc. W. 840 lintworme unde dräken de dar von dwanges wegen säten unde hodden de porten. W. 878 nicht schinen konde ist reimlos. B. 34^* do hiez der gute Brandän sine segel üf zihen sän biz daz sie den hellewec verliiren imde rechten ganc irkurcu. B. 35* und ist gelegen hirumme da daz ez den lüten were unkunde, und betten sie die wilden unde nicht so hin geslagen etc. B. 35^1intwurme und trachen die von getwanges sachen da hütten der pforten. B36''küme schein üf die erde. under deme boume werde etc. es fehlen 16 Zeilen. W. 900 unde kranekeshelse(so dieHs.) B. 37^crancheshelse, menschliche brüst, unde minschen brüst, sie hatten richtüm nach irre last : de richteden sek nä orer lust. sidiu was ir gewete, Brandän bat to gode tröst etc. ir ieglicher hete ein hoinin bogen in der heude. in dem grözen elende bäten sie daz sie got tröste etc. W. 1021 we kernen up dem wege iip ene borch de het Luprie, B. 45^ man sagete uns vif dem wege al des berges gelege ZUM BRAND AN. 69 dar worde we eutfangen ge- meine etc. W. 1037 he sprak: 'de di dofte unde makcde van Sunden reine, , der sulven bin ek eue.' W. 1058 de nacht wart nü so dunker, he sehen lechte also de dach alse uns secht de scrift daraf. . he dröch an sinem live cn himmet wit van siden van schönen beiden gemäket. unde wie er hieze Lüprie. als wir dariif solden gc, wir worden entfangen gemeine etc. B. 45'' er sprach : 'der dich rif Luprie toufte unde machte vrie von suuden unde reine, der paten bin ich eine.' 6.48" ez enwart nie tac so tunkel, er müste Hecht da von entpfän. die nacht wart ouch irlüchtet da van, als uns die buche schribe. er trüc an sime libe einen pelz von hermelin so er beste mochte sin. die stüchen wären im wit, darüber ein cleit von samit von schönen bilden gemachet. W. 1079 hen tö hus tö Ybernieu. dar were ek van herteu gerne." dö sede he one ore tökumpst. 'uns helpe Christus de ewige got, he bescherme' etc. B. 48'' hin heim zvi Ibcrae, da were ich vollen gerne zu miner geistlicher diet. dö ich zu jungest von in schiet, dö sagete ich in miue zükumft siderc. des helfe uns got hin widere unde beschirme etc. W. 1119 de sulven elende geste unde bunden one al vaste. dö kemen tigen one bi'ödere mit crucen gangen de se Icfliken entfengen. dö sprak en stempne goddes tigen den hilgen man etc. B. 50* die selben elenden geste bunden den kiel veste. daz buch "trugen sie mit in hin. da quamen gegangen kegeu in ■ ■'■ vil der brüdar diesieentphiengen unde mit den crucen kegen in giengen. dö sprach die gotes stimme dö zu dem heilinren manne so etc. W. 1128 wen du hir nicht lenk machst bliven 60 scaltü vären in dat rike min. B. 50*^80 des nicht me muge sin so vare in daz riche min. W. 1149 unde sin möder Maria dat we de ewigen vraude be- sitten hir nä etc. B. 50'' unde sine müter Marie die suze waudels vrie daz wir da mit witzen müzen die vreude besitzen etc. 70 KARL SCHRÖDER Die hier beigebrachten vergleichenden Beispiele liessen sich ohne Mühe noch erheblich vermehren, doch werden sie schon genügt haben, jedem Leser den Eindruck zu machen, daß der niederdeutsche Brandan eine verkürzte Bearbeitung eines hochdeutschen Textes ist, und daß diese Verkürzungen fast durchweg mit außerordentlicher Plumpheit, mit größtem Ungeschick vorgenommen sind. Dabei werden wir allerdings bekennen müssen, daß an einzelnen Stellen das niederdeutsche Gedicht richtigere Lesungen und bessere Wendungen hat. Richtig ist z. B. in W 581: van den engelschen tungen gegenüber der unsinnigen Le- sung von B 26*: von engestUchen zungen\ ebenso darf getrost B 47'' : er solde daz riche da verstän nach W 1054 in richte geändert wer- den. Auch stehe ich nicht an zu sagen, daß mir W 749: den Johan- nes doße weit mehr zusagt als B 32*: der sich durch uns toufte, und daß ich es keineswegs für glücklich halte, wenn B 36** schreibt: da stunden euch durch schowen pfaffen unde vrowen gegenüber man unde frauwen W 873- Daß es nicht B war, aus der W übersetzte, ergibt sich aus dem Umstände, daß B eine Lücke hat, die sich in W nicht findet, und zAvar ist diese Lücke der Art, daß nicht etwa in B ein Blatt heraus- gerissen wäre; vielmehr findet sich mitten in der Erzählung in B 25' ein Sprung, den der Schreiber nicht markiert hat, und der im unver- kürzten niederländischen Brandan (Blommaert I, 106) von v. 889 — 942 reicht, also 54 Zeilen umfasst. Wenn die Vorlage von B dasselbe For- mat hatte wie B selbst, so wäre das gerade ein Blatt und dürften wir also annehmen, daß in der Hs. von der B abschrieb, entweder ein Blatt ausgerissen war oder daß der Schreiber beim Umschlagen statt eines gleich zwei Blätter umschlug. Es war also, wie gesagt, nicht B die Vorlage von W, und es ist mir in hohem Grade wahrschein- lich, daß diese Vorlage überhaupt in einer andern, einer oberdeutschen ]\Iuudart geschrieben war. Reime, wie im niederd. Gedicht v. 252 u. 432 lecht : nicht' v. 622 vordreten : vlitenj v. 1011 rike : Grekeriy V. 1 1 26 hlr : si geben zwar keine genügende Anhaltspunkte ; sie ent- sprechen hochdeutschen Reimen Hecht : nicht, verdriezen : vUzen, rtche : Kriechen, hie : si, Reimen wie sie auch der mitteldeutsche Text liebt. Der Reim i: ie ist zahli'eich belegt gleichmäßig für die baierisch- österreichische, wie für die alemannische Mundart (Weinhold bair. Gr. §. 90. Alem. Gr. §. 40) und ist auch dem Mitteldeutschen geläu- fig; die Schreibung ^ für ie ist zwar im Bairischen selten und eignet mehr dem Alemannischen (Alem. Gr. §. 40. 123), aber allerdings eben- ZUM BRANDAN. 7] falls dem Mitteldeutschen. Was ferner v. 460 toas : mal, v.'471 das: xoas betrifft, so setzen dieselben hochdeutsches: loas : mäz, daz : loas voraus, welches wiederum im Baierischen ungewöhnlich (Bair. Gr. § 151), im Alemannischen häufig ist (Alem. Gr. §. 188) ; ebenso findet sich diese Bindung im Mitteldeutschen und speciell die Hs. B kennt keine strenge Unterscheidung von s und z, sondern setzt Beides willkürlich. Aber es sind noch andere Einzelheiten, die uns zwingen, die Heimat der Vorlage von W in Oberdeutschland zu suchen. In W v. 55 und 208 ist nämlich sande stehen geblieben: die niederd. Form ist sunte, die niederländ. sinte, unser mitteld. Text schreibt sente, also auch eine Form, die dem Niederdeutschen mehr homogen ist, sande aber oder sante ist oberdeutsch. Das in v. 23 erhaltene froide für sonstiges niederd. vraude würde zwar allgemein auf alemannische, speciell aber noch auf elsässische Mundart weisen (Alem. Gr. §. 69. 138). Die un- sinnige Schreibung v. 288 got het rai dat här to ener b^de g^ven ist nur erklärlich durch die Annahme, daß die Vorlage für toaete, wete ein verhärtetes bete schrieb, eine Schreibung, die zwar vorwie- gend der bairischen Mundart eignet, aber doch auch alemannisch hin- reichend belegt ist (Alem. Gr. §. 155). Entschieden hochdeutsch ist W 826 Itt für niederdeutsch licht -^ diese Stelle ist dadurch besonders wichtig, daß B 35' nicht Itt hat, sondern ist gelegen] lit für liget soll zwar nach Mhd. Wb. I 986" ganz allgemein sein, doch s. Weinhold Bair. Gr. § 51. Entschieden alemannisch aber sind Reime wie v. 56 u. 930: Brandan : vornam ] v. 222: kam : an; v. 707: man : nam; s. Alem. Gr. §. 203; alemannisch endlich v. 476 noch für noch niederd. nä, so wie r. 739 komen (kernen bei Bruns) für kämen niederd. kernen oder quemen, s. Alem. Gr. §. 124. Es erübrigt noch, auch dem älteren niederländischen Gedicht et- was näher zu treten und es auf seine Quelle zu untersuchen. Was Mone und Jonckbloet auf die Vermuthung brachte, daß dem Bearbeiter des niederländischen Brandan ein hochdeutsches Ge- dicht vorgelegen habe, waren hauptsächlich die ungenauen Reime. Es ist freilich dem niederländischen Text gegenüber einigermaßen schwie- rig, eine Untersuchung auf die Reime zu gründen, denn der Bear- beiter verfügte über eine bedeutend größere poetische Gewandtheit als der Niederdeutsche. Dennoch bietet das Gedicht (bei Blomraaert a. a. 0. p. 100 — 120) eine Anzahl charakteristischer Reime, die 72 KARL SCHRÖDER :einen Schluß auf eine hoclideutsche Vorlage gestatten. Dergleichen Reime sind: V. 330. 1767. wonder : comraer; mhd, wunder : kunder. V. 372. 1293. armen : ontfermen; mhd. armen : erbarmen. V. 680. 708. doncker : carbonkel; mhd. tunkel : karfunkel. V. 948. besinghelt : ghelinget ; mhd. besenget (versenget) : gelenget. V. 1110. zee : eer; mhd. se : e. V. 1215. alsoe : hoghe; mhd. also : ho. V. 1345. Avert : vaert; mhd. wart : vart. V. 1587. porten : worden; mhd. porten : werten. V. 1735. brande : scipmanne; mhd. bran : schifman. V. 1751. buuc : ruut (?); mhd. buch : ruch. V. 1755. ghesetten : ghewettet; mhd. gesetzet : ge wetzet. V. 1787. nummes : kunnes; mhd. nennest : kennest. V. 1831. geest : wits ; mhd. geist : weist. V. 1855. 2027. sach : sprac ; mhd. sach : sprach. V. 1867. Keerst : bist; mhd. Krist : bist. V. 1875. Kerst : es ; mhd. Krist : ist. V. 2053. wijt : sint; mhd. wit : sit. Besonders beachtenswerth ist der drei Mal (v. 748. 1305. 1969) vorkommende Reim ticivel : duvel, beachtenswerth deshalb, weil ein alemannisches üvel : zwlvel (bei Hugo v. Langenstein; s. Mhd. Wb. III 42") nachgewiesen ist. Au alem. Verwandlung von m in n erin- nern ferner Reime wie v. 498 vian : nam\ v. 878 inne : stemme; mhd. inne : stimme'^ v. \Q)H scone : home etc. Die niederländischen Literarhistoriker sind darüber einig, daß der niederl. Braudan noch dem 12. Jahrhundert angehöre. Dieser Annahme würde die Wahrscheinlichkeit, daß das niederl. Gedicht aus einer hochdeutschen Quelle geflossen sei, nicht entgegen stehen. Wer- fen wir noch ein Mal einen kurzen Blick auf unser mitteldeutsches Gedicht. Die Hs. B gehört der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, aber das Gedicht ist ohne Zweifel sehr bedeutend älter. Niemand wird sich der Wahrnehmung verschliessen können, daß zAvischcn den Legenden des 12. und denen des 14. Jahrhunderts ein sehr merklicher Unter- schied ist und zwar namentlich in formeller Beziehung. Im Gegensatz gegen die Rohheit der Verse und die Unbeholfenheit des Ausdruckes, welche wir in den geistlichen Dichtungen des 12. Jahrhunderts finden^ sehen wir im 14. Jahrhundert eine große Sorgfalt auf die Form ver- wandt, die sich nicht selten bis zur Zierlichkeit steigert. Es wäre auch in der That erstaunlich^ wenn das Beispiel der höfischen Sänger an ZUM BRÄNDAN. 73 den dichtenden Geistlichen ohne sichtbare Spnren vonibergegangen wäre. Der mitteldeutsche Text, wie er uns vorliegt, gibt allerdings Zeugniss von einer ziemlichen Gewandtheit in der Behandlung des Reimes, aber die ursprüngliche Rohheit der Form hat er doch nicht verwischen können. Man betrachte z. B. Verse, wie die folgenden, die wir aus einem verhältnissmäßig kleinen Räume ausheben: B 42^ ich enkan in nicht gehelfen als ich solde. 42'' des vreuwete sich des guten mannes sin. 48" durch mme sunde die ich hän getan. 48'' do sageto ich in mtne zükumft sidere. 48'' den ich vor dem paradise verlorn hän. Alle diese Verse gehören entschieden der Verskunst des 12. Jahr- hunderts, und zu demselben Ergebniss gelangen wir, wenn wir den niederdeutschen Reim v. 81 gut : droch in mhd. gut : truc übersetzen oder wenn wir aus den niederländischen Reimen von 450 deghen : sevene; v. 4bA: gliedreghen : raven \ v. 1082 deghen : hescreven-j v. 1841 oghen : gheloven usw. auf mhd. degen : sihen (sehen), getragen : rcdien, degen : geschriben, ovgen : gelouhen schliessen, gleichfalls lauter Reime^ die im 12. Jahrhundert nichts Auffallendes haben. Fassen wir das Bisherige noch einmal kurz zusammen, so ergibt sich als sehr wahrscheinlich Folgendes: das mnl. und das mnd. Ge- dicht sind nicht eines aus dem andern geflossen, sondern beide leiten ihren Ursprung aus einem hochdeutschen Gedicht her. Dieses hoch- deutsche Gedicht war vielleicht in alemannischer Mundart geschrieben; über seine Entstehungszeit können bestimmte Angaben nicht gemacht werden^ doch kann es recht wohl dem 12. Jahrhundert angehören und wurde sehr früh ins Niederländische übertragen. Wann die nie- derdeutsche Bearbeitung entstand, ist mit Sicherheit nicht anzugeben; der Zustand, in dem uns das Gedicht überliefert ist, spricht dafür, daß es schon durch manche Schreiberhand gegangen war, ehe es im 15. Jahrhundert in die Wolfenbütteler Handschrift gelangte. Über das hochdeutsche Gedicht hinaus eröffnet sich aber noch eine neue Perspective, die freilich nur in sehr nebelhaften Umrissen erscheint, über die aber doch vielleicht ein Wort gesagt werden darf Die Handschrift B stammt, wie wohl aus dem häufigen Vorkom- men des apokopierten Infinitives geschlossen werden darf, aus der Gegend des jNIittelrheins, etwa vom rechten Ufer des Untermains. Sie Aveiter östlich zu setzen, scheint bei dem überwiegenden Gebrauch von e statt des md. i in Endungen und Vorsetzpartikeln und bei der ver- bal tnissmäüia; seltenen Schreibunsr vor- fiü' ver- nicht thunlich. 74 KARL SCHRÖDER Dagegen verdienen einige Formen Beachtung, die über das Ge- biet des Mitteldeutschen hinausreichen. Dahin gehört z. B. der Reim sägen (mhd. sähen) : jagen 36* ; auch außerhalb des Reimes, gesägen 22''. herre reimt auf ere 44', auf sere 46*; herren : Teeren steht 37'. Sehr auffallend ist der Reim entpfän : da van 48''. Rechnen wir noch hinzu mehrfaches o für u wie orteil, rohm, o für ü in nor, so erscheint die Vermuthung gerechtfertigt, daß sich B einer niederrheinischen Vorlage bediente, und da, am Niederrhein, dürfte denn auch wohl der Brandan seinen Ursprung haben. Die Brandanlegende nämlich ist sowohl was den Stoff als auch was die Heimat anlangt, so zu sagen eine Zwillingsschwester des Tundalus; beide in Irland entstanden, beide inhaltlich nahe verwandt. Die natürlichen Verbreiter der irischen Legenden waren die Schottenmönche^ die schon seit der Zeit der Christianisierung Deutschlands am Nieder-, wie am Oberrhein ihr We- sen trieben. Nun wohl: vom Tundalus besitzen wir niederrheinische Bruchstücke*), die ins 8. Decennium des 12. Jahrhunderts gesetzt wer- den und die in formaler Beziehung eine augenfällige Ähnlichkeit haben mit dem mitteldeutschen Gedichte; der Gebrauch lateinischer Wörter, wie munda Syon und multum bona terra B 35* ist dem Sinne des niederrheinischen Dichters nicht fremd, der auch zahlreiche latei- nische Worte einfließen lässt. Wäre es denn seltsam, wenn in den Kreisen, in denen die niederrheinischen Bruchstücke entstanden, auch der Brandan einen Bearbeiter gefunden hätte? Daß die Zeit für der- artige Stoffe empfänglich war, zeigt das Beispiel des Alberus, dessen Tundalus auch noch ins 12. Jahrhundert fallen dürfte : warum sollte nicht auch der Brandan schon früh seine Reise rheinaufwärts ange- treten haben? Dann könnte man freilich sagen: wenn es einen alten niederrheinischen Brandan gab, so lag es den Niederländern wahrlich näher, sich den ihrigen an der Quelle selbst zu holen und nicht erst auf Umwegen zu beziehen. So vernünftig das wäre, so steht doch ein- fach das entgegen: die Geschichte der Dichtung geht gewiss immer den Weg, der durch die Summe der Verhältnisse geboten ist. Dieser Weg mag uns Heutigen nicht immer der kürzeste scheinen: Aufgabe und Pflicht der literar-historischen Forschung ist es, nicht eigenmäch- tig einen Weg zu construieren, sondern nur den Spuren des alten We- ges sorgsam nachzuforscheii und da, wo dieselben erkennbar werden, einen Merkstein zu setzen. LEIPZIG, im December 1870. KARL SCHRÖDER. *) Lachmann in den Abhandlungen der Berliner Akademie 1836 p. 161 ff. 75 MAKGARETHA VON SCHWANGAU, Es ist bekannt, daß eine Frau des Oswald von Wolkenstein Margaretha von Schwangau war, die er in vielen Gedichten feiert. Allgemein wird angenommen, daß sie die erste Gattin unseres Dich- ters war und er sich später mit Anna von Ems vermählte. StofFler sagt in seiner Beschreibung von Tirol II, 1032: seine zweite Haus- frau hieß Anna von Embs. B. Weber schreibt in der Einleitung zu Oswalds Gedichten S. 15 : „Er schritt bald darauf zur zweiten Ehe mit Anna von Embs, welche ihm ebenfalls mehrere Kinder gebar", und in seinem Werke: Oswald von Wolkenstein imd Friedrich mit der leeren Tasche S. 393: „Seine Gemahlin Margaretha war während seiner Abwesenheit in Deutschland voll Gram und Herzeleid ge- storben. Seine zahlreichen Kinder bedurften einer Mutter um so mehr, je weniger er im unstäten Leben gelernt hatte, für die Kleinigkeiten des Haushaltes und der Erziehung unmündiger Kinder zu sorgen. Er vermählte sich bald nach seiner Ankunft in Hauenstein mit Anna von Ems, welche ihm einen Sohn Friedrich und zwei Töchter gebar, wo- von eine, Maria^ uns später noch einmal begegnen wird. Kein einzi- ges Lied Oswalds thut derselben Erwähnung. Das veranlasste einige wolkensteinische Geschlechtsforscher mit Unrecht, die Ehe selbst zu bezweifeln. Gabriel Buccellini hält sie für Oswalds erste Gemahlin und Hormayr*) ist ihm hierin gefolgt. Nach der bisherigen Erzählung ist diese Annahme schon von selbst widerlegt und der verlässlichste, von Engelhard Dietrich, erstem Grafen von Wolkenstein, verfasste Stammbaum stimmt mit uns ganz überein." Ein von Herrn Grafen Leopold von Wolkenstein mir übergebener Stammbaum nimmt auch Margaretha als erste, Anna als zweite Frau an. Ich folgte in meiner Abhandlung: Oswald v. Wolkenstein, Wien 1870, S. 3 und 39 ff. dieser Annahme, muss aber dieselbe nun berich- tigen^ denn der um die Erforschung tirolischer Geschichte hochver- diente P. Justinian Ladurner fand im gräflich Trappischen Archive zu Churburg eine mit den Siegeln Michaels von Wolkenstein und seiner Mutter Margaretha von Schwangau versehene Pergamenturkunde *) Horraayr sagt: „Seine Gemahlinnen waren Anna Gräfin zu Hohenems und Margaretha von Schwangau." Tiroler Merkwürdigkeiten II. 12-2. 76 IG. ZINGEELE die sicherstellt^ daß Margaretlia ihren Gemahl Oswald überlebt habe. Sie lautet: Ich Margret von Wolkenstain geporn von Swanga, herrn Oswalts saugen wittib und ich Micliel von Wolkenstain, thumher zu Brixsen, bekennen offenleich mit diser zedl, das wir unserm lieben sun und brueder Oswalten von Wolkenstain das geschlos zu Hawen- stain ingeantwurt haben mit sambt dem zeug und hausgerecht an stat uns und unser sün und brüder Gotharts Leon. Fridreichs. Item am ersten ein roten seiden polster und zwair rote sei- dene küß. Item ain kölnischen polster und vier kölnische küß und dreu klaine küß. Item ain türkisch geslagen messer. Item zwai silbrein schalen. Item zehen pett klain und groß. Item zwen haidnisch tebich. Item ain wülfein pelz. Item ainleft schaffeine decken und ain kitzene. Item ain neues tischtuch und drei genatte hanttucher und fimf werchen hanttucher. Item vier par alte leilacher herweiner und sex par Averchainer leilach. Item ain guts decklach und zwei leichte decklach. Item neyn ereiner häfen. Item ain rost und ain dreifuß und ain pratspiß und ain prantraid und sex pfannen pos und gut. Item ain mörser und vier groß kessel und zwen klain. Item vier haben und dreu gutte peck und ain poß peck. Item drei new kandlen aine von vier massen, aine von zwaien massen und aine von aiuer maß. Item zwo alte maßkandlen und zwai trinkenkändl und ain zwimässige kandl und aine von dreien massen. Item ain große zinein flaschen und zwo große hulzin flaschen. Item sex panzer und sex hunczkappen und vier schm-z und zwai kragl. Item ain mailaudisch platten und zwohalb die vodertail und ain plecli mit einem rugken und ain sponäröl. Item zwen pärt und ain paingewant und zwai helmlin und vier- zchen par armrör und ein englisch hauben und zwai klaine spauaröl und zwai mäusel. MARGÄEETHA VON SCHWANGAU. 77 Item ain hauben mit einem visier und zwo sezaläden für filr- völlen imd fünf swarz sezaläden. Item sex eisen liuet und fünf haubl. Item sex par plechhäntschuch. •' - Item fünf lidrein platten und zwo ungrisch tarschen. Item zwen vendscliild und fünf pererspies eisen. Item ain türkischen hutt und zwen türkisch scliuch uüd zwo vischein hosen und zwen strober schuch. Item ain türkischen und ain ungrischen kolben und zwen tür- kisch Sporen und ain türkische ioppen. Item acht raisspieseisen. Item dreissig armbrost mit der eiben. Item ain winden und drei swäbisch krappen und zwen schlecht krappen und drei leiter-ki-appen und zwen mit ringen. Item siben prait spangürtl und zwo swäbisch gürtl. Item zehen new hantpuxen und neyu alt hantpuxen und zwo' schermpuxen und siben stainpuxen und ain eisne stainpux mit einem hacken. Item zwelf kalbvel und dreuzehen kiczen rauschvel und ain halbe hirschhaut und drei ganze stuck geprochens leder. Item ain ganzen schusterzeug und v stückl leder. Item siben eisenstangen. Item zwen ochxsen gedigens fleisch imd vierzehen viertail sweines fleisch und zehen smerlaib. Item ains und vierzig pfunt unslit und vierhundert imslitkerzen. Item drei kästen mel und zwainzig star salz. Item acht targen und zwen ceuten käß. Item rörnabiger imd zwo sagn und vier zimmerhacken und sust vil zimerzeug. Item drei krieg- und sex groß lange sail und ain ledreiue stricken. . • , • \ ,: , ' , ' •. _ ■:.„ Item ain maurerzeug. Item ain smitzeuo-. Item ain leck mit pfeil und tausent pheileisen. Item ain puttreich mit swebl und ain lidrein sack mit salitter. Item ainleff wurfkegel und zwai pleierne platten und ain viertail. Item sex und zwainzig ster waiz. Item fünf vas alts weins. Item zwei vas esseich. 78 A. T. KELLER, KLEINE BEMERKUNGEN. Item ain kufkar und zwen große laur. Item vier raisspies und fanf zuecket spies und zwen pererspiea und ain lanzen, ainen väleßsatl. Item und sex küe. Das Datum der Urkunde fehlt, sie wird aber bald nach Oswalds Tode (2. August 1445) gefertigt worden sein. IG. ZINGERLE. KLEINE BEMERKUNGEN. I. Heinrich Steinhöwel. Der Name Steinhöwel wird G. 14, 411 mit ce geschrieben; öw ist aber als Diphthong = öu oder =: öiau zu betrachten, sonst könnte nicht später ei (Steinheil) daraus entstanden sein. Ich habe dies in meiner Ausgabe des Decamerons S. 673 ausgeführt. Dort finden sich auch weitere Nachweisungen über das Leben des denkwürdigen Mannes. IL Das Wort Hien. In dieser Zeitschrift XIII, 160, wird nach der Bedeutung von verhiede gefragt. Hien ist futuere ; Mtät schon ahd. opus gignendi (Graff 5, 334) ; der vorMgede schalk ist also foutu coquin ; verMter zers aber nicht, wie Germ. 15, 79 steht, castratus, sondern eher das Gegentheil. Es sind auch nicht wie Schmeller und Höfer a. a. O. thun, mehrere Worte darin zu suchen. Die Grundbedeutung mag reiben, ficken sein ; dann 1) wie ficken (Grimms deutsches Wörterb. 3, 1618) = inire; 2) allgemeiner = belästigen. Grimmeishausen 2, 66: 'Was geheite «s mich?' 2, 367: „ich geheie mich nichts darumb." Grimmeishausen empfand noch die Obscönität des Wortes. 1, 1109: „Das Wort Gehay ist bei uns Teutschen so verhasset, daß sieht ein ehrlicher Mann schämbt außzusprechen, und wann es jemand ungefähr im Zorn oder sonst entwischt, so wirds einem vor eine schändliche Red ge- rechnet; dahero es etliche verzwicken, wenn sie es jemand also nach- sagen: Was geschneids mich?" So gebraucht es Grimmeishausen selbst 2, 46. Die Deutung, welche im deutschen Michel (1, 1109 f.) weiter von dem Worte gegeben wird, ist so unrichtig, wie die mei- HERMANN KURZ, FISCH ART IN TÜBINGEN? 79 sten Etymologien jener Zeit. Heute ist denn das Verständniss des Wortes im Volke so sehr verschwunden, daß es in Schwaben obwohl sehr häufig, doch als ganz unanstössig, selbst von Frauen unbedenk- lich gebraucht wird, im Sinne von beunruhigen, kränken, reuen. 3) Schwab, gheien heißt aber auch werfen, näu gheien = zu Boden werfen. Granz in gleichem Sinne ward das französische foutte für eine energische Bewegung gebraucht. Hiernach ist wohl zu berichtigen, was Schmeller, bayr. Wörterb. 2, 132 ausführt. In der Verbindung ungeheit ist un- verstärkend, wie in Unkosten, Unthier, Ungethüm u. dgl. Schmeller 1, 73. A. V. KELLER. FISCHART IN TÜBINGEN? Schon Uhland hat in seiner Einleitung zum glückhaften Schiff (die so eben im neuesten Bande seiner Schriften von W. L. Holland herausgegeben wird) die genaue Bekanntschaft Fischart's mit Wahr- zeichen und Eigenheiten zu Tübingen auffallend gefimden, und Wacker- nagel in seiner nachgelassenen Schrift „Johann Fischart von Straßburg und Basels Antheil an ihm", S. 16, spricht geradezu die Vermuthung aus, „daß er selbst auf einige Zeit da Student gewesen." Wacker- nagel eröffnet diese Schrift mit der Entdeckung, daß „Joannes Fischartus Argentoratensis" im Jahre 1574 zu Basel Doctor beider Rechte geworden, und bei dem Fehlen des Namens in der Universi- tätsmatrikel, während doch „die frühere Ordnung keine Promotion außer nach vorheriger Aufiaahme in die Matrikel gestattete", schließt er, es sei wahrscheinlich, ja es habe „seine volle Gewißheit", daß unter einem „Johannes Piscator Argentinensis"^ den er im gleichen Jahre immatriculiert fand, niemand anders als Fischart gemeint sein könne. Wenn dieser Schluß nichts gegen sich hätte, so wäre Fischarts Aufenthalt in Tübingen, und zwar ein langer Aufenthalt, von 1566 bis 1571, durch dortige Urkunden nicht weniger als halbdutzendfach be- zeugt. Denn „Joannes Piscator, Argentinensis" steht unter dem 3. Mai 1566 in der Universitätsmatrikel und unter dem 11. August 1568 im Magisterbuche der Artistenfacultät ; am 12. August 1567 hat er der (dritten) Hochzeit des Crusius als Ehrengast angewohnt, und vom gO HERMANN KURZ 27. September 1570 bis zum 7. Februar 1571 ist er dessen Kostgän-' ger gewesen. „Postea Cinglianus. 78."' hat Crusius zu seinem Namen im Magisterbuclie geschrieben, und da just im Jahre 1*578 Fischart im Con- cordienformelstreite die Partei Johann Sturm's gegen Pappus nahm, so läge es nahe, in einen Irrthum zu verfallen, wenn nicht eine andere Aufzeichnung von Crusius diesem Irrthum vorbeugte. Jene Magister- promotion ist ihm nämlich so denkwürdig gewesen, daß er ihrer auch in seiner Chronologie gedenkt, mit den Worten: „Aug. 11 Lieblerus 19 Magistros fecit inter quos erat Joan. Piscator Argentinensis et- Aegidius Hunnius, quorum hodie, ille Caluini, hie Lutheri sensum sc-. quitur." Hier werden deutlich zwei Theologen einander entgegengesetzt und eine Nachforschung auf theologischem Gebiete ergibt denn auch sogleich den seinerzeit berühmten Theologen Piscator von Straßburg, der in Tübingen studierte, später jedoch, 1574, von Tübingen aus in Straßburg wegen verdächtiger Gesinnung gegen die Ubiquität denun- ciert, durch Verfolgung auf die reformierte Seite getrieben wurde, den nachmaligen Urheber der s. g. Straf-mich-Gott-Bibel. Da diesem ge- rade im Jahre 1574 der Schutz des akademischen Bürgerrechtes von Basel füi* einige Zeit erwünscht sein konnte, so dürfte er wohl mit dem Piscator der Basler Matrikel identisch sein. Jedenfalls ist es nicht wahrscheinlich, daß Fischart bei seiner Inscription den gleichen Namen mit einem damals bereits bekannten Theologen geführt haben sollte, und sein Fehlen in der Matrikel beruht nun wohl auf einer in den alten Ordnungen nicht eben seltenen Inconsequenz. Die hohe Schule von Basel verliert nichts hiebei; denn die Ehre, dem Pflegevater der Geschichtsklitterung den Doctorhut aufgesetzt zu haben, bleibt ihr ja unverkürzt, und auch die Nachweise, die Wackernagel für Basels wei- teren Antheil an ihm gibt, sind nicht bloß durch die bis an das Grab unverwüstliche Geistesfrische des Abgeschiedenen bestehend. Ein unmittelbares Zeugniss, daß Fischart zu irgend einer Zeit in Tübingen gewesen, findet sich bis jetzt nicht vor. Dagegen wird man in den von Adalbert v. Keller in der Universitätsbibliothek ent- deckten, und im Serapeum (VIII, 202) bekannt gemachten Autogra- phen ein mittelbares Zeugniss für die Anwesenheit des vielgereisten Mannes mit einiger Wahrscheinlichkeit erblicken können. Diese drei Bändchen der Histoire de nostre temps, in welche sich Fischart je auf dem Vorblatte mit der Jahreszahl 1567 als Professor eingeschrie- ben hat (auch die drei I. F. A. auf den Titelblättern stammen ohne Zweifel von der gleichen Hand), sie sind in ihrer äußeren Erschei- nung sozusagen gar nicht weit her und können also, da sie nicht FISCHART IN TÜBINGEN V 81 etwa in späterer Zeit als Rarität erworben wurden, nur um 1567 oder verhältnissmäßig bald hemaeli mehr oder weniger unmittelbar aus der Hand des Besitzers in die (damals bereits vorhandene) Universitätsbiblio- thek gekommen sein. Auswärts sind sie nicht gekauft; die Bibliothek war überhaupt damals nur auf Geschenke angcAviesen (Klüpfel Gesch. d. Univ. Tübingen S. 496); Ankäufe von Bibhotheken, die das Werkeheu zufällig hätten mitbringen können, haben erst zu einer Zeit begonnen, in welcher die Einzeichmmgen Fischart's doch Avohl sogleich erkannt worden Avären, nämlich erst im gegenwärtigen Jahr- hundert; und die freiherrlich v. Gremp'sche Bibliothek, dci'en Grund- stock zwar 1586 aus Straßburg kam (jedoch in ganz anderen Einbän- den als diese drei Scharteken), ist vom Anfang an bis zu diesem Tage von der großen Bibliothek abgesondert aufbewahrt worden. Die natürlichste Annahme also, Avenn man sich die Herkunft dieser ur- sprünglich werthlosen Kostbarkeiten nicht auf eine mehr oder weni- ger gewaltsame Art erklären Avill, scheint doch wohl die zu sein, daß deren Besitzer einmal länger oder kürzer in Tübingen geweilt und bei seiner Abreise das Stückchen TagesHteratur, sei es als Geschenk, sei es als herrenloses Gut, zurückgelassen habe. Eine Begegnung mit einer Tübinger Persönlichkeit übrigens, und zwar mit der weiland bedeutendsten jener Tage, muß für Fischart fast so gut wie unvermeidlich gewesen sein. Merkwürdig ist es schon, daß er und Frischlin ihre Schriften gegen den Convertiten Rabe gleichwie in ausgesprochenem Einverständniss schrieben: doch schrie- ben sie sichtbar unabhängig von einander, wieAvohl Fischart auch hier wieder einige Vertrautheit mit Tübinger Verhältnissen zeigt. Aber Frischlin kam ja per tot discrimina rerum 1584 — 85 nach Straßburg, wo er Fischart's Schwager Jobin zum Verleger gewann: Angesichts der Bedeutung dieses Schwaben, mit welchem er bereits einmal con- spiriert hatte ^ welchen auch der edelgesinnte, versöhnliche Sturm in Straßburg unterzubringen suchte, ist Fischart von seinem nahen Amts- sitze Forbach aus der freilich nur auf wenige Jahre beschränkten Verbind,ung gewiß nicht fremd geblieben. Wir können hier eben nur ganz dämmerhaft in litterarische Beziehungen blicken, die zu ihrer Zeit wohl einen volleren Tag hatten: — und so mag nebenher bei dieser Gelegenheit die Vermuthung auftauchen , daß Frischlin dem fa- mosen ersten Faustbuche, das 1587 bei seinem damaligen Frankfurter Verleger Spies herauskam^' vielleicht auch nicht ganz fremd ge- bheben ist. HERMANN KTJl«. GüRUANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahr^. (j 82 JANTON BIRLINGER KLEINE BEITRÄGE VON ANTON BIRLINGER. I. Zum wälschen Gast. In des bekannten Zweib rückener Botanikers Hieronymus Bock (Tragus) großem über 400 Blätter umfassenden Kräuter- buche, Straßburg, durch Josias Rihel 1560, heißt eine Stelle der Vor- rede also: „Man halts darfür und dringen auch die geistliche Leut hoch darauf unud wollen das die bilder unnd das gemäls seien der Ein faltigen Leyen schrifft: das müssen wir gestehn, sonderlich wann die kanzeln und die Predigtstül stumen werden, das sie von der waren geschrift nichts wissen oder nichts wissen wollen." Das vergleicht sich der Stelle im w. Gast. 1103 — 1106 der pffijfe sehe die schriff an: so sol der ungelerte man diu hilde sehen, $it im niht diu schrift zerkennen geschiht. 2. Zq Meier Helmbrecht. 35 und öfter daz liin entspricht genau dem alera. gupfe. Vergl. mein Augsb. Wb. 317": ranchloch lynhutt vel fewerloch, foramen. Cgm. 685. f. 55". Fuligo ruß um lynhutt f. 68''. Es ist der Kaminmantel unter hüt verstanden. 153 gnippe ist das neuhochd. Kneippe. Vergl. Hildebrand im D. Wb. V, 1404 ; und meine Sprache d. Rotw. Stadtrechtes. Sitzungs- berichte d. k. b. Akad. d. W. 1865, II, 1. Anhang 49. 415 giselitze. Das in Dilingen zu Anfang deslß. Jahrh. gedruckte Kochbuch bairischen Idioms (nicht schwäbisch) von Staindl bringt unsere vielbesprochene Speise Giselitze auch. Bl. 44'' heißt es: G ayßlitzt zu machen „Laß ein habern zermalen: nit zii klein, nym dan ain urhab, das waich ein, wie zu ainem brot, darnach du vil machen wilt und mach ain dumpfei an, bis sich erzaiget seurlacht, so geuß dan ain Wasser darein, riirs wol durcheinander und blaß mit den henden auß, so bleibet das dünn im wasser; dann so seuchs schön und kalt ver- hilt: das ist. nun die Gej/ßlitzt."' KLEINE BEITRÄGE. 83 3. Her Hüc von Werbenwäc. Dieser Minnesänger war bisher nur in einer zu Ettlingen 1263 ausgestellten Urkunde nachgewiesen; vgl. Bartsch, Deutsche Lieder- dichter S. XLIX. Er kommt aber schon 1258 in einer Hohenberffer Urkunde vom 2. September mit seinem Bruder Albert vor: Alberthus miles de Werhemcag et Hugo miles, frater suus (Monum. Hohenb. Nr. 39, S. 21). Ferner in einer Urkunde, durch welche sein Bruder Albert zu Gunsten des Klosters Kirchberg auf seine Rechte an den demselben geschenkten Gütern verzichtet, als Hugo ah Werhemcag (ebend.Nr. 52, S.32). Im Kirchberger Copialbuch steht unterm 24. Juli 1268 : Älbertho et Hugoni militihus de Werhemcag (ebend. Nr. 53)^, und noch am 16. März 1279 (ebend. Nr. 101). Er scheint das Ende seines Lebens im Kloster verbracht zu haben, denn a. 1292 finden ' wir er- wähnt einen frater Hugo de Werhemcag monachus in 8alem (ebend. Nr. 132). 4. Felix Faber. Pupikofer schreibt in seiner Veste Kyburg (Mittli. d. Antiq. Vereins in Ziü'ch, XVI, 2, 2) den Namen Felix F ab er, S. 42 (33), nicht F a b r i. S. 44 (36) erwähnt er L'lrich S c h m i d, Oswald S c h ra i d als Vögte von Kyburg und Züricher. Ferner S. 49 (41) : „Der Nach- folger Schwends in der Vogtei Kyburg war Oswald Schmid, ein Ge- schlechtsverwandter des früheren Vogtes Uh'ich Schmid, hiemit, unge- achtet Kyburg wieder österreichisch geworden war, abermals ein Zü- richer. Er war ein Oheim des Felix Faber (Schmid), dem wir die Geschichte Schwabens und in derselben mancherlei schweizerische Nachrichten, auch über Kyburg, und überdies eine sehr lehrreiche Reisebeschreibung nach Jerusalem, auf den Berg Sinai und nach Egypten verdanken. Nicht undeutlich gibt Faber auch zu verstehen, daß er in seiner Jugend durch diesen Oheim wesentlich gefördert wurde. Er verwaltete bis 1466 das Amt." Ebenso XVI, 2, 4, 108 Felix Faber; desgleichen Mone Zeitschi-ift für Geschichte des Oberrheins 8, 125 und oft, Feyerabend, Ottobeurer Jahrbücher II, 22 ; und V. Weech, Zeitschrift für den Oberrhein (23, 39). 5. Zu den Volksbüchern. 1. Schwäbisches Zeugniss. „Ich muss darüber lachen und hätte nicht gemeint, da(j man von einem Gelehrten anstatt der Sprache daneben doch nicht nndewtli- 6 '■■' 84 ANTON BIRLINGER chen Zierlichkeit einen deutschen Hochzcitläder- oder Leichenbitter- stilum fordern oder von ihm gar prätendiren sollte zu schreiben, wie vor einigen seculis der Amadis aus Graecia, der hörnerne Seyfrid oder der Froschmeus el er ihre Schriften stili- sirt." Neue Beschreibung des zu Göppingen gelegenen uralten Sauerbrunnen, herausgegeben v. Rosine Lientillo, verlegt von Seitzen Chir. und Badmeister. Stuttgart, M. Müller 1725. 8. (Streitschrift.) S. 45. — Ebendaselbst S. 77 steht: „Wann man sich selbsten mit Gewalt ein Fieber an den Hals zwingen wollte, wie könnte man seinen Zweck leichter erhalten, als durch solche veritable Eulenspiegels- touren." 2. Elsässisch. Der Schlettstadter Gelehrte Gregorius Rippel schrieb ein Buch „Alterthumb, Ursprung und Bedeutung aller Ceremonien, Gebräuchen und Gewonhciten der heil. kath. Kirchen — Straßburg, Lerse 1723. S. 555 steht: „Ich laß aber gelten, gesetzt die Bücher der Macht- haber seien nicht cauonisch, so seind sie dannoch keine Fabelbü- cher oder Eulenspiegel, sondern glaubwürdige Historibücher." 3. Niederrheinisch. Aus dem Buche: „Predicanten Latein, das ist 3 Fragen allen genannten evangehschen Predicanten — oftmals aufgegeben — Ge- stelt durch Hermannum Josema — durch Johannem a. Werda. Colin. B. Wolthers 1608." S. 12: „Er habe sein Kirchen in allen Landen gewiesen, da er doch nit ein einigen Calvinisten oder Calvinische Ca- pell vor Luthers Zeiten gezeiget. Vergleicht sich hierin gar'wol mit dem Abentheurischen Eulenspiegel, welcher auf solche weiß etliche blinde Bettler betrogen, die von jm ein Almosen begert. Gehet hin, sagt er, da habt ihr etliche Gulden, verzert sie in meinem Na- men. Die Bettler bedanken sich, gingen hin und zechten lustig drauf. Da es nun an ein Zechtzaleu kam , sucht einer bei dem andern daß Eulenspiegels Geld, finden aber nichts, denn er jnen nit ein Pfenning geben, sonder sich nur angestellt und mit Worten hören lassen als ob er juen etliche Gulden dargereicht und geschenkt hätte. Also rühmet sich Christmann Eulen köpf, er und die Seinen haben aus der Schatzkammer der heil. Schrift stattliche Argumenta herfür- "•ebracht." — S. 73: „Wann du Christmann den Eulen Spiegel oder Finkenritter veränderst, wirst du darob zum Antichrist? Dann ich KLEINE BEITRÄGE, 85 sehe: unser Kalender und Eulensp iegel seind bei dir eins Tuchs und Schmers." — Ein Fridrich Kiviandts in Düsseldorf schrieb ein kleines Schrift- chen: „Der bellende Hund, so die irrgehende Schaf aufsuchet" 1752. Dieses volkstümliche Ding enthält S. 16 die Stelle: „Hat der Calvi- nische Glaub vielleicht zwischen Himmel und Erde geschwebet wie ein Paradiesvogel oder hat ergewohnetin dem beschreiten Schla- raffenland, allwo die Htiner Lobbenkräg tragen?" S. 19: „Wie da? sollte die wahre Kirch Christi 1000 Jahr lang das For- tunatushütgen aufgehabt und sich unsichbar gemacht haben?" Folgendes Buch 4. : „Van Arnt Buschman un Henrich sym alden vader dem geyst, eyn wonderlich myrakel, dat geschyet ys yn dem land van Cleve by Düyßberch zo Meyerich — „Servais kruffter (sieh Germ. XI, 411 ff.) — enthält als Schluß eine Notiz über Tundalus. Id is noch ein ander boich gedruckt geheisscn Tondalus ein Rytter, der was dry dag doit vnd quam weder zom leuenn, da vil yn beschreuen steyt van den pynen die dye arme Selen lyden ym fegefuyr und in der hellen, euch wat grosser freuden dye Selen liaiut, die selich synt ym ewigen leuenn. also dat dit boich Ai^nt Busman vnd Ritter Tondalus seer nae öuer eyn dragen vnd meu hait sy gern by einander." 4. Von den sieben Schwaben. Ich lese in dem von einem Augsburger Dominicus Maier a. 1717 und ff, Jahren aus Peru an seinen Bruder geschriebenen Missions- briefen, die a. 1747 vom Neffen Homodeus Maier herausgegeben wor- den sind unter dem Titel „Neu aufgerichteter Americanischer Maier- hof-' usw. Folgendes, was für das Volksbuch der 7 Schwaben nicht unwichtig ist. „Unter disen, schreibt Maier (in Turkuman) 2 Europäer — ein Niderländer und P. Henricus Cordele, ein Böhm; beide eines zihm- lichen ehrwürdigen Alters ; der letstere, dessen Haupt völlig mit Schnee bedekt wäre, doch aber noch sehr gute Spezies von Teutschland, be- sonders von Schwaben hatte, gestalten er als Knab zu Regensbui-g sich in studiis aufgehalten, fragte mich gleich unter anderem: ob noch wohl in Schwaben jene 7 Bauern anzutreffen, welche sich mit gesamter gcAvaffneter Hand wider einen Hasen ge setzet, deme ich seltzamc Nachricht ertheilt, wie auch andere Sachen, so er von Europa zu wissen ver- langet." 86 ANTON BIELINGEE 6. Sprichwörter und sprichwörtliclie Redensarten. 1. Die alten weiber sprechen also: Dost, Harihaio vnd iveisse Heydt Thuot dem texiffel vil leidt. Hieronymus Bock, Kräuterbuch. Strßb. 15G0. Josias Rihel. Bl. 26^ 2. von disen Graßkrenzen (römisch) haben wir noch ein Sprich- wort in Festo Pompejo das heißt herbam dare, das krenzlin überant- worten oder wie wir Teutschen sagen: das helmilin gehen, das ist : er sol mein meister und herr sein. Ebenda 254*. 3. Gemelte schwemme verwelken unnd verdorren im meyen, werden affter der Zeit im ganzen jar nit mehr gesehen. Dannenher ein Sprichwort auffkommen : du icechst und nimmest zu toie die morchel m meyen. Ebenda Bl. 346\ 4. Vil Wort füllen den Sack nicht, sondern die That. Neueste Be- schreibung des Saurbronnens zu Jebenhausen — v. Brebiß. Rothen- burg a. T. Millenau 1723. S. 7. 5. Doch sol dieses hierbei unerinnert nicht lassen, daß man auch nicht denken soll, als wenn in der kurzen Zeit, da man die Kur gebraucht, alle Beschwerlichkeit auf einmal Abschied nehmen müsse oder man hernach es auf den alten Kaiser wieder anioagen dürfe.^ Ebenda S. 158. 6. Milch, Käß und Butter kommen von einer iliwiter. Ebenda S. 147. 7. Was das Bad bringet, das nimmt es auch loieder himveg. Seitz, Göpp. Saurbronnen 1725 S. 129. 8. Der gute Göppinger Brunnen hat eben nicht allemal das Leberle gefressen. Das Göpp. Bethesda v. M. Makowsky, Nördlingen 1688. S. 54. 9. Ich rieht man bliebe bey dem Wein und, ließ das Wasser Wasser sein. Ludwig v. Hörnigk. 37. Frage. Ebenda S. 127. 10. Böser Vogel, böses Ey und wie der Niederländer sagt : Quat Ey quat kuiten. Predikantenlatein 1608. Colin, Wolthers S. 27. 11. Ist eben Gurr als Gaul, Viehe als Stall, faid Eyer und stinkende Bottev gehören zusammen. — Ebenda S. 30. 12. Ins Lügen hast du dich geioehnt, gleich icie die Atzel in das Hü- llfen. Ebenda S. 31. 13. O, die legen auch ihr Gelübd Avie man pflegt zu sagen, in die lange Truhen. Imhenhofer Mirakelbuch 4. 1659, S. 205. KLEINE BEITRÄGE. 87 14*). Hingegen ist es ein breuclilich Sprichwort: Gemein ist selten rein. Vorred. Wer hoch ist, der feit gmeinlich hoch. S. 39. Nun sag ich dir in wahrer Trew, zu vil ist bitter, was es sei. Ein Ring von Eysen der zerspringt, s(4 jemand jhn mit G'walt anzwingt. Kein G'walt ist bleiblich, sag ich dir, G'mach reichen thut wol, das glaub mir. S. 75. Der Heyd sagt, das der sei ein Laur der nur das Süß will, nit das Säur. S. 80. Weil niemandt mehr des Fewrs begert dann welcher mit dem Frost beschwert. S. 109. Du soltest besser sehen zu Nit bschliessen wan fort ist die Kuh. S. 110. Was wir begynnen geht zurück, es stieß uns umb ein müde Muck. S. 124. Grecht ist der Mann, welcher sein Recht gibt jedem an. S. 137. Eein will kurtzumb rein g'halten sein. S. 156. Man sagt das sey eine böse Kuh, die d'andre nit laßt kommen zu. S. 195. _ ; - . , Ein Ordnung band der Ketten ring, wer will mag drauß ver- stehn vil ding. S. 197. Wer Honig sucht, der hat die Gfahr, das ihm der Imb stech auf das Haar. S. 108. Ja welcher fischen will, der muß Netzen im Wasser seinen Fuß. S. 109. Ein großen Schatz verbirgt man nit, das jeder mit dem Fuß drauff tritt, a. a. O. *) Das Buch, dem die folgenden Spriclivvöi-ter entnommen sind, das ii;h noch öfters erwähnen muss, hat folgenden Titel: Der Eitter Gottlieb, daß ist ein geistliche ganz lustig und Läßwurdige Hystoria von dem edlen Eitter Theopliilo zu teutsch Gottlieb genannt, wie er von dem Gottgyrey daß ist, einer jeden recht christ- lichen Seel, zu trost jlu-er Seligkeit mag gesucht und gefunden werdn. Von einem Hocherleuchten Gottseligen ungenampseten Mann vor vil Jahren zusammen getragen, aber anjezo in Teutsche Rithmos gebracht durch den Ehrwürdigen und Hochgelehrten Herren Dr. Franz Beeren, Administratorn S. Authonien Hospitals zu Ysenheim Ca- nonicmn der Stift Thann im Obern Elsaß. Lesen vud nit verstehen Ist gleichsam müßig gehen. Getruckt zu Brunntrut durch Johann Schmidt. MDXCVIII. kl. 8. 88 ANTON BIRLINGEß, KLEINE BEITRÄGE. ' '"■ Also bscliiclit,^wann man einen ReyfF au ß steckt^ so ist umb Wein ein G'leuff. S. 328. Es ist ein Sprichwort, das ist wahr, wer wol sitzt, sey nit wan- delbar. S. 331. 7. Mundartliche Pflanzennamen. Folgende Notizen entnehme ich dem bekannten Kräuterbuche H. Bock's (Tragus) aus Zweibrücken, Straßburg 1560. Josias Rihel (2.) Coriander nennt man auch Coliander. Die alte Weiber im Bis- tumb Metz heißen ihn Anis. El. 47". — Die Genßhluomen nennet man im Bischthumb Meintz St Joliannishluomen. Im Bischthumb Metz Trier und Speier nennen sie die Weiber Kalbsaugen. 52^. Zu Hildebrand im D. Wb. 5, 59. — Die Weiber im Wormhßer und Meintzer Bisch- thumb geben dem Gewächs (Streichblume) kein andern Namen dann Steinlilnmen und Streichblumen. 55''. — Dürrwurz und Flöhkraut, die man auf dem Gate Speirer Bischthumb Dürrwurz oder Donderiourz nennt. 61". Zum D. Wb. II, 174. — Spargen nennt man im Gaw Teufelsdrauben 82''. — Im Gaiü (Rheingau) nennt man diß Kraut (Nachtschatten) GenßfUssel 112", dann bei uns im Westerich nennt man die Günsel mit den bloen Bluomen Braunellen. - — Dagegen nennt man die braunen Binomen im Elsaß die rechten Braunellen. 1j5*. — Das erst und weiß Nürnbergisch Augentrost nennt man im Waß- gau Teufelshlumen 121\ Das (sog.) süß Kreutlin im Westerich Knaioel genannt. 145". — Wild-Ängelica: das wild Unkraut in den Gärten nennt man Hinfuoß und im Westerich Witschen^lewetsch. Fladert hin und her wie Quecken. 156% — Meisteriourz wachset auf den hohen Waiden, umb Tühingen nennt man sie so. 160\ — Die andern (Erd- beeren), halb rote Beeren nennt man umb Speier Harheeren, der rau- hen, harechten Blätter halben und Hättelheeren. 186\ — Das lassen wir anstehn vud sagen, das der Weyssen im Elsaß als die allerbreuch- lichst und edelst Frucht Korn genannt wird. 237''. — Gleich wie die Elsäßer den Weyssen und die Westericlier den Speltzen und Dinkel Korn nennen, also thut mau mit dem Rocken 241". — Hasenbrot: di?ix\xmh daß solche Körnleiu stets weben und zittern, nennt man es auch im Gau Zedern] an etlichen Orten Juugfrauenhaar, dann die Meidlin liabcu ihre Kurzweil darmit. Im Odenwald und über Rhein sagt man (leui Gras Hasenörlein, im Westerich Hasenbrot. 251". — Die vierten (Hyazinthen) mit den purpurfarben holen ghickliu nennt man im Beier- land Sewzwibeln, sagt Herr Jörg Ocllinger und wachsen in den Ha- K. E. H. KRAUSE,' KLEINE MITTHEILUNGEN. 89 berfeldern im Beierland; die Sew thuon diesen Zwibeln fast gedran^. 288''. — Am Rheinstrom nennt man die Goldköpflin Sckabenkraut oder Mottenhraut. 341^ Gelegentlich bemerke ich, daß H. Bock stets Germania sagt. Unser Origanum und Dosten in Germania ist ein wolriechendes, lieb- liches Gewächs 13'\ — Den wilden Satumy hab ich in Germania nit gesehen 17". — Rosmarin ist zweierlei in Germania 20". — Die recht wild Raiit ist in Germania nit vil gesehen 25*. — Vom Kraen oder RappenfüÜlein, dasselbig kreutlin aber ist noch nit so gar inn Germania kunthar 36\ — Es haben on Zweiifel inn Germania nit vil Apoteker das Recht gesehen. 74''. — Den 4 nachtschatten hab ich in Germania noch nit gesehen, da ich solchs schreib 112". — Ein Ge- schlecht der Grosseiheeren hab ich wargenommen in Germania und fast gemein umb die statt Ti-ier 359". KLEINE MITTHEILUNGEN. 1. Zu den deutschen Monatnamen, Die deutscheu Monatnamen des Lüneburger Kalenders von 1480, die ich in Wolfs Zeitschr. f. d. M. 2, 293 mittheilte, sind dort durch 4 Druckfehler entstellt, deren Verbesserung Herrn Professor Weinhold gerade zugehen sollte, als dessen treffliche Arbeit *) über die Monat- namen schon fertig die Presse verliess. Erscheint der Stoif darin auch so gründlich verarbeitet, daß nur geringe Nachlese übrig sein wird, so erlaube ich mir doch die Namen jenes Lüneburger Kalenders von 1480 hier noch einmal aufzuführen, um sie richtig zu stellen, nament- lich den dmxh Druckfehler entstandenen "^nundeman' ^) auszurotten. Sie lauten: Wolghebaren, Horningk. Mertze. Appril. Mey. Brakman. Hoyman. de Jmndeman. Heruestman. de Satliman. Winterman. Cristman. Wo der niederdeutsche Kalender gedruckt ist, war nicht zu er- mitteln, Bruchstücke davon sind eingeldebt innen auf die Bauddeckel verschiedener Theile der Incunabel Nr. 39 der Bibliothek der ehema- ') Die deutschen Monatnamen von Dr. Karl Wein ho hl ord. Professor an der Universität zu Kiel. Halle 1869. 8. ') Weinhold 1. c. S. 20. 46. 51. 90 K. E. H. KRAUSE ligen Rittcrakademie zu Lüneburg^), die sich jetzt auf der Universi- tätsbibliothek zu Göttingen befindet, die Monatsnamen stehen auf einem der Deckel von Tora. IV. — Ob der Hundemonat von der Zeit, wo die Hündin läufisch wird*), seinen Namen hat, möchte doch fraglich sein, da die Hündin bekanntlich zwei solcher Zeiten im Jahr hat. J. Grimm dachte (brieflich) dabei an die Hundstage, in denen auch ich den Ursprung des Namens suchen möchte. Ein Computus, in den Einbanddeckel der Mss. Nr. 14 derselben Bibliothek^), jetzt auch in Göttingen, eingeklebt, hat neben dem De- cemher das Bild eines Schioeines, was zu 'swynemaen' Weinhold p. 58 zu vergleichen sein möchte; der jetzt verstorbene Auditor Möhlmann, der lange Zeit am alten erzbischöflich-bremischen Archiv zu Stade ^) beschäftigt war und eine Menge Handschriften gesehen und copiert hat, versicherte mich, dies Bild komme neben dem December in alten Computis viel vor; es ist gewiß auf die Hauptzeit des Schweine- schlachtens zu beziehen, (vergl. Slachtmant. b. Weinh. p. 54) wie der Name 'Kalvermaen' für Januar (1. c. S. 47.) auf die Hauptzeit des Kalbens der Kühe geht, um Lichtmessen, natürlich nur da, wo die Thiere noch den freien Weidegang gehen. Im Göttingischen entspricht die Kalbzeit des Februar dem Austrieb im Mai. Zum Sylter hunger- Tnuun (1. c. S. 46) stellt sich der Stader Name Hunger Vierteljahr, Jiun- gertyd, füi' die Zeit von Ostern bis Johannis, wo die alten Vorräthe verzehrt sind, und die neuen noch nicht anwuchsen. Der Name *0«- senmaen' für Oktober (1. c. S. 51) hängt wohl mit den um St. Gallen- tach, 16. Oct., herumliegenden Viehmärkten zusammen, zur Zeit des Endes der Fettwfeiden. In einer Handschrift der Rostocker Universitätsbibliothek finde ich folgende niederdeutsche Monatnamen: de hartman. de hornung. der meHze. der april. der mey. der hrachman. der hoyman. der austmon. heriiestman. der tvindeman. lüintermon. ivluemon. Mit Ausnahme von 10. und 12. entsprechen diese Namen der von Weinhold S. 20 aufgestellten sächsischen Reihe; 8., 11. und 12. wird in der Handschrift mon, die übiigen man geschrieben. Beim win- *) Martini Beiträge zur Kenntniss der Bibl. des Klosters St. Michaelis zu Lüneburg (Lüneb. 1827. 8.) p. 94 hat die Kalendertheile nicht erwähnt. Die Incunabel ist der Kobur- ger'sche Druck von Anthonini summa theologiae in 4 Theilen. Nürnberg 1477—79. *) Weinhold 1. c. p. 46. ^) Martini 1. c. p. 46 nennt den computus nicht. Die Hand- schrift, eine Postille, ist von 1472, angebunden ist die Koburger'sche Ausgabe von Guilherini postilla. Nürnberg. 1481. Martini 1. c. p. 95. '^) Jetzt befindet sich die- ses Archiv in Hannover. KLEINE MITTHEILUNGEN. 91 deman dachte man gewiß nicht mehr an das alte Wort winditmefniänoth '), sondern an die im October tobenden Äquinoctialstürme, loluemon ist imdvemon, Wolfmonat, im December wird also hierzulande der Hunger die AVölfe zuerst in die Nähe der Menschen getrieben haben. Noch 1648 tödtete man im Lttneburgischen in einem Jahre 182 Wölfe ^). Das Kalendarium, welches die vorstehenden Namen enthält, ist Theil eines Sammelbandes mathematisch-astronomischen Inhalts, z. Th. in Thorn (1437), z. Th. in Rostock (1426) geschrieben und später wahrscheinlich in Rostock gedruckt, wohin auch die Familiennotizen zu gehören scheinen, welche neben einzelnen Kalenderdaten von 1438 bis 1464 eingetragen sind. Es war in Besitz eines Gesselen, dann der Artistenbibliothek. Unter jedem Monat ist, vielleicht erst von der Hand der Fami- liennotizen, ein deutscher Knittelvers von vier Zeilen zur Memorierung der Hauptheiligentage zugesetzt, daneben steht der lateinische und deutsche Monatname von derselben Hand in folgender Weise: Nota versus teidonicales sanctorum christianorum : Nye iar wide twelfte dach de holden dat erste s. lach Januarms Marcel prisca Sebastian de hartman. ': '■.' vor jyaule se nicht verne stan. Auffällig für Rostock ist Nyejar als 1. Jan., da in der Erzdiöcese Bremen das Jahr am 25. December begann. Twelfie dach (oder Der- tien dach, namentlich in den Niederlanden) ist bekanntlich Epiphania, 6. Jan., das sunte lach soll wohl die Feste als eine Festgesellschaft, heiliges Festgelage, fassen. Aus den übrigen Versen könnten nur fol- gende ein Interesse bieten: Zum Juni : Vit der fleghen ist ein hreter ; St. Vitus (15. Juni) bringt die Fliegen^), weshalb Ureter viel- leicht an Creator anklingen soll. Assumptio Marie (15. Aug.) ist ausgedrückt durch Maria vorup frig (sie) van deiine-^ das „vortip'-^ bezieht sich auf den nächsten Vers: „Bartholome mit Johanne.'"'' Beim November habe ich für: liemigius der loas milde (1. Oct.) dinges dach maket gilde keine Deutung*. •) WemhoM p. 61. «) F. S. Voigt Lebrb. der Zoologie p. 264. ") vleghen- maen, die Hauptzeit der Fliegen im August. Weinhold p. 37. 92 K. E. H. KRAUSE Weidenbach hat seinem Calendarium '") ein Glossarium vocabu- lorum medii aevi eingefügt, welches auch die deutschen Mouatnamen enthält, meist nach Ziukernagel, Wallraff, Lacomblet, auch wohl Kilian, Ich lasse daraus hier die Namensformen folgen, welche ich als ab- weichendere von Weinhold außerdem bemerkt habe; Belege gibt Weir deubach sehr selten; da ich der alphabetischen Ordnung folge, ist wei- teres Citieren unnöthig. Bludemonat Febr. ist wohl nur Blijdemaent. — evenmaent Sept. wird von 1439 angeführt. — Faremant Apr. — Fülmant neben fulmant Sept. — Glanzmonat März. Fischarts glentzman bei Weinhold S. 49, Z. 2? — Für grasniaend wird von 1420 citiert: imme aprile de man noempt graesmaent. — Haherernde: '^op peter vincidae abend (31. Juli) zu de)' Haherernde.' • — Hauivemanth 1287 Juni: imme hauioemanihe an deme neisten fridage .... Primi et feliciani.^ Dieser Freitag war der 13. Juni. — Heilmond, helmaent, Decemb. oh thomasdag imme helmaent, da unser trost geboren loart 1415; auch 14G5, s. v. ^hoidzfehrdag."' — Horremaent, horenmond für Februar. — 'des andern dages na sente Agne- tendage in dem maent, der da heisset lasmaent'. — Lenziginmaent März. Marzach März. — Medmond Juli cf. Weinhold p. 49. — Oegste als August und September, mit Beweisstellen zu Weinhold p. 32 Abs. 3 ; mensis messionum gehört auch dahin. — • Zu Ostermonat gehören die beiden Ausdrücke mensis 'paschalis für die Woche vor und nach Ostern, also nur für 14 Tage und mensis novarum für April, Über die Weihe des neuen Feuers' am Judassamstag, Charsamstag s. Weidenbach S. 198 Sp. 2. — Sextilenmaent August, wohl niu' gelehrte Grille. — Wintmaent November. — Wynmonat October. — Von mittelalterlich lateinischen Namen stelle ich noch her mensis fenalis Juli, also Heu- monat und mensis magnus Juni, etwa wegen der langen Tage zur Son- ueuwendzeit ? Zum Schluß erlaube ich mir noch ein Wort über die Januar- uamen lasmand, laumaen. Las ist der Lachs (salmo salar, in niederd. Glossaren oft esox, eyn lass), ich halte den Namen für Lachsmonat^ Monat des Lachsfanges, vielleicht auch Anfang des Lachsfanges; die- ser fällt nach der (istlichen oder westlichen Lage in verschiedene Zei- ten: nach V. Siebold 'Süßwasserfische', soll er freihch vom September bis Decembcr laichen, wohl am oberen Rhein, dann muss er aber schon früher aus dem Meer hinaufgezogen sein; nach Leunis Synopsis '") Caleudarium lüstorico-clinatiauiuii luedii et novi aevi. etc. von Aiiton Josei»h WeidcubacL. Eesreusburff 1855. KLEINE MITTHEILUNGEN. 93 zieht er im Mäi aus der Nordsee in die Flüsse, an der Ostsee kommt er aber früher, wenn die FKisse offen sind, und in England soll er im Herbst in die Flüsse zum Laichen ziehen"). Es Aväre daher, da las- rtiand niederländischen Ursprungs scheint, das Einziehen des Lachses in die Maas festzustellen. Den laumaenf^^) möchte ich nun wirklich auf die Gerber, d. h. auf die Gerberlohe deuten, daß er ein Lohmonat wäre. Vor der jetzigen Arbeitstheilung, bei der die Gerber ihre Eicheuborke kaufen, oft schon zerstampft, zogen sie aber zur Zeit des Holzfällens selbst zu Holze, um die Borke von den gefällten Eichen mit eigenen Instrumenten zu reissen; und die Zeit des Fällens der Eiche zu haltbarem Nutzholz ist Januar und Februar. Noch in den Jahren 184G — 50 sah ich in Lüneburg die Schuster, welche dort das Recht hatten^ das selbst zu verarbeitende Leder selbst zu gerben, zu Holze ziehen und die Borke von den angekauften Bäumen reissen, freilich schon im Knospentrieb, aber allgemein war auch die Klage, daß seit die Lohe theuer gewor- den^ das Eichholz schlecht werde, weil Gerber und, Schuster die zu fällenden Eichen jetzt auf dem Stamme kauften und dann bis zum Saft stehen ließen, wo die Lohborke freilich leichter und vollständiger abzustreifen, das Holz aber weniger haltbar sei. Der Laumaent ist nun wirklich niederländisch, dort aber ist der altberühmte Sitz der Gerbereien, und deren Bedüi-fniss hat die blühende Cultur der Spie- gelborke wachgerufen, welche namentlich in dem Sambre-Gebiete Wohlstand vei'breitet und von deren Ertrag jene ganze Gegend ab- hängig ist; der laumaent ist der Monat der alten Lohernte, wann jetzt die Spiegelborke geerntet wird, ist mir nicht bekannt. 2. uns, US, ösek, sek. Die niederdeutschen Formen des pron. 1. pers. plur. and seines Possessivs sind kürzlich von 3 Seiten von Neuem besprochen^, von R. Schröder gelegentlich des Redentiner Spiels, Germ. XIV. vS. 185, von A. Lübben in der Zeitschrift für deutsche Philologie II, 192 cf 506 und von Höfer Germ. XV, S. 73. Der Unterschied der Formen scheint mir aber nicht nur ein sprachliches, sondern auch ein ethnographisches Interesse zu haben, insofern der anscheinend noch heute topographisch festzustellende Bezirk derselben vielleicht auf alte Stammesunterschiede zurückführt. Dabei machen denn freilich die schriftlichen Überliefe- ") AuslaiKl 18Ö7. Nr. 14. '^ Wclnliolrl S. 48. 94 K. E. H. KRAUSE rungen manche nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Eine solche bietet auch die Annahme Schröders, daß das \is' '^use allmählich rechts der Elbe verdrängt sein möchte, früher aber dort neben "^uns' gehört sei, eine Erscheinung, welche auch Nerger p. 107 für die ältere Zeit con- statiert *). Es ist allerdings auffällig, Aveun die aus ''uns' erst entsprun- gene Form W (Grimm, d. Gr. 1 (2.) S. 781 Abs. 3) wieder zu ihrem Ursprung zurückgekehrt sein sollte, und in einer Zeit, wo Ein- fluß des Hochdeutscheu noch nicht anzunehmen ist; indessen sind die rechtselbischen Gebiete ja ColoniaUänder und die, niederd. Einwande- rung hat ihre Sprachunterschiede mit herübergebracht und sicherlich erst langsam ausgeglichen; an einzelnen Orten sind sprachliche alte Unterscheidungszeichen noch heute deutlich. Andererseits scheint eine allgemeine oder doch weit und breit anerkannte und geübte Schrift- sprache des Niederdeutschen sich im 14. und 15. Jahrh. über den ein- zelnen Dialecten ausgebildet zu haben, welcher die Urkunden abfas- senden Kleriker, auch die Chronikenschreiber folgten, wenn sie auch nicht völlig die Localtöne verleugneten. Diese niederdeutsche Schriftsprache hat aber ziemlich überall das pron. in den Formen ''uns' ""unse' gebraucht; doch will ich gleich bemerken, daß die Braunschweiger Chroniken (Bd. 1. Leipzig 1868) nur 'os (s. Wortreg. s. v.) ^iis' (z. B. S. 57.) 'use (z. B. S. 64. 65) anwenden; im Volkslied kann natürlich von einer Schriftsprache nicht die Rede sein. Zwei Sprachgrenzen für den bezeichneten Zweck vermag ich et- was genauer anzugeben, vielleicht folgen Forscher mit ausgedehnterer Kenntniss später diesen Spuren genauer. Im Bremischen, d. h. der preußischen Landdrostei Stade, wird an der Elbe nur 'uns\ 'tmse', um Bremen an der Weser nur 'üs\ ''iise' (auch '^use') gesprochen, so consequent, daß die Bewohner ihre gegenseitige Heimat sofort an die- sem Pronomen erkennen; auf dem Geestrücken (der Abdachung der Lüneburger Haide) und in den Morstrichen zwischen Oste und Weser ist die Grenze, wo sich Vermischung zeigt. In den Hamburger niederd. Chroniken, die Lappenberg heraus- gab, finde ich nur 'wns', in den Stader Urkunden ebenfalls, z. B. in dem von mir herausg. Archiv des Vereins f. Gesch. u. Alterth. zu Stade I (1862) p. 123 (v. 1376), 126, 143; Pratje Altes und Neues I, S. 343, auch meine Beiträge zur Gesch. Stades im Stader Progr. *) Er sagt User, üs, üs komme bis über die Mitte des 15. Jabrh. liinaus in einer Menge Urkunden etc. vor. Noch von 1578 verzeichnet Wiechmann 2, 94, 20 uae Juncker. KLEINE MITTHEILUNGEN. 95 1856, S. 19*). Das poss. \inse' erleidet um Stade dieselbe Kürzung „wws" wie in Holstein (Schütze holst. Id. 4. S. 314), ebenfalls der gen. plur. ('uns' cn' = unser einer) ; an der Weser wurde dagegen auch im vorigen Jahrh. so ausschließlich gen. user, dat. acc. „?fs oder ?ms", also bald kurz, bald lang gesprochen, daß das brem.-nieders. Wb. 2, S. G94 nur diese Formen verzeichnet, auch in den Nachträgen nichts hinzu- fügt, auch nicht einmal in dem 1869 erschienenen Th. VI. Ich selbst habe 'its' Dat. Acc. lang sprechen hören, ebenso ^ms' für den Gen. (üs en), das poss. aber '^iise und '^use. Auch im Oldenburgischen und in der Grafschaft Hoya gilt noch "us", fraglich ob mit langem oder kurzem u (Krüger Übersicht der heut, plattd. Spr. Emden 1 843 S. 36) ; in Ostfrieslaud bezeugt Krüger 1. c. \ms\ Stürenburg S. 203 W und 'mis'; hier wie in den friesischen Landen Oldenburgs ist bekanntlich die friesische Sprache durch das nachbarlich eindringende Nieder- sächsische bis auf landschaftliche Färbung und eine Reihe erhaltener Wörter erstickt**). Nebenbei sei bemerkt, das auf Helgoland dat. acc. kurz 'üs', das poss. lang üs lautet. Eine ähnliche Begrenzung ist der Formenreihe g. 'üser, üs' (auch durch neuere Übertragung öWc, nicht aber ösch), Dat. und Acc. ösek, ösch, sek, Poss. 'üse, üs' anzuweisen. Sie ist am sichersten erhalten hart an der Grenze des Niedersächsischen gegen das Eichsfelder und hessische Hochdeutsch im Leinegebiet und rechts an der oberen We- ser, also im Göttingen-Grubenhagen'schen und weiter in Hildesheim und Laienberg (Stadt Hannover), mit allmählicher Abschleifung des ösek und ösch zu ös. Wie weit diese Formen nach Braunschweig hineinreichen, weiß ich nicht; der Brauch der Braunschweiger Chro^ niken ist oben angegeben. Dieses selbe Gebiet braucht die Formen *) Nach dem heutigen Sprachstande und dem Urkundenbrauche wird SchrÖT ders Annahme (1. c.) einer Herkunft des Hochzeitgedichtes Nr. 6 im Anhang zu Lappenberg's Lauremberg aus Buxtehude unhaltbar, auch Lappenberg sagt das nicht, noch hätte je ein Buxtehuder es übers Herz gebracht, diese seit alter Zeit dort bitter verhassten Lästerscherze der Nachbarn, vorzüglich der Hamburger über diese kleinste der Hansestädte so behaglich zu verwenden. Das Gedicht wii'd mit Benützung dieser Buxtehudiana iu Hamburg verfasst sein, der Urheber aus der Wesergegend stammen. **) In Hieronymus Grestius Eeimchronik von Harlingerland (vor 1555) Herausg. von D. Möhlmann, Stade und Harburg 1845, kommt nur einmal p. 11. v. 178 das betreff, pron. in der Form 'uns vor; Grestius war aber ein Ravensberger aus Her- ford. Im Achimer Kirchenlied, das ich im Rostocker Schulprogr. Ostern 1868 p. 7 ab- drucken ließ, lautet der Acc. uns, das poss. unse ; Achim liegt zwischen Bremen und Verden, der Schreiber aber stammte aus Minden und hatte die Herfurder Schule besucht. 96 K. E. H. KRAUSE *mek (mik') Acc. Dat. sing., nicht mi-^ und in der 2. Pers. delz (dich), jök. Das ö in öseh ist ganz kurz, das u in €ise deutlich laug*). Schambach S. 55 v. eh und S. 250 v. iise hat die genannten Formen bis auf den elidierten G. pl. üs {üs ein neben iiser ein) ; das genitivisch gewordene ösek habe ich nur neben Zahlen gehört, auch Schambach bietet nur solch ein Beispiel „ösek wören man twei lue", unser wa- ren nur zwei. Das apocopierte auffällige ' sek' hört man seltener, es kommt aber nicht bloß als reflexiv 1. pers. oder nach Praep. vor; Sätze wie „hei het sek dat sogt (esegt)", er hat uns das gesagt, — sind mir aus meiner göttingischen Heimat wohlbekannt, obgleich dort meist ösch ge- sagt wurde. Überhaupt hat sich das alterthümliche ösek und damit auch sek am meisten im Solling, dem Waldgebiet zwischen Weser und Leine, erhalten ; urkundlich kommt es selten vor; das sek habe ich nur ein einziges Mal so gelesen, leider aber den Nachweis nicht zur Hand; ich meine bestimmt, es war eine Urkunde des Klosters Höckelheim. Die von Lübben 1. c. aus dem 14. Jahrh. nachgewiese- nen seltenen Formen iisik, usek, osek und ebenso die von Höfer 1. c. angeführten ussich (also mit kurzem u und sicher weichem s, so wie dem ch des 'ösch') neben os und use gehören demselben Grebiete an; die von Höfer aus Rügenschen imd Mecklenburg-Vorpommerschen Urkunden beigebrachten ganz vereinzelten usyk, nsik sind meiner Überzeugung nach ebendaher nach dem Osten eingeführt, vielleicht durch Einwanderung der abfassenden Cleriker. Dem gegenüber haben wir nun die auffällige Erscheinung, daß in den Gegenden, wo üs, üse und wo ösek, ösch, üse durchaus herr- schen, fast alle schriftlichen Aufzeichnungen urkundlicher und vielfach auch chronistischer Art diese Formen nicht gebrauchen. Die E,ynes- berch-Schene'sche Chronik gebraucht meines Wissens nur uns, unse, unsse, z. B. p. 96, 119, 125, 138, 139, in Lappenbergs Ausg. ; von den meisten Bremer Urkunden sind die Texte allerdings noch nicht diplo- matisch treu publiciert, aber das tins ist überall herrschend; die genaueu Texte im Bremer Jahrb. Bd. 1 — 3 geben überall uns^ unse mit einer merkwürdigen Ausnahme in der Baurechnung des Bremer Rathhauses von 1405 und den folgenden Jahren. Derselbe Rechnungsführer, wel- *) Krüger 1. c. führt für Göttingen und Hildesheim 'wis neben 'ösek' an, lässt aber 'ösch', 'sek', 'os' und poss. 'iise' aus. Ich habe jenes 'uns' so wenig gehört wie Schambach. — Gelegentlich hier die Notiz, daß die Magdeburger Schöppenchroiiik (Die Chroniken der deutschen Städte. Band. VII. Leipzig 1869.) 'uns' 'unse' schreibt. — dick : ick, dat. noch 1557 in Mecklenburg bei Wiechmann 2. S. 37 [Rost. Geistl. ABC.) und wechselnd mit äy als acc. 1578 ib. 2. S. 93. Z. 6. KLEINE RiriTHEILUNGEN. 97 eher bis dahin unse geschrieben (Br. Jahrb. Bd. 2 S. 305 ff.), verlässt mit dem dritten Hefte diesen Brauch und schreibt us und uze (z = wei- chem s) bis ans Ende (S. 318). Die Urkunden dagegen im dritten Bande S. 145 — 158 von 1411 — 1422 lassen niemals das n aus, eben- sowenig der Dialogus über den Kriegszug gegen Bremen 1547 (Bd. 1. p. 179) oder die Urkunde von 1586 (Bd. 1. p. 254). Gegen eine an- genommene conventioneile Schreibweise ist also bei jenem Rechnungs- führer sein heimischer echter Dialect mit dem us, uze wieder durch- gebrochen. — Fast ebenso steht es mit dem südlichen Gebiete ; die einheimischen Formen werden in den Urkunden verschmäht ; beispiels- halber hebe ich aus der großen Masse hier nur eine Reihe Eimbecker und Höckelheimer von 1489 — 1522 heraus, die Grotefend in der Zeit- schrift des bist. Ver. f. Niedersachsen, Jahrg. 1867 p. 155 ff. veröffent- lichte und in denen mitten in jenem Landstriche nie ösch oder dgl. stets nur uns, unse erscheinen. Ich meine, daß diese Thatsachen die Berechtigung geben^ von einem niedersächsischen Schrift- oder doch Kanzleige- brauch zu reden, welcher die Lokalsprache wenig beachtete oder ganz verwischte und vor eiligen Schlüssen daraus zu warnen, ob be- stimmte Formen in den schriftlichen und urkundlichen Denkmälern einer Gegend nachzuweisen sind oder fehlen. 3. H a u e m a n. ^ Haueman' ist trotz Dähnert's (p. 179) richtiger Angabe von K. Schröder, Germ. XIV S. 195 f. als Edelmann, Herr vom Hofe, be- zeichnet und als bäuerlicher Hofbesitzer, entsprechend dem Mhd. ho- teman, in Anspruch genommen; ja als einziger niederd. Ausdi-uck für den ersteren * eddelman' angegeben, für den jetzigen Gebrauch richtig, nicht aber für den alten. Hof heißt rechts der Elbe in Norddeutsch- land noch vorzugsweise das große Gut, Rittergut oder Domäne*), richtiger die Gutsgebäude, der Name haueman ist daher für den großen Besitzer, im Mittelalter also für den Herrn ritterliches oder diesem gleichgeachtetes Geschlechts durchaus bezeichnend, der Colonus hieß vielmehr 'büman', da er gerade das Bauen des Ackers besorgte, wahr- scheinlich auch hüsman, da noch heute hüsmann, anderwärts husioerJ, *) In Lief- und Ehstland ist 'hof' gerade der Gegensatz des Herrschaftlichen gegen Alles, was dem Bauern überlassen ist. (Hupel) Idiot, d. deutschen Spr. in Lief- und Ehstl. Riga 1795. S. 95 fg. GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 7 98 K. E. n. KRAUSE. auch werd allein neben hümann in derselben Bedeutung vorkommt. Rostocker Chronik von 1310—14 (15. Jahrh.) in Schröter Beitr. zur Mecklenb. Gesch.-Kunde I, 1, "60 „dat nen borger ne scheide lauen vor yennigen Jiaueman''^ kann nur heißen, es solle kein Bürger für einen fürstlichen Lehensmann Bürgschaft übernehmen; haueicerk ouen ib. S. 29 Not. 99 das kriegerische Thun und Treiben der fürstlichen Vasallen. So gebraucht in derselben Bedeutung Detmar bei Grautoff II S. 103 hovelude und ebenda „de drosten unde /louekt^e der slote" ; letz- teres sind die Burgmannen, ersteres die fürstlichen Vögte (Grimm D. W. II Sp. 1437 f.) oder auch Pfandinhaber fürstlicher Schlösser, die in dieser Eigenschaft den Vögten gleichgeachtet sein mögen. Rynes- berch-Schene (Lappenberg Geschichtsqu. des Erzstiftes und der Stadt Bremen) p. 88 setzt geradezu die houelude als ritterliche Leute den reichen Bürgern gegenüber; p. 140 wird erzählt wie Herzog Johann von Beyern, den „edelen von Ruczvort unde enen ritter unde vefftich guder houelude enthoueden" Hess (1408) ; nicht weniger als acht Mal braucht diese Chronik das Wort, s. Lappenberg 1. c. im Wb. p. 256 s. V. und daraus Brem. nieders. Wb. VI. p. 11 L Die Braunschweig. Chronik hat das Wort in derselben Bedeutung I. S. 139. 9, wo Hegel in der Note die ritterlichen Mannen nennt, während das Wortregister V. hovelude „Kriegsleute" erklärt; hoveicerch heißt dort aber geradezu „Krieg" (ib. S. 147. N. das Wortregister erklärt „Kriegsdienst") und 'verhovewerken im Kriege verbrauchen. In der Magdebui-ger Schöppen- chrouik ist im Wortreg. (Chron. d. d. Städte VII, S. 452) hoveiverk als Vasallenrosdienst richtig erklärt, auch der Zusatz „berittene Schaar überhaupt" ist nach den beiden Stellen S. 254, 17 (wo als Gegensatz auch „de bur" genannt wird) und S. 390, 16 „hovewerke und seidener" wohl anzuerkennen, wobei aber vorwiegend doch an die Dieustman- nengeschlechter gedacht ist. Das Rostocker 'hauetverk ouen nennt das Bremer Lied von 1408 (Haupt-Zeitschr. XL S. 375 f. v. Liliencron bist. Volksl. I. S. 217 Bremer Jahrb. 3. S. 136 if.) v. 74 hoveren, wel- ches Wort sonst Turnierübungen u. dgl., ähnlich wie hoven*) bedeutet, dem mh. Brauch entsprechend. Lappenb. 1. c. S. 88 und 96 (256) und daraus Brem. nieders. Wb. VI. S. 111. Lied von 1408 v. 3; als Subst. dazu bietet dann die Schöppenchronik 1. c. p. 451 hoverie und hove- ringe. ROSTOCK. K. E. H. KRAUSE. *) Auch die mh.-Verbindung liüsen und Iioven kommt mnd. vor als hoven edher hufeen. Brem. nieders. Wb. 2. S. 638 v. hoven. LITTERATUR. ß^ LITTERATÜR. Die Kosenamen der Germanen. Eine Studie von Dr. Franz Stark. (Mit drei Excursen: 1. Über Zunamen. — 2. Über den Ursprung der zusammen- gesetzten Namen. — 3. Über besondere friesische Namensformen und Verkür- zungen.) Wien, Tendier & Comp. 1868. 191, XII SS. Das genannte Werk hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gesetze darzulegen, die bei der manigfaltigen Bildung der germanischen Kosenamen zu Tage treten ; der Verfasser sagt selber von seinem 'Versuche zur Lösung dieser Aufgabe: „Er ist in diesem Umfange und in dieser methodischen Gliederung der erste dieser Art und wird bei der ihm gegebenen Grundlage im Ganzen nicht verfehlt sein, wenn auch bei einzelnen Namen, insbesondere bei den aus romanischen Quellen entnom- menen , wie auch bei den friesischen , abweichende Ansichten sich geltend machen können" (S. 2). Wenn der Verfasser weiter (S. 10) als das Ergebniss seiner For- schungen den Satz aufstellt : 'Die einfachen, einstämmigen Namen sind Verkürzungen der zu sammeugesetzteu , so kann Referent trotz aller An- erkennung, die er den hohen wissenschaftlichen Vorzügen der Arbeit mit Freuden zollt, nicht umhin gleich hier zu erklären, daß er die Beweismittel derselben nicht durchaus gleich zuverlässig und stichhaltig findet und darum (im Hinblick auf S. 157) die Entscheidung, ob die beigebrachten einzelnen Belege für die ursprüng- liche Identität einfacher und zusammengesetzter Namen volle Beweiskraft auch für die ungezählte Schaar aller übrigen einfach scheinenden Namen in sich tragen, achtbareren Fachgenossen zu überlassen bereit ist; er für seinen Theil will wenig- stens noch eine Zeit lang beim alten Glauben bleiben. Da wir füglich voraussetzen können, daß wohl der größte Theil der Leser der Germania mit Starks Kosenamen schon in ihrer ersten Gestalt (Wien 1866 in zwei Heften) bekannt geworden ist, so wäre es überflüssig, wollten wir uns über die wohlbedachte Anordnung und die erstaunlich reiche Sachkenntniss, die sich allenthalben zeigen, des Weiteren ergehen und wir schreiten darum sogleich an die Besprechung des Einzelneu. Zunächst halten wir uns auf S, 12 f. bei Burgundofaro und dessen Schwester Burgundofara auf. Trotz der in der Anmerkung ertheilten Warnung lassen wir uns durch die alte urkundliche Form Faro Burgundus beii-ren und erklären uns mit der Auffassung bei Pardessus ganz und gar einverstanden. Wenn Faro (welchen Namen man nach Belieben für einen einfachen oder verkürz- ten ansehen mag) sich Burgundo unterschrieb, so ist uns damit nur ein Beispiel mehr geliefert, wie man vormals, wie heute noch, im fremden Lande des heimi- schen Namens sich leicht entledigte und wie hin und wieder frühzeitig Namen frem- der Völker oder Stämme volle Geltung von Personennamen erlangten. So beur- theilen wir z. B. — und können hier wahrlich nicht an Verkürzung zusanimcn- gesetzter Namen denken — die PN. Durinc, Duringin, Pagin, Pegirin, Freso, Fre- sin, Sahso, SaJisiii, Walah, Walahin, Scot, Cumbro, Winid, Winidin imi Vini- disco, Vinidisca (vgl. FN. Windisch, Windischmann) und mit Lautverschiebung des Dentals das vertrackte Coranzan, das, so lange keine bessere Deutung kommt, 7* 100 LITTERATUR. für den Kärnter- oder Quarantanennamen gelten kann (vgl. Zeuss, Die Deutschen 618). Hatten aber Namen solcher Art einmal ihren ursprünglichen, mehr appella- tivischeii Werth verloren, so erklärt sich gewiss leicht, daß sie wie andere echte PN. in neue Verbindungen treten durften: Durinchart (= Dumc S. 17), Turinbertus (=: Thuringus S. 16), Sahsbraht, Fresbraht, Swabperaht *), Scothard, anderseits Adalswab, Lanfranc. Halbthuring und Halbwalah (Förstemann 1, 596; Pott, Per- sonennamen 185) zeigen uns schon im Namen die Mischung der Stämme und Völ- ker, die in Saxwalo den genauesten Ausdruck erreicht hat, freilich ohne daß man gerade behaupten könnte, nur die Eltern Saxwalos seien sächsischer und wälscher Herkunft gewesen. Erscheinen uns Composita mit walak häufiger als solche mit uinid, so ist das offenbar ein Beweis dafür, daß romanisches und deutsches Blut sich leichter vermischten als deutsches mit slavischem. Wir wollen hier gleich noch ein Weiteres anschließen : wo solche Mischung von Stämmen uud Völkern vorkam, enthält vielleicht auch, worauf wir die Aufmerksamkeit der Forscher lenken möch- ten, mancher Name Dialectwidersprüche in sich, mancher ist auch geradezu ein Mischling aus Deutschem und Fremdem, wie z. B. CeZsoildis, CZarmunt, Z^MZc^pert, Gund'isalvus, Ursemsii; wohl auch i^Msa^radus, Sindefuscus (vgl. Kosenamen 29), welche letzteren Namen unser Verfasser früher zweifelnd zu funs gestellt hat (l. Aufl. 283) und jetzt lieber unerklärt lässt. Selbst an slavische Stämme Hesse sich hin und wieder z. B. bei Namen mitmil, dorn, seli denken (Miklosich PN. 220 und 117, ON. aus PN. 83). S. 14 sind die Namen Perduto, Pezittus als auf fremden Boden übertragene deutsche Namen, die dort fremde Suffixe (augmeutatives -uto, deminutivisches -ittus) annahmen, unseres Erachtens nicht mehr wie andere deutsche Namen zu beurtheilen ; die Kürzung von Albert in Perd-, Pez- wird uns hier, wie Prandus für Rot-, Grisprandus , undeutsch erscheinen können und wie Dries = Andreas, Län = Helena u. dgl. Namen zu beurtheilen sein. VeiTäth uns Perduto, Prandus vielleicht auch die Betonung AlMrto, Gisprändo'i Die Betonung wird mehr als bisher geschehen ist bei Namenkürzungen in Betracht zu ziehen sein. — Die auf S. 1 5 und 1 7 besprochenen Namen Wando = Wandregisilus, Tado = Tadelbertus gehörten nicht in die Reihe, sondern in die Abtheilung HI, 2. — Suappoto = Suappo (S. 20), das Stark früher auch auf Suadpoto zurückführte, wird jetzt auch aus Svan- oder Sualpoto erklärt. An welcher Stelle des Namenbuches wird dann einst Suappoto sicher zu stehen kommen, wenn die strenge AVissenschaft die ur- sprünglichen Stämme wird geschieden haben? Wer billig denkt, wird bei solchem Stand der Dinge den stolzen Ton im Vorwort unsers Buches (S. l), der sich gegen Förstemanns höchst anerkennenswerthe Vorarbeiten wendet, für keine sonderliche Zierde der sonst gar trefflichen Arbeit Starks ansehen ; wie anders schloß Förste- mann das Vorwort seines Namenbuches (I. Theil) ! Was nun Suappoto beti-ilft, so wird die einfachste Deutung desselben an Suap (Swäp) anknüpfen ; dann könnte auch Suappo der schlichte Schwabenname für sich sein (vgl. oben Durnc, Thurin- gus) und bezüglich pp nach ä kann auf Weinholds Bair. Gramm. §.123 verwiesen werden. — S. 20 werden die Namen ElflFo, Erffo (Urkundenb. v. St. Gallen saec. 9) für keltisch erklärt. Könnte man nicht wenigstens dem zweiten Namen seine Deutsch- *) Wir müssen hier wie durchaus auf Bezeichnung der Längen Verzieht leisten, wie es Förstemann und Stark getlian haben, da ja oft die Etymologie eines Namens unsicher bleibt. LITTERATUR. f 101 heit durch Hinweis auf die uralte St. Galler Glosse: fusms erpfer (Graff I, LXVI) sichern? Man vgl. Erfman, auch Erqfman, Erpfmar, Erpherich, Erphroh usw. (Förstemann unter ARB). Referent muss leider gestehen, daß ihm noch nicht die Muße zu Theil wurde, keltischen Studien obzuliegen, daß ihm aber gleichwohl da und dort, wo unser Herr Verfasser Namen aus dem Keltischen erklären will, ger- manische Zweifel kommen mussten, mitunter sogar lateinische und griechische. Wer möchte nicht Ermogeniauus, Armonius (S. 43 Anm. 1), Eufraxia (S. 4) für Hermogenianus, Harmonius , Eupraxia (vgl. fressa = pressa, Wackernagel, Um- deutschung) halten, Antunia, Prova, Beatus, Facetus u. dgl. N. für lateinisch? Mit Antunia hat man, gleichfalls im Verbrüderungsbuch von St. Peter, z. B. Ju- vinianus oder diakun, munistri, mit Prova prüeven zu vergleichen. Da zweifelsohne viele Namen von Umständen der Geburt sich herschreiben (s. Pott 537 ff.), so möchte man Secumdina doch am liebsten mit Quintus, Sextus usw. verbinden (vgl. bei Pott 543 Herennia Lucia et Herennia Seeundina aus Neigebauers Dacien), nicht keltisch erklären, wie unser Verfasser (S. 45), oder Manicius (S. 76) mit Pott, aber ohne dessen Bedenken, an Manir Manilius anschließen. Am wirksam- sten zeigt sich aber der alte böse Zaubeudes Keltischen, der deutscher Wissen- schaft schon so manchen Spuk bereitet hat, bei den Namen Johel, Jesus, Suffonias im 'Ordo patriarcharum seu prophetarum' des Verbrüd. v. St. P. , die nach S. 4 unsers Buches gut keltisch sein sollen. In Förstemanns verrufenem Namenbuch finden wir diese zudringliche Trias nicht. — Wofhart, Wofcoz u. dgl. Namen sind S. 23 gewiss mit Recht zu wuof clamor gestellt (auch von Förstemann unter VOP); warum soll Willoffus (8. Jhd., auch Villof bei Neugart) und Erlofus (8. Jhd., bei Meichelbeck) nicht auch so erklärt werden (vgl. Willolf, Erlolf, Erlolt)? Die Schreibung Willoff ist wie woffit gl. K. bei Weinhold Alem. Gr. §. 158. — Bei den S. 26 aufgeführten höchst interessanten Namen Einbetta, Vorbetfa, Vlllbetta des 4. Jhd., die unser Verfasser für keltisch hält, haben wir an Identität mit den von ^^' (unhold, Kiesen des germ. Mythus, besprochenen Schicksalsjungfrauen Einbet, Wal- oder Warbet, Wilbet nicht zu zweifeln. Verdienen die Variauten Eimberta, Aimbertha, wie doch wohl anzunehmen ist, unsere Beachtung, so fällt Weinholds Erklärung aus bet = bat, Kampf und aller Streit über -bet hätte zugleich sein Ende (s. Simrock Mythologie [2. Aufl.] 368). Dann hätten wir aber, denken wir uns, die Form -betta doch in eine jüngere Zeit zu versetzen, als schon ins 4. Jhd. — Weshalb das an diese 'keltischen' Namen angeschlossene Bertramnus (7. Jhd., bei Pardessus) sicher, wenn nicht ein keltischer Name, doch eine keltische Form ist, wüssten wir nicht zu sagen. Steckt der Celtismus in der Form bert, was west- fränkische Regel sein mag (Förstemann 1, 236), anderwärts aber auch begegnet, oder in ramnus = hrabanus, vgl. Chramnus, Chramnisindus, Ramnolf, Hramning bei Förstemann? Unser Verfasser ist nicht selten so knapp im Ausdruck, daß dem Leser arges Kopfzerbrechen bereitet wird. — Der S. 27 f. gegebenen Deutung von Focco dürfte — wenn hier noch einmal von friesischen Namen die Rede sein kann — auch Fokdag bei Heyne, Altniederd. Eigenn., Voccho im Notizenblatt (Wien 1855) VI, 21, 23 (aus den Urkunden im Verbrüderungsb. v. St. P.), ferner die Varianten zu Vokenrot bei Förstemann 2, 534 zur Stütze dienen; die Mittel- stufe nähmen Volke, Folch bei Heyne ein. — Wenn wir zu dem (S. 29) aus roma- nischen Quellen geholten Namen des Stammes fuse Fusca (lO. Jhd.), Seitenthal des Pinzgaues (bei Forst. 2, 542) halten, das auf Fuscaha zurückführen wird, so könnten wir uns verleiten lassen, wenigstens bei diesem Fuscaha frühes Eindringen 102 LITTERATÜR, des ohnedies heimisch klingenden lateinischen Wortes anzunehmen. Wäre dann Fusculo bei St. P. (8. Jhd.) wie Enzolo, Zozzolo u. dgl. auch mit deutschem Suffix versehen? Doch wäre nicht vielleicht an den in Dialecten mehrfach auftretenden ütamxn f lisch zu denken und Fuscaha das rasche Wasser? Berührt sich das zuletzt doch wieder mit fims'i — Was die keltischen Namen der Anmerkung hinter Sce- tildis, Domnildis, Emnildis S. 31 zu bedeuten haben, will uns nicht einleuchten — wozu die Wortkargheit? Wir könnten nur rathen: kymrische Namen zeigen yllt für ill oder umgekehrt, darum (?) sind die oben genannten Scetildis usw. ja nicht an -hildis anzuknüpfen. Und diese -hildis, -ildis sind doch gerade auf westfränki- schem Boden so häufig und, kann man meinen, eine gewiss lockende Analogie. Daß Starks Kosenamen ein schwergelehrtes Werk sind, wird Niemand bestreiten wollen, wir erklären es aber unbedenklich für einen Fehler desselben, daß darin zu den Namen mitunter gar so wenig Worte gemacht werden. — Mit der Deutung der Namen mit luit, deren auf S. 33 Erwähnung geschieht, will uns der Verfasser noch eine Zeit lang im Ungewissen lassen. Wer die slavischen Namen mit Ijud- daneben sieht, wird doch an entschiedene Analogie denken wollen. Ausführlich handelt hier der Verf. über Dudo '■=■ Ludo ; außer spanisch Nuno statt Munio und engl. Bobby für Robby hätte sich mit gleicher Assimilation Giggi, ital. Ghigo = Friedrich in Frommanns Z. VI, 458 stellen lassen. Mehr Beispiele, aber in ur- sprünglich fremden Namen, sind gleichfalls dort von Tobler beigebracht : Dudi = Theodor, Dodo = Anton, Bobi = Jacob, Mömi = Salome (vgl. auch Kuhns Z. XVIII, 225); wir werden mit Pott in Namen dieser Art R eduplication zu erkennen haben, die besonders in aargauisch Mangnangeli, Mingniggeli für Anna Maria und Marianne vorliegt (Frommann VI, 460). — Eine Reihe interessanter Namen wie Tuato, Tuota, Thuotmar u. dgl., über welche auch Grimm 1, 154 nachzusehen ist, werden S. 36 an das vereinzelte gaduadi der St. Galler Glossen angeknüpft. Dann dürfte dieses natürlich nicht gadwädi gelesen werden (vgl. a. a. 0. zui, suam , mitua) und stünde doch im Widerspruche mit benachbartem gloot, froter, groit u. dgl. = gluot, fruoter, gruoit. Referent ist der Ansicht , daß wir unser gadwädi in dem gleichfalls vereinzelt dastehenden md. getwedic zu erkennen haben (Mhd. Wb. 3, 158. Pfeifi'ers Nicol. v. Jer. 163 getwedic geschrieben und zu gezwiden gestellt), überlässt aber das Weitere der etymologischen Untersuchung Anderer, die wohl auch constatieren dürfte, daß an. )5ydr, das zu goth. j^iu]:) ge- hören wird, weder mit gadwädi (vgl. pvasts?), noch mit jenen Namen Tuato, Thuotmar usw. etwas zu schaffen hat. — In welchem Verhältniss zu den Namen mit adal (St. P. auch adol, wie aus adul) und isan stehen solche mit athu, isu (Athuberaht, -ger, -lef, Isuporo, -warth, vgl. Isula, Isunc)? Liessen sich Atho, Iso (S. 40) vielleicht enger an diese kürzeren Stammformen anschließen? Es hat mit den S. 40 — 46 behandelten Namen überhaupt seine großen Schwierigkeiten; unbeirrt von weitreichender Namenverkürzung, wie sie unser Verfasser annimmt, möchten wir z. B. ohne Bedenken Fagalind, Warsinda, Wachmunt, statt sie aus Faginlind, Warinsinda, Wacharm unt zu erklären, unmittelbar an /a(/e7? (vgl. dolalih von dolen, Faliolf, Fahswiud mit ftihejis, fahjau), loarm oder wara (vgl. Sindwar und alle übrigen Namen auf -war, wara nebst den slavischen mit gleichbedeutendem var), wachen, wacha anreihen. Eine endgültige Entscheidung über derartige Er- weiterung'' oder 'Verkürzung' des ersten Theiles comporiierter Namen ist noch un- erreicht; Referent will hier nur in aller Bescheidenheit der einen Ansicht Raum vergönnen, daß sich nicht selten im ersten Theil ein bereits mit einem häufigen LITTERATUR. _ 103 Suffix abgeleiteter Name wird erkennen lassen. So stellen wir Sigü-pidt, Siginnlf, Frotlehert, Geremhold, Gundulvfar, Theod ilhilda, in engere Beziehung zu Namen wie Sigilo, Siguni und Sigina, Frutilo, Gerin, Guntulo , Theodila und glauben, daß unser Verfasser S. 66 mit Unrecht das Auftreten einer Deminutivform als ersten Theiles anzweifelt, da Namen wie D^eshelm, ^/i^fezman, Heinzaperht, Gunzelm, G^MHcelindis zu finden sind (von welchen Beispielen höchstens Engezman, vgl. Enzi- man, Enzawib neben Enzi, Enza, anders erklärt werden könnte, wie auch die zahlreichen, von unserm Verfasser nicht besprochenen Kosenamen mit -mann). Manches -er oder -re vor dem zweiten Theile wird auf -heri oder auf ableitendes r zurückführen: man vergleiche z. B. mit Landrohert, Chindi-i\d\s , JP/of?erlindis, Baldrevert, Wulfirmunt Namen wie Landar, Gundheri, Flodarius, Baldro, Vulfara, ferner Otbaldero, Ermboldra, Aruoluam neben Otbald, Ermbold, Aruolf. Die westfränkischen Namen, denen auch unsere Beispiele zugehören, bieten so viel Besonderes dar, daß wir eine monographische Behandlung derselben für äußerst lohnend halten. Interessant ist auch z. B. unter den ON. bei Heyne Adikkarasluva von einem zu Adiko (auch in Adikonthorp) gehörigen sonst unbelegten PN. Adik- kari, den wir, bis mehr Formen dieser Art untersucht sind, vorläufig für ein Pa- tronymicum halten möchten (vgl. Camstra mit verwandtem Suffix ^= Cammiuga Kosenamen 170). Anders werden vielleicht die süddeutschen Namen mit -er, wie Hartler, Matter (z;u Matthias), Lexer (zu Lex, Lexl, Alexius) zu verstehen sein, doch sind dieselben nach dem Kämt. Wb. Hausnarren. Lexer, das unserm Ger- manistenherzen am nächsten liegt, könnte recht wohl einem hexing gleichkommen. Wir vermissen ungern diese Namensformen in Weinholds bair. Grammatik §. 212 ■^). Im Widerspruche mit der Auffassung des Hrn. Verfassers befindet sich Re- ferent bezüglich der S. 53 f. behandelten Namen wie Ali, Rodi, Hugi, Asi, Bodi, Buni usw., denen Stark zwei bei Förstemann nicht zu findende Namen: Ambri aus dem 4., Nausti aus dem 7. Jhd. als die ältesten Beispiele der "einfachsten De- minution mittelst i' beigesellt. Wenn auch magati, eimberi, fugili als Demiuutiva gelten könnten (deren Stämme eigentlich auf -ina ausgehen), was uns nicht völlig- gesichert scheint (man denke an swin, abgeleitet von sü und vergleichen daz laimi vezzeli bei Weinhold, AI. Gr. S. 223 c), so will uns doch die deminutivische Gel- tung jener alten Namen auf -i, die mit an. Brimir, Hoenir, Mimir usw. zusammen gehören werden, höchst zweifelhaft erscheinen. Gegen dieselbe spricht zuvörderst der Abgang obliquer Casus mit dem charakteristischen n: von Seggi lautet der Genetiv Secges (Förstern. 1, 1086 Sighi), zu den alten ON. der trad. Corb. Hi- kieshusen, Meckiestorp, Siniestorp müssen die PN. Hiki, Mecki, Sini (vgl. Hiko, Meko, Sini bei Heyne) gestellt werden, ebenso zu Edieslebo ein PN. Edi, s. För- stemanns schätzbare Untersuchungen zur Geschichte altdeutscher Declination in Kuhns Z. XVI, 323, 329. Diese Namen auf -i werden also ;a-Stämme sein und darum keine deminutivische Geltung haben. Gilt es aber, das wechselseitige Ver- hältniss von Namen wie Poppi, Poppo, Geli, Gelo, Ebbi, Ebo, Buni, Buno u. dgl. zu ergründen, so verdient ein besonderer Fall des Zusammentreffens von solchen *) Unter den Aargauer Namen bei Frommann VI, 456 ff.: Wiser ==^ Aloys Brechtölder = Berchtold, Hemmeier = Abraham, Münder = Sigismund u. dgl. Mehr über solche Namen (s. Ruprecht Germ. N. R. I, 310) bei Becker, Die deutschen Ge- schlechtsnamen. Die von Ruprecht beigeb rächten englischen Formen zeigen ganz ähaliche Verwendung von -er (Suffix des Nomen agentis) zur Weiterbildung von Worten. 104 LITTERATUE. Namen unsere Beaclitung, zu welchem nur noch einige Seitenstücke nachzuweisen wären, ura zur vollen Gewissheit über solche i- und o-Bildungen zu führen : in den tradit. Corb. finden wir einmal (Förstemann 1, 641) Haddi als Namen des Vaters, Haddo als den des Solmes. Nach Starks Auffassung wäre seltsam genug, gerade der erstere ein Deminutivum, Haddo einfach ein verkürzter Name ; beur- theilt man aber diese Formen vom Standpuncte der vergleichenden Grammatik, so ergibt sich leichtlich aus Haddi latinisiert ein Had-ius, aus Haddo ein Had-ianus und die beiden Namen stehen zu einander wie Seius zu Seianus, Vespasia zu Vespasianus; vgl. Uo^Sfiav und no?.a(iG}VLOg. Im Urtexte der späten Hand- schrift (des 15. Jahrh. nach Förstemann, bei Kuhn 16, 323) mochte also wohl für Haddo noch ein Haddio zu lesen gewesen sein. Wenn es sich in einem durch- aus kritisch hergestellten Namenbuche um die Sicherstellung der ursprünglichen Stämme handelt, werden auch die von unserm Verfasser S. 55 aufgeführten For- men : Hrodio, Vangio, Agio, Mandio, wie Eeferent für seinen Theil vollkommen überzeugt ist, in Übereinstimmung mit Förstemann 1, 767 gothischen Nomina- tiven wie baurgja, ganja angeschlossen, nicht aber, wie in unserem Buche S. 54, für Deminutivformen angesehen werden, in welchen das verkleinernde i durch o verhüllt ist. Förstemann hat ganz richtig erkannt, daß die Formen auf eo nicht anders abgeleitet sind als die auf -io, und daß sich also Arbio und Arbeo, Agio und Erkeo, Burgio und Burgeo vollständig decken. Da nun aber, wie Jedermann bekannt ist, dies ableitende j (i) sehr früh sich verflüchtigt (treu erhalten ist es in den ON. Guddianstede, Willianstede, Willianwege Kuhns Z. 16, 334, Wildionä neben Wildonhä bei Heyne 30), so wird eine große Anzahl der Namen auf -o älteres -eo, -io gehabt haben, wie das oben genannte Haddo. Unter den Formen auf -eo und -io finden wir übrigens einige, die eigentlich nichts anderes als bloße Appellati va sind und die zur Theorie der Namen Verkürzung nicht recht zu passen scheinen : Wracchio (trad. Corb.) Wreckio (Heyne), ist ein goth. vrakja, wie Arbio arbja, Wardeo vardja, Burgio baurgja, weiter Kamfio, Fendio (vgl. dem Sinne nach Faro), Scuzzeo, dieses doch zweifelsohne = Schütze und etwa dem griechischen Hfiav an die Seite zu stellen (Förstemann liefert uns auch Coufman als alten PN.) Andere Namen dieser Stammbildung schliessen sich an Adjective: Richio an richi, Lezzio an lezzi, Horskio an horsc, Frickio an friks, freh- wären die letzten zwei Namen nicht eine gute Stütze für ein anzunehmendes patronymi- sches -Jan, da sie zunächst auf PN. Horsc, Freh (vgl. Frehholt, Frehholf) oder in schwacher Form Horsko, Frehho verweisen? Schwierig bleibt die Entscheidung über weibliche Namen auf -ia und -is, in deren ersteren unser Verfasser ebenfalls Verhülltes i der Deminutiva erkennen will, während er in Hildis, Bilis eine Ableitung -is sieht (S. 55), Uns schiene es am bequemsten und natürlichsten, Formen wie Hildia, Hiltea, Cozia als movierte Feminina zu den Mannsnamen Hildi, Cozi zu behandeln, vgl. wini : winja, nijojis : nipjo Grimm 3, 333; wäre Hiltun von Schannat richtiger gelesen als Hiltiu bei Dronke N. 187 (Förstemann 1, 665)? Starke Formen zeigen dagegen ON. wie Kerhiltahusun, Grimhiltaperg, Suanahiltadorf usw. (Kuhns Z. 16, 330). Sorgsamerer Untersuchung bedürfen noch die mit -1 abgeleiteten Na- me n, denen gewiss nicht durchaus demiuutivischer Werth zukommt und bei denen oft, wie bei Namen mit ableitendem n, nicht mehr zu ermitteln sein wird, ob ein spätes -il oder -in nicht etwa auf älteres -ul, -un oder -al, -an zurückgeht; die Assimilation, die unseren Ahnen ihre Wortformen so bequem machte, macht uns LITTERATUE. 105 die kritische Sichtung und Etymologie derselben ebenso unbequem. Nicht jede -il- Ableitung bildet ein Deminutivum : mihhil, putil, scephil ; romanisierte Namen wie FluduUus, Teuduhis, Prandulus (S. 56 Anm. 2) sind gewiss anders zu beurtheilen als gut deutsche uI-Ableituugen. Jenem wird deminutivische Bedeutung zuzuerken- nen sein, diesen gewiss nicht in allen Fällen. Kann es gothischem veinuls, sakuls, skajiuls gegenüber bedenklich erscheinen, den ON. Thanculashuth bei Heyne (wenn nicht nach Freccius' Vermuthung = Thancolbeshuth) mit Thankilingthorp der Frekenhorster Heberolle auf einen alten PN. Thankul zurückzuleiten, wie die PN. Situli, Huguli (von denen der erstere nach unserem Buche S. 61 keltisch ist) auf älteres Situl, Hugul? Daß wir aber PN. wie Thankul, Situl, Hugul uns nicht als verkürzte Composita denken, ebenso wenig wie goth. veinuls, au. Jiögull (vgl. Tagulo?) u. dgl. Adjectiva, brauchen wir nicht erst zu erklären. Ein gemeinver- ständlicher Name des Cod. salisb. St. P. (Notizenbl. 1856) ist Frazal, gebildet wie släfal, scamal. — lieber die Namen mit -iriza, -enza, -inzo, -enzo ist Referent ziem- lich gleicher Ansicht mit unserem Verfasser (S. 58), der in diesen Suffixen Er- weiterung durch -n (-in), nicht einen bloß euphonischen Einschub sehen will, nur möchten wir die Erweiterung für ein altes Suffix halten. Unser Verfasser hat seiner Erklärung zuliebe Namen wie Maganza, Sigunzo und die Nebenformen Slauganzo, Slouganzo unerwähnt gelassen, die gewiss schwer ins Gewicht fallen; tritt Maganza nicht in nächste Nähe zu Magan, Maganus, Sigunzo zu Sigun oder Siguni, wie die Flußnamen Warinza, Argenza neben Warinna, Arguna stehen (vgl. Förstemann, Deutsche ON. 248)? Bei Heyne steht Werinza (aus Crec) neben VVerina; vgl. Wirinzo der Frekenh. Heber. Was den ganz besonderen Namen Slauganzo be- trifft, so ist vielleicht der Gedanke, es sei in ihm ein slavisches Slovanec, Sla- vanec zu erkennen, unter Berufung auf den ON. Slougenzin ]\Iarchan (in Ungarn, 9. Jahrh. Forst. 2, 1278), die alemannische Form Alpicauge (Weinhold §. 216) und bairisches Frogipolt, Peigiri (Weinhold §. 178) mit g für w gestattet. — Daß in der Anmerkung auf S. 59 dem itahenisch geformten Perduto Namen wie Fa- stida, Sueridus, Fravitha, ferner Wanito, Tarih u. a. angeschlossen sind, können wir nicht billigen. Soll man zweifeln, ob sich in den ersten drei Namen gothisches Jjvastij:)a und sverif)a mit ahd. frewida finden lasse oder, wenn man dem fremden -US von Sueridus seinen guten Grund zuschreiben will und zugleich die Suffixe ge- nauer in Acht nimmt, sind Fastida, Fravitha nicht mittelst -an von den Abstrac- ten abgeleitet (vgl, griechische Namen Tf'p^ig, Tiöiag, und den alten PN. Friuntscaf), lassen sich nicht Sueridus, Wanito als Participien von sveran, wänjan (genauer also Sueraidus?) erklären, so daß Sueridus einem AyaTtcoasvöq, Qi^ov^svos als ähnlich zur Seite träte, und könnte man nicht Wanito genau mit Speratus übersetzen? Tarit mit andern -it oder -id hat vielleicht activen Sinn mit scephid, helid, leitid. Hier sind noch große Schwierigkeiten zu beseitigen und Referent begnügt sich gern damit, auf sie nur aufmerksam gemacht zu haben, wenn auch keine seiner obigen Deutungen für stichhaltig befunden wird. — Ob unser Verfasser mit vollem Rechte S. 67 und 100 in Giüki, Sveinki, Brynki alt- nordische Deminutionsformen bestreitet (s. dagegen Grimm 3, 6 76 und 2, 285, nicht 1, 258 wie auf S. 100 citiert ist), da uns doch auch deminutivisches Steinka überliefert wird, erscheint uns zweifelhaft. — Die S. 77 besprochenen Namen Strune, Struno mit dem FN. Struntz möchte Ref. statt an an. struns fallacia lie- ber an das (vermuthlich damit verwandte) näher liegende striunjan anschhessen, das gerade so wie der genannte FN. in Baiern fortlebt (Schmeller 3, 686); ü für 106 LITTERATUR. iu Weinhold Bair. Gr. §. 60. — Dodalagia, das unser Verfasser S. 78 Anm. 4 für keltisch erklärt, lässt sich mit Hinblick auf Dodelindis, Dodobergia, gewiss auch als Deoda-lag-ia auffassen (vgl. Deodrada, Deodramnus) und an Namen wie Hermlagia Odelegius, Willagius, Tetlagius schließen, die wir mit Förstemanns Stamm LAG zu ags. lagu, ahd. ur-lac, an. lag stellen. — Die in der 1. Anm. auf S. 79 aufgeführten Sklavennamen Dopiriz (nach Förstemann auch Dapariz) und Pezzista, beide aus Meichelbeck, Historia Frisingensis, gemahnen uns an slavische und deutsche Klänge ; wenn auch der erstere Name durch seine Variante schwie- rig wird, so möchte Ref. doch keinen Augenblick zögern, Pezzista für den regel- rechten Superlativ zu Pezzira (bei Förstemann) zu erklären und mit Liebesta, Hc'osta den häufigen griechischen Namen solcher Bildung: Ol^lött}, OsQi0zog^ 0EQtaTog., 'Ayiötri (auch mit Weiterbildung: KaXXiGTicov, OL^cötcav und charakteristisch, wie Dinge des Besitzes behandelt, Neutra wie KaXkiöTLOv^ ^LkiöTiov) an die Seite zu stellen. Wie mag unser Verfasser den erwähnten Na- men Pezzira (bei Förstemann auch Fezzer und Richiro), Liebesta, Herosta (dazu wohl auch Neosta, vgl. NeätSQOg bei Pape) gegenüber sich verhalten? Will man solche Superlativ- und Comparativnamen zugeben, so führt das consequenterweise auch zur Anerkennung gleich verwendeter Positive und darüber ist natürlich die Theorie der Verkürzung in große Gefahr gerathen. Wenn solche einfache Namen wirklich, wie unser Verfasser annimmt, nur in vorhistorischer Zeit üblich waren, so möchten wir, obschon uns diese Behauptung durch nichts begründet erscheint, dem Verfasser wenigstens die eine Frage entgegenhalten, ob sich nicht hin und wieder ein schwachherziger Germane, der den Umschwung der Namengebung nicht gehörig wahrgenommen hatte, durch den Verkehr mit den imponierenden Römern und der Geistlichkeit konnte verleiten lassen, Namen wie Probus, Felix, Fortuna- tus, Longinus, Gratus usw. usw. nachzubilden? Gäbe es denn wirklich erhebliche Gründe, Geilo (vgl. FN. Fröhlich), Tulgo, Prun (bei Crecelius auch ein Brunist), Ercan, Tiurea, Sconea, Fruoto, Nando, Horsco, Perhto, Perhta ( nata est eis filia, cui nomen imposuerunt Bertham, quae interpretatur fulgida seu spleudida För- stemann 1, 240), Salicho, Suozo (Herbordus Dulcis =■ Suzo S. 82; vgl. FXvxcov und Dulcissima, das nach S. 57 keltisch isi), Leodro, Wirdigo, Wirdika für etwas anderes zu erklären als für substantivisch verwendete Adjectiva, und nicht aus componierten Namen herzuleiten? (Bei Pott 718 stehen altindische Namen mit Superlativform: Vasistha = Dulcissimus, St. Peter dreimal) — Volzo, Foldger u. dgl. Namen, die Ref. mit as. folda, ags. folde verbinden möchte, werden S. 80 an an, fyldr, ahd. fultar angeschlossen und diesem Adjectivum der Sinn ferox un- tergeschoben. Wir möchten dieser Deutung wenigstens das Eine entgegenstellen, daß ahd. fultar höchstwahrscheinlich wie fuo-tar, hlah-tar gebildet ist und nichts weiter zu bedeuten hat als 'Füllung^ Futter des Kleides (vgl. im Mhd. Wb. vülle 3, 364, 2 und 33) — Bei dem S. 81 erwähnten FN. Spatz wird manchem Leser die köstliche Figur Spazzos in Scheffels Ekkehard in den Sinn gekommen sein — woher hat der kenutnissreiche Dichter den Namen? Der FN. kann natürlich auch den Vogel meinen, dessen Name übrigens ja auch ein hypokoristischer ist wie Bezo, Gezo usw. Gelegentlich möchte Ref. den Elsternamen Atzel und das nieder- deutsche Erpel (zu der oben erwähnten Glosse fuscus erpfer) als ähnliche Kose- formen anschließen. — Zudamaresfelt, das S. 82 an Zuzo, das wohl = Zuozo, Zuto u. a. N. angereiht ist (S. auch S. 117), wird am leichteten aus slavischem Cudomir gedeutet, das sich seinem Etymon nach an AiÖiQioq u. ähnl. Griechen- LITTERATUE. 107 namen schließt ; in -mar für slavisches -mir haben wir eine Art Volksetymologie. Man vergleiche auch Stresmaren bei Föi'stemann 2, 1320, dessen Sinn ungefähr der von Warfrid ist, wenn man ein syntaktisches Verhältuiss dieser Art wollte gelten lassen (was ja im Allgemeinen nicht statthaft sein wird). Zu dem S. 85 unter Strinzo beigezogenen strichen gibt das Mhd. Wb. mehr und bessere Belege ; lip ist aus der ersten Auflage stehen geblieben. Dem Namen Froiza mochte Ref.Fruza nicht ohne Bedenken anreihen und lieber an den Stamm frod erinnern, dem mit begreiflicher Unterdrückung des Dentals Fruarit, Fruarad zugehören werden. Aehnlich ist Flarid, Flarich aus Fladrid, Fladrich zu erklären; das Erstere zeigen deutlich die Nebenformen des ON. Flaridingun bei Förstemann. — Clauza, nach S. 86 = Clawiza ist der Kosename der in derselben Urkunde vorkommenden Claudiana, wie dem Ref. von verehrter Seite versichert wurde. — Bei Wieza (S. 86), das mit Wiezil (S. 93) zusammenzustellen ist, erscheint uns besonders auflPällig, daß das verschwundene r seine Spur, das dialektische ie für gleichfalls dialektisches i an der Stelle von ursprünglichem e (nicht e) zurückließ; man vgl. Weinholds Bair. Gr. §. 9l die Beispiele für ie statt e und §. 18 i statt e. — An das S. 89 besprochene Trizo, über dessen Deutung unser Verfasser keine volle Sicherheit erreicht hat, lehnt sich wohl der FN. Treiz (= Trizo und mit Tiigbald, Trigmund zu vereinigen ?), vielleicht auch Treitschke und Treitzsauer- wein von Emtreitz. Die FN. Tretzl und Tretzer werden aber zu traz gehören. — Zu S. 9 1 erlauben wir uns die Bemerkung, daß 'pro Euurwini, Madalwyni, Brunheri, Meynheri nicht einen obliquen Casus der Namen liefern muß und Förstemann eher im Rechte sein wird, als unser Verfasser. Dem weiter unten besprochenen Rukelo werden sich süddeutsche FN. : Rock, Ruck, Rockinger und bei Heyne der ON. Rokkonhulis auschliessen lassen. — Das schon von Grimm 3, 693 f. als doppelte Deminution behandelte Asig und Asico, das unser Verfasser S. 94 auf Adsico, Aziko zurückführt, kommt uns, wenn man Osic (bei Heyne) neben Osbern, Osbraht, Osi u. a. N. in Anschlag bringt, wie eine Bildung aus dem Stamme ans vor. Die Deutung unseres Verfassers könnte dagegen in Hese = Hedwig (bei Grimm), osi gegenüber odi, zaser neben zader u. dgl. eine Stütze finden. — S. 95 sind zu den abgefallenen Stämmen bald, berga usw. aus dem Folgenden mehrere nachzutragen: bero, deo, funs usw. Warum ist unter diesen gytha in Lioba = Liob- gytha (s. S. 15) besonders aufgeführt und nicht an gund angeschlossen? Der Name hat Dialectwidersprüche in sich und verräth nur im ersten Theile richtige Auffas- sung des entsprechenden ags. leöf. — Die S. 95 — 97 gegebene Uebersicht erin- nert uns an eine ähnliche in Förstemanns Deutschen Ortsnamen, wo die ver- witterte Wortmitte' von ON. in Betracht gezogen ist. Zwischen der heutigen und der ältest überlieferten vollen Form mancher Namen liegt wohl eine Mittel- stufe mit hypokoristischer Namensform: zwischen Erboldeswane und Erbenschwang ein Erbineswanc, zwischen Engilbertisriuti und Euglisreute ein Engilisriuti, ähn- lich wird es mit Blatmarisheim und Blödesheim, BaldhereswilareuudBaltenschwail, Ansuinesheim und Enzheim usw. sich verhalten. Wir glauben, daß diese Art der Erklärung, nicht die von Förstemann, besonders dort berechtigt erscheint, wo das zweite Compositionsglied starrerer Natur ist, z. B. Alfrikesrod, jetzt Alvesrode, Waltricheswilare, jetzt Waltenschweil. — Zu bedauern ist es, daß uns der Ver- fasser über seine Auffassung des Namens Sabarethus (= Saba) nichts sagt; die mit aufgeführten Formen stören das Vcrständniss, Sebbi, das für Sabarethus steht, möchte wohl auf einen einstämmigen Kosenau^cn weisen. Könnte ags. aefa 108 LITTERATUK. zum Etymon gehören? Dem interessanten Cannabas = Cannabaudes stellt sich vielleicht aus dem Namenwulst Gundobagaudus (Forst. 1, 558) ein ganz ähnliches Guudoba an die Seite (Gaudus appellativisch?). — Wenn S. 108 Zemifrid^ Ze- midrud und Zemfo zusammengerathen sind, so möchte Eef. bei Zemidrud darauf hinweisen, daß neben diesem Namen St. P. 107, 9 andere entschieden slavische Namen stehen: Liubona, Wizzemir und ein zweiter unleserlich gewordener Name auf mir. Zemidrud wird unserer Ansicht nach ein Missverständuiss für Zemidrug sein; man vergl. auch Zemiliub, Zemusesdorf (F. 2, 1583), Zemigneu (St. F.) und sehe hierüber Miklosich, PN. 142, ON. 35. — Die Concession, zu der sich unser H. Verf. bezüglich des Namens Wamba herbeilassen will, 'eine Ableitung mit b auch für germanische Namen anzunehmen', regt entschiedenes Bedenken an. Wir erlauben uns, in Wamba nach schlichter alter Weise aus vamba (st. f,) mittelst -an gebildet aufgefaßt, einem Jaörpcov, Naso u. dgl. Namen gegen- über weiter nichts Anstößiges zu finden, ob diesen Namen ein König oder ein Diaeon in den schönen Tagen seiner Kindheit erhalten hatte. — Den Namen Joppo, Jöppo und Joperht, Eoperht an iwa anzuschließen, hält Refe- rent nicht für rathsam. Jenem Joppo bei St. P. möchte man zunächst Jüflfo (Notizenbl. 1855 S. 474) anreihen, vielleicht auch Jodunch (St. P.) ; es scheint über die Etymologie noch nichts Sicheres gewonnen werden zu können. Über den Sinn der Worte (S. 119), daß es zweifelhaft, doch in dieser Zeit immerhin möglich' sei, Nappo (12. Jahrhundert) ähnlich wie Woppo, Noppo (10. 11. Jahrhundert) zu erklären, bleiben wir im Ungewissen; sollen wir annehmen, Nappo aus Natbold sei gerade noch vor Thor- schluss entstanden? Weiß unser Herr Verf. schon etwas Bestimmtes über die zeitliche Abgrenzung solcher Namensformen, so hätten wir gern davon ge- hört; Tobler gibt uns bei Frommann VI, 460 Noppi aus später Zeit = Ne- pomuk (?), vielleicht aus Norbert? — Wenn der ags. Name Wyppa (S. 122) auch in der Variante Pybba (das zweite Mal ist Pyppa wohl verdruckt wie auch Wybba?) und ebenso Porr für Worr zu finden ist, so haben wir hier wohl nichts weiter vor uns, als eine irrige Auifassung des asg. w, das sich leicht mit p verwechseln lässt. — Vergleicht unser Verf. S. 127 den friesischen Namen Hebe = Hebrich, was er für Hedbirgis hält, mit Hebetet bei Crecelius (Heyne 13), so müssen wir in letzterem Namen vielleicht eine Analogie zu Enziman, Enzawib erkennen und tet appellativisch fassen? Man denke an ther sun zeizo , Schmeller gibt 4, 287 zeizo -pusio. Wie erklärt sich dann das neben Hebetet, auch in der frekenhorster Heberolle, erscheinende Hebo und Hevo? Der Deutung Ruprechts (Germania 13, 308) kann Ref. sich nicht an- schließen und will nur auf Heyne 39, 25 f. verweisen (Teta, Tetico usw.) — Die S. 130 aufgeführten Namen Eburnus, Gagand, Leodego möchte Ref. an- ders auffassen als unser Verf. In Eburnus haben wir wohl eine synkopierte Form von Eburinus (F. 1, 361) zu erkennen, Gangand (das unser Verf. in Gagand ändert) ließe sich für Gangard = Gaginard ansehen und bezüglich des Lautwandels auf Weinholds Bair. Gramm. §. 170 verweisen, bei Leodeguz, woraus Leodego erschlossen ist, kann auch das abkürzende Zeichen für ri ver- gessen sein. Jedenfalls muss es bedenklich erscheinen, in ungewöhnlichen alten Namensformen Lautwandelungen viel späterer Zeiten anzunehmen. — Die mei- sten auf S. 130 — 141 besprochenen Namen möchte Ref. gar nicht als Kose- namen behandeln: Freck = Frederik, Sirck = Sirik, Sigerik ist ebenso wenig MISCELLEN. 109 hypokoristisch wie sziurke, Ijurke, kirche, Lerche und si = sige, wie schuoster, weit u. dgl. m. Vielleicht ist auch hin und wieder das Jota subscriptum der Friesen (Grimm 1,^ 414) übersehen worden. Sehr zu Danke verpflichtet sind wir dem Verfasser für die drei sorgfäl- tigen Eicurse am Schlüsse seines Buches, der letzte derselben hat in dieser Zeitschrift zu einer eingehenden Betrachtung friesischer Namen geführt, wobei es sich besonders auch um einen Punkt handelte, bezüglich dessen Ref. nicht der Ansicht unseres Verfassers beistimmen kann: das nach S. 170 einmal be- legte Armet für Arnet, Arnold (wo vielleicht gar ursprüngliches w von wald auf n einvnrken konnte, wie es bei b oft der Fall ist), scheint die Annahme der Vertretung von ursprünglichem n durch m in vielen andern Namen noch nicht zu rechtfertigen, wir sind vielmehr geneigt, den Aixsführungen Ruprechts über den Ursprung des m in einer Reihe friesischer Namen (Germania 13, 301 — 304) Recht zu geben. Was schließlich die Ausstattung unseres Buches betrifft, so haben wir an manchen Stellen Grund über entstellende Druckfehler zu klagen, wie z. B. Matathesis (S. 27), si/copirt und sincopirt (S. 32 und 136), ^7pokoristisch (S. 4l), gemminirt und Gemmination, Exce^ten, Petronymicum, Polypt^chon (im 3. Jahrg. unserer Zeitschrift war durchaus nur Typtychon zu lesen). Ob alle Citate correkt gedruckt sind, kann Ref. leider nicht beurtheilen; bei Strinzo (S. 58) fanden wir eine auffällige Verschiedenheit zwischen 'Drouke n. 115 a. 883' und Förstemanns Dronke n. 515 a. 838. Leitmeritz, Juni 1869. J. PETTEES. MISCELLEN. Drei deutsche Litterarhistoriker. Die letzten Jahre, wie sie den Kreis der Germanisten überhaupt in schmerzlicher Weise gelichtet, haben rasch nacheinander drei unserer verdien- testen Litterarhistoriker weggerafft. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1868 starb August Friedrich Christian Vilmar, am 21. December 1869 folgte Karl Heinrich Wilhelm Wackernagel, und am 8. März 1870 Karl August Koberstein. Ein reiches Stück Entwickelung unserer Wissenschaft ruht in diesen drei Namen; die Darstellungen deutscher Litteraturgeschichte, die wir ihnen verdanken, haben jede ihre Eigenart und laden zu einer vergleichenden Betrachtung ein. Koberstein, der zuletzt Heimgegangene, betrat am Früheston unter den Dreien das germanistische Gebiet. Am 10. Jänner 1797 zu Rügenwalde in Pommern geboren, empfieng er den ersten Unterricht von seinem Vater, der Prediger war, seine weitere Ausbildung seit 1809 durch die Cadettenanstalt 110 MISCELLEN. zu Stolpe, seit 1811 zu Potsdam, wohin dieselbe verlegt worden, und von 1812 bis 1816 auf dem Friedrich- Willielms-Gymnasium zu Berlin. 1816 bezog er die dortige Universität und widmete sich vorzugsweise philologischen Studien, nach deren Vollendung er eine Adjunctenstelle an der Landesschule Pforta erhielt. Er trat dieselbe am 3. August 1820 an, wurde 1824 zum Professor ernannt und rückte 1855 in die Stellung des ersten Professors auf. Einfach sind, wie man sieht, die äusseren Umrisse dieses Lebens, aber es war inner- lich reich an segensreicher Wirkung auf die Jugend, die mit begeisterter Liebe an dem bis ins Greisenalter jugendfrischen Lehrer hieng. Denn hier war neben gediegenstem Wissen ein warmes Herz, ein ästhetisch durchgebildeter Geist, der seine Anregung Männern wie Böckh, Hegel, Solger und Tieck verdankte. So frisch wie sein Geist blieb auch bis ins Alter hinein sein Körper: der statt- liche kräftige Mann erfreute sich der dauerhaftesten Gesundheit, als ihn im Sommer 1869 eine Lungenentzündung befiel. Zwar erholte ersieh, aber wahr- scheinlich in Folge einer Erkältung kehrte im Frühjahr 1870 die Krankheit wieder und raffte ihn dahin, als eben seine CoUegen und seine ehemaligen wie gegenwärtigen Schüler sich zu seiner im August bevorstehenden Jubel- feier rüsteten. Für Litteraturstudien hatte er schon auf der Schule und Universität eine "Vorliebe gezeigt. Gleich seine erste Arbeit über das wahrscheinliche Alter und die Bedeutung des Gedichtes vom Wartburger Kriege (Naumburg 1823.4) bewährte seine Befähigung zu litterarischen Forschungen auf einem schwieri- gen Boden, so daß Lachmann*) ihn mit einem 'herzlichen Gruß' in der Ge- sellschaft der Freunde des deutschen Alterthums' empfieng. Angeregt durch J. Grimms Bemerkung, daß die Sprachstufe zwischen dem Mittelhochdeutschen und Neuhochdeutschen erst lückenhaft dargestellt sei, nahm er einen Dichter dieser Periode, Peter Suchenwirt, zum Gegenstande von Specialuntersuchungen, hauptsächlich grammatischer, aber auch metrischer Art. Zuerst erschien sein Pi-ogramm 'Über die Sprache des österreichischen Dichters Peter Suchenwirt. Erste Abtheilung: Lautlehre (1828. 4.); es folgten 'Qusestiones Suchenwirtianae. n. Leges quaedam a Suchenwirtio observatae in arte metrica. Denominum de- clinatione' (1842. 4.), 'Über die Betonung mehrsilbiger Wörter in Suchenwirts Werken (1843. 4.), und die 'Dritte Abtheilung: Abhandlung der Conjugation' (1852. 4.) Diesen in streng gelehrter Form verfassten Arbeiten schließen sich andere an, die, auf gleich gediegener Grundlage ruhend, doch in der Form den Bedürfnissen eines weiteren Leserkreises sich anpassen, meist Vorträge, die er seit 1837 im litterarischen Vereine des benachbarten Naumburg gehalten. Sie erschienen als 'Vermischte Aufsätze zur Litteraturgeschichte und Ästhetik' (Leipzig 1858. 8.) und spiegeln in ihrer Mannigfaltigkeit Kobersteins vielsei- tiges Wissen ab. Göthe und Shakespeare sind seine Lieblingsgegenstände, die Abhandlung über das Naturgefühl der Deutschen, die über die in Sage und Dichtung gangbare Vorstellung vom Fortleben menschlicher Seelen in der Pflanzenwelt, so wie die über Thüringens und Hessens Verhältniss zur deutschen Litteratur greifen in die ältere Zeit hinüber. Ausschließlich der neueren Periode gehört die Herausgabe von Heinrichs von Kleist Briefe an seine Schwester Ulrike' (Berlin 1860. 8.), ein wichtiger ■■) In der jenaischen Allg. Litteratur- Zeitung 1S2.'>, Nr. 194-195. MISCELLEN. lU Beitrag zur Geschichte der Eomantik, für welche Koberstein ein besonderes Interesse hatte. Sodann die Weiterführung von Wilh. L(5bells Entwickelung der deutschen Poesie von Klopstocks erstem Auftreten bis zu Gothas Tode', nach den von Löbell ihm noch bei seinen Lebzeiten übergebenen Vorarbeiten: so erschien 1865, bald nach Löbells Tode, der dritte Theil, der mit Lessing sich beschäftigt. Auch ein kleiner Beitrag zu Gosches Archiv für Litteratur- geschichte I, 312 — 314 'über die 17 7G unter dem Namen von J. M. R. Lenz erschienene Komödie die Soldaten', das letzte, was Koberstein geschrieben und erst nach seinem Tode veröfientlicht, gehört derselben Litteraturepoche an. Der langjährige Unterricht im Deutschen rief seine 'Laut- und Flexions- lehre der mittelhochdeutschen und der neuhochdeutschen Sprache in ihren Grundzügen zum Gebrauch auf Gymnasien (Halle 1862, 8, 2. Auflage 1867) hervor, ein Büchlein, welches unter den vielen gleichartigen, durch Klarheit der Darstellung und besonnene Auswahl des Stoffes eine ausgezeichnete Stellung einnimmt. Sein Hauptwerk zu nennen habe ich bis zuletzt verschoben, wiewohl es in die Anfänge seiner litterarischen Thätigkeit hinaufreicht : seinen Grundriß der Geschichte der deutschen National-Litteratur' (Leipzig 1827. 8.) Hervor- gegangen aus der Praxis, sollte das Buch ein Leitfaden für Lehrer und Schüler sein. Der damals freilich noch nicht umfangreiche Apparat für die ältere Lit- teratur wurde, hauptsächlich zum Frommen des Lehrers, in Form von Anmer- kungen beigegeben, während dieselben für die neuere Zeit sparsamer ausfielen. Es war der erste Versuch von Seiten eines Germanisten von Fach, und er fand solchen Beifall, daß schon 1830 eine neue Auflage nöthig ward, der 1837 die dritte folgte. In beiden kam der allmählich angewachsene Apparat haupt- sächlich den Anmerkungen zugute, indem Koberstein die neuesten Forschungs- resultate unter Angabe der Quellen, oft auch der maßgebenden Äußerungen mit- theilte, nach denselben aber auch, wo es nöthig war, den Text umgestaltete. Auf diese Weise waren für die ältere Zeit schon in der dritten Auflage die Anmerkungen zu bedeutendem Umfange angewachsen. In noch höherem Grade war dies der Fall in der vierten Bearbeitung, die etwa 1841 begonnen wurde, und ihren Abschluß mit drei starken Bänden 1866 fand. Wesentlich unter- scheidet sich diese letzte von den früheren durch die Behandlung der neueren Litteratur. Während im Mittelalter nach wie vor Koberstein auf die Forschun- gen bewährter Fachgenossen sich stützte und der Werth seiner Darstellung in der kritischen Sichtung des Stoffes besteht, machte er für die neuere Zeit, da es hier an Vorarbeiten fehlte, diese selbst. Das erklärt die langsam vorschrei- tende Bearbeitung, den gewaltigen Umfang (3391 S. gegen 299 der ersten Auflage), die den Text überwuchernden Anmerkungen, in denen das Forschungs- material niedergelegt war, das jedoch ausführlicher mitgetheilt werden musste, weil nur selten auf vorausgehende Forschungen verwiesen werden konnte. Das verleiht aber der vierten Auflage ihren bedeutenden originalen Werth und macht sie zu einer unschätzbaren Fundgrube gewissenhaftester Einzelstudien aus den Quellen, Die metrischen Beobachtungen, die schon für die ältere Periode, we- sentlich auf den Forschungen anderer, namentlich Lachraanns, ruhend, einge- streiit waren, haben für die neuere einen durchaus originalen Werth und ber- gen eine Fülle des werthvollsten Stoffes. Als in den letzten Jahren Koberstein zu einer fünften Bearbeitung sich 112 MISCELLEN. entschloss, musste sein Hauptaugenmerk auf die Neugestaltung des ersten Theiles gerichtet sein, denn hier lagen 25 Jahre fleißiger und ausgedehnter Arbeit da- zwischen. Die Vorarbeiten dazu waren bei seinem Tode im Wesentlichen ab- geschlossen, in Blättern und Fascikeln mit Excerpten nach der Seitenzahl der vierten Auflage geordnet, und die Ausarbeitung des Textes, der bedeutend um- gestaltet werden sollte, beschäftigte ihn bereits lebhaft, als der Tod das rü- stige Schaffen abschloß. Wenn auch nur ein kleiner Theil der Ausarbeitung vorläge, es wäre für den, der die fünfte Auflage auszuführen übernommen *), eine große Erleichterung, weil dann ersichtlich, in welchem Sinne und Umfange Koberstein die frühere Bearbeitung umgestaltet haben würde. Aber aus den sehr reichlichen Excerpten, die oft zu ein Paar Seiten des Textes gegen 30 Seiten Ms. bieten, ist so viel klar, daß die Textgestaltnng sehr verändert worden wäre, uud darauf deuten auch die Äußerungen Kobersteins in seiner letzten Lebenszeit hin. Keine unserer Litteraturdarstellungen gibt ein so augenfälliges Bild von dem Gange vxnserer Forschungen, gerade der referierende Charakter von Ko- bersteins Arbeit, der mit seinem persönlichen Urtheil sich nirgend vordrängt, macht sie demjenigen so werthvoll, der die Geschichte der Forschung verfol- gen will. Aber auch bei keiner hängt die Form, die das Buch allmählich ge- wonnen, so innig mit ihrer Entstehungsgeschichte zusammen. In wieweit hier, namentlich im Verhältniss von Text und Anmerkungen in der fünften Bear- beitung Veränderungen eintreten dürfen, wird der Gegenstand sorgfältiger Er- wägung sein müssen. Von Kobersteins Persönlichkeit musste sich auch wer nur kurze Zeit mit ihm verkehrte, lebhaft angesprochen fühlen. In den letzteren Jahren bildete er den patriarchalischen Mittelpunkt eines Kreises von jüngeren thüringischen Germanisten, der Vogelweide\ die im Sommer in Kosen zusammenkam* Hier habe auch ich, nachdem ich ihn im Herbste 1865 zuerst kennen gelernt, im Juni 1867 einen fröhlichen Tag mit ihm und anderen Freunden verlebt, und mich an des rüstigen Greises jugendfrischem Geiste und Herzen erquickt und erfreut. Vilmar, dem Alter nach Koberstein der nächste, und auch nächst ihm mit einer Darstellung der Litteraturgeschichte hervorgetreten, wurde am 21. No- vember 1800 zu Solz in Kurhessen geboren, auch er eines Geistlichen Sohn, auch er durch den Vater ersten Unterricht empfangend. Nachdem er das Gym- nasium zu Hersfeld absolviert, bezog er 1820 als Theologe die Universität Mar- burg, und erhielt 1827 eine Stelle als Lehrer an dem Gymnasium, dem er als Schüler angehört hatte. Als Mitglied der kurhessischen Ständeversammlung (seit 1831) und der Kirchen- und Schulcommission übte er auf die hessischen Gelehrtenschulen einen bedeutenden Einfluß. 1833 wurde er zum Direktor des Gymnasiums zu Marburg ernannt, und wirkte hier als Lehrer ebenso wie in seiner früheren Stellung (auch am Hanauer Gymnasium war er kurze Zeit thätig), höchst anregend und fruchtbar. 1850 als vortragender Rath ins Mini- sterium des Innern bei-ufen, 1851 vertretender Vorstand der Generaldiöcese an der Diemel und Schwalm, und 1852 Mitglied der ersten Kammer, wandte er *) Auf Wunscli des Herrn Verlegers und der Erben Kobersteins habe ich mich der schwierif:cen Aufgabe unterzogen. MISCELLEN. 113 sich überwiegend praktischer Thätigkeit zu, die in Kirche und Schule dem strengsten Orthodoxismus huldigte. 1855 wurde er als Professor der praktischen Theologie nach Marburg berufen und hat bis zu seinem Tode diese; Stelle be- kleidet. Man sieht, es ist kein so ruhig hinfliessendes Leben wie das Kober- steins, sondern tief eingreifend in die Strömung der Zeit und tief von ihr er- griffen, ja selbst fortgerissen. Der Leidenschaftlichkeit dieser Natur musste inne werden, wer in das von tiefen Linien durchschnittene Antlitz Vilmars sah. Seine religiöse Richtung zu beurtheilen, liegt uns hier fern; auch seine nach dieser wie nach der pädagogischen und politischen Seite gehende litterarische Thätigkeit lassen wir bei Seite und beschäftigen uns ausschließlich mit seinen Leistungen für deutsche Sprache und Litteratur. Dieser brachte Vilniar, der Landsmann der Brüder Grimm, eine warme verständnissvolle Theilnahme entgegen. Sein erster Versuch auf dem Gebiete war das Programm de gcnitivi casus syntaxi quam prsebeat harmonia evan- geliorum saxonica dialecto saec. IX conscripta commentatio' (Marburg, Elwert. 4.), eine gründliche grammatische Specialforschung, Von geringer Bedeutung war die Herausgabe des Lehrgedichtes Von der stete ampten und von der fursten ratgeben (Ebend. 1835. 4.), in welchem erst viel später F. Bech ein Werk von Johannes Rothe erkannte. Um so bedeutsamer ist seine Untersuchung über 'Die zwei Recensionen und die Handsclniftenfamilicn der Weltchronik Rudolfs von Ems' (Marb. 1839. 4.; 2. Ausg. Frankf. a. M. 1864), denn sie setzte einen schwierigen Punkt der älteren Litteraturgeschichte ins Klare und muss in ihren Hauptresultaten noch heute als maßgebend gelten. Seine Deutsche Grammatik' (Marburg 1840. 8.) war dem Bedürfniss der Schule entsprungen, an welcher Vilmar den deutschen Unterricht der Prima leitete, der erste von echt wissenschaftlicher Seite ausgegangene Versuch, die Resultate der histori- schen Betrachtung der Sprache in die Schule einzuführen. Der Erfolg zeigte, daß es ein glücklicher Griff war; schon 1841 war die kleine Auflage vergrif- fen, und 1864 erschien die sechste, wiewohl seitdem die Zahl derartiger Schriften sich bedeutend vermehrt hatte. Als zweiten Theil veröffentlichte kürz- lich Grein Die deutsche Verskunst nach ihrer geschichtlichen Entwickelung unter Benützung von Vilmars Nachlasse (Marb. 1870), eine ebenfalls sehr ver- dienstliche Arbeit, die unter den Händen des Herausgebers bedeutende Er- weiterung und Vervollständigung gefunden. Einem anderen Gebiete, für wel- ches Vilmar viel Begabung besaß, dem der Culturgeschichte, gehören seine 'Deutsche Alterthümer im Heiland' (Marb. 1845, 4.; 2, Ausg, 1862. 8.), worin er mit feinem Sinn zeigte, wie bei allem treuen Anschluß des altsächsischen Dichters an seinen Stoff, doch sein Werk einen deutschen Charakter trage, sein Christus im Sinne eines deutschen Volkskönigs aufgefasst, das ganze Leben als ein Abbild altgermanischen Lebens zu betrachten und somit aus der alt- sächsischen Evangelienharmonic reicher Gewinn für unsere Alterthumskundc zu ziehen sei. Die Abhandlung *Znr Litteratur Johann Fischarts' (Marb. 1846.8.) brachte einen werthvoUen Beitrag zur Litteratur des 16. Jahrhucderts und er- schien 17 Jahre später (Frankf. a. M. 1865. 8.) in bedeutend erweiterter Gestalt, hauptsächlich durch Benützung der unvergleichlichen Meusebach'schen Bibliothek. Fischart war ein Lieblingsdichter Vilmars, und in seinem Nachlasse befindet sich eine mit allem kritischen Apparat versehene Ausgabe vom Bie- nenkorb' so gut wie druckfertig. 1852 erschien sein Spicilegium hymnologicum GERMANIA, Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 8 114 MISCELLEN. (Frankf. a. M.), welches unedierte lateinische Hymnen und ältere deutsche Über- setzungen brachte; die einzige litterar-historische Frucht dieser für Vihnar so bewegten Periode. Um so ergiebiger waren seine letzten Lebensjahre, die außer neuen Ausgaben älterer Schriften zunächst sein Deutsches Namenbüchlein' (Frankf. a. M. 1861, 8., 4. Aufl. 1865) brachten, eine hübsch geschriebene und für ein größeres Publicum berechnete Darstellung über die Entstehung und Bedeutung der deutschen Familiennamen. Daran reiht sich sein 'Hand- büchlein für Freunde des deutschen Volksliedes' (Marb. 1867. 8.), eine so recht Vilmars Geistes- und Gemüthsrichtung entsprechende Arbeit, eine treff- liche Charakteristik des Wesens des Volksliedes, die solchen Beifall fand, daß schon im folgenden Jahre eine neue Auflage nöthig wurde. Auch seine letzte germanistische Arbeit, sein 'Idioticon von Kurhessen' (Marb. 1868. 8.) hängt mit dem Volksleben nahe zusammen und beruht auf langjähriger Sammlung des Stoffes und genauester Beobachtung und Kenntniss des Landes, dessen Sohn er selbst war. Nach seinem Tode gab Vilmars Schüler Piderit 'ein Weih- nachtsspiel aus einer Hs. des XV. Jahrhunderts' unter Benützung einer Abschrift Vilmars mit dessen Anmerkungen heraus (Parchim 1869. 8.). Ebenso erschien aus dem Nachlasse noch eine Arbeit über Goethes Tasso (Frankfurt a. M. 1869), wieder voll schöner Bemerkungen, wenn auch nicht unbeeinflußt von seinem Standpunkte. Keine seiner Arbeiten kann jedoch gleichen Erfolges sich rühmen wie seine Geschichte der deutschen National-Literatur . Das Buch war • aus Vor- lesungen hervorgegangen, die Vilmar im Winter 1843 — 44 in Marburg gehal- ten hatte, und trug daher bei seinem ersten Erscheinen (Marb. 1845. 8.) den Titel Vorlesungen zur Geschichte der deutschen National-Literatur'. Die Entstehung aus Vorlesungen vor einem größeren Publicum muss als bedeutsam für den Charakter des Buches angesehen werden: ihr verdankt es die geho- bene schwungvolle Sprache, die oft blühend ist, das Zui-ücktreten aller Detail- forschung, das Verzichtleisten auf Vollständigkeit des Stoffes, das Verweilen bloß auf den Höhepunkten. Fast überall tritt Beherrschung des Stoffes zu Tage, überall ein feiner ästhetischer Sinn, eine liebevolle Hingabe an den Gegen- stand. Den hervorragenden Theil des Buches bildet die Darstellung der älte- ren Litteratur, bis zum 16. Jahrhundert, dieses mit eingeschlossen, also die Zeit, in der auch Vilmars eigene Foililhungen sich bewegen. In der Darstellung der neueren Zeit macht sich der individuelle Standpunkt des Verfassers mehr gel- tend, und hier wird man seinen Urtheilen nicht immer beipflichten können. Auch nachdem bei neuen Auflagen die Bezeichnung 'Vorlesungen' weggefallen, blieb doch der Charakter des Buches wesentlich derselbe; es wurde in einzel- nen Partien erweitert und vervollständigt, die beigefügten Anmerkungen, reich- licher beim ersten als beim zweiten Theile, gaben das nothwendigste litterarische Material. Von Jahr zu Jahr wuchs die Verbreitung des Buches, 1869 erschien es in 13. Auflage. Was man den späteren Auflagen zum Vorwurf machen darf, ist daß nicht, weder im Texte, noch in den Anmerkungen, die neueren Forschungen berücksichtigt worden sind. Gleicliwohl ist unter den populär darstellenden Litteraturbüchern keines, das mit gleichem Rechte sich die Liebe des Publicums erworben. Vilmars Buch hat viel dazu beigetragen, daß die altdeutsche Litteratur dem Volke vertrauter wurde. Ob es auch das Studium der Originale begünstigt hat, ist allerdings die Frage, denn gar mancher ließ MISCELLEN. 115 sich an Vilmar genügen, und noch andere lesen sogar Vilmars Auszag aus dem Nibelungenliede lieber als das alte Lied selbst. Eine Ergänzung zu dem Buche bilden die nach Vilmars Tode herausgegebenen 'Lebensbilder deutscher Dichter' (Frankfurt a. M. 1869. 8.), so wie die 'Charakterbilder der deutschen Litteratur von E. Labes' (2 Bände, Jena 1866 — 67. 8.) Wackernagel, unter den drei Männern, von denen wir hier reden, in geistiger Begabung, in Ausbreitung und Vielseitigkeit des Wissens unbestritten der bedeutendste, wurde ara 23. April 1806 zu Berlin geboren. Sein Vater, ein aus Thüringen stammender Buchdrucker, starb frühe und des Knaben Ju- gend war eine entbehrungsreiche und gedrückte. Auf dem grauen Kloster ge- bildet, widmete er sich 1824 — 27 unter Lachmanns Leitung ausschließlich den altdeutschen Studien, die er schon auf dem Gymnasium getrieben hatte. Die Zeit bis zu seiner Berufung nach Basel (1833) verlebte er theils in Breslau, theils in Berlin, als Privatgelehrter, indem er sich seinen Lebensunterhalt durch litterarische Arbeiten, Copieren von Handschriften, auch durch Theaterkritiken erwarb. Die Professur an der Universität Basel, der er 36 Jahre angehörte und der er zur glänzenden Zierde gereichte, war mit einer Stellung am Pädagogium verbunden, und darin berührt sich seine Thätigkeit mit der Kobei-steins und Vilmars. Wie diese, wirkte er anregend fördernd und weckend auf seine zahl- reichen Schüler. Ihm ist daher diese Schulthätigkeit, wenngleich sie die Mühen seines Berufes vermehrte, zeitlebens eine liebe und theure geblieben. An Basel durch geknüpfte Familienbande gekettet, schlug er die glänzendsten Berufungen nach größeren Universitäten, München, Berlin und Wien aus, an denen sicli seinem akademischen Lehrtalente ein ganz anderes Feld eröffnet hätte. Die Schweiz war ihm zur Heimat geworden, hier hatte er eine Ruhestätte gefun- den nach der Wanderzeit einer harten Jugend. Ihre Entbehrungen hatten ihn aber an Leib und Seele gestählt; die hohe kräftige Gestalt entsprach dem Eindrucke seines geistigen Wesens und der Energie seines Charakters. Allzu- gesteigerte geistige Anstrengung brach jedoch auch diese feste Natur. Seit Jahren nervös reizbar, zeitweise schlaflos, wurde er in den 50er Jahren wie- derholt krank. Der Winteraufenthalt in Nizza (1864 — 65) schien ihn wieder herzustellen, aber auch nur vorübergehend, und er sah sich genöthigt, die Thä- tigkeit am Gymnasium ganz aufzugeben. Im Winter 1867 — 68 erkrankte er von Neuem bedenklich, aber kaum genesen, wandte er sich mit rastlosem Eifer gelehrten Arbeiten zu. Eine Wiederkehr des alten Leidens im November 1869 schien anfangs nicht so gefahrvoll, um so unerwarteter kam ein neuer Anfall am 11. December, der am 21. Decembcr seinem reichen Leben ein Ziel setzte. In der Beurtheilung Wackernagels darf seine künstlerische und dichte- rische Begabung nicht bei Seite gelassen werden. Sie verlieh Allem, was er schuf, das eigenthümliche Gepräge, der Form die künstlerische Gestaltung, den Gedanken die weittragende Kühnheit und Combinationskraft, der Sprache den edlen dichterischen Schwung. Nach der philologischen Seite von Lach- mann angeregt, und in der That einer seiner bedeutendsten Schüler, hat er in der Geistesrichtung und Anlage doch mehr Verwandtschaft mit J. Grimm, dem er auch an Vielseitigkeit von allen Germanisten am nächsten tritt. Seine gelehrte Thätigkeit begann er in frühen Jahren; schon 1827 ließ er die Ge- dichte zweier der ältesten Ijyrikor, des Kürenbcrgers und Alrams von Gereten 116 MISCELLEN. (Berol. 8.) erscheinen, gab 'Spiritalia theotisca' (Vratisl.) und eine Abhandlung 'Das Wessobrunner Gebet und die Wessobrunner Glossen (Berlin) heraus. Die Zahl seiner Schriften und Abhandlungen beläuft sich nach dem von Sieber und J. G. Wackernagel gegebenen Verzeichniss (Zeitschrift für deutsche Phi- lologie 2, 337 — 342) auf 114 und würde noch bedeutend höher sein, wenn man die einzelnen Aufsatze der Jahrgänge einer Zeitschrift besonders beziifern Avollte. Indem wir im Allgemeinen auf dies Verzeichniss verweisen, wollen wir nach den Hauptrichtungen seine bedeutendsten Arbeiten kurz besprechen. Von der eigentlich philologischen Thätigkeit der Textkritik, durch welche Lachmann glänzte, giengen seine frühesten Arbeiten aus. Sie beziehen sich über- wiegend auf die mittelhochdeutsche, einige auf die althochdeutsche Litteratur. Außer den schon erwähnten sind es das Wachtelmaere 1828 ^), Walther von Klingen (Basel 1845. 4.), Altdeutsche Predigten, 1848 gedruckt, aber noch nicht aus- gegeben, mit einer litterarischen leider im Drucke unterbrochenen Einleitung, die nun wohl ein Fragment bleiben wird, die Meinauer Naturlehre (Stuttgart 1850. 8.), Hartmanns von Aue armer Heinrich (Basel 1855. 8.), begleitet von zwei jüngeren Prosalegenden verwandten Inhalts, die sechs Bruchstücke einer Nibelungenhandschrift (Basel 1866. 4.), und, die bedeutendste unter allen, die mit M. Rieger gemeinsam unternommene Ausgabe Walthers von der Vogel- weide nebst Ulrich von Singenberg und Leutold von Seven (Giessen 1862. 8.). Mit Walther hatte Wackernagel sich schon 30 Jahre vorher gründlichst be- schäftigt, wie seine Anmerkungen zu Simrocks Übersetzung (2 Bände. Berlin 1833. 8.) bezeugen. Dem rechtshistorischen Gebiete gehören die Publicatio- nen *Das Landrecht des Schwabenspiegels (Zürich 1840. 8.) und 'Das Bi- schofs- und Dienstmannenrecht von Basel in deutscher Aufzeichnung des 13. Jahrhunderts (Basel 1852. 4.). Feines Verständniss, liebevolles Erfassen des Autors zeichnet die Ausgaben Wackeruagels aus, seine Textkritik, wenn auch nicht genial, ist schonend und conservativ, oft sinnig, sie verschmäht das Ge- waltsame zu kühner Änderungen und willkürlicher Behandlung in Sprache und Metrik, wovon sein Meister nicht immer freizusprechen ist. Mehr zog ihn die Neigung jedoch zu litterarhistorischen Untersuchungen hin. Seine ersttj derartige Arbeit, die Geschichte des deutschen Hexameters und Pentameters bis auf Klopstock' (Berlin 1831. 8.) fasst gleich einen wei- ten Gesichtspunkt ins Auge, und streift auf das Gebiet der antiken Poesie hinüber. Eine stattliche Reihe von Schriften und Abhandlungen auf diesem Gebiete folgte, zunächst *Die Verdienste der Schweizer um die deutsche Litte- ratur (Basel 1833. 4.), seine Antrittsrede in Basel am 17. Mai 1833, ein Ge- genstand, wie er kaum passender gefunden werden konnte. Dann die altdeut- schen Handschriften der Basler Uuiversitäts-Bibliothek' (Basel 1836. 4.), die schöne Abhandlung über 'die epische Poesie' 1837"), die über Neidhart von Reuenthal' 1838 *), das Programm 'über die dramatische Poesie' (Basel 1838. 4.), die Abhandlung über 'die Gottesfreunde in Basel' 1842 *), 'über das Schach- ') Friedrichsstadt, Januar. 8. Aumerkuugen dazu in Maßmanus Denkmälern, Mün- chen 1S28, S. lOö— 12. ■-) In Schweizerisches Museum für histor. Wissenschaften 1. 341—372. 2. 36 bis 102. 243—274. ^) In von der Hagens Minnesingern 4, 436 — 442. ■*) Beiträge zur vaterländischen Geschichte 2, 111 — 163. MISCELLEN. 117 zabelbuch Konrads von Ammenhauseu 1846 '), 'Die altdeutschen Dichter des Elsasses: Otfried von Weissenburg, Heinrich der Gleissner' 1847 '^j, 'Konrad von Würzburg aus Würzburg oder aus Basel?' 1858^), 'Leben und Wirken Walthers von der Vogelweide 1865 in Nizza geschrieben*), und, der alt- sächsischen Littcratur angehörend, die altsächsische Bibeldiclitung und das Wessobrunner Gebet 1868 ^), womit er theilweise zu einem vor 41 Jahren behandelten Gegenstande zurückkehrte. Endlich seine letzte Arbeit 'Johann Fischart von Straßburg und Basels Antheil an ihm (Basel 18 70. 8.), die in die Hände seiner Freunde kam, als der Tod schon an seine Thür pochte: ich erhielt das Buch, sein letztes Geschenk, am 15. December 1869. Ins ro- manische Gebiet hinüber greifen seine 'Altfranzösische Lieder und Leiche' (Basel 1846. 8.), die von sprachlichen und noch werthvolleren litterarischen Un- tersuchungen begleitet sind. Aber auch die neuere Litteratur gieng nicht leer aus: ihr gehören die Abhandlung zur Erklärung und Beurtheilung von Bür- gers Leonore' (Basel 1835. 4.)*'), die Rectoratsrede über Lessings Nathan den Weisen 1855'^) und die Gedächtnissrede auf Ludwig Uhland bei der Uhlandsfeier zu Basel am 13. Jänner 1863^). Auch seine grammatischen Arbeiten ziehen sich durch sein ganzes Leben hindurch. Bereits 1830 veröffentlichte er eine Abhandlung 'über Con- jugation und Wortbildung durch Ablaut im Deutschen, Griechischen und La- teinischen ^) und in demselben Jahre erschien seine gediegene Untersuchung über die mittelhochd. Negationspartikel ne ^°). Von seinen späteren Arbeiten gehören dem sprachlichen Gebiete an der 'Vocabularius optimus zur Begrüßung der Philologen in Basel (Basel 1847. 4.), 'Die deutschen Appellativnamen' 1859'^), 'Die Umdeutschung fremder Wörter (Basel 1862. 4., 2, Auflage 1863), die 'Voces variac animantium, ein Beitrag zur Naturkunde und zur Geschichte der Sprache' (Basel 1867. 4,, 2. Ausgabe 1869), und über 'Sprache und Sprachdenkmale der Burgunden' 1868 '"). Wie hierin, so berührt er sich mit J. Grimm auch in der Neigung zu culturhistorischen und antiquarischen Forschungen, und hierin liegt eine der hervorragendsten Seiten seines Geistes. Außer zahlreichen kleineren Abhand- lungen, namentlich in der Zeitschrift für deutsches Alterthum (Band II — IX), sind zu erwähnen 'Familienrecht und Familienleben der Germanen' 1846 '^}, ') Kurz und Wcissenbach, Beiträge zur Geschichte und Litteratm- 1, 28 — 77. 158—222, 314—373. *) Elsässische Neujahrsblätter 1847 S. 210—237; 1848 S. 190—216. ^) Pfeiffers Germania 3, 257 — 266. ') Herzogs Realencyclopaedie für protestant. Theologie und Kirche, Supple- mentband. ') Zeitschrift für deutsche Philologie 1, 291 — 309. '^) Mit Nachträgen wdederholt in den altdeutschen Blättern 1, 174—204. ') In Geizers protestantischen Monatsblättern 1, 6, 232—256. ') Ebendaselbst Jahrgang 18G3. ^) Seebodes Arclüv für Philologie und Pädagogik 1, 17 — 50. '") Hoffraanns Fundgruben 1, 269—306. 347—400. ") Pfeiffers Germania 4, 129 — 160. 5, 290-356. ^^) In Bindings Geschichte des burgundisch-romanischen Königreiches S. 329 bis 404. '') Schreibers Jahrbuch für Geschichte und Alterthum in büddeutschlaud 5, 259-316. 118 MISCELLEN. ^Gewerbe, Handel und Schiffahrt der Germanen , ein Vortrag '), "^Eitter- und Dichterleben Basels im Mittelalter (Basel 1858. 4.) und 'Die Lebensalter. Ein Beitrag zur vergleichenden Sitten- und Eechtsgeschichte' (Basel 1862. 8.) Ferner aus der Mythologie seine Etcsu TCregoevra' zur Jubelfeier der Uni- versität (Basel 1860. 4.) und das mit trefflichem Humor gewürzte Hündchen von Bretzwil und von Bretten 18G5 ^). Aber gleiches Interesse brachte Wackernagel der Kunstgeschichte ent- gegen, und zeigt darin eine bei Philologen sehr seltene Vereinigung geistiger Fähigkeiten. Sein Buch über 'Die deutsche Glasmalerei' (Leipzig 1855. 8,), seine Abhandlungen 'der Todtentanz 1856 ') und über ""die goldene Altar- tafel von Basel (Basel 1856. 4.) bewähren seine Meisterschaft auch auf die- sem Gebiete. Dahin gehören auch seine lebendigen Vorträge Pompeji (Basel 1849, 2. Auflage 1870. 8.) und 'Sevilla (Basel 1854, 2. Aufl. 1870. 8.) Tritt hier die künstlerische Begabung Wackernagels hervor, so noch mehr in seinen dichterischen Leistungen, die mit wenigen Ausnahmen nicht so bekannt und gewürdigt sind, wie sie es verdienten. Als Dichter trat er schon 1828 auf und gab die 'Lieder eines fahrenden Schülers' (Berlin. 8.) heraus. Außer zahlreichen Gedichten in Zeitschriften, veröffentlichte er dann noch selbständig 'Neuere Gedichte aus den Jahren 1832 — 4l' (Zürich 1842. 8.), "^Zeitgedichte, mit Beiträgen von Balth. Eeber' (Basel 1843) und das 'Wein- büchleiu' (Leipzig 1845). Nach seinem Tode gab Geizer in seinen Monats- blättern noch manche Gedichte der letzten Jahre heraus. Der in streng philo- logischer Schule gebildete Formsinn verleiht Wackernagels inhaltsreichen Ge- dichten noch einen besonderen Eeiz, wie denen Simrocks, und wie dieser, hat er sich nicht gescheut, manche Wendung, manchen Ausdruck aus der alten Sprache in die moderne Dichtersprache einzuführen. Zwei Werke haben wir noch zu erwähnen, die in innigem Zusammen- liange mit einander stehen. Zuerst sein Deutsches Lesebuch', dasselbe erschien in drei Bänden, die von der ältesten Zeit bis auf das Jahr 1842 reichen (Basel 1835 — 42. 4. Aufl. des 1. Theiles 1861). Eine so allseitige Auswahl aus dem Schatze der gesammten deutschen Litteratur besaßen wir noch nicht; keine Eichtung, keine bedeutende Erscheinung in Poesie und Prosa ist unver- treten, überall ist das Charakteristische mit feinem Sinne ausgewählt, die Texte in kritischer Bearbeitung mitgethcilt. Den ersten Band, das 'Altdeutsche Le- sebuch' empfahl dem Philologen außerdem das treffliche beigegebene Wörter- buch, Avelches in der neuesten Bearbeitung (1861) zu einem 'Altdeutschen Handwörterbuch erweitert worden ist. Von den zahlreichen Lesebüchern kann keines auch nur entfernt mit W. Wackernagels Werke verglichen werden, nur Gödekes elf Bücher deutscher Dichtung dürfen für die neuere Zeit eine gleiche Berechtigung beanspruchen. Eine neue, vom Verf. vorbereitete Ausgabe soll als erste Abtheilung nur 'gothische und altsächsische Lesestücke sammt Wörterbuch enthalten und ist druckfertig. Mit dem Lesebuche hängt aber seine Geschichte der deutschen Littera- ') Erweitert aljgediiickt in der Zeitschrift für deutsches Alterthum 9, 530 bis 578. ") Neues Schweizer. Museum ö, 339 — 350. ^) Basel im U. Jahrlmudert S. 213—250. 377—425. MISCELLEN. XI9 tur (Basel 1851 — 55. 8. 3 Hefte) nahe zusammen. Die getrennten Vorzüge Kobersteins und Vilmars, die gewissenhafte Durchforschung und Beherrschung des Stoifes bei dem einen, und die geschmackvolle, oft schwungvolle Darstel- lung des andern, vereinigt Wackernagels 'Handbuch.' Es bietet dem Forscher, zumal in den Anmerkungen, den gelehrten Stoff in erwünschter Vollständig- keit und weiß doch durch die zusammenhangende, stets lebendige Darstellung zu fesseln. Kein litterarisches Denkmal unerwähnt lassend, und darin noch voll- ständiger als Koberstein, geht er an dem unbedeutenden doch schnell, oft nur mit Namensnennung vorüber, aber auf dem Bedeutsamen verweilt die, wenn auch immer knappe, eigenthümliche Charakteristik. Die Entwickelung der Ansichten, wie wir sie bei Koberstein in den Anmerkungen finden, ist mehr beschränkt, Wackernagel tritt oft mit ganz selbständigen Ansichten herr- schenden Meinungen entgegen. Sein Werk, begonnen nach mehr als zwanzig- jähriger litterarischer Thätigkeit, trägt daher gleich im ersten Wurfe dca Stempel hoher Vollendung, bekundet überall den Mann, der unmittelbar aus den Quellen geschöpft, aus ihnen sich sein Urtheil gebildet hat und doch die Meinungen aller Mitforscher genau kennt, ihre Gründe und Gegengründe reif- lich erwogen hat. Leider ist es ein Torso geblieben, es reicht bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts und seit 15 Jahren ist es nicht fortgeführt. Auch ist dazu keine Aussicht vorhanden; denn wer vermöchte bei den riesig wachsenden Dimensionen der neueren Litteratur in gleicher Weise es zu vollen- den? Vielleicht, daß Wackernagel selbst vor der außerordentlichen Stofffülle zurückschreckte. Von den Früchten seines Geistes hat er auch in dieser Zeitschrift ein Paar niedergelegt, die ihr zum bleibenden Schmucke gereichen. Sein Zurück- ziehen seit 1860 beruht auf persönlichen Verhältnissen, die hier auseinander- zusetzen nicht der Ort ist. Als ich im Herbste 1868 mich zur Uebernahme der Eedaction entschloß, schickte ich auch ihm das damals erlassene Pro- gramm. Sie fordern mich auf', schrieb er mir am 26. October 1868, 'an der von Ihnen redigierten Germania wieder mitzuarbeiten. Es braucht für mich kein langes Bedenken, was ich darauf erwiedern solle : ich sage gerne Ja. . . . Aber ich erkläre zugleich, daß Sie viel der Art nicht erwarten dürfen, und auch nicht so gar bald. Ich habe nun einmal meine Verpflichtung gegen Zacher und sehe überdies für längere Zeit wenig Kraft und Müsse litterarischer Thä- tigkeit voraus. Ich spüre die Leiden des Alters' usw. Und als er mir am 28. August 1869 für den übersandten H. Ernst dankte, schrieb er: 'Leider kann ich auch für diese Gabe Ilmen einstweilen keine Gegengabe bieten und nicht einmal als Zeichen meines Dankes und meiner Anhänglichkeit einen Bei- trag für die Zeitschrift. Ein volles Semester, der ganze Winter, ist mir in Krankheit dahingegangen, seitdem lebe ich in langsamer stockender Reconva- lescenz: ich soll die 60 nicht ungestraft überschritten haben. Da gelange ich außer den Vorlesungen nicht zu viel Anderem'. So kam es, daß die Germania ihn nicht wieder in den Reihen ihrer Mitarbeiter erblickte, wie er seitdem auch zu Zachers Zeitschrift keinen Beitrag mehr steuerte. Als wir im September 1862 nach den schönen Tagen der Augsburger Philologenversammlung, der ersten, wo eine germanistische Section getagt hatte, von einander Abschied nahmen, schrieb er die Worte des Dichters mir ein : 120 MISCELLEN. "^Wann sehn wir uns, ihr Brüder, In diesem Schifflein wieder?' Mir war es nicht vergönnt, ihn wiederzusehen, aber theure Erinnerun- gen werden mir die Tage sein, die ich in Basel 1860, Frankfurt 1861 und Augsburg 1862 in innigem "Verkehr mit ihm verlebt habe. ROSTOCK, December 1870. K. BARTSCH. Der litterarisclie Verein in Stuttgart. Den kürzlich ausgegebenen hundertsten Band der Bibliothek des littera- rischen Vereins hat der gegenwärtige Präsident desselben, A. v. Keller, mit einer Denkschrift (Tübingen 1870, 36 S.) begleitet, welche eine Uebersicht über die Greschichte und Thätigkeit des Vereins gewährt. Wenig Bibliophilen- Vereine können sich einer so erfreulichen, die Wissenschaft fördernden Thätig- keit, wenige eines so laugen^ unverkümmerten Blühens und Gedeihens rühmen. 1839 gegründet, steht er seit 1849 unter Kellers Leitung und hat seitdem nicht nur die Zahl seiner Mitglieder beständig wachsen sehen, sondern na- mentlich auch eine gesteigerte litterarische Thätigkeit entwickelt. Während in den ersten neun Jahren des Bestandes nur 17 Bände veröffentlicht wurden, be- läuft sich die Zahl der von 1849 — 1870 herausgegebenen auf 83, was auf jedes Jahr durchschnittlich vier Bände ergibt. Getreu seinem Program, hat der Verein historische Quellen im weitesten Sinne eröffnet. Ausser den eigentli- chen Geschichtsquellen, unter denen die auf Deutschland bezüglichen natür- lich vorwiegen, erstrecken sich die Publikationen, und dies macht sie nament- lich dem Philologen so werthvoU, auf Litteraturdenkmäler. Auch hier ist die deutsche Poesie vorzugsweise vertreten, und ihr sind nicht weniger als 50 Bände gewidmet. Aber auch die verschiedenen romanischen Sprachgebiete finden wir in italienischen, portugiesischen, provenzalischen und altfranzösischen Publi- cationen vertreten, ebenso die lateinische Dichtung des Mittelalters und der neueren Zeit. Welche gewaltige Lücke in unserem philologischen Apparat, wenn diese Bände fehlten! Im Interesse der Wissenschaft liegt daher das Gedeihen dieses Vereins, dem man nur wünschen kann, dass sein umsichtiger Leiter ihm noch lange erhalten bleibe. ROSTOCK, December 1870. K. BARTSCH. ZUM MUSPILLT. Kritisches und Dogmatisches VON FERDINAND VETTER. Das Muspilli ist in den letzten Jahren wiederholt in kritischer und im Zusam- menhang damit, in dogmatischer, resp. mythologischer Beziehung eingehend bespro- chen worden. Zwei fast gleichzeitige Arbeiten: von Bartsch (vom Juli 1857) im dritten Bande dieser Zeitschrift, und von Feifalik im 26. Bande der Wiener Sitzungsberichte (Febr. 1858) behaupteten seine Entstehung aus verschiedenen cälteren Liedern, resp. seine Intei-polation, weil es Heidnisches mit Christ- lichem mische; ihnen gegenüber verfocht Zarncke (Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wissensch. 1866) die Einheit, weil es nur Christliches enthalte. Es war mir höchst interessant, im vorigen Frühjahr mit diesen Schriften be- kannt zu werden, als ich zum Behuf meiner Doctor-Dissertation eine eigene frühere Arbeit über Muspilli wieder vornahm, die ich einst meinem verehrten väterlichen Lehrer Wackernagel vorgewiesen und in der ich ebenfalls über die Unebenheiten des Gedichtes durch Annahme einer Ueberarbeitung hinwegzukommen gesucht hatte. Jetzt prüfte ich meine Ergebnisse nochmals; das Resultat sind die folgenden beiden Ab- handlungen, die ich, da ich schließlich einen weiteren dritten Theil füber den Vers- bau des M.) der beabsichtigten Dissertation allein zu diesem letzteren Zwecke be- stimmte, hier zur Beurth eilung vorlege. CHUK, im Februar 1871. Kritisches. (Zusammenhang und Ordnung.) ;.; [Die Verse des Muspilli sind nach dem Text bei Müllenhoff u. Scherer citiert.] Bartsch und Feifalik in den angeführten Aufsätzen und Müllenhoff in den Denkmälern (im Gegensatz zu seiner früheren Ansicht , Haupts Ztsch. 11, 392) treffen in der Behauptung zusam- men, daß die Schilderung vom Kampf des Elias und Antichrist und vom Weltbrande den Zusammenhang unterbreche und eingeschoben sei. GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 9 122 FERDINAND VETTER Im Einzelnen weichen ihre Herstellungsversuche ab. Einschiebungen nimmt auch Conrad Hofmann an. Gegen alle Versuche einer Zerlegung wendet sich nun Zarn- cke's angeführte Arbeit, die Einheit und im Wesentlichen treue Überlieferung des Gedichtes behauptend. Den ersten Eindruck des Springenden, Unverbundenen macht das Gedicht gewiß auf jeden unbefangenen Leser; auf ihn legt Zarn- cke's Widerlegung (s. unten), wie mir scheint, nicht genug Gewicht. „Er ist", sagt Feifalik, „kein einheitlicher; man fühlt dunkel in dem Gedichte die Verbindung von ursprünglich Fremdartigem, nicht Zu- sammengehörigem." Wir wollen sehen, ob sich dieser erste Eindruck auch bei nä- herer Betrachtung als richtig erweist, und werden dabei nicht bloß das betreffende Stück, das jene drei Gelehrten seines Inhalts wegen als an falscher Stelle stehend erklärt haben, sondern das ganze Ge- dicht nach drei Gesichtspunkten in Betracht ziehen. 1. Der erste kritische Messer für ein allitterierendes Gedicht ist die Allitteration, die Prüfung, ob diese durchgängig in Ordnung sei. Die Allitteration in Vs. 73 führt uns nun auf eine frühe Zeit zurück: hlütjan, hlüi, hlidi finden wir nur in den Keronischen Glossen, in Hraban, Isidor, den Psalmen; später ist das li vor l und lo durchgän- gig abgefallen. Die Durchführung dieser älteren Formen durch das ganze Gedicht, die in einem einheitlichen Denkmal vor Allem mög- lich sein muss, hat keine Schwierigkeit, seitdem durch Hofmann's Entdeckung (Sitzungsber. d. bair. Akad., philos.-philol. GL, 3. Nov. 1866. S. 232) in Vs. 66 auf uueiz und uuenago der richtige Eeim {uuartil) gefunden ist {liuueliJihan ist Malfüllung, uuartü Hauptstab); man kann also Vs. 7 kuuederemo, 19 huueWihemo, 30 h^iuanta, 60 liuuär, 62 Jiuuiü, 64 huueUhha, 66 himielihhan, 82 hleuuo, 92 huuelih, 93 huuaz einsetzen, Avie die gleichzeitige Entstehung mit Vs. 73 ver- langen würde, ohne daß irgendwo die Allitteration gestört wäre; auch 62 und 82 können nicht dagegen sprechen, wie Müllenh. HZ. 11, 382 glaubt: 1 Reimstab im 1. Verse genügt: ni uueiz mi huuiü puoze, sär verit si za uuize. Zossan sih ar dero hleuuo vazzon, schal irao avar sin ?ip piqueman. Freilich darf man lossan nicht streichen, wie MS. in den Denkm. — ein Reimstab fällt auch in .30 weg ; dafür gewinnen wir einen neuen in 7. Bei diesem imzweifelhaft alterthümlichen Stand der Allitteration muss ZUM MUSPILLI. \ 123 CS nun sehr auffallen, daß plötzlich 2 Verse, 61, 62, mit unbestreitbar beabsichtigtem Endreim begegnen. Nur der zweite allitteriert daneben noch = uueiz : uiüze, was aber bei der deutlichen Absicht, eine Reim- strophe nach Art Otfrieds zu bilden, nicht in Betracht kommen kann, wenn auch nicht mit Hofmann aus dem Grunde, weil uuize an falscher Stelle stünde (vgl. Vs. 58, 59. Hildebr. 40. 60). Endreime ohne AlHtt. sind aber überall Merkmale späterer Bearbeitung. Und für später er- klären denn diese beiden Verse auch aus Gründen des Inhalts, auf die wir unten kommen werden, übereinstimmend Bartsch, Feifalik, Müllen- hoff in den Dkm. und (nach Zarncke's Vertheidigung der Einheit) Hofmann. Das Ergebniss unserer ersten Anforderung an ein einheitliches Gedicht: Richtigkeit der Allittcration, ist also: das Gedicht hat jüngere Verse, es zeigt Spuren einer späteren Bearbeitung. 2. Zweitens verlangt mau von einem einheitlichen Gedicht, daß es keine Widersprüche enthalte. Haben Avir also oben Entstellung der alten Gestalt vermuthen müssen, so werden wir diese anzunehmen doppelt geneigt sein, da wo sich einzelne Züge widersprechen. Das Letz- tere aber war es, was mir vor mehreren Jahren beim ersten eingehen- deren Lesen des Gedichtes auffiel, und wovon ausgehend ich schon damals mit der ganzen Litteratur über Muspilli noch völligunbekannt, wesentlich dieselben Umstellungen vornahm, die ich unten darlegen werde, — indem ich mir dazu bemerkte: „Im ersten Theile (bis Vs. 30) ist nur von dem Gericht über die einzelne Seele die Rede, im zwei- ten vom allgemeinen Weltgericht; im ersten ist das Urtheil über die Seele — oder vielmehr die gewaltsame Entscheidung durchs Faust- recht — bereits vollendet, Lohn und Strafe vollzogen^ im zweiten findet noch einmal am Ende der Tage, nach Untergang der Welt, ein gi'oßer Gerichtstag und regelrechter Prozeß statt. Ich schied daher Vs. 1 — 30 als ein besonderes Gedicht ab, ließ mit daz hortih rahhon ein neues 'Gedicht beginnen, und zugleich, der besseren logischen Aufeinanderfolge wegen die Verse so denne der mahttgo khuninc bis Iduuerhot hajjeta der Beschreibung des Kampfes nachfolgen. Ganz ähnlich fand ich nun auch bei Bartsch (a. a. O. 12 ff.) mit daz hortih rahhon ein zweites Gedicht begonnen (Vs. 37—62), und mit so denne der m. k. sogar ein drittes (31 — 36, und 63 bis Ende). Bartsch stützt sich auf die epische Eingangsformel Vs. 37, auf den besseren Anschluß der Theile und auf die bemerkte Unverein- barkeit der beiden Urtheile über die Seele. Zugleich findet er im gan- 124 FERDINAND VETTER zen Gedichte heidnische Elemente, und hebt von den 3 Liedern na- mentHch das zweite als dasjenige heraus, das „am meisten den unver- änderten mythologischen Charakter trage." Heidnischen Ursprung gibt diesem Abschnitt auch Feifalik und verlangt deswegen seine Aus- scheidung. Nun weist aber Zarncke a. a. 0. schlagend nach, nicht nur, daß sich fast sämratliche als heidnisch gefasste Züge aus christliehen Quellen herleiten lassen, sondern daß namentlich auch die zwei ver- schiedenen scheinbar sich ausschließenden Gedichte schon eine kirch- liche Überlieferung sind und zur Trennung des Gedichtes keinen Anlaß geben können. Feifalik's und Bartsch's Gründe zur Zerlegung in einen christli- chen und einen heidnischen Bestandtheil, bezw. in drei verschiedene heidnische Mythen, fallen hiemit dahin: der Inhalt an sich berechtigt uns zu keiner Zerlegung. Ferner steht durch Zarncke's Nachweisungen fest^ daß die da- malige Kirchenlehre wirklich zwei verschiedene Gerichte annahm, daß sie dann aber den darin liegenden Widerspruch in der Ausbil- dung des Dogmas eifrigst zu heben bemüht war (indem sie namentlich durch die Theiluahme des Leibes und die Steigerung des Lohn- und Strafzustandes beim zweiten Gericht, diesem zulegte, was sie dem ersten entzog). Daß aber in einem Gedicht, wo doch die Einheit oberstes Gesetz ist, dieser Widerspruch sich findet, ohne irgend einen Versuch, ihn zu glätten, vielmehr noch recht in aller Schroffheit hingestellt, dürfte denn doch auffiillen. Die von Zarncke dargelegten Ansichten der Kirchenlehrer und ihre Versuche, die doppelte Entscheidung über die Seele zu erklären, zerfallen dem Wesen der Sache nach in zwei Gruppen. Entweder findet nur ein Gericht statt, am jüngsten Tage. So Cyrill von Alexandrien, Gregor von Nyssa, Ephräm der Syrer. Vor- her geht eine Art Seelenschlaf oder Unthätigkeit, oder ein indifieren- ter Aufenthalt der Seelen an zwei geschiedenen Orten je nach ihrer Natur, nicht aber nach einem Richterspruche (Lactanz, Eustratius) *). Oder es finden zwei Gerichte statt, eines gleich beim Tode des *) Vgl. namentl. von den Stellen bei Zarncke: Lactant. div. inst. VII. 21: Nee tarnen quisquam putet animas post mortem protinus judicari; und EvatQKxCov ,loyds ävuxQfmiv.öq bei Leo AUatius de utriusque ecclesise perpetua in dogmate de purgatorio consensione p. 531. 538. ZUM MUSPILLI. 125 einzelnen Menschen, wenn Seele und Leib sich scheiden, ein zweites am jüngsten Tage. Nach den älteren Kirchenvätern kommen dabei durch das erste Gericht die Frommen in den aumuthigen, hellen Theil der Unterwelt (des aörjg, ccßvGöos) '• in den nagadeiöos oder xoljtog ^ Aßgaä^i, die obere (nach Hippolyt rechts gelegene) Unterwelt, das infernum superius, die Bösen in die dunkle, untere (links gelegene), das infei'num inferius, in der Nähe der Hölle *) ; durch das zweite werden sie dann in Himmel und Hölle aufgenommen. So namentlich Hippolyt, Justinus Martyr, Hieronymus, Augustin, Isidor. Die Spätem erhöhen die Competenz des ersten Gerichtes und lassen, der Zeitten- denz entsprechend, die Seelen der Guten sogleich in den Himmel, die der Bösen in die Hölle eingehen, durch das zweite Gericht aber nur noch Erhöhung von Seligkeit und Qual empfangen, woran nun auch der Leib theilnimmt. So namentlich Gregor d. Gr. und Beda, dessen großer Einfluß auf die spätere Eschatologie bekannt ist**). (Wacker- nagel, Basler Handschriften S. 21.) Auf diesem letzteren Standpunkte Gregor's imd Beda's, w^o das ganze Schicksal der Seele vom ersten Gericht, von der Entscheidung in der Sterbestunde abhängt, steht nun auch die Schilderung der Vor- gänge beim Tode im Muspilli. Die Seele des Guten nehmen sogleich beim Scheiden Engel in Empfang und pringent sia sär üf in himilo rihhi; sie erhält pü in pardtsü, hüs in Mmile\ die des Bösen aber leiten die Teufel sär, sogleich dar iru leit uuirdit, in fuir enti in finstri, und beide Orte werden denn auch ganz mit denselben Farben ge- schildei't wie sonst der definitive Lohn- und Qualort, so daß eine Steigerung durch das jüngste Gericht kaum noch denkbar wäre, wenn nicht dann noch der Lohn und die Strafe am Leibe dazu käme. — Demgemäß mußte nun unser Dichter, wo er zur Auferstehung des Leibes imd zum Weltgerichte kommt, etwa so sagen: Engel wecken die Völker zum Gericht; die Seelen kommen aus Himmel und Hölle heran, wo sie die oben beschriebene Belohnung und Bestrafung em- pfangen haben; sie ziehen ihre Leiber wieder an; Jeder muß seine *) Bes. Hippolyt, opp. ed Fabricius, Hamb. 1716, I. 220 ff. **) Bes. Giegorii M. Dialogi IV, 25, und die Vision des Northumbriers bei Beda, ed. Gilet III. 200 tf von Zarncke theilweise angeführt. S. 201. 12G FERDINAND VETTER Sünden bekennen und geht danach zur höchsten Sehgkeit oder Qual ein. Aber das Muspilli erwähnt mit keinem Wort der früheren Ent- scheidung, der verschiedenen Aufenthaltsorte der Seelen, die es doch eben geschildert: Die Menschen stehen auf aus dem Staube, lösen sich aus des Grabes Belastung, erhalten wieder ihr Leben (Up) und ängstigen sich nun, wohin wohl der Spruch des Weltrichters sie ver- setzen werde. Keine Steigerung eines früheren Zustandes, überhaupt kein Bezug darauf: dieser ist einfach ignoriert. Sehen wir zu, wo sich gleichzeitig und später die Vorstellung vom doppelten Gericht noch ausgesprochen findet und wie da die Auferstehung geschildert ist. Unserem Gedichte der Zeit nach zunächst mögen wohl die an- gelsächsischen über denselben Gegenstand stehen. Die Angelsachsen nahmen auch wie Beda eine Entscheidung über die Seele gleich nach dem Tode an und bildeten diese Ansicht mit Vorliebe aus. Vgl. Judith 112 ff.: Holoferues kommt sogleich nach dem tödtlichen Stx'eich in die Hölle, den W \xrm&a.a\ (vyrmsele) : lag se füla leäp syctctan asfre, gesne be äftan, vyrmum bevuuden, g£est ellor Jwearf vitum gebunden, under nevvelne näs hearde gehäfted and |ja3r genycterad väs, in helle bryne süsle gesEßled äfter hinside. Phönix 484 flf.: od p'At ende cymed snüde sendaä dogorrimes, sävlum hinumene ]>onne deäd nimed Isene lichoman, ealdor änra geliväs, })3er hi longe beöd and in eordan fädm ort fyres cyme foldan bij^eahte. Crist 1667 ff. (Abschied der Seele vom Körper) i ofgiefed hiö ]3äs eordan vynne, forlseted })äs Isenan dreamas and hiö vid jiam lice gedseled, und der Engel spricht zu ihr (1673 ff.); Vegas J)e sindon rede and vuldres leöht torht ontyned: eart nu tidfara to pam hälgan häml Also ganz dieselbe Vorstellung wie im Anfang des Muspilli: die ZUM MUSPILLI. 127 Seele wird sogleich zur Seligkeit oder Verdammniss abgeholt; — noch näher ist die Uebereinstimmung, wo ein wirklicher Kampf von Engeln und Teufeln stattfindet, wie in Älfrics Homil. II. 334 ff., wovon unten. — Demgemäß lesen wir denn aber auch^ ganz entsprechend dieser Trennung von Seele und Leib: Domes däg 102: beod j^onne gegädrad gsest and bänsele, .. ,: gesomnad to |)äm side; :, in demselben Crist, in dem der Tod so beschrieben war, wie wir eben sahen, kommen beim Schall der Posaune die auferweckten Menschen (889) als Engel und Teufel, weiß und schwarz, vor Gericht, je nach- dem ihr bisheriger Aufenthalt beschaffen war: 895 &. par gemengde beöd hvitra and sveartra, onhcrlo geläc . svä him is häm sceapen engla and deöfla ' ungeliee beorhtra and blacra ; englum and deoflum. veordeit bega cyme " i , : r und ebenda 1028 ist der Vorgang der Auferstehung näher so be- schrieben: }5onne call hrade (sceal) leocfum onfon Adames cynu and lichoman onfehd flcesce .... edgeong vesan. auch der Phönix, aus dem wir oben 484 ff. verglichen haben, lässt demgemäß beim Gericht 513 leomu Hc somod and lifes gcest sich wie- der vereinigen; 519: gcestas hveorfad in hänfatti' vgl. 523. 584, sowie Ileliahd p. 125 bei der Auferweckung des Lazarus. Ebenso denn auch im Linzer Entekrist, Fundgr. 2, 130, 25: Sa ze der stunde gehifin Jiant wnz dar, von der engil munde . mit ouh die got in siner hticare dizint diu hörn dicke. :^ . vil seone hehaltin hat in aime ouginblickc oder svi iz umbe si stat : irstaut die totin alli, die sulu irstan algeliche heide die in denn hellewalle mit ganzim libe werliche. In der Görlitzer Evangelienharmonie, Fundgi*. 1, 201, 1 : so choment von ehriste di toten ai wecchent, di vier ewangeliste, so sament sich eren daz gebein sich chucchet, lip unde sele. In dem Gedicht von den 15 Zeichen H. Z. I. 117 dieselbe Vor- stellung: in Folge dessen stehen Himmel und Hölle leer (dazu noch mit ausdrücklicher und hervorhebender Berufung auf huoch): 128 FERDINAND VETTER 251 : an dem drizenden tag des tages stand all hdlwiz leer, so erstand si all von dem grab. und daz paradys, diu greber tuont sich uf, daz schaffet krist der rieh, die toten rihtnt sich darus. so kumt denn mit vollaist diu buoch sagent uns mssr: iedlichen sin gaist. Nur aus der Vorstellung eines Zwischenaufenthaltes der Seele in Himmel und Hölle und der Wiedervereinigung von Leib und Seele am jüngsten Tage konnte auch das vielbeliebte Motiv eines Gesprä- ches der den Leichnam besuchenden Seele erwachsen, wie es uns zuerst bei den Angelsachsen begegnet: auch hier ist stets die Wie- dervereinigung der seligen oder gequälten Seele mit dem Körper das Bezeichnende für den jüngsten Tag : Grein I. 202 , 98 (vorher Vs. 4 beim Tode: dsyndred pä syhhe, pe cer samod voeron, Uc and sävle): Jjonne rede bid svylcra yrmda, dryhten ät pam dorne . . , svä pu unc her aer scrife. sculon vit }3onne ätsomne 204,159 forpan vyt beod gegäderode siddan brücan ät godes dorne etc. und in den entsprechenden lat. und deutschen Gedichten: Karajans Frühlingsgabe 1839: et scio prseterea quod sum surrectura in die novissima, tecumque passura poenas in perpetuum etc. doch weis ich .... und an dem jungesten tage mit dir dan mich liden clage, u. a. Rieger in Germ. 3, 401 b (Darmstädter Gespräch): des mois ich in pinen beven och! da vort in is gein sparen: • bis an den enxstelichen dach van ewen zu ewen moisen wir birnen dan du is allis hores gewach, des in kunnen wir neit internen. und dan mois ich in dich varen. im niederländischen Van der Zielen ende van den lichame, wo die Seele hi den vate was ghestaen des lichamen daer si ute ivas ghegaen: (Blommaert Theophilus 1836) dat ic hier na verrisen sal, daer moet ic loerden dijn ghenoet, alse God sal comen doemen al, met di dan doghen pinen groet. dan comt ierst mijn ongheval, dan moet ic in der hellen dal. Ueberall also finden wir die Rückkehr der bis dahin getrennten Seele in den Körper ausdrücklich erwähnt^ oft, besonders wo dane- ben die Trennung der beiden beim Tode beschrieben war, mit dem Beifügen, daß sie aus Himmel oder Hölle kommt. Unser Gedicht hatte aber doppelten Anlaß zu Beidem, da es eben noch so eingehend den ZUM MUSPILLI, 129 Zwischenzustand der Seelen in Himmel und Hölle geschildert hatte (und zwar mit der äußersten Schrofflieit) und an dieser Stelle sich nothwendig daran zurückerinnern musste. Der Dichter, der Vs. 8 bis 17 gedichtet, konnte die Auferstehung nicht anders schildern, als oben Cynevulf im Crist oder der Dichter des Entekrist zum Theil ohne so zwingenden Anlaß es gethan haben. Aber er begeht nicht bloß diese Unterlassungssünde, er wider- spricht sich noch recht eigentlich; denn erstens kann denne scal manno gilih fona deru moltu arsten, lossan sih ar derö hleuuö vazzon, scal imo avar sm lip piqueman unmöglich anders verstanden werden, als daß der ganze Mensch mit Leib und Seele im Grabe liegt und wieder Leben (Ivp) bekommt (oder sollte lip, was mir weniger passend scheint, den Körper bedeuten, dann wäre es erst recht die Seele, die im Grabe liegt und die allein unter manno gilih und imo zu verstehen wäre); zweitens ist die Sorge vor dem Gericht und die Ungewißheit über seinen Ausgang nach der einen oder der anderen Seite (65, 66, 94.) gänzlich undenkbar, wenn es sich bloß um Erhöhung des bisherigen Schicksals und um Mit- theilnahme des Leibes handelt, und vorher schon dieselbe Sorge beim ersten Gericht beschrieben ist (6); drittens ist die Ermahnung, recht- schaffen zu leben, damit man das große Gericht nicht zu fürchten brauche, schlechterdings unerträglich, wenn derselbe rechtschaffene Wandel (nach 20 — 21) schon die günstige Entscheidung des ersten Gerichtes herbeigeführt hat, welche ja die des Weltgerichtes in sich schließt; hat man durch sein Erdenleben den Himmel verdient oder verscherzt, so kann keine Ermahnung, keine Befolgung oder Nicht- befolgung derselben (wann müsste dieß geschehen?) die Entscheidung des Weltrichters ändern. Alle diese indirecten und directen Widersprüche gestatten uns zwei Lösungen. Entweder steht der zweite Theil unseres Gedichtes aufeinem an- deren dogmatisc hen Standpunkte als der erste, aufeinem ante- oder doch anti-Gregorianischen, — etwa auf dem des Cyrill von Alexan- drien, wonach kein erstes Gericht stattfindet, sondern die Seelen bis zum Weltgericht im Leibe schlafen*); *) Vgl. Flügge, Geschichte des Glaubens an Unsterblichkeit. III. 216. 317 ff. 130 FERDINAND VETTER oder der Dicliter des zweiten Theiles hat sich die Situationnicht klargemacht — das musste er aber^ wenn er den ersten Theil ge- dichtet — und folgt einer einfacheren, vielleicht im Volke umlaufen- den Ueberlieferung, welche ein abgesondertes Schicksal der Seele nicht kennt. In beiden Fällen aber war es nicht derselbe Dichter. Dies also das Resultat unserer zweiten Anforderung an ein ein- heitliches Gedicht: keine Widersprüche! Drittens verlangt man von einem einheitlichen Gedicht logisch richtige Aufeinanderfolge der Theil e. Diese Forderung berührt unser zweites Gedicht. Schon Bartsch Feifalik, Müllenhoff sind, wie bemerkt, darin einig, daß es diese nicht erfülle, und ich kann kurz sein in der Darlegung meiner schon vor mehreren Jahren selbständig angenommenen Umstellung. Unser zwei- tes Gedicht zeigt folgende Theile: 1. Weltgericht und Rechenschaft (31 — 36); 2. Kampf des Elias mit dem Antichrist, Weltbrand und Weltunter- gang (37 — 56), mit Nutzanwendung (56 — 62), welche den Übergang bildet zur Wiederaufiaahme der Schilderung von 3. Weltgericht und Rechenschaft (63 bis Ende). ' Aber Theil 2 steht ganz unvermittelt hinter 1 und hebt ganz wie von Neuem an: daz hortih rahhon d. uu. 1 und 3 gehören ihrem Inhalte nach zusammen und der Weltbrand und Weltuntergang in 2 kann nicht zwischen das Gericht hineinfallen, sondern muss ihm vor- angehen. Der Übergang von 2 zu 3 ist ein sehr gezwungener. — Logisch und historisch viel richtiger ist folgende Umstellung: 1. Kampf des Elias mit dem Antichrist, daraus folgend der Weltbrand und AVeltuntergang : Vs. 37 — 57. 2. Diesem historisch folgend: Weltgericht und Rechenschaft: Vs. 31 — 36 und 63 bis Ende. Hiebei fallen die Übergangsverse 58 — 62 aus^ von denen zwei sich durch den Reim (s. oben) als später kennzeichneten^ und die (s. unten) ein persönlich gefärbtes lückenfüllendes Machwerk des Schreibers zu sein scheinen. Daß durch ihre Wegreissung vom Folgen- den (bezw. Streichung) die Ermahnungsreden armseliger und einsei- tiger werden sollten (Zarncke 226), sehe ich nicht ein : der Mahnung an die Richter braucht nicht eine an die streitenden Parteien zu ent- sprechen; jene konnte sich ganz ungezwungen, ohne einen Gegensatz zu haben, an die Schilderung des Gerichtes anschließen — ans himm- lische Gericht eine Empfehlung der Tugenden des irdischen Gerich- ZUM MUSPILLI. 131 tes — es mochte dem Dichter Matth. 7, 1, 2 im Gedächtniss liegen: [17] XQLVsrs, Xva fi^ xgtd'rjts. ev a yccQ xQi^ian xqCvszb^ XQi&rjösö&s xal elf (p [lirga [isrQstts, avtcfiETQrjd^rjösrac vfitv. Daß sich beide Ermahmingen an die Streitenden und die Richter nicht entsprechen konnten, zeigt wohl auch die verhältnissmäßige Kürze der ersteren: diese sollte eben nur so gut als möglich vom Weltbrand zur Ermah- nung der Richter überleiten. — Der Anschluss von 63 an 36 ist ganz ungezwungen; aber er wird es wohl kaum dadurch;, daß man unter mahal 63 ein anderes Gericht versteht als in Vs. 34 und 31, wie Müllenhoff will, nämlich das „gewöhnlich irdisch-bürgerliche" (Zarncke bemerkt mit Recht, daß die beiden verschiedenen mahal so unmittel- bar neben einander völlig unerträglich wären), sondern geradezu um- gekehrt durch die Auffassung als himmlisches Gericht wie 34 und 31, und suona 65, mit Beibehaltung des unnöthig gestrichenen Artikels demo : daß der Manu jegliche Sache recht richte, das kommt ihm zu statten, wenn er zum jüngsten Gericht kommt: dann braucht er nicht zu sorgen^ wenn er zur Entscheidung kommt — ich wüßte nichts was dagegen zu erinnern wäre. Die Resultate der drei gestellten Anforderungen sind also: 1. Das Gedicht hat eine Bearbeitung erfahren. 2. Der Theil vom Antichrist und Weltgericht und derjenige vom Tod und der Vergeltung sind nicht von demselben Dichter verfaßt. 3. Der zweite Theil ist in Unordnung und bedarf der angege- benen Umstellungen und Streichungen. Demgemäß halten wir uns für berechtigt auf Grund von 1 (und 3): Vs. 58 — 62 zu streichen, auf Grund von 2 (und 1): hinter Vs. 30 unser Denkmal in zwei selbständige Gedichte abzutheilen. Für eine verschiedene Ahfassungszeit finde ich keine ganz entscheidenden spraclilichen Anhaltspunkte; si« sind nicht zu erwarten bei dem geringen Umfang der Stücke, und die spätere gemeinsame Aufzeichnung hätte wohl das Meiste ver- wischt. Die Durchführung des anlautenden hl und huu ist (s. oben) in beiden zu- lässig; nöthig jedoch nur im zweiten. Die Wörter rauor 53 (Notker hat noch sahmuorre), stiiatago 55 (sonst nur vb. stuen) des zweiten sind UTta^ XsyofiSVCC (Graff) ; doch lassen himilzungal (im 9. Jahi-hundert nicht mehr vorkommend (Graff" Sprachsch. 5, 683), das halbgothische (Zaz?, dari (nach Hoffmann stand vielleicht auch 86 deri) auch das erste nicht zu spät ansetzen; es muß auch schon zu Otfrieds Zeit, der es benutzt (thär ist lih uno tod, Höht äno finstri,!, 18), ziemlich bekannt gewesen sein. — Dagegen scheint es entschieden für spätere Entstehung zu sprechen, wenn der erste Theil in didaktischer Schilderung ein einzelnes Factum giebt, während die zweite Handlung in epischem Fortschritt er- zählt, — wenn ferner der erste eine längere Didaxis an einen epischen Eingang 132 FERDINAND VETTEE knüpft (vgl, Otfrieds Mystice und Moraliter), während der zweite nur sehr selten eine kurze Ermahnung einmischt: vgl. Wackcrnagel, Littgsch. S. 269, Anm. 1., das Hildebrandslied zeigt erst einen einzigen Spruch. — Auch hat das zweite einige schwache Erinnerungen ans Heidenthum bewahrt (s. unten). Die beiden Gedichte können übrigens schon früh in Vortrag und Aufzeich- nung vereinigt gewesen sein ; das zweite, mehr volksmäßig gehaltene, war ohne Zweifel sehr bekannt und konnte sich leicht aus dem Gedächtniss dem ersten an- schließen — ohne daß man die Widersprüche beachtete, — oder aber einen Geistlichen zu einer mehr orthodoxen dogmatischen Einleitung veranlassen. Auf Grund von 3 (und 1): das zweite Gedicht mit Vs. 37 daz hortih rahhön diä uueroltrehtuuison "beginnen zu lassen, also echt episch mit Berufung auf fremde Quelle (vgl. bei den altern geistlichen Dichtungen; Wessobr. G. : dat gaf regln ih. Hei: tho gifragn ik, thär gifragn ik, so gifragn ik. Cynev. gi fragil ic pä an v. O.; spcätere Berufung auf Bücher: Otf)\ then buahhon mäht thar uuarten: Cyn. us secgact hec u. a.) und die Theile wie oben angegeben zu ordnen: 37 — 57, 31 — 36, 63 bis Ende; Kampf des Elias — Weltuntergang — Weltgericht, endlich, wenn, nach Wackernagels kaum zu beweisender^ aber sehr ansprechender Vermuthuug das Bruch- stück vom jüngsten Gericht^ Fundgr. II, 135. Wackern. Leseb. I. 153, die Fortsetzung unseres Gedichtes war *) , zum Abschluß noch die Seligkeit der Guten und die Qual der Bösen. Wir hätten damit die gesammte altdeutsche Eschatologie in einem Liede ver- einigt vor uns, vor welchem die Verse 1 — 30 ganz störend und widersprechend wären. Dieses ursprüngliche zweite Gedicht umfaßte also die Verse 31 bis 57, 31—36, 63 bis Ende, das erste Vs. 1—30. Alle diese Entstellungen der ursprünglichen Gestalt der Gedichte dürften sich leicht so erklären : Ludwig der Deutsche (Schmeller, Musp. p. 6, undWackernagel^ Littgesch. §. 29) oder wer sonst mit des Alters irrendem Gedächtniss diese Lieder aufzeichnete, hatte beide schon als Ganzes in der Erin- nerung und schrieb zuerst das (jüngere?) vollständig auf (außer dem Anfang, der ihm entfallen sein mochte, wenn das nicht Fehler des Handschriftblattes ist) (Vs. 1 — 30). Sodann fielen ihm von dem zwei- ten zuerst die Verse so denne der mahtigo khuninc (31) ff. ein und er *) Es schließt gerade da an, wo unsere Handschrift abbricht: beim Voran- tragen des Kreuzes und Vorzeigen der Wunden; dann folgt die Eröffnung der Bü- cher (vgl. Musp. 69 in niovu). Kömite es vielleicht gerade Ueberarbeitung des fol- genden uns verlornen Blattes der IIs. sein? ZUM MUSPILLI. 133 schrieb sie (mit großer Initiale !) nieder, bis ihn das kiuuerJcot hapeta (36) an den ähnlichen Schluß des ersten Liedes {öfter ni uuerkota) gemahnte, dem er die Anfangsverse des zweiten {daz hortih rahhon) folgen zu lassen gewohnt war. Er schreibt daher unbeirrt so weiter (37 ff.); hinter 57 etwa fühlt er aber die Lücke, die jetzt durch Vor- wegnahme der Verse vom Ansagen des Gerichtes und der Rechen- schaft (31 — 36) entstehen muß bis zur Schilderung derselben ; er füllt sie aus so gut es geht und bringt einen leidlichen Übergang zu Stande, wobei er ausspricht, was eben sein Herz am nächsten bewe- gen musste: eine wehmüthige Betrachtung über den Streit von Bluts- verwandten, das Unglück seines Lebens; neben dieser für den Styl des Ganzen wenig passenden Specialisierung fließt als Merkmal der Posthumität bereits eine ganze regelrechte Reimstrophe dem Zeitge- nossen Otfrieds in die Feder (61, 62)*). Dann nimmt er das ursprüng- liche Gedicht (63 ff.) wieder auf und bringt es völlig zu Ende. [Viel unwahrscheinlichei- als diese leicht erklärliche Verschiebung scheint mir die Annahme, daß Vs. 37 — 62 ein Zusatz des Bearbeiters sei, welcher „die dem Weltgericht vorangehenden Ereignisse, die in dem älteren Gedicht über- gangen waren, schildern wollte, aber mit seinem Zusatz an die falsche Stelle ge- rieth," wie Müllenhoff Dkm. 261 darzutlmn sucht, der hier auch die Zusammen- gehörigkeit von 36 und 63 anerkennt. Der Verfasser eines so trefflichen lebendig bewegten Stückes wie 37 — 62 hätte ihm auch die richtige Stelle zu geben ge- wußt, anderseits trägt gerade dieses Stück entschieden das alterthümlichste Ge- präge und ist auch poetisch viel besser als 63 — 72, was auch Müllenh. a. a. 0. zugibt.] Dies Alles festgestellt, würden sich Theile und Gedankengang folgendermaßen herstellen : 1. Gedicht: Vom Tode und der Vergeltung. ( (Episch-didaktisch^ jünger?) Vs. 1—30. „Dem Menschen ist gesetzt zu sterben. Die Seele verlässt den Leib; Himmels- und Höllenheer streitet um sie. Siegt das letztere, so *) Vielleicht ist auch das unrichtige farprinnit für farprenuit eine Ungenauig- keit späterer Zeit: vgl. umgekehrt das Trans, für das Intrans. in der Sangallischen Rhetorik, Hattemer Denkm. des MA. II, 577. sin bald ellhi ne läzet in v eil in, wo zur Bestätigung der Ansicht von Haupt (Müllenh. u. Seh., Dkm. 318), daß vellen für Valien mundartlich thurgauisch sei, (wofür im 12. Jahrh. der Lanzelot, im 14 — 15. die Appenzeller Eeimchronik spricht), auch noch der Sprachgebrauch des heutigen Thurgauer und Schaffhauser Dialects gestellt werden kann, in dem man jetzt noch kein Fallen, gefallen hört, sondern nur fella, gfella. Vgl. das allgemeine schweize- rische heba intr. = fest sein, dauern, das daneben auch als Trans, dient, wofür mhd. ebenfalls stets haben. 134 FERDINAND VETTEE kommt sie ins ewige Feuer, im anderen Falle ins Himmelreich, wo lauter Leben und Seligkeit ist. Moral (18 ff.) Deßlialb tliue der Mensch Gottes Willen, auf daß er nicht in die Hölle zum Satan komme. Wehe dem, der im Höllen- feuer brennt: Gott erhört seinen Jammer nicht." 2. Gedicht. Vom jüngsten Gericht. (episch, älter?) Vs. 31— bl. 31—36. 63 bis Ende. „Das habe ich vernommen von den Weisen dieser Welt, daß der Antichrist und Elias einst mit einander kämpfen werden. EHas streitet für die Frommen ums ewige Leben, von den himmlischen Mächten unterstützt^ doch soll er, nach vieler Meinung, verwundet werden ; der Antichrist kämpft für den Satanas, daher wird er sieg- los. — Von des Elias auf die Erde triefendem Blute entzündet sich der Weltbrand: Berge, Bäume, Flüsse, Meer, Himmel, Mond werden vertilgt, die Welt verbrennt, so daß kein Stein stehen bleibt; dann naht der Gerichtstag (stüatago) im Feuer (55.) — Der König entbietet dazu unter Bann (31 ff.), und alle Menschen müssen vor ihm erschei- nen, um Rechenschaft zu geben über ihre Thaten. Deßhalb (63 ff.) sei der Mensch gerecht im irdischen Gericht, so kann er beim himm- lischen ruhig sein. Denn alle Ungerechtigkeit, alle Bestechung ver- zeichnet der Teufel in ein Buch. — Durch ein Hörn angekündigt, fährt der Weltrichter mit seinem Heer zur Gerichtsstätte; Engel wei- sen die Völker der Erde zum Gericht und wecken die Todten auf, die sich aus dem Staube erheben und Leben empfangen, um den Lohn füi' ihre Thaten zu ernten. Umringt vom himmlischen Heere und den Guten, sitzt der Herr zu Gericht. Alle AVeit muß erscheinen und Alles wird offenbar, ja sogar dmxh die Glieder verrathen, außer was mit Fasten und Almosen gesülmt ist. Dann wird das heilige Kreuz herbeigetragen und der Weltrichter zeigt seine daran erhaltenen Wunden. [Jetzt (nach dem Bruchstücke vom jüngsten Gericht)^ werden die Bücher vorgelesen, doch mit Uebergehung des Gebeichteten; die Bö- sen schämen sich, die Guten frohlocken, weil ihnen ihre Sünden ver- geben sind. Die Guten werden ins Himmelreich geladen, die Bösen ins ewige Feuer geschickt; sie rufen reuig Gott an, aber es ist zu spät; auch die Guten verweigern ihnen, als Feinden Gottes^ ihre ZUM MUSPILLI. 135 Hilfe. So gehts zum Scheiden und die Bösen jammern in eAviger Qual."] Dogmatisches. (Die altgerman'sche Esehatologie und das Muspilli.) Wir haben diesem Theil unserer Abhandlung bereits etwas vor- greifen müssen, wo wir die Nothwendigkeit der Zerlegung unseres Gedichtes in zwei zu begründen suchten. Doch ist es vielleicht nicht fruchtlos^ nachdem Zarncke die Vorstellungen des Muspilli aufwärts gegen die Quelle hin verfolgt hat, dieß nun auch abwärts und seitwärts auf dem ganzen germanischen Boden zu thun und zugleich von eini- gen durch Zarncke weniger berührten Punkten aus eine nachlesende Rundschau thalauf und ab zu halten. Wir werden sehen, was in Bezug auf die letzten Dinge damali- ger Glaube war, und werden durch Betrachtung der einschlagenden Producte der christlich-deutschen Litteratur die Überzeugung gewin- nen, daß unser Muspilli^ dem Zarncke bereits den Stammbaum ge- macht hat, auch unter diesen nicht als ein verwaistes Kind der ver- storbenen heidnischen Urgroßmutter, sondern als freilich älteres, aber vollbürtiges Glied einer weitverzweigten und uner- schöpflich fruchtbaren Sippschaft und Mannschaft dasteht. Die Quellen des Muspilli liegen also — und der Nachweis davon ist wieder Zarncke's Verdienst — nicht in der nordischen Göttersage, sondern in der christlichen Kirchenlehre ; als diejenigen unseres ersten Gedichtes, das über . , . „^ (I.) Tod und Vergeltung handelt, haben wir speciell Gregor und Beda gefunden. Von ihnen erst gieng die dogmatisch festgestellte Lehre vom doppelten Gericht und von einem selbstbewußten thätigen, bereits seligen oder unseligen Leben der Seele im Zwischenzustande — gegenüber dem indifferenten der früheren — aus, sowie die tendenziöse Ausmalung dieses Zustan- des und seine Steigerung schon fast bis zur Höhe der wirklichen Himmelsfreuden und Höllenqualen. Den Anlaß zu der Annahme, daß sogleich nach dem Tode die Seele zu Lohn oder Strafe eingehe, gab nach Zarncke zuerst das Gleichniß vom reichen Mann und armen Lazarus. Noch entschiede- ner düi'fte dafür gesprochen haben das Wort Jesu an den Schacher^ Luc. 23, 43: '-r^ftjjv /le'ycj aot, OrjfiSQOv (lEtifioviöf] iv xä TtagadstGcj. 136 FERDINAND VETTER Dieser Ansicht kam bei den Germanen entgegen, daß auch nach deutschem Glauben die Gestorbenen sogleich an ihre verschiedenen Aufenthaltsorte (Valhöll und Niflheimr im Norden) gelangten. Darauf beruht das Amt der Valkyrien, deren psychagogische Thätigkeit sich früher auf alle Todten ohne Unterschied erstreckt haben mochte (vgl. W. Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion. S. 405 fi.) darauf die Vorstellung einer langen Todtenreise und daherige Bestat- tungsgebräuche (a. a. O. 408), darauf anderseits die Schilderungen vom Leben der Einherier (Grimn. 18, 23. Vafjsr. 41. Gylfaginn. 2. 24. 38 — 41). Sigruns Thränen hindern Helgi am Glücke Vallhölls. Bryn- hild, um mit dem todten Geliebten vereinigt zu sein, will hinter ihm her mit großem Gefolge zu Hei fahren, daß nicht die Pforte des Saales dem Fürsten auf die Ferse falle, — und selbst Baldr muß den Heiweg reiten, und bleiben bei der bleichen Göttin, da der Un- heilstifter in Thöcks Gestalt die Thränen weigert („Behalte Hei was sie hat", Gylfag. 49). Immer aber waren diese Zustände nur die Fortsetzung des leib- lichen Erdenlebeus; über die Art und Weise des Überganges und na- mentlich über das verschiedene Schicksal des geistigen und leiblichen Theiles der menschlichen Natur zu philosophieren, lag nicht im We- sen des Heidenthums. Desto mehr in dem der Kirche, und zugleich in deren Interesse. Anschließend an den nationalen Glauben und der Zeittendenz wie den hierarchischen und materiellen Bedürfnissen ihres Standes Rechnung tragend, sehen wir alle Kirchenlehrer deutscher Abkunft dieser Ansicht vom sofortigen Selig- und Verdammt- werden der Seele huldigen. Aber das ergab einen Übelstand. Waren die Menschen beim Tode schon gerichtet, so verlor das jüngste Gericht seine Bedeutung. Man legte nun daher ein besonderes Gewicht darauf, daß die Seele getrennt vom Körper jene Wonnen und Qualen erfuhr, und stimmte meist (in unserem Gedichte allerdings nicht, eben weil der Verf. des ersten Theiles einen undogmatischen Standpunkt einnimmt) diese auf einen etwas niedrigeren Grad herunter ;dieWiedervereinigungvon Leib und Seele (nach Ezechiel und der Apokalypse) und der Übergang zur höchstmöglichen Seligkeit und Qual durch das jüngste Gericht war dann willkommen, diesem die entzogene Würde wieder zu geben. Schon Herzog Radbod zu Ende des 7. Jahrhunderts erhält auf die Frage, wo seine tapferen Vorfahren sich befinden, die Antwort: „in der Hölle." Seither sind die Dinge nach dem Tode und insbeson- dere die dunkeln Probleme der Trennung und Wiedervereinigung von ZUM MUSPILLI. 137 Leib und Seele, welche Allem zu Grunde liegen, ein Haupttummel- platz der Thätigkeit deutscher Scholastik, die sich hier namentlich iu Petrus Lorabardus (f 1164) und seinen Comraentatoren gipfelt. Er und Richard von Middletown (in librum IV. Sententiarum) wissen ein Langes und Breites, zu erzählen über das Schicksal des von der Seele getrennten Leibes Christi und die di'eifache beim Tode aufgelöste unio unica von Gottheit, Seele und Leib, sodann über die Art und Weise der Auferstehung des Leibes : ob auch Mißgeburten auferweckt werden, ob die Leiber warm oder kalt, in gleichem Alter und glei- cher Größe mit ihren früheren Schwächen wieder ins Leben kommen, ob alle Glieder, alle Säfte des Körpers, ob Haare und Nägel mit auf- erstehen usw. (zu distinct. 44). Besonders populär und vei'breitet wur- den ähnliche Speculationen durch die sog. Elucidarii (Lucidarii) oder Elucidaria, die neben theologischen und kosmologischen Gegenständen ganz besonders gern die letzten Dinge behandelten. Und diese letz- teren sehen wir denn ganz auf demselben dogmatischen Grunde ru- hen wie unser Gedicht und finden dieselben Vorstellungen wieder, nur genauer ausgeführt. Aus dem IL Jahrhundert begegnet uns un- ter dem Namen des Anselm v. Canterbury (Elucidarium, sive dialogus summam totius Christianse theologise complectens, in Anselmi Cantuar. opp. Paris. 1721, p. 457 ff.)*). Der Zwischenzustand ist ganz beson- ders betont. Ins Paradies (hierin geht er also weiter als Beda's Vi- sion Hist. eccl. V, 12, **) kommen nur die Seelen der Vollkommenen sofort durch den Tod, d. h. Derjenigen, welche mehr gethan haben als geboten war: Märtyrer^ Mönche, Jungfrauen. Die Gerechten (justi) sodann kommen ins irdische Paradies, vel potius in aliquod spiritale gaudium ; denn der Geist kann an keinem körperlichen Orte sein. Die unvollkommenen Gerechten (justi imperfecti) sind in amoenissi- rais habitaculis; durch Fürbitte und Almosen kommen sie noch vor dem Gerichtstag iu majorem gloriam, ut omnes post Judicium angelis consocientur. Die Seelen der electi quibus multum deest de perfectione werden den Teufeln eine Zeit lang zur Bestrafung und Reinigung übergeben, zu welchem Zwecke sie einen besondern Körper erhalten; durch gute Werke können sie aber nach 7^ nach 30 Tagen, nach einem Jahre erlöst werden. Es gibt zwei Höllen, einen internus su- *) Nach C. J. Brandt in: Nordiske Oldskrifter VII. pag. V ff, ist der wirk- liche-Verfasser Honorius von Autun, zu Anfang des 12. Jahrh. **) Est (paradisus) in intellectuali coelo, ubi ipsa üiviuitas, qualis est, ab eis facie ad faciem contuetur. lib. .3 c. 1. OmniANTA. N>iie Keilu» !V. f XVI.) -'.I^r^. ]0 138 FERDINAND VETTI^R perior und inferior, im ersteren herrschen varii dolores, im letzteren das unauslöschHche Feuer und neun Qualen, nach der Zahl der neun Eugelchöre. Im obern waren die Frommen des alten Bundes, doch ohne Qual; — den Bösen aber, die sie sahen, schienen sie im Para- dies zu sein (daher die Bitte des reichen Mannes an Lazarus, Luc. 16). Beim jüngsten Gerichte finden zwei Auferstehungen statt, eine der Seelen imd eine der Körper, letztere zu Ostern, — hier wirft der Elucidarius schon nahezu dieselben Fragen auf wie der Magister Sen- tentiarum. — Hier finden wir auch wieder die Vorstelluner, die man m unserem Gedichte wiederholt zu einer heidnischen hat machen wol- len (so J. Grimm, Mythologie 796 f., Bartsch, Feifalik a. a. 0., Ka- rajan, über eine bisher unerklärte Inschrift, Wien 1865, S. 17; — vgl. dagegen Zarncke a. a. O. S. 202 ff.); die eines Streites um die Seele, oder wenigstens einer sehr gewaltsamen Besitzergreiftmg der- selben durch die Teufel: lib. 3. c. 4. cum mali in extremis sunt, dse- mones maximo strepitu conglobati veniunt, aspectu horribiles, gestibus terribiles, qui animam cum pervalido tormento de corpore excutiunt, et crudeliter ad inferni claustra pertrahunt. Die Vorstellungen dieses Elucidarius, welche im Wesentlichen auch die unseres Gedichtes sind, wurden bei der Beliebtheit des Bu- ches, die ja bis heute fortdauert, maßgebend für die spätere Zeit. In Deutschland zeigt seit dem elften jedes Jahrhundert eine oder meh- rere Bearbeitungen (vgl. Wackernagel, Basler Handschr. S. 19 ff.). Bei den Angelsachsen, wo das ganze Lehrgebäude mit besonderer Vorliebe scheint ausgebildet worden zu sein, finden wir sehr früh we- nigstens einzelne Ideen desselben herausgegriffen und besonders be- handelt, was uns denn bald auch in den übrigen Litteraturen, beson- ders wieder in der deutschen, häufig begegnet (s. unten). Der scan- dinavische Norden hat uns einen vollständio-en, noch halb altnordi- sehen Lucidarius aufbewahrt , der sich vielfach , oft wörtlich an den bei Anselm anschließt, aber doch von allen das meiste Eigenthüm- liche bietet. (Lucidarius en Folkebog fra Middelalderen. Kiobenh. 1849 in den „Nordiske Oldskrifter, udgivne af det nordiske Litteratur- Sanifund. VII.) Es ist wieder die Ansicht vom sofortigen Selig- und Verdannntwerden wie im Muspilli, nur näher ausgeführt. S. 56: Discip. : Huart hommcer sioelcen fra legcemceth thcer hun thcetccn far ? Mag. : / then sammce stimdh anfigh til hemerighes oüloßr til helvedces fi'lhi'v til skers edd. Dem letzteren, dem Fegefeuer, entgehen von den Gntcn nur ihe fJurr tvrce vth valdce, so sum er martires, dgdha'.Ugo} johifnuir oh godr falk (55.) Die Guten werden von ihren ZUM MUSPILLI. 139 Schutzengeln zu Himmel oder Fegefeuer abgeholt (55), die Bösen von den Teufeln in die Hölle mit großer Qual, oc vordoe thceroe tu domcedaiocB, oc sicen vordce the thcerce mceth therm legcemmce e for vdhen oendcB (57). Die Hölle ist unter der Erde und dreifach getheilt, indem das Fegefeuer dazu gerechnet wird; in der untersten Hölle, deren Weite und Tiefe so unermeßlich ist, daß nur Gott sie kennt, und daß die Hineingeworfenen in Ewigkeit keinen Boden finden, sind die ge- fallenen Engel, in der zweiten, aus der keine Erlösung ist, wo aber auch keine Strafe stattfindet, außer das Entbehren von Gottes An- blick, die Ungetauften; die dritte ist das Fegefeuer und daraus gibt es Erlösung (27). Bei der Auferstehung wird dann Seele und Leib wieder vereinigt, letzterer durchgängig im Alter von 30 Jahren, und mit denselben Einschränkungen wie bei Lombardus und Pseudo- Anselm. , i . Aehnliche, meist spätere Bearbeitungen des Elucidar., die eben- falls unseren Gegenstand mit Vorliebe berühren, finden sich aber auch .im Englischen, Italienischen, Französischen, Holländischen und Böh- mischen. ' ' • ' Die Vorstellungen unseres ersten Gedichtes vom sofortigen Se- ligwerden nach dem Tode sind also nicht bloß auf christlichem Grunde aus dem Boden der Kirchenväter erwachsen, wie Zarncke zur Evi- denz erwiesen hat (und zwar aus der schroffsten Ausbildung ihrer Lehre, bei Gregor und Beda), sondern sie sind auch von der Kirche in allen deutschen Landen eifrig fortgepflegt und verbreitet worden. Wie populär sie denn auch von den frühesten christlichen Zeiten an und weiterhin waren, wird sich uns aus der Vorliebe zeigen, mit der die geistliche wie die volksmäßige Litteratur, und besonders die poetische, einzelne Ideen aus diesem Kreise von Speculationen selbständig be- handelte. Daß dabei besonders in den volksmäßigen Schilderungen einzelne nicht gerade orthodoxe Vorstellungen mit unterlaufen , darf bei der Schwierigkeit des Dogmas nicht wundern. Namentlich die körperliche Existenz der Seele im Zwischenzustande war eine theo- logische Subtilität, die nicht zu fassen war. Der Volksglaube half sich, indem er den Seelen Vögel (Schwäne, Enten, Tauben, Raben, vgl. Müller, Gesch. und Syst. der altd. Rel. S. 402) substituierte, wie in Märchen Schlangen und Blumen. Aus einem ähnlichen Zuge in der Edda (Ssem. 127 a) ist dieß wohl kaum herzuleiten ; hier wie dort tritt für das Unbegreifliche ein Symbol ein, während das frühere Heidenthum eine leibliche Fortexistenz angenommen hatte. — Halfen 10* 14(» FERDINAND VETTER sich doch schon die Kirchenväter bisweilen mit körperlichen Vor- Btellungen ! *) a) Kampf der Engel und Teufel. Die verschiedenen deutschen und französischen Behandlungen einer solchen Episode, des Kampfes der Engel und Teufel hat J. Grimm in der Myth. S. 796 ff. aufgeführt; besonders übereinstim- mend mit unserem G-edichte ist Willeh. 49, 10: vor dem tievel nam der sele war der erzengel Kerubin. Daß dabei nicht mit Grimm an einen Streit der Walkyrien im Auftrage Wuotans und Frowa's (bei den Christen Michael und Ger- drut) zu denken ist, dürfte nach Zarncke 202 ff. und dem Obigen nicht zweifelhaft sein. — Bei den Angelsachsen aber finden wir schon die ersten christlichen Jahrhunderte hindurch eine visionäre Dichtung über diesen Gegenstand, am ausführlichsten bei Alfric (f 1051), aber kürzer schon bei Beda im achten Jahrhundert, also vor unserem Ge- dichte^ erzählt; beide fähren auf eine noch ältere Lebensbeschreibung des Schotten Furseus (ums Jahr 633) zurück. (Beda bist. eccl. 3, 10: de quibus omnibus si quis plenius scire vult, legat. . . libellum vitse ejus). Furseus ist krank (Horailics of Alfric, in Homil. of the Anglo- Saxon Church Part. I, vol. IL p. 334 ff.); seine Seele wird von drei Engeln in weißen Federkleidern fortgetragen, dann, ohne daß sie es merkt, ebenso wieder in den Leib zurück (seo sawul ne vühte un- dergiton hü heo on (tone licLaman eft hecom., for dces dreames wynsum- nysse), nachdem sein Leib eine ganze Nacht bis zum Hahnkrat leblos gelegen. Er lebt noch drei Tage, da holen die Engel die Seele aber- mals und es beginnt, wie in unserem Gedichte, ein Kampf {päga) und eine Auseinandersetzung {suona). Hiccet da comon da aicirigedan deoflu 071 atelicum hiwe dcere saicle togeanes, and heora an civaid: uton for- ständan M foran mtd gefeohfe. pa deoflu feohtende scuton heora fgrenan flän ongean da sawle, ac da deofeUican flän wurdon pcerrihte ealle ad- wcescte fjurh dces gewoepnodan engles scyldunge. pa englas cicoedon to dam *) Z. B. Gregorii M. Dialogi IV, 9. Aliqui riavigio Romani petentes in mari niedio positi cujusdam Servi Dei qui in Samnio fiierat inclusus, ad coelum ferri ani- mam viderunt. ib. 7 sieht Benedictus die Seele eines Bischofs Geimanus von Ca- pua nocte media in globo igneo ad coelum ferri ab Angelis. Tertullian de anima philosophiert über die Körperlichkeit (corporalitas, corpu- lentia) der Seele und ihre Länge, Breite und Höhe ; bei Irenseus nimmt der Körper die Figur der Seele a;i, wie das Wasser die des Gefäßes. ZUM MUSPILLI. 141 moirigedum gastum: hvl ville ge leftan ure sktfcet? Ni.s pes man dcelni- mend eoiveres forwyi^des, da widericinnan ciccedon, Jtait hit unrihtlic wcere, pmt se man de yfel gedafode sceolde huton xcite to reste faran. . . . Se engel da feaht ongean dam awyngdum gastum to dan swüte, ])ces Pam halgan were toats geduht pcet pa;s gefeoktes hreäm and dcera deqfia gchlyd mihte beon gehyred geond ealle eordan. Es folgt wieder ein Wortstreit, aber pa iciderwimian icunTon ofersioidde, Jmrh dces engles geivinne and wäre. Als sie weiter mitten durch die Flammen fliegen, beginnt ein neuer Angriff: ])a deoßu da mid gefeohte ongean da saicle scuton, und neue Wechselreden über Schuld und Unschuld der Seele, indelS der Kampf fortdauert: on eallum disum geßitum ica;s doira deoßa gefeoht sioide stidlic ongean da saide and da halgan englas, bis endlich durh Godes dum da vndtrwinnan wurdon gescynde. Nach gefährlicher Wanderung am Höllenfeuer vorbei, kommt die Seele wieder in den Leib ; Furseus ersteht zum zweiten Male und lebt und predigt noch 12 Jahre auf Erden. Diese ausführlichste Dichtung über den Streit der Engel und Teufel hat also auch einen Kamj^f und einen auf Gründe sich stützen- den Streit neben einander, ganz wie unser Gedicht {dar pägant siu umpi, unzi diu suona arget), endlich noch einen den Streit entscheiden- den Obmann wie Pseudo-Cyrill (Zarncke S. 212). Da Beda ausdrück- lich einen Auszug aus einem gi-ößeren Ganzen gibt, in den ausge- zogenen Theilen aber wörtlich mit Alfric stimmt, so dürfen wir wohl annehmen, daß die Legende gerade so wie sie bei Alfric erscheint, schon dem Beda vorgelegen habe in jenem citierten libellus vitse Fursei, dalj also die Vorstellung von einem wirklichen handgreiflichen Kampfe schon vor dem achten Jahrhundert, also auch vor unserem Gedichte existiert habe^ entgegen Zarncke's Ansicht p. 213, wonach sie erst viel später aufgetreten wäre. Wir sehen also auch in der Dar- stellung des Muspilli Vs. 2 — 13 nicht bloß einen auf Gründe sich stützenden Streit, sondern einen eigentlichen Kampf zwischen Him- mels- und Höllenheer, den sich der Dichter ähnlich ausmalen mochte wie der Angelsachse ; es ist das Natürlichste, bei dar pägant siu umpi an Schießen und Schirmen mit Ger und Schild, bei kiuuinnit (8) an die ursprüngliche Bedeutung „erkämpfen", bei suona vielleicht auch an einen göttlichen Entscheid zu denken. Auch jener nordische Elucidarius kannte (a. a. O. S. 55, 57, s. oben) wenigstens eine sehr gewaltsame Abholung der Seele durch Engel oder Teufel. Also eine allgemeine germanische und uralte Vorstellung. j;i, 142 ■ FERDINAND VETTER wenn Feifalik's böhmische, mährische, slovakische und polnische Kin- derspiele, die mir nicht zugänglich waren, wirklich auch darauf be- ruhen, eine auch bei Nichtgermanen vielbeliebte, eine allgemein kirch- liche, was wiederum ganz entschieden gegen die Ableitung von den germanischen Walkyrien spricht. Zu den von F. weiter angeführten Ausläufern, einem argauischen Kinderspiel bei Rochholz (S. 436), wo man, je nachdem man beim Tanzen am Eöcklein Schwindel be- kommt oder nicht, Engel oder Rüppel wird und einem schleswigschen bei MüUenhoff (S. 468), wo das dreimalige Überspringen eines Stri- ches, ohne daß man dabei lacht, den Ausschlag für Himmel oder Hölle gibt, und ein Wettziehen der Mutter Marie (auch Fru Rosen) und der Gegenpartei den Beschluß macht (beide kaum sehr zutref- fend), stelle ich noch ein viel bezeichnenderes, das in meiner Heimat, der nordöstlichen Schweiz zu Hause ist (Vögelverchaufis) : Ein Kind ist Mutter oder Vögelverkäuferin; zwei andere treten nebenaus, die übrigen erhalten von der Mutter Vögelnamen. Eins der Beiden kommt : Holleho! Mutter: Wer do? De-r- Engel mittem guldne Schwert. M. Was wotter? E. En Vogel. M. Wa für ein'n? E. En Spatz (en Gwaag, e-n-Aegerste , en Heerehetzler , e Rothhüseli.) Ist der genannte Vogel nicht da, so sagt die Mutter: Isch keine do! und der Engel muß abziehen; ist er da, so springt er sofort auf und wird vom Engel eingefangen. — Der andere Nebenausgetretene kommt: Holleho ! M. Wer do? Der Tüüfel mitter Ofechrucke (oder: Der Cholli mitter Schindlehaue). M. Was wott er? u. s. w. wie beim Engel. Zum Schluß muß das Gefolge des Teufels zwischen dem des Engels hindurch „Spitzruete" (Plumpsack) laufen. Über Seelen als Vögel, vgl. Grimm Myth. 788, Müller altd. Rel. 402; oben S. 139. Die Mutter könnte die heilige Gertrud sein, welche die Seele in der ersten Nacht nach dem Tode in ihrer Obhut hat, in der zweiten ist sie bei St. Michael oder den Erzengeln über- ZUM MUSPILLI. 143 haupt, um In der dritten dahin zu kommen, sicut diffiuitum est de ea, vgl. Schmeller in Haupts Zeitschr. I. 423. Grimm Myth. 798. 54. 282, der sie weiter mit Freyja zusammenbringt; Müller altd. Rel, 406 Anm. und 111, wo wenigstens der Anklang ans Heidenthum be- rtihrt ist. b) Gespräch zAvischen Leib und Seele. Eine weitere vielfach ftir sich berührte oder behandelte Episode aus unserem Ideenkreis von Tod und sofortiger Vergeltung ist das Verhältniss von Leib und Seele im Zwischenzustand, beson- ders gern als Gespräch dargestellt. Dali die Seele zeitweise vom Leibe getrennt ist, namentlich gern, während der Körper schläft, in Thiergestalt ihn verlässt, ist eine alte Vorstellung (Altd. Rel. 403); in einem ags. Gespräche des Salomon und Saturnus erscheint sie in verschiedene Leibestheile zurückgezogen : ßaga nie hwar restect pces mannes saicul ponne se lycliama slepd? Ic ])e secge, on prim stoivum heo hyd: on pam bragene, oppe on pere heortan, oppe on pam Mode. (Thorpe, Analecta S. 98, vgl. die Benennungen lihhamo, gästhof, bdnfat, vat vläm. Theophilus) ; bei Visionen (vgl. oben die des Furseus) entfliegt sie und besieht bei der Rückkehr den Körper wie einen wildfremden Gegenstand: Aefter dissere sprcece comon da englas mid poire saicle, and gesceton uppon dcere cyrcan hrofe, pa^r poit lic Iceg mid mannum besett\ and da englas hine heton oncnaivan Ms dgenne Uchaman, and hine eft underfön. Furseus da beseah to his Uchaman sicilce to uncudum hreawe, and nolde htm genealcecan pa geseah he geopeman his Uchaman under dam breoste, und schlüpft wieder hinein. (Älfr. IL 346.) Vornehmlich ist es aber die abgeschiedene Seele, deren Schicksal und Verhältniss zum Körper uns geschildert wird, in einer Reihe von Dichtungen , die theilweise oben S. 128 angeführt sind. Die Bearbeitungen vom 12. Jahrhundert an nennen als Gewährsmann einen Fulbertus von Francriche (Philibertus Francigena), der nach einer um 815 geschriebenen vita (in Chifflet, bist. Ternoviensis. Dijon 1733, p. 70) um 616 geboren. Prior zu Raßbach war, 642 ein eige- nes Kloster zu Jumi^ges gründete und zahlreiche Visionen hatte, worunter jedoch die von Seele und Leib nicht vorkommt. Aber schon früher sehen wir denselben Gegenstand und zwar ohne die Einklei- dung in eine Vision, in England bearbeitet (im Cod. Exon. u. Vercell. — bei Grein S. 198 und 203), und in Italien (von Alberich von Monte- Cassino?) in drei Florentiner Handschriften (vgl. Karajan, Frühlings- 144 FERDINAND VETTEE gäbe 1839. S. 154.) Als Vision und unter Philiberts Namen ersclieint eine rixa animse et corporis erst im 12. Jahrhundert (Karajan a. a. O. "Wiener Jahrbücher der Litt. Bd. 59, S. 30.), wohl auch schon dem Bernhard v. Clairvaux oder Walther de Mappes zugeschrieben, und seither häufen sich die Bearbeitungen, namentlich die deutschen in Handschriften zu Wien (Karajan a. a. 0. theilt zwei mit), zu Darm- stadt und Basel (Rieger in Germ. III, 400 ff.), zu Nürnberg (Bartsch, die Erlösung S. 325), zu Heidelberg u. a. 0., — dann auch nicht- deutsche: französische, spanische, englische, mittelniederländische, dä- nische, schwedische; das Bruchstück einer noch halb angelsächsischen aus der bodleian. Bibliothek steht in Thorpes Analecta S. 142 (the grave, a fragmeut). Die Situation beruht auf der Vorstellung der Trennung von Leib und Seele beim Tode, wie sie auch das Muspilli kennt; die im Höllenfeuer gepeinigte Seele (nur selten, Avie im zwei- ten angelsächsischen [Verceller] und im Basler Gespräch, ist es die fromme, bereits selige, oder die aus dem nur kranken, nicht todtea Leibe verzückte), besucht den Leib im Grabe und spricht mit ihm. Dieß großartige, furchtbar ahnungsvolle Motiv, wo in stürmischer Nacht der irrende Geist seine modernde Hülle, einst die Genossin seiner Sünden wiedersieht, und eines dem andern die Schuld zuschiebt, bis der Leib vom WurmfraLi erschöpft ist oder die Seele von Teufeln in die ewige Verdammniss zurückgerissen wird, stammt wohl von den poetisch so hochbegabten Angelsachsen, bei denen es uns zuerst be- arbeitet erscheint. Auf den Nordwesten weist wohl auch der späteie Träo-er der Vision, S. Philibert ; von England und Nordfrankreich aus verbreitete sich die Vorstellung in der ernsten Zeit des 12. Jahr- hunderts plötzlich epidemisch über Europa, gerade wie wir drei Jahrhunderte später (um 1350) unter dem Einfluß einer ähnlichen Stimmung das verwandte Motiv des Todtentanzes urplötzlich zu einem internationalen werden sehen. — Hervorzuheben ist noch, daß in der einschlagenden spanischen „Revelacion" (in Sanchez , coleccion de poesias castellanas anteriores 1, 179) ein Vogel den faulenden Leich- nam umflattert. c) Höllenfahrt Christi. Da jeder Sünder und Unchrist sofort in die Hölle kommt, so waren auch die Frommen des alten Bundes einst darin*) und *) Recht im Gegensatz zu dein Schicksal der jetzt Sterbenden, also iu Über- ein.slimmung mit un^elem Gedicht, erwähnt die!* die sehr frühe Homilie in Septua- ZUM MUSPILLI. 145 daraus fließt, im Anschluß an Eph. 4, 9. I. Petr. 3, 19. 4, 6. Mattli. 12, 40. die öftere poetische Behandlung der Höllenfahrt Christi, wo das Reich der Verdammniss geschildert und der Erlöser bei sei- ner Ankunft von den vorchristlichen Guten, Johannes der Täufer an der Spitze, freudig begrüßt wird. Auch dieser Stoff scheint den Angel- sachsen anzugehören. — Vgl. namentlich die „Höllenfahrt" im Cod. Exon. (bei Grein I, 191 ff) und Satan V ff. (I, 141 ff.); — von deutschen Bearbeitungen ist die ausführlichste die im Alsfelder Pas- sionsspiel (Vilmar in H. Z. III, 510 ff.) d) Bündniss mit dem Teufel. Auf die Vorstellung vom Sogleichabgeholtwerdeu zur Verdamm- niss gründet sich auch die von einem Bündniß mit dem Teufel, wonacli die Seele nach einer bestimmten Zeit ihm verfallen ist, — wie sie ia schon im 10. Jahrhundert von Gerbert im Schwana-e war. Hier begegnen wir abermals einer internationalen Legende, der von Theophilus, wo ein griechisches Original durch alle europäischen Lit- teraturen die Runde macht*), und in den Bärenhäuter- und Faust- sagen bis heute unaufhörlich wiederklingt. . e) Schilderungen der Seligkeit. Zu der formelhaften Schilderung der Seligkeit in unse- rem Gedichte endlich hat schon Müllenhoff (Dkm. 255) die Parallel- gesima (Thorpe Anal. S. 72) : Edla hu fela heähfcedevas cer Moyses ce rihilice leofodon, and hu fei o, wisegnn, under pcere ce, Gode gecwemlice dröhtnodon, and hi, swa ]ieoh, nceron gelcedde io heofonan rice, cerdan pe Drihlen nyder as/dh. se dr. neörxna ivdnyes fotsien mid his dgenum dedde gi-öpnode and hl pa mid langsumre glcunge heora m^de under f engon, pa de webiitan ^lcunge,pcBrrihte, swa w e of ürum lichd- man ge w i t a d, underfSd. *) (i. W. Dasent (Theopliilus in Icelantlic, Low German and other tongues. Lond. 1845} gibt sie in den meisten Bearbeitungen und erwähnt, obwohl nicht ganz vollständig die übrigen. Sie tritt zuerst griechisch auf, dann bei Hroswitha, Marbod (f 1123, opp. ed. Eeaugendre p. 1507), Hartmann (12. Jh. von dem gelouben, v. 1927 ff.) Vincent de Beauvais (f 1261, «peculum Historie 22, 69), Eutebeuf (drama- tisch in Jubinal's Mysteres inedits du XY. si^cle Paris 1837. II. 79), ferner flämisch (Theophilus, v. Bloniniaert), isländisch, schwedisch (14. Jahrh. bei Dasent) wird er- wähnt oder benutzt von Älfric 10—11. Jahrli. in der Homilie de assumptione beatse Marise, Älfr. Society Part I Vol. I. 448), Fulbertus Carnotensis f 1029 (opp. Paris, 16(^8, p. 136), S. Bernhard (f 1153, opp. Paris 1615 p. 268), von Gautier de Coinsi (t 1236), Berceo (f 1268). Bonaventura (f 1274), Jac. de Voragine (f 1298,1 im 13. Jh. und von verschiedenen deutscheu Dichtern (Altd. Bl. 1, 79. Mone's Anz. 1834, 273. 1832, 25). • ■• ' ' .' 146 FEKDINAND VETTER stellen angeführt: daß sie sämmtlicli erst von dem nach dem jüng- sten Gerichte eintretenden himmlischen Leben gemeint sind, worauf Zarncke a. a. O. 195 aufmerksam macht, entkräftet sie nicht, da, wie wir sehen, nach dem ersten Theil des Muspilli und überhaupt nach deutscher Anschauung, namentlich in späterer Zeit, der Zwischenzu- stand ganz derselbe ist, wie in der Ewigkeit. Ich stelle dazu (neben Cynev. Crist 1650 ff.) noch Phönix 607 (Grein S. 231), wo denn auch sorgün und dar quimit imo hilfä kinuok seine Parallele findet. .... leöhte in life . . . ne bid him on |)äm vicum viht to sorge, vroht ne vedel ue gevindagas, hungor se häta ne se hearda ]iurst, yrmdu ne yldo : , him se ädela cyuing forgifed goda gehvylc, welche Stelle denn wohl auch mit der bei Muspilli, Cynevulf und Ka- rajan auf dasselbe gemeinsame Vorbild in der Freisinger Predigt und der des Bonifacius zurückgienge, wenn wenigstens solche Überein- stimmungen in einer Schilderung, die überhaupt in den sämmtlichen angefühi'ten Stellen ziemlich dieselbe formelhafte ist und sich in den- selben Ausdrücken bewegt, etwas bewiesen für eine gemeinschaftliche Quelle. Die mittelalterlichen Darstellungen über Himmel und Hölle, welche auch Grimm Myth. 767 und 781 ff. sammelt*), sind meist eben so allgemein gehalten wie die des Muspilli, die nähere Beschreibung und dogmatische Feststellung der Ideen überliess man der Scho- lastik**). Später wird die mehr biblische Vorstellung einer himmli- schen Stadt für das Himmelreich häufiger: so in „Himmel und Hölle" (Wackern. LB. S. 155 und MüUenh. und Seh. Dkm. XXX) und oft im Barlaam, wie schon in dem früheren nordischen Roman dieses Na- mens (Barlaams ok Josaphats saga, udg. af R. Keyser og C. R. Un- ger, Christ. 1851. Cap. 208: til hinar sarau borgar, bei Rudolf V. Ems. S. 393). *) Eine höchst merkwürdige. Vorstellung über die Hölle zeigt auch noch eine Antwort in dem von Thorpe Anfll. S. 100 niitgetheilten Gespräch des Saturnus und Saloraon: Saga me forhwan hyd seo suiine read on cefen'i Ic Jie secge, forpon heo loca d o n helle. **) Auch um Widersprüche kümmerte man eich nicht, wie z. B. überall die Hölle zugleich feurig und dunkel ist ZUM MUSPILLI. 147 Wir haben den kirchlichen Vorstellungskreis von Tod und Ver- geltung, wie er im Muspilli erscheint, bis in seine Ausläufer verfolgt, und gesehen, daß er^ der im Einzelnen von den meisten Kirchenleh- rern abwich; doch den späteren einschlagenden Producteu ohne Aus- nahme zu Grunde lag und so recht eigentlich als der Ausdruck dessen, was damals Glaube war, gelten kann. Wir haben ferner gesehen, wie tief und wie vielseitig diese Ideen in das geistige Leben und die Litteratur der germanischen Völ- ker eiugrriffen, wie weithin und in wie übereinstimmender Weise sie fruchtbar waren: dieß und der Umstand, daß meist Geistliche die Träger dieser Litteratur waren, dürften ihnen zum Überfluß abermals ihren unheidnischen Ursprung sichern. Streit um die Seele, Gespräch zwischen Seele und Leib, Höl- lenfahrt, Geholtwerden vom Teufel, Himmel und Hölle: das ist eine Reihe von Momenten, an deren jedes sich die dichtende Phantasie an- heften konnte. Weniger mannigfaltig ist die Ausbildung und die Lit- teratur derjenigen Vorstellungen, welche djem zweiten Theil des Muspilli zu Grunde liegen. (H.) Antichrist und Weltgericht. Hier lag bei den Kirchenlehrern eine einfach epische und prag- matisch zusammenhängende Folge von Ereignissen vor, die denn auch immer einfach episch bearbeitet erscheinen, nicht in den freieren, auf Situation en fußenden, didaktischen und dramatischen Formen. Die Litteratur über Antichrist und Weltgericht ist gesammelt in Hoffm. Fundgr. H, 102—104. Das Weltgericht allein mit den dem- selben vorhergehenden Zeichen ist außerdem vielfach behandelt (vgl. Sommer in H. Z. 3, 525 ff.), und diesen Gegenstand liebten auch die Angelsachsen, vgl. bes.: Cynev. Crist 779 ff. (bei Grein I, 169); M domes dage (I, 195), denen dagegen die Behandlung des Antichrist- mythus in dieser Zeit fremd gewesen zu scheint; auch der altdän. Lucidarius kennt ihn nicht. Das Gewöhnliche in den deutschen Be- arbeitungen des Weltendes ist, daß die Erzählung vom Antichrist, als dem Vorläufer desselben, vorangeht, und zwar ganz übereinstim- mend so, wie sie nach Augustin, Lactanz und den sibyllinischeu Bü- chern uns zuerst zusammengefasst in dem zwischen 949 und 954 ver- fassten libellus de Antichristo Adsonis Abbatis Dervensis (Abt von Moutier-en-Der) entgegentritt. (Albuini opp. ed. Frobeu Tom. 11^ p. 526 ff; — angeblich ad Carolura Magnum ab' Alcuino edita; ebenso 148 FERDINAND VETTER fälschlich dem Augustin und Hrnban zugeschiieben.) Anschließend an die Deutungen jeuer Kirchenväter wird hier und später aus den Stel- len Genes. 49, 17, Jes. 11, 4. 25, 7. Jerein. 33, 16. Ezech. 38, 8. 39, 8-16. Daniel 7, 25 ff. 8, 23 ff. 11, 37. 45. 12, 1. 7. 11, Zach. 4, 11. 14. Maleach. 4, 5. Sirach 48, 1 ff. 10 ff. Matth. 11, 21. 17, 10. 24, 14. 16. 22. Luc. 10, 13. Ev. Joh. 5, 43. Rom. 9, 27. II. Thess. 2, 3. 8. Apocal. 11, 2. 3. 7. 12, 6. 14 ff 13, 7. 19, 20, 20. 1. ein Gebäude aufgeführt, dessen hauptsächliche Bestandtheile sind*): Abstammung vom vStamme Dan — Mitwii-kung des Teufels bei der Empfängniss — Geburt in Babylon — Erziehung in Bethsaida und Chorazim — Herrschaft in Jerusalem mit Verfolgung der Christen, Zeichen und Wundern, 3V<. Jahr lang — Untergang des Römerreiches und Ver- kündigung des Evangeliums auf dem ganzen Erdboden — Gog und Magog — Predigt des Elias und Enoch — ihre Tödtung durch den Antichrist — Auferstehung nach 3 Tagen • — nach Erfüllung der 3 '4 Jahre Untergang des Ant. durch Gott selbst oder Michael — so- dann 40 Tage und unbestimmte Zeit Ruhe bi.s zum Eintritt des Gerichtes. Bei dem Letzten müssen wir doch noch kurz verweilen. Alle Bearbeitungen des Gegenstandes ruhen auf den obigen Momenten, nur daß die Dichtungen meist die Entwicklungsgeschichte des Anti Christ weglassen und nur bei den dramatisch ergiebigen Punkten ver- weilen; einzelne Abweichungen gerade unseres Gedichtes hat Zarncke S. 213 ff. aus Varianten des christlichen Mythus selbst oder aus be- wußter genialer Änderung des Dichters hergeleitet^ so daß jetzt we- nigstens Niemand mehr mit Feiftilik in der Schilderung des Kampfes und Weltunterganges „das Bruchstück eines altheidnischen religiösen Liedes von der Götterdämmerung, welches verdunkelt und christiani- siert im 9. Jahrhundert etwa noch in Baiern mag im Volksmunde umgegangen sein", sehen Avird. Aber für Eins genügen mir jene bei- den Erklärungen doch nicht: eben für jene chronologische Abvrei- chung und die Aneinanderreihung von Elias' Tod und dem Weltbrand. Den Enoch mochte unser Dichter übergehen: von den einschla- genden vier biblischen Stellen (Malach. 4, 5. Sir. 48, 10. Matth. 17, 10. Apoc. 11, 3) erwähnen die drei ersten bloß den Elias; die Deu- tungen schwanken auch sonst (vgl. Zarncke), und namentlich kennt, *) Die ganze Litteratur am besten gesammelt in deip großen Werke de.s Tho- mas Malvenda de Antichristo. Lugd. 1647. ZITM MTsriLLI. 140 wie ich sehe, das zweite der sibylliuischen Bücher (dein unser Ge- dicht ganz besonders nahe zu stehen scheint) bloß den Thisbiton Elias, der auf einem Wagen vom Himmel hernieder kommt*). Auch die Tödtung des Antichrist (46, 47 ; — es steht ja nirgends, daß sie durch den Gegner geschehe) während des Kampfes erklärt sich ganz ansprechend aus einer poetischen Prolepse seiner späteren Ver- nichtung durch Gott oder Michael. Aber die 40 (nach Anderen 42 oder 45) Tage der Ruhe nach dem Tode des Antichrists, oder, was in unserem Gedichte der Zeit nach dasselbe ist, dem des Elias, sind ein so wesentliches Element der Eschatologie, so verhältnissmäßig gut begründet, und gerade zur Zeit unseres Gedichtes so eifrig commentiert und verfochten (während jene früheren Fragen sehr häufig offen gelassen werden), daß ihre Übei'gehung aufs Höchste auffallen muß, und die Annahme einer in- dividuellen poetischen Licenz sehr gewagt erscheinen lässt. Gleich Beda im 7. 8. Jahrhundert spricht sich sehr entschieden aus (de tem- porum ratione G8) : Percusso autem illo perditionis filio, sive ab ipso Domino, sive a Michaele Archangelo, ut quidam docent, et eeterna ultione damnato, non continuo dies judicio secuturus esse credendus est, und der Grund dafür ist bei Allen derselbe, schon biblische (Beda a. a. O.): alioquin scire possent homines illius sevi tempus judicii, si post tres semis annos inchoatae persecutionis Anti- christi confestim sequeretur. Diese Ruhezeit sah man angedeutet in dem Silentium nach der Eröffnung des siebenten Siegels Apoc 8, 1. (vgl. Beda zur Apoc); für die Dauer gibt Dan. 12, 12 den Anhalts- punkt, was nach Hieronymus Vorgang ausgelegt wird: beatus qui in- terfecto Antichristo supra MCCXC. dies i. e. tres semis annos, dies quadraginta quinque prsestolatur, quibus est Dominus atque Salvator in sua majestate venturus. Dies ist die allgemeine Ansicht. Requiescet orbis, lehrt schon Lactauz (de vita beata^, mit Berufung auch auf die Sibylle)^ und im 10. Jahrh. Adso (a. a. O.): non statim (nach dem Tode des Antichrist) ad Judicium Dominus veniet, sondern (nach Da- niel) gebe der Herr den incantatis et caracteratis 40 Tage zur Buße, — mit Berufung auf Hieron. in Dauielem 11, 45, und auf Augustin (Epistel über H. Thess. 4, 12;, die übrigens nichts dergleichen ent- hält), sowie auf des Hieronymus expositio VII. tubarum ad Evervinum (Ed. Veron. I. 793). Die durchaus übereinstimmenden Ansichten der Kirchenväter hierüber sammelt Malvenda de Antichristo IL 243 ff.^ *) CoiTodi, kiit Geschichte des Chiliasnius 1781. JI. 341. 150 FERDINAND VETTP:R wo auch die scheinbar widersprechenden Angaben Ezech. 39, 12 (Be- gräbniss der Gefangenen 7 Monate lang) und 9 (Verbrennung der Waffen 7 Jahre hindurch), als bloß typisch, aus den Kirchenvätern widerlegt werden. Auch der Pseudo-Anselin'sche Elucidarius kennt 40 Tage Frist, auf die dann zu unbestimmter Zeit das Gericht folgt; im Basler Lucidarius erhalten die Juden 40 Tage zur Buße (Basl. Hss. 22.); der Entekrist, Fundgr. IL 126 bemerkt dazu: so hat uns der wise heda gekundit, iohannes in apokalypsi kit, man lisit in daniele. Und in diese so allgemein angenommene Zwischenzeit setzt nun zudem noch ganz übereinstimmend das deutsche Mittelalter ein mit Vorliebe ausgebildetes Moment: die sogenannten 15 Zeichen, auch diese allgemein auf Hieronymus zurückgeführt, und namentlich von Thomas v. Aquin, Richard v. Middletown, Petrus Comestor ausgebil- det, dann vielfach poetisch behandelt: vgl. Haupts Z. I, 117. III, 523. Fundgr. I, 130. II, 106. Wunderhorn 3, 199. Riegers alt- und angels. Leseb. 213, der Meißner in Minnes. III, 96 b, über die ganze Litteratur, Sommer in H. Z. III, 526 ff.; und bei den Angelsachsen, obwohl ohne das bestimmte Zahlenverhältniss, Crist 800 ff, und Domes däg (Grein I. 195). Erst nach dieser Zwischenzeit, der nach Anderen sogar noch eine weitere unbestimmte Frist folgt (vgl. Fundgr. II, 129, 32), tritt die Auferstehung ein; bei denen die ein tausendjähriges Reich erwarten, bloß die der Märtyrer, bei den Uebrigen die allge- meine zum Weltgericht. — Alle aber trennen, oft mit ausdrücklichen Worten, das Gericht vom Kampf des Elias und Antichrist. Diasen übereinstimmenden Ansichten steht nun die Darstellung unseres Gedichtes gegenüber als völlig uubiblisch und unkirchlich. Gieng der Dichter von jenen aus, wollte er biblisch und kirchlich dichten, so war kein Grund, hier davon abzugehen, auch nicht der einer wirksameren Concentration; man sieht nicht ein, warum er, wenn es ihm darum zu thun war, dann nicht gleich auf Elias Tod die rächende Ankunft Gottes, von dem das Feuer ausgehen konnte, fol- gen ließ. Hier tritt auch eine ziemlich unpoetische Pause und Stockung in der Handlung ein, die, wenn sie concentriert sein sollte, gerade im Nahen des Richters gipfeln mußte. Aber mir scheint, dor Verfasser unseres zweiten Gedichtes steht eben, wie wir schon bei der Schilderung der Auferstehung, im Gegen- satz zu der des ersten, bemerken konnten, nicht auf dem streng kirchli- chen Standpunkt, sondern schließt sich an den Volksglauben an, diesem und nicht seiner eigenen Genialität glaube ich, so hoch ich ZUM MUSPILLI. 151 ihn sonst als Dichter stelle, auch diese Abweichung zurechnen zu müssen. Wie viel das Mittelalter von Elias zu erzählen wusste, das wissen wir aus Myth. 157 ff.; warum sollte sich die dichtende Phan- tasie nicht gerade hier, auf dem Glanzpunkt seiner göttlichen Sendung, an seine Gestalt geheftet haben? — Aber jene Causalverbin düng zwischen Elias und dem Weltbrand ist auch nicht unserem Dichter allein eigen. Im zweiten sibyllinischen Buch lesen wir: der Thisbit kommt auf einem Wagen vom Himmel (Enoch fehlt ebenfalls) und thut vier Zeichen — xccl TOTE Sil (also ohne Zwischen- oder Ruhezeit) TCOTUfiog TS (isyas nvgog aid-ofisvoio gavösi, ajt ovgavöd^ev, xal Tcävxa TOTCov öannriGEi, yatav t cjxsavov xe (isyav, yXavKrjv rs d-älaöffajf, XL^vccg xal notafiovg, Jii]yag xal a^Eikiiov ädrjv xaC nökov ovQUViOv atttQ ovQccvcoL (paörrJQSg €('g ev GvQQrj^ovGc xal sig ^OQ(prjv TtavsQtjfiov aöxEQa d' ovgavo&sv Q^aXÜGöia nävxa nsoatrai,. Nun hören Avir, daß die sibyll. Orakel früh in Deutschland be- kannt und beliebt waren. Die Kirchenväter selbst dagegen sind mit dem ersten und zweiten Buch derselben gänzlich unbekannt (Her- zog, Realencycl. unter Sibylle), selbst der Sibylloman Lactanz; diese beiden werden daher für viel später abgefaßt erklärt, als die übrigen. Wie, wenn die volksmäßige Verbindung von Elias und Weltbrand aus diesen, also aus der späteren apokryphen Überlieferung stammte, wäh- rend die übrige, namentlich spätere, geistliche Dichtung den Kirchen- vätern und der orthodoxen Lehre folgte? Jener Überlieferung konnte im Volksglauben so Manches entgegenkommen, was diese Verbindung noch fester knüpfte. Nebenumstände konnten sich nach Analogie hei- mischer Sagen umgestalten: das Blut des Drachen verzehrt den Struthen (vgl. das Gift der Weltschlange Völusp. 55 und Gylfaginn. 51, — wohlverstanden nur als Analogie), das Gift, das auf Loki träufelt, veranlaßt das Erdbeben. Es wäre wohl möglich, daß unserer Darstellung jene jüdische*) Überlieferung in germanischem Gewände zu Grunde läge. Und auf den Volksglauben und die volksmäßige Umgestaltung des Überlieferten führen uns denn auch noch einige andere Züge, die in der Kirchenlehre geringen oder keinen Grund linden; sie sind, um mit Wackernagel zu sprechen, „nicht heidnisch, sondern deutsch." *) Vgl. die Voi-stellung bei Pirke Eliezer (Coirodi a. a. O.), wo der Feuerfluß Dinor, durch den alle Menschen gezogen werden, aus dem Scli weiße der Che- rub e am Wagen Gottes entsteht. ]r)2 FKRDIXAND \ HTTF.R Der unarh 39 konnte in der bestia ex abysso (Apoc. 11^ 7) be- gründet sein; aber der Deutsche mochte doch wohl bei der bloßen Allegorie nicht stehen bleiben wie Beda (i. e. vidi hominem saevissimi ingenii de tumultuosa irapiorum stirpe progenitum cui mox nato et per magicas artes a pessirais inibuto magistris adjungens se diabolus totam virtutis suse potentiara. . . individuus comes attulit, de temporuni ratione 68), sondern sich ein halbthierisches Ungethüm vorstellen, einen Werwolf, wie der Angelsachse seinen Grendel, der heoro-vearh heißt (Beov. 1268, wohl mehr als bloß: Geächteter), oder wie der skandinavische Norden den Fenrir, In S. Oswalds Leben, H. Z, 2, 125, erscheint eine Heidin in der Hütte als eyne grosse icoJffynne, der die Teufel Schwefel und Pech eingießen. Die Theilnahme Satans am Kampf kann im Volksglauben nicht befremden, wo oft der tiuvel und der antekrist (H. Z. 6, 382) identi- ficiert vorkommen. Die bloße Verwundung des Elias konnte die populäre Überlie- ferung, die ihn verherrlichen wollte, seiner Tödtung substituieren; von seiner Wiederbelebung scheint sie nichts zu wissen, sonst wäre sie jedenfalls erwähnt. Die Schilderung des Weltbrandes ist echt volksthümlich, ganz entsprechend der des Chaos im Wessobr. Geb. (Z. 3 stein zwischen poum und pereg nach Wackern., Höpfn. und Zacher I, 309): Himmel, Erde, Mond, Meer sind dem Deutschen für das Weltall, — Bei'g, Baum (vgl. im Altn. Gras) und als Letztes der feste Stein für die Ei'de das Bezeichnende (vgl. Völusp. 3. 5). In der christlichen Lehre wird der Mond einfach verfinstert in blutigen Schein (Matth. 24, 29 u. ö., vgl. Heliaud 131, 20.); fallen, wie hier, dürfte er nach Beda (in Matth. 24) nicht, da nach Apoc. 12, 1 die Kirche auf dem Mond steht. Auch ein wirkliches Vergehen des Himmels, d. h. des Äthers, geben die Kirchenlehrer nicht zu, trotz Matth. 24, 35: nur die Er- denluft wird zerstört, denn nach Beda (de die judicii 69) wäre Ver- finsterung von Sonne und Mond, und Fallen der Sterne unmöglich, si coelum ipsum, locus videlicet eorum, igne voratum transibit; auch der „neue Himmel" (Apoc. 21, 1) ist nur per ignem innovatum. Die Kirchenlehre von den Vorzeichen des Gerichtes läßt seit (Pseudo-) Hieronymus übereinstimmend durch eines derselben alle Berge geebnet werden (so schon im Codex unseres Gedichtes selbst das in die Predigt eingeflochtene sibyllinische Orakel: jam aequantur campi montes et ebenda pouti, Schmeller Musp. S. 5; — H. Z. II, ZUM MUSPILLI. 153 523 und im Fries. Asegabok ist cließ das neunte Zeichen, ebenso bei Petrus Comestor bist, evang. 141, — bei Ricardus a Media Villa das elfte, beim Meißner das sechste, H. Z. I, 123 das zehnte; P. Comestor nimmt sich sogar bist. ev. a. a. O. die Mühe des Beweises, daß trotz- dem noch das Thal Josaphat, avo Gericht gehalten werden soll, exi- stiert); hier verbrennen sie erst im Weltbrand. Um das Alles kümmert sich unser Dichter nicht; er gab eben einfach, was Glaube war, voll volk sthümlicher Züge — „heidnischer" sagen wir lieber nicht, damit man diesen Ausdruck nicht wie bei Bartsch und Feifalik von directer Entlehnung aus dem Norden verstehe. Nicht Alles was volksmäßig-heidnisch ist, ist nor- disch, hinwiederum aber dürfte Manches was christlich sclieiut, schon im germanischen und noch älteren Glauben begründet und später durch ihn begünstigt sein. So ist gewiß der Zwiespalt der Verwand- ten, den unser Gedicht andeutet, nicht zuerst aus christlicher An- schauung (Marc. 13, 12. Luc. 21, 6) geflossen, sondern ruht mit dem skeggöld, skalmöld, vindöld, vargöld der Völuspä (entsprechend dem ßmbidvetr in der Natur) auf einheimischer Vorstellung, nach welcher den Stürmen und Verfinsterungen in der Natur auch Sturm und Er- löschen aller Liebe in der Menschenwelt entsprechen mußte (Dietrich, Alter der Völusp. H. Z. VII), und der wir, wenn ich nicht irre, schon im indischen Kali-Alter vor dem Weltende (Kali Streit) be- gegnen (Vishnu Puräna übs. von Wilson S. 622 ff.): the observance of caste, Order, and Institutes will not prevail in the Kali age . . . family descent will no longer be a title of supremacy... the mother and father-in-law will be venerated in place of parents, and a man's friends will be bis brother-in-law, or one who has a wanton wife. Men will say; „Who has a father? who has a mother? each one is born according to bis deeds." Wüßten wir, ob der nordische Ragnaröks-Mythus und wie viel davon auch in Deutschland gelebt habe, so könnten wir mit Sicher- heit von heidnischen Zügen sprechen und die betreffenden Theile, wie Bartsch thut, ins Heidenthum zurückübersetzen. So aber können wir nur volksthümliche Behandlung des christlichen Gegenstandes und Einmischung volksthümlicher Züge erkennen und müssen uns begnü- gen, einfach die ähnlichen heidnischen Anschauungen daneben zu stellen^ es unentschieden lassend^ ob sie wirklich verwandt — viel- leicht unverwandt — sind, oder nicht. Es sind bes. Völusp. 45. 47. 55 (vgl. Gylfaginn. 51). 56. Auch die entsprechenden Stellen der ags. Gedichte wird man GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. H 154 FEEDINAND VETTEE nicht, wie Bartsch die Deutschen {der inan farsenkan scal = sigr fold t mar), direct mit denen der Edda in Verbindung bringen. Es wird dasselbe Verhältuiss zwischen ÜberHeferung und Volksglaube wie im Muspilli herrsehen in Crist 808 ff. (vgl. Domes däg 7 ff.), oder 931 ff. : dyned deop gesceaft möna pät sylfe, and fore diyhtne färect pe aer moncynne välmfjrr miest nihtes lyhte, ofer vidne grund, nider gehre6se3 hlemmed häta leg, and steorran svä some [ heofonas berstact, stredad of heofone trume and torhte Jaurh pä. strongan lyft tungol ofhrdosad: stormum äbeätne. J)onne veorded sunne Vile älmihtig sveart gevended mid his engla gediyht on blödes hiv, mägencyninga meotod seö \)e beorbte scän on gemot cuman, ofer ffirvoruld Jjrymfäst f)eöden. älda bearnum Also: Volksglaube, aus judenchristlicher (2. sib. Buch) und altnationaler Grundlage zugleich üppig emporwu- chernd, ist es, worauf unser zweites Gedicht im Gegensatz zum ersten ruht. Es sei endlich auch noch;, nach den resultatlosen Anderer, ein Versuch gewagt zur Erklärung des heidnischsten der heidnischen Züge oder der einzigen ganz sicher heidnischen: des Wortes von dem unsere Gedichte seit Schmeller den Namen haben. Das ahd. muspilli (oder muspil?*) dat. muspille (Vs. 57), das an. Muspell, Muspelsheimr, und das as. mudspelli mutspelli (Hei. 79, 24. 133^ 4.) mit Leo (H. Z. III, 226) aus dem wälschen mud und yspel oder dem gälischen muth und spuill abzuleiten und „Hinausschaffen" oder „Plünderung des Be- weglichen" zu erklären, ist bei einem so alten und vorzugsweise bei den Skandinaven, die nie mit den Kelten nachbarlich sich berührten, gebräuchlichen Worte sehr bedenklich. Jac. Grimm's Erklärungen oris eloquium oder mutationis nun- *) Der Muspil Laclim., das Muspilli Schmeller, MüUenh., Bartsch, Zarncke. Die ahd. u. as. Stellen bieten nur den Dat. u. Gen., und den artikellosen Nom. (muspilli Hei. 133, 4.). — Die altnordische (wohl männliche?) Personification in Muspells lySir, synir, Muspellsheimr, kann für's Hochdeutsche nicht entscheiden. ZUM MUSPDLLI. 155 tlus (Gr. IL 526) haben formelle wie sacliliclie Bedenken und werden von ihm selbst (Myth. 768) aufgegeben. Richtig aber, wie ich glaube, ist an letzterer Stelle der zweite Theil des "Wortes zu au. spilla^ ags. spillan, ahd. spildan, as. spildian, pendere gestellt; für den ersten ge- nügt Grimm keine der dortigen Ableitungen; man ist nach ihm be- fugt, darin „eine altverdunkelte entstellte Form zu finden." Ich denke an den allgemein nordgermanischen Ausdruck für Gott: metod (meotod) im As. und Ags., miötuär im Altn. (vgl. Myth. 20), welcher Gott oder die Götter (als die Messenden, Bilden- den, Schaffenden) bezeichnet (vgl. die mhd. Parallelen, Myth. 20, Müller altd. Eel. 148). Der hochdeutschen Form der Wurzel „mii" mit z würde der Mangel des ^-Lautes in hd. muspilU entsprechen, (z vor s fiel aus, vgl. hezüt-hest), während sich zu as. metan, metiri, richtig das t oder d in mulspelli stellt; das An. assimilierte regel- recht. (Das Vb. meta kommt nur im Ptc. Pt. metinn sifiagiiEvr}, vom Schicksal bestimmt, vor, Sigdrf. 20). Die Vorstellung von den Göt- tern als Bildnern reicht in die Urzeit zurück : auch im Sanskrit ist die Bildnerin, mätar, nom. iiiatri (zur Wurzel iiia) personificiert als Göttermutter. Dem ssk. mä würde g. an. as. mo entsprechen, also ein dunkler Vocal. Für die Zusammensetzung darf wohl statt derjenigen mit -od-udh auf eine ähnliche kürzere Bildung, entsprechend deijeni- gen im Sanskrit zurückgegriffen werden, die in mud mut steckt. metodo-spelli (resp. motspelli) Götterverderben, wäre für das Feuer und speciell das des Weltbrandes, die passendste Bezeichnung und würde sich sehr ansprechend neben metodo-giskajpu, regano-giskapu stellen. GÖTTINGEN, im August 1870. ^ ;:•,.-. HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAMMBUEG. i. ."■■■. " •: über Hartmann's Heimat bestehen vier Hauptansichteu. Die einen, noch vertreten durch Kurz, halten ihn für einen Thurgauer aus dem Geschlechte von Westerspül. Diese Annahme wurde bereits von den Brüdern Grimm, Lachmann, Haupt, wie mir scheint, mit Erfolg bg. 11* 156 F. BAUER kämpft, Wilmanns meint, der Dichter wäre ein Franke; Bech wies auf Eigentliümliclikeit der Sprache imd historischen Beleg sich stützend diese Ansicht als irrig zurück. So bleiben noch zwei Aufstellungen übrig. Stalin*), Lachmann, Schreiber, suchen seine Stammburg im badischeu Oberlande, Brüder Grimm und Karl Roth im oberen Neckar- thaie. Welche beider Annahmen ist nun, wenn nicht die allein rich- tige, doch berechtigtere? In der nächsten Nähe des bezüglichen badischen Au lebend, stellte ich mir die Aufgabe, die Gründe für die Stälin'sche Ansicht einer näheren Prüfung zu unterziehen. Das Resultat derselben erlaube ich mir hiemit als bescheidenen Beitrag zur Lösung obschwebender Frage beizusteuern. Das Dörfchen Au, das in dieser Frage zunächst in Betracht komrat^ ist eine Stunde von Freiburg am östlichen Fuße des Schün- berges, in dem lieblichen Hexenthälchen belegen. Dasselbe begegnet uns schon als Auiva in einer Urkunde des Klosters St, Gallen vom Jahre 861 **). Die Schreibung des Ortes erscheint urkundlich in folgenden Formen: Oiva, Ooica (de) Rot. San. Petr. 85, 75; Oivon, Owen, 86, 79, um 1120. Owe, Öwe, um 1280. Schreib. Urk. d. Stadt Freiburg, I, 113; Ouive 1350, II, 150; Aiv um 1470^ II, 551 und jetzt Au. Den Bestand einer „Burg" in dem genannten Dorfe belegt die Stelle : Au, hurg ze Ohhusen, Mone, Zeitschr. des Oberrh. VIII, 390, sie lag auf einem allseitig sanft abfallenden, oben flachen Ausläufer des genannten Schünberges, in der Gegend, wo heute die 3 „Burg- höfe" sich befinden. Doch muß diese „Burg" weder von beträchtli- chem Umfange, noch fester Bauart gewesen sein, denn der unbefan- gene Wanderer würde kaum ahnen, daß hier ehemals eine Burg ge- standen, so wenige Spuren zeigt noch die Stelle, so wenig geeignet für eine Veste überhaupt erscheint die Ortlichkeit, Auf dieser Burg nun waren Ministerialen der Herzoge von Zäh- ringen seßhaft; sie nannten sich zweifelsohne vom Orte selbst von Ouwe. Ihnen soll nach der Ansicht bezüglicher Forscher der „arme Heinrich" und so der Dichter Hartmann selbst angehören. Die Stel- len, welche zu dieser Annahme führten, sollen der Übersichtlichkeit und Wichtigkeit wegen soweit als nöthig im Wortlaute folgen. *) Wirtemb. Geschichte II, 762; Lachmann Walther^ 196. A.Schreiber: Die Minnesänger an den Fürstenhöfeu im Breisgau. Freib. 1862. **) In ea ratione ut annis singulis persolvamus den. IL ad basilicam quae di- citur Auwa..., Neug. cod. dipl. I, 320. HARTMÄNNS VON AUE HEIMATH UND STAMMBURG. 157 In einer größeren Schenkung des Herzogs Bertliolcl IIL und seines Bruders Konrad an das nahe Kloster S. Peter vom 26. Decem- ber 1112 werden in folgender Reihe als Zeugen aufgeführt: ...astan- tibus nobilibus viris, quorum nomina in rei gestae testimonium sus- scripta sunt : Cuonone de Kunringen (Folgen neun Zeugen) et de domo ducis: Cuonone de Blankenberg, Reginhardo de Wilare^ Berewardo de Verstatt, Heinrico de Owon, Gisilberto de Wilare et aliis quam pluribus. Rotul. San Petrinus, Beigabe zu „die Zährin- ger" von Leichtlen, Freib. 1831, S. 65. Ganz dieselbe Fassung bezüglich der Zeugen hat die Schenkung Nr. 97, S. 75 ff. nur erscheint die jüngere Form de Owen. Gewichti- ger erscheinen noch die beiden Stellen des Rotulus^ worin eigene Schenkungen besagten Heinrichs verzeichnet sind, da dieselben uns belegen, daß derselbe wirklich im Dörfchen Au begütert und seßhaft war. Die Vergabungen lauten: Heinricus de Owa vineam unam et pratum apud Ufhusen ^) situm pro salute animae suae S. Petro do- nauit. S. 85. Der Wortlaut der größeren, die um das Jahr 1120 zu setzen ist ") : Heinricus de Owen curtem suam una cum domo et omnibus, quae ibi possidebat, S. Petro donauit in praesentia domini sui Ber- tholdi III et fratris eius domini Cuonradi; audientibus quoque his li- beris hominibus : Cuonone de Kunringen et filio eius Cuonone . . . (folgen noch 5 liberi, dieselben^ die oben nobiles hießen) et de fa- milia ducis Cuonone de Blankenberg, Reginhardo de Wilare et aliis quam plurimis. Rot. S. 86. Aus vorgelegtem Material ergibt sich: Der Ministeriale Heinri- cus de Owen ist persönlich unfrei, denn anders könnte „liberi" der „familia ducis" — und zu dieser gehört er ja — nicht so entschieden gegenüber gestellt sein ^). Selbst unter den genannten Ministerialen ist Heinricus weder durch persönliche Stellung, noch durch etwaigen Besitz hervorragend, da er drei anderen ebenfalls unbedeutenden Geschlechtern nachgesetzt und hinter dem nächstfolgenden mit namentlicher Aufzählung der Zeugen als ganz unbedeutender Personen abgebrochen wird. Sein mit ') Ufhusen, jetzt Uffhausen, Dorf 3/^ Stund von hier, Y^ St. von Au. -) So Schöpflin, hist. Bad. V,64, Stalin II, 20. *) Alle Dienstleute (ministeriales) waren Hörige ihres Herrn. Stenzel, Gesclaichte Deutschlands unter den fränk. Königen I, 179 ; damit im Einklang Stalin Wirt. G. II, 594; u. nach Bader Badenia (ältere) III, 45, „konnte der geringste Leibeigene der Stammvater eines edlen Geschlechtes werden." 158 F. BAUER Genehmigung geschenkter Besitz war nicht von Belang, sonst würde wie bei anderen beträchthchen Schenkungen dieselbe detailliert sein, namentlich waren darin keine Eigenleute inbegriffen^). Demnach ist Heinrich von Au ein unbedeutender, nicht einmal persönlich freier Dienstmann der Zähringer: ein Ergebniss, mit dem unsere obigen Angaben bezüglich der Burg völlig übereinstimmen. Betrachten wir dem historischen Heinrich gegenüber den „armen". Mit Übergehung der rein persönlichen Züge, als hier nicht ins Ge- wicht fallend, halten wir nur die Angaben über Geschlecht, Heimat und Besitz fest. Der herre HeinrUh war von Omoe geboren, gesezzen ze Siväben. Er war persönlich frei^ von gehurt iinivandelbcere, ja icol den für- sten glich. "War reich an Besitz und Habe, — er hete ze sinen handen gehurt und darzuo richheit. . . ^vart richer vil dan e des guotes, verfügte selbständig über freies Eigenthum (vgl. 246 ff. dazu Sti^aßb. Hs. sinen liebsten vreunden zehant, den hevalch er hurge und laut und 1452 er gap in ze eigen da zehant doz hreite geriute, die erde und die Hute. . . ., ge- bot über Mannen, V. 1470 und konnte so in der That ein schilt siner mäge sein. Wohl hat in dem „armen Heinrich" der Dichter das Musterbild eines echten Ritters der damaligen Zeit gezeichnet ^), wir legen darum auf die persönlichen Vorzüge weniger Werth, denn zu unterscheiden, wie viel Wahrheit, wie viel Dichtung vorliegt, ist unmöglich, müssen aber deßhalb obige, das Geschlecht berührenden Angaben auch Er- dichtung, beziehungsweise unhistorisch sein? Sehen wir zu. Anzunehmen, daß Hartmann sein eigenes Geschlecht, denn auch er ist ein OuAvajre 3), über die Wahrheit gefeiert habe, widerspricht zu- nächst geradezu seinem Charakter, in welchem als Hauptzug die Ildze anerkannt ist*); dann hätte er^ und das will bei einem Hart- mann viel sagen, durch eine derartige Verherrlichung sich unter den mit den wirklichen Verhältnissen des Geschlechtes der Auer gewiß ') Die Schenkung solcher wird im Rot. ausdrücklich erwähnt. So S. 66, Nr. 14; 67, Nr. 24; 68, Nr. 34, 35, 36, 44 und noch oft. *) Wackeraagel, Lit. 105, ^) So nennt er sich selbst, so andere, die mit und nach ihm lebten. Vgl. die Citate bei Bech. „Ritter" und vorübergehend (freiwilliger) „Dienstmann" eines noch nicht ermittelten Herrn, aber nicht eines „von Owe". War gesessen „ze Owe", A. H. 5, wenn man nicht die Lesart B „von Owe" übereinstimmend mit I. B. 29 vor- ziehen will. *) Wackernagcl, Lit. 197. HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAMMBURG. 159 genau vertrauten Landes- und Stammgenossen geradezu lächerlieh ge- macht. Ist dieß von dem loisen Hartmann denkbar? Daß endlich der Dichter seine Familiengeschichte, reicht sie auch noch weiter zurück, gekannt habe, gederkt wohl Niemand ernstlich in Abrede zu stellen ^). Ich halte daher an der Ansicht fest, daß die Angaben über den Adel des Geschlechtes, über Hab und Gut historisch seien und komme zu dem Schluße : Jener persönlich unfreie^ unbedeutende Zähringische Ministeriale Heinrich von Au im Breisgau kann nicht identisch sein mit dem per- sönlich freien über Land und Leute selbständig verfügenden Herrn Heinrich von Au in Schwaben*). Ist nun die Stammburg des „armen Heinrich" nicht im Breisgau zu suchen, so kann auch der Dichter, da er zu demselben Geschlechte zählt und eine Verwandtschaft zwischen beiden Auern nicht nachweis- bar ist, nicht aus unserer Gegend stammen. Mit diesem allerdings negativen Resultate könnte ich abbrechen. Doch möge noch der Vollständigkeit wegen und zur Erhärtung un- serer Ansicht das Geschlecht der Breisgauer Auer, so weit als ur- kundlich möglich, zur Besprechung gelangen. In keiner Urkunde aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrb., und ich habe deren nicht wenige durchgesucht, begegnete mir ein Breisgauer Auer außer wieder im Rot. San Pet. S. 75. Die Stelle heißt: Liuffridus, miles de Oowa, uineam unam apud Ufhusin pro remedio anime sue Sancto Petro dedit. Die Vergabung geschah ungefiihr um 1180 — 1190, wie aus dem Zusammenhang sich ergibt, mit welcher Annahme auch Sachs bad. Geschichte I, 53 über- einstimmt. Auch dieser „miles" muß als Zähringer Ministeriale ange- sehen werden, wenngleich er ohne ausdrücklich erwähnte Zustimmung seines Herrn vergabte^). ') Oder sollte wirklich der „arme Heinrich" schon „mythisch" sein? Stalin (a. a. O.) und Lachmann, Walther 3. A. S. 196 setzen ihn durch die Identificierung mit dem Heinricus de Owon um 1112 — 1123, also 60—50 Jahre vor Hartmann: ein Großvater oder Großoheim wäre somit schon „mythisch?" *) Da Hartmann offenbar Heinrichs und seine Heimat durch „ze Swahen" aus- drücklich angeben wollte, so würde er in Beziehung auf unser Au schwerKch in Schwaben, sondern im Breisgau gesetzt haben, denn letztere Bezeichnung war, so- weit ich überschaue, die allein übliche. Man vgl. z. B. Dumge, reg. bad. S. 119 vom J. 1101; S. 13ü V, J. 1155; §. 138 v.J. 1198; S. 147 v. J. 1187 und öfter. —Wenn immerhin kein allzu großes Gewicht diesem Umstand beizumessen ist, so darf er doch nicht ganz übersehen werden. ^) Herzog Konrad 1122-1152 hatte der Abtei St. Peter die Freiheit bestätigt, 160 F. BAUER Zu diesem „miles Liuffridus", der so wenig als sein Ahne Hein- ricli eine Persöuliclikeit von Bedeutung gewesen war, müsste unser Hartmann in näherem verwandtschaftlichen Verhältnisse gestan- den und wie dieser ein Zähringischer Ministeriale gewesen sein *). Sein Herr wäre Berthold IV, gest. 8. Dezember 1186. Gegen diese Vermuthung streitet: 1. das Verhältniss Hartmanns zu seinem Herrn war mehr ein freundschaftliches als streng dienstliches, Bech, Lieder 2, 37; 8, 37 ff.; solche Innigkeit ist aber zwischen dem bis 30 Jahre jüngeren und niederstehenden Dichter und dem Herzog nicht anzu- nehmen; 2. Hartmann's Herr muß kurz, bevor derselbe den Kreuzzug antrat, gestorben sein, denn aus den bezüglichen Stellen spricht der noch ganze frische Schmerz um den herben Verlust des Freundes. Würde kaum zutreffen, selbst wenn wir die Betheiligung des Dich- ters am Kreuzzuge 1189 annehmen^); 3. der geborne Dienstmann wäre nothwendig an Berthold V. übergegangen. Dieser kunstsinnige Freund des Gesanges (vgh Wackernagel, Lit. S. 110; Stalin, w. G. II, 298 ff.) hätte wohl einen sonst unbekannten Berthold von Her- bolzheim, nicht aber den so bedeutenden Hartmann^ dazu seinen Va- sallen an seinen glänzenden Hof gezogen und dort fest gehalten? Hätte unter solchen Umständen, da ja gerade bei Berthold V. die gebührende Würdigung und Wertlischätzung dem Sänger in sicherer Aussicht stand, er über seines Herrn Hinscheiden in dem Grade be- trübt sein können, als uns die citierten Stellen belegen? — Nun aber ist überhaupt kein zweites Dienstverhältniss des Auers nachweisbar; er scheint vielmehr zurückgezogen auf seinen Gütern dem Familien- glücke^ den ländlichen Beschäftigungen und seiner Muse gelebt zu. haben ^). daß seine Dienstleute ihre Güter diesem Gotteshause nach Belieben freiwillig über- lassen könnten. Sachs, bad. Geschichte, I, 38. Von dieser Freiheit machte auch schon Heinrich von Au bei seiner kleineren Schenkung Gebrauch. ') Daß der Dichter aber nicht wie Stalin (a. a. O.) und auch Andere meinen, dessen Vasall gewesen sein könnte, ist nun aus dem bereits mitgetheilten Materiale klar, denn der „miles Liuffridus" ist ja selbst im Besitz des Lehens, und anderen grö- ßeren Besitz hatten die Auer nicht. ') Diese hat neuerdings wieder Seizier, (Forschungen z. d. G. 1870, 1. H.) durchzuführen gesucht. Er nahm deshalb die schon von Grimm aufgestellte Lesart wieder auf: ebte min her. Salatin und al sin her Arm. H. S. 135 Berl. 1815. 3) Von dem Wappen, den Farben, womit Hartmann in der Hs. erscheint, auf welche Stalin an angeführter Stelle einiges, Schreiber dagegen mehr Gewicht legt, ist HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAM5IBUEG. 161 Es mögen nun noch einige Auer sich anreihen, von denen ich allen Grund habe zu vermuthen, daß sie dem Breisgau angehören. 1. 1258. Eine Schenkung an das benachbarte Kloster Thennen- bach: domine Adelheidis usoris mee dicte de Owe. Ihr Gatte war Werner Koler von Freiburg. Mone, Zeitschr. d. Oberrh. IX, 471. 2. 1327. Rudolf von Owe Zeuge bei einer Schenkung des Al- bert von Falkenstein. Mone, Z. 12, 463. 3. 1366. Clara von Ouwe, Rudinis von Ouwe, Wittib, gibt dem Markgrafen Otto das Wiederiösungsrecht über eine Gilte. Sachs bad. G. I, 441. 4. 1373. Ein Bruder Johannes von Ouwe, Johanniter, Zeuge bei verschiedenen Schenkimgen. Mone, Z. XVI, 469. 5. 1427. Agnes von Ow, Wittib Rudinis de Ow, armigeri, macht eine Meßstiftung ins hiesige Münster. Lib. benef. Stadtarch. 6. 1465. Edelin de Ow, Priorin des Klosters Adelhausen. Kloster- chronik. Stadtarchiv *). In den bereits von Schreiber veröffentlichten zahlreichen städti- schen Urkunden finden wir von dem Geschlechte keine Erwähnung, eine Thatsache, die nicht unterschätzt werden darf. Wäre das vor den Thoren der Stadt seßhafte Geschlecht durch Grundbesitz, Adel, Ver- dienste bedeutend je gewesen oder vorübergehend geworden, so müßte doch auch diese Bedeutung in der Geschichte unserer Stadt, wie bei anderen in der Xähe wohnenden Geschlechtern es wii-klich der Fall^ urkundlich bewiesen hervortreten. Daß nun unter solchen obwaltenden Verhältnissen von einer Freiherrschaft zu Au, deren Annahme doch durch die PersönUchkeil?» des „armen Heinrich" bedingt ist (vgl. Haupt, Lied. XI), keine Rede sein kann, wird auch dem Fernestehenden augenscheinlich. Der Orts- kundige weiß aber, daß für eine solche in dem rings von der Zäh- ringer und anderer Edlen Gut eingeschlossenen kleinen Gebiete des ganz abzusehen. Wie wenig damit anzufangen, zeigt der Umstand, daß auch für die Behauptung, Hartmann sei ein Edler von Westerspül, das Wappen beigezogen wird.. Vgl. Haupt, Lieder X ff. Wenn ferner Schreiber sich lediglich auf die Lesart: „Her hacchen« in B, Haupt L. 1806 stützend von einem die Dichtkunst fördernden Hochbergischen Hofe spricht und den Dichter als einen Dienstmann dieses Hauses betrachtet, so vermag ich dahin nicht zu folgen. Vgl. üb^r die Lesart Haupt S. V. [und Germ. XV, 411.] *) Balthasar von Ow zu den Vorderöst. Ständen zählend 1468, Mone, Z. XH, 470 und Melchior von Au, Landvogt zu Hochberg 1553, Sachs bad. Gesch. I, 388 gehören dem Wirt. Geschlechte von Ow au. 162 H^^S C. FREIH. V. OW Hexenthälcliens gar kein Raum vorhanden wäre, und so fehlt nach jeder Seite hin uns die Berechtigung, sowohl den „armen Heinrich", als den Dichter Hartmann diesem Geschlechte einzureihen imd unserer Gegend zuzusprechen. Zu diesem Resultate wurde ich nach und nach nur ungern nach- gebend gedrängt. Schon im Begriffe, meine Forschungen auf die Auer im Oberneckarthaie auszudehnen, hatte Freiherr v. Ow, den ich um gefällige Unterstützung in dem Vorhaben gebeten, die Güte, mich mit einer vollständigen Abhandlung über unsern Dichter zu erfreuen, eine Arbeit, die um so mehr zum Danke verpflichtet, als Familien- urkunden dazu verwendet und verarbeitet sind, welche einem andern Forscher unzugänglich wären. Nach erbetener Genehmigung des Herrn Verfassers lege ich dieselbe hiemit den Verehrern des Dichters un- verkürzt vor mit dem Beifügen, daß Freiherr v. Ow auf meine Bitte die Zusage gegeben, die bezüglichen Familienpapiere später vollstän- dig veröffentlichen zu wollen. F. BAUER. II. Her Hartman hieß nicht bloß, sondern war von Owe (I. Büch- lein 29, Ambraser Handschr.), ein Oiaoaere (Iwein 29), von Ouive gehorn, wie der allda ze Sicäben ge^ezzene Freie {sm hurt iimcandelhoere und lool den fürsten gelich) herre Heinrich, welchen hochgeehrten und allbe- liebten Ahnherrn er den Nachkommen, damit sie ihm mit Gebet dafür lohnen mögen, besungen hat (1—81). * Ihre Stammburg mit dem gleichnamigen StätÜin Owe, nach 1300 Obern-Owe genannt, seit 1400 Obern-Ow, endlich Obern-Au (zum Unterschied von dem abgetrennten jetzigen Bade Niedern-Au) — ist eine Stunde oberhalb Rotenburg am Neckar gelegen, theilweise er- halten und noch jetzt bewohnt. Ebenso findet sich noch von ihrer zugehörigen freien Herrschaft Owe, — hurg und laut (wie die Straßb. Hs. v. 250 ff. sagt), — der Theil ob dem Berge in dem Besitze der Reichsfreiherrn v. Ow (Linie ob dem Berge) zu Wachendorf, Birhngen, Neuhaus, Altdorf etc.^ der bis 1805 reichsunmittelbar bliebe mit Urkunden auch über den ande- ren Theil unter dem Berge (der ausgestorbenen Linien) ; wonach sich etwa 12 Orte und 5 Burgen des Gesammtgebietes als die alte Frei- herrschaft Owe (des 13. Jahrh.) erweisen. Der freie Herr Heinrich von Owe^ von dem wir aus den Heidel- HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAMMBUEG. 163 berger- der Koloczaer- und der Straßburger Handschrift wissen, (siehe bei Haupt und Grimm die Noten am Ende, die in Bech's neuer Bearbeitung leider fehlen), daß er nach dem Tode seiner Frau sich in ein Marienkloster zurückzogt war wohl derselbe^ der noch 1081 und 1091^ als in der Nähe der Owe Reichenbach und das Marienklo- ster Zwifalteu gestiftet wurden, jenem als clericus eine Schenkung seines Bruders — des dominus Mangold — bestätigte, diesem als mon. noster ein werthvolles beinernes Crucifix schenkte. (Würt. Urk. B. H, 401, 3. 9, namentlich die Verbesserungen 446. 47 und Heß mon. Guelfica XXI gegen Ende.) Weitere Familienglieder sind: die Freien Gerbold und Werner Gebrüder, Zeugen bei der Stiftung von Alpirsbach 1095, Wolf und Albert desgleichen 1125 — 37_, Letzterer auch im Cod. Hirsaug. f. 44*, sowie allda um 1150 mit einem Gütertausche: Hermann I, der sichere Stammvater der jetzigen Freiherrn v. Ow, 1161 Heinrich H, Zeuge in Barbarossas Dipl. für Pfeffers, Herman H Dominus de Owe 1245 Zeuge und 1251 f, nachdem er mit seinem Sohne Dominus Ber- thold und seinen Enkeln freie Güter der Herrschaft Owe an Bebenhau- sen geschenkt hatte. Gleich Letzterem war Hartman um 1170 geboren^ in glückli- chen Verhältnissen, (demfröuden von kinde wonten hl, L. 2, 39 — der- ie schein in wenden schar in Heinrichs von Türlein Krone 2415) und zeitweise auf der väterlichen Burg Owe, wo er die maere des Ahn- herrn Heinrich geschrihen vant, wenn nicht in dem nahen Kloster Zwi- falten, dessen berülimte Schule er bis in sein 16. Jahr also durchlau- fen haben dürfte^ wie er dieß im Gregor (987 — 1028) noch aus fri- schem Gedächtnisse ganz umständlich beschreibt. Wahrscheinlich hatte man auch ihn, der sich mit Recht einer für damalige Zeit sel- tenen Gelehrsamkeit rühmen durfte (Anfang des Heinrich und Iwein), zum Pfaffen heranzubilden gesucht. Allein er wollte lieber gotes ritter, dann ein hetrogner Mosterman werden. Dazu sich den Weg zu bahnen, feine Sitte sich anzueignen und zugleich sein Dichtertalent auszubilden, hatte er ganz nahe die aller- beste Gelegenheit^ das benachbarte Hoflager des Schwabenherzogs Friedrich V. von Hohenstaufen, wo er auch dessen Bruder^ den ihm altersgleichen Konrad und den kaiserlichen Vater Friedrich I. selbst (1187 — 89) kennen lernen mußte. War er doch noch, als er den Gre- gor schrieb (V. 1401 ff.), nie mit gedanke ein Beier noch ein Franke. Die Ritter ze Henegöu, ze Bräbant und ze Haspengöii aber , die auch er als gute Reiter preist, hatte er wohl selbst gesehen als er jetzt — 164 HANS C. FEEIH. V. OW wahrscheinlich bereits jenen Herzog Konrad begleitend — nach Nord- frankreich^ der Musterschule des höfischen Geschmackes reiste und allda sein Französisch lernte. Denn von Karlingen hrähte er einen zou- herlist (I. B, 1280), ohne Zweifel den Urtext des Erec und vielleicht auch des Gregor zurück, welche Werke er nun deutsch in Schwaben bearbeitete. {Erec den von der Swähe lande uns hrähte ein tihtcere meister Hartman] Heinr. v. Türlein in s. Krone 2353 — 60). Daneben beschäftigte ihn auf der Owe auch noch eine Herzens- angelegenheit. Er schwärmte für eine freundliche Jugendgespielin seiner Nachbarschaft, der ich gedienet hän mit stcetekeit ie sit der stunt deich minen stap gereit (L. 2, 44). Doch dieselbe^ ein Mädchen von Stande, zur Jungfrau aufgeblüht, auch gehütet von strengen Ver- wandten, zog sich bald scheu zurück, so daß er nicht einmal da, zukam, sich zu erklären, als er endlieh wieder schied (L. 16, 9 — 10). Daher dann die klagenden Minnelieder und in gleichem Tone sein erstes Büchlein. Letzteres schrieb er , nachdem er das Meer ge- sehen hatte (352 — 66), vielleicht im Herbste 1191 mit seinem nun- mehrigen Schwabenherzoge Konrad und Kaiser Heinrich VI, nach der Krönung zu Rom von den Küsten Apuliens und Neapels zurück- gekehrt war, da jenem unglücklichen Zuge die Klageworte über ver- sunkene Schiffe gelten mögen: daz ist allen den wol kunt die da mite gewesen sint und hat vil manne den tot gegeben. In jene Zeit paßte auch V. 1 688 : wcer ich in Onende, weil da- mals Richard Löwenherz mit den Kreuzfahrern noch im Oriente weilte. Sicherer scheint, daß Hartman dann einige Zeit in Franken bei eben jenem seinem Herzog Konrad ein Ehrenamt bekleidete , der allda schon 1189 Herzog von Rothenburg war, dazu 1191 das Hei'- zogthum Schwaben erhielt, 1196 aber am 15. August bei Durlach er- schlagen wurde. Nahm er doch aus Kummer unmittelbar darauf das Kreuz in dem ihm lieb gewordenen Franken, daraus man ihn noch nicht gebracht haben würde, hätte nicht jener traurige Sommer ihn so plötzlich seines lieben hohen Herrn und Freundes beraubt, bei dem er immer Freude, Freundschaft, Treue und Ehre fand, den er pflegte und dem auch seine Fahrt zu Hilfe kommen sollte, damit er ihn vor Gott wieder sehe. L. 2, 1 u. 37—40. 8, I, 37—48. 14, 1—18 und na- mentlich L. 10: Ich var mit iuwereu hulden, herreu unde mäge: Hut unde laut diu müezen sselic sin. HARTMANNS VON AUE HEIMATH UND STAMMBURG. 165 es ist unnot daz iemen miner verte frage : ich sage wol für war die reise min. und lebte min her Salatin und al sin her^ dien brsehten mich von Vranken niemer einen fuoz. Als ein freier Mann hatte daher Hartman des Herzogs Dienste genommen und Franken wiederum verlassen, um jenen Kreuzzug mit- zumachen, der nach Saladins Tode (f 1193) im Frühjahre 1197 unter dem Kanzler Konrad, Erzbischof von Mainz und dem Herzoge Ber- told V. von Zähringen von Franken aus nach Italien und von Apu- lien zu Schiffe nach dem gelobten Lande gieng. Bei dem Aufbruche mit dem Kreuzesheere schrieb er jenes Abschiedslied, um jeder- mann die Nachfrage zu ersparen, an seine noch nicht unterrichteten fernen Verwandten. Letztere hcätte Wilmans (Haupt Zeitschr. XIV, 150) um so mehr in Schwaben, nicht in Franken suchen, Bech dagegen das ganze Lied nicht wegen der Erwähnung Frankens etc. (in s. Vorbe- merkung und noch in s. Einleitung zum HL Theile VII) auffällig finden sollen. Hartman beweist ja durch seinen Heinrich nicht bloß, daß er von demselben edlen Geschlechte von Owe ze Sicähen stamme, son- dern daß er auch dieses Familiengedicht in Franken erst vollendet habe, wo er, obwohl schon Ritter, gleich stolz sich auch noch brüsten konnte: als des Herzogs freier — selbstverständhch nicht geborner Dienstmann. "■ ■ Ein ritev beginnt er, der loas Hartman genant und loas ein dienstman {und loas) von Owe {geborn wie der Jierre Heinrich). So die Heidelberger und Koloczaer Handschrift. Wogegen man endlich einmal aufhören sollte, der Straßburger Handschrift nachzuschrei- ben : dienstman zuo Owe , (woraus erst Haupt ze gemacht hat). Auf der Owe, mitten in Schwaben würde ja der Dichter schon gar nicht gesagt haben: es war einmal ein Herr Heinrich von Owe ze Swähen gesezzen; oder (V. 1422 ff.): den Swaben muoz ieglich hiderh&r man jehen, der st dd keime hat gesehen, daz hezzers willen niene waH. Freiwilliger Dienstmann aber war er nur in Franken bis 1196, nach- her wie vorher sein eigener Herr — der sorgen erlän, diu manegen hat gebunden an den fuoz, daz er beliben muoz (L. 8. II. 19 ff.) — wie er sich denn auch in seinen späteren Gedichten nunmehr die Riter- Würde gibt. IL Büchlein 67 und 306, Iwein 21. Letztere Stelle zeigt zugleich, daß er Mittel genug hatte, um nicht, wie so Viele des Broterwerbes wegen, sondern nur zum Zeit- vertreib zu dichten, sivenne er stne stunde niht baz bewenden künde. 166 HANS C. FREin. V. OW, HAETMANN VON AUE. In dem zweiten späteren Büchlein beurkundet Hartman, daß er mehr Lebenserfahrung gewonnen hatte und auch der Geliebten näher gekommen war (105 ff., 157 ff., 465). Er spricht zu ihr in einem viel vertraulicheren und begehrlicheren Tone und mit einiger Hoffnung auf ihren dereinstigen Besitz (245, 318, 660), trotz der Huth von Seite ihrer mißgünstigen Umgebung (97. 309 ff. 363. 576.). Abge- faßt mochte er es etwa während der Kreuzfahrt 1197 — 98 haben, da er oft wiederholt: daß er die edle Jungfrau treu wieder schauen möge, wie er ihr treu bleibe, da er sich durch drei Länder von ihr geschie- den weiß (659) und (V. 44) sagt: wenn er einen wüßte^ der seinen Kummer heilen könnte, zu dem würde er nach Griechenland gehen — nach dem strich ich ze Kriechen. Fast in derselben Zeit und in ähnlicher Stimmung geschrieben sind die Lieder: 7. 9. 11. 12. 17. 18, und namentlich verräth L. 16, 9 — 16, daß Hartman die Geliebte nach langem Scheiden endlich in einer seligen Stunde ohne Huth getroffen, sich ihr erklärt und sie ihn so empfangen habe, daß Gott es ihr immer lohnen möge, — si tcas von kinde iinde muoz sin min kröne, ganz wie in L, 2. 14, weßhalb Wilmans (Haupt Ztschr. XIV. 146 — 55) nicht an zweierlei Minnever- hältnisse denken sollte. Ernsteren Sinnes von seinen Fahrten heimgekehrt, nunmehr Mit- besitzer auf der Owe — em Omcoere — schuf Hartman sein Spiegelbild, den Löwenritter Iwein, der 1204 vollendet war, als Wolfram den Parzival (253, 9—17, vgl. auch 436, 5—10) schrieb. Darin zeigt er sich, beziehungsweise seinen Helden, nicht mehr wie im Erec vor- zugsweise von der Minne, sondern ganz von der Ritterlichkeit be- herrscht. Sein Vorbild war: der ch^valier au lyon, (von Christian von Troyes), gleich dem er selbst der riter mittem (Owischen) leim hieß und sprechen mußte: ich icil sin erkant hl mime leun der mit mir vert (V. 5496—97. 5502), denn im 13. Jahrhundert, wie noch heute, führten Alle v. Owe den Löwen. (So siegeln 1275. 1289. 1291 die Brüder Alb. Herrn, und Volkart Nobiles de Owe; Mone, Ztschr. m 222, IV 128 etc.) Der Dichter lebte noch 1207, da Gottfried von Straßburg an seinem Tristan (117, 21—37) arbeitete. Heinrich von dem Turlin in seiner um 1220 verfaßten Krone beklagt (2406), daß der reine Hart- man schon todt sei. Er mochte kaum 40 Jahre alt, auf der Owe ge- storben sein. Nachkommenschaft ist nur von Herrn Herman H. von Owe be- kannt, der — wohl als der ältere Bruder — schon um 1200 mit Fa- K. BARTSCH, BRUCHSTÜCKE V. WOLFRAMS PARZIVAL U. WILLEHALM. 1G7 milie auf der Stammburg saß und Stammvater der verschiedenen Li- nien wurde, die nach 1275 die freie Herrschaft Owe ob und unter dem Berge theilten. Die Erinnerung an Hartman aber vererbten in dem von Owischen Archive ein orientalischer Dolch und goldener Ring (Talisman), die er nach der alten Haussage einem erschlagenen Sarazenen abgenom- men haben soll. Seinen Namen fahrt Eines der lebenden Familien- glieder. ,, . , : , , Schloß WACHENDORF, den 1. Juni 1870. HANS C. FREIH. V. OW. BRUCHSTÜCKE VON WOLFRAMS PARZIVAL UND WILLEHALM. ; In seinem 'Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen', Heft n. (18G8) hat Pfeiffer sämmtliche Handschriften und Handschriften- bruchstücke verzeichnet. Hinzugekommen ist seitdem ein Bruchstück einer Wülehalm - Handschrift, welches Rückert in dieser Zeitschrift mittheilte (XIV, 271). Einige weitere Mittheilungen lasse ich hier folgen. •■■ ■:,-■. j. ■ -. .., :: ■, ;..-., .;■. ^,:. Von den Regensburger Bruchstücken, welche jetzt in den Besitz des germanischen Museums übergegangen sind, hat Pfeiffer S. 29 — 31 das erste und letzte Blatt abdrucken lassen, von dem letzteren jedoch nicht die zerschnittenen Spalten: das erste war unter seinem Nach- lasse nicht aufzufinden. Das zweite Blatt begann mit I, 369 (= Lachm. 13, 9) und reichte bis I, 552 (= L. 19^ 12). Von der ersten Spalte fehlen 369 bis 381, von dem übrigen 382—414 ist nur wenig erhalten und les- bar. 383 man. 386 get. 387 iht 388 an. 389 habest reht 390 ht 393 ha. 395 nive. 398 n schin. 398 shevin. 399 holt. 400 da den solt. 402 vze h. n. 403 Ga din. 405 den siten. 406 ten. 408 nder sin. 410 smarat. 411 te gar. 412 gevar. Auf der zweiten Spalte fehlen V. 415 — 427 : sie reicht bis 460. Hier ist mehr lesbar, aber auch keine Zeile vollständig. Ich lasse daher das erlesene nicht abdrucken, sondern bemerke nur Ab- 168 KÄKL BARTSCH weichungen von meinem Texte, aucli in der Schreibung, weil diese in den Bruchstücken sehr sorgfältig ist. 439 Tomasch {= G). 451 strebte. 452 : on danne... 456 flos scheint das Bruchstück zu ha- ben, vmh. Von der dritten Spalte fehlen V. 461 — 472 : von 473 ist nur ein e noch lesbar. Das Übrige aber ist fast vollständig erhalten und folgt daher hier im Abdruck. 474 Da wart er vil geschowe E r bot sin dienst vmbe gvt. D 0 sach er vz an daz velt A Is noch vil diche ein riter tvt. D a was geslagen manech ge 0 de dazs im sagten vmbe waz. A Ivmbe die stat v mer Er solde dvlden der viende haz. D a lag: n kreftigiu her. D o sprach vz einem mvnde. D o biez er fragen der mjere. Der sieche vii der gesv V ves div bvrch wasre. D az im wsere al gemeine. V vande ir chvnde nie gewan. (I) r golt vil ir gesteine. Er noch dehein sin schifman. . . .solder alles herre . .sn. S i taten siuen boten chont. E r mohte wol bi in genesn. si hiezze Patelamunt. 0 vch bedorft er Ivcel soldes. daz wart im minnecliche enboten. V on Arabie des goldes.^ V ii manten in bi ir goten. H eter manigen knollen biaht. D az er in hvlfe des wsere in not. L vte vinster so div naht. S ine rvngen niht wan vmben tot. Waren alle die von zazamanc, D o der ivnge anshevin. B i den dvht in div wile lanc. V ernam ir chümberlichen pin. Von der vierten Spalte fehlen die Verse 507 — 518 : von dem Übri- gen, V. 519 — 552, fehlen die Schlüße der Zeilen. Ich beschränke mich auf die Abweichungen. 519 hetz. 520 ze sehn in Ivzel des (= G). 521 im, (= G). 522 het gesehn. 524 muse. 527 kein Absatz. 529 cehn sovmcei'e. 630 zogten. 531 zioemze . . b32 sinen povel. 534 die hetten sich. 537 do (= Dd). 540 müse. 541 Absatz. 544 einen. 546 da bi nach dem. 547 Ivsvncere (= G). 548 tambürre (= dg.) 549 sinen (= G). 552 vü welscher videl. . . (= G). Das unmittelbar darauf folgende Blatt, BI. 4 der Hs., umfaßte V. 553—736 (= Lachm. 19, 13-25, 16). Der vordere Rand des Blattes ist weggeschnitten, und oben etwa 2 — 3 Zeilen abgerissen. Von der ersten Spalte, V. 553 — 598 fehlen die zwei oberen Zeilen, außerdem durch Beschneiden der vordere Theil der Verse. Das Bruchstück hat V. bbl folches. 558 morinne. 567 mangem. 568 arzt. 569 genesn. blO geivesn. bllßoch. 574 . .nchel. 576 . .ns farwe. bll en- ffienc. 578 frevde.. 583 manigen. 584 arme Mengen (= G). 585 hovbt waren. 586 seihe. 588 . . t lagen. 595 mureten chüste. 596 Ivzel (=: gg) Ivste (= G). 598 icas alsvs getan (= dgg). Auf der zweiten Spalte feh- BRUCHSTÜCKE VON WOLFRAMS PARZFV^AL UND WILLEHALM. 169 (0 ' len zwei Zeilen (V. 599. 600);, und von der dritten ist nur vüg. . .hofe übrig. Das folgende aber ist meist lesbar. Fröwe nv ist vnser not. M it freüden zergangen. (D) en wir hie han enpfangen. (D) az ist ein riter so getan. (D)az wir ze daneben iemer han. (V) nsern goten die in vns brahtcn. (ü) az si des ie gedahten. (N) V sage mir vf die tri'we din. . . . d . r riter mvge sin. Fröwe er ist ein degn fier. D es Bariiches soldier. E in an . . evin von hoher art. A . . i w . . Ivcel wirt gespart. S . . 1 . . . . a man in laezzet an. . .e.ehte er dar vü dan. Entwichet vn cheret. D.e viende er schaden leret. I ch sach in striten schone. ■-' ■ D. die babilone. . > '• '' Alexandrie losen solden. Vn do si dannen wolden. Den Baruch triben mit gcwalt. Uvaz ir da nider wart gevalt. An der tschunfentiiire. Da begie der gehiüre. •' ' libe seihe tat. S ine heten fliehens deheinen rat. D a zu hoer ich in nennen. in wol ercheunen. Daz er den pris vber manigiv lant. het al eine ze siner hant. nv sih et wenne i de wie. V n fuge daz er mich spreche hie. V vir han doch fride allen disen tac. Da von der helt wol riten mac. Her vf zemir ode sol ich dar. Er ist anders denne wir gevar Cwi wan tsete im daz niht we. D az het ich gerne erfvnden e. 0 b mirz die mine rieten. Ich solde im ere bieten. Gerüchet er mir nahen. V vie sol ich in enpfahen min Hp genennet pfant. Fr'jwe ich wil i^wern fvrsten sagen. Daz si richiv cleider tragen. V ii hie vor iv biten. Vnz daz wir zu iv riten. D az sagt euch ivwern frowen gar. Vvan swenne ich nv hinnider far. So bringich iv den werden gast. m svzzer tvgende nie gebrast. D ar an doch 1 ... 1 Vil dech Der marschalch siner frowen be(t). Bälde wart do Gahmuret. B, ichiv clei dar agen. div legter an sus ho ich sagen. daz div tiür wge Ancherdie swasren. ■■ ' Von arabischem ; '1' ' ■ ■ L agen drvffe als er D 0 saz der minne geltes Ion. Vf ein ors daz ein babilon. Gein im dvrch tiostieren reit. Den stach er be daz was dem Icit. 0 b sin wirt mit im iht var. Er vil sine riter gar. r ; 1 (a) deiswar si sint es fro. S i riten mit ein ander do. Vn erbeizten vor dem palas D a manech riter vff Die musen wol gecleidet sin. S iniv chinder lieffen vor im in. Ie zwei ein ander an der liaiit. Ir hene manige fruwen vant. Gecli idet w liehe. Der chvneginne riebe. I r ovgen fücten grozzen pin. Dos! gesach den ansbeviu. Der was so minneclich gevar. •' ' Daz er entsloz ir herze gar. Ez wsre ir liep ode leit. D az besloz da Vor ir wipheit. Ein wcnech si im engegentrat. Ir gast si sich chvssen bat. GERMANIA. Meue Reihe IV. (XVI.) Jabr^i 12 170 KARL BARTSCH Der Anfang der vierten Spalte ist stark lädiert: es fehlen V. 691. 92, im Folgenden bemerke ick: 693 (S) azens in. 694 {V)f einen. 695 (D) ar vnde ein: die einzige Hs., welche das richtige unde {=under) hat. 697 gelichet. 698 het. 703 hovbt. 708 zvht si (= G). 709 {i)cJi. 710 d. . .nahe. . . herzen. 711 weh des niht (:= Gr). 712 s. . .{u werre ode wirret : loerre ist eigenthümlich, ode steht dem vom Verse geforderten od am nächsten unter allen Hss. 715 wan einech man. 716 ode, derselbe Fall wie 712. 720 hoüptman. 721 viende. 722 fridebrant. 724 Mez (nicht der hiez, wie Gg lesen). 725 Herlinde. 728 helde. 729 Hvteger. 730 {r)iters tat (= G). manigiv. 733 manigen. 735 degn. Zum vierten Blatte, welches 737 — 920 (= Lachm. 25, 17—31, 20) umfasst, bemerke ich, daß Sp. a ganz bei Pfeiffer abgedruckt ist ; doch ist zu lesen 25, 19 Die hraht alle. 25, 29 Ir herzen regn in gvsse loarp {= G). 26 6 . . er halt. 26, 7 daz die. 9 Diz. 14 wac. 21 ein tor. 27, 1 Ivzzel. 5 den. Mit Emvech 27, 16 beginnt das Stück der zweiten Spalte, dessen größerer Theil weggeschnitten ist, daher sind von V. 796—826 (^ 27, 16 — 28, 16) nur wenige Silben jeder Zeile erhalten. Ich bemerke 802 Manige. 803 diz. 805 der fehlt (=: G). 808 Eingroz.. (= G). 811 Absatz (= 28, 1). 812 Da er o(vch): also eine eigenthümliche Lesart, wahrscheinlich da er ouch sin ende gewan. 815 Eins richtig. 816 dag. . 819 lehn iv. ., genauer als DG. 825 ouch fehlt, in keiner anderen Hs. Das Folgende steht bei Pfeiffer (S. 31): an V. 886 (= 30, 16) schließt sich der Schluß der vierten Spalte, deren unterer Theil durch- geschnitten ist, doch so, daß die Stücke sich ergänzen. V. 887 — 920 lauten : M an besl sit. Irn geschaehe nie so leide. Vns git vor ahte por strit. Vvan sit daz Isenhart lac tot. D es getriwen Isenhar M iner frowen frumt ei- herce not. D ie hant vns schaden S o stet div chvnegin gemal. Si ringent mit zorn Proü Belacane svnder twal. Die irrsten wol gebor In eine blanchen samit. D es chvnges man von Gesniten von swarzer farwe sit. V or ieslicher por D az wir div wapen chvrn an in. b schar ein I r trivwe han iame at gewin. Ein dur D ie stechent ob den porten hoch. Als Isenhart den lip erlös. Fvr die andern sehte uns süchent noch. Sin folch div w nach Des chunen Fridbrandes her. Da engegen han wir einen site. Die getouften von vber mer. D a stillen wir ir iamer mite. I eslicher porte ein fvrste pfligt. Unser vanen siut erchant, D er sich strites vz b wigt. daz zwene vinger vz der hant, M it siner banier B ivt gein dem eide. V vir haben 6 ere. BRUCHSTÜCKE VON WOLFRAMS PARZIVAL UND WILLEHALM. 171 n. Nicht angeführt ist das Bruchstück einer Pergamenthandschrift des Parzival aus dem 14. Jahrhundert, drei Quartblätter, im Besitze des germanischen Museums in Nürnberg (Nr. 17439). Das erste Blatt umfaßt 639, 5 — 641, 4, das zweite 651, 5 — 653, 4, das dritte 657, 5 — 659, 4: also immer 30 Zeilen auf der Seite, eine Seiten- und Spal- teneinrichtung, die beim Parzival vmd Willehalm auf die ältesten Quellen zurückgeht. Der Text des Bruchstückes gehört zur Klasse von G. 639, 13, kein Absatz. 13 danckten. 16 zetantze. 17 der tantz^, 28 vn dl freude reichen. 29 die\ ir. 640 rothes G. Seyue. 8 zuo im ward er. 10 versivanf. 11 am liest das Bruchstück. 13 kein Absatz. 16 eivren. 20 rates geleich reiche. 22 zu. 23 hin gar. 26 fraio ich loil in so. 27 freundin nie. 641 rothes G. Dar nach schier nam ende. 2 fraiven. 651, 11 Zu hw^ da hin nu. 23 so gib im daz. 27. 28 = Ggg. 652 rothes N. schuf. 2 =^ Grgg. 10 oh der. 11. 12 solden : holden. 13 al di tauelründe)'. 17 ze] an. 21 = Ggg. 25 Ze. 30 Zu. 653 rothes A. 2 Vn. 3 w'' nach. 12 = Ggg. 657, 7 = Ggg. 16 in hei seine iceih. 20 mit dez. 28 Persica. 29 al- rerst. 658, 1 nu. 3 rothes D. 4 so enioart. 8 dez kan in von hertzen xcol gezemen. 9 Gyrot. 10 d' vorhte.ll rotsche sahins: sins. 20 daz. 23 = Grgg. 27 heo gent. 29 wont. 659, 1 scharpfeu. 2 = Ggg. 3 rothes S. ' III. Die Wiener Bruchstücke des Willehalm, welche Pfeiffer S. 6 unter Nr. 10 aufführt und von welchen J. M. Wagner im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1860, Sp. 178 Anfang und Ende, so wie einige Varianten mitgetheilt, hat mir J. Haupt in vollständiger Abschrift geschickt: das zweite Blatt umfaßt nicht, wie Wagner an- gibt, 37, 22 — 41, 6, sondern §6, 15 — 41, 6. Ich theile die Lesarten vollständig mit. 1, 13 La. 23 di tauf. 24 di mich zweifei. 29 kein Ab- satz. 30 deiner tief antreite. 2, 1 an daz. 2 laufet. 4 daz si den. 5 Luft feuver wazzer vnd erde. 6 wonent. 7 deinem. 9 Absatz. 10 . .ruhe naht. 15 din &rt. 28 wenne. 29 svnthaf. . . o, 1 In div. 3 hilf. 7 hertzen not. 8 lantgraf von during herman. 9 maer hat das Br. 10 in frazois. 11 Licont wilhalms von orangis. 13 hilf. 14 nimmer. 15 Er sag. not var got. 16 Der vnvertzagt loerde hot. 17 Der erchennet ritter chumher gar. 19 erchand, 20 der den heim auf haubet pant. 21 Gegen seines uerhes chost. 23 veinden. 24 der schat von art. 25 hört allein richtig das Br. 27 12* 172 K. BARTSCH, BRUCHSTÜCKE V. PARZIVAL U. WILLEHALM stvnd vber. 29 sein mag loaren di. 30 an dem chunich charl nie. 4, 1 So tverde. gepom. 2 di für. 3 vnd Met. 4 helfer. 5 diemut. hohsten. 6 hilf tet berJiant. 7 helfer. 8 hilfe. 9 Seit daz div. 10 du] div. 11 i/i'e «i erd also pist du dort. 13 sand loilhalm. 14 meines sundhafte. 19 ilf«c/i wolframen. 20 parcifalen sprach. 21 aventewer mich weiset. 22 etleich. preiset. 23 c?e ez smahten. 24 ivahten. 25 (ran miV n?^ ^of. 26 minne vnd. 28 <^em. 30 vnsanft mag sich genozen. 5, 2 c?t ?'cA 7IW. 3 beginne — minne. 5 /ac? (Ziseü. 6 hause. 9 Äz- 6ent 11 wn«? omcä] noch: die richtige Lesart ist Joch, was keine Hs. bietet, wofür und, und ouch, noch gesetzt wurde. 13 Valshait. 14 höret ez hie. 15 Daz. 16 von Narribon der graf heimreih. 18 purg. 19 ^o/< dhein sein reihheit. 22 zw einem sun. 25 sem svne. 29 Stiez. reht ir zil. 6, 2 habent. 36, 15 /vrf. araboys. 16 setilyois. 17 Kricolang. 18 monfang. 19 sote)-j? i;nfl! dl von. 20 tüei&e (ohne umbe) gruz hef er vil gepeten. 22 tesereiz. 23 kein Absatz, terramern. 24 poydius. anchi. 25 chrafi. 27 mii grozer storie. 37, 1 gesampten schare. 3 seinem ponder. 4 ez moÄf ericagen. 6 war v^^ fo^. 8 ^vc?e?, leicht die richtige Schreibung: Tudela. 10 tshoys. 11 puzzat. 13 at^/*. 17 bedivanch. 21 eicigen leivens. 22 solhes getoens. 27 Ät?/'. 28 getravten. 29 kein Absatz. Äfer 6ei tvilhalm starb. 30 c?es. 38, 1 ze fehlt. 2 «^o vns verwans. 3 gegen. 9 so fehlt. 10 rniV. 12 ivambe] leiioe. 14 hellischen. 16 gewern. 17 kein Absatz. ?'iwe, beihte. 18 -y^ic? (^er to. an cZe«?. 22 c?i ÄiH?e^ <^one si loegten. 26 gegen. 27 en fehlt. tveise. 30 cZa fehlt. 39, 5 manig. 7 marchgraf. 10 {a)lsus. 12 süeze] mein. 14 hahen. 16 minneclich] zwair. 22 mer cZawn. 23 (d)ann. 26 fehlt. 40, 2 pvsavn. 3 tom mavrn. 4 ??; It/". 5 tr<'?f] cÄ/wi 6 . . epurd ie mit tod must. 9 {cä so üow tw. 11 svnne durch sneit. 12 a^so. 13 swecÄ wacÄ seinem. 15 an dem. 16 ^üa e?'z. 11 Jhsoyis. 19 entrant. 20 gegen. 21 alitschantz. 23 gehurtet. 25 tJon der. 26 di darvber. 27 chreftlost. 41, 1 kein Absatz. 2 aA ganch. 3 snellichleichen. 5 chorandes. 6 von dem so/Ä. 7 erpitwen. 9 d^z] daz. 10 kyburch. 11 termis. 15 chvniges korhand. 16 indyschem land. Der Text dieser Bruchstücke stimmt am häufigsten mit Inopt, bald mit der einen, bald der anderen, bald mehreren dieser Hand- schriften. Bedeutsamer wird er dadurch, daß an einer Anzahl Stellen er mit K allein zusammentrifft: so 3, 17. 4, 9. 5, 11. 37, 13. 38, 1. 40, 19, wozu Stellen kommen, in welchen das Bruchstück seine Las- M. RIEGER, DAS SPIEGELBUCH. 173 art mit K und ein oder ein Paar andern Hss. theilt, wie 3, 20. 4, 26, 5, 16. 0, 1. 36, 19. 37, 4. Offenbar stammt es aus einer guten, alten Quelle und deshalb verdienten seine Lesarten eine genaue Mittheilung. KARL BARTSCH. DAS SPIEGELBUCH. Im Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters von Aufseß I. S. 164 findet sich folgende Notiz :' Spiegelbuch. Hie (Hs. He) hebt ain ein spegel buch der weit lauff und der sunden fluch und hebt sich zo dem yrsten ayn we got der herr den verdampten straffen began der nyt dede den wyllen syn darumb moyst er lyden groys pyn. Bekelirungsgeschichte eines Sünders, worin Gott Vater, Teufel, Tod, Hölleugesellen, Lehrer und Sünder im Gespräche mit einander vorkommen. Papierhaudschr. aus dem 15. Jahrhundert, 13 Bl. in gr. 8. in der Stadtbibliothek von Trier. Das ganze gegen 640 Verse. Das- selbe in einer anderen Papierhaudschr. daselbst, ebenfalls aus dem 16. Jahrb., 16 Bl. in Folio.' Wackemagel erwähnt diese Notiz und dieses Werk Lit. Gesch. 313 Anm. 74 mit der Bemerkung *^Ein Drama? wahrscheinlich.' Als in Folge des Krieges von 1866 das vor Kurzem erst dem Hause Hessen-Darmstadt heimgefallene Homburg vor der Höhe preu- ßisch geworden war^ kam mit anderem ehemals landgräflichem Mobi- liarvermögen auch eine Bibliothek aus dem dortigen Schlosse als Privateigenthum des Großherzogs nach Darmstadt. Aus einem zu ihr gehörigen Saramelbande löste der Director der großh. Cabinets-Bi- bliothek;, Herr Dr. Walter, ein namenloses altdeutsches Reimwerk und hatte die Güte^ es mir zur Untersuchung und Benutzung anzuver- trauen. Als ich die in ihm redenden Personen mit der Notiz bei Aufseß verglich, ergab sich die Wahrscheinlichkeit, daß ich das in jener Trierer Handschrift enthaltene Spiegelbuch vor mir hätte, obgleich die gereimte Inhaltsangabe zu dem Anfange des Werkes in der Hombur- ger Handschrift nicht paßte. Inv Sommer 1869 fand ich bei einer zu- ^74 M- RIEGER fälligen Anwesenheit in Trier meine Vermuthung bestätigt; die zweite Trierer Handschrift, von der bei AufseÜ die Rede ist, konnte ich aber trotz der bereitwilligen Unterstützung des Herrn Bibliothekars Schö- mann nicht ermitteln. Ich fand das Werk^ so sehr es in vollkommener Kunstlosigkeit und sorgloser Überlieferung die Kennzeichen einer späten und rohen Zeit an sich trägt, der Beachtung nicht unwerth, besonders nachdem ich beide Handschriften neben einander hatte. Ein Drama, wie Wacker- nagel vermuthete , ist es freilich nicht , aber ein auf mehreren Dramen beruhendes, aus ihnen zusammengestelltes Erbauungsbuch. Es eröffnet uns den Blick in die dramaturgische Thätigkeit eines klösterlichen Kreises, in welchem man das Bedürfniss fühlte, dem gemeinen Manne über den Kreis der herkömmlichen Festvorstel- lungen hinaus etwas nicht nur Erbauliches, sondern eigentlich Asceti- sches, unmittelbar die Gewissen Angreifendes zu bieten. Diese Gat- tung verhält sich zum Weihnachts-, Passions- und Osterspiel, sowie zur dramatisierten Legende wie das bürgerliche zum heroischen Schau- spiel; nur eine Varietät von ihr bildet die dramatisierte Parabel, die man aus dem berühmten Spiel von den zehen Jungfrauen kennt und von der man hier ein neues Beispiel kennen lernt. Der Urheber oder Zusammensteller des Buches nahm ein Spiel (IV), wenn auch nicht vollständig, doch in solcher Ausdehnung auf, daß die Reden sich zu einem Ganzen zusammenschließen. Dies musste bei der Fortpflanzung seines Werkes nothwendig beachtet werden, und die Reihenfolge der hierher gehörigen Reden stimmt daher auch in beiden Handschriften überein, obgleich das Stück in der homburgischen (H) am Anfang, in der trierischen (T) am Ende steht und die erste Rede dort weggefallen — oder, da auch die Überschrift des ganzen Buches fehlt, wohl nur herausgerissen ist. Im übrigen dagegen nahm der Zusammensteller nur einzelne Reden, höchstens Scenen und diese nur unvollständig auf, wovon die Folge war, daß die Abschrei- ber hier überhaupt keinen Zusammenhang erkannten oder doch auf dessen Bewahrung keinen Werth legten, auch Einzelnes nach Belie- ben wegließen^ wie denn das ganze Stück III nur in der Hombur- ger Handschrift erhalten ist. Hier muß man daher das Verwandte aus bunter Unordnung und größtentheils aus zweierlei Unordnung zusam- menlesen. Diese Mühe habe ich dem Leser zu sparen gewünscht und die einzelnen Reden nach meinem Dafürhalten geordnet und einge- theilt. Es muß aber auch versucht werden, die verschiedenen Spiele, DAS SPIEGELBUCH. I75 von denen sie Trümmer sind, der Anlage nach zu einiger Vorstellung zu bringen. Das erste Stück beginnt mit einer die Verdaramniss des Sünders begründenden und bestätigenden Rede Gottes. Ibr voraus gieng offen- bar eine Reelamation des unversehens vom Tod ereilten, nun zu spät bußfertigen Sünders gegen das Urtheil, dem er verfallen ist, und wei- terhin ist eine Entwicklung des leichtsinnigen, die Gnadenmittel (13) wie die Mahnungen Gottes (19) in den Wind schlagenden Sünder- lebens vorauszusetzen. Nach 5 T befindet sich der Sünder während der Rede Gottes bereits in der Hölle, wahrscheinlicher aber nach H noch auf der die Erde darstellenden Abtheilung der Bühne, von wo die Teufel erst im Begriffe sind, ihn nach der Hölle abzuführen. In der in T folgenden, in H fälschlich vorausgehenden Rede ertönt dann, wahr- scheinlich nach einer ausgefallenen Hohnrede eines oder einiger Teu- fel, seine hoffnungslose Klage aus der Hölle. Hier schliessen sich nun deutlich die in beiden Handschriften außer Zusammenhang stehenden Reden der verdammten Seelen und des Teufels an, die ich in der Rei- henfolge von T wiedergebe. Zwei Seelen wenden sich warnend an die Zuschauer, eine dritte verweist den vorigen ihre verlorne Mühe und der Teufel heißt sie in seinem Interesse schweigen; dennoch folgt noch eine vierte Rede, die ganz den Ton eines Epiloges hat und mit der offenbar das Spiel endet. Mehr ist von einem anderen Spiel in das Buch aufgenommen. Eng verwandt in Tendenz und Inhalt, ist II doch anders motiviert als I. Statt des Sünders tritt hier eine Sünderin auf, was freilich T im Texte wie in den Überschriften verkennt. Ferner wird nicht, wie in I, Teufel und Hölle als Rächer und Strafe der Sünde, son- dern Tod und Grab als Vernichter der Leibesschönheit und Lebens- freude den Zuschauern vorgeführt. Der Teufel tritt zwar auf, aber nur als Verführer, nicht als Peiniger. Die Mahnung nu nement min eben icar, ir komment auch alle in unser schar 218 f., bezieht sich nicht, wie die ähnliche Stelle 93 f., auf die Schar der Verdammten, son- dern auf die Schar der Todten, und das Spiel reiht sich, wie unten noch deuthcher werden wird, in die Familie der Todteutanzpoesie ein. Die Rede 193 — 225 wird ihrem ganzen Inhalt zufolge und besonders nach 195 aus dem Grabe, nicht, wie die Überschrift in T angibt, aus der Hölle gehalten; vielmehr enthielt hier die Bühne offenbar keine Hölle und wird dieselbe in dem ganzen Spiel eigentlich ignoriert. Das ewige Verderben erscheint zwar als die Aussicht des bußlos Sterben- den 128. 132 und das ewige Reich als der Lohn der Bekehrung 152; 176 M. EIEGER aber das Grab nimmt im Grunde die Stelle der Hölle ein nnd das ewige Verderben fällt, wie es scheint, mit dem der Seele fühlbar ge- dachten Zustande des leiblichen Todes zusammen, in welchem man dqr irdischen Freude beraubt ist, ohne das ewige Reich als Ersatz dafür zu besitzen. Eine dogmatische Diiferenz von I ist hierin natürlich nicht zu suchen; es bedeutet nur einen anderen Gedankengang und Vor- stellungskreis der Dichtung, einen mehr populären und, wenn man will, etwas heidnischen, dessen Unverträglichkeit mit dem Dogma man sich aber nicht zum Bewußtsein brachte. Die Einladung Gottes an die Jungfrau, mit der das Stück in H beginnt, setzt in den Worten kere liebes kint din hegirde noch zu mir 125 einen fruchtlos gebliebenen Bekehrungsversuch bereits voraus; und überhaupt mu(J das weltliche Leben der Jungfrau im Anfange des Spieles zur Genüge entwickelt worden sein. Die Antwort der Jungfrau schließt sich an die Rede Gottes ohne Zweifel richtig an und wiederum an sie die Rede des Teufels, der das Werkzeug der Eitelkeit, den Spiegel, zur Förderung seiner Absicht herbeibringt. Unvermittelt folgt aber nun in H die Predigt des Mönches und ebenso auf diese wieder die Scene zwischen der Jungfrau und dem Tod. Ich vermuthe, daß die Predigt eher an eine frühere Stelle, wahrscheinlich au den Anfang des Spieles gehörte, in der Weise, daß die Jungfrau unter dem Volke ihr beiwohnt und, während vielleicht andere in sich giengen, ihre Verachtung solcher Lehren und ihr Beharren bei dem früheren Leben aussprach. So läge dann in der nochmaligen Einla- dung zur Bekehrung aus Gottes eigenem Munde, verbunden mit der Ankündigung des nahen Todes, eine passende Steigerung. Die Scene mit dem Tode wird auf die mit Gott und dem Teufel wohl unmittel- bar gefolgt sein, doch muß zwischen 152 und 153 ziemlich viel feh- len; denn die Jungfrau wird den Teufel schwerlich ohne zustimmende Antwort gelassen haben und der Tod muß nothwendig gesprochen haben, ehe die Jungfrau die Rede 153 — 60 an ihn richtet; ja man wird einige Wechselreden zwischen ihr und dem Tode nach dessen Auftreten wahrscheinlich finden, bis es zu den schon gesteigerten Wendungen jener Rede kommt. Eine neue Lücke ist unverkenn- bar hinter den Reden des Todes, denn da er nicht erscheint um alsbald abzuholen, sondern um auch seinerseits zu warnen und sich erst anzukündigen (165 f.), so kann nicht unmittelbar nach seiner Rede die Jungfrau schon im Grabe liegen; sie muß vielmehr aucli jetzt wieder ihren unheilbaren Leichtsinn kundgegeben haben und dann mitten in demselben vom Tode bei der Kehle gefasst worden DAS SPIEGELBUCH. 177 sein (188). Daß die Rede aus dem Grabe wirklich von der Jungfrau dieses Spieles gehalten wird, obgleich hier nicht nur die Überschrift in T von einem sxinder spricht, sondern auch die Bild Vorschrift in H mit ic est mortuus ins Masculinum fällt, macht der Inhalt unzweifel- haft. Die ironische Beschreibung der Leibesschönlieit, insbesondere die Erwähnung des schönen Haares 205, sowie der heckelin 210, paßt nur auf ein Weib; und das Verlangen nach einem Spiegel 202, er- innert deutlich und drastisch an den früher vom Teufel der Jungfrau vorgehaltenen. Die Worte ich icas auch herlichen gesessen in minem throne 194 stehen nicht entgegen, da es nur zum Effect beitragen konnte, wenn die Jungfi'au auch von hoher Geburt war und dies in früheren Scenen den Zuschauern deutlich gemacht sein mochte. Auf diese Rede folgt sodann der Epilog des Spieles, neben dem auf der Bühne sichtbaren Beinhaus vom Tode gesprochen. Das darunter ge- setzte est plenum in H, das mitten in dem Spiegelbuch kaum am Platze ist, bezeichnete ohne Zweifel in der Vorlage des Zusamnien- stellers den Schluß des vollständigen Spieles und wurde von ihm un- bedacht mit abgesehrieben. In den ältesten handschriftlichen und in Holz geschnittenen Auf- zeichnungen des Todtentanzes geht demselben eine Vei-mahnung eines Predigers voraus: 0 diser icerlte wisheit kint usw., die aber zum Schlüsse nicht auf eine dramatische Vorstellung, sondern auf deren Abbildung, ani dises gemceldes ßguren Bezug nimmt und dadurch verräth, daß sie dem Todtentanze, als er noch lebendiges, zur Aufführung bestimmtes Drama war, nicht zugehörte. Gleichwohl verniuthet Wackernagel (Zeitschr. f. d. A. 9, 324), daß eine solche Predigt, wie der spanischen danza general und der französischen danse Macabre, so auch dem deutschen Schauspiel gleichen Inhaltes möge vorangegangen sein, und diese Weise der Eröffnung mag daher unser Spiel dem alten Todten- tanze entnommen haben. Die Schlußrede des Todes neben dem Ker- ner hat es dagegen auch in den Worten gemein mit dem jüngeren Doten dantz mitßguren (s. Maßmann in Naumanns Serapeum II, 184 ff.), nur gewährt es sie in einem mehrfach von besserer Überlieferung zeugenden Text. Damit mau sich hievon überzeugen könne, füge ich den Text des älteren Druckes mit den Abweichungen des jüngeren an der betreffenden Stolle an raerkungs weise bei. Unser Spiel hat also dieseRede einer der ersten Aufzeichnung näher stehenden, wohl noch fürs Theater bestimmten Handschrift des jüngeren Todtentanzes entnom- men, wenn nicht gar selbst sie diesem geliehen. In einer anderen Rede, der des Leichnams aus dem Grabe, berührt es sich wenigstens hin- 178 M. RIEGER sichtlich des Motives mit demselben Werke. Es findet sich daselbst als Titelbild und dann noch einmal auf Bl. 2 wiederholt ein Holzschnitt, auf dem sechs Gerippe ein siebentes, im offenen Grabe liegendes um- t.inzen; dem letzteren sind über der Wiederholung des Bildes 16 Reim- zeilen in den Mund gelegt ähnlichen Inhaltes mit der erwähnten Rede unseres Spieles, nur freilich, wie die Eingangspredigt des alten Tod- tentanzes, zuletzt Bezug nehmend auf dise figure und darum nur dem Buch, nicht dem lebendigen Spiel zugehörig. Wörtliche Berührung mit unserem Spiele findet sich hier nicht (s. Maßmann a. a. 0.). Nicht im alten Todtentanze, wohl aber in dem jüngeren kommt als drittletzte Darstellung die Jungfrau vor. Die ihr und dem Tod in den Mund gelegten Reime haben mit unserem Spiele keine Verwandt- schaft; doch aber wird es als Ausführung eines Todtentanz-Motives zu betrachten sein^ mag der Verfasser dasselbe nach Analogie des alten Todtentanzes selbst erfunden oder dem jüngeren entnommen haben. Jedes andere konnte zu einer ähnlichen Ausführung auffordern. Gering sind die nur in H vorfindliehen Reste eines Spieles vom reichen Mann und armen Lazarus (III.). Wir haben einmal die Rede einer wohlgesinnten Person, die dem Reichen zu seinem Besten räth, des letzteren abweisende Antwort und einen — offenbar nicht den ersten — Hilferuf des Armen ; sodann den ersten Hilferuf des Rei- chen aus der Hölle, die erste Antwort Abrahams und eine Rede der Teufel . die den Reichen quälen. Auch diese Scenen sind also ent- fernt nicht vollständig; aber zwischen ihnen mußte nothwendig dar- gestellt sein, wie beide Personen starben und die eine von Engeln in den Himmel, die andere von Teufeln in die Hölle geführt ward; und ehe Lazarus beim Gastmahl des Reichen auftrat, muß schon eine mehr oder minder ausführliche Exposition beider Charaktere vorausgegan- gen sein. Aus alle dem konnte sich schon ein nicht allzu kurzes Spiel zusammenbauen. Die Einführung einer im Evangelium nicht vorkom- menden Person, der die Rede 260 — 68 in den Mund gelegt ist, be- weist, wie der Dichter sich einiger Freiheit zu bedienen wusste. Sehr viel ausgiebiger als diese drei Spiele ist IV vom Zusam- mensteller des Buches benutzt worden; doch hat man auch hier kei- neswegs, wie man auf den ersten Blick glauben könnte, ein vollstän- dig erhaltenes Spiel vor sich. In dem stetig und wohl überlegt fort- schreitenden Dialog 330 — 580 wird Niemand etwas vermissen. An ihn fügt sich als seine Frucht das Gebet 581 — 94 und an dieses wieder die Antwort Gottes bis 626: obwohl die in T nach 586 eingeschal- tete Überschrift die Vermuthung nahe legt, dass hier bereits Gott DAS SPIEGELBUCH. 179 eine Antwort gegeben, durch welche die mit dem Vorhergehenden kaum zusammenhängende fernere Rede des Gesellen von 587 an her- vorgerufen wird. Eme Lücke ist dagegen sicherlich zwischen 329 und 330. Die Berathung der vier Gesellen, von der die Überschrift in T meldet, konnte unmöglich nur aus der Rede des einen ernstgesinnten unter ihnen bestehen, der nachher die Unterredung mit dem geistli- chen Manne hat. Die übrigen müssen ihm geantwortet und ihn allein gelassen, er muß alsdann den Mönch aufgesucht und angeredet ha- ben ; sogar die Art, wie dieser seine Rede 330 anhebt, sieht nicht aus^ als ob er hier zum ersten Mal spreche. Schwer zu glauben ist ferner, dass die Anleguug des Ordenskleides nach 626 stillschweigend vorge- gangen sei; auch kann dem Bruder sein großer Bart (638) nicht auf der Bühne gewachsen sein und er hat sie vor der Begegnung mit den Gesellen offenbar verlassen. Diese werden also allein aufgetreten sein und unter einander geredet haben, bis der Bruder wieder auf- trat. Ein zusammenhängendes Stück bildet hierauf die Hohnrede eines der drei Gesellen und die Antwort des Bruders bis 676; hier aber, wo T abermals eine Überschrift mitten in die Rede derselben Peison einschaltet, kann sich die Anklage der Sünder vor dem Hei-rn nicht unmittelbar angeschlossen haben. Ich glaube, dass hier die Gesellen in einer oder mehreren Reden zuerst repliciert, den Bruder auch thät- lich mißhandelt und darauf sich entfernt haben. Die Anklage würde ungebürlich matt herauskommen, wenn sie sich nur auf die Rede 627 bis 644, auf die der Bruder bereits ausführlich geantwortet und das letzte Wort behalten hätte, begründete. Mit der Rede des Herrn kann das Spiel 728 füglich geschlossen haben. Es ist eine sehr anspruchlose und elementare, ich möchte sagen eine recht hausmacheude, aber , wie man am besten aus dem gro- ßen Stücke IV entnehmen kann, weder ungeschickte noch geistlose Dramatik, die ich hier nachzuweisen versuche. Dass dieser Nachweis in der Hauptsache wohlbegründet sei, kann ich nicht bezweifeln, denn ich frage mich vergeblich, auf welche andere Art man sich die Ent- stehung eines Productes wie das Spiegelbuch erklären könnte. Prüft man Sprachformen und Schreibweise der Homburger Hand- schrift, so wird man schwerlich Ursache finden, die Gestalt, in der das Spiegelbuch hier überliefert ist, weit unter 1450 herabzunicken. Und doch beweisen so manche Verderbnisse des Homburger Textes, denen bessere Lesarten des im Ganzen so viel schlechteren Trierischen gegenüberstehen, dass auch jener schon eine gewisse Dauer der Über- lieferung hinter sich hat. Wiederum muß der Herstellung des Spie- 180 M. RIEGER gelbnches die Abfassung der ihm zu Grunde liegenden Spiele um einige Zeit vorausgegangen sein. Erst als die Spiele nicht mehr auf- geführt Avurden und als todte Manuscripte dalagen, wird deren wich- tigsten Inhalt Jemand in ein kleines Buch gebracht haben, um ihn nunmehr für einen Leserkreis nutzbar zu machen. So darf man sich wohl die Spiele nicht später als ganz zu Anfang des 15. Jahrhunderts ver- faßt und aufgeführt denken. Als ein äußeres Zeugniss kommt der älteste Druck des oben erwähnten jüngeren Todtentanzes in Betracht, der die Schlußrede am Kerner aus unserem zweiten Spiele in ver- gleichsweise entarteter Gestalt wieder gibt. Dieser Druck ist zwar nicht datiert, aber auf das Titelkupfer des Münchner Exemplars hat. wie Maßmann bereits bemerkte, eine alte Hand die Jahrzahl 1459 gesetzt, was doch wohl zn dem Schlüsse berechtigt, daß der Druck in diesem Jahre schon vorhanden gewesen sei. Welchem der beiden Werke die ihnen gemeinsame Rede ursprünglich angehöre, habe ich oben dahin gestellt gelassen, da der bessere Text im Spiegelbuche nicht unbedingt entscheidend ist. Ich will aber doch noch auf einen anderen Umstand, der hiefür vielleicht nicht ohne Gewicht ist, auf- merksam machen. Gehörte die Rede ursprünglich dem Todtentanze an, so sollte man denken, daß bei dessen Ausstattung mit Holzschnit- ten Bild und Wort auch an dieser Stelle einen befriedigenden Ein- klang zeigen würden. Es ist aber nicht, -wie man erwarten müsste, der Tod in der Haltung eines Redners vor oder neben dem Beinhaus dargestellt, sondern eine Mehrzahl von Gerippen, die sich aus den das Beinhaus umgebenden Gräbern erheben — also die Auferstehung der Todten, wozu der Inhalt der Rede keinen Anlaß gibt. Diese Frei- heit des Illustrators scheint mir erklärlicher bei einem fremden An- hängsel, das dieser Todtentanz erst als Buch erhielt und für dessen Illustration es keine der Auffühming entstammende Überlieferung gab. Die von Kugler (Kl. Sehr, zur Kunstgesch. I, 52) beschriebene Cas- seler Handschrift dieses Werkes enthält weder die fragliche Rede noch ein ihrem Inhalte verwandtes Bild. Beachtung verdient es schliesslich auch, daß der in der Rede vorkommende Reim loelt : gezelt zu den con- ventioneilen Reimen des Spiegelbuches gehört (s. 71. 85. 254. 352. 663), während er im Todtentanze sonst nicht vorkommt. Die Homburger Handschrift zeigt oberhessische Mundart, wie sie bis zum Main und Rhein und an diesem bis zur Lahnmündung hin- abreicht, den Ausgang der alten Mattiaci von Mattium , dem Haupt- orte der Chatten, zum Überfluß erweisend. Die Sprachformen der Trierischen Handschrift sind niederrheiuischj im Rheinlande wird man DAS SPIEGELBUCH. 181 daher die Heimat des Spiegelbuches selbst wie der ihm zu Grunde liegenden Dramen zu suchen geneigt sein. Hiezu stimmt es, daß 634 die Gesellen wünschen, ihr geistlich gewordener Freund läge mitten im Rhein, eine Redensart, die doch nur in der Nähe dieses Sti'omes gebraucht werden konnte. Es stimmt aber auch dazu^ daß der jün- gere Todteutanz,, bei seinem sei es activeu oder passiven Lehnsver- hältniss zum Spiele II doch wohl dessen Landsmann, durch ein un- zweideutiges, von Maßmann bereits hervorgehobenes Merkmal dem Mittelrhein zugewiesen wird. Den Wirth redet nämlich der Tod mit diesen Reimen an: Her icirdt her icirdt von Byngen, An diszen reyen mustu nu spryngen. Vyl hoszheit hasfu heg nigen Mit falscher speysz vnd myt wyn langen. Du hast gehalten lade allerley, die myt fluchen vnd schweren hatten eyn gros geschrey. Des bystu eyn m'sach gewesen : Bidt got das dyn sele mag genesen. Dieses von Bingen ist die einzige örtliche Beziehung in dem gan- zen Werke, und es muß daher wohl zur Aufführung nicht in Bingen selbst, aber an einem Orte der Nachbarschaft bestimmt gewesen sein, wo man rfnf Anklang beim Publicum rechnen durfte, wenn man den Binger Wirthshäusern etwas Schlimmes nachsagte. Nun zeigt zwar der älteste Druck (A), nach dem ich jene Reime mitgetheilt habe, ein östlicheres Mitteldeutsch, das rheinisches ai, oi, ut für a, o u fern hält; aber in dem Worte stät = lat. Status, das im Titel den reinen Vocal zeigt, bricht auffallender Weise viermal (10". IP. 21*) die Trübung stait hervor und verräth eine rheinisch geschriebene Grund- lage. Der zAveite, im Münchner Exemplar mit 1470 bezeichnete Druck (B) hat zwar dieselben Holzstöcke wie der erste benutzt, ruht aber hinsichtlich des Textes auf anderer Überheferung, nämlich auf der- selben, die auch der Casseler Handschrift zu Grunde liegt und die sich auf den ersten Blick in der abweichenden, offenbar ursprüng- licheren Reihenfolge der Scenen kund gibt. Man sehe Maß- manns Zusammenstellung im Serapeum 1, 189. Wenn man hier die 14 in beiden Drucken verschieden angeordneten Scenen weo-streicht so erhält man 24 in vollkommen gleicher Folge, offenbar den ursprünglichen Bestand des jüngeren Todtentanzes , übereinstim- mend mit der ursprünglichen Scenenzahl des älteren; von den 14 spä- ter hinzugekommenen Scenen schiebt dann B 12 hinter dem kindelin und nur 2 an früheren Stellen ein, während A sie in Gruppen oder einzeln an vielen Stellen zwischen die 24 ur-sprünglichen untersteckt, also die spätere Zudichtung dieser Scenen weniger bemerklich zu machen strebt. Daß auch im Wortlaut des Textes jene andere 182 M. RTEGER Überlieferung sich kund gibt , dafür will ich nur ein Beispiel an- führen. In der Rede des guten Mönches heißt es in B vn der hruder hyn loorden, die da gehalten Jiant den orden, übereinstimmend mit der Cas- seler Handschrift (s. Kugler a, a. O.), während A die freihch bessere Lesart gibt va eyn hruder bynn worden, der da gehalten hat den orden] die Casseler Handschrift ist aber nicht etwa von B abgeschrieben, da sie eine einfachere, reinere Orthographie zeigt. Es ist also nicht gleichgiltig , daß uns aus dem zweiten Drucke des jüngeren Todten- tanzes so wie aus der einzigen Handschrift, die wir von ihm kennen, die oberhessisch-mittelrheinische Mundart in consequenter Ausprägung entgegentritt. In Bezug auf Geist und Tendenz findet sich zwischen den Spie- len des Spiegelbuches und dem jüngeren Todtentanz grosse Überein- stimmung. Der Letztere ist nämlich keineswegs eine Erweiterung des gleichnamigen älteren Werkes aus vierzeiligen zu achtzeiligen Reden, wobei etwa gar matte Weitschweifigkeit an die Stelle gedrungener Kürze getreten wäre. Er ist ein völlig neues und ohne Zweifel viel bedeutenderes Werk , das nur deßhalb vor dem älteren übersehen wird, weil dieses zur Entstehung großer monumentaler Kunstwerke x^nlaß gegeben hat. Wenn der ältere Todtentanz nur den populären Gemeinplatz von der Eitelkeit alles menschlichen Treibens, von der unerbittlichen Nothwendigkeit des Todes variiert^ so erfaßt der jüngere das menschliche Treiben in seiner manigfach gearteten , durch jede Lebensstellung besonders bedingten Sündhaftigkeit und stellt ihr den Tod in herben Sarkasmen als Richter gegenüber , der nur für den Frommen seine Schrecken verliert und zum freundlichen Vermittler eines besseren Daseins wird. War das ältere Werk eine unheimliche Posse , die freilich ernste Gedanken nahe legte , so sind in dem jün- geren diese Gedanken mit solchem Nachdrucke ausgeführt und so sehr zur Hauptsache gemacht, daß auch die possenhafte Form in Wort und Geberde eine neue , weit tiefere und herbere Wir- kung gewinnt. Die Posse ist zum geistlichen Spiel mit ascetischera Zweck geworden. Hiemit steht der jüngere Todtentanz bereits auf gleichem Boden mit unseren Spielen des Spiegelbuches, noch bestimm- ter aber durch die nicht nur religiöse, sondern eigentlich mönchische Tendenz. Es wird nämlich allen Ständen der Welt und den Vertre- tern des geistlichen nicht am wenigsten vom Tod ihre besondere Standessünde oder doch die Unersprießlichkeit ihres Thuns und Kön- nens für das ewige Heil vorgehalten und von ihnen mit Verzweif- DAS SPIEGELBUCH. 183 lung oder doch mit Äugst erkannt, obwohl hiebei der Pabst und der Bürgermeister in bemerkenswerther Weise geschont werden, jener wohl, weil er als die fernste Autorität die meiste Ehrfurcht einflößte, dieser, weil er als die nächste die meiste Rücksicht gebot. Außer dem kleinen Kinde, dem der Tod als wohlmeinender Bewahrer vor der Welt und ihrer trügerischen Lust erscheint, finden sich nur zwei Scenen, iu wel- chen er mit freundlichem Zuspruch nahtundihm freudig gefolgt wird; und ihre Personen sind der gute Mönch (zum Unterschied von dem da- neben gestellten bösen) und der Laieubruder. Sie sind es allein, die der Welt, von der alle Anderen verführt worden , völlig abgesagt, sich ganz in Gottes Dienst begeben , den eigenen Willen und Muth geopfert und dadurch die Schrecken des Todes besiegt haben. In glei- cher Weise ist wenigstens das IV. Spiel des Spiegelbuches ganz auf die Empfehlung des Mönchslebeus gerichtet. Die Ermahnungen des geistlichen Mannes , die das Herz des jungen Gesellen Schritt für Schritt gewinnen, haben zuletzt nicht etwa nur den Erfolg , daß er seine Sünden bekennt, Buße thut, ein gottseliges Leben gelobt, son- dern er nimmt einen geistlichen Orden an — als verstünde sich dies nun ganz von selbst und wäre der alleinige Weg, sich von der Welt unbefleckt zu halten und nach Gottes Willen zu leben. Solche Geistesverwandtschaft verbunden mit der erwiesenen Landsmannschaft und dem gegenseitigen Lehensverhältniss — indem eines der vier Spiele vom Todtentanze sein Motiv und dieser von jenem wieder die Schlußrede borgt — legt die Vermuthung nahe, daß die Spiele des Spiegelbuches mit dem jüngeren Todtentanz aus dem- selben Kloster hervorgegangen sein möchten. Es findet sich nun in dem IV. Spiele eine unverkennbare Beziehung auf den Cistercienserorden, nämlich in der Bühnenweisung der Trierer Handschrift hinter 626: Nu hau der gesell einen grawen rock vnd einen geistlichen orden ain sich genomen. Graue Mönche hießen nach ihrer Ordenstracht die Cister- zienser: vgl. Leben der heil. Elisabeth 9334 die grawen da von Citias. 9547 ein graioer munich, wo das lateinische Original setzt ordinis Ci- sterciensis monachus. So wiid man denn, da wir doch einmal durch den Todtentanz auf die Nachbarschaft von Bingen gewiesen sind, auf das berühmte Stammkloster dieses Ordens in deutschen Landen, auf Eberbach im Rheingau hingeführt. Schwerlich mochte zwar die Auffiihrung von Schauspielen durch die strenge Regel des heil. Bernhard gestattet sein , aber wer die Grabmäler in der Eberbacher Kirche gesehen hat , weiß auch , daß 184 M. RIEGER dort um das Jahr 1400 der Ordeu bereits eine freundlichere Stellung zu den darstellenden Künsten genommen hatte. Wenn nicht bei dem abgelegenen Kloster selbst , mochte die Aufführung in dem benach- barten mainzischen Eltvil oder in Mainz selbst stattfinden, und es ist vielleicht kein Zufall, daß im jüngeren Todtentanze — anders als im älteren — unter den sonst so vollständig aufgeführten hierarchischen Graden der Erzbischof fehlt. Doch ich fürchte, der Phantasie schon zu sehr den Zügel gelassen zu haben. Eine Identität des Dichters steht bei den vier Spielen wohl außer Zweifel, da sie in der ganzen Technik, den Redensarten, stilistischen Manieren und Lieblingsreimen aufs Genaueste übereinstimmen. Beim Todtentanze vermißt man diese Übereinstimmung, die zum Theil schon durch die hier beobachtete Form der achtzeiligen Gesetze ausgeschlos- sen ist, und findet auch keine so weitgehende Genügsamkeit in Be- zug auf den Gleichklang der Reime. Es erübrigt mir noch Weniges von den benutzten Handschriften zu sagen. H ist eine ungespaltene Papierhandschrift in Folio, deutlich, fest und sauber, aber vom Bl. 15^ an nicht mehr mit abgesetzten Reimen geschrieben. Bis zu Bl. 14 einschließlich ist die Rückseite jedes Blat- tes nur mit wenigen Zeilen, wie sie gerade bis zu Ende der angefan- genen Rede reichen, beschrieben und der größere untere Theil der Seite für eine Zeichnung freigelassen ; von 15^ an, wo die Reime nicht mehr abgesetzt werden, bleiben spärlichere Räume zwischen den ein- zelnen Reden oder auch zu ihrer Seite frei. Kein einziges Bild ist ausgeführt, aber fast zu allen finden sich klein geschriebene lateinische Anweisungen, aus denen hervorgeht, daß die Bilder wenigstens bis auf 14'' sich nicht auf die vorausgehenden, sondern auf die bei aufge- schlagenem Buche rechts neben stehenden Reden beziehen sollten. Es lag also dem Schreiber eine wii'klich illustrierte Handschrift vor, ähn- licher Art, wie die von Kugler beschriebene des jüngeren Todtentan- zes zu Kassel, und er wollte einem Zeichner Gelegenheit lassen, auch die seinige so zu schmücken. Hier, wie bei beiden Todtentänzen , dem älteren und jüngeren, sollte für das Auge des Lesers das leben- dige Schauspiel durch Bilder ersetzt werden. Die Bildanweisungen mochten übrigens unserem Schreiber auch die Bezeichnung der reden- den Personen ersetzen, indem er sich aller Überschriften im Texte selbst enthielt. Den Schluß der Handschrift bilden zwei leere Blätter mit allerlei halbverwischten Sprüchea beschrieben. Im selben Bande mit DAS SPIEGELBUCII. 185 ihr vereinigt waren zwei alte Drucke, die Älfhnn Hermanns von Sacli- senheira von 1512 und Aurea bulla Caroli IV von 1477; die Hand- schrift machte den Anfang. Über T ist außer der bei Aufseß gegebenen Beschreibung zu sa- gen, daß ihr Äußeres der verwilderten Überlieferung und Orthographie vollkommen würdig ist. Sie hat weder Bilder noch Raum für solche, dafür miniierte Überschriften. Dem Spiegelbuch voraus geht von Bl. 1 bis IS"" das Buch de arte moriendi magistri Mathei de Cracovia; noch auf Bl. 13'' steht die gereimte Überschrift und Inhaltsangabe des Spiegelbuches. Auf Grund dieser Handschriften einen kritischen Text zu lie- fern, war weder der Mühe wcrth, noch bei dem Mangel metrischer Norm auch nur möglich. Ich stelle beide Texte neben einander und überlasse dem Leser, aus dem jüngeren und im Ganzen so viel schlech- teren das Taugliche herauszufinden. An der Schreibung habe ich nichts Charakteristisches geändert, nur ■ — um mich beim Abschreiben zu er- leichtera — die regellosen y dm'ch i ersetzt und j neben i, sowie v neben u nach unserem jetzigen Gebrauch angewendet. DAKMSTÄDT im Januar 1871. M. RIEGER. H T I. . Sündiger mentsclic, als ich dicli finde an dime ende, also urteil ich dich gar behende : darnach du hast getan miistu dinen Ion han. \ ■. fare hin zu der hellen und blip da ewicklich, 5 Belib ewiklichen da du bist, [1* wann kein erlosunge da ist sicherlich. wan in der hellen kein Verlosung nit ist. du hast din leben nit gebeßert, du hast den leben nit gebessert, des mustu ewigklich werden gelestert. dar umbmustuewenklichen singelestert ; du hast stunde und zit wol gehabet, dan stund und zit gieng der nit ab, viel jare und auch mangen tag, 10 die du hast gehait vill jar und manchen dach, das du mochtest haben ewig leben: das du wul muchtes verdenet hain ewc leben : aber es was dir nit eben. aber es was dir nit eben, der predigen vnd guten lere echt du der predegaten achtes du nit vill, nit vil, sie waren dir ungeueme ane ziel: die waren dir gelich einem kinde speill: du wolte [16''] darnach nit leben, 15 GERMANIA, Neue Reibe IV. (XVI.) Jahrg. 13 186 M. RIEGER H des mustu von mir ewicklich streben. ruwe und bicht umbe din sunde, darzu hett du kleine minne. ich han dich dicke gemanet sere, aber es was dir alles eine mere. nu wil ich dich bevelhen den tuflFeln in der hellen, die werden nu sin dine gesellen; den mustu nu volgen fürbaß me, daz du wirdest schrien ach und we und die tufelsche Gesiecht ewiglich an- sehen : da von wirt dir sunderllch we geschehen. mins lustlichen gesiebtes mustu ewick- lich enberen, du tuhest es node oder geren. der wonsamlicheu süßen lustlichen freu- den, von der mustu imber sin gescheiden 30 und darzu pin und martel liden nu woltestu gern ruwen han und auch die sunde lan : nu ist es versumet gar, 35 wan ich wil din nimmer genemen war. Ach du ungetruwes weltliches leben, du hast mich in den ewigen dot ge- geben. waß hilffet alle freude die ich ie gewan, so ich sie nu muß lan? 40 pin und martel ist mir bei'eit und darzu ein ewiges hertzeleit. min gewißen ist mich ewiglich nagen und wirt auch alzit sagen diu pin uimmct kein cude, 45 das macheut din großen sunde'. owe wie han ich die edel zit verloren, in der ich wol hette ewige freude uß erkoren ! owe hie ist kein Zuversicht nummer me, wie ist das so ein bitter we ! 50 ruen und bichten umb din sund, dar zo hattz du wenich mind. ich hain dich dick gemanet serre, aber es was dir als ein merr. nu will ich dich den duvelen befeien in der hellen, de suUent nu sin din gesellen; den must du nu volgen vor bas me, des must du schrien ach und we und must de dufelische gesiebt ewechen ain gesen: darvaiu wurtdir sunderlich we gescheen. mines lustichen angesichts must du en- berreu, du dost es node ader gern. ach der wausamlichen lustich freuden! van den must du immer werden 'geschei- den und darzo pin und martel liden, das magst du nit wul vermiden. dan wuldes du gern ruen hain und de sund vorbas me lain: nein is ist aber versumet gar, dan ich nim dein nit me war. He leit der sunder in der hellen und die dufel pinigen in und er spricht also zo der Welt. Ach ungetruwes weltelichs lieben, [l''] we hast du mich so gar in ewegen dot geben ! was hilft mich nu all fi-eud die ich e gewan, so ich si muß nu ewenclichen lain? groiß martel undpin ismir ewechbereidt und dar zo grosses hertzen leidt. mein wonuugk wirt mich ewichen sagen und dach vur dach mich nachen dein pin nirabt kein end, das machend deine gros sund. 0 we we hain ich de edel zit so gar ver- loren, in der ich wul hett eweches lieben attst'r- koreu ! 0 we hie ist kein zoversicht nimmer me, we ist das so gar ein bitter we ! DAS spiegelbuch. 187 H owe daz ich ie geboren wai-t : wie ist die pin so bitter und so hart! mochte ein hoffenunge hie gesin, das ich mochte engeen dißer großen pin, wie lange doch die hoffenunge were, 55 das were mir ein gute mere; oder mocht ich doch ersterben! nein ich muß ewiglich [16"] leben und nit dester miuner pine han: das machet mir einen bossenargewan. 60 owe ache jammer und gi'oße hcrtzeleit, wie bistu mir so vollenkommenlich be- reit! verflucht si nu vatter muttcr und dot, daz sijrcchen ich werlich ane allen spott. owe ir tuffel, woUent ir diesse pin immer mit mir andriben, 65 wie wirt eich dan meren min großes liden ! owe das Ich nit ein viehe bin worden, 60 hette ich diesse pin mit suuden nie erworben. *j We alle mentschen, hutent uch vor diesser großen pin, [15"] in der wir hie ewiglich mußen sin. 70 ach du betrogen falsche freude und lost diesser weit, wie gibestu ein so snodes klcgeliches gezelt ! *) Ja das bin ich auch wol gewar worden, ich weite mich nie dar vor besorgen; ich sprach auch allezit, ich wolte mich beßem morn: 75 des bin ich leider blieben da forn. owe das ich c geboren ward: WC ist disse pin so gar bitter hart! mocht doch ein hoffenung ummer he sin, das ich engein mocht disser groser pin, we lang doch de hoffenung werrc, das were mir ein gode merre; ader mocht ich ummer ersterben ! nein ich moiß ewanchlichen lieben und desto minder nit pein haben : das macht mir einen boissen won. owe jamer und hertzleid, we bist du mir so gar voUenklichen be- reit! verflocht si vater moder und got, das sprechen warlich ich on allen spot. Der verdampten in der hellen spr einer all so. Owe nu hoden uch vor diser gros. piin, [3"] in der wir ewauclichen müssen siiu. ach du velsch freud diser weit, we loues du so gar mit bösem gcld ! Aber nu spncht ein ander all so vort ja des sin ich wuil gewar worden, ich wold mich ne besorgen 5 ich sprach als der raff 'morn morn': *J als so bin ich nu leider verloren. **) Ach laßent den athem bi uch bli- ben, [15% 13] wann sie kerent sich nit an diß große Mden; *) Gegenüber auf 14** **) Gegenüber: amjma. anyma. Dis herna spricht ein ander also. ach nu laint den athem in uch beliben, wan sie keren sich nit an dis groß liden ; *) Vgl. Wackernagel Vocesvar. animant.'lG. 13* 581 M. RIEGEE H wann sie meinent lange leben und wollent sieh darnach gotte ergeben, 80 als wir auch in dem leben haben getan: des mußen wir ewiglich pin und liden han. [wie selig ist der der tzuhant von sunden wichet so die sunde in ine slichet !] *) Laßent uwer warnen sin, [15*, 9] wann ir sint nach gar viel min. sie habent großen lost nach dieser weit, 85 des mußen ir noch gar vil under min gezelt. **) Aane allen zwifel got ist barmhertzig gnugk, [15% 21] er ist aber gerecht auch zu aller stunt. er kan auch wol ein wilche ewigen: die straffunge der sunden wil er doch nit miden. 90 aber es nemment dieser rede gar wenig war, [15*'] darumbe komment irviel in unser schar. da werden wir auch singen glich 95 das wir scheiden sin von dem ewigen rieh. sie willend noch langer leben und sich dan got ergeben, als auch wir hain gedain: dar umb müssen wir ewich piin hain. Der dufell spricht nu zo dem verdamten in der hellen. Lasen nu ur murmeren siin, urer ist noch gar vil min. de da lusten dieser weit, erer moiß nach vil under mein gezelt. Ja on allen zwivel got ist barmher- chich genug, er ist auch gerecht zo fugh. er kan wuil ein wiil schwien, aber die strafFung der sunden mach er nit vermiden. saellich ist der van sunden wichet, so die sund nit in iin schlichet. aber ir nemmen disser red gar wenich war, dar umb kommen urer also vil under un- ser schar, da werden wir singen all gelich das wir siin geschiden vain dem he- melrich. n. ***) Ich lesse und wieder lesse alle schrifft [ir] und finde nicht das böser giiFt ist, Hie prediget ein lerer dem sundigen men- schen und spricht all so. Liß und weder liß alle geschriflft, [S^] so vindes du kein böser vergifft. *J Gegenüber diabulus. **) Gegenüber: anyma. ***) Gegenüber auf 10'' : Monyciis facit sermonem Populus, DAS SPIEGELBUCH. 189 H dan das der mentscbe blibct in dem leben, dar inne er nit begeret zu sterben. 100 wann nicht sicherst ist dan der doit und nit unsichers ist wan die stunde si- ner nott. wann auch unser kranckes üppiges leben ist nit anders dan stedc zu dem tode streben. dem mentschen ist sin ende nit bekant, 105 gelich wol wirt er von hinnen gesant. wann als die vische mit dem harnen werdent unvorsiechtlichen gefangen und auch die vogelin mit dem garn, also werden wir auch von hinnen faren. 110 wann glich als der diep suchet in den stal, also kommet der doit auch über uns all. den sollen wir stedicklich in unserm ge- dechtuiß han, wan ime niemant engeet, es si frauwe oder man. und darumbe kein artzeni noch kein lere 115 überwindet die sunde also sere noch verleschet hie böse wollust uff erden , als die bedrachtunge des eilenden sterben. die äugen werden sich verkeren und das liden wirt sich auch in uns meren, 120 lip und sele werdent sich von einander scheiden mit großer pin und nit mit freuden und auch mit mangem bittern stoß : daz wirt zulest sin unßer loße. dan daz der mensch blibet in einem lieben, da er nit begert in zo sterben, wan nust sichers ist dan der tod und nust unsichers dan de ziit siner noit. unsers kranckes oppeges leben ist nust anders dan zo dem tod streben. wan dem menschen istsinendnitbekant, glich wul wurt er hinnen gesaut. so gelich als der fisch mit dem hamen werden wir onversichtlich gefangen, und we de fogel mit dem garn, also müssen wir all vain hinnen farren. und gelich als der deiff schlichet in den stal, also komt der tod über uns all. den sullen wir stetlich in unserm hertzen han, wan im nemen engeit weder frawe noch man. darumb kein artzenni noch lerr überwindet de sund also ferr noch verlestiget die wullost he off erden, als betrachtung des eilenden Sterbens. die äugen werden sich verkeren, das liden wurt sich in uns meren, leib und seel werden sich von einander schiden nit mit groisser freuden, sundern mit mangen harten bitteren stoß: das wurt zum lesten sin unser loß. *) Kere, liebes kint, diu begirde noch zu mir, flOl 125 *) Gegenüber auf 9*^ : Dommus in wolckeii fjrgo speculum di/gabulus He lert got der herr den sunder un spiHcht allso. suuder, ker dein begerd noch zo mir, [2% 15] jyo M. RIEGER H din sundc wil ich gutlich vergeben dir, waun du wirst gar kurtzlich sterben und hüte dich, das du it ewiglich wer- dest verderben, uit habe lost in diesen zergencklichen dingen, die du must laßen und darnach nimmer me enpfinden. 130 was hilfFet dich nu ein kurtze freude, wann darnach kommet gar ein bitter weide ? Ach solte ich nu nit frolich sin? min hertz weiß doch von keiner pin. 0 du junger lip und du hoher mut, 135 ich laß dich nit umbe das himmelrich gut. springen und dantzen eal dir nit sin verseit, wann du bist auch allezit wol darzu bereit ; darumbe saltu in lost und in freuden leben, es komme dir joch wol oder uneben. 140 Beschauwe dich binden forn und neben, das du der weit gefallest eben, wun sie hat viel lostes allezit nach dir. dar umbe komme und wone bi ir, so wiidestu auch in freuden streben, 145 wann sie wirt gar lustlich mit dir leben. pit habe ein missentruwen an dem herren : er wirt dich doch zuleste bekeren. er ist auch barmhertzig also sere, das laße dir sin ein gute mere. 150 also wirdestu doch vor dim ende beke- ren dich [10^] und darnach auch kommen in das ewige rieh. din sund wil ich vergeben dir, wan du wurst kurtzellichen sterben, das du nit ewanchklichen werdest ver- derben, nit hab lust in desen vergengklichen dingen, de du dar na must lasen und nit finden. was hilffet nu ein kurtz freud, wan dar na kumbt ein kald weid? Nu antsert der sunder und sjyi^icht. Ach sold ich nit frolich sin, 60 mein hertz weis doch van keiner pin? 0 junger liib und hoer moid, ich lasen dich nit durch das hemelch gilt. springen und dantzen sal dir nit sein versacht, wann du haist an ein schönes kleit : dar umb salt du in freuden und wuUost leben, es kom dir obel ader eben. Dis rattet der dufel dem sunder. Beschwau dich binden vor und neben, das du der weit gefallest eben, wan si halt vil lost na dir. dar umb salt du kommen zo ir. so wirst du in freuden leben und si gar lustich vor dir sweben. uit hab einen mistrwe an dem herren: dan er wirt dich doch zo lest bekeren. er ist barmherchich al so serr, das laß dir sin ein gode merr, also wirs du bekeren dich und dar na kommen in das hemelrich. Wolteslu mir min leben auch also balde abebrechen, [11''] DAS SPIEQELBUCH. 191 H ich woltü dich ee mit cim awert erste- chen, fluch balde von mir enweg, 155 anders ich werffe dich in den dreck, hilff got, wie bistuso recht ungeschaffen! ich wolte lieber wouncn bi den äffen, dan ich solte woüeu bi dir: daruuibe so gang balde von mir. 160 *) Ich sage dir, du enkanst mir nit also engeen, [12°] wann ich und du mußen auch bi einan- der steen, und ich bin es der doit: hüte auch dich, ez dut dir not und beßer fürbaß din leben, 165 wann du wirdest kurtzlich sterben, aber du meinst, du sist noch juuk, dai'umbe habest du noch zit genung. zu dirre zit wiltu mich nit bekennen; dan zulest wirstu mich wole befinden. 170 so werden ich dir din glidder uß einan- der strecken und werden ir eins von dem andern herwecken. o waz pin wenest das auch da werde sin, da du alle ding auch must laßen sin, mit den du auch so viel lostes hast ge- habt 175 viel zit vnd auch viel mangen tag, und must allein geen in ein fremdes land, das dir gar wenig ist bekant. wer diesse itelkeit dirre zit recht ane sehe, der verwurffe die Üppigkeit dirre weit dester ee. 180 sage mir, wa sint nu die liephaber dies- ser weit? wa ist ir freude und ir groß gelt? waß notzet ine uu ir üppige ere und ge- walt ? Dia hema spricht nu der toldt also. wul recht bin ich der grimich tod; hut dich, es deit dir not. [4*] keuttcs du mich, villicht huttes du dich und bessert dein lieben ee dan du werdest sterben, aber du meinst du sist noch junck und habest noch ziit genug. du wilt mich nit erkennen: zo lest wirst du mich wul finden, wan ich dir diin geleder uisser nander strecken und eins van dem anderen erwecken. so du all ding must lasen ligen, 0 waß pin must du dun liden, mit dem du vil lost hast gehait vill jarr und mangen dach, und must allein faren in ein frimdes lant, das dir ist gar onbekant. wer den adel disser weit nit an siit he, der verAverff sine oppecheit desto ee. nu sach mir, wo sint die liebhaber dis- ser weit? wo ist ir groiß freud und auch ir gelt? was nutzet in nu ir Üppigkeit und ir gevvalt? *) Georenüher auf 11*' : fW'O'^' mors. 192 M. RIEGER H siehe wie suberlich sie nu sint gestalt. wa ist nu ir richtum und ir freude? 185 wie sitzen sie du so in großem leide! wol bin ich es der doit genant, wan ich werden ine auch wolbekant. aber ein deil meinent ich enkonde nit aber erer ein deil meinent ich kun nit zo in komen, bis das ich si werd grifen mit dem gummeu : so erkennen si dan mich, sich, we sint se nu so soberlich gestalt. wo ist ir eer und ir richtum und err groiß freude? we sitzen se nu so gar in großem leid ! wul bin ich der tod genant, wau ich wert in allen wul bekant. zu ine kommen, biß ich sie begriffe bi dem gommen: [12^] 190 so werden sie dan bekennen mich, wann ich so recht grimmlich in sie slich. wan ich grimmenchlich in se schlich. *) Sehent an mich alle herschafft und weltliche schone: [13"] ich bin auch herlichen gesessen in mi- nem throne und lige nu hie in diessem grabe, das ist min lone. 195 Nun 18 der sunder unversiclitUck gestor- ben und Uit in der hellen und sj)richt. Ich was herlich gesessen in minem thron: [2''] nu bin ich in dem grab, das ist min Ion. owe ich bin in minem sale zierlichen ge- in minem sal bin ich herlich gesessen : sessen : uu ßtinck ich und hant min frunde min nu stincken ich und hat man miuer gar gar vergeßen. ach in minem huse wart ich gespiset wol: nu freßent mich die worme in diesem phule. sehent wie suberlich binich gestalt! 200 ich waß jung und bin worden alt : hette ich ein spiegel, ich muste mich be- sehen ; so wurdent ir mit alle bekennen vnd verjehen, es ist uch nu wol offenbar und als auch bewiset min schönes har, 205 auch dartzu min lieplichen augcn, die mag man auch wol gerne schauwen. vergessen. in minem huiß wart ich gespiset wuil: nu fressen mich de worm he in desem poll. seend we bin ich so suberlich gestalt! ich was junck und bin worden alt : het ich einen spegel, ich must mich be- segen 5 so werd ir mir all helffcu ja jehen. es ist auch wuil offenbarr, als dan bewiset mein harr und dar zo min löbliche äugen, die mach man ain mir wuil schau- wen. ich han auch gar einen suberlicherj ich haiu "och gar einen suberlichcn munt, mont, das si allen mentschen kunt. das ist uch allen gar wuil kout. *) Gegenüber auf 12'' ; ie est mortuus, DAS SPIEGEL BUCH. 193 H eelient an mine beckelin wie suber- lich, 210 und gar schone sint sie und auch lu- stiglilich. ach min nase ist mix* abgefallen, darumbe so getar ich mit me woll kallen; doch der zene han ich ein michel teil, das machet mich etlicher maßen geil. 215 ach wolten ir auch lachen mit mir, das were wol ein lustliches spiel- nu nement min eben war: ir komment auch alle in unser schar, ir mußeut mir alle werden gelich : 220 darumbe sehent und gedeuckent an mich. [13''] aber mine redegeet uch nit zu hertzen : des mußent ir zulestc liden großen smerzen, 80 ir auch mußent werden als ich ; 80 wcrdent ir dan gedenckeu an mich. 225 seend ain min schone becklin, we hübsch und we fiin. ach min nase ist mir abgefallen, dar umb kan ich nit me kallen ; doch der zenn hain ich noch ein mich- tell, das mecht mich etlicher masen geil. ach wuld ir lachen mit mir, das werr mir ein lustich speill. uemen min eben war: ir werden kommen all an dese scharr. ir mussent werden mir gelich : dar umb gedenchen stetz an mich. aber min redt geet uch nust zo hertzen : dar umb werden ir zolest mit mir liden, wan ir werden als ich, so gedeucken dan ain mich. Merck cnt und gedeuckent auch allemen- sehen gemein, [14"] das hie ligent gebein groß und klein, wer kan nu hie gemerken recht, wa si man frauwe ritter oder knecht? nu hat sich hie zulegen recht 230 der riebe bi dem armen, der heiTe bi dem knecht. herumbe so nement alle war das wir alle kommen in die erde gar, und überhebe sich niemans sins adels oder gewalt, sins richtums oder siner schonen ge- stalt, 235 wann wir mußent alle werden glich, so wir scheiden von diesem irdenschen rieh, wann wir sin glich in sunden enpfangen und sin von muter libe glich uackent ußgangen, also mußen wir glich nackent scheiden von hinnen: 240 Hie liend gebein groß und klein : [4''] wer kan da gemirken recht, welcher si da herr ader knecht? hie halt zo lien recht der herr bi dem knecht. dar umb nement al war daz wir komen in de erd gar, und ubberhebbe sich nemand sichnea richs noch adels gewalt, richtums noch schonen gestalt, wan wir müssen al gelich scheiden vain dissem ertrich. als wir sin nackent entpfangen und vain moder liib gangen, also müssen wir auch nackent scheiden vain binden : 194 M. RIEGEK H so wirt einer den andern in dem kerner finden, da schau we einer auch den andern an, welche da si die schönste frauwe oder man oder welcher da si der edelst oder riebe under ine, der sal da haben guten gewin; 245 welcher auch si der geweitigst an siner gewalt der tred hervor, er si jung oder alt. ach wie ist es so ein kranckes ding umbe unser leben, so wir doch müssen also ungestalt werden ! ach wie sin wir so rechte blint, 250 das wir nit ansehen ein solich gruselich ding, daz ie eins nach dem andern hinnen slichet und ie eins zu dem andeni in den ker- ner wichet! nu buwe auch jederman uff diesse weit und sehe au ir suberliches schönes ge- zelt: [14^^] 255 der kerner ist es genant, dar iune eo kummestu gar zuhant*). est 'plenum. so wurt dan einer den äderen im kerner finden, da sie einer den anderen ain, welcher da sie ein edelman und der richtest vain in und auch der wüst da si; der geweitigest mit siner gewalt der ge er für er si Jungk ader alt. ach we ist es so ein kranck dingk umb unser leben, daß wir all so ougestalt müssen werden ! owe wie sin wir so recht blint, das wir nit ain geseen so graussem dingk, daß einer na dem andern hin schlicht^ und einer na dem anderen hin in den kevner wicht! nu buwe ederman off disse weit [5"] und sie ain ir scboneß gezelt: der kerner ist es genant, dar in kumbs du auch zo hant. deß machstu dich wul evfrauwen und dich gar eben beschauen. •) Folgendes ist die Lesart dieser Rede im jüngeren Todtentanze nach Druck A: Merckent unnd gedenckent ir menschen gemein, Hie ligent gebein grosz unnd dein. Wellichs sin man frawe ritter oder knecht? Hie hat sich zu ligen ieder- man recht, Der arme bi dem riehen, Der knecht bi dem herren. Und dm-ffent sich nit vil darumb eren, wellichs si undeu oder oben an : Es ist eins glich als das ander gethan. Herumb so nement alle eben war, "Wir muszen alle sampt in die erde gar, und überhebe sich niemaut sins adels oder gewalt, Sins richthums oder siner scho- nen gestalt. Wan wir muszen alle werden disen glich, So wir scheiden von disem ertrich. Wan wii' sint in sunden entfangen Und von muterlibe uacket usz gangen. Also muszen wir scheiden nackt von hinnen; so wirt einer den andern in dem kerner finden. So scliawe dan eines das ander an, Wellichs si das schönste under ine ge- than, Oder welcher da si der edelst oder riehst under in (gethan bis in fehlt in B), der sei da haben gut gewin. Welcher och si der geweitigst an sinen gewalt. Der tred her für, er si junck oder alt. Ach wie ist es so gar ein kranck ding umb unser leben, Das wir doch muszen so ungestalt werden. Ach wie sin wir so rechte blindt , Das wir nit ansehen ein sollich gruszlich ding, Das ie eins nach dem andern schlychet (B hin- nen schlichet) Und ie eins nach (B zu) dem andern in dem kerner wichet. Nu buwe J DAS SPIEGELBUCH. 195 m. Da ißest und trinckcst nach dinem lost, [Ifi'', 14] 260 gib dem annen Lazai-o auch von diner kost: anders dir wirt versaget nach diessem leben, hettestu hie almussen geben, es queme dir dort gar eben, der arme lit dir vor dinen äugen, 2G5 wiltii, du mähst ine wol schanwen; wiltii aber sin also gar vergessen, 60 wirt man dir des glichen auch meßen. *) Min gut ist mir also wert, ich gebe es nit dem der es gert. 270 ich wil allein ein herre dar über sin, wann es gehöret mir zu und ist min. ich wil lost und fi-eude da mit voUcn- bringen und ßolten die armen ein gantz jaro schrien und singen. wer gut hait der ist wert 275 und gut man ime waz er begert. **) Deile din brosamen mit mir, [17"] wann ich hau darzu ein große begir. ich beger nit großes gutes von dir: ein wenig magestu wol geben mir. 280 nim war, die hunde leckent mir mia wunden : darumbe saltu mir billich din almusen gunnen. ich und du sin geschaffen glich und sollen kommen in ein rieh, von dem almussen eupfehstu großen Ion, 285 in himmel die ewige kröne: dai-an soltestu billich gedencken auch ein iedermann uff dise werlt Und sohe an ir suberlichs unnd schnödes gezclt. Der kerner ist es genant, Dar in so kernen wir gar tzu haut. Got wolle das wk also dar in komen, Das es kome unsern seien tzu fromen. *) Daneben Kaum für ein Bild. **) Vorher Raum für ein Bild- 196 M. RIEGER II und diu äugen nit also vonmirweucken. *) Vatter Abraham, erbarme dich über mich [17"] und sende Lazarom herabe von dime riebe, 290 das er mit waßer erqwicke min zunge, wann sie brennet mich sere in minem gummen. minen lost essen drincken und klaffen wolt ich nit laßen daheime in gaßen und uff den straßen, darzu was min zunge nit dure: 295 darumbe wirt sie gepiniget mit dem heischen füre. **) Min sone gedencke du hast lost und freude gehabt in dem leben diu [17", 9]. undLazaro hat dabi gehabt groß martel und pin: nu sal vorbaß Lazarus in freuden leben und du in der hellen kleben. 300 du woltest dich nit über ine erbarmen, das wirstu wol fürbaß erarnen. ein ruffen zu dir neme du nit war: nu vergißest mann diu gantz und gar du künde ime auch gar wol versagen: 305 nu leßet man dich schrien und klagen und ein droppfelin versagen. Hie liit der riche mann in der hellen be- graben, der mit großem gut wolt verzagen. er enhat kein acht uff di armen 310 und wolt sich nit über sie erbarmen, umbe zitlich gut ist er hie geeret worden : wir wollen ine leren einen andern orden. wir wollen in grinen und zäunen ann, wann er ist nu voibaß unßer man. 315 wo ist nu sin ere sin gut sin hoher mut? hette er wol getann daz were ime gut. *) Darunter Raum für ein Bild, am Rande aput sijh'u **) Daneben Raum für ein Bild. DAS SPIEGELBUCn. 197 H IV. We veer gesellen zo rait worden vnd mein- ten er er ein deil zo gein in einen geistlih chen Orden und sprach einer underin also. We sulden wir unser lieben ain phaen [5^ 7] daz wir got dem herren auch mögen bchaen 320 und also erwerben ewich lieben und nit in sunden sterben? wau eß ist zitdazwir abstene van sunden e dan der tod mit unß werd ringen, wan wir doch vain binden scheiden müs- sen: 325 teten wir wuil, wir mochtens genissen. dan daz lieben und der tod werden uns vor geleicht: welches wir ain tuin, daz ist unser ckleit. lerten wir recht tuin, daz wer uns noit, wan der loin der sunden is der ewiger toid. Nit habent liep die weit und daz in ir ist, [1"] 330 wann sie gibt gar bösen Ion zu lest, die weit muß gar und gautz vergan, wann ire bosser lost mag mit nichte bestan, wann sie valsche und auch betrogen ist allezit, wann kein wäre minne noch truwe an ir lit. 335 sie bewiset sich fruntlich dir allewegen so lange du ir lost magest gegeben: wann aber du der weit nit me lustlich bist, so leßet sie dich als den unreinen mist. alle die wile sie din genießen mag, 840 so bistu ir liep alzit nacht und dag: aber wann sie din nit genüßet me, so fraget sie nach dir als nach dem snee. Disser red loart einer heillicher munick gewar und girig zo dem gesellen und sprach. Nit hab lieb de weit und waz in ir ist, dan si gibt gar boseu loin zo lest, die weit muß gantz und gar vergein, dan ir böser lost mach nit lang me stain. [5") sie ist falsch und bedrogelieh all ziit, wan kein warheit ain ir liit. sie wiset sich gar suberlich gegen dir all wegen so lang als du ir magst lost geben: wan du ir aber nit me lustich bist, so laist se dich als einen onreinen mist. alle die weill du or gefallen magst, so geleist si dir nacht und dach : ader so bald als se din nit gcnuset me, so fraget si na dir als na dem alden sehne. 198 M. RIEGER H bistu jung und suberlich, sobistuirwert, wirdestu alt und ungestalt, zuhant sie din nit begert. 345 nu mercke der weit druwe gar eben imd auch welchen Ion sie dir wirt geben, wann du von hinnen wirdest scheiden, so wirt sie din nit me beiden, dann so wirt sie fliehen verre von dir 350 und suchet anderswo ir böse begir, und also verlusest du die weit und darzu das himraelsche gezelte. und darumbe kere dich von ir zu got, dafindcstu wäre trüweane allen spott.355 da kanstu nit betrogen werden und scheidest auch darzu frolich von diesser erden. bis du Jungk und suberlich, so bis du ir werdt ; wurstu alt und ongestalt, dan si din nit me begert. nu merck der weit truwe gar eben, welchen loin si dir werd geben, wan du van binden most scheiden, so wurt si dan din nit me beiden, sunder se finget ferr van dir und sugcht anders wo begerr. also verluses du die weit und dar zo daz himmelisch gezelt. dar umb so kerr dich van ir zo got, da vindes duwarr truwe sunder alle spot. da kanst du nit betrogen werden und scheidest auch frolich van disser erden. Solde ich miuen eigen lip ane drostunge laßen also hingan, [1''] wie mocht ichdanindenkreflftenbestan? so wolt ich als mer frolich sterben 360 und auch scheiden von diesser erden, wann solt ich nit cßen und drincken nach miuem lost, warzu were dan die spise geschaffen und die kost? ich mag mich auch wol suberlichen kleiden, wann ich enmag nit enberen zimlicher freiden. 365 darumbe laß es bi eim siechten bliben, anders du wirdest mich von dir ver- triben; wann der lip muß etlicher maßen in freuden leben, anders er müste gar vil dester ee ster- ben *). Nu antwart der sunder und spricht also. Solt ich minen liib on kost also hin lasen gain, we mucht ich daz an kreffen bestain? so moicht ich also mer frolich ster- ben (6"^) und scheiden vain deser erden, sold ich nit essen und triucken und ha- ben lost, warzuwerrdan die spiiß und auch dif kost? ich magh mich auch wul suberlich klei- den, wan ich mach nit enberren sulcher freu- den ; dar vmb laist uns bi einem schlechten leven bliven, ader ir werd mich van uch triben. *) Hier wie auf der Rückseite jedes folgenden Blattes ist Raum für ein Bild gelassen mit der Vorzeichnung j und m, d, i. juvenis und monaehus. DAS SPIEGELBUCH. 199 H Es ist ein wonder daz dir nit ist zu sa- gen, [2''] 370 das du als balde an minen werten wilt verzagen, nim eben war was ich dir wil sagen, Bo wirdestu nit also über mich klagen, du Salt nit vil achten uf dinen lip, wann er blibct nit suberlich allezit. 375 der mentsche wehßet her vor als daz greselin, aber wann es vellet, so verluret es sinen schin. also grünet der mentsche in einem leben: gclich wol wirt er ungestalt und muß dartzu sterben, wie suberlich er dann gestalt wirt, 380 das bewiset sich wole no er gestirbet; wann er ist von eschen worden und von erden, darzu muß er auch zu leste werden, es si ime liep oder gar leit, wann er treit an ein dotlicheskleit. 385 ein unreiner lip ist es genant, der uns auch allen ist wole bekant. von ußen ist er wol geformeret, Von innen ist er nit gar wol gezieret. gedcchten wir ime flißiglichennach, 390 nach sinen freuden were uns nit sogach, und lernten uns selber bekennen, so füren wir dester sicherer von hinnen. darumbe sollen wir unser leben von ime keren, so werden sich geistlich freuden in uns meren. 395 so werden wir dan gedencken nach him- melschen dingen: [2*'] da wurden wir wäre lost und freude be finden, wann diesser lost und freude ist gemischet mit bitterkeit und des sint ir auch viel geware wor- den, 400 Aber leret der munch den sunder und spricht. Es is ein wunderdiugk daz dir nit is zu sagen, das du also bald van minen worten wilt verzagen, nim eben warr waz ich dir wil sagen, so wurs du nit also ober mich clagen. nit acht vil ob din üb, wan er blib nit frolich all ziit. ein mensch wüst we ein gresselin aber wan es feit, so verlurd es einen schin. also grawet der mensch na einem lie- ben; gelich so bald wird er ongestalt und moiß sterben, wie suberlich er gestalt wurt, das bewiset sich wuil wan er gestirbt: wan er ist van eschen worden und van erden, dar zo moiß er Eom lesten werden, es si im lieb ader leid, wan er dreit an ein gar suntlich und totlichs kleit. ein ouriner korper is ez genant, der ist uns allen wul bekant. uiß wennich is er wul formeret, ]6''j inwendig is er nit wul gezeret. bedechteu wir dem eben nach, na sinen freuden wer uns nit so gach, und lerten uns selbs bekennen, so faren wir deßto sicher van binden, dar umb sulden wir unser leben van im kerren, 60 werden sich in uns geistelich freuden in uns meren und werden dar na gedencken na hem- melischen dingen, da wir waren lost verdenen und freude finden, wan disser lost und freud ist gemischt mit bitterheit, deß irer vil gawar worden, ' 200 M. RIEGER H die do sint gewest in demselben suntli- chen Orden. Ich enmag die weit nit also versmahen, wann ich muß mich zu ir nahen, und solte ich alsoane allen drostbliben, wie mocht ich das imerme angetriben? 405 die weit ist auch gewortzelt in mir, darumbe han ich zu ir lost und begeir und hoflF, es solle mich nit scheiden von gotte, noch duwe nit freuenlich darumbe wie- der sin gebot, die weit ist auch nit als ungedruwe 410 als du mir hast gesaget nu, wann sie bewiset sich gar fruntlich gein mir, darumbe so wonen ich geren bi ir. Du wilt nu nit recht mercken mich: [3"] darumbe so muß ich baß bescheiden dich. 415 du salt dich von der weite scheiden als verre sie dich wil verleiden und dich ziehen von diner seien heil und dar zu von dinem rechten erbeteil, dine wort sint gar frevenlich gestalt: 420 wann woltestu gern werden alt, du bettest got vor dinen äugen, das er dir auch nit werde drauwen und worde dir din leben abe sniden; das mochtestu mit nicht vermiden 425 were es nit beßer ein korze freude en- boren wan also vallen in gottes zoren? er leßet dich ein kleine wile mutwillen: wann er wil, er sal dich balde stillen mit liden und mit bedrupniß viel. 430 dar tzu weiß er wol gar eben ein ziel, über daz magstu ime nit engeeu, die da sint gewest in dem suntlichen Orden. Ankoort der sunder tmd spricht. Ich magch die weit nit so gar verschmä- hen, dan ich moiß mich zo ir nahen, salt ich on allen troist beliben, we mocht ich daß de lenge gedriven? die weit ist gewurzelt in mir, dar umb zu ir han ich lost und begir und hoflfen, eß sult nit mich scheiden vain got, ader ich ton frevelich weder sin gebot. die weit ist nit so ongetrue alß du mir hast gesacht nu, wan sie bewiset sich gar fruntlich gegen mir: dar umb wain ich gern bi ir. [7*]. Nu spricht der geistlich man also. Du wilt nit recht mircken mich : ich wil baß bescheiden dich. du salt dich van der weit scheiden, of se dich wult verleiden, und dich zu der seien heil nahen, dinen rechten erbteil. dine wort sind gar fremelich gestalt : wan du wullest gern werden alt, hab got vor dinen äugen, daß er dir nit wert trawen und wurd dir din lieben abschniden ; daz muchts du nit wol vermiden. wereß nu nit besser ein kurtz freud ent- porren dan also vallen in gottes zorn? er laist dich ein klein will modwillen hain: wan wain er wilt, er hilfft dir bald dar vain mit freuden ader mit betrubnuß vil. dar zo weiß er sinen ziill. deß magst nu im nit engain, DAS SPIEGELBUCH. 201 IT du müst imc za dem rccliten steeii. so ruoff daii diö weit diuen frunt an und luge auch waß sie dai-widder kan : 435 so wirdestu wol geware wie got ein herre si, und w'erstu noch eins so stoltz und so fri. man hatt auch dinen glichen me be- fuUden, sie lagen aber zulcst des krieges unden. daii qwemestu zu gnaden, [3''J 440 das wolt ich dir raden, das sich der herre erbermte über dich, das du qwemest zu imc in sin ewiges rieh. 445 Ich wilanmichnemmenein guten willen, do mit wil ich den zoren gottes stillen, wann der friedde gottes wirt den ver- luhen, die mit guten willen habent ruwen. wann das ertrich ist volbarmhertzigkeit des herreu; 450 darumbe wil er sich allewegen zu uns keren. sin barmhertzigkeit uberdriffet alles das da ist, darumbe vergibt er mir min sunde zulest. der herre ist gedultig und barmhertzig viel, 455 darumbe gibt er mir stunde ziit und ziel ; er wirt uns nit ewiglich di'auwen noch sin zoren wirt uns nit ewiglichen schauwen. wan du moß dem herren zum rechten stain, so roff dan die weit dinen goden frunt ain und sich waß sie dir gehelfen kan: so wurß du wuil gewar we got ein herr si, und wereß du nach so stoltz und so fri. man halt din geliehen auch me fun- den, [V'] se lagen ader zu lest deß kregs unden. dan quemest du zo genadeu, daß wult ich dir raden, also daz der herr sich ei'barmt ober dich und daß du moichst kommen in daz hemmelrich, gescheit cß nit bald, so wurß du nit be-- halden, wan we alder e böser, ic richer e kar- eher und archer. Aber nu antwart der sunder und spricht. ich wil nu an mich nemen einen goden willen und also godes zorn stillen, wan der freid gottes wurd auch den weltlichen, die mit godem Avillen hain ruwen. wan deß ertich ist völ barüihertzicheit deß herren ; darumb wilt er sich alzit zu unß keren. sein barmhertzicheit gewis ist ober treffen alß waz ob erden iß, darumb vergibt er mir zu lest min sund. der herr ist barmhertzich und gedultich villi, darumb gibt er mir stund und zill ; ' er wurt unß nit ewanclichen drauwen noch sinen zorn lasen schauwen. Du suchest aber einen bossen funt, [4"] der ist mir altzu wolle kunt. 460 GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. Nu straifft den sunder der geistelich. du suchest aber einen boisen fund, der ist mir auch wol kont» U 202 M. RIEGER H du ertzelest hervor gottea barmhertzig- keit, die sii aucli uns alletziit bereit: aber von der gerechtigkeit gottes und der straffunge der sunde, dartzu hast du nit gar vil minne, wann da durch wurde din gewißen be- sweret 465 und wurde din hertze da von verseret. darumbe wiltu dir kein gewißen machen, das du von innen und ußen mögest lachen, und also wiltu nit von der gerechtigkeit hören sagen, das din gewißen dich icht werde zu faste nagen. 470 ist dir die geschrifft an einem ende be- haut, laß dir si an den anderen ende auch werden genant, -nimmestu der barmhertzigkeit gottes war, so nimme sin gerechtigkeit und füre sie auch dar. din guten wercke volgent dir nach, 475 zu den laß dir alleziit wessen gach: wann mit der maße da du mit hast ge- nießen, mit der selben wirt man auch din nit vergeßen. als du din glidder hast uß gestreckt zu der boßheit, also strecke sie auch wedder uß zu to- gende mit hertzeleit. 480 sie sind zart und weich bereit, die do wollent ane große arbeit die untogende und das laster überwinden und darzu auch togentlich werck bi ine finden, nein, man muß es mit arbeit auch vol- lenbringen [4''] 485 und muß sich gar emstUch darzu zwin- gen, wann er were nit ein ritter genant ufF diesser erden. du zuchest her vor gottes barmher- tzicheit, die si unß allziit bereidt : [8"] aber van der gerechticheit und strafi'ung der sund, dar zu haistu wenich mind, wan dar durch wurt dein gewis be- schweret und din hertz ferseret. dar umb wilt du dir einen gewissen ma- chen, daz du auswendich und inwendich moigß frolich lachen, und gern van der gerechticheit gottes boren sagen, daz dich din gewiß nit werd nagen. ist dir die schriift ain eim end bekant, so laiß si dir ain dem anderen end auch werden genant, nemmeß du gottes barmhertzicheit war, so nim sin gerechticheit und furr si auch dar. dine gode werck volgen dir na, zu den laiß dir auch sin gach: wand mit der masen, dar mit du haist gemessen, mit der selber wurt man din nit ver- gessen, alß du din geleder haist gestreckt zu boisheiit, also sterck sie nu zu togend und her- tzenleith. sie gar zart sint bereit, die da willend ondogent und arbeidund lästert ober winden und tochenckliche werck befinden. nein, man muß mit arbeit daß volbringen und sich dar zu ernstelich zwingen, wan er wirt nit ein kemper genant off disser erden. DAS SPIEGELBUCH. 203 H solte es Imme nit bitter und auch sure werden, wiltu in dem himmel gecfonet werden, so mustu auch ritterlichen striden vff dießer erden. 490 Ich han din wort Wol gemercket und bin do durch sere gestercket. ich wil ein gutes leben auch heben an, das mußen sehen frauwen und man: darumbe bidde den herren für mich, 495 das sin gnade nit von mir wiche, doch muß ich ein ziit noch beiden, so wil ich mich dan recht bereiden ; wann solte ich mich der weit also balde enbrechen, es wurde mir gar diefl' in min hertze stechen. 500 viel lichte wurde ich auch nit besteen und wurde also widderhindermichgeen. Woltestu nu dich zu clemherrenkeren,[5°] du suchtest nit als vil fremder meren. wiltu der heiligen geschriflft nit nemmen war, 505 so muß ich mich von dir scheiden gantz und gar; wann gang glich in ein einfaltigen sinne hin, so geet dir die heilige geschrifft dann in. es ist nit schedelichers in dieser ziit, wann das der mentsche stede da oben liit, 510 allewegen willen han gute wercke zu voUenbringen und wil sich doch nit ziitlich darzu zwingen^ sunder er verlaßet es von tage zu tage: zulest geet ime an ziit und auch an gna^ den abe. waß hulffet dan der wille ane die werckei 515 so es doch gott lange von ime hat be- gert? solt es im nit bitter und suwer wer- den. [8'] wilt du in dem hemel gekronet werden, so mois du ritterlich striden off disser erden. Der gesell antwort nie also und spricht. ich hain dich wul gemercket und bin dar durch gestercket. ich wil ein godeß lieben faen ain, daß eß segen sulden frauwe und man: dar umb bittent got vor mich, daß sin genad nit vain mir wich, doch moiß ich noch ein ziit beiden, e ich noch vain der weit werd scheiden; dan sold ich mich also van ir abbrechen, daß tet mir diu'ch mein hertz stecken. villicht wurd ich nit bestain . 'i, und wider hinder mich gain. Aber spricht der miinch zo dem gesellen. wuldeß du dich zu dem herren keren, du suchest nit so vill meren. wilt du der geschrifft nit nemen war, so mois ich van dir scheiden gar ; ■■ wid gain weder uns wech hiin, so gait dir die schrifft velicht in. eß ist nust schettelichers in der ziit, dan der mensche vain goden werken biibt, , die alle ziit gode werck hain willen voUenbringen und sich nit zitlich dar zo zwingen, [9"] und verzugest also van dach zo dach : zo lest geit im an der ziit und genad äff. waß hilfft dir dan der will ane werck, so eß got hait lang vain dir begert? 14* 204 M. EIEGER H T d«r unfruchtber bäum ist nit gar ture, der onfruchtber bäume ist nit zo mall dürre wann er wirt zubaut geworffen in ein und wurt docb zuhaut gewurffen in ein füre. furre : also ist es aucb umbe din suntlicbes also isseß auch umb din suntlichß be- leben, ben, besserstu dich nit, du wirdst dem fuwer besserß du dich nit, so vrurß du dem gegeben. 520 furr geben. dir wirdt vor geleit daß wasser und der dir wurt vor gelaicht das wasser und brandt: der brant: welches du wilt, dar zu strecke din haut, welches du wilt, dar zo streck dein haut, daß leben und der doit werden dir dar daß lieben und der toit werden dir vor gestaldt: gestalt: welches du wilt undir den zwein, daz welches du wilt, daz behalt. behalt, lerne wol dun, daz duhit dir uoid, 525 lerr wul doin, daß dir noit, wann der sunder lone ist der ewige wan der loin der sunder ist der ewege doid. toit. wan vil geisein sint den sundern bereid, vill geissellen der sunden sint unß be- reit, die do antragent ein sundiges kleit, [5*^] wain wir an toin eiin suutdelichß kleiit, das ist der lip, der da ist beladen mit daß ist der lib beladen mit sunden: vil sunden : der wirt vil pin zuleste in sich slin- daß wurt im groiß pin bringen. den. 530 innewendig und von ußen wirt er mit inden und uissen iß er mit fuwer umb- fure umbgeben, geben, das bringet ime zu sin wüstes unreines daß macht sin onreinicheß leben. leben, der pin mahstu auch wol engeen, der pinen machstu wull entstein, wiltu vorbaß von sunden ledig steen. willt du der sunden ledich gein. Nu antivort der sunder dem geistlichen. Sollent die sunder also verlorensin 535 solden die sunder also verlorren sin und mussent auch liden also große pin, und liden also groisse piin, die doch kein ende nimmer gehat, die da nummer kein end halt, [9''] das were ein klegelicher harter stadt. das ist ein schreckelich stait. so bidde ich dich, das du underwisest so bit ich dich daß du underwisest mich, mich, wie ich der piue engee, daz ich komme das ich der pinen entgain moch und in das ewige rieh; 540 komme daß hemelrich. wann ich wil dir nu volgen und fürbaß ich dir nu volgen fortbaß me. me, und solte mir von hcrtzcn geschehen wee. DAS SPIEGELBUCH. 205 n wann ich weiß wol das ich muß leben ewiglich entweder in der helle ©der in dem himmelrich, und des mag mir auch kein mittel ge- sin: 545 darumbe wolte ich mich gern hüten vor der hellen pin ; wann du hast mir vor als viel gesaget, das mich min gewisen stetiglich naget. Wan du also detest und ließest dir sa- gen, [6"] so were gut mit dir tagen. 550 nim war, got hat dich geschaffen nach sinem büde^ darumbe soltestu nit sin als wilde, er hat auch din nature an sich ge- nommen, das du desta sicherer mochtest zu ime kommen, den bittern doitt hat er gelitten durch dinen willen, 555 das er den ewigen doit an dir mochte gestillen ; und das solte dir billich zu hertzen gan und darumbe vorbaß ledig von sunden stan. sin fronlichenam hat er dir gelaßen zu einer spise: das solte dich billich vorbaß machen wise 560 und soltest ime billich danken nacht und dag, wercstu nit als gar ein sundiger sack. du weist wolle das du dem tode nit macht engeen und weist nit wo er dich hüte oder morn, werde besten» darnach soltestu billich ein gedencken han : 565, villicht wurdestu ein selig bieder man., alle ding sint auch also zergeucklich ; weß wiltu dau fürbaß frauwen dich? du soltest auch fürbaß ansehen din bit- ter sterbeUv T wan ieh- weis daß ich moiß leben ewanchlich, eß si in der hellen ader in dem hemei- rich, des kain ich nit ah gesüa : dar umb wuld ich mich gern hudtea VOJ? sulcher grosser pin ; wan du haist mir vor sovil gesacht^ daß mich mein gewissen nacht. Aber leret der geistlich mem und spricht, Wain du also tetest und leissest dir aachen^ so werr gut mit dir dagen. nim war, got halt dich geschaffen na sinem bild, dar umb biß nit du so wild, er halt auch die menscheliche nature an sich genommen, daß du deß do sicherer mugsst z.o. im kommen., den bitteren dot hait er umb dinen wil- len geleden,. daß er den ewechen tod ain dir much stillen, daß soll dir billich zo hertzen gain und vortbaß me vaiu sunden staixu. . , , sinen fronen lichnam hait er »nß gelaseu zu einer spiise : daß soltz du werden wiiß. wnd im des dancken aach und dach^ werreß da nit also gar ein zage, du magst dem tod nit engen. i)nd weiß nit hude ader morn stein. [101 deß Salt du gedechniß hain, wilt du sin ein crber man. alle dingh sin auch vergencklich : weß wilt du dan erfrawen dich'i eich aiu diin bitter sterben, 206 M. RIEGER H das dich zuleste wirt beruren gar eben. 570 wann von einander scheiden lip und sele ist die groste pin, die hie in diesser ziit nit jemerlicher mag gesin. gedechtestu stede und flißlich daran, du ließest die sunde wol vor dir stan. bedechtestu auch die strengikeit des lesten gerichtes 575 und urteilstu dich hie in diesser ziit, so wurdestu dort ledig und qwit, und gedechtest darnach nach den him- melschen freuden, so wurdestu dich und din leben anders bereiden. 580 daß dich wurt umbgeben. wan lib und seel van einander scheiden,. das ist die grosse pin die hi in deser zit immer magh sin. gedechteß du stetz dar ain, du list die sund vor dir hin gain. betrachteß du die strengheit deß lesten gerichteß, daß du dem entgain nit machs, und ortelß du dich selbs in der ziit, so werß du ledich und quiit; so muchs du dan din lieben bereiden zo der eweger freuden. Herre, biß gnedig mir armen sunder, das ich von dir gescheiden werde nummer. not und angst hant mich umbegangen und die smertzen der hellen hant mich umbefangen, herre, ich han gesundet in den himmel und in dich, 585 dar umbe bin ich nit wirdig zu gen in din rieh. Hie velt der weltlich gesell uff sin knege und will sich bekeren und spricht. Herr, biß mirgenedich,mir armen sunder,, das ich vain dir gescheiden werd nummer. noit und angst hait mich umbfangen und die schmertzen der hellen hain mich angangen. o herr, ich hain gesundicht weder dich, dar umb bin ich nit werdich zo gain in dein rieh. lieber herre, wir haben uns nit selber gemacht, darumbe gute wercke zu wircken ist uns hart, herre, du hast uns alle geschaffen gar, darumbe so nim unser auch selber war. 590 herre, ich wolte auch geren bekeren mich, were ich echt von gnaden rieh: lieber herre, die magestu mir wo! ge- geben und darnach auch das ewige leben. Nu spricht auch vort der gesell. Lieber herr, wir hain unß nit selbs ge-- macht, darumb gute werck unß zo doin ist uns hart, herr, du haist uns geschaffen gar, [lO^j darumb nim unser selbß war. herr, ich wult gern bekeren mich, wer ich vain genaden rieh : herr, du machs mir die genade wul ge-> ben und dar zo daß ewege lieben. DAS SPIEGELBUCH. 207 H *) Des mentschen kint ist kommen zu diesser erden [7"] 595 darumbe das die mentschen durch ine behalden werden, er ist nit kommen zu ruflPen den gerech- ten, sunder den sundern, das sie ine solten anebeten. nim war, du bist gesunt worden : darumbe hüte dich vor dem suntlichen Orden. 600 behalt die gnade, die du hast erworben, das du it vallest widder in den alten Orden, du hast mich nu wol gemercket : wiltu, du wirst auch wol gestercket. wiltu auch min warer junger sin, 605 80 halt mit fliße die gebotte min. das ist min gebott, das ir einander fruntlicb sin, so niogent ir engeen der ewigen pin ; und das eins daz andermit druwenmein, so werdent ir auch von gotte rein. 610 woltestu haßen das mir liep ist, wiewoltestu daii behalten werden zulest? wer da wil erhöret werden von gott, der sal auch voUenbringen sin gebott. wie sal der von got erhöret werden, 615 der doch nit gliches begert uff erden ? nust nit bedruget die gantz weit als sere, dann das sie nit enachtet der gebott gottes und siner lere, wie sie sprichet : wiltu ingeen in das ewige leben, 60 behalt auch die gebott gottes gar eben. 620 ir soUent nit werden als die tiere ane vernufft, die da nit wißen von keiner zukunfft, wann ich han gesprochen gar eben, das mine wort sint auch das ewige le- ben. [7''] D-iß sprich got der Tierr zo dem simder. deß menschen kint ist kommen herab off disse erd darumb daz der mensch durch in be- halden werd. er ist nit kommen zu roffen dem gerech- tichen, sunder dem sunder, daz sie in ain sulden bitten, nim war, du bist nu gesunt worden : hut dich nu vort vor sunlichem erden. behalt nu die genad, die haist erworben, daß du nit vallest in einen alden orden. wilt du min warer Jungelinck sün, 80 behalt mit fliiß die gebott mein, dis ist mein gebott, daz einer dem an- dern frundlich si [mein, und daz einer den anderen mit truwen so mochen wir werden vor god rein, wuldes du hassen daz nit mir lieb ist, du muchs werden behalden zu lest ; wan wer da wilt erhört werden van god, der voUenbring sün geboder. we sol der erhört werden, der nit gelichs begerd hi off erden? nuist betrugt die weit also serr, [ll*J dan daß si nit acht de gebot gotz und sein lerr: wilt du in gain in daz ewich leben, so behalt die gebot gotz eben. ir sulden nit werden als de there on vernufft, die da nit wissen vain keiner zokunfft, dan ich hain gesprochen eben, mein wort sein daz lieben. *) Gegenüber auf 6'' : dominus. M. EIEGER H 625 Sage uns, lieber, warzu bistu worden, das du an dich hast genommen ein soli- chen orden? darumbe das du hast einen geistlichen schin an, wenestu darumbe sin ein geistlich man? 630 Bolten geistlich kleider geistlich machen dich, so qwemestu aHein in das himmelrich; also musten wir gescheiden auch da von sin. uns were lieber du legest mitten im Ein ; wann es schadet von ußen nit ein frolich leben, 635 so das hertz vor gotte steet gantz und eben, sehent nu, wie ist er so geistlich gestalt und hatt darzu gewonnen einen großen bart ! narre gauch lothart gugguck, sehe umbe die Avie du nu so kluck! 640 hat uns der tufel mit dem narren be- scheßen ? er wenet iedermann solle sich an ime beßern und wil sich nit an uns keren, er dut gelich als weren es meren. *) Die in diesser weit narren sint ge- nant, [8^J 645 die sint gotte sunderlichen wol bekant. es ist vil beßer das mich die boßen ha- ßeu, daii ich mit in lieff ufF den gaßen. jnan sal verre wichen von den bösen, T AjriUen ir lieben ewanchlich, so behald die lerr, die da gaid durcu mich. Nu hait der gesell einen graioen rock und einen geistlichen orden ain sich genomen und koment zo im siin geseVen und spot- ten siin und sprechen also. Sage uns, lieber, war zu biß da nu kom- men, das du nu sulchen orden ain dich haist genommen ? dar umb daz du einen geistelichen schin ain, weneß du auch siin ein geistelich; man,?' solden geistelich cleider geistelich man- chen dich, so. quemeß du allein in das hemelrich ;- also musten wir da vain gescheiden sin, unß werr lieber du legest in dem Rein; wan eß schadet nit uswenich ein frolich leben^ so daß hertz vor god iß eben. sehent wie ist er so suberlich gestalt und hait einen graen bart! naro gaugh lolhart gockkock, [11''] se we biß du nu so klock! hait uns der dufel mit narren beschi.- schen? er meind eder man sul sich ain im hesr. seren : er; wilt sich ain unß red nit keren und theid alß weren eß meren. Nu antwurt der broder und spricht. Die in disser weit naren sint genant, se sint vor got wul erkant. es ist besser das mich de bösen hassen^ dan ich mit iin leib, ob der gassen, man sold Avichen van, den bösen, *) Gegenüber auf 1^ : socius socius socius frater. DAS SPIEGELBUCH. 20^' n T so Avirt sich der mensche von sunclen so mach man sich vain sunden löesen ; losen, 650 wann wer zu den bösen vermischet ist, wer sich zu den boesen mengen ist), der wirt auch böse mit ine zulest. der wurt mit in boes zo lest, ich wil bii guten mentschen wonen uff ich wil sin bi goden leuden hie offdisser^ dißer erden, erden, von den min leben mag gebeßert wer- van welchen mein lieben gebessert mach den. werden, nit laut uch missevallen min snodes kleit, nit lasen uch misfallen mein schnödes 655 ckleit, wann ich wil uch fürbaß nit mc sin be- ich uoh darumb will nit furbas sin be- reit, reidt, sunder wan got dem lieben herren min, sunder got dem herren mein, des eigen ich allewege fürbaß me wil des ewich wil ich eigen sin. sin. wann ir hant mich dicke angelachet, ir halt mich dick ain gelacht und mich doch glich wol hinderklaffet: und gelich zu hant hinderklaflft: 660 darumbe wil ich uch fürbaß miden, deß wil ich uch nu me miden, daz ich auch ritterlichen möge gestriden. oft" das ich rittellich moch striden. [12*2 wann die liebe gottes und diesse weit wan die leibt gotteß und auch disser weit mögen in elm hertzen nit haben ein mögen in einem hertzen nit hain eir ge- gezelt, zeit, als wenig als auch die äugen 685 also wenich alß de äugen ein mael zu einem male himmel und erden mögen himmel und erd mögen beschauwen. geschauweu. darumbe wil ich lieber versmehte also darumb will ich verschmechlich hin gain, hingan, dau daz ich wolte der liebe gottes liedig uff daß ich in der liebden godeß moghi stan. besser stain. das sunde auch nit sunde were, wain sund nit sur.d werr, noch dan so were sie mir unmere 670 noch werr si mir ein onmerr umbe ir manigveltige und große unfle- umb erer groser onfeletichheit willen. digkeit. das lernet auch mich min bescheiden- daß bewiset mich bescheidenheidt. heit. darumbe kein freude noch lost wil ich kein freud noch lost wil ich hain, forbaß me han, [8''] dann allein in dem crutze Ihesu Christe, dan allein in dem crutz Ihesu Christi, ab ob ich kam ich kan. in dem ist mir die weit ein crutz und in dem ist mir die weit ein crutz und ich ir : 675 ich in irr. ^iso mage ich lichtigklich vertriben alle dar durch mach ich lichtlich vertribea- bosc begir. all bocß bcgcr. 210 M. RIEGE R H Herre, wie lange soUent die sunder har- schen in irer gewalt? wann sie hant sich gar grusenlich gein mir gestalt. herre, nimme es auch flißlich war, wann die sunder sint gesediget gar, 680 dasselbe uberhebent auch sie sich, das sie nit viel fragent nach dime rieh, sie nemen das ez ine allewege ginge so eben und fregten nit vil nach dem ewigen leben, herre, es geet ine wol in allen iren Sa- chen, 685 darumbe so mögen sie frolichen lachen, du enstraffest sie nit umbe ire sunde uff diesser erden, darumbe sie ie stoltzer und hoffertiger werden, sie sint auch satt von boßheit, darumbe hant sie mir wiederseit. 690 sie frauwent sich wan sie hant sunde voUenbracht und berument sich so es ine in iren Sunden wolgait. *) Mochtestu dich auch ein wile geli- den, [9"] wann ich werden kurtzlich mit ine stri- den. ich wil ine zuhaut auch botschafft sen- den, 695 das sie etwaß zu schaffen gewinnen. wer nach der weit gut und ere stett und wem ez wole in sinen sunden geet, das ist ein zeichen gar gewiß siner ewigen verdammeniße. 700 T Hie bittet disser broder got den herren und spricht also. Herr, we lang suUend die sunder her- schen in erer gewalt? wan si hant sich gar greussenlich gegen mich gestalt. herr, nim erer eben war, wan die sunder sint gesediget gar^ des überheben se sich und fragen nust na dinem rieh» si nemen daß in geng eben und frachtent nit na dem ewigen lieben. herr, es geid in wul in eren Sachen, des mögen frolich lachen. du straffest si nit umb erre sunden hi off erden, [12''] dar umb sie e stoltzer und me homuti- cher werden, sie sint vol boesheit, des hain sie mir ganß und gar verseit. sie hant vil sunden volbracht und be- romen sich deß daß eß ein in eren boesheiden wul galt. Nu antwort hie got der herr dem broder- und spricht also. Mochtes du dich ein wenich liden, ich wurd kurczilieh mit in striden. ich wil in bald botschafft senden, das sie etwas haben zo schaffen gewin- nen, dan wer na der weit geit und na erer err steit und wem eß wul in sinen sunden geit^ daß iß ein zeichen wol gewiss euer ewiger verdamniß. *) Gegenüber auf 8'' : fraler deus.. DAS SPIEGELBUCH. 211 den bösen sal nust in dem himmel wer- den; so sollen die guten nit trostes han uff diesser erden, sunder einer guten hoffenunge sollen sie sich frauwen, das sie darnach ewige freude werden seh au wen. wanil die bossen werden zulest dorren gelich dem graße 705 i;nd werden auch gegeben zu dem ewi- gen haß. wann so sie es aller minnste getruwen, so werden sie umbegeben mit liden und undruwen. wan glucksamkeit der narren machet sie in iren sunden voUenharren ; 710 aber so der hamraer hoher über sich er- haben wirt, so er darnach hertiglichen under sich fert. so man den bogen harter hinder sich zuhet, so er den pfile hertiglicher von ime tribet. als vil hie in ziit gott gnediger ist, 715 so vil harter wirt er auch sin zu lest, und darumbe als verre als es an dir ist, so habe frieden bii den du bist, nit beger räche gein diiien Wiedersachen : ich werde es wol siecht zusehen uch machen. 720 wann wer diesse durtze ziit vor die ewige freude git, der hat sich selber gar betrogen [9^] und zimmert uff ein regenbogen. darumbe hastu got, so halt ine fast,725 wan er ist ein guter gast; nit laß in von dir wichen, 80 enmag nicht böses in dich geslichen. den boesen sol nust in dem himmelrich werden ; so sold die goden kein trost hain hi off erden, sunder einer goder hoffnung sulden se sich erfrauwen, das sie dar na mögen ewige freud be- schauwen. die boesen werden dorren gelich dem graiß und darzu gegeben in den ewigen haß. so si es allerminst getruwen, wirt si umbgeben leid und ruen. den gelucksamheit der narren mechet sie in sunden beharren; aber so ein hammer me hoer of wirt gehaben, 60 er me herter beginnet zu schlain, [IS''] und so man einen bochgen wider hinder sich zuhet, so er den phil harter für sich tribet. also vil got der herrden sundichen men- schen of disser erden genedich ist, als vihder me hartter in ist zo lest, dar umb so ver alß in dir ist, so behalt freid bi dem du bist, nit beger zo rechen gegen dein weder^ Sachen : got wurd es wol swischen uch schlecht machen, dan wer disse kurtz ziit vor die ewige freud nit gibt, der hait sich sels bedrogen und zimmert off einen regenbogen. dar umb haiß du got, so halt ein fast, wan er ist gar ein goder gast ; nit laiß iin vain dir wigen, 60 mach nust boes in dich schlichen. 212 LITTERATUR LITTERATÜß. Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen. Vors Karl Simrock. Drittesehr vermehrte Auflage. Bonn bei Adolf Marcus. 1869. XII und 625 Seiten, gr. 8. Der Umstand, daß nun wieder nach wenigen Jahren eine neue Auflage des rubricierten Buches nothwendig geworden, zeugt deutlich genug dafür, daß es Bedürfnissen entspricht, die sich sicherlich nicht bloß in den gelehrten Krei- sen der Germanisten fühlbar gemacht haben, sondern daß es dieselben theil- weise erst erweckt und sich auch auf diese Weise kein geringeres Verdienst erworben. Man sieht oft Simrock's Edda und Mythologie da angeführt, wo Kenntniss der germanischen Götterwelt ohne ihn nicht hingedrungen wäre, und Gleiches gilt von seinen anderen Arbeiten. Bleiben wir jedoch bei der Mytho- logie stehen, so habe ich zuvörderst die bereits bei Besprechung der zweiten Ausgabe (Germ. X, 107) gemachte Bemerkung zu wiederholen, daß im Ver- gleich mit der vorhergehenden auch in der vorliegenden die Gesammtheit seiner Ansichten im Ganzen und Einzelnen, so weit ich wahrgenommen, wesentlich un- verändert geblieben, wogegen sich zahli-eiche Zusätze zur weiteren Entwicklung und Bestätigung des früher Ausgesjirochenen vorfinden; weggelassen dürfte nur wenig sein, hauptsächlich blos S. 165 — 66 der 2. Ausg. Ich komme weiter unten auf jene Zusätze zurück, will aber gleich hier bemerken, daß, wenn Simrock meine ei-wühnte Anzeige nicht gleichmässig berücksichtigt hat, sich dawider nichts sagen läßtj er glaubte eben dem von mir Angeführten nicht überall beistimmen zu können; nur nimmt es mich Wunder, daß Berichtigungen offenbarer Versehen von ihm nicht beachtet worden sind. Oder hängt dies etwa damit zusammen, daß auch eine nicht geringe Zahl von Druckfehlern und unrichtigen Citaten sich in beiden Ausgaben identisch wiederfinden? geht S.'s Festhalten an dem Bestehenden {conservatism the tvyse call it) so weit? denkt er wie der alte hochconservative Lord Eldon, daß kleine Mängel, gleich den Muttermalen einer Geliebten, die Schönheiten und Vorzüge eines Gegen- standes (wie die rotten boroughs die der englischen Verfassung), nur desto mehr hervortreten lassen? oder warum soll der schottische Wassergeist Shellycoat durchaus zu einem Hausgeist werden und es bleiben (S. 435)? etwa, weil Grimm ihn dazu gemacht? aber dieser hat sich geirrt, wie ich ganz deutlich gezeigt (Germ. 10, 112, wo die Verweisung auf Müllenhoff zu streichen ist); und warum hat S. selbst die unrichtige Schreibung Shellykoat (mit k statt c) und das unrichtige Citat „M. 428" statt „M. 479" beibehalten? Ferner, wa- rum soll denn durchaus meisje auf holl. ein Mäuschen bedeuten (S. 446),. was doch unrichtig ist (s. Germ. a. a. 0.)? Item, warum sind S. 198 wieder- um die 700 nützlichen Historien stehen geblieben, da die daraus mitgetheilte Geschichte doch schon bei Aesop vorkommt? (s. Germ. a. a. 0. S. 111; zu Kurz's Nachweisen zu Waldis 3, 40 füge noch Herod. 1, 34 — 45, auch bei Yal. Max. 1, 7 Ext. 4; ferner eine englische Sage, von mir mitgethcilt in dea LITTEEATUR. 213 Hcid. Jahrb. 1868 S. 91 Nr. 11 „Die Weissagung"). Anderes übergehe ich, wie z. B. den sehr elastischen und für mythologische Ausdeutungen sehr beque- men nordischen Winter von sechs, sieben, acht und neun Monaten oder komme gelegentlich darauf zurück. Zunächst will ich Verschiedenes anführen, was sich mir bei Durchlesung dieser neuen Ausgabe dai-geboten, obwohl es meist auch auf die frühere Anwendung findet, so z. B. heißt es S. l7: „Darin aber trifft die eddische Überlieferung mit der griechischen und indischen zusammen, daß die Süudfluth der Erschaffung des Menschen- geschlechtes vorausgeht." Aber die Menschenschöpfung hat nach der Vorstellung der Alten vor der Sündfluth stattgefunden, wie die Sage von Prometheus und Deukalion zeigt. Über die SündÜuthsage überhaupt s. Ewald in den Jahrb. der biblischen Wissensch. Bd. VII. S. 21 — S, 21. „Der Mann im Monde." Eine Musterung der betreifenden Vorstellungen der verschiedenen Völker s. im „Ausland" 1869 Nr. 45 in einem Aufsatz von Oscar Peschel. — S. 23. „Des Kuckucks Bezug auf das Siebengestirn ist aber noch darin begründet, daß er nur von Tiburtii bis Johannis seinen Ruf erschallen läßt und nur um diese Zeit das Sieben- gestirn am Himmel sichtbar ist." So nach Grimms Myth. 692; es muß aber heißen: "^nicht sichtbar ist'; denn die Auslassung des nicht in der ange- führten Stelle bei Grimm ist ein sinnstörender Druckfehler; s. Ztschr. f. d. Myth. 3, 309 (nämlich auf der Seite, die auf S. 308 folgt, denn die Seiten 309 — 328 erscheinen durch Versehen zweimal hintereinander). — S. 111 „Weltuntergang." In den Gott. Gel. Anz. 1866 S. 1331 f. habe ich eine Reihe von Zügen der tatarischen Heldensage zusammengestellt, die mit andern der deutschen Mythologie übereinstimmen und worunter auch der von den obersten Göttern, den Kudai's, erscheint, die wie die nordischen und Zeus (s. auch J. G. Müller Gesch. der amerik. Urreligionen S. 148) unter das Schicksal gestellt sind und das Ende der Dinge voll Angst erwarten (das dort ausgefallene Citat über das Lebenswasser, welches am Fuße der goldenen Birke in goldener Schale vergraben liegt, ist „Schiefner S. 62 V. 425 ff."). — S. 116 f. „Naglfar." Grimm sagt ungenau an der von S. angeführten Stelle, daß dieses Schiff aus den schmalen Nägelschuitzen der Leichen zusam- mengesetzt sein werde; vielmehr, wie S. richtig anführt, aus den unbeschnit- tenen Nägeln jener. — S. 142 „Deutsche Qualhölle voll Sumpf und Schlamm, Meuchelmörder und Meineidige müssen sie durchwa- ten." Schlamm und Koth finden sich auch in der griechischen Hölle; s. Wel- cker Gr. Götterlehre 2, 527; Kock zu Aristoph. Fröschen V. 145 — 150, wo namentlich auch die im Schlamm gepeinigten Meineidigen erwähnt werden und Kock dazu die betreffende Stelle der Wölusjja (nach Simrock) anführt. Mit dem aus Schlangenrücken gewundenen Saal und Nidhöggr vergleichen sich die oq)Eig xal &rjQia bei Aristoph. 1. c. v. 143. — S. 143 „Nobiskrug." Simrock verweist hierzu auf Gervas. 168. Das dort Angedeutete ist weiter ausgeführt und genauer bestimmt in meinem Aufsatz: „Ein alter Brauch" Philol. 20, 378 fi". und ferner ergänzt in Germ. 10, 110; Lazarus und Steinthal's Ztschr. f. Völkerpsych. 5, 68 (wo zu lesen „Eckermann 2, 44. 75"). Hierzu füge ich jetzt noch folgende Stelle aus Tzetzes Chil. XII, 590 f.: „'EpjU-^g rrjg Maiag 0 viog, '^Egfir^g de Kai d ^oyog — 'Eg^rjg ■aal Gv^nag dvÖgiag xal o CcoQog TC3V Ud'Oiv^ Diese letzten Worte „'^EQ^ijg. . . xal d öaQog xcov 214 LITTEEATUR. XCd'dV ('„Hermes bedeutet auch einen Steinhaufen") dienen zur Bestätigung der Ausdrücke SQliaxsg, SQ^ata^ welche, wie ich in Philol. 1. c. gezeigt, ur- sprünglich alte Grabdenkmäler bezeichnet haben müssen. Das Hinzuwerfen von Steinen auf Gräber bespricht auch W. Schwartz in der Ztschr. f. Gymnasial- wesen 20, 798 f., der namentlich auch die von mir mehrfach erwähnte Sitte Todte auf Bergen zu begraben, wo dann jeder Vorübergehende einen Stein hinzuwirft, durch ein neues Beispiel aus den Fuchsinseln (Unalaschka) belegt, wozu ich nun auch das folgende aus classischer Zeit hinzufüge: „In Gargani summitate duo sepulchra esse dicuntur fratrum duorum; quorum cum major virginem quandum despondisset et eam minor frater conaretur auferre, armis inter se decertati sunt , ibique ad memoriam, invicem se occidentes, sepulti, quae res admirationem habet illam, qua si qui duo, inter ipsam sjlvam agen- tes iter, uno impetu vel eodem momento saxa adversum sepulchra jecerint, vi nescio qua saxa ipsa separata ad sepulchra singula decidunt." Serv. Aen. 11, 247. Anderes für jetzt übergehend, führe ich bloß noch folgenden sibyl- lyschen Vers nach Casaub. zu Theophr. 17 {tcsqI decöcd.) an: „xdv naQOÖoLöc XlT^CJV 6vyxo}}iata tavta ßsßsod-e" (auch beim Vorübergehen auf den Heer- straßen ehret diese Steinhaufen), wo die kC^av Gvyxa^axa den von mir im Philol. 1. c. S. 381 erwähnten XaCva s^oyxa^ara entsprechen. — S. 172 „Kin- derstamm." In Malory's Morte Darthur (Book I. Ch. 3. 4) wird erzählt, daß, als nach dem TodeUther Pendragon's, der keine legitimen Leibeserben hinterlassen, am Tage der Königswahl die Großen des Reiches in der Hauptkirche Londons versammelt waren, „auf dem Kirchhofe gegenüber dem Hochaltar ein großer viereckiger Stein gesehen wurde, in dessen Mitte etwas, was einem Amboß von Stahl ähnlich sah, einen Fuß hoch emporragte ; darin steckte mit seiner Spitze ein schönes, entblößtes Schwert, und um dasselbe waren mit goldenen Buchstaben folgende Worte geschrieben: „„Wer dieses Schwert aus diesem Steine und Amboß zieht, ist von Geburt rechtmäßiger König von England."" Und da nun keiner der Gegenwärtigen das Schwert herauszuziehen vermochte, war der noch junge Arthur allein dies im Stande und wurde demgemäß Kö- nig." Dieser Zug ist wahrscheinlich dem französischen Merlin entnommen (s. Dunlop-Liebrecht S. 67") und erinnert an die griechische Sage von The- seus und an die nordische von Sigmund; so wie nämlich Arthur der Sohn zweier Väter ist, des Herzogs von Tintagil und des Königs Uther Pendragon, ebenso ist Theseus der des Aegeus und Poseidon, wie Sigmund der des Wei- sung und Odhin („Odhin selbst erscheint bekanntlich an der Spitze des Wöl- sungenstammes, denn Sigi, mit dem er beginnt, wird Wöls. S. Cap. 1 Odhins Sohn genannt; an Sigmund hat er noch näher Antheil, denn Wölsung hatte ihn mit einer Walküre gezeugt, die Cap. 2 Odhins Geliebte heißt." Simrock Myth. I7l). Arthurs Schwertprobe haben wir eben gesehen, ebenso gewinnt Theseus seines Vaters Schwert durch das Emporheben des schweren Steines, unter den jener es verborgen, und auch Simgund vermag allein nur das Schwert aus dem Kinderstamme zu ziehen, in den es Odhin gestosseu. Übrigens gleicht Arthur dem Sigmund auch noch darin, daß er gleich diesem mit seiner Schwe- ster einen Sohn zeugt, worauf ich schon zu Dunlop (S. 470 Anm. 143) hin- gewiesen. — S. 173 „reyrsproti.^ In einem Rittergedichte des Florentiners Antonio Pucci „Historia della reina d'Oriente" (herausgegeben von Anicio Bonucci als LITTERATUR. 215 Nr. 41 der „Scelta di Curiositä Letterarie. Bologna. Eomagnoli") befinden sich unter anderen Spuren von Volkssagen, welche A. Wesselofsky in dem Ateneo Ifaliano 1866, 15. Aprile p. 1 ff. zusammengestellt hat, auch folgende zwei Strophen, welche sich darauf beziehen, daß, als die Königin des Orients das furchtbare Heer des Königs von Rom gegen sich heranziehen sieht, sie in ihrer Bedrängniß den Himmel um Hilfe anfleht : „Un agnol, poi che l'orazion fu detta, Li apparve e disse: non ti sgomentare, Perche di Dio se' tu stata diletta, Mandate m'ha per non ti abbandonare. E poi li disse: To' questa bacchetta, Tra' tuoi nemici si l'abbi a gittare, Dicendo: gite come fumo al vento; E lo tuo cor di lor sarä contento. Poich'6 partita quella santa voce, L'alta Reina a cavallo e montata, Fecesi il segne de la santa croce, Inverso a' suoi nemici ne fu andata, E come giunse, aller tutta feroce La bacchetta tra lor ebbe gittata, Dicendo come 1' Agnol detto avia; E tutta quella gente si fuggia. (Cant. n, 13. 14.) Mit Recht weist hierbei Wesselofsky (p. 9) auf Odhin's reyrsproti hin, und ist es interessant, gegen Ende des 14. Jahrh. einer derartigen Sage in Italien zu begegnen, — S. 195 „Der norwegische Gurerysse (Riese Guro) oder Reisarova mit ihrem langen Schwanz (Myth. 397)". Die Stelle bei Faye, worauf Grimm sich bezieht, die er aber mißverstanden hat, lautet folgendermaßen: „I Spidstn for Faerden farer Guro Rysse eller Reisa " Eova med sin lange Eumpe u. s. w." Dieß heißt: „An der Spitze [von Aasgardsreia] fährt Guro Rysse-rova oder Reisa rova", d. i. Guro Stutenschweif; rysse und reisa, isL hryssi und hreisa, bedeuten beide Stute, und rova isl. röfa ist = Schweif. In einer Anmerkung fügt Faye noch hinzu : „I Nissedal kaldes hun Rumpeguro [Schweifguro], der er vaen fortil, men huul bog og har en stör Etesterumpe/' Über Guro = Gudrun s. Mannhardt Zeitschr. f. d. Myth. 4, 428; Guro ist also kein Riese, wie Simrock meint. — S. 203 «Rigr oder Heimdall". Gegen die Identität derselben s. Herrigs Archiv 30, 305 ff. — S. 209 „Von Karl dem Großen wird auch erzählt, er habe zu Aachen ein halbgöttliches Weib zur Geliebten gehabt u. s. w." Daß eine ent- sprechende Sage, in welcher auch das Korn (granum) im Munde der Gelieb- ten verkommt, im Orient gleichfalls vorhanden ist, habe ich gezeigt in den Gott. Gel. Anz. 1866 S. 1639 und wiederhole sie hier zur Bequemlichkeit der Leser: „Der Chalif Jezid (der von 679 — 683 regierte), warf eines Tages einer seiner Gemalinnen, die er bis zum Wahnsinn liebte, beim Gastmal scherz- weise einen Traubenkern zu, an welchem sie jedoch erstickte, als sie ihn ver- schlingen wollte. Jezid gerieth hierüber ganz außer sich vor Schmerz und wellte sich von dem todten Körper seiner Geliebten durchaus nicht ti-ennen, bis endlich seine Diener, welche den Übeln Geruch desselben nicht länger er- ^Iß LITTERATUE. Xa-agen konnten, den 'Chalifen durch ihr Flehen bewogen, den Leichüam be* graben zu lassen." S. d'Herbelot s. v. Jezid (2, 834 der deutschen Übers.). Eine ähnliche Erzählung findet sich ebendas. s. v. Gelaleddin (2, 486 f.), ■wonach dieser Sultan von Chowaresmien (regierte etwa von 1218 — 1236) in eine von seinen Sklavinnen so sterblich verliebt war, daß er ihren Leichnam noch lange Zeit nach ihrem Tode bei sich behielt und demselben alle Tage zu essen vorsetzte, sich dabei nach ihrem Befinden erkundigte, und ob es besser mit ihr stehe als an dem vorhergehenden Tage. — S. 219 „Orion". Dieser wird nicht aus dem Speichel, sondern aus dem Urin der drei Götter geschaifen, welcher hier aber wohl so viel wie Samen bedeutet; man vergleiche die indische Sage von Hasischta. Über die Identität des Begriflfes von Samen, Harn, Blut und Speichel vgl. Gervas. 70 fi". — S. 245 „Thor als Her- cules." Außer den von S. angeführten Analogien vergleiche man auch noch Thor als Ochsenfresser in Hymiskv. 15. Thrymskv. 26 mit Herakles Bupha- gos, Pamphagos, Adephagos, und Thor, der die Ebbe trinkt (Gylfag. 47) mit Herakles als Zecher; s. Jacobi MythoL Wörterb. 414 Anm. 1. — S. 255 ,Thor angelt die Midgardschlang&." Mau vergleiche die folgende neuseeländische Sage. „Als Küpe an der Ostküste Castle-Point, das er Tc' Wheke-Muturangi nannte, erreichte, floh aufgescheucht ein großer Tintenfisch (cuttle-fish) aus einer Höhle dieses Vorberges in der Richtung gegen Eau- kowa oder Cooks- Straße; Küpe folgte, ruderte zur Mittelinsel in die Awa-iti- Straße, spürte eine heftige Strömung vom Lande her und nannte die Einfahrt Kura-'te-au. Hier hatte der Fisch sich verborgen und griff mit seinen Armen, die von Saugern besetzt waren, nach dem Kahn, um ihn herabzuziehen'; Küpe sah es und warf eine leere riesige Wassercalabasse aus dem Kahn. Der Fisch, welcher den Kahn zu fassen glaubte, erhob sich, um ihn niederzudrücken mit vollem Körper, wurde von Kupe's Axt getroffen und in zwei Hälften zer- hauen." Schirren, Die Wandersagen der Neuseeländer u. s. w. S. 2^. Hier entspricht die Wassercalabasse dem von Thor als Köder gebrauchten Stier- haupt, die Axt dem Hammer Thors, das Zerhauen des Tintenfisches in zwei Hälften den Worten in Gylfag. 48: „Die Leute sagen: Thor habe der Midgardschlange im Meeresgrunde das Haupt abgeschlagen", und endlich dei' Küpe begleitende Reti (Schirren S. 113) dem Hymir. — S. 261 univer- salis columna quasi sustinens omnia." Vergl. August. De Civ. Dei 7, 11, wo der Beiname des Jupiter Tigillus also erklärt wird: quod tan- quam tigillus mundum contineret ac sustineret. — S. 267 Z. 8 v. u. streiche das Citat „Kuhn W. S. 2, 200." — S. 276 „Heimdali ist von neun Schwe- stern geboren, es sind die Wellenmädchen, Oegirs Töchter." Ich will hiebei daran erinnern, daß die zehnte Meereswoge gewöhnlich größer ist als die neun vorhergehenden, daher die Ausdrücke fluctus decimus decu- manus, dExaxvfiLa: vgl. Festus s. v. decumana und Fassow s. \. tQiicv^itcc. — S. 276 „Regenbogen". Folgendes nordenglische Kinderliedchen ist wegen der darin enthaltenen Perso lification des Regenbogens, wobei ihm auch Kinder beigelegt werden, bemerkenswerth: „Rainbow, rainbow, haud awa' harne, A' yer bairns are dead but ane, And it lies sick at yon grey stane, And will be dead ere you win hame. LITTERATUR. 217 Gang owre the Drumaw and yont the lea, And down by the side o' yonder sea; Your bairn lies greetln like to dee, And the big tear-drop is in bis e'e." Henderson, Notes on the Folklore of the Northern Counties of England etc. Lond. 1866 p. 16. — S. 311 „Njördr von Skadi wegen seiner schönen Füße zum Gemahl erwählt." F. G. Bergmann, Les Getes etc. Strasb. u. Paris 1859 S. 247 bemerkt gelegentlich dieser Göttersage: „Je ne sais s' il y a quelque rapport eloigne entre ce mode de choisir un epoux et l'epreuve k laquelle on soumet le nouveau mari(5, aux noces dans le Berry." „Quand sonne Theure du repos pour les epoux, on fait ranger par terre toutes les femmes de la noce ensemble, et sur le dos; ou les dechausse de leur bas et de leur souliers ; on les cache toutes d'un drap, depuis la figure jusqu'aux mollets exclusivement, qui seules restent decouverts. Dans ce pele-raele de jambes nues, le mari doit reconnaitre, sans se tromper, celles de sa femme. S'il met la maiu dessus, il a le droit d'aller se coucher im- mddiatement; siuon, son bonheur est renvoye k la nuit du lendemaiu." Felix Pyat, Les Frau^ais paints par eux memes. T. II. p. 329." — S. 312 Ro senlachen. S. Beufey's Pantschat. 1, 380. — S. 316 „Auf Pfauen schwören." S. Grimm RA. 901. Vgl. meine Anzeige von Uhlands Schrif- ten Bd. III in den GGA, 1867 S. 179. Noch in später Zeit kommen dergleichen Gelübde auf Phasanen vor; s. Barante, Hist. des ducs de Bour- gogne. VIII, 18 (3. ed.) — S. 326 „Venus Libitina." Diese gehört nicht hieher, denn sie entspricht nicht der Venus vulgivaga. — S. 340 „Die unter we Itliche n Schätze bedeuten die Güter der Erde, den reichen Pflanzensegen.'' Bei Philostr. Vita Apoll. 6, 39 wird der Erde geopfert, daß sie einen Schatz schenke; sie erhört die Bitte und schenkt außer dem Golde auch noch eine reiche Gelernte. — S. 353 „Herodias wird in den leeren Raum getrieben und schwebt ohne Unter- laß." Von einer Mehrzahl durch die Luft gejagter Töchter des Herodes weiß oder wußte eine catalanische Sage (la danza aerea a que estan condenadas las Herodiadas por la muerte del bautista) s. Ferd. Wolf Proben portug. u. catalan. Volksromanzen Wien 1856 S. 29 (Sitzungsber. der phil.-hist. Kl. XX, 43). — S. 371 „Die wilden Frauen haben ihren Aufenthalt bei alten Mal bergen und Freisteinen. Wolf HS. 150." In der zweiten Auflage war citiert Wolf WS. 150; da aber Wolf keine westph. Sagen geschrieben, so hat Simrock, ohne noch einmal nachzusehen, dies jetzt in „Hess. Sagen" umgeändert, wo aber nichts Hierhergehoriges steht. Gemeint ist jedoch Kuhn WS. 1, 150, wo indeß nur wegen ,, Frauenstuhl" auf S.'s Mythol. S. 417 (I. Aufl.) verwiesen wird, weil da von „der wilden Frauen Gestühl'' die Rede ist; von Malbergen und Freisteinen spricht Kuhn a. a. 0. nicht. — S. 379 „Bertha schneidet dem, der an ihrem Feste (Epiphania) andere als die althergebrachte Speise zu sich genommen, den Bauch auf u. s. w." Nach einem ähnlichen Glauben in Italien bringt Befi"aua am Drei- königstage nicht bloß den Kindern Geschenke (DM. 260), sondern schneidet auch andern derselben den Bauch auf, und um dem zuvorzukommen, ist es probat Bohnen zu essen. „Altri putti nuUadimeno ne cerca la Beffana per forare loro il corpo; ad evitare il quäl male il rimedio e trovato di mangiar GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 15 218 LITTERATUR. fave, lo che si usa tuttora da molte persone in quella sera." Manni, Istorica Notizia dell' origine e del significato delle BefFane p. 16 bei Du Mdril Hist. de la Com^die. Paris 1869 vol. II p. 117. Welche Rolle die Bohnen in Deutschland am Dreikönigsabend spielen, ist bekannt genug (s. Simrock a. a. 0.); in Italien scheinen sie gegen die Beffana ebenso gebraucht zu wer- den, wie in Frankreich und sogar schon im Alterthum gegen die Wiedergän- ger. „II y avait naguere des provinces oü les enfants chassaient les revenants en jetant des feves. Dacier In Pauli Diaconi excerpta commentarii p. 426 ed, Lindemann. Varron disait d^jä, De vita populi Romani 1. I: Quibus tempori- bus, in saci-is fabam jactant noctu, ac dicunt se lemures domo extra januam ejicere. Voy. aussi Ovide Fast. 1. V v. 436 et suivants.'^ Du Meril Etudes sur quelques points d'Archeologie etc. Paris u. Leipz. 1862 p. 119. — S. 392 „Riesen iind Zwerge werden zu Stein, wenn ein Strahl der Sonne sie berührt." Daß diese Vorstellung auch sonst noch und zwar bei den Ureinwohnern von Hispaniola vorhanden war, habe ich zu Gervas. 83 gezeigt; vgl. J. G. Müller Gesch. der amerikan. Urrelig. S. 179. Aber auch auf den Fidschi-Inseln findet sie sich, wie aus der Angabe des Engländers John Denis Macdonald hervorgeht, dessen Bericht über seine im J. 1856 gemachte Reise 1857 erschien und worin es nach dem Auszuge in Le Tour du Monde, Paris 1861, vol. I p. 194 also heißt: „Ndenge'e, la di- vinit^ superieure des Vitiens, avait envoyd Lando-Alewa, une deesse, et Lando- Tangam, un dieu, pour sceller au sein des eaux le Ndaveta-Leva [eine der größten Fidschi-Inseln] ; mais tous deux s'^tant laissö surprendre dans l'exdcu- tion de ce travail par les premieres clartes de l'aurore, furent metamorphosds en rochers, qui forment le recif meme, dont nous venons de parier." (Dies Riff befindet sich in der Nähe der genannten Insel.) Eine von der Simrocks abweichende Erklärung dieser Vorstellung giebt Kuhn Herabkunft des Feuers 93. — S. 419 ,, Eiben borgen Verschiedenes von den Menschen für ihre Hochzeiten und Feste." Nach dem Volksglauben in Dardistan pflegen die unter der Erde wohnenden Dämonen bei ihren Hochzeiten ganz ebenso zu verfahren und das Geliehene jederzeit richtig wiederzugeben. S. Trübner 's Record no. 53 S. 647 nach Leitner's nächstens erscheinendem Werke über Dardistan. ■ — S. 426 „Das Vieh, das vor der Unterwelt weidet und dessen Hirt" vergleichen sich den Heerden des Hades und dessen Hirt Menoitios. — S. 427 „Wer Speise und Trank der Unter- irdischen genießt, ist ihnen verfallen und kann nicht mehr ins Menschenleben zurück." Vgl. Müller und Schambach Nieders. Sagen S. 373. Auch nach einem japanesischen Mythus kann die von ihrem Gemal, dem Gott I-za-nagi bis in das Reich der Wurzeln (die Unterwelt; vgl. Nifl- heim unter einer Wurzel Yggdrasils) verfolgte Göttin I-za-nami mit demsel- ben nicht wieder zurückkehren, weil sie bereits an dem Herd der Unterwelt gegessen (Pfizmaier Theogonie der Japaner, in den Sitzungsber. der phil.- hist. Cl. der Wiener Akad. Bd. XLVII. S. 435). Hier haben wir die etwas veränderte Sage von der in den Hades entführten Persephone und dem dort genossenen Granatkern. Diese unterweltliche Frucht erinnert an den gleichar- tigen Perseabaum, der in der egyptischen und anderen Mythologien eine so hervorragende Rolle spielt, wie Jul, Braun nachgewiesen hat, s. dessen Natur- geschichte der Sage II, 476 s. v. Baum des Lebens. Auch der Gegensatz LITTERATUE. 219 kommt vor; so erzälilen die Bewohner der Tonga-Inseln, daß die Töchter des Gottes Langi (Himmel) sich heimlich und gegen das ausdrückliche Verbot ihres Vaters auf die Erde schlichen, ,,weil sie sich nach der Liebe der schö- nen Männer von Tonga sehnen. Allein alle Fürsten gerathen beim Anblick der schönen Himmlischen sofort in Streit, wer sie besitzen soll und kämpfen so heftig, daß die Götter den Lärmen hören und rasch den Langi, um seine Töchter zu strafen^ nach Tonga senden ; die eine war schon todt, denn sie hatte irdische Speise genossen; die andere tödtet der erzürnte Vater. Dieser Proserpinenmythus findet sich auch sonst in Polynesien. Vom Paradiese aus fuhren einst die Götter nach den eben geschaflenen Tonga-Inseln, die ihnen so gut gefielen, daß sie daselbst zu wohnen beschlossen und deßhalb ihren Kahn zerbrachen. Allein kurze Zeit darauf starben einige von ihnen, die anderen, entsetzt, versuchen wieder in ihre himmlische Heimat zurückzufahren, aber umsonst. Die anderen Götter verkünden ihnen, weil sie Frucht der Erde ge- gessen, seien sie nun selber sterblich." So nach Mariner's Tonga Islands bei Gerland Altgriech. Märchen in der Odyssee. Magdeb. 1869 S. 24. Vgl. Kuhn Herabkunft 83 Anm. — S. 427 „Tischchen deck dich." Amalthea , die Tochter des Haimonios, hatte ein Stierhorn, welches, wie Pherekydes sagt, die Kraft besaß, jede gewünschte Speise oder Trank im reichsten Maße herbei- zuschaffen. Apollod. 2, 7, 5. In Frere's Old Deccan Days or Hindoo Fairy Legends ist in dem Märchen Nr. 12, welches KM. Nr. 36 „Tischchen- deckdich" entspricht, von einem Kruge die Rede, aus welchem man die köstlichsten Speisen wol für hundert Personen herausnimmt, und je mehr man herausnimmt, desto mehr bleibt immer darin (vgl. meine Anz. in den Heidelb. Jahrb. 1869 S. 493). — S. 428 „Den Marmennil suchen die Menschen in ihre Gewalt zu bringen, damit er ihnen weissage. ...Er hüllt sich aber gern in hartnäckiges Schweigen und bricht es nur unwillkürlich." Es ist ein alter Zug, daß übermenschliche Wesen die ihnen innewohnende höhere Weisheit nur gezwungen den Sterb- lichen kund thun. Bekannt ist der Mythus von dem Satyr oder Silen, der von Midas durch Mischung einer Quelle mit Wein berauscht, eingeschläfert und gefangen wurde, dann aber seine Freiheit durch Mittheilung weiser und verborgener Dinge wieder erhielt. Über die im Alterthum allgemein angenom- mene Kunde der Satyre von den verborgenen Dingen s. Casaub. de Satyr. Poesi p. 48. Halae 1774, vgl. Davis, zu Cic. Tusc. 1, 48. S. auch Kuhn Herabkunft S. 33 — 36, wo zu den S. 34 angeführten Sagen noch hinzuzu- fügen ist Straparola IV, 1 u. Schneller Märchen und Sagen aus Wälschtirol S. 213 f. die Sage vom Salvanel (d. i. Salvauello, Silvanus). Hierher gehört auch die von Kuhn a. a. O. u. Simrock (S. 565) nach dem mhd. Gedichte „Salomons Lob" erwähnte Sage von dem Drachen, der erst, nachdem er be- rauscht und gebunden ist, dem Könige ein zum Tempelbau nothwendiges Ge- heimniß oflPenbart. Diese Sage stammt aus dem Talmud, wo aber statt des Drachen der Geist Aschmedai eintritt; s. W. Schwartz Poetische Natur- anschauungen, Berlin 1864. I, 79 (nach Eisenmenger). — S. 429 „Melu- sine." Daß diese Fee böhmischen Ursprunges sei , dünkt mir nicht wahr- scheinlich ; ihr Name kann durch das böhmische Volksbuch von derselben (Gräße Lehrbuch 2, 3, 385) leicht unter dem Volke bekannt und von die- sem dem geisterhaften Wesen beigelegt worden sein, von dem Grohmani, 15* 220 ' LITTERATUR. spricht. Dagegen empfiehlt sich eine andere Conjunctur. Melissa war näm- lich ein Bfeiname der Artemis-Selene und identisch mit der asiatischen My- litta der Himmelskönigin (Melechet), diese aber ist dieselbe wie Astarte, Atargatis, Derketo usw., sämmtlich Zeugungsgöttinnen und gewöhnlich, beson- ders die letzteren beiden, an der unteren Hälfte in Fischgestalt dargestellt. Hiervon ausgehend, sagt Baring-Grould Gurions Mjths of the Middle Ages, Lond. 1868, n, 234: „The name Melissa was probably introduced into Gaul by the Phocian colony at Massilia, the modern Marseilles, and passed into the populär mythology of the Gallic Kelts as the title of nymphs, tili it was finally appropriated by the Melusina of romance." Dieß ist um so wahr- scheinlicher, als das erste Auftreten der Melusinensage (Gervas. p. 4) in der nächsten Nähe von Marseille stattfindet; s. meinen Aufsatz Amor u. Psyche usw. in Kuhn's Ztschr. f. vergl. Sprachf. 18, 64 (das dort erwähnte Städt- chen Trets liegt zwischen Aix u. Marseille). Diese kleinasiatische Abstam- mung also würde denn auch den Fischschweif der Melusine erklären. Daß übrigens jene Bemerkung Gould's ursprünglich ihm selbst angehöre, möchte ich bezweifeln, da er nur gar zu gern litterai-isches Eigenthum anderer, na- mentlich deutscher Gelehrten sich stillschweigend aneignet; s. meine Anzeige in den Heid. Jahrb. 1868 S. 644 ff. — S. 433 „Der Taterman ist wohl von Tatern, Zittern benannt." Gelegentlich des altnl. tatolf habe ich in meiner Anzeige von Kausler's Denkm. Bd. HI in den GGA. 1866 S. 1035 Folgendes bemerkt: „Dies Wort ist wahrscheinlich eine Nebenbildung von tatrman und gebildet wie Rudolf, Ludolf, Morolf usw. s. Grimm, Gramm. 2, 330 — 334. Myth. 721 f. (über die Bedeutung der Ableitungssilbe -oZ/); tatrman aber ist = (hölzerne) Puppe, Kobolt, s. Myth. 468 — 471, vgl. Sim- rock Myth. 471 (2. Aufl.) und ist vielleicht aus dem engl, tatter (altn. töti') zu erklären (Grimm 1. c. 470), wie eben auch tatolf muthmaßen läßt, welches nach Kilian eigentlich eine Puppe für Schneider, die Kleider daran anzupassen, bedeutet. Lumpen und Kleider werden oft durch das nämliche Wort bezeichnet: so franz. chiffons, engl, buntings, lat. pannus, woraus ital. panno Tuch und panni Kleider (span. pauo u. paiios), gr. Qaxog (ßgaxog) ; also tatolf Lumpenpuppe, Kleidei-puppe, später wie tatrman, stum- mes, hölzernes Koboldsbild und als solches für einfältig, dumm gebraucht. Demnach wäre also die Bedeutung ,, Gliederpuppe für Schneider" die ältere und dei'gleichen mögen allerdings schon früh im Gebrauch gewesen sein. Oder wurden Götzen- und Koboldspuppen auch aus Lumpen und Fetzen gebunden und hingestellt, so daß die Bedeutung „Gliederpuppe" die spätere ist? Vgl. Grimm Myth. 469. 470. Doch bietet sich für tatrman (tatolf) auch noch die wahrscheinlichere Ableitung aus Tater, Tatter, d. i. Tatar, wenn man sich nämlich der Schilderungen des gräulichen Aussehens der Hunnen und Tata- ren erinnert, wie sie uns die Schriftsteller des Mittelalters geben. Jene Wör- ter bedeuteten dann also eigentlich Fratzenbild, dann aber Kobold. Das -man in tatrman ist ein Anhängsel wie in Peterman, Heinzelman, popelman {popel = Popanz) u. s. w." — S. 437 „R am s lohn". Was an dieser Stelle nach Kuhn NS. 398 von dem diesen Namen tragenden Ahrenbüschel gesagt ist, stammt, wie S. anführt, aus Menzels Odin 173, welcher letztere sich aber versehen hat. Bei Kuhn S. 395 Nr. 99 nämlich (nicht Nr. 398, die nicht vorhanden ist), steht Folgendes: „Im Saterland läßt man bei der Roggenernte LITTERATUE. 221 einen Busch stehen, den man mit bunten Bändern umbindet; man nennt ihn Peterbült oder Peterbölt. Scharrel und Ramslohe". Letztere beiden Namen sind die der Dörfer, wo dieser Gebrauch herrscht; Menzel aber hielt sie für Benennungen des Ährenbüschels und las überdies Ra ms lohn statt Rams- lohe, so daß er irrthümlicherweise die von Simrock •wiederholten Folgerun- gen daran knüiifte, die deßhalb wegfallen müssen. — S. 446 „Rattenfän- ger von Hameln." „It is singular that a similar story should exist in Abyssinia. It is related by Harrison in his ,,Highlands of Aethiopia", that the Hadjiuji Madjuji are daemon-pipers , who, riding on a goat , traverse a ham- let, and by their music, irresistibly draw the children after them to destruc- tion." Baring Gould Myths etc.: 2, 158, vgl. oben Bd. XIV, S. 398 f. Noch will ich auf eine nordgrönländische Sage hinweisen, die ich in den Heidelb. Jahrb. 1869 S. 123 mitgetheilt und die demselben Sagenkreise anzugehören scheint. Einem alten Manne wurde der Sechundfang durch das Geschrei von Kindern zunichte gemacht, die sich in einer benachbarten Bergkluft mit einer Anzahl junger Mädchen, ihren Wärterinnen, befanden und dort spielten. Dar- über erbittert rief er aus: „Bergkluft, schließe dich!" Dies geschah alsobald und die armen Geschöpfe waren sämmtlich in den Berg eingeschlossen. Die kleinen Kinder fiengen an zu hungern und zu weinen und die Mädchen such- ten sie zu trösten. Endlich nach langer Zeit kamen wirklich die Mütter und brachten Wasser, das sie durch eine Spalte hinuntergössen. Da jene das Was- ser sahen, drängten sie sich herbei und leckten es auf und die Mütter konn- ten dies sehen, ihnen aber nicht weiter helfen. Endlich kamen jene alle vor Hunger um. — S. 448 „Daß die Seele auch als Licht erscheint, sehen wir aus den Märchen von den Probestücken des Meister- diebes BM. 21. KM. 192." Ebenso in Simrocks Märchen Nr. 54. Die Stelle im Theatrum de Voneficis (Frankfurt am Meyn 1586), worauf ich in meiner Besprechung der letzteren in Benfey's Or. und Occ. 3, 376 hingewiesen, lautet wie folgt: „Es schreibt auch jetztgemeldter Eras(mus) es sey eben der Pfar- herr gewesen, der auflF den H. Pfingsttag lebendig Krebs auff dem kirchhoff habe kriechen lassen mit angeheflPten brennenden wachßkertzlein. Da dieselben bei den gräbern umbher krochen^ war es nachts erschrecklich, vnd dorfft nie- mand nahe hinzugehen. Darvon w^ard ein groß geschrey. Wie jederman vbel erschrocken war, stund der Pfarrherr an die Cantzel, vnnd sagt, es weren See- len der abgestorbnen, die begerten dz man sie auß der großen noth durch Messen vnd almusen wölte erlösen. Diser betrug ist bald hernach also offen- bar worden: man hat ein krebs zwen in den steinen vnd scherben gefunden, die der Pfarherr nit wider hat auffgelesen, an denen die wachskertzlin noch gewesen sind." Diese Stelle stammt aus den Briefen des Erasmus 1. XXII p. 854, woraus sie Ludovicus Lavaterus „Von Gespenstern, Ungehewren usw. Theil I. Cap. 8 in dem genannten Theatrum S. 129 mittheilt. — S. 452 f. „Hexenproben durch Werfen ins Wasser." Dieselbe fand bis vor Kurzem zu Malwah in Hindostan ganz ebenso statt. Gervas. 188 Anm. 61. Auch Steph. Byz. s. v. &ißa erzählt von einer zauberischen und Schaden stif- tenden Völkerschaft im Pontus, deren Athem den Nahestehenden tödtlich sei und deren Körper, ins Wasser geworfen, nicht untertauche (^xal ta GayLaxa avTCOv Qtcpivxa eig %^äkaG6av ov xaradvovöt). Hier müssen lebende Per- sonen gemeint sein, denn todte Körper schwimmen stets auf der Oberfläche 222 LITTERATUK. des Wassers, was also nichts besonders wäre. — S. 454 „Helgi aber, der zum dritten Male wiedergeboren war, hieb einst im Kampfe u. s.w." Helgi war zwar als Haddingjaskati zum dritten Male geboren, aber nur zum zweiten Male wiedergeboren. — S. 458 „Hexen reiten auf Besen." „The witch's broom, or besom, appears to be not less ancient than her eauldron, for it is known in the folk-lore of the Hindus as well as in that of the west." „The Asiatic as well as the European witches practise their spells by dancing at midnight, and the principal instrument they use on such occasions is a broom." Asiatic An. Regist, 1801. Miscell. Tracts p. 31." Kelly Curio- sities of Indo European Tradition etc. Lond. 1863 p. 225. — S. 458 „Nach Myth. 992 heißt hugsa dalekarlisch Hexe. Wäre an hugjan den- ken zu denken?" Auf isl. heißt hugsa denken, was noch näher liegt. — S. 459 „Elsterncultus, welchen Gr. Myth. 640 nachweist", nämlich Spuren desselben in Poitou. Der edle span. Frauenname Urraca dürfte also doch wohl von der Elster (urraca) entliehen sein, wenn diese mythische An- tecedentien hat, woran Diez (WB. H s. v.) nicht dachte. — S. 460 „Daß die Todten geritten kommen, sehen wir aus Modgudrs Worten zu Hermodr." Daß ehedem die Todten auch auf Pferden reitend nach dem Grabe geführt wurden, zeigt Rochholz Aarg. Sag. 2, 22 f. — S. 478 „Über die berüchtigte Semmelgeschichte Liebr. Germ. X, 109." Die be- treifende Stelle steht bei Jean d'Outremeuse vol. HI (nicht H). — S. 479 „Die Kuh Sibilja, vor deren Gebrüll sich Niemand erhalten konnte; daherpflegte sie der König Eystein mit in diu Schlacht zu führen." Ihr entspricht (auch im Namen) die göttliche Kuh Sabala, die durch ihr Brüllen dem Vasischta hundert Könige schafft, welche das Heer Visvamitra's vernichten. Jul. Braun Naturgesch. der Sage 2, 431. Hieher ge- hört auch wohl das von Herbelot s. v. Aschmuil (l, 424 der deutsch. Übers.) Angeführte, wo es nämlich heißt: „Was aber die Schechinah, die über der Bundeslade war und von welcher diese ihren Namen hatte, anlangt, so ver- sichern die muselmännischen Schriftsteller, daß es das Bild eines Thieres ge- wesen, das einem Leopard ähnlich gesehen, der, so oft als man die Bundeslade gegen die Feinde des Volkes Gottes aufbrechen lassen, sich auf die Beine er- hob und ein solches schreckliches Geschrei erhob, daß es sie ganz außer sich brachte und zu Boden schlug." Man vergleiche auch noch was Holmboe in seiner Abhandlung Om Civaisme i Europa S. 38 ff. (Vid.-Selskabets For- handlinger for 1866. S. 217 ff. Christiania) über die sich sowohl in Indien, wie im alten Norden findende göttliche Verehrung der Kühe mitgetheilt hat; ferner die eiserne Kuh bei Mannhardt Germ. Mythen 51. — S. 484 „Hat- ten die Alten so genaue Vorstellungen über dieLage des Embryo?" Warum nicht? Sie erhielten dieselben freilich nicht auf dem anatomischen Theater; aber in jenen wilden Zeiten, wo man die Kriege mit so unmensch- licher Grausamkeit führte, mochte es nicht selten geschehen, daß schwangere Frauen getödtet und ihnen der Leib aufgeschnitten wurde, was sogar noch in neueren und neuesten Zeiten selbst unter Christen vorgekommen sein soll (vgl. Liliencron', Volkslieder Nr. 157, Str. 9). Ich füge nun noch zu den Germ. 10, 108 angeführten Beispielen einige andere, aus denen wiederum erhellt, daß man unter den verschiedensten Völkern den Leibern der Gestor- benen im Grabe die nämliche Stellung zu geben pflegte, die sie vor der Ge- LITTERATUE. 223 burt im Schöße der Mutter eingenommen hatten. „Die Sitte, die Todten in ziisammengekaiierter Stellung, die Knie nahe am Kinn und die Hände auf der Brust gekreuzt zu begraben, reichte bis zu den Gruoytecas-Inseln [ganz nahe bei der Insel Chiloe] , wie die natürlichen Mumien des Museums zu Santiago beweisen." Augsb. AUg. Zeit. 1867 S. 2387. Im Museum zu Lima befinden sich vier oder fünf Mumien von Inkas „assises dans une position accroupie et la tete penchee." Eevue Moderne. Paris 1865 vol. 34 p. 54. ,,Nach Laurentius Lydus de mensibus IV, 26, p. 183, vgl. IV, 21, p. 177 ed. Eöther kehrt der Todte zu nochmaliger Geburt in den Mutterschoß der Natur zurück. Alles was die erste Entstehung des Menschen auszeichnet, wie- derholt sich nun. Die Empfängniss, die Schwangerschaft, das Wiegenalter kehrt zurück. Die Gräber Unteritaliens liefern für jede dieser Entwickelungsstufen entscheidende Denkmäler. Wir finden naturgetreue Nachbildungen des uterus gravidus Die keltische Sitte, dem Leichnam im Grabe die Haltung und Lage des Kindes im Mutterleibe zu geben, ist öfter, neuerlich selbst in der Provinz Constantine beobachtet worden (Revue archeol. 1862 p. 524). Sie kann nur als eine Äußerung des Glaubens an Wiedergeburt aufgefaßt werden. Etrurien schließt sich an. Mehrere der Gräber von Marzabotto (am Eingange der Apennin - thäler, zwei Stunden westlich von Bologna) .... wiederholen . . . die Form des Uterus plenus, wie diese sich in den angeführten Terracotten darstellt." Bach- ofen, die Unsterblichkeitslehre der orphischen Theologie u. s. w. Basel 1867 S. 37". 38*. Vgl. auch noch folgende von demselben in seiner Gräbersymbolik Basel 1859 S. 91 angeführte Stelle aus Cic. de legg. 2, 22: „Redditur enim terrae corpus, et ita locatum ac situm quasi operimento matris obducitur." Zu wie falschen Ansichten die Unkenntniss dieser, wie wir gesehen, so alten und weitverbreiteten Sitte Anlaß geben kann, erhellt z. B. aus folgender Nach- i'icht des Journal de Liege vom 29. Mai 1861: „On nous dcrit de Hasselt le 28: En creusant de nouvelles caves sous la Soci^te Litteraire on a trouvd un squelette humain parfaitement conservä, quoique, selon toutes les apparences, il y ait sejourne depuis deux ä trois siecles. Ce squelette parait etre celui d'un jeune homme de 25 ä 30 ans. La position, dans laquelle on l'a trouvd, a fait d'abord supposer un crime mysterieux. II etait assis, le dos vout^, la tete fortement courbee vers les genoux, les jambes repliees sur elles memes, et la terre conservait parfaitement les traces des os du bassin. Hier on a de- couvert six autres squelettes. Cette nouvelle decouverte semble prouver que c'est dans cet endroit qu'on enterrait les suicides et les heretiques." Nicht von einem christlichen Begräbnissorte für Selbstmörder und Ketzer, die man nie in dieser Stellung begraben, sondern von einem alten keltischen handelt es sich also hier, und der Grund der in Rede stehenden sich so vielfach wiederholen- den Begräbnissweise dürfte ohne Zweifel der oben angegebene sein. — S. 485 „Kinder bei Neubauten in Grundwälle eingemauert." Zu meinem von Simrock angeführten Aufsatz im Philol. 23, 679 füge noch den Nachtrag ebend. 26, 727 ff. Daß die dort erwähnten Thieropfer auch noch jetzt vor- kommen, zeigt ferner Wuttke Deutscher Aberglaube §. 439 (2. Ausg.); Rochholz Aarg. Sag. 2, 19; dessen Glaube und Brauch 2, 144. Aus Guldalen in Nor- wegen berichtet die Zeitschrift Folkevennen Kristiania 1859 VIII, 472: „Kommer Sygdom i Faareflokken, og Gründen antages at vaere den , at de Underjordiske ere fornaermede, slagtes et Faar paa den Maade, at Hovedet 224 LITTERATUR. afliugges med en Oxe — da standser Sygdommen." — S. 492 „Seiden- fäden, heilige Schnüre, eiserne Ketten um Kirchen." An der von S. erwähnten Stelle Philol. 19, 582 habe ich die Hegung durch Fäden und Schnüre besprochen (füge hinzu GGA. 1865 S. 464); die um die Kirchen gelegten Ketten hingegen in den Heidelb. Jahrb. 1868 S. 652. Offenbar war der ursprüngliche Sinn dieser Umhegung eine Schenkung des eingeschlossenen Gebäudes oder Gebietes an die betreffende Gottheit, deren Bildsäule die En- den des Bandes in die Hand gegeben wurden ; irre ich nicht, so finden sich auch schon im Alterthum Beispiele davon. Noch führe ich folgende Strophe eines altdänischen Volksliedes an: „Min kiaere Herre, lade wi det gaat — i lade vore Land met Jernlencker beslaa! — daa kommer der ingen vd eller ind — vden Told , Mand eller Quind." Svend Grundtvig Danmarks Gamle Folkeviser Nr. 139 B. Str. 5 (HI, 281). — S. 493 „Über Baumwoh- nungen und Baumgeburten Liebrecht Heidelb. Jahrb. 1866, 367 und Philol. 19, 582." Letzterer gehört nur hierher wegen der dort S. 583 mifgetheilten mongolischen Sage (wo zu lesen 1. serie V, 273 und weiter unten grossesse st. guassesse)) zu ersteren (S. 867, nicht 367) füge hinzu ebendas. 18G8 S. 93 f. GGA. 1868 S. 114 f. — S. 503 „Die Sudkunst (seidr) scheint ihren Zauber unmittelbar aus dem Opferkessel zu schöpfen. A. M. ist Maurer 136." Auch F. G. Bergmann in der sehr lesenswerthen Abhandlung „Influence exercäe par les Slaves sur les Scan- dinaves dans l'Antiquite. Colmar 1867, worin er namentlich den Ursprung und die Bedeutung der Worte skald, völva und seidr bespricht, ist anderer Mei- nung und bemerkt unter Anderem p. 13: „Le Seidr n'etait pas lui-meme un chant magique ou une incantation, puisqu'il est dit, dans les traditions, que les femmes qui pratiquaient le Seidr (Seidkonar), accompagnaient cette Operation magique d'une incantation. Le Seidr n'etait pas non plus une cuisson magique ou une Operation pratiquee moyennant le feu, comme pourraient le faire croire les mots de sioda (cuir, bouillir; all. siden) et de seydir (feu pour cuire), qui ressemblent ä seda (pratiquer le seidr) et k seidr. Le nom de Seidberendr (Porteur de Seidr), par lequel on d^signait les sorciers et les devins, indique que le seidr etait quelque chose de por- tal if. Or, comme on ne porte pas le feu ni la cuisson, l'expression de Seidberendr prouve egalement, que le seidr n'a pas etd une Operation magique dans laquelle on se serait servi du feu ou de la cuisson." Bergmann erklärt seidr also namentlich durch Vergleichung mit slavischen Wörtern für einen Zauberstrick, eine Zauber schlinge, deren man sich bediente, um Personen oder Dinge auf zauberische Weise zu binden oder zu schwächen. Hierbei hätte er auf jene Stricke, Fesseln, Hafte hinweisen können, die in dem ersten Merseburger Zauberspruch den Hauptgegenstand bilden, wobei zu be- merken, daß es auch hier Weiber sind, die den Strickzauber üben, wie sonst gewöhnlich den seidr. Dann erwähne ich auch noch das Nestelknüpfen, welches gleichfalls ein mit einer Schnur oder einem Band geübter Zauber ist. Berg- mann selbst zieht indeß eine zweite Erklärung des seidr vor, wonach er wie- derum auf slavische Ausdrücke sich stützend, denselben für einen Siebzau- b e r hält, indem mau durch das Zaubersieb gute oder böse Wirkungen her- vorrief. Auch hier hätte Bergmann auf den sonst noch vielfach geübten Sieb- zauber hinweisen können; s. Sirarock im Reg. 8. v. Sieb, Siebdrehen. — LITTERATUK. 225 S. 503 „Atzmann". In Betreff dieses unter mannigfachen Völkern geübten Zaubers s. Tylor, Über die Urgeschichte der Menschheit. Deutsche Übers. S. 151 f. Ein weiteres Beispiel aus Indien wird augeführt in Henderson's No- tes etc. p. 198, wonach ein Mann aus der Gegend von Pakunari in der Nähe der Thür seines Hauses ein Holzbild vergraben fand, welches an ver- schiedenen Stellen mit Nägeln durchbohrt war, damit er selbst an den näm- lichen Theilen seines Körpers heimgesucht würde. — Ebend. „Man glaubte, die Hexen könnten den Leuten das Herz aus dem Leibe essen." Vgl. Schwartz, Die poet. Naturanschauungen u. s. w. 1, 19 und die von mir in der Anzeige dieses Buches (Heid. Jahrb. 1864, S. 826) aus Pietro della Valle's Reisen angeführte Stelle, die sich gleichfalls auf orientalischen Volks- glauben bezieht. S. auch die Abhandlung von Rochholz „Das Märchen vom gegessenen Herzen" in der Zeitschr. f. deutsche Philol. 1, 181 — 198. — S. 509 „Siebdrehen", Unter den Arabern besteht ein ähnlicher Aberglaube. Zu dem Sprichwort: „Super hoc circumversus est urceus" bemerkt Freytag 2, 115 Nr. 103 Folgendes: „Proverbii hujus originem haue fuisse narrant. Ha- riolus ut in domo furti auctorem cognoscat, inter duos indices posito urceo, fascinationibus, quae flando fiimt, et incantationibus utitur. Tum, si furem se inveuisse putat, urceus circumvertitur (dum hariolus ista verba dicit) et ad personam furti ipsi suspectam pervenit. Proverbium significat, personam rei notitiam habere vel ad eam rem spectare." — S. 510 „Unmittelbar sel- ber schienen die Götter den Weg zu weisen, wo ihre an den Hochsitzpfeilern ausgeschnitzten Bilder ans Ufer trieben, M. 1094." Es wird vielleicht nicht unwillkommen sein, wenn ich aus meinem Aufsatz „Nord und Süd" (Philol. 26, 729 f.) folgende hierher gehörige Stelle wiedei'hole. „Mir scheint, daß auch Griechenland in ältester Zeit diese Sitte kannte und Colonieuführer Götterbilder zu gleichem Zwecke aus den Schiffen warfen; denn nur so gewinnt die Diomedes betreffende Sage, die Tzetzes zu Lycophr. 615. 625 ff. anführt, einen rechten Sinn. Er erzählt nämlich, daß dieser nach Italien ausgewanderte Heros wegen seines Sieges über den Kolchischen Drachen in Daunien aus Steinen der ilischen Mauer, die er als Ballast mitgebracht, sich selbst Bildsäulen errichtete, welche jedoch von dem König Daunos, nachdem er den Diomedes getödtet, mit diesem selbst in das Meer geworfen wurden ; aber sie tauchten iminer wieder empor und nahmen ihre alten Plätze wieder ein ; so berichtete der Sicilier Timaeos und Lykos. Diese Angabe nun, daß Diomedes sich selbst Bildsäulen errichtet, klingt ziemlich ungereimt, erklärt sich aber in Verbindung mit der folgenden von dem Wiederauftauchen derselben aus dem Meere sehr wohl, wenn man annimmt, daß der ursprünglichen, später aber aus Unkenntniss verunstalteten Sage nach ein griechischer Colonienführer, der wahrscheinlich seines Namens wegen den Gott Diomedes als seinen besonderen Schutzgott verehrte und daher Bildsäulen desselben (natürlich hölzerne) bei sich im Schiffe hatte, diese in der Nähe der italienischen Küste auswarf und durch sie nach Daunien ge- führt wurde, wo er sie in seinem neuen Wohnsitze ebenso wieder aufrichtete, wie dies ohne Zweifel auch mit den Hochsitzsäulen der alten Nordländer nach ihrer Landung geschah. Daß ferner diese Götterbilder des Diomedes nach des- sen Tode durch einen feindlichen Häuptling ins Meer geworfen wurden, gleich- wohl aber wieder ans Land schwammen, kann man dabei immerhin annehmen, 226 LITTERATUR. dadurch gewänne sogar die Angabe von der mehrmaligen Wiederholung letz- terer Thatsache ihre Erklärung." — S. 511 „Von der Hydromantie macht Göthe Gebrauch im Großkophta, nur daß eine Glasku- gel die Stelle des Wassers vertritt." Dies gleicht also der ELrystallo- mantie, über welche 3. Düntzer in Scheible's Kloster 5, 118, der auch auf Göthe verweist. — S. 513 „Heilende Hände . . . legten sich noch spät die französischen Könige vielleicht als Siegfrieds Erbe bei." Anderer Meinung ist Paulus Cassel Le Roi te touche. Berlin 1864; er leitet die heilende Kraft der Könige von Christus her, dessen Stellvertreter auf Erden jene seien. „Die Könige üben nicht mehr die Ceremonie aus, in der sie Kranke berühren. Das Vorbild dessen, dem sie es uachgethan, steht aber noch immer vor ihnen. Sie sind Hirten, sind Könige, sind Arzte. — Sie haben die theuere Kraft zu weiden, zu regieren, zu heilen — mit Bei- spiel, Herz und Geist und lebendigem, unerschütterlichem, wahrhaftigem Glauben an den der spricht: — „Ich der Herr bin dein Arzt." — Halleluja!" — S. 514 „Wenn man die Kranken durch ausgehöhlte Erde, hohle Steine und gespaltene Bäume kriechen ließ, wurde durch diese symbolische Handlung eine verjüngende Wiedergeburt beab- sichtet. Liebr. Gerv. 170." An dieser Stelle habe ich unter Anderem auf einen indischen Religionsgebrauch hingewiesen, wonach der die symbolische Wiedergeburt Suchende sich in eine goldene Kuh einschliessen und dann durch die Geburtstheile derselben herausziehen läßt. Dieser Umstand gibt Aufklärung über folgende Notiz, welche unlängst die Augsb. Allg. Zeitung 1869 Nr. 255 S. 3941'' nach der Madras Mail brachte und worin es hieß: „Eine andere nicht minder theuere Feierlichkeit soll nächstes Jahr stattfinden, genannt Ernjagherpum, wobei Se. Hoheit fder Maharadschah von Travancor) durch eine goldene Kuh gebt, die dann ebenfalls geistliches Eigenthum wird." Was übrigens die Rolle der Kuh bei dieser symbolischen Handlung betrifft, so stellte sie ohne Zweifel ursprünglich die große Erdmutter dar, aus deren Schoß wir hervorgegangen, in welchen wir zurückkehren und aus dem wir, ob wirklich oder symbolisch, auch wiedergeboren werden können; deßhalb auch ließ der egyptische König Mykerinos seine Tochter in einer goldenen Kuh begraben. Herod. 2, 129, wie Osii-is die Isis in einer hölzernen. Steph. Byz. s. y. BovÖtQig. Diese ganze Anschauungsweise erklärt uns übrigens auch, warum man, wie Simrock a. a. 0. bald darauf anführt, „Leichen zwischen entzwei getheilten Wagen, die für heilige Geräthe galten, hindurchtragen, des Falls verdächtige Mädchen hindurchgehen ließ." In ersterem Falle in Be- zug auf die Leiche wird eine einstige Wiedergeburt symbolisch angedeutet. Jedoch hierüber sowohl wie hinsichtlich der der Schwangerschaft verdächtigen Mädchen verweise ich auf meine Anzeige von Wuttke's „Deutscher Aber- glaube" in den Heid. Jahrb. 1869 S. 812 zu §. 695. — S. 516. Daß die Dichtung von der Bildung des earknastein (1. iarhiasteinn) aus Kinderaugen dadurch veranlaßt wurde, daß der Waise, pupillus an Augapfel erin- nerte (vgl. Grimm DM. 1167 f.), glaube ich nicht. Die Vorstellung, daß die Sehe des menschlichen Auges ursprünglich aus einem Edelstein gebildet sei, mag wohl eine allgemeine und in der Wielandsage nur zufällig auch auf Kinderaugen angewandt sein. Vgl. WB. 1, 812 s. v. Augenstein, und so heißt es auch im neugriech. Lieds bei Passow Nr. 355: Kql^u tavs vcc LITTERATUE. 227 q)ccr] 1^ yrj xct (idrta ra t,acpvQia^ — /7ot) Ta%uv ra QrlyoTiovka nstgacs gra dax'f^v^.idicc. „Schade wäre es, wenn die Erde die saphierenen Augen ver- zehrte, welche die Königskinder als Steine in den Ringen tragen könnten." — S. 517 „Lyncurius". Dieser Stein sollte nicht aus den Augen des Luchses, sondern aus dessen Harn entstanden sein , worauf schon der Name hin- deutete, wie man glaubte, s. z. B. Plin. 8, 38 (57), der übrigens wie das ganze Alterthum das Wort als Neutrum gebraucht (Lyncurium, AvyxovQiOv); die männliche Form ist späteren Ursprunges. — S. 521 „Umzug mit dem Bären." Dieser Bär erweckt die Frage, wie wohl dieses Thier zu der ihm bei mancherlei deutschen Volksfesten zugetheilten Eolle gekommen sein mag (vgl. Kuhn und Schwartz NS. im Reg. s. v. Bär), da es doch sonst im ger- manischen Alterthum, außer in der Thierfabel, fast gar nicht auftritt. Mir scheint hier deßhalb eine schon vor langer Zeit eingetretene Verwechslung zu Grunde zu liegen, indem Bär auch einen Bachen oder Eber bedeutet (WB. 1, 1124), welcher letztere als Fro's Thier bei jenen Festen weit mehr an seiner Stelle wäre, so z. B. zu Lätare in Halberstadt^ wo St. Stephan auf Fro zu weisen scheint (Simrock 245); zu Weihnachten (NS. 403), wo ja der sonargöltr (jetzt in Schweden julgalt) eine so große Rolle spielte, wie auch jetzt noch nach geldrischem Aberglauben Derk mit dem Beer (Dietrich, d. i. wahrscheinlich Fro , mit dem Beer) in der Christnacht seinen Umzug hält; ferner bei Hochzeiten (NS. 433 Nr. 281), wo das Thier des Gottes der Fruchtbarkeit und des Ehesegens gleichfalls besser hingehörte als der Bär; ebenso tritt zu Pfingsten ein Bär auf (NS. 384), dagegen in Dänemark der gadebasse, was Grimm DM. 736 durch „Gassenbär" erklärt und mit diesem Bär wiederum Eber gemeint ist; denn das dän. basse bedeutet nur letztern, obwohl Grimm wegen des altn. bassi, Bär und Eber, es für erstem genommen hat. Deshalb auch wird ferner bei dem DM. 745 erwähnten Wildifer (Wilde- for) nicht die Bärenhaut, sondern der Name das Ursprüngliche und letztere nur später hinzugefügt sein, um einen vermummten Tanzbären zu erhalten. Auch Wilhelm Grimm nimmt an, Wildeber werde wohl, wie der Name schon anzeigt, nicht als Bär, sondern als gezähmter Eber umhergezogen sein (Heldens. 30. 388. Erste Aufl.) — S. 552 „Man darf vermuthen, daß Skakespeare, dem die alte Symbolik so lebendig war, eben aus diesem Grunde die Hochzeit des Theseus mit der Hippolyta auf Maitag legte." In England sind jedoch Hochzeiten im Mai sehr verpönt. „It is a common notion amongst ladies that May-marriages are unlucky." Choice Notes from Notes and Queries 1, 190 f., wo dieser Aberglaube auf den römischen (Mense malas Maio nubere vulgus ait. Ov. Fast. 5, 490) zu- rückgeführt und erwähnt wird, daß er um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Italien noch bestand, wie er jetzt noch in Frankreich allgemein unter dem Volke sich findet, so daß in Berry sogar jede unter üblen Anspielen ge- schlossene Hochzeit eine Maihochzeit (mariage de mai) heißt. Edel. Du M^ril Etudes sur quelques points d'Arch^ol. Paris 1862 p. 121. — S. 558 „Eine große Menge Figuren ist bei dem schwäbischen P fingst- ritt betheiligt." Einen gleichfalls mit zahlreichen Figuren versehenen alten Pfingstzug durch die Straßen von Huy (an der Maas, nicht weit von Lüttich) schildert Alberic. Trium Font, ad ann. 1224 (2, 513) auf folgende Weise: „Universitas Hoyensium tam senes quam juvenes masculini sexus an- 228 LITTERATUR. tiqnos ludos, vestibus mulierum induti, barbis rasis, redncunt ad memoriam: habebant enim praecellentes personas secundum diversitates loco- rum, Imperatorem videlicet, Regem, Ducem, Comitem et Abbatem. Quidam eorum erant armati loricis et galeis fulgentibus, gladiosque nudos portantes in manibus suis: pellifices habebant pellicea grisea et vulpina deforis pilos habentia, et omnes alii, prout poterant, ad modum mulierum erant ador- nati, qui quomodolibet [quolibet; Chapeav. 2, 241 nach dem Magnum Cbron. Belgic] die festi pentecostes, nullo domi remauente, ibant processionaliter bini et bini per vicos et plateas cantando et ad diversa loca extra oppidum cho- reas dicendo [ducendo. Chap.]" Bemerkenswerth sind hier besonders die als Frauen verkleideten Männer und man denkt dabei an den von Tacit. Germ. 43 erwähnten Priester in weiblicher Tracht; vgl. Kuhn, Mark. Sag. S. 346, wonach in der ehemaligen Grafschaft Ruppin in der dem Weihnachtsfest zu- nächst voraufgehenden Woche auf dem Lande ein Umzug gehalten wird, wo- bei mehrere Bursche sich als Weiber verkleiden und „die Feien" heißen. Ebenso ziehen in der Woche vor Ostern die jungen Bursche in Ost-Lancashire auf dem Lande umher, wobei die einen Instrumente spielen, die anderen tan- zen und sich gelegentlich auch junge Frauenzimmer anschließen, in welchem Falle sie Männerkleidung, die Bui-schen dagegen Frauenkleidung tragen. Man erinnert sich bei diesem Kleidertausch an die Feste, welche einst in Vorder- asien zu Ehren der Aschera, des Baal-Melkart usw. auf gleiche Weise ge- feiert wurden; s. Bachofen, Die Sage von Tanaquil S. 52 f. Anm. 19. Chwol- son. Die Ssabier und der Ssabismus 2, 470. 731 n. 95. — S. 571 „Liebrecht He id. Jahrb. 1868 Nr. 6." Nicht ich, sondern der das. S. 82 ron mir an- geführte Bastian sieht in dem dort erwähnten Gebrauch der Naturvölker eine Spur deutschen Volksglaubens. Diese Gelegenheit zur Ausübung des suum cuique will ich zu der Bemerkung benützen, daß meine von Simrock 507 berührte Zurückführung von main de gloire auf mandragora, wie ich erst später wahrnahm, sich bereits DM. 1155 findet. Hiermit schließe ich die Heihe der Einzelnheiten, die sich mir bei Le- sung der neuen Auflage von S.'s Myth. geboten und komme nun auf ein anderes Capitel, das bei fast allen in Deutschland gedruckten Büchern eine ebenso große wie unangenehme und störende Rolle spielt; ich meine das der Druckfehler; leider ist dies hier kein sehr kurzes, was um so mehr zu be- dauern, als die betreuenden Irrthümer meist sich auf Citate beziehen. Da nun dieselben sich oft sogar in allen dreien oder doch den zwei letzten Ausgaben wiederholen, so will ich die wichtigsten, so v/eit sie mir aufgefallen, hier ver- zeichnen und hoffe damit einen nicht unwillkommenen Dienst zu erweisen. Also S. 30 Z. 7 lies 58; — 93, 4 1. 90; — 130, 12 v. u. 1. 1868; — cbend. 11 v. u. st. Tripe 1. Tere; — 135, 8 st. werthe Fürsten 1. bewährte Leute; — 139, 11 1. un verlorenen; — ebend. 13 1. verlorenen; — 171, 4 V. u. I. Wölsung; — 178, 9 v. u. 1. jedes; — 185, 3 v. u. 1. VII; — 199, 4 1. 481; — 234, 3 statt f. M. S. lies f. M. ; — 235, 10 1. Lokh- man und Villano; ebend. 11 1. 260; — 240, 10 st. Sohn 1. Gatte; — 258, 19 1. Lex; — 260, 7 1. v. d. Hagens German. 1, 288; — 275, 19 1. GDS.; — ebend. 29 1. 19; — 277, 12 v. u. 1. heimskastr; — 285, 18 1. Nr. 92 S. 41; — 316, 2 1. RA. 901; — 356, 13 v. u. 1. 56; — 317, 7 v. u. st. 32 1. 31; — 320, 4 v. u. 1. 56; — ebend. letzte Zeile 1. Antwerpen und Manneken-Pis ; — LTTTERATUR . 229 324, 10 St. MW. 1. WM.; — 325, 5 1. Sta£fordshire ; — 328, 3 2. 13 1. von Freyja auf Frigg; — 331, 6 statt der 1. den; — 347, 3 v. u. 1. 65; — 352, 6 V. u. 1. aux neiges; — 355, 17 v. u. 1. angulus; — 362, 9 v. u. 1. 173; — 370, 19 V. u. St. 645 1. I, 6; — 377, 7 st. Wanzen 1. Warzen; — 3 79, 4 v. u. 1. Twelfth; — 382, 16 v. u. st. Jnk 1. Ink; — 401, 7 1. 177; — 418, 10 v. u. st. sie 1. die draci; — ebend. 9 v. u. 1. 988; — ebend. 8 v. u. 1. ihren schwachen Abkömmlingen; — 430, 3 1. welchen; — 432, 3 1. verlangen; — 435, 6 V. u. I. 479; — 446, 18 1. 229; — 457, 2 v. u. 1. kveldridur; — 465, 5 V. u. 1. das anderemal Skirnir für den Freund; — 501, 20 1. S. 394; — 506, 13 1. veum; — 511, 17 v. u. 1. VI; — 512, 14 v. u. 1. 1115; — 531, 8 V. u. 1. So erzählt man in Eichsfeld; — 541, 8 1. twelve; — 543, 19 1. von ihm; — 553, 23 1. der der Hochzeit; — 571, 20 1. MS. 363; — 583, 15 ]. 478. Ich will hier nur noch auf einige der bereits erwähnten größeren Zusätze zu dieser neuen Auflage zurückkommen ; sie befinden sich fast alle in dem späteren Theil; so z. B. der ganz neue §. 130" (S. 464 — 470), worin sämmt- liche in dem ganzen Werke an verschiedenen Stellen dargelegte Berührungen der Götter- und Heldensage übersichtlich zusammengestellt sind; der §. 145 hat auf S. 541 — 547 eine anziehende Erweiterung erhalten, worin die Nach- wirkung und die Spuren der Vorliebe der alten Deutschen für den „grünen Wald" auch in heute noch vorhandenen Sitten und Gebräuchen nachgewiesen werden; auf S. 551 — 554 findet sich das Hauptsächlichste wiedergegeben aus der Abhandlung, welche S. seiner Übertragung von Shakesi'Care's Midsummer- night's Dream (Hildburgh. 1868) beigefügt und worin er sich darüber rechtfertigt, daß er jene Benennung durch „Walpurgisnachtstraum" wieder- gegeben u. s. w. Von kürzeren Zusätzen hebe ich nur den auf S. 260 hervor, woraus erhellt, daß S. die so schöne Darlegung Uhlands (Schriften VII, 567 bis 588) in Betreff des Entstehens der Sage vom Herzog Ernst für nicht zutreffend erachtet und statt einer historischen Grundlage derselben eine mythische annimmt, die nähere Ausführung dieser Ansicht aber sich vorbehält. Anderes übergehe ich und will nur noch mit vorzüglichem Lobe das Register erwähnen, welches in dieser Auflage mit ganz besonderer Sorgfalt gearbeitet ist und zur bequemen Benutzung der „Mythologie", die sich eine so hervorragende und wohlverdiente Stelle auf dem Gebiete, dem sie angehört, erworben, nicht wenig beitragen, so wie dieselbe immer weiteren Kreisen zur Belehrung nahe brin- gen wird. LÜTTICH. F. LIEBRECHT. Kumpelt, Dr. H. B. , das natürliche System der Sprachlaute und sein Ver- hältniss zu den wichtigsten Cultursprachen mit besonderer Rücksicht auf deutsche Grammatik und Orthographie. Halle 1869. 8. Es ist eine verdienstliche Aufgabe, die hier auf eine sehr ansprechende Weise gelöst wird. Physiologie und Linguistik sind hier zum erstenmale in geordneter Systematik mit einander verbunden und die Resultate ihrer natur- gemäß getrennten Arbeit als ein Ganzes in übersichtlicher und klarer Darstellung vorgelegt. Die populäre Haltung eines solchen Buches rechtfertigt sich von 230 LITTERATUR. selbst; sie ist in diesem besondern Falle, wo sie auf gründlicher Sachkenntniss nach beiden Seiten hin beruht, um so berechtigter, als es sich um die Ver- breitung großer wissenschaftlicher Thatsachen von allgemeiner Gültigkeit und nicht bloß um die isolierte Berücksichtigung einer einzelnen Sprache oder Sprach- erscheinung handelt, obwohl selbstverständlich, wie auch der Titel anzeigt, die Erscheinungen unserer deutschen Sprache den Ausgang und das Ziel der Unter- suchungen bilden. Je mehr aber dieses Buch nicht bloß dazu bestimmt ist, eine bisher schmerzlich empfundene Lücke auszufüllen, sondern durch Form und Inhalt sich ohne Zweifel in einem ausgedehnten Leserkreise wohlverdiente Anerkennung und Autorität erwerben wird, um so mehr scheint es gerathen auf einige Punkte hinzuweisen, wo nach unserem Bedünken die Ansichten des Verfassers oder seiner Gewährsmänner einiger Beschränkung oder Erweiterung bedürfen. Wir glauben damit der Sache, die er mit so vielem Talente und Eifer vertritt, am besten förderlich zu sein , wenn wir gewisse Einseitigkeiten , wie sie sich auf so natürliche Weise bei den Vertretern eines relativ neuen wissenschaftlichen Principes geltend zu machen pflegen, in dem Flusse einer unbefangenen und wahrhaft objectiven Kritik aufzulösen bestrebt sind. Denn es ist keine Frage, daß unsere Linguistik im Durchschnitt noch viel zu wenig die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen oder physiologischen Betrachtung der Sprachlaute sich zu eigen gemacht hat, aber es ist ebenso wenig fraglich, daß ihr der Zutritt zu diesem Felde nicht gerade durch ein Entgegenkommen von jener Seite er- leichtert worden ist. Zuvörderst constatieren wir diese Thatsache, von der wir herzlich wünschen und auch mit Zuversicht hoffen, daß sie recht bald ein überwundener Stand- punkt heißen möge. Es scheint uns nämlich, als wenn der Verfasser dieses Buches in einer gewissen Verstimmung, wie sie sich ja so leicht gegenüber der vis inertiae des Publicums bei einem eifrigen und von seinem Stoffe ganz er- füllten Forscher zu erzeugen pflegt, doch mit etwas zu schwarzer, oder wenn man lieber will grauer Farbe den gegenwärtigen Zustand der Liiutlehre, ins- besondere auf dem Specialgebiete der deutschen Grammatik gemalt hätte. Es ist wahr, Jacob Grimm ist niemals auf die physiologische Seite des Lautwesens consequent eingegangen, weil ihm dazu, wie es seheint, ebensowohl die Neigung wie die Vorkenntnisse gebrachen. Doch hat er wenigstens überall, wie ja auch Hr. R. oft genug erwähnt, auch dem lebendigen Klange nachzuspüren getrachtet, so gut er es nach seinen empirischen und sporadischen Hülfsmitteln vermochte. Daß er sich dabei mitunter geirrt, daß er namentlich die urkundlich fixierte Gestalt des Buchstabens als das Maßgebende betrachtet und von dieser aus seine Folgerungen auf das Wesen des dadurch dargestellten Lautes nicht immer das richtige treffen konnte, ist ein offenbares Geheimniss, wenn es auch noch nicht oft mit so rückhaltloser Schärfe, wie es hier geschieht, dargelegt worden ist. Daß sich manche unter seinen Schülern und Nachfolgern — und wer, der wissenschaftlichen Sprachstudien ergeben ist, wird es sich nicht zur Ehre anrechnen, zu den einen oder den andern, oder in gewissem Sinne zu beiden zu gehören — mit den physiologischen Irrthümern des Meisters zufrieden gaben oder neue damit verbanden, ist unläugbar. Doch ist damit weder der Fortsetzung und weiteren Durchführung des großen von Jacob Grimm begonnenen Werkes einer wahrhaft historischen Betrachtung der Sprache überhaupt und der deut- LITTERÄ.TUR . 231 sehen insbesondere, noch dem physiologischen Erkenntniss der Lautvorgänge ein wesentlicher Eintrag geschehen. Datiert die letztere, so weit sie von der Hand der eigentlichen Sachverständigen geschaffen ist, überhaupt doch erst aus dem letzten Jahrzehent, denn was vor 1856, vor Brücke's Grundzügen, auf diesem Gebiete geleistet war, muß doch bei allem Verdienste im Einzelnen als unzureichend gelten. Der Linguistik ist also erst seit verhältnissmäßig kurzer Zeit Gelegenheit gegeben, die physiologischen Hülfsmittel, die sie aus sich her- aus unmöglich schaffen konnte, zu benützen, und wenn man die Kürze der Zeit ei-wägt, kann man billigerweise mit dem Erfolge nur zufrieden sein. Es bedarf nur der Verweisung auf Rudolf v. Raumer, der das Lautsystem der deutschen Sprache in seinen sprachwissenschaftlichen Abhandlungen beinahe von allen Seiten her und an allen Stellen mit seiner ebenso gründlichen wie licht- vollen Methode gewissenhaftester Prüfung des Thatbestandes wie kein Anderer aufgestellt hat. Aus ihnen allein ließe sich eine systematische Darstellung des- selben herstellen, die wenig Lücken und noch weniger erhebliche Irrthümer zeigen würde. Hr. R. läßt den eminenten Verdiensten dieses Forschers, wie sich von selbst versteht, die gebührende Anerkennung zu Theil werden, aber er steht damit nicht allein. Ein Blick auf die neuere linguistische, speciell germanistische Litteratur zeigt, daß alle Mitstrebenden die Leistungen eines so hervorragenden echten Schülers und Nachfolgeis von Jacob Grimm wohl zu würdigen und zu vei-wenden wissen. Es ist damit zugleich die Thatsache auf die glänzendste Weise festgestellt, daß die streng historische und die exact physiologische Be- trachtung der Sprache von einem und demselben Forscher mit gleicher Meister- schaft gehandhabt werden kann, und diese Thatsache genügt, um den großen Fortschritt, der aus dieser Verknüpfung für die Linguistik hervorgeht, gegen alle antiquierten Vorurtheile, gegen die Bequemlichkeit und Trägheit, aber auch gegen den allzu jähen Eifer einseitiger Vorliebe für die bloß naturwissenschaft- liche Betrachtungsweise der Sprache sicherzustellen. Auch dieser ist der Sache nur schädlich , und gibt sich , wie ein Blick auf so manche exclusiv physio- logische Erklärungsversuche der Sprachprocesse beweist, welche die neueste Zeit hervorgebracht hat, arge Blößen. Denn eine unbefangene, von allgemein wissenschaftlicher Durchbildung getragene Erwägung des Sachverhalts wird bald erkennen, daß doch immer nur ein relativ kleiner Theil des ganzen Sprach- lebens vor der Loupe oder unter dem Kehlkopfspiegel der Physiologen sichtbar oder gar verständlich wird. I. Die erste Veranlassung, nach unserer Absicht Einiges zur Erläuterung und Verständigung zuzufügen, gibt uns eine Anmerkung auf p. 37: „Den Laut- werth der Vocale nach ihrer etymologischen Herkunft bestimmen zu wollen, ist ein äußerst mißliches Unternehmen. Insbesondere ist die Behauptung J. Grimm's, das deutsche e habe einen verschiedenen Laut, je nachdem es aus a oder aus i stamme, nur mit der größten Behutsamkeit aufzunehmen und für weite Land- striche ganz gewiß falsch." Zuvörderst behauptet J. Grimm den Unterschied der beiden e nur „für die Hauptfalle" D. G. 1^, 220, ohne freilich zu be- stimmen, was er darunter meint. Eine durchgreifende Zusammenstellung und Untersuchung aller e-Laute der gegenwärtigen Sprache, in ihrem Lautwerthe verglichen mit dem der früheren Zeit, kurzweg des Mhd. ist weder von ihm, noch — so viel wir wissen — von irgend einem Andern versucht worden. Und doch wäre dieß eine unerläßliche Vorarbeit; ehe sie gemacht ist, wird es allen- 232 LITTERATUK. falls erlaubt sein, wie es hier geschieht, sich mit allgemeinen Muthmaßungen in der Form von Behauptungen zu begnügen, aber der Linguistik erwächst daraus kein Gewinn. Eine solche Untersuchung wäre sicherlich unendlich schwierig, aber ihre Ergebnisse würden die Mühe belohnen. Sie müßte zuerst eine Statistik der gegenwärtig lebendigen Aussprache des Schriftdeutschen durch ganz Deutsch- land geben und nachweisen, wie die verschiedenen hier in Frage kommenden Buchstaben und Buchstabenverbindungen e, d', ae, ee, eh, äh wirklich lauten ; daran würde sich eine ebenso sorgfältige Statistik der Aussprache im eigent- lichen Volksmund schließen, und beides zusammen wäre dann mit der gebildeten mhd. Aussprache und mit dem, was wir von den eigentlichen Volksmundarten jener Periode wissen, zusammenzuhalten. Die mhd. Schreibweise, die in aus- gedehnter Weise phonetisch ist, erleichtert diese an sich sehr bedenkliche Unter- suchung in etwas, ebenso gibt der Reimgebrauch der feinhörigen Dichter des Mittelalters bekanntlich auch für die meisten Fälle eine sichere Handhabe. Aus beiden Hülfsmittelu läßt sich wenigstens entnehmen, in welchen Fällen eine Identität des Lautes stattgefunden haben muß , und in welchen trotz der glei- chen Schreibung e, was für die sog. Brechung, den Umlaut und die aus früherem Diphthong entstandene Länge in gleicher Weise zur Verwendung kommt, doch eine erhebliche Differenz im Lautwerth angenommen werden darf. Wie freilich der lebendige Laut des Mhd. selbst in dieser seiner Verschiedenartigkeit ge- klungen habe, läßt sich nur vermuthen, aber nicht beweisen. Gewöhnlich wird angenommen, das aus dem i entstandene e sei unserem sog. geschlossenen, das aus dem a entstandene unserem offenen gleichzustellen; e, wie wir es in unseren kritischen Ausgaben, die Handschriften aber bekanntlich sehr selten bezeichnen, unterschiede sich im Bereiche der Längen dann ebenso von ae. Indessen lassen sich doch auch, worauf wir schon bei anderer Gelegenheit aufmerksam machten, sehr erhebliche Gründe für die entgegengesetzte Auffassung anführen. Der Gegenstand möchte für die Bestimmung des heutigen Lautwevthes insofern eine nicht bloß archäologische Bedeutung haben, als es nicht gleichgültig ist, zu wissen, ob die heutige Aussprache erst der modernen Zeit angehört, oder im Wesentlichen schon vor 700 Jahren vorhanden war, und deßhalb sei er der Forschung angelegentlichst empfohlen, die ihn bisher wenig beachtet hat. Der gegenwärtige Lautstand des e aber ist im Großen und Ganzen eben doch kein anderer, als ihn J. Grimm bezeichnete, nur daß mit seinen „Hauptfällen" wenig geholfen ist. Kurz zusammengefaßt liegt die Sache so: alle deutschen Dialecte ohne Ausnahme , §o weit sie wirklich noch die ungestörte Volkssprache dar- stellen, unterscheiden zwei e-Laute — abgesehen von den vielen möglichen und wirklichen Nuancen — die im Wesentlichen sich unter die Terminologie eines offenen und eines geschlossenen bringen lassen. Daß der erstere bis nahe an ein wirkliches a herandringen und von einem weniger scharfen Gehör geradezu für ein solches genommen werden kann, ändert so wenig an diesem Haupt- und Grundverhältniss, wie die andere Thatsache, daß das geschlossene e mund- artlich bis nahe an's i zu streifen und mit ihm verwechselt zu werden pflegt. Prüft man die Vertheilung dieser beiden Laute nach den Postulaten der Sprach- geschichte, so ergibt sich, daß der erstere dem mhd. e, um diese allgemein geläufige Bezeichnung zu gebrauchen, der andere dem e entspricht. Ausnahmen sind zugegeben, aber sie werden sich alle unter feste Gesetze bringen lassen: entweder hat der Einfluss folgender Consonanten oder eine falsche Analogie, LITTERATUR. 233 die nicht bloß die „Gebildeten" oder Buehgelehrten, sondern auch das „naive Volk" recht oft auf Irrwege leitet, sich eingedrängt. Das eine ist unzweifelhaft vor der Consonantenverb. rd, rt, rz geschehen, wo die meisten Mundarten nur e. dulden, was sogar in die gemeinschriftdeutsche Aussprache übei'gegangen ist, das andere scheint nur in vereinzelten Beispielen und am meisten in solchen Mundarten aufzutreten, die einer vielfachen Berührung mit undeutschen Sprach- elementen ausgesetzt waren. Wenn sich Hr. R. gegen J. Grimm's Axiom auf seine schlesische Volksmundart beruft, die regen pluvia nicht von regen movere unterscheide, so geben wir die Thatsache zu, d. h. Jedermann wird diese Aus- sprache leicht vernehmen können, aber bei einiger Aufmerksamkeit wird er in den Grenzen desselben Dialectes noch einer ganz andern begegnen, die beide Wörter sehr wohl von einander trennt, und entweder ragen und regen, oder wohl auch ragen und riägen mit dem so beliebten „halben" Diphthonge, oder auch regen und riegen zu sprechen versteht. Der Volksmund hat auch überall sich die Fähigkeit bewahrt, die Hr. R. an einer andern Stelle dem heutigen deutschen Organ abspricht, c als wirkliche Kürze zu sprechen, und zwar nicht bloß vor Consonantenhäufungen, wie in ende, held oder in allen den Fällen, wo die nhd. Orthographie aus etymologischen Gründen ä schreibt, um den ursprünglichen Vocal des Thema's zu bezeichnen, also z. B. in loände, hände, von wand, hand, obwohl — setzen wir hinzu — der Einfluss der Schule oder der höheren Bildungssprache dieses nicht bloß historisch berechtigte e mehr und mehr verdrängt. Wo sich eine deutsche Mundart überhaupt die Fähigkeit bewahrt hat, die altberechtigten kurzen Vocale vor einfachem Consouant zu sprechen, wie es noch in vielen Landstx-ichen des Südwestens gehört wird, da ist auch noch immer ein wirkliches reden, legen, heben, nicht ein reden, legen etc. zu vernehmen, der Quantität und möglicherweise auch der Qualität nach identisch mit dem mhd. Laute, der uns freilich vom streng historischen Standpunkt, weil Umlaut des a, als ein e zu gelten pflegt. Die „gebildete" Aussprache hat dieß natürliche Verhältniss ohne Zweifel sehr oft verrückt — wie wäre sie sonst gebildet, wenn sie es nicht gethan hätte? — aber ganz zerstören konnte sie es doch nicht. Hr. R. möge sich nur hüten, zufälligen Spielarten des Lautes, wie er sie in seiner nächsten Umgebung vernimmt, irgend eine Allgemeingültigkeit zuzuschreiben; wenn die (d. h. manche) „Gebildeten" regen pluvia und regen movere nicht von ein- ander unterscheiden, so haben wir doch schon nachgewiesen, daß es das Volk noch sehr wohl versteht, und anderwärts verstehen es auch solche, die nicht zu dem Volke in diesem Sinne zählen. Es ist wahr, die Schule und falsche Analogie, wie sie sich so begreiflich aber doch so störend in eine wesentlich auf reflectierter Handhabung beruhende Schriftsprache einzudrängen pflegt, haben z. B. dem Umlaut des «, weil er graphisch mit ä bezeichnet wird, ganz gegen die sonst instiuctiv befolgte Regel den Werth eines ofi'enen e gegeben, so daß e in Hände ebenso klingt wie in geben, und die Volkssprache fügt sich dieser Verunstaltung mehr und mehr. Denn eine Verunstaltung wird es nicht vom pedantischen Standpunkt des archäologischen Linguisten, sondern von dem wahrhaft frei- und weitsichtigen des lebendigen Kenners der Sprache heißen müssen, wenn zwei Laute, die dazu bestimmt sind, unzählige Wörter und Formen auseinanderzuhalten und die ohnehin so bedenkliche Monotonie in der sinnlichen Erscheinung der Muttersprache auf das energischste zu unterbrechen, zusammen- GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 16 234 LITTERATLTE. gewürfelt werden. Wo ein deutscher Sprachunterricht existiert, erscheint es uns als eine seiner wesentlichsten Aufgaben , klar in das Sachverhältniss zu sehen und nicht zu weiterer Verunstaltung der Muttersprache, also zu dem Gegentheil dessen, wozu er bestimmt ist, beizutragen. Wir haben bisher nur das Verhältniss der jetzigen e-Laute zu den mhd. Kürzen besprochen. Die andere Seite, das Verhältniss zu den mhd. Ijängen e und ae, bietet größere Schwierigkeiten, weßhalb wir es hier auf sich beruhen lassen. Nur das Ergebniss sei kurz ausgesprochen; auch hier ist die berechtigte Doppelnatur des e bis heute von allen Mundarten gewahrt, und nur hie und da in der gebildeten Sprache verstört aber nicht zerstört. II. Die Bezeichnung der vocalischen Länge im Neuhochd. ist begreiflich auch hier ein Gregenstand der Erörterung. Alle Systematiker sind darüber einver- standen, daß die jetzige Inconsequenz nicht länger haltbar sei. Die Mittel der Abhülfe werden bekanntlich sehr verschieden gewählt. Die eigentliche Praxis geht inzwischen langsam, aber consequent auf ein bestimmtes Ziel los, nämlich alle besondere Bezeichnung der Quantität ganz aufzugeben. Die Doppelvocal- zeichen sind auf diese Art schon fast beseitigt und sehr viele k mit ihnen. Da es so steht, wird man sich auch mit der Einführung neuer Längezeichen nicht einverstanden ei-klären, gleichviel ob man sie als Circumflexe, oder wagrechte Striche, oder auch als das bekanntlich als Dehnungszeichen gewissermaßen historisch berechtigte h, consequent angewandt, einführen will. Die Circumflexe scheinen von technischer Seite her am wenigsten zu empfehlen, weil sie den Druck und die Schrift am meisten erschweren würden, ähnliches gilt von den Längestrichen, am bequemsten wäre noch das h, wenn man sich erst daran gewöhnt hätte, so viele „überflüssige" Buchstaben mehr zu setzen. Am besten ist es also von Seite der Systematiker, gar nicht gegen die doch unaufhaltsam sich vollziehende Thatsache zu remonstrieren , sondern sich ihr zu fügen. Das ßedürfniss nach möglichster Kürze der doch immer nur symbolischen, also nur bis zu einer gewissen Grenze ausreichenden Widergabe des Lautes, die Analogie aller anderen europäischen Schriftsysteme, von denen kein einziges eine con- sequente Bezeichnung der Längen durchgeführt hat, die meisten aber gar nicht einmal den Versuch dazu machen, streitet für sie. Darum möge man überall da, wo es auf wissenschaftliche Betrachtung der Sprache abgesehen ist, auch für unsere mhd. Vocale Längezeichen — gleichviel welche — gebrauchen, über die man sich leicht verständigen wird, die eigentlich lebendige Verwendung der Sprache in Schrift und Druck kann ihrer entrathen, wie sie deutlich zeigt. Sie kann es um so mehr, weil sie mit richtigem Instincte, wie es scheint, her- ausfühlt, daß sie gerade in den Fällen, wo etwa ein Fremder über die deutsche Quantität schwanken könnte, wo es also hauptsächlich darauf ankäme, dem Irrthum vorzubeugen, selbst nichts allgemein gültiges bieten könnte. Man er- wäge die einsilbigen Wurzelwörter mit einfachem consonantischem Schlüsse, wie Bad, Tag, Lob etc. Zwei Drittel, ja drei Viertel aller gebildeten Deutschen sprechen sie — historisch erklärbar durch den Einfluss des centraldeulschen Lautwerthes auf die allgemein deutsche Aussprache seit dem 16. Jahrb. oder, sagen wir frischweg, seit Luther — als vollkommene Längen: die Quantität des a in Bad, Tag ist die nämliche wie die in loahr, Rafh, das o in Lob dasselbe wie in los, und nur in einigen Strichen des Nordostens hört man noch die historisch begründete Kürze, aber freilich selten die reine LITTEEATUR. 235 der mhd. Periode, meist die geschärfte, wie sie überall im Nhd. iii hoch- tonigen Silben durchgedrungen ist, so weit sie nicht eine Verlängerung des Stammvocals erfahren haben. Insofern ist die Identificierung dieser Spielart der nhd. Aussprache mit der mhd., die auch Hi-. R. wie mancher andere deutsche Grammatiker vollzieht, doch nur sehr bedingt zuzugeben. Selbst in der Aussprache der Grebildeten seiner Heimat, der er hier wie anderwärts eine ihr keineswegs zustehende Allgemeingültigkeit für ganz Deutschland bei- legt, lautet Tag nicht mit der einfachen Tenuis k aus, wofür mhd. gewöhnlich c geschrieben wird, sondern mit der aspirierten Tenuis, wofür man k oder kh schreiben dürfte. Auch klingt dieser Schlusslaut in den meisten Fällen nicht als ein einfacher Consonant, sondern als Doppelconsonant, um einst- weilen diese herkömmliche aber wissenschaftlich unzureichende Bezeichnung zu gebrauchen, deren Werth zu prüfen sich bald Gelegenheit geben wird. Man müßte consequ enter Weise, wollte man der Aussprache völlig gerecht c werden, takk oder takkli schreiben, was freilich seltsam aussehen würde. Übrigens betonen wir ausdrücklich, daß diese Aussprache auch in den be- zeichneten Landschaften, wobei wir vorzugsweise die scblesische Heimat des Hrn. R. im Auge haben, keineswegs aus jedem Munde vernommen wird, man hört ebenso oft, namentlich im eigentlichen Volke, auch den einfachen Aus- c laut, also tak oder takh, ja mitunter auch noch die reine Tenuis, so weit diese übei'haupt von einem deutschen Munde hervorgebracht werden kann, dieselbe, die wir auch häufig, aber wahrscheinlich nicht überall in der Aus- sprache der entsprechenden mhd. Form voraussetzen dürfen. Daneben aber fehlt auch die im übrigen Deutschland gültige Aussprache nicht, des g als einer Aspirate, und zwar findet sie sich nicht bloß bei Eingewanderten, welche die heimische Gewohnheit festhalten, sondern auch strichweise im eigentlichen Volke, wo nicht an fremde Einfliüsse gedacht werden kann, und damit das Maß voll werde, kann man auch noch die reine Media im Aus- laut hören, also ein wirkliches ^, nicht ein k oder kh, aber auch nicht ein g oder gh, wie weitaus in den meisten andern deutschen Landschaften. Die Quantität des vorhergehenden Vocals ist selbst wieder eben so viel Modificationen unterworfen, so daß also tak und täk, tak und tat, tag und tag oder g neben und durcheinander oft in demselben Munde gelten, nur ein t&kk ist selbstverständlich unmöglich, denn die Verdoppelung dis Con- sonanten ist hier nichts weiter als das Hülfsmittel zur Erhaltung der Kürze des bochbetonten Stammvocals. In der Aussprache tak berührt sich diese Mundart — rein zufällig — mit manchen des Südwestens, die im Auslaut die alte mhd. Tenuis noch bewahrt haben. HL Wir haben im Vorigen das schwierige Gebiet der Doppelcousonanteu schon gestreift, und wollen es jetzt noch einmal und zwar mit festerem Tritte beschreiten. Hr. R. hat durch klare und gründliche Darstellung des Sachverhaltes vom physiologischen Standpunkt aus sich das Verdienst er- worben, unsere gewöhnliche grammatische Doctrin von allerlei Irrthümern und Confusionen zu befreien, in die sie hauptsächlich durch die Schuld der Schriftbezeichnung verstrickt war. Seine Darstellung zeigt, daß auch die 16* 236 LITTERATUE, sog. Tenuis oder nach physiologischer Bezeichnung der harte Verschlusslaut, also Pi t, k, nach den verschiedenen Graden der Emphase, mit der er ge- sprochen wird, eine verschiedene Zeitdauer in der Aussprache gewinnen kann. Insofern ist es gerechtfertigt, auch auf die Consonanten das Quantitätsver- hältniss, welches man sonst nur auf die Vocale beschränkt, zu übertragen und von eonsou. Kürzen und Längen zu sprechen. Die Kürze entspräche dem, was man gewöhnlich einfachen Consonant nennt und als solchen schreibt, die Länge der Doppelconsonanz , obwohl zugegeben werden muß , daß ein solcher „langer" Consonant niemals die quantitative Ausdehnung erhalten kann, welche jeder lange Vocal unter Umständen erhält. Denn daß die vocalische Länge sich zu der Kürze immer wie 2 : 1 verhalte, ist eine nunmehr völlig antiquierte Vorstellung. Sie mag für die mechanische Be- trachtung der Metrik von Nutzen sein, für welche sie auch ursprünglich aufgebracht wurde: für die lebendige Sprache gilt sie nicht. Hier kann das Verhältniss von Länge und Kürze unter Umständen wie 3:1, 4:1 etc. sein. Dagegen dürfte es aus physiologischen Gründen nicht gut möglich sein, irgend einem Consonant — nicht bloß einer Tenuis, wo es natur- gemäß am wenigsten angeht — eine solche übermäßige Lautausdehnung im Verhältniss zu andern zu geben. Der Ausdruck „consonantische Länge" beseitigt alle die unzureichen- den Vorstellungen, die sich an die hergebrachte Terminologie Doppelconsonant heften. Denn ein Doppelconsonant wäre etwas ganz anderes, als was nach dieser Vorstellung damit gemeint sein soll. Ein Doppelconsonant, z. B. pp, würde hervorgebracht werden, wenn Lippe und Zunge zweimal hintereinander diejenigen Stellungen einnehmen, die zur Hervorbringung des einfachen p nöthig sind. Aber da, wo wir pp schreiben und sprechen, geschieht dieß nicht, sondern es wird der Vorgang nur einmal, aber allerdings mit einer gewissen Emphase vollzogen. Dieß bezeichnet die Schrift, nach derselben Analogie wie sie noch jetzt öfters ein langes a mit aa schreibt, z. B. Aal, mit zwei Lautzeichen. Für die gegenwärtige deutsche Aussprache der Gebildeten und aller Dialecte gibt es sonach — und hierin stimmen wir Hrn. R. völlig bei und haben es auch anderwärts schon geltend gemacht — nur conson. Längen, oder wie wir sie dtn-t bezeichnet haben, verstärkte oder verschärfte Con- sonanten und keine Consonantenverdoppelungen. Ob die frühere Sprache aber nicht wirkliche derartige Doppelconsonanten besessen, d. h. gesprochen habe — denn daß sie schon seit dem Gothischen geschrieben wurden, ist allgemein bekannt — dieß zu bejahen oder zu vei'neinen ist nicht so leicht. Hr. K. glaubt, daß das gegenwärtige Sachverhältniss auch maßgebend für die Ver- gangenheit sei , daß also auch die mhd. und ahd. pp, tt, ck keine wahren Doppelconsonanten gewesen seien. Doch ist aus der heutigen Aussprache kein unbedingter Schluss auf die der Vergangenheit zu machen. Wenn dem heutigen deutschen Organ die Erzeugung wirklicher Doppelconsonanten schwer oder unmöglich fällt, warum kann es nicht einstmals, wo es, wie viele Spuren andeuten, gelenkiger und behender war, diese Fähigkeit besessen haben? Doch wir wollen uns hier auf keine sprachgeschichtlichen Untersuchungen einlassen , deren Langathmigkeit sich mit unserer heutigen Aufgabe nicht verträgt. Nur eine Bemerkung sei noch gestattet: unter den heutigen euro- LITTERATUK. 237 päischen Spiachen hat wenigstens eine, die italienische, noch wirkliche Doppel- consouanten. Das ital. nn, tt, pp etc. lautet in manchen Mundarten, wie es uns ganz lebendig vorschwebt, wie zwei selbständige n etc., die mit großer Volubilität aber vollkommen vernehmbar nacheinander ertönen. Sobald man das Wesen der geschriebenen deutschen Doppelconsonanten richtig erfaßt, wird es auch keine Schwierigkeit haben, ihre heutige Stel- lung im Auslaut zu begreifen. Hr. R. ist der Ansicht, solche Doppelungen seien als einfache , oder nach seiner richtigeren Terminologie als kurze Laute zu fassen, und die graphische Gemination erscheint ilim nur als eine orthographische Pedanterie, wie wir deren so viel besitzen, als ein unberech- tigtes Festhalten der in den mehrsilbigen Formen wirklich vorhandenen Länge, wofür Doppelconsouanz geschrieben wird. In Äll^ kann etc. glaubt er also, sollte eigentlich, wie im Mhd. und im heutigen Holländischen, worauf er sich ausdrücklich beruft, nur ein einfaches Z, n etc. geschrieben werden. Undenkbar wäre es nicht, daß auch hier eine Schulpedanterie sich ein- gemischt hätte; haben wir doch oben auf ein anderes noch eclatanteres Beispiel dieser Art hingewiesen, wodurch der Lautstand der heutigen Aus- sprache wesentlich beeinträchtigt worden ist. Aber selbst wenn dem so wäre, so muß zugegeben werden, daß jetzt auch im Auslaut genau dieselbe con- sonantische Länge gehört wird wie im Inlaut, Wir berufen uns auf das Ohr eines jeden Urtheilsfähigen, ob es in All einen schwächern consonan- tischen Laut als in Alles vernimmt. Wer nun überhaupt sich bestrebt, der deutschen Schreibung ihren phonetischen Charakter zu bewahren, resp. her- zustellen, muß nothwendig bei der Schreibung all etc. verharren. Daß das mhd. und andere Zweigsprachen es nicht thun, kann ihm gleichgültig sein. Wie es sich mit dem Holländischen verhält, wollen wir hier bei Seite lassen, aber für das Mhd. wird dieser Wechsel zwischen In- und Auslaut ohne Zweifel auf einer feinen Wahrnehmung des lebendigen Lautes be- ruhen, wie ja auch die Reime beweisen. AI hat damals mit einfachem oder kurzem l ausgelautet, ohne daß wir daraus allein den allerdings sehr nahen Schluss zu ziehen wagten, in dem mhd. allen sei II als ein wirklicher Doppel- consonant, in dem oben entwickelten Sinne, und nicht bloß als eine cons. Länge gesprochen worden. Wenn Hr. R. p. 116 zur Stütze seiner Theorie sagt: „Interessant sind die Ausnahmen jener (verkehrten) grammatischen Regel: es werden nämlich im Auslaut trotz vorhergehenden kurzen Vocals nicht geminirt a) alle die- jenigen Consonanten, welche im Deutschen mit zusammengesetzten Zeichen geschrieben werden, ch , seh etc. 5 b) gewisse kleine , oft gebrauchte Wört- chen, meistens Partikeln, nämlich an, in etc.", so bedarf diese Verbindung ziemlich heterogener Erscheinungen einer erläuternden Bemerkung. Daß die als Doppelzeichen in der Schrift figurierenden ch im Auslaut nicht geminiert werden, ist eine bloß graphische Thatsache, die mit ihrem Lautwerth eigent- lich nichts zu schaffen hat. Man wollte die unbequeme Consonantenhäufung, die durch ihre verdoppelte Schreibung entstanden wäre, der Schrift nicht zumuthen, und glaubte dieß um so eher thun zu können, als man in aller Naivetät ein geschriebenes Doppelzeichen auch für einen wirklichen Doppel- laut hielt. Jetzt wissen wir freilich, daß ch ein einfacher Laut ist, auch seh ist nach unserer Überzeugung ein solcher, aber die Art der Sprach- 238 LITTERATUR, erforschung, die zu diesem Ergebniss geführt hat, ist ja erst eine Schöpfung der letzten Jahre. Keine Frage, dnß der Laut des cÄ, seh etc. ebenso wie jedor andere einfache Consonant „einer Verlängerung" zugänglich ist, also con- sequenter Weise im In- und Auslaut doppelt geschrieben werden müßte, aber die deutsche Orthographie wird sich höchst wahrscheinlich, so lange sie nicht ganz neue Zeichen für die alten zusammengesetzten, auf den Ur- sprung dieser Laute verweisenden wählt mit der bisherigen Praxis begnügen und es der lebendigen Aussprache überlassen, aiich mit „kurzem", loch mit „langem" Consonanten hervorzubringen. Was aber jene andere angebliche Ausnahme einer, wie Hr. R. sie nennt, verkehrten Regel betrifft, so schreibt das Nhd. mit vollem Rechte an, in, das, was, weil es wirklich so und nicht ann etc. spricht. Der Grund ist nicht schwer zu entdecken. Es ist nicht der, welchen J. Grimm gefunden zu haben glaubte (Gr. 1^, 214), der häufige Gebrauch, sondern die natür- liche Tonlosigkeit dieser Wörtchen. Ist ja doch , wie wir anderwärts aus- geführt haben, die veränderte Tonstärke des Nhd. im Gegensatz zu dem Mhd. überhaupt die letzte Ursache ebensowohl der sog. unorganischen Ver- längerung der betonten Vocale des Nhd. wie der sog. unorgan. Gemination der Consonanten. Und von diesem Standpunkt aus dürfte man diese Gemi- nationen vielleicht zweckmäßiger potenzierte Consonanten statt des auffallen- den „verlängerte" nennen. Daß aber manche deutsche Mundarten und in Folge dessen auch die mehr oder minder mundartlich gefärbte oder angehauchte x\ussprache der Gebildeten hie und da nicht bloß in diesen „kleinen Wört- chen", sondern auch in solchen, welche die volle natürliche Tonhöhe der eigentlichen Begriffswörter haben, doch noch den einfachen Consonanten im In- und Auslaut zu erhalten vermochte, ist schon oben bemerkt. Doch ist die Erscheinung zu particulär, als daß sie auf die Durchschnittsbetrachtung der gegenwärtigen Sprache von Einfluss wäre. Kein Zweifel, daß diese sog. unorgan. Geminationen des Inlautes ebenso wie die des Auslautes dem Nhd., im Gegensatz zu dem Mhd., einen schwer- fälligeren und derberen Charakter verliehen haben. Ob man aber den Ver- lust an geschmeidiger Beweglichkeit oder den Gewinn an Kraft und Energie des Lautes höher anschlagen will, hängt von dem Geschmacke eines Jeden ab. J. Grimm hat darin bekanntlich nur „eine Vergröberung der Aussprache und des Gefühls" empfunden, und sein Urtheil ist begreiflich für die meisten maßgebend geworden. IV. Wir haben für unsere heutige Sprache die Gemination des Auslautes als einen wesentlichen Cbarakterzug behauptet und nebenbei damit auch für unsere gewöhnliche Orthographie eine Lanze gebrochen, ohne es zu wollen, weil sie es im allgemeinen wahrlich nicht verdient. Wir sehen uns zu glei- cher Haltung genöthigt einer anderen Ansicht Hrn. R's. gegenüber p. 119: „Im Deutschen kommt auslautende Lenis (Media) phonetisch nicht vor ; die Wörter, wo sie graphisch steht, z. B. Lob, Dieb, Bad, Bad, Tag, Weg, wer- den von Jedermann gesprochen Lop, Dip etc." Nicht einmal von Jedermann oder was wohl darunter verstanden wiid, jedem, der sich einer reflectiert „gebildeten" Aussprache befleißt, in der Heimat des Hrn. R. oder in andern Landschaften des deutschen Nordostens, obwohl man hier, zum Theil auf der breiten und sicheren Basis der Volksmundarten diese Aussprache häufiger LITTERATUE. 239 hört, als in andern Theilen Deutschl.ands , auf reichlich drei Viertel des gan- zen deutschen Sprachgebietes, wo sie als Ziererei oder als Provinzialismus zu gelten pflegt. Deßhalb wird das eigentliche Sachverhältniss so zu bestimmen sein, daß die nhd. Schreibweise nach dem Grundsatze a potiori in ihrem Rechte, d. h. wirklich phonetisch ist, wie umgekehrt auch die mhd. Ortho- graphie, wenn sie hier fast einstimmig die Tennis gebrauchte, wirklich pho- netisch gewesen sein wird, was sie ja im Durchschnitt überall ist. Schon oben hatte sich Veranlassung geboten, die Natur des gegenwärtigen deut- schen Auslautes in hochbetonten Silben zu prüfen, und daran anknüpfend, wollen wir noch den eigentlich genetischen oder historischen Beweis dafür bringen, daß das Nhd. ihn gar nicht anders behandeln kann, als es fac- tisch geschieht. Es wird allgemein zugestanden werden, daß unser gegen- wärtiges Lautsystem eine entschiedene Neigung hat, vocalische Längen in hochbetonten Silben gleichsam als die natürlichen Begleiter einer folgenden Media aufzufassen und umgekehrt die Kürze und die Tenuis als wahlver- wandt zu betrachten. Wo nun Nhd. in den oben erwähnten einsilbigen und hochbetonten Formen eine vocalische Länge im Gegensatz zu der im Mhd. herrschenden Kürze durchgedrungen ist, wie dieß im größten Theile des deutscheu Sprachgebietes auch in den Volksmuudarten geschah , wird auch die Media gleichsam instiiictiv gefordert sein. So wurde aus dem Mhd. lop ein nhd. lob, ja nicht bloß dieß, sondern auch aus rät ein räd, ob- wohl hier die Tenuis wui'zelächt genannt werden muß. Und zwar geschah dieß nicht bloß im Bereiche der Mundarten, die, wie man behauptet, Tenuis und Media nicht von einander scheiden, sondern überall, mit Ausnahme einiger Landstriche im Südwesten und Nordosten, die neben andern Archais- men auch diesen erhielten und hierin, wie man es bezeichnen darf, noch auf mhd. Lautstufe stehen. Unsere nhd. Orthographie, das Product der mannigfaltigsten mundartliehen Einflüsse, durchkreuzt von verschiedenen histo- rischen Remininiscenzen und gelehrten Theoremen, stellt sonach den Sach- verhalt nur halb dar, aber wenigstens zur Hälfte richtig, doch wäre es kein Gewinn für die deutsche Sprache, wenn wir uns hier eine rein pho- netische Bezeichnung aufdrängen ließen, die überhaupt einem etwas freier und weiter umschauenden Blick nicht gerade als das absolute Ideal für eine Cultursprache erscheinen wird. Lassen wir den Volksmundarten ihr gutes, im naiven Instinct des gemein-deutschen Organs begründetes Recht, mhd. rat und 7'ät, oder gar baden und bäteii im Laut zu identificieren. In Mitteldeutsch- land haben sie es, wie es scheint, von jeher gethan, und die angeblichen niederdeutschen Einflüsse, denen man diese und andere Eigeuthümlichkeiten dieser Dialectgruppe neuerdings so bereitwillig zuschiebt, tragen nach unserer Ansicht nicht die geringste Schuld daran. Andere oberdeutsche Mundarten sind demselben natürlichen Zuge gefolgt, gleichviel ob ihre Media mit etwas geringerer Verengung der Stimmritze gesprochen wird, als in Mitteldeutsch- land. Aber für die Sprache der Gebildeten, die nun einmal bis zu einer gewissen Grenze immer ein Product der Reflexion ist und sein muß, kann der von der Orthographie festgehaltene Unterschied der Tenuis und Media dereinst noch ein sehr werthvolles Hülfsmittel zur innern Bereicherung oder vielmehr zur Wiederherstellung des früheren Reichthums der Sprache werden. Denn man mag die Sache ansehen wie man will, es bleibt immer ein 240 LITTEEATUR. höchst bedenklicher Verlust, wenn eine Unzahl von Sprachformen, die sich einst im Laute scharf von einander sonderten, in einen Brei zusammen- gerührt werden. Das pure grobe Bedürfniss, sich nothdürftig verständlich zu machen, ist doch nicht das einzige, worauf es beim Sprechen einer Cultursprache ankommt, und selbst dieß wird in unserem Falle sehr oft nicht befriedigt werden. Wenn daher unser praktischer deutscher Sprachunterricht, dessen bildenden und verbildenden Einflüssen mehr und mehr jedermann in Deutsch- land anheimfällt, anch nur aus bloßer Pedanterie scharf darauf vigiliert, daß dem ..weichen" und „harten" t ihr Recht angethan werde, so wollen wir uns darüber freuen. In diesem Falle vollzieht er wirklich die Heilung einer hässlichen Wunde an unserem Sprachkörper und es ist gar kein Unglück — auch von einem viel höheren und bedeutsameren Standpunkt aus — wenn das deutsehe gfibildete Organ jener trägen Bequemlichkeit entsagen lernt, in welcher die zuchtlos dahin bummelnden Volksmundarten begreiflich für ihr Leben gerne verharren und sich so recht gründlich wohl fühlen. Da wir es einmal mit den harten und weichen Lauten zu thun haben, wollen wir noch einen Blick auf Hrn. R's. Geschichte des Buchstaben sz im Hochdeutschen werfen, worin das phonetische und historische Sachverhältniss klar und bündig, und sowohl für den gelehrten Linguisten, wie für den gewöhnlichen Leser vollkommen befriedigend dargelegt wird. Selbstverständlich erweitert sich die Betrachtung dieses einen Lautes und seines Buchstaben- zeichens zu einer Untersuchung der gesammten s-Laute der deutscheu Sprache, welche dieselben Vorzüge wie jene kleine Monographie zeigt. Mit dem Gange der Untersuchung, wie mit ihren Ergebnissen wird man sich wohl bei einiger Unbefangenheit des wissenschaftlichen Standpunktes einverstanden erklären müssen; nur zu einigen erläuternden und berichtigenden Bemerkungen glau- ben wir auch hier berechtigt zu sein. Die doppelte Natur unseres nhd. s-Lautes steht außer Frage. Die gebildete Aussprache und alle Dialecte unterscheiden ein hartes und weiches s, wie ja alle Spiranten im Nhd. in doppelter Qualität vorhanden sind. Daß einzelne Dialecte das Gebiet beider eigenthümlich begrenzen, ändert an dieser Grundthatsache nichts. Die gebildete Aussprache des Nhd. schwankt gleichfalls, z. B. im Anlaut, wo das weiche s entschieden im Vordringen begriffen ist, aber sich doch noch nicht allgemein durchgesetzt hat. Ob es aber möglich sein wird, diesen doppelten Laut auch durch eine Differenzierung der Schriftzeichen für das Auge zu unterscheiden, wie es von verschiedenen Seiten und auch von Hrn. E. mit großem Nachdruck befürwortet wird, steht dahin. Wir besitzen freilich zwei Zeichen, aber kein Machtspruch der Doctrin wird es so leicht dahin bringen, ihre bisherige vom Stand- punkt der Lautlehre so ganz willkürliche Verwendung zu regeln. Auch ist keine große Gefahr im Verzuge: mag man immerhin das sog. Schluss-* ebensowohl in las wie in was schreiben und drucken, Niemand wird dadurch irre werden, und beide als denselben Laut aussprechen. Und hier ist es, wo wir einen Irrthum Hrn. R's berichtigen müssen, zu welchem er vielleicht durch seine allgemeine Ansicht über das Wesen des nhd. Auslautes geführt worden ist. Der allgemeinen Erfahrung zuwider behauptet er, im Auslaut stehe nur das harte s, ganz so wie er auch nur die Tenuis der Mutae hier gelten lassen will. Aber die Sache verhält sich genau so wie überall. LITTERATUE. 241 Wo im Inlaut ein weiches s steht, also nach vocal. Längen, steht es auch im Auslaut: lafen und las zeigen dieselbe Sibilans, ebenso, was Hr. K., wie wir schon oben sahen, gleichfalls läugnet, ist das s im Auslaut überall da der Gemination — in dem oben entwickelten Sinne — fähig, wo es im Inlaut eine solche zeigt, also Roßes und Boß. Und diese Gemination scheint nach unserem Lautgefühl nur das harte s zu treffen, wie ja auch nach der gemein hochdeutschen Auffassung nur die Tenues der Mutae und nicht die Mediae der Gemination fähig sind. Wollte man im Bereiche der s-Laute eine völlig phonetische Ortho- graphie durchführen, so würde auch das hochdeutsche anlautende vor s andern Consonanten, d. h. physiologisch der cacuminale Zischlaut Schwierigkeiten machen. Wie soll man springen, stehen etc. phonetisch schreiben? Scheinbar sehr einfach, gerade so wie schmieden, schmeißen, wo seh auch erst seit dem 15. Jahrhundert sich allmählich in der Schreibung festgesetzt hat. Aber das böse ch ist ja selbst für den phonetischen Orthographen ganz un- brauchbar, und es wäre geradezu verkehrt, wollte man ihm noch größeren Spielraum geben. Deßhalb wird es am gerathensten sein , auch hier alles beim alten zu lassen , d. h. auf den trotz aller Schleuderei und allem wurzelächt deutschen bornierten Eigensinne partikularistischer Querköpfigkeit doch unaufhaltsam sich vollziehenden Läuterungs- und Vereinigungsprocess mit seiner unwiderstehlichen Schwerkraft zu vertrauen , der langsam aber sicher auch hier vernünftige Ordnung und Einheit schaffen wird. Ein vor- eiliges Dazwischenfahren macht, wir erleben es in unserm lieben Deutschland alle Tage, die Confusion nur ärger. Da wir einmal auf orthographischem Gebiete uns bewegen, schließlich noch eine Bemerkung. Hr. R. verwirft mit vollem Rechte, wie jeder vor- urtheilsfieie Kenner der deutschen Sprache und aller hochd. Mundarten, jeden Lautunterschied zwischen dem aus urdeutschem t entstandenen s, sz oder wie man es nennen will, und dem altherkömmlichen «: nicht ihm allein, sondern jedem deutschen Ohr klingt messe, metior, und Messe, missa, ganz gleich, und wer es anders behauptet, faselt, mit Erlaubniss zu sagen. Will man eine phonetische Orthographie, für welche gerade hier wegen der fast unerträglichen Verwirrung der Praxis die triftigsten Gründe sprechen, so müßte man auch alle sz nach demselben Systeme behandeln wie die andern s, also z. B. helfen, hiß etc. schreiben. Aber damit ist Hr. R. nicht einverstanden: hiß, haben wir gesehen, will er überhaupt nicht gelten lassen, weil er vermeint, im Auslaut müsse die Gemination weichen, und für das s in heißen behauptet er eine andere Geltung als für das s in reifen, proficisci. Er glaubt hier ein hartes s zu hören und widerspricht sich selbst damit recht gründlich, denn wenn die aus altem t entstandenen s-Laute in Qualität den eigentlichen s ganz gleich sein sollen — was sie wirklich sind — so kann auch hier nur allein das weiche s — nach vocal. Länge — Platz haben. Für das Auge allerdings, und das wird der latente Beweggrund für diese Inconsequenz sein, würden damit eine Menge bisher geschiedener Formen zusammenfallen, aber daran pflegt ein stricter Phone- tiker ja keinen Anstoss zu nehmen. H. RÜCKERT. 242 MISCELLEN. MISCELLEN. Adolf Holtzmann. t 3. JuH 1870. Wieder liegt eines Fachgenossen Leben abgeschlossen vor uns, der in die Entwickelung der germanistischen Wissenschaft während der letzten Jahr- zehnte anregend, fördernd, zum Theil revolutionär umgestaltend eingegriffen hat. Geboren am 2. Mai 1810 zu Karlsruhe, wo sein Vater Professor am Lyceum war, mußte Adolf Karl Wilhelm Holtzmann nach des Vaters frühem Tode (1820) den Kampf mit dem Leben zeitig aufnehmen. Weniger Nei- gung, als Kücksicht auf die Nothwendigkeit einer baldigen Lebensstellung führte ihn der Theologie zu, deren Studium er seit 1828 in Halle, seit 1829 in Berlin sich widmete. Er bestand auch wirklich 1831 in Karls- ruhe das theologische Examen, und erhielt eine Vicarstelle in Kandern. Indess der innere Drang seiner Seele ließ sich, nachdem der Pflicht genügt war , nicht bekämpfen ; sein Sehnen war der Sprachwissenschaft zugewendet, und es gelang ihm 1832 von der Regierung eine Unterstützung zu einer längeren Studienreise zu erhalten. Er begab sich nach München, und 1834 nach Paris, wohin er 1836 nochmals zurückkehrte. Eine Reise nach Eng- land wurde durch seine Berufung als Erzieher der Prinzen Karl und Wil- helm von Baden 1837 vereitelt. Die nicht ausgedehnte Mußezeit seiner Stellung widmete er literarischen Arbeiten. Eine seiner Neigung ganz zu- sagende Thätigkeit und größere Freiheit für seine Arbeiten fand er jedoch erst, als er 1852 zum Professor der deutschen Litteratur und des Sanskrit an der Universität Heidelberg ernannt wurde. Dieser Periode seines Lebens, den letzten 18 Jahren, gehören daher seine meisten und bedeutendsten Arbeiten an. Holtzmann's Studien in München und Paris waren überwiegend auf das Altindische gerichtet, dehnten sich aber schon damals, hauptsächlich durch Schmellers Anregung, auf das germanische Gebiet aus. Seine orientali- stischen Arbeiten zu würdigen ist hier nicht der Ort; sie verläugnen die Eigenthümlichkeiten seines Geistes, durchdringenden Scharfsinn, kühne Com- binationsgabe , genialen Blick so wenig wie seine germanistischen. Um die Entzifferung der Keilinsjhriften hat er sich wesentliche Verdienste erworben; seine Abhandlung 'über den griechischen Ursprung des indischen Thierkreises' flSil) widerlegte eine irrige Ansicht berühmter Sanskritisten, seine indischen Sagen eröffneten weitere Blicke in die Zusammenhänge des Epos verwandter Völker. Anfang und Ende seiner schriftstellerischen Thätigkeit wurzelt jedoch auf dem deutschen Gebiete. Seine Ausgabe des althochd. Isidor (1836), MISCELLEN. 243 dessen Handschrift er in Paris abgeschrieben, zeichnet sich nicht nur durch ihre Genauigkeit als Ausgabe, sondern ebenso durch ihre namentlich gram- matischen Beigaben aus, die zum Theil von weittragender Bedeutung sind und der Forschung vorauseilten. Sie zeigen gleich im Beginn die große Begabung Holtzmann's für grammatische Untersuchungen. Die kleinen Ab- handlungen über Umlaut (1843) und Ablaut (1844) behandelten wichtige Themata in durchaus selbständiger, neuer Auffassung, auf Grundlage einer umfassenden Sprachbetrachtung; ihre Resultate waren zum Theil umgestal- tend und sind der Sprachwissenschaft im Ganzen und Einzelnen gewinn- bringend geworden. Wir sehen ihn überall unerschrocken den Meinungen berühmter Männer entgegentreten, ja es ist als behandle er mit Vorliebe Fragen, bei denen er auf Widerspruch zu stossen gewärtig sein mußte. Auch seine nächste germanistiöche Abhandlung 'über die Malberger Glosse* (1852), womit er sein Lehramt antrat, bekämpft die Irrthümer der Kelto- manen, weicht aber ebenso von J. Grimm's Erklärungen ab, indem sie einen ungleich alterthümlicheren Sprachzustand der Glosse nachzuweisen sucht. Noch mehr macht jener kampfbereite Zug sich in seinen Untersuchungen über das Nibelungenlied (1854) geltend, in denen er der bis dahin fast allgemein geglaubten Ansicht Lachmann's über die Entstehung der Nibelungen- dichtung eine schroff widerstreitende gegenüberstellte. Sein richtiger Aus- gangspunkt war die Einsicht in die Unhaltbarkeit der von Lachmann auf- gestellten Meinung; seine Gegenansicht freilich entbehrte einer streng durch- geführten Begründung und ließ im Einzelnen au philologischer Genauigkeit manches zu wünschen übrig. Jedenfalls gebührt Holtzmann das Verdienst, auch hier eine wissenschaftliche Frage von großer Tragweite in Fluss ge- bracht und von neuen Seiten beleuchtet zu haben. Seine sich daran an- schließenden Ausgaben des Nibelungenliedes, die größere (1857) und die kleinere (1858 und 1863), ebenso wie die der Klage (1859) versuchten praktisch die in den Untersuchungen niedergelegten Ansichten durchzuführen. Bald nach diesem Buche erschien sein nicht minder durch Neuheit und Kühnheit überraschendes Werk 'Kelten und Germanen' (1855), worin er ebenfalls einer noch viel weiter verbreiteten Ansicht entgegentrat, indem er darin den Zusammenhang der Kelten mit den Gaelen läugnete, dagegen den mit den Germanen verfocht. Eine wirkliche Widerlegung Holtzmann's ist nicht einmal versucht worden, man beschränkte sich auf ein paar vornehm ab- weisende Kritiken, und doch verdienen die von ihm aufgestellten Ansichten in hohem Grade Beachtung, wenngleich auch hier wie in dem Nibelungenbuche die Details der Ausführung hinter dem Entwurf zurückbleiben, und das Herbeiziehen von Zweifelhaftem die Beweiskraft schwächt. In den zahlreichen Abhandlungen der fünfziger und sechziger Jahre, womit er die Germania schmückte, tritt fast überall uns ein verwandter Zug entgegen: überall neues, anregendes, eigenthümliches, kühnes, aber freilich auch oft in Kühn- heit zu weit gehendes. Frei davon sind seine trefflichen Abhandlungen über die deutschen Glossare, das deutsche Duodecimalsystem, das gothische Adjectivum, fast ganz auch die anziehende über Artus, während 'der Dichter des Annoliedes* gerechte Bedenken erweckt. Auch in der einzigen auf die neuere Litteratur bezüglichen Arbeit , seinem Vortrage bei der Schillerfeier (1859), begegnet uns der gleiche Zug: er verficht hier Schillers Christenthum 244 MISCELLEN. und christenfreundliche Stellung gegen die herrschende Ansicht, die ihn bei- nahe zu einem griechischen Heiden macht. Seine reifste und vollendetste Arbeit, zugleich seine letzte, sollte leider ein Bruchstück bleiben: wenige Monate vor seinem Tode erschien seine 'Altdeutsche Grammatik (l. Band, 1. Hälfte, 1870), die Frucht langjähriger tiefer Arbeit und der glänzendste Beweis für die hohe grammatische Begabung seines Geistes. Nicht nur ihm mußte es im Sterben schmerzlich sein, dieß AVerk nicht vollenden zu können, son- dern jeder, dem der Fortschritt unserer Wissenschaft am Herzen liegt, muß es als einen großen Verlust für dieselbe ansehen, daß ihm die Vollendung nicht beschieden war. Mit der Geschichte der Germania steht Holtzmann's Persönlichkeit in näherem Zusammenhange als manchem bekannt ist. Von ihm gieng der erste Gedanke der Begründung einer neuen Zeitschrift aus; sein Nibelungen- buch und der daran sich knüpfende heftige Streit hatte wohl wesentlich mit dahin gewirkt. Ursprünglich wollte er die Redaction auch selbst über- nehmen, aber er trat sie, noch ehe etwas erschien, an Pfeiffer ab. Von Holtzmann rührt das Ankündigungsprogramm der Germania, welches vor und mit dem ersten Hefte ausgegeben wurde. Gleich von Anfang an war er daher einer der eifrigsten Mitarbeiter und ist es bis in die letzten Jahre seines Lebens geblieben. Wenn eine Neigung für Paradoxa uns in Holtzmann s Arbeiten über- rascht , so beruht das auf der Ursprünglichkeit und Originalität seines Geistes. Denn 'anders als sonst in Menschenköpfen malte sich in diesem Kopf die Welt ; er wandelte, von Autoritäten unbeirrt, selbständig seinen Weg und hatte den Muth, seiner Überzeugung das Wort zu leihen, das er mit Gewandtheit und Witz zu führen verstand *). Aber jene Neigung beruht auch auf einer unwandelbaren Wahrheitsliebe, die keine persönliche Rücksicht kennt, wo es den Dienst der Wissenschaft und Wahrheit galt. Er war nichts weniger als eine streitsüchtige Natur; die Milde seines Wesens mochte kaum vermuthen, wer ihn nur aus seinen Schriften gekannt und ihm per- sönlich gegenübertrat. Die akademische Thätigkeit hatte er verhältnissmäßig spät begonnen; sie war, wenn auch keine sehr ausgebreitete, doch durch die Anregung, die sie gab, segensreich und erfreulich. Auch in seinen Vorträgen gab er des Eigenthümlichen viel und setzte die Arbeit des Geistes auch im Hörsaale fort, gerade dadurch aber den Hörer fesselnd und anziehend. Es ist zu hoften, daß von dieser Seite seines geistigen Wirkens noch manches an die Öffentlichkeit ti-itt, das uns die reiche Begabung dieses Mannes noch mehr erkennen und verstehen läßt. Übersicht der litterarischen Thätigkeit Holtzmann's. I. Selbständig erschienene Arbeiten. 1836. Isidori Hispalensis de nativitate Domini, passione et resurrectione, regno alque judicio epistolae ad Florentinam sororem versio francica saeculi *) Diese Eigenschaften treten am meisten in der rasch geschriebenen Entgeg- nung 'Kampf um der Nibelunge Hort' (1855) und in seinen oft scharfen Recensioneu zu Tage. MISCELLEN. 245 octavi quoad superest, ex codice Parisiensi edidit, annotationibus et glossario instruxit Adolfus Holtzmann. Carolsruhae. 1841. Bruchstücke aus Walmikis Ramajana, übersetzt von A. H. Karlsruhe. Über den griechischen Ursprung des indischen Thierkreises. Ebenda. Indravidschaja. Eine Episode des Mahäbhärata, herausgeg. von A. H. Ebenda. 1843. Rama. Ein indisches Gedicht nach Walmiki. Deutsch von A. H. 2. verm. Aufl. Ebenda. Über den Umlaut. Zwei Abhandlungen. Ebenda. 1844. Über den Ablaut. Ebenda. 1845. Beiträge zur Erklärung der persischen Keilinschriften. I. Heft. Ebenda. Indische Sagen. I. Theil. Ebenda. 1846. Indische Sagen. II. Theil. Ebenda. 1847. Indische Sagen. III. Theil. Ebenda. 1852. Über das Verhältniss der Malberger Glosse zum Texte der Lex Salica. 1854. Untersuchungen über das Nibelungenlied. Stuttgart. Indische Sagen. 2. verb. Aufl. Stuttgart. 1855. Kampf um der Nibelunge Hort gegen Lachmann's Nachtreter. Stuttgart. Kelten und Germanen. Eine historische Untersuchung. Ebenda. 1857. Das Nibelungenlied in der ältesten Gestalt mit den Veränderungen des gemeinen Textes. Herausgeg. und mit einer Einleitung versehen. Ebenda. 1858. Das Nibelungenlied in der ältesten Gestalt. Schulausgabe. Ebenda. 1859. Die Klage in der ältesten Gestalt mit den Veränderungen des gemeinen Textes, als Anhang zum Nibelungenlied, herausg. und mit einem Wörterbuche und einer Einleitung versehen. Ebenda. 1860. Zur Schillerfeier. Ein Vortrag, gehalten in der Dienstagsgesellschaft zu Heidelberg den 8. November 1859. (Als Manuscript für den Verfasser ge- druckt.) Heidelberg. 1863. Schulausgabe des Nibelungenliedes. 2. umgearb. Aufl. Stuttgart. 1865. Der große Wolfdietrich herausg. von A. H. Heidelberg. 1870. Altdeutsche Grammatik , umfassend die gotische, altnordische, alt- sächsische, angelsächsische und althochdeutsche Sprache. I. Bd., 1. Abth. Die specielle Lautlehre. Leipzig. II. Abhandlungen in Zeitschriften. 1. Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft. — Über die zweite Art der achämenidischen Keilschrift I. 5. Bd. (1851), 145 — 178; IL IH. 6 (1852), 35—47. — Über S. Flowers Keilinschrift 6 (1852), 379 bis 388. — Zur Abwehr 456—457. — Über die zweite Art etc. IV. 8 (1854), 329 — 345. — Neue Inschriften in Keilschrift der ersten und zweiten Art 539 — 547. 2. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, von Th. Aufrecht und A. Kuhn. — Vyäsa und Homer 1 (1852), 483 — 491. 246 MISCELLEN. 3. Germania. Vierteljahisschrift etc. von Franz Pfeiffer. — Die alten Glossare I. I (1856), 110 — 117. — Über das deutsche Duodecimalsystem 217 — 223. — Regiert die Präposition mit den Accusativ? 341 — 346. — Zum Isidor 462—475. — Der Dichter des Annoliedes II (1857), 1—48. — Zur und su 214-217. — Das Großhundert bei den Gothen 424-425. — Sihora 448 — 449. — Min im Vocativ 464 — 466. — Nibelungen, Bruchstück R III (1858), 51 — 56. — Meistergesänge des XV. Jahrhunderts 307 — 328. — Nibelungen, Handschrift k. Der Nibelunger Liet IV (1859), 315 — 337. — Meistergesänge etc. V (1860), 210 — 219. — Aus der Colmarer Liederhand- schrift 444 — 448. — Das Adjectiv in den Nibelungen VI (1861), 1 — 24. — Zum Nibelungenliede VII (1862), 196—225. — Das gothische Adjectivum VIII (1863), 257—268. Die alten Glossare II. 385—414. — Zu Beowulf 489 bis 497. — Der Name Germanen IX (1864), 1— 13. — Das lange a 1 79— 191. — Zum Hildebrandsliede 289 — 293. — Althochdeutsche Glossare und Glossen XI (1866), 30 — 69. — Artus XII (1867), 257 — 284. III. Recensionen. 1. Heidelberger Jahrbücher. — Skeireins airaggeljons thairh Johannen von Maßmann, 1835, Nr. 54. — Poemes islandais, tiräs de l'Edda de Sae- mund par Bergmann, 1839, Nr. 67. — Maßmann, die deutschen Abschwörungs • formein, 1840, Nr. 45. — Ritusanhära ed. v. Bohlen, Nr. 58. 59. — Grimm, deutsche Grammatik I. 1841, Nr. 49 *). — The Persian cuneiform inscription at Behistun by Rawlinson, 1847, Nr. 6. — Die Grabschrift des Darius von Hitzig, Nr. 6. — Über die Keilinschriften von Benfey, Oppert und Rawlinson, 1849, Nr. 51. 52. — Grotefend, Erläuterung der Keilinschriften babyl. Bau- steine etc., 1852, Ni'. 5. 6. — Heinrich von Veldeke von Ettmüller, 1853, Nr. 25. 26. — Theophilus von Hoffmann von Fallersleben, Nr. 26. — Wein- hold, deutsche Dialektforschung, Nr. 53. — Crescentia von 0. Schade, Nr. 53. — Schröer, Geschichte der deutschen Literatur, Nr. 56. — Menzel, zur deutschen Mythologie, und L. de Baecker, de la religion du nord, 1855, Nr. 24. — Höfer, wie das Volk spricht, Nr. 24. 25. — Zendavesta by Westergaard, vol. I, Nr. 28. — Germania, von Frz. Pfeiffer, 1856, Nr. 3. 4. — Brandes, das ethnograph. Verhältniss der Kelten und Germanen ; Rdnard , de l'identite de la race des Gaulois et des Germains, 1857, Nr. 19. — Nibelungenlied, von A. Holtzmann, Nr. 46. — Der Nibelunge Noth und Klage, von Lachmann, 1859, Nr. 31. 32**). — ISIaßmann, das Zeitbuch des Eike von Repgow; Schöne, die Repgowsche Chronik, 1860, Nr. 13. — Pantschatantrum, von Kosegarten; Pantschatantra, von Benfey, Nr. 17. — Bibliothek des litterar. Vereins in Stuttgart 47—57, 1861, Nr. 13. — Berthold von Regensburg, von Pfeiffer, 1862, Nr. 40. — Otfrieds Evangelienbuch, von Rechenberg, Nr. 53. — Über die Flexion der Adjectiva im Deutschen, von Meyer, 1863, Nr. 18. — Dietrich, altnordisches Lesebuch, 1864, Nr. 30. — Heldenbuch, von Kdlcr, 1867, Nr. 26. — Pott, über die Nationalität der Kelten, Nr. 41. — Stark, die Kosenamen der Germanen, 1868, Nr. 24. *) Vermehrt wiederholt in der Schrift über den Umlaut, 1843. *») Wiederholt Germau. VII, 196 225. MISCELLEN. 247 2. Zeitschrift der deutschen morgenländischen G-esellschaft. — E. Morris, Memoirs on the Scythic version of the Behistun inscription, 1854, S. 394 — 396. 3. Germania, von Fr. Pfeiffer. — Zacher, das gothische Alphabet Vulfila's I (1856), 124-125. — Cädmon's Dichtungen, von 15outerwek 244 — 247. — Des Landgrafen Ludwigs des Frommen Kreuzfahrt, durch F. H. v. d. Hagen 247 — 254. — Heliand, von J. R. Köne 255 — 256. — Grässe, der Sagen- schatz des Königreichs Sachsen 370 — 371. — Adam par V. Luzarche 371 bis 375. — Jonckbloet, Geschiedenis der middenuederl. Dichtkunst 488 — 501. — Liliencron, über die Nibelungenhandschrift C II (1857), 1 22— 128. — Otfrieds Evangelienbuch, von J Kelle 384. — Van den Vos Reinaerde door Jonck- bloet III (1858), 121 — 122. — Lindenschmit, die vaterUind. Alterthümer der fürstl. Hohenzoller'schen Sammlungen zu Sigmaringen; Lindenschmit, die Alter- thümer unserer heidnischen Vorzeit VI (J861), 110 — 112. — Diefenbach, Origines Europaeae 112 — 113. — Beovulf, herausg. von M. Heyne; Beowulf, übersetzt von M. Heyne VIII (1863), 506—507. — Müllenhoff und Scherer, Denkmäler deutscher Poesie und Prosa IX (1864), 68 --75, — Peuker, das deutsche Kriegswesen der Urzeiten 229 — 230. — Mahn, Ursprung und Be- deutung des Namens Germanen X (1865), 113. — Ulfilas von M. Heyne XI (1866), 221 — 224. — Heliand, von M. Heyne 224. Georg Gottfried Gervinus. Wenn wir versuchen, das Bild dieses Mannes zu zeichnen, dessen Name bald von Anfang an mit denen der Gründer der deutschen Sprachwissenschaft innig verbunden erscheint, so verzichten wir von vornherein auf Vollständigkeit in jeder Hinsicht: auf biographische, weil sein Leben so tief verwebt erscheint mit der Zeitgeschichte und nur im Zusammenhange mit ihr ganz verstanden werden kann, und auf sachlich-darstellende, weil seine Geistesthätigkeit so ver- schiedenen Gebieten angehört. Di'.' Verschiedenartigkeit der Stoffe , die dieser Geist zu durchdringen und zu beherrschen verstand, und die Art und Weise, wie er sie beherrschte, erfüllt mit Staunen nicht nur vor dem Umfange seines Wissens, sondern mehr noch vor dem weittragenden Fluge seiner Gedanken, die, aus jener Wissensfülle schöpfend, den Blick geschichtlicher Combination überall weilen lassen und überall her Analogien herbeiziehen Was aber durch die verschiedenartigen Werke hindurchgeht und sie geistig mit einander ver- bindet, ist die strenggeschichtliche Betrachtungsweise, ist der innige Zusammen- hang, in dem sie alle mit dem Geistes- und Culturleben, mit der nationalen Entwickelung der Völker stehen. Und so sind sie alle aus dem gleichen Geiste historischer Forschung, historischer Betrachtung geboren: der Historiker Ger- vinus tritt uns in ihnen allen entgegen, mag er den Entwickelungsgang der deutscheu Dichtung zeichnen, oder die Geschichte des 19. Jahrhunderts schreiben, mag er in Shakespeare's Dichterwerkstatt, oder in das Werden von Händeis Tondichtungen uns geleiten. Gervinus wurde am 20. Mai 1805 zu Darmstadt geboren, und besuchte bis zu seinem 14. Jahre das dortige unter Zimmermann's Leitung stehende 248 MISCELL EN. Gymnasium. Des Schulzwanges müde, entschloß er sich rasch Buchhändler zu werden und trat als Lehrling in die Marcus'sche Buchhandlung in Bonn, kehrte jedoch nach kurzer Zeit nach Darmstadt zurück und widmete sich vier Jahre lang in einem dortigen Handlungshause dem kaufmännischen Berufe. Es ließ sich erwarten , daß sein schon auf der Schule mächtig erregter Wissensdurst in dem gewählten Berufe keine Befriedigung finden würde. Auch ein Versuch, die Künstlerlaufbahn als Schauspieler einzuschlagen, gieng fehl, und so kehrte er, trotz des Vaters Willen, nach mehr als fünfjähriger Unterbrechung zu den Studien zurück, machte, mit eiserner Energie arbeitend, das Abiturientenexamen und bezog Ostern 1824 die Landesuniversität in Gießen, die er jedoch, wenig befriedigt, nach einem Jahre mit Heidelberg vertauschte. Hier gab Schlosser's Anregung den Ausschlag für seine ganze Lebensrichtung. Nicht nur daß Schlosser ihn dem Studium der Geschichte sich ganz hinzugeben veranlaßte , wichtiger beinahe noch war der Einfluß, den der Umgang mit diesem Manne auf seinen Charakter ausübte. Nach Vollendung seiner Studien wirkte er zwei Jahre (1828 bis 1829) als Lehrer an einer Frankfurter Erziehungsanstalt^ nahm dann eine Hauslehrerstelle in Heidelberg an und habilitierte sich 1830 an der Universität. 1832 unternahm er in Begleitung eines jungen Engländers eine Reise nach Italien, von der er im folgenden Jahre zurückkehrte. 1835 zum außerordent- lichen Professor ernannt, brachte er es bald durch den Ruf seiner historischen Arbeiten zu einer bedeutsameren Stellung: 1836 wurde er auf Dahlmann's Betrieb als ordentl. Professor der Geschichte und Litteratur nach Göttingen berufen. In beglückender Thätigkeit und den angenehmsten persönlichen Ver- hältnissen, zumal seitdem er sich mit Victoria Schelver, der Tochter des Heidel- berger Professors der Botanik, verheiratet hatte, genoß er den Reiz eines von Liebe und Freundschaft vei'schönten Daseins — als die bekannte Katastrophe des Jahres 1837 dieß alles zertrümmerte. Seines Amtes entsetzt, weil er an Treue und Eid gehalten , des Landes verwiesen , begab er sich zunächst auf 1 '/g Jahre nach Italien, und ließ sich, von dort zurückgekehrt, 1839 in Heidel- berg nieder, wo er als Honorarprofessor (seit 1844) mit der Universität in einem Zusammenhange stand, der ihm jedoch volle Freiheit ließ. Von seinem Lehramte machte er nur selten, zuletzt 1847, Gebrauch. So kam das Jahr 1848 heran, dessen gewaltige Erschütterungen ihn noch ungleich mehr als die deutsch- katholische Bewegung des Jahres 1844 mit sich rissen. Aber der wenig tröst- liche Gang, den die Dinge nahmen, verleidete ihm das unmittelbare Eingreifen in das politische Leben, und wenn auch stets seine Entwickelung theilnehmend begleitend, zog er sich doch vom Schauplatze zurück, und wandte sich wissen- schaftlichen, litterarischen wie historischen Arbeiten zu. Es erschienen in rascher Folge sein Shakespeare (4 Bände, 1849 — 50), seine Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts (8 Bände, 1855 — 66), die ein Torso geblieben, und sein Händel und Shakespeare. Zur Ästhetik der Tonkunst (1868). Wohl waren es lange vorbereitete Werke, Früchte tiefster Durchdringung der betreffenden Stoffe, aber doch muß man staunen, wie auch nur ihre Ausarbeitung in verhältnissmäßig so kurzer Frist möglich war. Diese gewaltige Kraft des Schaffens blieb ihm bis in die letzten Tage seines Lebens, und aus des Schaffens Fülle hei-aus riß ihn, nach kurzer Krankheit, die anfänglich wenig bedenklich schien, der Tod am 18. März 1871. MISCELLEN. 249 Gervinus hatte die letzten Jahre, nachdem er die Vollendung der Geschichte des 19. Jahrhunderts aufgegeben, fast ausschließlich der Neubearbeitung schier 'Geschichte der deutscheu Dichtung gewidmet, welche in fünfter Ausgabe zum Theil gäuzlich umgearbeitet wurde. Damit war er zu dem ersten großen Werke seiner litterarischen Laufbahn zurückgekehrt. Seine Geschichte der poetischen Nationallitteratur der Deutschen^ wie das Werk ursprünglich (bis zur 4. Auflage) hieß, erschien zuerst 1835 — 42 in fünf Bänden, und muß in jeder Hinsicht als ein epochemachendes Werk bezeichnet werden. Zwar der Compendien deutscher Litteraturgeschichte gab es schon da- mals mehrere , aber keine zusammenhängende , den Innern Eutwickelungsgang der Litteratur zeichnende Darstellung. Koberstein's Grundriß war der erste Versuch einer solchen, aber auf begrenzter Grundlage, mehr andeutend als ausführend. Mit ganz anderem MaL'stabe ging Gervinius an seine Arbeit. Ohne irgendwie mit gelehrten Citaten zu prunken, ja den gelehrten Anstrich fast geflissentlich vermeidend, ist sein Werk doch wie wenige unmittelbar aus den Quellen herausgearbeitet. Für die mittelalterliche Litteratur gab es ohnehin der orientierenden Vorarbeiten erst wenige, für die neuere, namentlich die neueste Zeit war dagegen die Menge des über einen Schriftsteller Gesagten und Ge- schriebenen eher überreich 5 auch hier also war es wohlgethan, daß ein so selb- ständig angelegter Geist die Werke der Dichter unmittelbar auf sich wirken ließ. Die große Selbständigkeit und Unbefangenheit seines ürtheils, das von keiner Autorität sich beeintiußen ließ, macht sich auf jeder Seite des Werkes fühlbar. Aus der nationalen Begrenzung heraus führte Gervinus aber den Blick des Lesers auf die Poesie anderer Zeiten und Völker, vor Allem der Griechen, in deren unsterblichen Schöpfungen er den Maßstab des Vollendet- Schönen fand. Diese sein ganzes Werk begleitende Vergleichung mit der griechischeu Poesie hat man ihm gleich beim ersten Erscheinen am meisten übel gedeutet und hat darin eine Einseitigkeit des Standpunktes erblicken wollen, der die Individualität eines Volkes nicht objectiv zu erfassen vermöge. Allein dieser Vorwurf scheint mir durchaus unbegründet. Mit einem von dem Besten aller Nationen genährten Geiste gieug Gervinus an seine Aufgabe; wie konnte ihm da verborgen bleiben , daß bei so vielen Erscheinungnn der deutschen Poesie alter und neuer Zeit ein Mißverhältniss zwischen Wollen und Vollbringen, zwischen Absicht und Ausführung zu Tage tritt? daß nur selten jene vollendete künstlerische Einheit erreicht wird, die er an den Griechen bewunderte. Aber mehr noch als in ästhetischer zog er in nationaler Rücksicht die Griechen zur Vergleichung heran. Denn ihm war untrennbar die Poesie eines Volkes vom ganzen Staats- und Culturleben desselben, und wieder fand er die rechte Ver- einigung beider bei den Griechen, vermißte sie in den meisten Epochen unserer deutschen Dichtung. Eine Poesie, die sich einseitig losgelöst hat von der poli- tischen Entwickelung, schien ihm nur halb ihre Aufgabe zu erfüllen, ja sie schien ihm bis zu gewissem Grade bedenklich und des Verwerfens werth, wenn andere ebenso heilige Interessen darüber vernachlässigt werden. Daher hat er am Schlüsse seines Werkes den Blick auf die Zukunft gerichtet, auf eine Periode unserer Geschichte, in der, wie einst bei den Griechen, poli- tisches und geistig-ästhetisches Leben Hand in Hand gehen würden. Nicht Geringschätzung seines Volkes war es, was ihn so oft streng, scheinbar zu GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 17 250 MISCELLEN. streng urtheilen ließ, sondern Liebe , die seinem Volke das Höchste anmuthete, weil sie es dazu befähigt hielt. Der Ruf des Werkes und seines Verfassers verschaffte demselben rasch die allgemeinste Verbreitung. Schnell folgten sich die Auflagen, die vierte er- schien 1853, von der fünften sah er noch den ersten Band (1870), beinahe doppelt so stark als in der vorhergehenden, vollendet; über dem Drucke des zweiten und der Arbeit an demselben ereilte ihn der Tod, als sein Geist noch in Jugendfrische schuf. Die kurze Vorrede zum ersten Bande, während des deutsch-französischen Krieges geschrieben, zog ihm mehrere Angriffe zu, die durch die damit verbundenen Erregungen und Gemüthsbewegungen sein Ende mittelbar herbeigeführt haben. Vielleicht hätte er wohl gethan, statt der kurzen eine, wie es ursprünglich sein Plan war, tiugehendere Vorrede vorauszuschicken, die nun hoffentlich nicht vorenthalten bleiben wird. Eine politische Vorrede zu einer Geschichte der Dichtung kann nur den befremden, der nicht beachtet, wie das ganze V^^erk mit der politischen Entwickelung des deutschen Volkes sich auf's innigste berührt. Aber auch nur der, dem des ganzen Buches Ten- denz unverständlich geblieben, konnte in der Vorrede den Ausdruck einer Ver- stimmung oder Verbitterung über das Fehlschlagen eigener politischer Pläne ei blicken. Fern liegen mußten solche kleinliche Motive bei der Beurtheilung eines Mannes, dessen warmer Herzschlag für sein Vaterland hörbar genug aus seinem Leben und seinen Werken herausklingt, und der der Größe seines Volkes ein gut Theil seiner besten Kraft geopfert hat. Mir kommt nicht zu, mich zum Sachwalter seiner politischen Überzeugungen aufzuweifen. Aber wer die Grad- heit und Wahrheit dieses Charakters kannte, muß es für unmöglich erklären, daß Eigensinn oder gekränkte Eitelkeit ihn mit seiner Überzeugung derjenigen einer ganzen Welt entgegentreten ließ. Denn Lauterkeit, sittliche Hoheit, unbestechliche Wahrheitsliebe zeichneten ihn ebenso aus wie sein feines Ver- stäiidniss des Schönen, sein weitgreifender Blick, sein staunenerregendes Wissen. Nicht umsonst haben die Edelsten unseres Volkes, haben Männer wie Dahl- mann und die Brüder Grimm ihm ihre Freundschaft durch ein langes Leben geschenkt, denn auch er war der Edelsten einer, die Deutschland mit Stolz seine Söhne nennt. HEIDELBERG, 20. Mai 1871. K. BARTSCH. Franz Joseph Mone starb am 12. März 1871 zu Karlsruhe im 75. Lebensjahre. Aus einer ursprüng- lich niederländischen Familie (Moone) stammend, war er am 12. Mai 1796 zu Mingolsheim bei Bruchsal geboren, studierte seit 1814 in Heidelberg Philologie imd Geschichte, und habilitierte sich daselbst 1817 in der philosophischen Facultät. 1819 zum außerordentlichen, 1822 zum ordentl. Professor der Ge- schichte ernannt, hatte er außerdem seit 1825 die Leitung der Universitäts- Bibliothek, der er seit 1818 als Secretär angehörte. 1827 ward er an die Universität Löwen in Belgien als Professor der Geschichte und Statistik be- rufen, kehrte aber, durch die Revolution vertrieben, 1831 nach Heidelberg MISCELLEN. 251 zurück, wo er zunächst als Privatgelehrter lebte. Nach vorübergehender publi- cistischer Thätigkeit wurde er 1835 zum geh. Archivar und Director des Landesarchivs in Karlsruhe ernannt und verblieb in dieser Stellung bis 1868, wo er in Ruhestand trat. — Während die erste Hälfte von Mone's Wirken überwiegend auf die Litteratur gerichtet ist, wandte er sich in der zweiten fast ausschließlich der Geschichte zu. Seine erste deutsche Arbeit war die Einleitung in das Nibelungenlied' (Heidelb. 1818), worin er sich, was die mythologische Erklärung angeht, ganz den Ansichten seines Lehrers Creuzer anschließt, wie auch seine 'Geschichte des Heidenthums im nördlichen Europa' (2 Bde. Heidelb. 1822—23), die den 5. und 6. Theil von Creuzer's Symbolik bildet, ganz unter gleichem Einfluss entstanden ist. Schon damals gieng er mit größeren altdeutschen Arbeiten um: er beabsichtigte das Rolandslied zu edieren und gab den Otnit (Berl. 1821) heraus. Eine Sammlung verschiedener litterari- scher Arbeiten und Quellen veröifentlichte er in seinen 'Quellen und Forschungen zur Geschichte der teutschen Litteratur und Sprache (1. Bd. Aachen und Leipzig 1830), die ein umfangreiches, wenn auch nicht gleichmäßig tiefes Wissen zeigen. Den von Freih. v. Aufseß begründeten 'Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters übernahm er vom 3. Jahrgang an mit Aufseß gemeinsam, vom 4. bis 8. (1835 — 39) besorgte er die Redaction allein. Es war die erste ger- manistische Zeitschrift, freilich nicht ausschließlich germanistisch, sondern ebenso historisch, aber ihr Schwerpunkt lag doch auf der philologischen Seite, und hier wurde der Anzeiger durch zahlreiche Mittheilungen eine werthvolle Quellen- und Materialiensammlung, deren fleißigster Mitarbeiter Mone selbst war. Be- sonderes Interesse wandte er schon hier der Heldensage zu und veröfientlichte gleichzeitig seine Untersuchungen zur deutschen Heldensage (Quedlinb. 1836). Auch die mittelniederländische Litteratur war im Anzeiger gepflegt worden, einen vollständigen Quellennachweis gab Mone in seiner verdienstlichen 'Über- sicht der niederländischen Volkslitteratur älterer Zeit (Tübing. 1838). Dann sehen wir ihn die Quellen des deutschen Schauspiels in seinen Altdeutschen Schauspielen (Quedlinb. 1841) und seineu Schauspielen des Mittelalters' (2 Bde. Karlsruhe 1846) eröffnen und dadurch ein neues Verdienst sich erwerben. Der lateinischen Poesie des Mittelalters hatte er schon in seiner Ausgabe des Rei- nardus Vulpes (Stuttg. 1832) sich mit Vorliebe zugewendet; später war es die Hymnenpoesie, um die er sich verdient machte; den 'Latein, und griech. Messen (Frankf. 1850) folgten die drei Bände 'Lateinische Hymnen' (Freiburg 1855 bis 1857). Von seinen historischen Arbeiten nennen wir nur die Quellen zur badischen Geschichte (1845 ff.) und die 1850 begründete Zeitschrift für Ge- schichte des Oberrheins, in denen er ein erstaunlich reiches Material bewältigte und meist allein bewältigte, ein Material, das auch dem Sprachforscher viel des Werthvollen bietet. Dagegen müssen wir seine 'Untersuchungen über die gallische Sprache und ihre Brauchbarkeit für die Geschichte' (Karlsruhe 1851) und mehr noch seine 'Celtischen Forschungen zur Geschichte MitteleuropaV (Freiburg 1857) als Verirrungen eines von der Celtomanie angesteckten Geistes bezeichnen. — Seine Arbeiten sind beachtenswerth durch die Vielseitigkeit des Interesses, seinen erstaunlichen Sammlerfleiss und ein umfassendes Wissen; seine Ansichten sind nicht immer von Flüchtigkeit und Grillenhaftigkeit, seine Textpublicationen nicht immer von Mangel an Genauigkeit und Correctheit freizusprechen. Auf einzelnen zu seiner Zeit noch wenig bearbeiteten Gebieten, 17* 252 - MISCELLEN. wie dem der mitteluiederländischen Litteratur, des altdeutschen Schauspiels, der Hymuologie, hat er sich bleibende Verdienste erworben, die durch seine Leistungen auf historischem Gebiete noch wesentlich vermehrt werden. K. BARTSCH. Benedict GreiflF, ein geschätzter Mitarbeiter dieser Zeitschrift, ist am 13. Mai 1871 zu Augs- burg gestorben. Er bekleidete neben seiner Lehrerstellung am St. Anna- Grymnasium das Amt eines Stadtbibliothekars, sowie eines Secretärs des histoiü- schen Vereins von Schwaben und Neuburg. Ohne Germanist von Fach zu sein, widmete er doch den altdeutschen Studien eine lebhafte Theilnahme. Seine hier- her schlagenden Arbeiten sind fast sämmtlich in der Germania erschienen. Gleich im 1. Bande veröffentlichte er aus einer Augsburger Hs. ein interessantes Spiel von S. Georg (I, 165 — 192) und knüpfte daran ansprechende Vermuthungen über Verfasser und Zweck des Stückes. Seinem Spürtalent verdanken wir ferner die Entdeckung der Augsburger Bruchstücke von Wernhers Marienleben in ursprünglicher Gestalt, die er Germ. VII, 305 — 330 herausgab. Ebenda fand er auch ein Bruchstück von H. Heslers poetischer Paraphrase der Apokalypse, das er gleichfalls in der Germ. (X, 70 — 74) veröffentlichte. Sein letzter Bei- trag Schwabenstreich' (XIII, 76) ist jedoch nicht das letzte, was er zur Ger- mania steuerte; in meinen Händen befinden sich noch mehrere nicht werthlose Mittheilungen aus der Augsburger Bibliothek. Noch sei erwähnt sein Pro- gramm'Berhtolt von Regensburg in seiner Wirksamkeit in Augsburg (Augsburg 1865) und die Publication des Tagebuches von Lucas Rem aus den Jahren 1494 — 1541 (26. Jahresbericht des genannten Vereins. Augsburg 1861), ein interessanter Beitrag zur Handelsgeschichte von Augsburg, der auch sprachlich anziehend ist. K. B. Nachtrag zu S. 165, 10: Riezler (Forsch, zur D. Gesch. 10, 117—118) denkt — indem er die „Textänderung: lebte min herre", wagt — an Barbarossa's Zug gegen Saladin 1189, der doch zu Lande über Constantinopel gehen sollte. Allein Hartmann sagt ganz klar: über mer ziehe jetzt sein Eid und Gottes Minne ihn, den sonst Saladin, wenn er noch lebte, und all' sein Heer — so viel als: alle Teufel — nicht fortgebracht hätten. Zu 167, 8: Eine Sammlung der hartmännischen noch jetzt in der Her- schaft Ow gebräuchlichen Sonderausdrücke etc. und deren Veröffentlichung steht bevor. Berichtigung. Lies S. 80, Z. 3 v. u. : als Possessor. RUNEN AUS ROM UND WIEN, VON H. F. MASSMANN. Prof. Reiffersclieid in Breslau theilte mir, während ich 1868 iu Rom weilte, von Bonn aus freundlich die Nummer der vaticanischen Handschrift Urbin. 290 membr. fol. mit, als in welcher sich auch Runen mit einer vorausgehenden merkwürdigen Angabe über gothische Schrift- werke befänden. Die Veröffentlichung der letzteren hatte Prof. Reiffer- scheid sich selbst ausdrücklich vorbehalten ; doch hat er auf Ersuchen des Herausgebers dieser Zeitschrift nunmehr gestattet, daß dieselbe gleich jetzt mit den Runen von mir bekannt gemacht werde. Die besagte Pergamenthandschrift gehörte einst der Abtei Brim- weiler bei Köln *), S. 62" stehen die Nomina episcopoi^ü scae COLONIEN- *) 'Nach meiner Mittheilung. In der Handschrift findet sich nämhch keine directe Notiz über ihre Herkunft, aber sie ist die nämliche, aus welcher Boehmer FRG m LVn sq. 382-388 und Pertz Mon. SS. XVI 724—728 (vgl. I 99-101 II 216) Letzterer nach einer Vergleichung Bethmanns, die annales Brunwilarenses ediert haben. Weder Boehmer noch Bethmann haben der letzten Seite des Codex f. 71'' irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt, offenbar weil die Schrift auf derselben fast ganz erloschen ist. Über das Eunenalphabet hatte ich mir bloß Notizen gemacht, da bei der Schwierigkeit der Lesung eine Abschrift der Zeichen und Buchstabennamen ohne alle Hilfsmittel mir zu bedenklich schien. Um so freudiger ergriff ich die Gelegenheit, Maßmann darauf aufmerksam zu machen, der kurz vorher durch die von Tischendorf und Gabelentz aufgegebene Entzifferang des Ultilaspalimpsestes in Turin sich auch meinen Dank erworben hatte. Dagegen legte ich gleich von Anfang an großen Werth auf die Vorrede der Eunen, aus denselben Gründen wie Maßminn : namentlich war auch mir die Nähe von Werden [S. 255] aufgefallen. Weiter gehende Combinationen muß ich einstweilen unterdrücken, da sie ihre Begründung und Erkläning nur im Zusammen- hang umfassender Untersuchungen über die Cberliefeining des literarischen Alterthums im Abendlande, mit welchen ich seit längerer Zeit beschäftigt bin, finden können.' Reifferscheid. (iKUMANIA. Neue üeih« IV. (XVI.) Jahrg. 18 254 H. F. MASSMANN /SIS AECEAE und 64" die '>^ Nomina epör Treuiretmü«-. Die Handschrift (Astronomiae et Astrohgiae Über) stammt vom Jahre 1082 *). Für unsern Zweck enthält die Handschrift 1. ein griechisches ABC mit daneben stehender Bedeutung oder Benennung der Buch- staben alfa, beta, gamma . . . lanta .. . chi, psi, 2. daneben dieselben Buchstaben als Zahlzeichen mia, dia, tria, tessares . . . nia, deca 1' desi, diiiiuenta, triiimenta, tetrmnenta, pententra, exenta . . . ecaton, dia- cusie . . . chilcj dischile, mirias, dismurias, trimuriad, ecusimuriad, trientarauriad, serentamuriad . . . diacusie muriades, muriamuriad, ennia- cussie (und nochmals niacusie) **). Auf der Kehrseite nochmals das griechische ABC nach Zahlwerth (mia, dia, tria, ecosi, trianta, seranta, peutenta, ekaton, diacusin . . . niacusin, ecosin, ogdenta muriad^ nienenta muriad, dann abermals das griechische ABC nach Buchstabenwerth (~ lanta . . . simna) bis co pro o. Hiernach die folgende äußerst merkwürdige Mittheilung, die hier genau wiedergegeben wird. Das Anfangs-i> roth. Läiteras seqiientes \ cü minio colore nota\te nordmanni i suis usitant | carmmiU. V. uocant'' cqxt cos \ rune. St mite 'Tinulli. q. opi\nant'' qd quando gothi (& I uuandali gentes de finil) \ norämannoruvi egredientes \ j) germaniä V. italiä ad \ mare***) uenientes. pq. illvd j transuecti i offrica csiste\hant. crescente apä eos xpi\ana religione xpiani ex parte \ effecti. doctores eorum tä nouü qua uetus iestametü i suä \ linguä hoc i theoiofisca. V \ in tJieotonicä j cuertert \ cü istis litteRis\. Hiernach folgt das Runen-ABC, wovon sogleich! — Jedermann sieht die Vermischung einer, wie wir weiter erfahren werden, wohlbegründeten Bedeutung oder Verwerthung der Runen mit einer der merkwürdigsten Beziehungen auf die gothische Bibelüber- setzung durch ihre doctores, d. i. Ullilas etc., zugleich mit der be- stimmtesten Angabe, daß die gothische Sprache (sua lingua) die deutsche sei (theotisca vel theotonica), so wie daß die Vandalen, die mit jener aus dem Lande der Norämannortim mit nach Afrika gezogen, gleichfalls *) 'Richtiger läßt sich der Codex (membr. Großoctav. foUorum 71) als eine Compiitiishandschrift bezeichnen. — Nach den Schriftzügen gehört die Handschrift zu ihrem größten Theil (auch fol. 71'^ aii's Ende des zehnten oder in den Anfang des eilften Jahrhunderts. Die ii-rige Angabe Maßmann's stützt sich auf die Ostertafeln welche die älteste Hand von 988—1082 geführt hat. Daraus folgt aber in Überein- stimmung mit dem Schriftcharakter mit Evidenz, daß der Codex im Jahre 988 ent- standen ist.' Reif fers cheid. **) Hienach noch Diptongi grecorfl | ai pro ce, ei pro i, oi pro y, ov pro m. ***) Offenbar das Mittelmeer, RUNEN AUS ROM UND WIEN. 255 „deutsch" gesprochen haben. Erinnert dieses imwillkürhch an das be- kannte ^ bekanntlich falsche, nun so schön berichtigte Augustinische j^Sihora armen'''' der Vandalen, so möge hier noch leise auf die Möglich- keit hingewiesen werden, daß aus der Örtlichkeit von Braunweiler bei Köln vielleicht ein dämmerndes Streiflicht auf Werden und das räthsel- hafte Erscheinen des Codex argenteus daselbst fällt, dessen erste Er- wähnung uns ja auch über Köln zugekommen ist. Das unmittelbar darauf folgende Runen- ABC ist cum minio colore geschrieben, deßhalb sehr verwaschen und erloschen, aber auch die schwarz daneben stehenden Bedeutungen der Zeichen. Leider kann ich von den Runen und ihren Benennungen keine Durchzeichnung geben, da in der Vaticana eine solche nicht gestattet wird. Wo die Benen- nungen erloschen sind, setze ich in Klammern die weiteren Möglich- keiten^ wie sie den Augen erscheinen oder erschienen, hinzu. 1^ As(c) ^ biric P chön ^ dhorn M ^ch r feh ^ gubu (gibu?) X hägal I fs J kol r lägo \^ man i nöth |C othÜ P perc t^ chon (hon?) 4: (? reht ? thr ? cho ?) H sugil ^ täc p. hur (d. i. ur) r h beluch (? beluth) u horsi \f/ üa (? zia) Y fue *) • n uor Zweite Spalte fortsetzend und wiederholend. "f d. d6rn \^ eeos (? cos) 1^ r. rat h c. cen vj, g. gibu (?) P h. hun 1^ k. kan k n. 1 (?) f g. gar (?) r* p. peta (?) rti X. hix (?) V\ s. sigi t t. ti B b. birh (? berh) ^ e. ech ^ m. man M lägo (r 1 ?) |C n. no (? ne, uc) *) Von hier an Fudorc. 18' 256 H. F. MASSMANN S 0. odil H g- riir (?) f^ a. ac (?) Y z. ürb (? url ? urb ? uth I^J a. dsc ? zirl) Hiernach folgt DE MENSIBUS hebreorum (rotli) \Nisan. 1 ApriU$. Farmuthi VIII. VI. k. April' u. s. w. | De mensihus egiptiorum (roth). — Darnach wieder zu den Runen zurückkehrend: Isrune dicunt' qiie i- litteris per totU | scribuntur. noe, (=^ ita?) id quohis iiersus primü breuiorb' ■{■ ] que aut littera sit in nersü. longioribus. j nt noJn \ cerni his Ufteris scribaf. ita. illllll. nillllll. ilim. ilL illllim. I Wonach zwei Zeilen, mit einem rothen Buchstaben beginnend, ausgekratzt sind. Darnach hagalrune dicunt'' que in sinistra parte quartus \ sit uersns ostendunt in ■ dex(tra parte) quota siit) litte{ra ausgerieben) *), Man sieht, das obige Runen- ABC und diese Xachholung der Isrune und hagalrune stimmen ganz zu Cod. S. Gall, 270. (W. Grimm Runen, S. 110), nur daß hier zwischen iisruna und hahalruna noch lagoruna (\-) steht und nach hagalrune noch stofruna und clofruna folgen. Übrigens steht hier auch corid statt cerui, wonach die Striche sich um- stellen. Ahnlich folgen sich in der Salzburger Pergament-Handschrift (X. 28, früher S. 119) 4". des 12. Jhd. auf vorletztem Blatte (Kehrseite) nach dem Runcn-ABC (/. u. d. o. r. c. etc.) die Isruna . . lagoruna . . hagalruna und strophruna; doch auch wieder mit Verwirrung der Striche. H. Ich reihe au oben mitgetheilte merlcwürdige Angabe über Gothen und Vandalen eine andere ähnliche aus Cod. Vindobon. 1609 (Theol. DCCXXXH, Denis DCCCXXVHI. Th. 1, S. 2977), in welcher Hand- schrift auch eine Menge Alphabete enthalten sind. Nach einer Aufführung des lateinischen ABC auf Bl. V nach der Entstehung derselben folgt unmittelbar das griechische ABC mit den Benennungen (zeta, eta . . lanta moy noy . . simma — o longa) und den darüber geschriebenen Zahlwerthen (mia, dia, tria, tesseris . . icosi, treanta, tesseranta, pentinta, exinta . . enoninta, eckaton, diacon, tria- con .. octacoN, ennacoN, chile, dischile, mire, mia), folgt auf 2'' eine *) Nach diesen Niederschriften über die Eunen folgt nochmals (mit schwärzerer Dinte) das griechische ABC: A alfa o, B uitta, pro u, y gamma pro g ■ . . ita, thita, zeta, kapa, lauda . . . cotogema (statt ome a). RUNEN AUS ROM UND WIEN. 257 Abhandlung über die griecliisclien, hebräischen, lateinischen Alphabete, darnach folgt das scythische ABC mit dem Geständnisse: In istis ad- huc litteris \faUemur & in aliquibus uitium agemus \ quos emendate. Darnach aber folgen abermals die Runen mit vorausgehender folgender Angabe^ die sich jener römischen eng anschließt: Litteras qidppe quas utuntur marcomanni \ quos nos Nordmannos uoeamus infra scrip\tas habentur. aquihus originem qui theo discam loquun- tur linguam tradunt cum \ quihus carmina sua. incantationesq' ac dmina\ tiones signißcare procurant. qui adhuc imganiritus inuoluuntur. Hiernach noch mancherlei Mittheilungen (auch Eginhards Nomina ventorum und Nomina viensium (auch deutsch) mit folgenden andern deutscheu Glossen). Die ganze Handschrift wiederholt sich übrigens nochmals im Cod. Vindohon. 17G1 (Theol. DCCCLXIH, Denis I, S. 139), membr. 16" vom 11. Jhd. Bl. 97'*); selbst die falschen Lesarten der obigen Hand- schrift 1G09 {quas utuntur und tradunt statt trahunt) wiederholen sich hier; doch liest 1761 (statt quos) uos emendate und quia adhuc jpagani. Nur schließt n. 1761 noch mit folgenden Bemerkungen (104*), die an die Isrunae wieder erinnern. Hxijusmodi genus descriptionis notae caesaris apj)ellat\ qd cü litteris que antiqua man' appellat' perficit' cü quis romanorum in aedißciis parietil) V in turris aut in monumentis saxeis. oh memoria sui suorumq^ aliqd litteris coWiendare scidpando curauerat. eas cü pvnctis & trihulis obligat. Ne statt quis ignarus legere possit id sup" in paucis ostensum est A. E. I. 0. Y. :: .:::■: \ .N C. R TV IB S :■: S\B :: N: F : C-: RCH .\ P. S\C :: P. GL:'.R".:S. Q:M:R\ T. R . S. Genus uero hui' descriptionis J,ä qd sup" cü punctis. V & uocalih ; qua suhf cü aliis uocalih; qua solitü est. informatv contin&ur. ferf" qd scs honifaci' archi eps. ac martyr de angidsaxis ueniens. hoc antecessor'h' nris denionstrar<&. qrl tafn non ab illo inprimis coeptü e. sed ah antiquis istius modi usus creuisse comperim'. AEIOY. \ B. F. K. P. X. KBBXS. ocfp. fPR tKS. KEP. 1 KNSTBP. SBFFKRP \ BRCHK. \ fENENS. ßCBK PfPR.\ a b c d e f g h i k 1 m n 0 p q r ik ia ib ic id ie is iz s t u X r z ih it k ka kb kc *) über die Glossen dieser Handschrift s. Hoffmann'e Glossen S. 56. 258 H. F. MASSMANN, RUNEN AUS ROM UND WIEN. abcd e fgh il. ill. illl. ilUl lUlIl. illllll. ul. iill. i k 1 m n 0 p iilU. iillll. Illllll. iillllll. ml. Hill. iiiUl. q r s t u Illllll. Iillllll. mllllll. Hill. imll. X y z. Illllll. Iillllll. iiiilllll. Ich lasse hiernach die Runen aus den beiden Wiener Hand- schriften (1G09 und ] 761) folgen, die ich durchzeichnen konnte. *) Cod. 1609 f. 3^ asc. biritli. eben. thorn ech ajj- bB er dW cM fech gibu. hagale. bis. ij gilch lagv. man not othil perc Cod. 1761. f. 100. a. asch. .bh-iht. ai: biß .chen. .thorn. dW .eho. eM. .fehe. .gi fF g- ibii. .hagale. .bis gi Ich lag^' 1 >^ f. 100". rehtt man. mPnast hinsichtlich der Form sich zum Adj. grdnn in ganz derselben Weise verhält wie vcenast 260 THEODOR WISÄN ZU van, rccnast zu rdn, mcelast zu mal, u. s. f. Audi Bugge a. a. O. seiner Edda-Edition hat sich für die Möghchkeit der Bildung des Zeit- worts grcenast vom adj. grdnn ausgesprochen. Beide geehrten Sprachforscher halten jedoch die Ansicht fest^ das Adj. grdnn sei mit grdr = grau gleichbedeutend. Wie wird man sich's denn aber denken, daß von einem Adjectiv mit der Bedeutung 'grau ein Zeitwort mit der Bedeutung *^sich vermindern' könne hergeleitet werden, zudem das Zeitwort groenast in der alten Litteratur nie mit der sinnlichen Bedeutung 'grau werden vorkommt? Bugge stellt die folgende Serie auf, um den Uebergang zwischen den verschiedenen Bedeutungen des Zeitworts grcenast (oder des damit gleichdeutigeu grdna) zu bezeichnen: 1) grau werden; 2) unfreundlich werden; 3) sich vermindern, abnehmen. Zwischen 2) und 3) scheint doch der Sprung allzu groß, und es möchte schwer halten sowohl irgend einen analogen Begriflfsüb ergang darzulegen als auch aus der alten Litteratur die An- wendung des Wortes in den drei verschiedenen, hier oben angeführten Bedeutungen zu belegen. Gislason (a, a. O.) findet nichts natürlicher als daß man sage, „der blaue Himmel der Hoffnung ergraue, wenn er daran sei von den Nebeln des Mißmuthes oder der Verzweiflung be- schleiert zu werden." Uns will es aber bedünken als sei dies eher eine moderne Vörstellungs- und Ausdrucksart als eine solche, die in einem der Lieder der altern Edda füglich erwartet werden darf. Ein solches Bild einer „grau werdenden Hoffnung" scheint sogar für einen Dichter unserer Tage zu kühn, und ein solcher Ausdruck könnte mög- licherweise bezeichnen, die Hoffnung werde alt, ältlich u. s. f , aber nimmermehr, daß dieselbe abnehme und verschwinde. Sonderbar wäre es auch, daß im genannten Ausdruck eben die reflexive Form grcenast sollte gebraucht werden, da es doch natürlicher gewesen wäre, das in Analogie mit hldna, hv'äna, sortna u. a. gebildete Zeitwort grdna an- zuwenden. Alle diese Schwierigkeiten werden durch die Annahme beseitigt, das Zeitwort grmnast sei gebildet von einem Adjectiv grdnn = schlank, schmal,, dünn, fein, und folglich mit grannr, nicht aber mit grdr gleich- bedeutend. Die Existenz eines solchen Adjectivs wird von der in schwedischen Mundarten befindlichen Form gran (mit langem ä) be- stätigt, die mit grann (kurzes a), grann (= altuord. grannr) wechselt. Vigfusson erkennt auch grdnn als eine Wechselform von grannr, indem er in seiner Bearbeitung von Cleasby's Wörterbuch, s. v. GRANNR, sagt: ,,it appears with a long vowel in grdn vdn = thin, slender hope" (Gisl. Sürs S. 06), etc. ALTNORDISCHE WOKTDEUTUXGEN. 261 Wenn diese Annahme richtig ist, so ist 'vermindert werden, ab- nehmen' eben die ursprüngliche Bedeutung des Zeitworts gi-cenast, und die Uebersetzung von Helgakv. Hund. II, 50 und Sturl. S. 3, 26 wird einfach und natürhch. Nicht minder leicht zu erklären wird denn auch der Ausdruck Bisk. S. I, 489 ,.grcBndist med peim^, welcher nicht über- setzt werden darf „es wurde zwischen ihnen grau", sondern in Über- einstimmung mit den Redensarten „verdr fdtt med peim, fcekkast med ])eim^^ u. dergl. aufgefaßt werden muß. Diesen Ausdrücken liegt ganz dieselbe Vorstellungsweise zu Grunde. So wie man von van sowohl vcena, vcenast als vdna hat, so muß man auch von grdnn, tenuis, subtilis, beide Wechselformen grcenast und gi-dna annehmen. Der altnordische Ausdruck ^gamanit grdnar'^ bedeutet somit nicht etwa daß der Spass „grau werde", sondern daß er minder werde. Ebenso übersetze ich die von Ivar Aasen erwähnte Redensart „Jce graana' mce doem =rz groendist med peim. Auch in Sturl. III, 216 möchte ich dieses Zeitwort grdna am liebsten annehmen, wie- wohl grdna dort auch accus, sing. fem. sein könnte. Vielleicht wäre es am vorsichtigsten diesen Aufsatz hier zu be- schließen. Wir können aber nicht einen lange gehegten Zweifel unter- drücken, daß nämlich das Adjectiv grdnn niemals mit der Bedeutung canus, griseus, cinereus, wie Egilsson im Lexicon poet. antiq. lingu» septentr. angibt, vorkomme. Das Adjectiv grdnn gehört lediglich der Sprache der Skalden; es findet sich weder in den Prosaschriften noch in der altern Edda. Wir haben auch das Vorkommen des Wortes an keinen andern Stellen als den von Egilsson im Artikel grdnn aufgezählten bemerkt. Betrachtet man indessen etwas näher diese von Egilsson an- geführten Citate, so findet man, daß die Bedeutung 'dünn, schmal schlank, fein oft viel besser als 'grau, immer ebenso gut als dieses Wort paßt. Das kann doch nimmermehr auf einer baren Zufälligkeit beruhen. Ein Mißverständniss des Wortes ist ohnehin leicht erklärlich, da es nur auf die künstlichere Dichtersprache beschränkt war und ausserdem seine phonetische Gleicheit mit grdr leicht zu einer Ver- wechslung verleiten konnte. Betrachten wir Egilssons Belegstellen, so finden wir zixerst, daß drei Thiernamen, nämlich die Schlange, der Wolf und der Hund, mit dem Epithet grdnn vorkommen. Die Schlange betreifend, so wird sie (in Gydingsvisur, str. 4) grdnn grafpvengr genannt, und es ist wohl natürlicher hier grdnn =-- länglich, schmal, zu übersetzen, als 'grau, da es ja Schlangen von verschiedener Farbe giebt. Daß der Wolf 'grau genannt werde, ist etwas gewöhnliches, aber eben so natürlich 262 THEODOR WISEN ist, daß der Wolf in Bezug auf seine längliche, schlanke Gestalt das Epithet grdnn erhalte, wie er auch in derselben Hinsicht svdngr genannt wird (ein Wort, das nicht immer hungrig übersetzt werden darf, son- dern oft in seiner ursprünglichen Bedeutung 'schlank, zart, länglich', vorkommt — eine Bedeutung, die svdngr, svang, in schwedischen Mund- arten noch heutzutage besitzt). Daß der Hund grdnn, schmal und läng- lich, geheißen werde, ist nicht minder natürlich als mit Bezug auf den Wolf. Besonders verdient bemerkt zu werden, daß man nicht mit Egilsson strütr inn grdni = canis einerei coloris übersetzen kann, so- fern man desselben Verfassers Deutung von sfn'itr = canis coUo can- dido vel nigro, cetera discolor, gut heißt; denn da liegt ja im selben Namen strütr ausgedrückt, daß der Hund nicht grau war. In Geisli, str. 32, wird geschildert, wie für ein dänisches Weib, das sich erlaubte an dem Festtage des heilisren Olaf unsresetzlich zu backen, das Mehl zu feinem Gries {at grdnu grjöti) wurde. Dieses grdnt grjüt darf nicht übersetzt werden 'grisea saxa' (!), denn die Farbe ist hier vollkommen gleichgültig, wogegen grjöt allein gewöhnlich von größeren Steinen gesagt wird, und somit hier das Epithet gj^dnt mit Nothwendigkeit erfordert, damit die Bedeutung 'Gries, zermalmter Stein, herauskomme. Grdnn kommt auch mit der Bedeutung 'fein, reinlich, zierlich, kostbar u. s. w. vor. Hieher muß der Ausdruck gi^dn shinn in Forn- manna Sögur H, 280 gezogen werden. Zwar heißt es in der voran- gehenden Erzählung, daß Thorkell yfir ser dgceta guctvefjar shikhju samdregna liinuni hezta gram sJcinnum hatte; dieß aber darf uns nicht abhalten einzugestehen, daß in der eben citierten Strophe Hallarsteinn vorerst die Kostbarkeit und Zierlichkeit des zum Mantel angewandten Tuches und Pelzwerkes betont habe. Grdn sldnn giebt somit eine bessere Deutung als grd sklmv^-). Ungefähr dieselbe Bedeutung hat grdnn in Olafsdr. Tryggv. str. 24, wo es vom Wolfe gesagt wird, daß er zu einem Schlachtfelde mit unbeschmutzten, reinen Pfoten {gränar foetr) kam, aber mit rothen, blutbesudelten davon gieng. Noch bleibt uns eine von Egilsson augeführte Stelle zu betrachten übrig, nämlich Snorra Edda I, 254 (ed. Arna-Magn.) : liolmr inn grdni, das mit Holmr inn grdi (Fornmanna S. HI, 222) gleichbedeutend sein *) In Scripta Histor. Island, 11 , 265 hat Egilsson zwar in den Text die Deutung canse pelles aufgenommen, scheint aber keine bestimmte Ansicht von der Bedeutung des grdnn gehabt zu haben, da er in einer dazu gehörigen Note grdnn = groenn, viridis, oder aber auch = grönn, tenuis, ansieht. Letztere Deutung ist unzweifelhaft die richtigere. ALTNORDISCHE WOKTDEUTUNGEN. 263 sollte. Dieß dürfte doch vielleicht nicht so ganz ausgemacht sein, in- dem die Lesarten an der bezüglichen Stelle zu schwanken scheinen. Liest man: Frd eh vkt hulm at heyja küdingar fr am gingit — lind vard grdn — inn grdna geirjnng — i tvau springa', so bekommen wir in der dritten Verszeile gegen die Regel adalheuding statt skothending, und es ist daher Grund mit Codex Upsaliensis ^inn qrona'"'' (von gröinn = grünend, grasbewachsen) statt grdna zu lesen. Wir finden demnach die Existenz eines Adj. grdnn mit der Be- deutung '^grau zum wenigsten unsicher. Ein Analogen einer solchen AVechselform wie grdr und grdnn kann noch weniger nachgewiesen werden. Daß aber kurzes a, wen geminiertes n folgt, in der Stamm- silbe zu a (altnord. d) getrübt werde, ist in schwedischen Mundarten etwas gewöhnliches, z. B. hann (band) = hann-^ anne (ande) =^ anne\ sann (sand) = sann, ganz wie grann = gränn (vgl. die dänischen Wörter Haand, Aand u. dgl., ausgespr. wie Haann, Aann). Ahnlich ist im Altnordischen der Übergang von grannr zu grdnn. In Zusammenhang mit dem eben Angeführten möge auch erwähnt werden_, daß der Name Grdni des Pferdes Sigurd Fafnisbanes ganz gewiss nicht mit Egilsson „a cinereo colore" erklärt werden darf, sondei'n = schlank, fein gebaut. Dieß ist für Pferde ein gewöhnliches Epithet. So werden in Grimnismäl, str. 37, die Pferde der Sonne svdngir = schlank (nicht = hungrig) genannt; vgl. Helgakv. Hund I, 42 (Bugges Ed.) und Oddrünar grätr str. 3. — Auch in Rigsmäl Str. 38 wird das Pferd svangrifja genannt — ein zierliches Epitheton, das dort mit grdnn vollkommen gleichbedeutend steht. Die in der aus späterer Zeit datierenden Nornagests Saga cap. 7 gegebene Beschrei- bung von der Größe des Pferdes Sigurds dürfte uns nicht abhalten, auf die jetzt vorgeschlagene AVeise den Namen Grdni zu erklären, zu- mal Jonssons und Egilssons Deutung dieses Wortes in den altnordi- schen Schriften der Stütze entbehrt. 2. Hertrygd, Hertygd. In der Erfidrapa Hallfred Vandrsedaskalds über König Olaf Tryggvason begegnet folgende Strophe (Heimskringla , Ol. Tryggv. S. c. 110): y^Geta skal mdls pess er vicela menn at vdpna sennu 264 THEODOR WISEN, ALTNORDISCHE WORTDEUTUNGEN. dölgu fangs vid drengi ddctöflgan gram kvddu. Baäa hertrygdar hyggja hnekkir sina rekha (pess Ufa pjddar sessa Prdttar ord) d flötta. Snorre Sturluson sagt in seiner Erzählung von der Schlacht zu Swolder, daß die Männer Olaf Tryggvasons, ala sie die sämmtlichen Schiffe des Feindes gewahr worden, den König wegzusegeln und sich in keinen Streit gegen eine so überlegene Macht einzulassen baten. Der König aber atitwortete: ^Fällt das Segel; nicht sollen meine Mannen an Flucht denken, ich bin niemals im Streite geflohen. Gott sorge für mein Leben, aber nie will ich mich auf die Flucht begeben.* Auf diese Worte deutet Hallfred in seiner hier oben citierten Strophe. Es ist nur die zweite Hälfte der Strophe, die eine Schwierigkeit bei der Deutung macht. Und diese Schwierigkeit liegt lediglich in dem Worte hertrygdar. Daß es eben dieses Wort sei, das corrumpiert worden^ zeigt sich schon aus den vielen Varianten^ die an der ent- sprechenden Stelle in den verschiedenen Handschriften sich finden und die in Egilsson's Lex. Poet. s. v. hertygd verzeichnet sind. Man liest hertrygdar, hertygdar, her tryggvan, hertryggvir, herdyggvir, hratt ygdar. Schon aus textkritischen Gründen wird demnach das Wort hertrygdar (mit dessen Varianten) verdächtig, und noch mehr, wenn auf den Zu- sammenhang gesehen wird. Wörter wie hertygd, hertrygd, hertryggvir, herdyggvir finden sich in der Sprache nicht; hratt ygdar ist ebenso gänzlich unübersetzlich; her ti-yggvan, das augenscheinlich der Emen- dation eines Abschreibers seine Existenz verdankt, würde nach der von Egilsson angenommenen Deutung einen erträglichen Sinn geben können. Egilsson findet, daß die Besserung im Worte sina, das er zu Svia ändert, liege. Dieß kann aber nicht richtig sein, denn einerseits stimmen alle Handschriften in der Lesart sina überein, und anderer- seits bleibt dennoch hertrygdar (oder was man statt dessen sonst lesen will) nicht minder unbegreiflich. Hnekkir Svia rekka enthält ausser- dem eine Anticipatiou von etwas, das erst bei einer späteren Gelegen- heit sich ereignete. Liest man hnekkir Svia rekka hada her trygg- van hyggja d flötta, so erhält man einen keineswegs guten, aber doch annehmbaren Sinn, obwohl die Ermahnung König Olafs, falls das Heer schon trygt war, ziemlich unmotiviert und überflüssig erscheint. Der Fehler liegt augenscheinlich in hertrygdar (der am wenigsten corrumpierten Lesart), und ebenso augenscheinlich muß dieß Wort in tortrygd'-. • i.r'n-- ' " ' '■• ' r;'V--i7/ 276 1^- FÖRSTEMANN *Sclilachterg-ang Lübeck. Schlachterstraße Hadersleben (Schleswig). In Stade ist das Wort Knochenhauer erst neuerdings durch Schlachter verdrängt. Letzteres Wort ist aber dort alt im Gewerbe des Kopslachters, Kopf- oder Hausschiachters, der im Gegensatz gegen den alten Knochenhauer und jetztigen Schlachter nur Schweine schlachten und mit Wurst handeln darf. *Die SchlägerstraÜe in Hannover ist erst neu benannt nach einem Familiennamen. *Schlosserstraße Stuttgart, ist neu. Schlossereistraße Riga. *Schmiedgasse, unter den Schmieden sec. 14 in Basel, jetzt Spalenberg. Hier wohnten die Helmer und Halsberger; nicht weit davon steht das Haus der Schmiedezunft. — In Nürnberg sind drei Schmiedgassen nachzuweisen, eine obere und eine untere auf der Sebalder Seite und eine dritte auf der Lorenzer Seite, seit 1809 in Ludwigstraße umgewandelt. Schmiedestraße Altena (früher -gasse), Dorpat, Hadersleben (Schleswig), Pernau (Livland), Reval (Esthland, schon sec. 15 Smedestrate), Riga (schon sec. 15 platea fabrorum, smedestrate). *Schornstein fegergang Lübeck. Schornstein feger gasse Berlin. Schouwvagersstraat Gent; von den Schornsteinfegern, vgl. holländ. schouw Schornstein. "*Schreibergasse Constanz. Schreiner Straße Stuttgart. Schreiner kommt hier zum ersten Male in Straßennamen vor; es scheint doch als FremdAvort nie so recht volksthümlich gewesen zu sein. Schrjnwerkersstraat Antwerpen, nach den Schreinern. *Schroderstrate sec. 15 Reval, jetzt Apothekstraße. Schoenlappersstraat Gent; schoenlapper (auch holländ.) ist Schuhflicker, Altbüsser. *Schuhmacherort Heide (Schleswig). Schuhmacherstraße Altona (wohl eigentlich Schumacherstr. , nach dem bekannten Astro- nomen). Schuhmacher- neben Schusterstraße Riga (schon sec. 15 platea sutorum). Aber die angebliche Schuhmacherstraße in Lübeck existiert nicht, vielmehr eine Schlumacher- oder Salunenmacherstraße (s. ds.) Schoenmakersstraat Antwerpen. Schusterbrücke früher in Hamburg. Schustergasse Mainz, Stuttgart. Schusterinsel in der Düna bei Bolderaa unterhalb Riga. Unter den Schustern früher in Nürnberg, ebendaselbst besteht noch jetzt eine Schustergasse. Bei den Schustern soll zur Zeit der Hansa eine Örtlichkeit in Bergen (Nor- wegen) genannt sein. Schuh Straße (schon sec. 15 schostrate) Reval. STKASSENNAMEN VON GEWEIMJEN. 277 *Scliützengasse und Schützengraben in Basel; beide Stra- ßen führen zum Schützenhaus und der Schützenmatte: Namen aus neuester Zeit. Schützenhof in Barmbeck bei Hamburg. Schützen- pforte Hamburg, Schützenstraße Braunschweig, Bremen, Frankfurt a. M., Hamburg, Kiel, Leipzig, München, Schwerin, Weimar; aber die Schützenstraße in Rostock ist nur nach einem Familiennamen benannt. Schutterssteeg Antwerpen, nach Heremans hierher. * S c h w e r t f e g e r g a s s e Potsdam. Schwertnergasse Cöln. Hier begegnet mir zuerst das einfache AVort für Schwert feger, wenn anders dieser Name so zu deuten ist. Seidmachergässchen und unter Seidmacher Cöln. *Seilergasse Baden (nach A. v. Keller), Insbruck. Seiler- straße Bremen. Vgl. auch Reperbahn u. s. w. Zilversmidsstraat Antwerpen. *Die frühere Spieglergasse (äußere Laufergasse j in Nürnberg kommt schon am 8. Nov. 1527 vor. Spielleutestraße Bremen. Spinne rsstraat Gent; der Name ist neu. Spinnrademachergang Lübeck; also eine Unterart der Kade- macher. Spitzengasse (gr. und kl.) Cöln, ein abgekürzter Name, denn dort wohnen Spitzenklopperinnen. *Sporergasse Cöln, Stuttgart, früher in Strassburg. Sporer- th or Darmstadt. Unter den Sporren, der Sporrer gasse, a. 1349 domus undern Sporren, sec. 14 in der sperren gassen apud macellum, jetzt Sporengasse in Basel. Spulmannsgasse Cöln. Sind das Anfertiger von Spulen? Im mhd. Wbch. begegnet spuoler = einer, der das Garn zum Weben auf Spulen spinnt. Stecknitz fahr er gang Lübeck; die Stecknitz fließt bei Lübeck mit der Trave zusammen; das Wort ist also gebildet wie Schonenfahr er, Bergenfahrer, Grönlandsfahrer. Steinenmüllergang in Basel; er führt an einer Mühle vorbei in die Steinenvorstadt; also eine ganz eigenthiimliche Wortbildung, die eigentlich bei Müller zu erwähnen wäre. *Steenhouwersvest Antwerpen. Steenhouwersstraat Gent. Sutergasse, vicus sutoram, a. 1260 Sutergasse, 1281 Suster- straße in Basel, ein Theil der jetzigen Gerbergasse. Einige andere Suster- und Süsterstraßen gehören nicht hieher, sondern zu Schwester^ von den Nonnenklöstern. 278 E. FÖRSTEMANN Tapissiersstraat Antwerpen, von den Tapetenwirkern. *Tasclinergässlein wird in einer Urkunde vom 21. Mai 1696 in Nürnberg das früher und später, auch jetzt noch so genannte Schul- gässlein genannt. Unter Taschenm acher Cöln; vgl. auch den Namen des Schriftstellers Tescheumacher. Taverniersstraat Gent, nach den Schaukwirthen benannt. *Tischlergang Lübeck. Tischlergasse Prag. *Todtengräbergässchen Chemnitz, jetzt amtlich Hospitalgasse. *Töpfergang Lübeck. T ö p f e r g a s s e Frankfurt a. Main. T ö p f e r- twiete Bergedorf bei Hamburg. *Tuchmachergasse Prag. Twyndersstraat Gent, von den Zwirnern, holl. twynder. *Voldersvest Antwerpen. Voldersstraat Gent. Gehört auch die Follerstraße in Cöln hierher? Wagemausstraat Gent. Auch in Lübeck soll, wie ich durch Heller in Travemünde erfahren, früher eine Wagemannsstraße gewesen sein. Es sind doch wohl Wagner gemeint. * W agner s tra ß e Hannover. Walldienerhof Rostock; die Walldiener gehörten hier zur familia consulum. In Festungen kennt man noch jetzt Wallmeister. Wandraacherhof Lübeck, also gleich den hamburgischen Wand - bereitem. *Wäscherhof Nürnberg, uralt und noch jetzt. * Webergasse Esslingen, (obere und untere — ) Wiesbaden. Weberkoppel bei Lübeck, Deecke S. 15. Weberstraße Berlin, Bremen, Lübeck (Deecke S. 6), Riga, Stuttgart, früher in Ulm (jetzt Frauenstraße). Weversstraat Gent (neuer Name). Webersplatz in Nürnberg erst in neuerer Zeit aufgekommener Name für den freien Platz unterhalb der sogenannten „sieben Zeilen", in denen früher lauter Weber wohnten. Zu der schon erwähnten Webergasse in Basel ist zu bemerken, daß die alte Webergasse (a. 1273 vicus textorum) jetzt unterer Henberg heißt. Gegenwärtig giebt es eine Webergasse in Kl ein- Basel; diese hat ihren Namen wahrscheinlich von dem Weberhaus des Klosters Klingenthal. Wechslerbrücke und Wechslergasse früher in Hamburg, letztere schon a. 1359 genannt, wahrscheinlich die jetzt „bei der alten Börse" genannte Straße. * Wei ßgerb ergasse Schweidnitz. Weißmalergasse (Weissmaulergasse) früher in Augsburg, jetzt Karolinenstraße. Bekannt ist der Familienname Rothmaler. STKASSENNAMKN VON GEWERBEN. 279 Wendenstraße Rostock gehört vielleicht trotz des ethnographi- schen Namens hierher, denn wenn auch die Wendenstraße (Slavorum platea) oder Wendische Wyk vor Uostock gerade wie Wendischdorf in Lüneburg die Wohnsitze der Wenden angeben, so scheint die Wenden- straße innerhalb Rostocks, vielleicht auch Wendlander Schild (eben daselbst) zugleich Gewerbename zu sein, da hier Wende (Slavus) und Specksnyder (lardum vendens, lardiscida) völlig identisch und pro- miscue gebraucht werden. Vgl. Lisch Jahrbücher XXI (1856) p. 28 ff. AVende als Speckschneider ist demnach völlig gleich mit dem Fett- höker in Stade, dem Vullhaken oder Fetthaken in Lüneburg und liichthakeu in Rostock, also eine Hökerstraße, platea penesticorum. l^as Wendenthor liegt in Rostock an der Wendenstraße. — Aber die Wiener Wendkremer (Germania XV, 280) lipgen wol fern. ._. *W ollen weberstraße Neu-Buckow (Mecklenburg). W 0 1 1 w e r k e r g a s s e Regensb urg. r ■ ' Ziramermannstraße Neumünster (Holstein). Zimmerstraße in Berlin hierher? So weit dieses dritte Verzeichniss. Dasselbe bereichert auch die den beiden ersten Sammlungen angehcäugten allgemeinen Bemerkungen in früher ungeahnter Weise, und wer einst jene drei Verzeichnisse viel- leicht mit noch anderem Stoffe vermehrt zu einem einzigen umarbeitet^ wird auch jenen Bemerkungen eine ganz neue und vollkommenere Ge- stalt zu o-eben haben. Ich beschrcänke mich hier auf einzelne Zusätze : Zu Germania XIV, 20 und XV, 281. Das „unter" in den Straßen- namen ist außer den schon genannten Städten nun auch in Augsburg, Basel, Leipzig, Nürnberg und Regensburg nachgewiesen. Über diesen Punkt schreibt mir Pütz aus Cöln: „Das unter wird in Cöln nicht nur im Munde des Volks, sondern auch officiell mit dem unflectiertcn Plural gebraucht und erinnert an das lateinische Beispiel inter sica- rios bei Cicero Catilina I." Heremans in Gent meldet: „het heeft in de brouwers gebrand sagt man in Antwerpen statt in de brouwers- straat." Über dieses in bei Straßennamen vgl. für Magdeburg Städte- chroniken VII, 184; Magdeburger Geschichtsblätter I, S. 15 (1866). Zu XIV, 25: Neben der Görlitzer Armesündergasse und Verräther- gasse kann ich jetzt auch eine Armesündergasse in Reval (Esthland) nennen; sie führte zum Galgen hinaus. Ein Ehebrechergang ist noch jetzt in Hamburg, ein Ehebrecherstieg nach Deecke S. 9 bei Lübeck vor dem Mühlenthor. Eine Kipperbrücke war früher in Hamburg, vom Handel mit schlechtem Gelde benannt; dahin gehört auch wohl die dort noch vorhandene Kibbeltwictc (Schütz II, 260j. Auf das Verbrechen 280 E. FÖRSTEMANN der Hexerei führt die Tooveressenstraat in Gent. Diebsgänge könnte man ans manchen Städten verzeichnen. Zu XIV, 25 und XV, 281, wo ich reiche Verzeichnisse von ge- werblichen Ausdrücken aus Lübeck, Nürnberg und Wien nachwies, kann ich jetzt auf die alten Gewerbe in Osnabrück hindeuten, wie man sie verzeichnet findet in den Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück Bd. VII (1864) S. 24 ff. Hier begegnet wiederum eine Anzahl von Ausdrücken, die in meinen bisherigen drei Sammlungen noch keine Gelegenheit hatten zu erscheinen. Den früher kaum geahnten Reichthura unserer Gewerbebezeich- nungen werden auch folgende vereinzelte Bemerkungen darthun: Schmelzer oder Fettmenger begegnen schon neben der Über- setzung unguentarii in einer Urkunde von 1281; s. Hoffmann Gesch. von Magdeburg I, 330 und 508. Wir haben also nun Fett-, Fisch-, Fleisch-, Stahl- und Waitmenger. In Augsburg lernen wir Grauloder, Geschlachtgewand er^ Schäffler und Salzfertiger kennen; s. Städtechroniken IV, 146. In Breslau und Liegnitz erscheinen Kräuter; s. Grimm Wbch. V, 2114. Sonnen kramer in Leipzig zeigen sich um 1450 (Leipziger Urkundenbuch n. 263); vorkauff'er und sonnenkramer, wer uö" dem markte wil feile haben und feile hat in budin, ufF schrayn addir uff der erdin. Lesterer in Leipzig a. 1462 (Leipz. Urkundenb. n. 353, vgl. auch 369, 405): lantfleisschawer die man lesterer nennet. Auch in Halle ist der Name für unzünftige Fleischer bekannt; s. Dreyhaupt Saalkreis II, 556. Salzhacken in Leipzig a. 1482 (Lpz. Urkundenb. n. 520). Ein so gewaltiger noch immer unerschöpfter Reichthum unserer »Sprache ist nur möglich in Folge der köstlichen Frische und Freiheit, welche sie sich auch auf diesem Gebiete bewahrt hat. Einen Blick in diese lebendige Quelle hinein möge folgende Mittheilung aus meiner eigenen Kindheit gewähren: Meine Großmutter besaß in Danzig ein Gehöft, auf welchem zwei Häuser standen, in denen etwa sechs Familien niedern Standes zur Miethe wohnten. Das Gehöft hieß der weiße^Bär, denn über dem Thore befand sich ziemlich roh aus Holz geschnitzt ein Eisbär. Einst erhob sich ein großer Sturm, der Bär fiel herunter und gieng dabei gänzlich zu Grunde. Die Bewohner des Gehöftes er- klärten nun, daß sie in ihrem Erwerbe geschädigt würden, wenn man das Zeichen ihrer Wohnung nicht wieder ersetzte, es müsse durch- .STKASSENNAMEX VuN GE\V?:EBEN. 281 aus ein neuer Bär gemacht werden. Nun machte es nicht geringe Schwierigkeit, bis ein „B'^i'kemaker" (Bärchenmacher) gefunden war; endlich fand er sich und Heferte nach kurzer Zeit seine Phidiasarbeit. Das eben mitgetheilte Wort steht hier gewiß zum ersten Male gedruckt und gesprochen ist es wohl auch weder früher noch später, nur während weniger Tage vielleicht von einem halben Dutzend Personen. In nicht viel anderer Weise mag mancher ähnliche Ausdruck zu beurtheilen sein; Zeit, Ort und Gelegenheit rufen ihn hervor und nach kurzem Gebrauche in engerm Kreise hat er ausgelebt. Zu meiner Bemerkung über den geographischen Verbreitungskreis des Wortes twiete kann ich noch einiges beibringen. Twiete in Lübeck erwähnt Deecke S. 2. In Stade heißen vier kleine Quergassen: Lämmer- twiete, Große-, Kleine-, und Steifenstwiete. In Northeim bei Göttingen vor der Stadt heißt ein Querweg durch Gärten Twechtje, die Gärten selbst „an der Tw.", auch wohl ,.in der Tw," In Schwerin existierte bis 1869 eine Ackertwiete, die jetzt ein Theil der Paulsstraße ist. In Berge- dorf bei Hambm-g giebt es eine Bleichertwiete und eine Töpfertwiete. Germania XV, 283 hatte ich angeregt, man möge das Verhältniss der Gewerbebenennungen auf einfaches -er zu denen auf -macher einmal untersuchen. Dazu kann man auch die auf -werker (Schrjn-, WoU- werker) und die auf -bereiter (Gar-, Wandbereiter) erwägen; auch die auf -menger (s. oben) , -hauer, -schmid, -manu, -leute bilden förmlich kleine Ciassen. Ehe ich aber von diesem nach so vielen Seiten hin ergiebigen Gegenstande ablasse, liegt es mir am Herzen, die Frage nach dem Alter solcher Gewerbebenennungen in unsern Ortsnamen zu berühren. Wir haben aus den obigen Sammlungen ersehen, daß mit wenigen Aus- nahmen unser Material für die deutscheu Straßennamen nur bis in's dreizehnte Jahrhundert zurückreicht. Aus früherer Zeit giebt es ja keine deutschen Urkunden und die altern lateinischen bieten kaum Gelegen- heit zur Erwähnung von Straßennamen. Aber der hier besprochene Gebrauch ist sicher weit älter, wie wir aus einem andern ganz nahe liegenden Gebrauche ersehen, den wir glücklicherweise noch fünf Jahr- hunderte höher hinauf, bis in's achte Jhdt. hin verfolgen können. Je weiter wir in der Geschichte unseres Vaterlandes zurückgehen, desto seltener und unbedeutender erscheinen uns die eigentlichen Städte die große Masse des Volkes lebt in einzelnen Höfen und Weilern, die meistens wohl nur aus wenigen Häusern bestanden. Bei dieser Verein- zelung konnte sicher manches der heutigen Gewerbe noch nicht «-ewerbe- mäßig getrieben werden ; man war lange meistens sein eigener Tischler, 282 K. rÖRBTEMANN Schneider, Schuster, Bäcker, Brauer. Aber das Bedürfuiss nach be- sondern Schmieden aller Art, Glasern, auch Hirten muß doch schon sehr frühe vorhanden gewesen sein; wo ein solcher Gewerbetreibender von seinem Hofe oder Weiler aus vielleicht einen ziemlichen Strich Landes versorgte, da lag es nahe, dessen Wohnsitz nach seinem Ge- werbe zu bezeichnen. Und in der That kennen wir diese Vorläufer unserer gewerblichen Straßennamen aus nicht wenigen Beispielen; sie erscheinen meistens als elliptische Pluraldative und entsprechen am nächsten den alten Straßennamen mit unter und in. Nachdem ich im zweiten Bande meines Namenbuches (1859) vieles dahin gehörige Material niedergelegt, aber großentheils noch nicht richtig sprachlich erkannt hatte, stellte mein Freund Ignaz Petters noch in demselben Jahre in der Germania IV, 34^ manches dahin gehörige in sehr dankens- werther Weise zusammen und ich konnte in meinen Ortsnamen (1863) S. 185 und 197 schon mehreres der Art an seinem Orte besprechen. Ich liefere hier nun in alphabetischer Folge eine Reihe solcher Oi-ts- namen aus dem achten bis elften Jahrhundert, verweise für die ge- naueren Citate auf mein Namenbuch und hebe durch ein Sternchen auch hier diejenigen Ausdrücke hervor, die schon in meinen drei Straßensammlungen erwähnt sind. Arnari oder Arneri^ welches in den fuldischen Urkunden öfters, z. B. a. 973 begegnet, ist Groß- und Klein-Oerner, nordöstlich von Mansfeld, nordwestlich von Eisleben. Ein unbekannter Ort in Friesland (ich denke zunächst an Eenrum bei Appingedam, westlich vom Dollart) erscheint sec. 10 und 11 in den von Crecelius mitgetheilten Registern als Arnarion, Arneron, Arneru. GrafF I, 427 führt ein arnari quae- stuarii auf; der genauere Sinn des Wortes in den beiden Ortsnamen entgeht uns noch, es mögen hier mercenarii irgend einer Art ge- meint sein. *Cuopharen, Chuofarin, Chufarn u. s. w., sec. 11 öfters, ist Kuffern oder Kuffing, SO v. Mautern in Österreich. Die Rebengelände der reichen Klosterstiftungen dieser Gegend werden hier wohl frühe besondere Küfer zur Ansiedlung bewogen haben. Fanari, Vaneri (auch ungenau Panre), schon sec. 8 und 9 mehr- fach, besonders in fuldischen Urkunden erwähnt, ist Groß- und Klein- Fahner, NO von Gotha. An Sumpfbewohner (goth. fani) ist schon wegen des mangelnden Umlauts nicht zu denken; man wird das goth. fana panna herbeiziehen müssen; da es jedoch unnatürlich wäre hierFahnen- träo-er zu suchen, so ergibt sich der Sinn von Tuch wirk ern als der wahrscheinlichste. STKASSENNAMEN VON (JEWKRBFX. 28:5 Vezzerun, Vescera (einmal mit dem Zusätze ubi ferrum con- flatur) kennen wir schon seit sec. 10 als das heutige Vessra (Vesser) bei Schleusingen in Thüringen. Dort werden Ketten (ahd. fezzera) und wohl auch andere Eisengeräthe geschmiedet worden sein, wie auch Grimm Wbch. III, 1558 annimmt. Figularun, das zweimal in einer Urkunde von 1058 genannt wird, ist Figler im niederbairischen Landgericht Eggenfelden. Das Wort, welches allem Anscheine nach hieher gehört, ist doch schwer zu verstehen. An lat. figulus mit deutscher Endung möchte man kaum denken; das mhd. Wbch. führt ein vigele für Violine auf, danach könnten dort Fidler gewohnt haben; oder sollen wir mhd. vilsere (aus vihilari) Feiler, Feilenhauer herbeiziehen? ich wage nicht zu ent- scheiden. Frumara, Frumarom bezeichnet a. 793 u. 838 Frommern in Wirtemberg, NO v. Rotweil. Sprachlich damit gleich wird sein ein seit sec. 8 mehrfach erwähntes Phrumari, Phrumare, Pfrumarum, jetzt Pframering, S von Erding, NO von München. Es müssen Diener oder Arbeiter gemeint sein, ahd. frumara, mhd. vrumaere. Ein rheinisches schon seit 897 genanntes Gunteresfrumere führt sogar den Namen des Herrn oder Arbeitgebers mit an; wir kennen den Ort nicht näher. Furari, Furaren, seit 874 in fuldischen Urkunden vorkommend, ist jetzt Furra (Gr. itnd Kl.) an der Wipper, S von Nordhausen, NW von Sondershausen. Man denkt dabei gewiß mit Recht an ahd. forari Lastträger, mhd. vüersere Fuhrmann. Gansaraveldi, sec. 11 öfters genannt, ist vielleicht Gänsern- dorf im Viertel unter dem Manhartsberge. Darin muß ein ahd. gansari Gänsehirt liegen. *Gleserecella in unbestimmter aber früher Zeit erwähnt, heißt noch jetzt Gläserzell, unterhalb Fulda. Aus so früher Zeit ist sonst noch kein glasari nachzuweisen, Goldarun, sec. 9 — 11 öfters vorkommend, ist das heutige Gol- dern bei Teisbach, NO von Landshut. Das muß doch den Wohnsitz von Goldschmiden bedeuten; bis jetzt kenne ich freilich noch kein goldari. Agastaldaburg (für Hag-) kommt a. 1046 vor; es war eine Burg an der alten Yssel, NO von Cleve, SO v. Arnheira; der dort liegende Ort Oulst erinnert vielleicht an den Namen. Wir haben also hier eine ars. servorum oder wohl besser mercenariorum. *Huotarn Hutam, sec. 11 öfters genannt, ist Hütern, N v. Passau. Schon G raff führt ahd, huotari custos an. - '— — *-- 284 K. F()KSTEMaXN *Kezzilari, in fuldischea Urkunden seit 874, ist das heutige Kessler zwischen Kahla und Blankenhayn, SW von Jena, wohl die älteste Erwähnung von Kesselschmiden. *Knechtahusun sec. 11; der Ort lag bei Steinheim, SO von Detmold. Mutarun seit sec. 9 öfters; Mautern au der Donau, zwischen Linz und Wien. Da müssen Zolleiunehmer fgoth. motareis) gewohnt haben. *Phistarheim, sec. 11 mehrmals, jetzt Pfistersheim, SO vou Landshut. Sangarhusen, Sangirhusen, seit a. 991 nachzuweisen, Sanger- hausen zwischen Eisleben und Nordhausen. Hat man etwa ein sangari der den Wald durch Feuer niedersengt (schwendet) anzunehmen? Vgl, auch unten Zangaren. Ahnlich ist vielleicht Riuttare (Namen- buch II, 1199) zu verstehen von Leuten, die den Wald ausreuten, doch kann hier auch an Bewohner eines Riuti gedacht werden. *Satalarun. Satalara ist schon seit a, 748 mehrfach erwähnt, jetzt Sattlern im niederbairischen Landgericht Landau. Während Kehrein ein seltenes s adele (ein Stück Feld) herbeizieht, denkt Karl Roth an wirkliche Sattler, und ich sehe nicht, was man dagegen sagen könnte. Dazu mag auch das schon sec. 8 im Neckargau erwähnte Sadelerhuser gehören. *Scafarafeld, sec. 9 und 10 mehrmals, vielleicht Schafterfeld an der Ips im Viertel ob dem AViener Walde, zu ahd. scäfari opilio. Sceftilari, -aron, seit sec. 8 oft, Schäftlarn, S von München, unweit der Isar, wird wohl auf die späteren Speermacher gehen. Scalcaburg, sec. 11 öfters, jetzt Hausberge an der Weser bei Minden. Scalcobah sec. 9 in Österreich. Scalcobrunnon in früher aber unbestimmter Zeit bei Salmünster. Also synonym mit den oben er- wähnten Namen Arnari, Frumara, Agastaldaburg und Knechtahusun. * Seil tarn öfters sec. 10 und 11, Schildtoru in Oberösti-eich, Innkreis. Sciltarun Mchb. sec. 11 (n. 1202), Schiltern bei Schwind- kirchen, Landgericht Haag, Schildarius (so) schon a. 798 in den Salz- burger Urkunden, vielleicht Schilding im Salzburggau. Dort würden goth. skildarjos wohnen, wohl Verfertiger von Schilden, schwerlich schon in abgeleiteter Bedeutung Maler. *Schmide sind die nothwendigsten unter den Handwerkern und deßhalb die ältesten und edelsten. Damit stimmt gut überein, daß nach ihnen weit mehr als nach andern Gewerbtreibenden zahlreiche Orter benannt sind. Man sehe die verschiedenen Smidaheim, Smidahuson «TKASSENNAMEN VON GEWERBEN. 2S5 u. s. w. in meiuem Namenbuch nach und erwäge, daß die oben an- geführten Namen Vezzerun, Goldarun, Kezzilari, auch das unten er- wähnte Zeinarin auf verschiedene Arten von Schmieden hinweisen; ja die eben erwähnten Verfertiger von Schaft und Schikl können des Schmiedens kaum entrathen. (Den in meinem Namenbuche angeführten Ortsnamen Snedere- broch auf Schneider zu beziehen darf man nicht wagen.) Sweigra (auch ungenau Soagra), sec. 9, ist Schwaigern W von Mergentheim, Sweigera, Sueigerin, sec. 10, dagegen Schwaigern, W von Heilbronn. Darin liegt ahd. sweigari Hirt ebenso wie in den Zusammen- setzungen Sueigerheim und Suegerestete, über die man das Namenbuch nachsehe. Telsaran in einer österreichischen Urkunde des 11. Jahrhunderts könnte nach dort ansässigen Färbern benannt sein; vgL mhd. telze Farbe, betelzen beflecken. * Web er es tat, schon sec. 8 erwähnt, ist Weberstädt, W von Langensalza, NW von Gotha. Schon ahd. webari textor. *Wehslaron, ein westfälischer Ort, wird schon sec. 9 erwähnt. Es fällt fast auf, so frühe Wechsler hier zu finden, doch wer vermag den historischen Anlaß zu wissen? Zu lat. vinitor, vinitorium, deutsch Winzer gehört schon in alter Zeit eine Anzahl von Ortsnamen. Ich erwähne Winitorium, seit a. 882 bekannt, später Wintere, Winetre, jetzt Königswinter bei Bonn. Ferner Win zum a. 10G7, wahrscheinlich Winzer im Landgericht Mindel- heim. Endlich portus qui Wincirin dictus est (cum v in eis) a. 1062, jetzt Winzer unterhalb Regensburg. Ja selbst Formen wie Winterberg, Wintersteti u. s. w. mögen nicht immer zu wintar hiems gehören. Zangaren a. 1040, in der Gegend von Ranshofen am Inn, bleib* noch ungewiß. Man hat die Wahl, entweder eine Ableitung von Zange forceps anzunehmen, die auf verschiedene Gewerbe hinweisen könnte, oder an eine unorganische Schreibung für Sangaren zu denken, die dann mit dem ersten Theile von Sangarhusen zusammenfallen würde. Zeinarin, a. 1083 und 1096, jetzt Zaina im Viertel unter dem Manhartsberge, muß zu goth. tain, ahd. zain gehören, und dann läge der Sinn von Goldschmiden zunächst, vielleicht aber ist auch an das abgeleitete zainja Korb zu denken, und dann hätten wir wohl Korb- flechter anzunehmen. Zidelare, Cidalarin u. s. w. begegnet seit sec. 8 öfters und bezeichnet theils Zeitlarn, N von Regensburg, theils einen Ort zwischen Linz und Steyer, theils Zeidlarn im Landgericht Eggenfelden, theils GKKMANJA. Neue Ui-ihe IV. (X VI.) Jahr,'. 20 28G K. J. SCHRÖER endlich Zeidlarn an der Alz. Hierin wie in dem zusammengesetzten Cidalaribah und Zidalaregowe haben wir deutlieh ahd. zidalari apiarius. Einige Formen dürfen nicht verführen, sie hicher zu nehmen. Dahin gehört das sec. 9 begegnende Fizkere, worin wir nicht Fischer, sondern Anwohner der Fischa in Niederösterreich zu sehen haben; ferner Forstarun sec. 11, jetzt Forstern bei Braunau im Innviertel, gewiß nicht Förster, sondern Forstbewohner; ebenso Hornarun a. 1046, nicht Horndrechsler, sondern Bewohner von Hörn im Viertel ob dem Manhartsberge. Selbst das oben angeführte Goldarun würde, wenn sich in der Nähe etwa eine Goldach auffände, hier auszuscheiden sein. Und hiemit halte ich an. Ob ich die Feder wieder für diesen Gegenstand ergreife, hängt von der Menge und Art des etwa neu zu- strömenden Stoffes ab. Jedenfalls wollen wir die Sache, deren Ergiebig- keit dargethan ist, im Auge behalten und die Forschung weiter zu vertiefen suchen, während sie zu verbreitern die Aufgabe unserer über- seeischen Brüder in England und Skandinavien sein wird. DRESDEN, den 30. Mai 1871. MYTHISCHES VON DEM DURCH DEN GUNZENLE GEFEIERTEN KONRAD. Franz Pfeiffer hat in seiner Abhandlung über Heldengräber und Dingstätten (Gennan. 1, 81—100, wiederholt: Freie Forschung 275 bis 306) in überzeugender Weise dargethan, daß der Gunzenle ein Ehrendenkmal, ein Kenotaphion, sei; ein ahd. hleo, got. hfaiv, wie der Trüsileh ein Ehrendenkmal des Drusus u. a. Bezeichnuns^en von Orten mit -le, die dort näher besprochen sind. — Es fragt sich bei Gunzenle nur noch darum, wem dieser le geweiht war? Pfeiffer denkt an Herzog Kunrad, der in der Ungerschlacht auf dem Lechfeld ge- fallen ist, hält aber dann den Herzog Kunrad von Alemanieu, Zeit- genossen des h. Gallus, mit noch mehr Wahrscheinlichkeit für denjenigen, der hier mit einem Le geehrt ward (CunzenhlSo, Gunzenle). Die älteste Erwähnung des Gunzenle im chronicon Ebersbergense antiquius bezieht sich auf jene Schlacht am Lech. In der Fortsetzung des Regiuo wird diese Schlacht nur vorübergehend erwähnt;, aber der MYTHISCHES VON DEM KONÜAD DES UUXZENLE. 287 Tod des Kourad als wichtiges Ereignis hervorgehoben. So auch im Chro- nicon Budense und in der ungr. Chronik des Heinrich von Mogelin. — Ich glaube, daß die Wahl hier nicht zweifelhaft und daß nicht von dem ale- mannischen, sondern nur von dem ostfränkischen Konrad von Lothringen, dem Schwiegersöhne des Kaisers, die Rede sein kann. Dieser hatte so entscheidenden Einfluß auf den Ausgang des Kampfes und sein Name war so sehr in aller Munde, daß er bei den Ungern in der Erinnerung mit dem Kaiser verwechselt wurde. Seine Heldeuthaten und sein Tod in dem ruhmvollen Kampfe sind zur Sage geworden, die von den Ungern später mit mythischen Zügen ausgeschmückt wurde. Dieser Umstand scheint mir die Wahrscheinlichkeit, daß der Kaiser seinem tapfern ~ Schwiegersohne, der in einer so denkwürdigen Schlacht gefallen war, einen Ehrenhügel errichten ließ, oder daß ihm denselben seine Krieger selbst errichteten, zu erhöhen, so daß wir, wenn im 11. Jahrhundert schon anf dem Lechfelde, wo die Schlacht statt fand, ein Gunzenle erwähnt wird, an Niemand sonst denken werden als an Konrad von Lothringen, der da gefallen ist. Daß die Ungern den Kaiser, dem sie auf dem Lechfelde gegen- über standen, Konrad nannten, ist doch nur so zu erklären, daß der in der Schlacht so bedeutsam hervorgetretene Konrad in der Erinnerung mit dem Kaiser Otto verwechselt wurde. Schon Anonymus Belai notarius theilt den Irrthum, indem er die Schlacht, in welcher die Führer Lelu und Bnlchu gefangen und erhenkt worden sind, Cap. 53 Cuonrado imperatore geschehn läßt, obwohl er sie an den Inn verlegt. In dem nächsten Capitel nennt er den rex Teotonicorum wieder Atho und Hotho und erzählt von einer Racheschlacht der Ungern, in w^elcher sie quem dam magnum ducem, virum nominatissimum interficiunt, wohl wieder eine Erinnerung an Cuonrad, womit die entscheidende Nieder- lage am Lech zugedeckt werden soll. Noch anziehender ist die f?pätere Ausschmückung bei den Chro- nisten. Ich will dieselbe nach Heinrich von Mogelias Chronik mittheilen, weil ich von dieser den besten Text zu "eben vermag:. Capitel 15: in dem sebinzenden jore zugin di Hungir ilz in dütsche land nnde quomen kegin Augsburg; do legeten si sich voo' die siat. do was der bischof Ulrich mit den edelen lütin von Sicobin und hulfin den statlütin kegin den Hungirn, tvenne di Hungir icolden von der stat nicht zihen, si hetten si denne gewunnen. do santin di hurgir zu k eis er Kdnrad daz her en zu hülfe queme. do quam keisir Kdnrad mit einem grozin here mit Düt- schin und mit Lamparten, do toeren di Hungir gerne geflohin und moch- 20* 288 ^^- J- SCHRÖER tin nicht, icenne claz icazzer hatte sich dirgozzen daz iz vor di stat ßoz, daz si nicht mochtin ohir daz wazzir ßien. Unde zu den andirn siten quam keisir Konrad qf si mit dem here, also daz daz meiste teil der Hungir dirslagin xoart und di andern gef angin, daz keinir iveg quam in demselhigen strite. do wurden gef angin Lehel imd Bulchu, di edeln hoii-ptlide und wurden gefürt vor den keiser. do sprach keisir Konrad: ,durch waz sU ir der cristenheit so gar mordlich worden'?' des aniicurten di Hunger und sprachen : \vir sint eine räche gotis und siat von im gesanf, daz loir srdlin iuivir geisil sm und suUen iuch martirn und loenne loir iuch nicht martirn, so martirt uns got.^ — do sprach keisir Konrad: ,%üaz tddis xcellit ir sterhinP do sprach Lehel: ,ldz mir ein hörn her hrenqin und loz mich dorm llosin noch minem landseten/ daz hh der keisir hrengin. do nam Lehel daz hörn in di hand als ap her hlosin wolde und slüg keiser Konrad an di stirne daz her starh an der stund und sprach: ,du stirbist vor mir und wirst m2n diner in gener icerlid!^ ■wenne daz lant von Cifia hatte einen glohin, so einir den andirn dirslüg, daz der töte im denne dinte in gener werld. do nam man di zivene houpt- manne tcnd hing si zu Eegenspurg an einen galgen. Deutlich ist hier die sagenhafte Erweiterung des Vorfalles zu er- kennen, Konrad wurde durch einen Pfeil in den Hals getroffen, hier wird er an di stirne geschlagen. Ich wage es ohne weiters hier eine Übertragung eines Zuges aus der ungarischen Dietrichsage anzunehmen. Die von Simon Keza chro- nicon Hungarorum I, 11, 12 geschilderte Schlacht, in welcher Dietrich durch einen Pfeilsplitter*) an der Stirne verwundet wurde, ist in Liedern bei den Ungern bis in's 16. Jahrhundert gesungen worden, wie aus Nicolaus Olahus bekannt ist. Ich glaube, daß diesen Liedern auf jene furchtbare Ilunneuschlacht, an die ein für die Ungern so ver- hängnisvolles Ereignis, wie die Schlacht auf dem Lechfelde, wieder erinnern mußte, Züge zuzutrauen sind aus mythischen Liedern von Götterkämpfen, wie der Hiadniugakampf, wo am Ende, nach der ur- sprünglichen Fassung (bei Saxo), die Gegner Hoginus und Ilithinus sich gegenseitig tödten, vom Weltbrand, der sich daran anschließt, wo die Götter sich gegenseitig tödten. — Daß Konrad zum Kaiser gemacht wird, der Lchcls Tod beschließt^ daß Lehel ihn tödtet, bevor er getödtet *) W. Grimm deutsche Heldensage S. IG-k Daselbst ist zu berichtigen, daß halhatatlan nicht der Heilige, sondern der Unsterbliche bedeiitet. So ist daselbst S. 166 die erwähnte angebliche Übersetzung des Keza nichts anderes als Heinr. von Mogelins ungr. Chronik. MYTHISCHES VON DEM KONRAD DES GUNZENLE. 289 wird, zeigt ein sichtbares Streben ein gegenseitiges Tödten der Holden, wie in jener Weltscldacht, in die Geschichte hineinzutragen. AVas mich zunächst zu einer solchen Betrachtung veranlaßt ist der Umstand, daß jener Konrad von der Schlacht auf dem Lechfelde, der nach der Sage zum Kaiser und von Lehel erschlagen Avard, von den Ungern wirklieh zur mythischen Gestalt, ja an den Himmel ver- setzt wurde. Der große Bär^ das Gestirn, mittelnlederläudisch AVoens- waghen, ahd. wahrscheinlich Wuotanes Avagan, augelsächs. vsenes ]ms1 Wagendeichsel oder Carles vnsn, dänisch Korlsvogn, schwed. Karlwagn s. Gr. Myth. 138 heißt madjar. Gönczöl szekere = GönziJls Wagen und die ungrische Jlythologie von Ipolyi (Magyar M3'thologia irta Ipolyi Arnold. Pest 1854) S. 2G8 belehrt uns darüber wie folgt. , Eines der bekanntesten Gestirne ist der große Bär, in unserer Sprache der Gönzölwagen *). Gönzül soll der Erfinder des ersten Wagens sein. Andre sagen Gönzöl war ein berühmter Zauberer, er sprach mit Vögeln, Pflanzen und Steinen, war Sterndeuter, that viel Wunder (was alles an Odin erinnert). Sein Tod ist unbekannt, darum glaubte man er sei an den Himmel versetzt, und wie er allnächtlich auf einem Wagen mit krummer Stange fuhr, so fährt er jetzt bei Nacht durch den Himmel. Er hatte keine Nachkommen und die seinen Namen tragen stammen nicht von ihm. Ein alter Hirte erzählte aber: es sei der deutsche Kaiser Gönzöl mit seinem Frachtwagen, den die Madjaren umgebracht haben. — Gönzöl ist demnach ^ Wodan. Bekanntlich zieht Dietrich an der Spitze des Heeres als Wodan Gr. ]\Iyth. 346. In jener Stelle von der Hunnenschlaeht bei Keza heißt es von Dietrich noch: hunc De- tricum galeam quondam habuisse, et illam quanto magis defercbat tanto majore claritate refulsisse fabulantur: der leuchtende Kampf- helm Odins. Die Identität des wilden Jägers (Wodan) mit Dietrich von Bern tritt besonders auffallend hervor in den Lausitzer Sagen s. K. Haupt Sagenbuch der Lausitz S. 121. — Dadurch gewinnt obige Vermuthung an Gewicht, die sagenhafte Verwundung der Stirne Dietrichs sei hier auf Konrad übertragen und damit Konrad an die Stelle Dietrichs gesetzt worden. — Aber auch in der deutschen Mythe heißt Wodan Kunz. Vernaleken Mythen und Bräuche S. 50 tlieilt mit aus Troppau: in dem Bergstädtchen Bennisch braust auf dem dreibeinigen Schimmel der Kunz durch die Nacht. Er soll einst Bürgermeister des Städtchens, aber auch als Zauberer bekannt gewesen sein. — Hieher zu ziehen *) Statt das Ganze mit allen Einzelheiten zn übcr.?etzon , gebe ifli vuii hier ab nur das Wesentliche im Auszug. 290 K- J- SCHRÖER ist nun, daß ehedem Kunzenstäuber und Kunzenspieler so viel als Zauberer hieß; den Cunzen spielen, Fabian und Cunzenspiel ist ein trie- gerisches Spiel, das bei Fischart noch Kunzenjägerspiel hieß, Frommann VI, 235. 369 (mhd. kunstofel kunstofeler mhd. Wb. I, 914 wird nicht hieher zu ziehen sein). Kunz ist demnach auch in deutscher Mythe = Schiramelreiter (^ Wodan), Zauberer und Jäger. Daß sonst Dietrich von Bern auch zum Theil Träger der Sage von Donar war, daß er sich in einen Bären verwandelte, in Bären- haut hüllte, gleich Donar und Zalmolxis, weshalb er, als Sonnen- gott, mit dem Bären, der den Winter verschläft, verglichen werden kann, ist Germania VI, 317. 320, XIII, 214 besprochen. Das Bärgestirn ist zugleich der Wagen des Bären. Merkwürdig, daß schon im Indischen der große Bär zugleich der Wagendes Nahuscha ist, der von den sieben Rischi gezogen wird. „Da in der Sprache der Götter der Name Rischi fast gleichlautend ist mit dem Namen des Bären Rikscha, so haben die Menschen aus den sieben Rischi einen großen Bären ge- macht. Daneben sieht man auch noch den Nahuscha, wie er eben als Schlange herabstürzt." Holtzmann Sawitri Anmerk. S. 30. In Gottschee heißt der Nordwind: der Bär (mein Wtb. S. 131), womit der Wind der Wintergegend personificiert erscheint und an den nordischen Beinamen des Thorr = Biörn erinnert. Merkwürdig ist nun der von Grimm Mythol. 633 aus einer Ur- kunde von 1290 angeführte Chuonrat der heiligbär, der eine wei- tere Verbindung zwischen Kunz und dem Bärenmythus herzustellen scheint. Bei den Madjaren heißt das Gewitter Himmelskrieg, egi hdborii. Die Beziehung der Vorstellungen von einer Weltschlacht, in welcher die Hunnen auf den Feldern von Chalon Nachts wieder aufstehen und kämpfen, oder die Madjaren auf dem Lechfelde, Ipolyi Seite 357. 380 zu den Vorgängen am Himmelszelt, ist bei den Madjaren noch ganz deutlich vorhanden. Die Milchstraße heißt der Kriegsweg bei den Szeklern, hadak ütja, die Engel steigen auf der Milchstraße zum Wahl- platze nieder Ipolyi 271. Wie die Szekler die Milchstraße zu dem Heerführer Csaba und zu Attila in Beziehung setzen, wird erzählt Ipolyi 581. Besonders bemerkenswerth ist nun, daß ein Gestirn, aus drei Sternen bestehend, Mathias' Hörn heißt und mit dem Szekler Gestirn- namen Lehels Hörn ein und dasselbe ist. Ipolyi 273 f Damit erscheint das mythische Ereignis aus der Weltschlacht auf dem Lechfelde, daß Lehel mit einem Hörn den Gönzül (Konrad) erschlägt, an dcu Himmel MYTHISCHES VON DEM KONRAD DES GUNZENLE. 291 versetzt. Ferner hei l.U ein Gestirn madjarisch: König LadislausWagen — wohl mit dem Gönzölwagen eines und dasselbe — und von König Ladislaus heilet es im Madjarischen, er sei des Himmels Stallmeister und peitsche die Pferde des Gönzöhvagen. — Hier ist wohl Ladislaus der Heilige gemeint, später wurde Ladislaus Jagello an seine Stelle gesetzt. In dem Brückenspiel der Kinder, das den Übergang der Seelen in den Himmel darstellt, kömmt, nach dessen madjarischer Fassung *) eine Heerschaar des guten Polenkönigs Ladislaus an die Brücke und die Fergen (Heimdallr?) an der Brücke sagen: auch Ladislaus ist uns feiud. — Wenn LaHslaus gleich Gönzöl (= Odin) steht, so kann Lehel Avohl Heimdallr sein; Heimdallr ist L-ing, Odin Innin s. Myth. 335. Das Hörn Lehels erinnert an Heimdalls Giallarhorn, in das er bläst vor seinem und der Welt Untergang. Daß er mit dem Hörn den deutschen Kaiser erschlägt, damit der in der andern Welt ihm dienst- bar sei, erinnert an den gleichfalls auffallenden Zug in der nord. Mytho- logie: daß Frey den Sturmriesen Beli mit dem Hirschhorn erschlägt s. Weinhold die Riesen S. 15 (aus den Sitzungsber. der kais. Akad. Bd. 26). Ein Kampf oder eine Gegnerschaft zwischen Odin und Heimdallr ist wohl nicht anzunehmen — oder gab es eine Mythe, wo Odin die himmlische Brücke beschädigte? — aber vielleicht eine Verwechslung der zu Helden gewordenen Götter. Dietrich der Gothe wurde mit Dietrich dem Frankenkönige identificiert, den Iring erschlagen; war ja der mit dem Kaiser Otto verwechselte Konrad ein Franke. Die Erzählung des Widukind von Corvei, die alten Liedern entnommen ist, erinnert hier sehr an die ungrische Erzählung von der Lechfeld- schlacht. Nachdem Iring den Franken Dietrich erschlagen, legte er Irmenfrieds Leichnam auf ihn, damit der im Leben besiegte im Tode Sieger sei; dann sei Irings Namen an den Himmel versetzt worden, indem die Milchstraße Iringsstraße genannt wurde. — Dieß erinnert an die ungrische Erzählung, Lehel habe den Franken Konrad erschlagen, damit der Sieger nach dem Tode dem Besiegten dienen müsse. Hier wurden Lehels Hörn und Konrad an den Himmel versetzt. Die ungrische Benennung der Iringsstraße oder Milchstraße, hadak utja, Kriegsstraße, wird wohl mit dem erwähnten ^gihaborü, mit dem Himmelskriege in Zusammenhang stehen (das madjar. had, der Krieg, stimmt merkwürdig zu ahd. hadu). *) Ich habe sie mitgetheilt im Beitrag zur doutschen Mythol. Presburg 1855, Seite 52. 292 SCHEÖER, MYTHISCHES VON DEM KONRAD DES GUNZENLE. Überschauen wir den zurückgelegten Weg, so scheint sich zu er- geben : In der Schlacht auf dem Lechfelde ragt die Gestalt des fränki- schen Konrad so bedeutend hervor, daß ein an Ort und Stelle ent- standenes Ehrendenkmal, das einem Konrad gesetzt ist und hundert Jahre nach der Schlacht zum ersten Mal genannt wird, sich wohl auf ihn beziehen wird. Die Schlacht auf dem Lechfelde wurde in der Sage mit mythi- schen Zügen von einer Weltuntergangsschlacht ausgeschmückt, wie einst die große Hunnenschlacht. Züge der Sage von der letzteren wur- den auf die erstere übertragen. Die Haupthelden wurden an den Himmel versetzt: Konrad und Lehel, sammt dem mythischen Hörn. Die mythische Bedeutung der Brückenspiele gewinnt an Gewicht, indem wir nun annehmen dürfen, daß König Ladislaus, der dem Brücken- hüter feind ist, wirklich an die Stelle eines mythischen Wesens getreten ist. König Ladislaus Wagen ist Gönzöls Wagen. Gönzöl ist Wodan und Lehel mit dem Hörn ist Heimdallr mit dem Giallarhorn. Ob die auf dem Lechfelde gefangenen und dann hingerichteten madjarischen Heerführer Lehel oder Leelu und Bulchu oder Ver- bulchu wirklich Namen geschichtlicher Personen, oder ob es ganz mythische Wesen sind, wäre noch zu erwägen. Lelielu (ueumadj arisch lehelö) bedeutet der Athmende; Ver- bulchu (neumadjar. verbülcsii) etwa: Blutsühne. Das klingt doch sehr mythisch. Als Todtenführer wird in der madjarischen Mythe, wie in der deut- schen, sonst der Erzengel Michael angeführt; also für Mercur — Wuotau, Er ist der praepositus paradisi Caesar. Heisterbac. VIH, c. 45 *) und im Ungrischeii heißt die Todtenbahre Szent Mihäly lova: des heil. Michael Pferd; megrügta Szt Mihaly lova: es schlug ihn des h. Michael Pferd = er stirbt; schwer ist's die Schläge des Pferdes vom heil. Michael heilen, sagt der Madjare für: dem Tod ist kein Kraut gewachsen Ipolyi 371. Wolf Beiträge z. M. I, 32. Dieß mag zugleich als Fingerzeig dienen, wäe sich in der madjar. j\Iythe so häufig deutsche und slavische An- schauungen finden; so daß Entlehnung sogar in den meisten Fällen leichter nachzuweisen sein wird, als das Avas diesem Volke eigenthümlich ist. In den Brückenspielen der Kinder, in denen der Übergang der Seelen in die andere Welt dargestellt Avird, erinnert eine mad- *) Wittich liält im Ij.iuriii 238 denselben für einen Engel; duz viac vil v:ol ein en'jd sin^ seale Michahel der vcise und ittct vz dem paradisc. LUTTERBECK, ZUIJ ORTSNAMENFORSCHIING. 293 jarische Fassung des dabei gesungenen Liedes, worüber ich einen vor langer Zeit schon geschriebenen Aufsatz demnächst mitzutheilen denke, an den Übergang der Burgonden über die Donau (Nibel. 1533 f. bei Bartsch, 1473 f. bei Lachmann). Der Anführer der Seelen heißt im madjar. Brückenspiele König Ladislaus, und erscheint hier, wenn man die Analogie fortsetzen will, für Günther, was ebenfalls an Gönzöl (Gunzel) erinnert, für den hier Ladislaus eintritt, indem der Gönzöl- wagen auch Ladislauswagen heißt. K. J. SCHRÖER. ZUR ORTSNAMENFORSCHUNG. 1. über den Namen der römischen Feste Aliso. Die von Drusus im J. 11 v. Chr. bei Gelegenheit seines Kriegs- zuges gegen Sigambrer und Cherusker an der Mündung des „Elison" in die Lippe (Dio Cass, 54, 33) zunächst nur als Brückenkopf zur Sicherung des Überganges über diesen Fluß erbaute, dann aber als „Castellum" im Sinn einer bleibenden Anlage festgehaltene und noch weiterhin ausgebaute Feste Aliso (griech. "AXslGov Ptol. 2, 11), ist von den Römern so lange, als sie überhaupt noch an Eroberungen im nord- westlichen Deutschland dachten, d. h. bis zu der vom Kaiser Claudius im J, 47 u. Chr. angeordneten Zurückziehung aller dortigen praesidia auf die linke Rheiuseite (Tac. Ann. 11, 19), als ein vorgeschobener Posten und Hauptstützpunkt ihrer sämmtlichen Unternehmungen bis zur Weser hin angesehen Avorden. In der Geschichte ist sie wichtig gewor- den vor Allem im Jahre 9 n. Chr. durch ihre Nähe beim Schlacht- felde des Varus, dann durch ihre Belagerung von Seiten der Deutschen, und zuletzt durch die Sorgfalt, die noch im J. 16 Germanicus auf ihre gesicherte Verbindung mit dem Rhein verwandte (Tac. Ann. 2, 7, vgl. Vell. Fat. 2, 120). Seit Closterraeyer's und Ladebur's Forschungen hat man meistentheils entweder Elsen an der Ahne oder Liesborn an der Liese für den Platz gehalten, wo Aliso einst gelegen habe. Die sehr gründlichen imd erfolgreichen Untersuchungen des Hofrathes Dr. Esellcn (zuletzt in seiner Geschichte der Sigambern, Leipzig 1868) haben es aber so gut als gewiß gemacht, daß seine Stelle am Zusammenfluß der 294 LUTTERBECK Alise und Lippe, eine Viertelstunde unterhalb Hamm, gewesen ist. Außer der Lage des Ortes scheint uns auch sein Name wohl einer nähern Betrachtung würdig zu sein, indem es sich, wenn wir nicht irren, herausstellt, daü er deutsch ist und einer sehr weitverbreiteten sprachlichen Sippschaft angehört, deren sehr naheliegende und unver- kennbare Bedeutung man aber gleichwohl ganz vergessen oder doch bis jetzt übersehen hat. Die Wiedergewinnung eines alten Begrifies möge es entschuldigen, wenn wir hier vielleicht zu umständlich darauf eingehen, um ihn gleichsam von Neuem festzustellen. Es dient nämlich der Name Alse, Else, Ilse mit noch mehreren Nebenformen im Deutschen und den damit verwandten Sprachen (dem Celtischen, Slawischen, Griechischen, Illyrischen, Italienischen, Französischen u. s. w.) so auf- fallend oft zur Bezeichnung von Wasser, Bach, Fluß, daß man dabei kaum mehr an einen Eigennamen, sondern nur an ein altes Appella- tivum dafür denken kann, was denn auch durch die Etymologie des Wortes und seine sonstige Anwendung bestätigt wird. Seine älteste und einfachste Form finden wir in Alsa, dem Namen eines Flußes im Lande der illyrischen Veneter, westlich von Aquileja, bekannt durch die Schlacht zwischen Constantin dem Jüngern und seinem Bruder Con- stans, 340 n. Chi\ Derselbe Fluß heißt jetzt Ausa, mit bekanntem Über- gang von l in u, der auch in den französischen Namen Ose und Oserain stattgefunden zu haben scheint, verglichen mit Alesia, der berühmten mandubischen Festung im lugdunensischen Gallien, die an diesen Flüßen lag und von ihnen wohl auch ihren Namen hatte (vgl. Jul. Cäsar von Napoleon 2, 290). Über Alsa fügen wir noch bei, daß das s darin durchgängig = ß gesprochen zu sein scheint , indem sich daraus sein häufiger Übergang in z erklärt; und ferner, daß vor dem s ein i durch- getönt haben muß, da dieses sehr oft hier wirklich erscheint, oder aber durch seinen Wegfall die Umlautung des vorhergehenden a in e be- wii'kt hat, welches a außerdem auch leicht zu i geschwächt werden konnte. So haben dann die Alz am Chiemsee, die Else im Osnabrücki- schen, die Ilse am Harz, die Olsa, Nebenfluß der Oder nebst Öls, die Elza, Nebenfluss des Arno, die Elz, Nebenfluß des Neckar nebst Neckarelz, die Elz, Nebenfluß der fränkischen Saale nebst Eisbach, die Elz, Nebenfluß der Mosel bei Koblenz, die Elz, Nebenfluß der Emscher nebst Alsum, und die Elz im Luxemburgischen in ihren For- men nichts Auffallendes. Die Insel Alsen ist gleichfalls, wie es scheint, nur ihres Wasserreichthums oder etwa ihrer Sümpfe wegen so genannt worden. Anstatt des s erscheint ein r bei der Aller im Hanno ver'schen und der Hier im Badischen, während die Aiser bei Wien den Zusatz er, ZUR OHTSNAMENFüK^ClIUNG. 295 die Alster bei Hamburg und die Elster bei Leipzig den Zusatz ter, die Alsenz, Nebenfluß der Nahe, und die Elsenz, Nebenfluß des Neckar, den Zusatz enz (beide alt Alisontia) erhalten haben (vgl. Förstemann). Der 111 in Tirol und im Elsaß gehört dagegen wohl kaum hieher und gewiß noch weniger die Alme in Westfalen und die Um in Thüringen. Umgekehrt aber ist der Wegfall des l in Ahse (eigentlich Ahße gesprochen, früher einmal auch Orze genannt und ganz ähnlich gebildet wie franz. Ose, Oze). Deßgleichen in Ise, Nbfl. der Aller und nicht minder vielleicht auch in Yssel, Isee, Isar, Iser, franz. Oise, den gewöhnlichen Laut- gesetzen ganz entsprechend. Im Griechischen fand sich ebenfalls ein Fluß Elisa in Elis und der Bach Ilissos bei Athen; das Wort cikaog erklärt sich am leichtesten als heiliger Hain an einem Fluß ; ikv^ (für l'iJ^g?) heißt Schlamm, und darnach ist "iXiov schon von einigen Alten als Sumpfstadt erklärt worden (Hesych.^. Allem Anscheine nach stand hier anfangs überall ein Digamma vor dem Wort, ebenso wie in Elog, 'EXäa, lat. Velia, Velabrum u. s. w., also lauter Sumpforte. Ein w oder u finden wir auch im Deutschen, z. ß. Ulster, Nebenfluß der Werra, Ülzen, Stadt in Hannover an der Ilmenau, Welse, Neben- fluß der Oder u. s. w. Auf denselben Begriff Wasser, Fluß, vSumpf beziehen sich ferner: die Alse, ein Fisch, die Alsenech, eine Pflanze, = Selinum palustre, die Else ;= Wermuth, die Else, Eller, Erle, ein Baum an einem Wasser, der Elsengrund = Erlengrund; aber nicht Elster, der bekannte Vogel, alt agalastra genannt. Hiernach gebildete Ortsnamen sind in Deutschland sehr häufig, z. B. Alzey in Rheinhesseu (alt Alzeia), Aisbach in Sachsen-Rudolstadt, Eisbach in Franken, Ais- hausen im Elsaß, Alsleben an der Saale; wogegen Alsfeld an der Schwalm (alt Adelesfeld und Alahesfeld), Aisheim bei Worms (alt Ala- hesheim) und so wohl auch Alzheim an der Donau, nicht von alsa, Wasser, sondern theils von Adalo (Eigenname), theils von alah, alh, Heiligthum;, ihren Namen haben. (Weigand Ortsn., Förstemann.) — Das indogermanische ars = fließen, gleiten, netzen (man s. Fick's Indogerm. Wörterbuch S. 14), woher sanskrit. arsh in gleicher Bedeutung und auch griech. SQörj^ Thau, bietet sich ganz ungesucht dar als die Wui'zel dieses von uns jetzt nachgewiesenen altdeutschen Wortes alsa und seiner Nebenformen. Genau ebenso gedacht ist auch der deutsche Flußnarae Lippe, als Luppia, indem derselbe gewiß von dem indogerm. lib, griech. Xsißnv = gießen, netzen abzuleiten sein dürfte, ebenso wie der celtisch-deutsche Name Rhein von sru, Qeecv, rinnen. — Wir kommen jetzt auf den Ortsnamen Aliso selbst und bemerken zuerst über die Mittelsilbe dieses Wortes, daß sie in der römischen Aussprache höclist wahrscheinlich weder lanrr noch betont trcwcscn sein wird, ob- 296 LUTTEKBECK wohl mau das Erste aus dem griech. "AXtiGov des Ptolemäus uud das Andere außerdem auch noch aus dem griech. 'EIlöojv des Dio Cassius geschlossen hat. Bei den Alexandrinern nämlich wurde oft auch das kurze t durch st ausgedrückt; z. B. statt rjyyLKSv wurde auch rjyysLXSv, statt xad-iöag auch xad-ii0ag geschriehen u. s. w. (s. Alex. Buttmann N. T. Gram. S. 5. Marc. 9, 35 ed. Lachm.) Ferner konnte der Fluß- uame 'EkiGav im Griechischen allerdings nicht anders, als entweder auf der vorletzten oder, wie bei 'EIlGOcÖv^ einem Fluß Arkadiens, auf der letzten Silbe betont M^erden ; vermuthlich aber hat Dio Cassius den Namen des Flußes nur aus dem Namen der Stadt entnommen, indem der Fluß von ihm Avohl eher "E).i<5a hätte genannt werden müssen nach der Analogie aller andern deutschen Fluünameu dieser Art. Daß das i in Aliso kurz war, scheint aus dem leichten Verschwinden des- selben ^ in Ahsontia, Else, Elz u. s. w. unzweideutig zu folgen. Ferner muß auch noch beachtet werden^ daß die liömer am Ende des Wortes Aliso gewiß ein nasales n haben hören lassen, Avie schon aus dem Genitiv Alisonis etc. und dem griech. "AXbl6ov zu schließen ist. Dieses Alison nun aber entspricht durchaus den jetzigen deutschen Ortsnamen Elsen oder Alsum, d. h. wir haben darin ohne Zweifel einen Dativ plur. zu sehen; und zwar ist die noch heutzutage in Westfalen, Schleswig- Holstein etc. sehr übliche locative Endung -um statt -un oder -on gewiß die ältere gewesen für das Altsächsische sowohl als für das Gothische : Schleicher, Compendium. §. 261 ff. Auch -heim ist ein Dativ, wie heute ein Ablativ und heint ein Accusativ^, Alison oder Alsum heißt also wört- lich: „zu den Flüssen", Lippe und Ahse, ähnlich wie das heutige Alsum „zu den Flüssen'' Emscher und Elz, an deren Zusammenfluß es liegt, wie Beckum oder Beckeme „zu den Bächen", nämlich den- jenigen, aus deren Zusammenfluß die Werse entsteht. Gießen^ „zu den Gießen oder Flüßen" Lahn uud Wieseck u. s. w. Elsen an der Alme dagegen hat seinen Namen von einer Familie Ilsen, die sich im Mittelalter dort anbaute. Ob sich dort außer der Alme auch noch etwa ein kleinerer Bach oder sonst ein Wasser findet, ist mir un- bekannt; jedenfalls ist die Lippe zu entfernt, um zugleich mit der Alme den Pluralnamen Elsen begründen zu können. Auch der Name der Insel Alsen wird, wie schon gesagt, „zu den Wassern" bedeutet haben, wogegen Aisheim an eben dieser Stelle nur einfach „Wasser- Btadt", wenn nicht vielmehr „Heiligthumsstadt" bedeutet haben würde. Übrigens ist Alsum an der Emscher und der Elz ofienbar fast gleich- namig mit dem benachbarten Walsum, welches selbst nur einer Um- stellung von Wasal, d. h. ..feuchter Grund" oder „Grund am Wasser" ZUR ORTSXAMENFORSCHUXG. 297 (s. Oscar Scliatle altd. AVörtcrb. S. G95) seiueu Ursprung verdankt und also = Wesel uud wohl auch = Basel ist, Avährend Alison seinem Xaraeu und etwa auch seiner Bestimmung nach in der Römerzeit beinahe sechszig Jahre hindurch allerdings ein deutsches Coblenz im Kleinen gewesen ist. GIESSEN. LUTTEEBECK. IL Über Ortsnamen auf -losen. Der mehrfach besprochene schwäbische Dorfname Ganslosen gibt mir Anlaß _, einiges über das genannte Thema vorzubringen. Ich habe Tausende deutscher Wald- und Flurnamen aus Urkunden, Lager- büchern^ Flußkarten u. dgl. gesammelt und nach ihrer muthmaßlichen Bedeutung zu ordnen gesucht. In dieser Sammlung findet sich auch die Ortsnamensippe auf -losen. Erlauben Sie mir, das hierher bezügliche bekannt zu geben. Wir wissen aus der Geschichte der deutschen Mark- uud Hofver- fassuug, wie in allen Ländern germanischen Rechtes, sowohl umfjing- reiche Gemeindeländereien (Allmanden) als auch Gewandungen von Fronhöfen, dort an die berechtigten Markgenossen, hier an die hörigen Ho^üuger nach dem Lose vertheilt wurden. (Ludwig von Maurer: Ein- leitung in die Gesch. d. deutsch. Markgenossensch. 1 — 3, 79 — 80, 278 ff. Ferner desselben: Geschichte der Frouhöfe und Bauernhöfe III 20 bis 203 5 desselben: Gesch. der Dorfverfass. 1, 307 fi'. Endlich sehe man auch Schmeller baier. Wörterb. 2, 504, 531 ft'.). Diese Lose oder Lostheilc;, sortes, portiones, nach einem andern deutschen Worte auch Lussen, Lüssen genannt, wofür ebenfalls zahl- reiche Belege ersammelt sind, behielten in vielen Marken den einfachen Namen ihres Ursprunges bei. Sie finden sich, zumal in Schwaben, ungemein häufig und erscheinen heute als vermessene, in Parzellen zerschlagene Acker, Wiesen, Weiden uud Wälder. Bei vielen läßt sich jetzt noch ermitteln, daß sie ager compascuus, AUmaud, waren, viele sind es zur Stunde noch^ bei dem Rest läßt sich das für frühere Zeiten mit ziemlicher Sicherheit behaupten. Beispiele für die einfache Form: in Losen (Weinberge und Acker), in Lösen (Wald) und in Löseneu (Wald und Feld). Dieselben in schwäbischem Gewände: in Lausen (Wiesen), in Lausenen (Wiesen), in Löschen (Acker), in Löschenen (Wiesen), in Loschen (Wiesen). Beispiele für die zusammengesetzten Formen: a) in denen Los das Bestimmungswort ist, Losäcker, Losbaint, Losbuch (Wald), Loshalde (Wiesen), Loshaldenberg (Wiesen), Los- heimer und Losemer (Acker), h) Los a!s Grundwort: Bodenlöse, Boden- lösen, Erllosen, Grundlosen, Sattellöse. 298 RICHARD ÜITK Für die zweite Unterart sind alle, die mit hluz (Los) oder mit lüz (Versteck) zusammengesetzt sein könnten, weggelassen worden. Mona in seiner Zeitsch. f. Gesch. des Oberrheins 2, 497 führt schon zum J. 1278 aus der Lörracher Gegend eine Loschebande, offenbar unser Losbaint, an. Im Vorbeigehen sei gesagt, daß in Oberschwaben Baint von bannen abgeleitet wird, da bannen s. v. a. den Viehtrieb verschließen heißt; auch erwähne ich, daß Ulrich Richental in seiner Chronik des Concils von Konstanz (geschrieben um 1430) sich der Form beinen für bannen bedient. — Nachdem ich viele der genannten Ortlichkeiten selbst in Augenschein genommen, habe ich die Überzeugung gewonnen, unser -losen könne nichts anderes denn sortes bedeuten, und somit nichts anderes sein, als der Dativ plural von loz. Nicht einmal der Schlammletten, der Löß, kann ernsthaft in Frage kommen, eher noch in einzelnen Namen das ahd. stf. losi, losä = redemtio, Entschädigungs- abgabe, Pachtgeld, zu dem die in Urkunden nicht selten vorkommen- den Composita: holzlosi, stumplosi, kirchlosi u. s. w. gehören. Eine (Jrtlichkeit Grundlosi nennen Grimm's Weisth. 1, 302 im Aargau, eben- dort befindet sich heute noch ein Dorf Würenlos, im Bregenzer Walde ein Dorf Oblosen. Bei Mone a. a. 0. 2, 88 wird im J. 1226 eine silvula vincloz genannt. Ganz etwas anderes, als die obengenannten, bei Klosterwald in Hohenzollern liegenden Erllosen, ist der Bach Erlös im wirt. Oberamt Ehingen. Es wird dieses wohl Erl-os zu trennen sein. Osa glaube ich zu osjan stellen zu sollen, sofern es sich hier um einen zeitweise versiegenden Bach handelt. Wie Grund und Boden in der Redensart zusammengehören, so treten sie auch in Ortsnamen neben und für einander auf. Weitaus in den meisten Fällen bedeuten sie ein ebenes Feld oder eine ebene Lage am Fuße einer Anhöhe. Wohl gibt es auch Ortlichkeiten im Boden, die auf Anhöhen liegen, allein hier ist eben nur die alte Bedeutung dieses Wortes planities. Ebene, festgehalten, in der es dann freilich ebensowohl ein flaches Floß, als den Kornboden unter dem Dache bedeuten kann. Försteiiiann führt das Wort in einer sehr alten Zusammensetzung NB. 2, 909 an: Bodo- melosenstamph, worunter ich eine Pochmühle auf den Bodenlösen ver- stehe. Sattellöse, ein Dorf im badischen Seekreis, erinnert an das alte Feldmaß: satel, sateil = Vg bis Yg Morgen. In Oberschwaben ver- steht man heutzutage unter Satel die Breite eines Ackerstreifens, soweit der Säemann den Samen mit einem Wurfe schleudert. Die bei Förste- mann 2, 876 und 2, 1506 angeführten Kinloson und Westerkinloson wage ich bei meiner Unbekanntschaft mit den norddeutschen Agri- culturverhältnissen nicht zu deuten. Ein ebendort 1, 1489 genanntes ZUR ORTSNAMENFOR^CIirNTf. 299 Wazorlosum mnliiit an oine Stelle in Grimm's Weistli. 1, 540, wo von dem Mangel eines Weges zu Wasser und Feld die Rede ist. 'Klagt jemand um wasserlose oder jockweg' etc. etc. Hier handelt es sich allem nach um das stf. losi. Nach diesen Anführungen komme ich endlich an unser schwäbi- sches Schiida, auf das Dorf Granslosen zu sprechen, das heute Auendorf heißt und das seit dem Erscheinen der „Alemannischen Wanderungen*' von Bacmeister für einen slawischen Ortsnamen angesehen wird. Das genannte Dorf liegt in einem engen Albthälchen, das in die rechtseitige Sohle des Filsthales einmündet und von einem Nebenbach der Fils, von dem Wettenbach, durchflössen wird. Ganslosen liegt auf einer kleinen Anhöhe, die das Wettenbachthal in zwei schmale Arme theilt. Die Arme selbst sind östlich und westlich von steilen und hohen Berg- wänden eingefaßt, da das Thälcheu von Norden nach Süden streicht, so daß Ganslosen den übrigen Thallagen gegenüber sichtbarlich allein vor den häufigen Übersclnvemraungen des Wettenbaches sicher ist. Die alten Schreibungen Gas und Gos in Gaslosen und Goslosen, wie das schwäbische gaus in Gauslausen, gehören Angesichts dieser Um- stände zum ahd. gos = diluvies. Wie das alte, auch in oberdeutschen Mundarten noch zu findende gos und gus = anser in das schwäbische gauns hinüberglitt, so ist ihm gos = diluvies, Überschwemmung, auf demselben Wege der Lautwandlung gefolgt. Wenn das Volk bei gos nur an die Gans und nicht an ein verschollenes gos = Überschwem- mung dachte und damit dem guten Ganslosen für alle Zeit einen „Schlätterling" anhieng, so wird man dieß nur in der Ordnung finden. Ganz in der Nähe findet sich ein anderer Nebenbach der Fils, die Gos, an welcher Gosbach liegt. Man wird die alte Kameradschaft nicht ver- kennen. Zusammensetzungen mit gos sind auch anderswo nicht selten, ich will nur Goslar, Gosowe, Gosfeld anführen. Goslosen oder Gaslosen wird dem Vorgetragenen zufolge schwerlich etwas anderes sagen wollen, als sortes juxta ripam stagnantem. Dafür spricht der jetzige Name des Gansloser Baches beredt genug. Die Wette oder das Watt bedeutet in Oberschwaben heute noch s. v. a. stagnum, ausgetretenes Wasser. Wettenbach ist daher nur die jüngere Übersetzung für ein altes Gose. Wäre die Lesart Gastlosen, die im 16. Jahrhundert vorzukommen scheint, alt, so könnte man an sortes extraneorum denken, da die alte Rechtssprache unter Gast einen Ausmärker verstand, der kein Recht an die gemeine Mark hatte, dem aber häufig aus „Gunst und gutem Willen" ein Nutzen an der Allmand verstattet wurde. AULENDORF in Wirtenberg. RICHARD BÜCK. 300 ^^'AHL SCHRÖDER SPRACHLICHES ZU CLOSENER. I. Die Martsche. Closener erzälilt: Do man zalt 1382 jor, 4 tvocheu noch den ostern, an der mitfeicochen so die runiofel oder die martsche ist zu Stroshurg, noch dem nahtmasze, do erhub sich ein gescholle in der Brantgasze zioi- schent den ziceien geschlehten, den von Mulnheim und den Zornen (Städte- chroniken VlII 122, 5). Was ist die Martsche? Das Mhd. Wb. 11 ^ 84'' citiert unsere Stelle, gibt sich aber im Übrigen mit einem Fragezeichen zufrieden. Scherz-Oberlin, der, da es sich um etwas Straßburgisches handelt, wohl hätte zu Rathe gezogen werden sollen, sagt p. 1005 bei Martsche (andere Lesung Marsche) : Apud Matthaenm Paris ludus hie appellatur Martins. Also war die martsche ein Fest oder Spiel, welches im März gefeiert wurde. Die Schreibung tsch für tz, also martsche für martze, ist dem Elsässischeu geläufig; s. Weinhold Alem. Gramm. §. 192 p. 160. Aber daz gescholle erhub sich eben nicht im März, son- dern vier Wochen nach Ostern, und zwar Mittwoch 20. Mai. Dieser Widerspruch zwischen dem Namen und der Datierung darf uns nicht beirren: wir haben es bei der Martsche mit einem sehr alten Ding zu thun, dessen Name haftete, als die Feier längst verlegt war. Die Rechts- alterthümer p. 245 geben dafür erwünschten Anhalt: 'Die fränkischen könige beriefen das volk gewöhnlich an einen ort des Niederrheins, z. B. Andernach, lugelnheim, doch auch in andere gegeuden. Die Merovinger im merz, daher camj^.ns martiiis. ... Im jähr 755 verlegte sie Pippin in den mai, m.ajicam:pus, magicampus.' So könnte man, einen Schei'zspruch Walthers parodierend, sagen : 'her Merze, ir müeset Meie sin.' Mit den allgemeinen Volksversammlungen waren sicher heidnische Opfer verbunden; ebenso war es alte Sitte, bei solchen Zusammen- künften dem Könige freiwillige Geschenke zu bringen (Rechtsalter- thümer 244. 245), — was Wunder, daß auch das Volk diesen Tag sich zu einem Feste mit allerlei Spiel und Lustbarkeit gestaltete, wenn auch die martsche\ der camjms martius, nicht mehr im März, sondern im Mai stattfand? Man war eben mit der Benennung nicht scrupulös: zu Worms feierte Karl d. Gr. im Jahre 781 das Maifeld, aber erst SPRACHLICHES ZU CLOSENER. 301 einige Monate nach dem Mai, wie es öfter geschah, ohne daß sich die Benennung änderte. (Rechtsalt. a. a. O.) Besonderes Interesse gewinnt das alte Fest des campus martius dadurch, daß die romantische Tradition von König Artus sich an es anlehnte. 'Die rüntofel oder die martsche' sagt Closener, — kann man zweifeln, daß darin eine Reminiscenz an die table-ronde enthalten ist? Dazu mußte fi'eilich das Bewußtsein, daß die martsche das Märzfest ist, erst völlig abhanden gekommen sein, denn der Herr der Tafelrunde ist ja gerade Artus der meienhaere man: swaz man ie von dem gesprach, zeinen pfinxten daz geschach odr in des meien bluomenzit. (Parz. 281, 16.) •; Auch anderswo war die Erinnerung an die Tafelrunde lebendig; in Köln bedeutete eine tafelronge *) kurzweg ein Stechen, wie sich aus einer kölnischen Rathsverordnung von 1345 ergibt: so ivanne man eyne tafelronge roeft upme aldenmarte zo stechen^ dat dan eyn yecklich wirde ind loyrdynne^ da rydende lüde off varinde lüde uss ind in loandelent, sali tzica karren mysts gheven up die hane demghiene, den der rait darhy schickt, as hee is gesynnet, ind als man enhoyven müren sticht, so sali mallich gheven eyne karre (Ennen, Quellen zur Gesch. d. Stadt Köln IV 300); und nichts anderes ist es, wenn in Niederdeutschland ein Volks- fest gral heißt: s. Frisch 1, 365 c; Brem.-nieders. Wörterb. 1, 532 und deutsches Wörterb. 5, 1980. In Reinke de Vos heißt es v. 3305: De konnink sach van sineme säl, eme hagede ser wol de gröte gräl. Bei Leibniz Script, rer. Brunsw. III 418 liest man: In dussem jare (1481) was de grall to Brunswick; ebenda II 91 findet sich eine über- aus anziehende Schilderung eines spectaculum quod gralum appellant, eine Schilderung, die in Einzelheiten noch heute manches unserer Volks- feste treffen kann. Endlich berichtet uns die Magdeburger Sehöppen- chronik (Städtechroniken VII 168 f.) des Breiteren über einen Gral: de gräle was bereit %ip dem mersche. Dieß mersche erklärt das Glossar als Marsch'; sollten wir doch vielleicht berechtigt sein, an campus mar- tius zu denken? Der mersche war eine Elbinsel bei Magdeburg: zur *) Die auf starker Nasalierung beruhende Schreibung ng für nd ist am ganzen Rhein zu Hause. Die Agrippina schreibt mit Vorliebe Burgongen, auch ingen ^ in den. tüseng hat die Oberrheinische Chronik ed. Grieshaber p. 33 ; bei Köuigshofen findet sich mehrfach angwer-g, angwergman, langgräfin u. s. w. ; s. mein Glossar zu Städte- chroniken IX p. 1115. Vgl. Weinhold Alem. Gramm. §. 201. GERMANIA. Neue Reihe JV. (XVI. Jalir^- > 21 302 KARL SCHRÖDER, SPRACHLICHES ZU CLÜSENER. Volksversammlung, zum campus martius, pflegte man die Nähe eines Fluües oder eine Insel im Fluße zu wählen (Rechtsalterthümer a. a. O.) Schließlich sei beiläufig bemerkt, daß die ttiartsche des Jahres 1332, von der wir ausgiengen, eine dichterische Bearbeitung gefunden hat durch Lamey in den Elsässischen Neujahrsblättern, herausg. von Stöber und Otte 1844 p. 137 ff. II. Olbergrien. Im Jahre 1333 zogen die von Straßburg in's Feld gegen die Veste Schwanau (Swannowe) bei Erstein, etwa drei Stunden südlich von Straßburg an der lU, und gewannen dieselbe durch eine eigen- thümliche Taktik. Closener berichtet darüber: sunderlich die von Stros- hurg fürtent olbergrien us der stat in dunnefesselin , die warf man mit eini iverke in daz hüs und entsüfertin ire hürnen und alle Ire wonunge, daz in gar widerioertig toas. (Städtechroniken VIII 98). Von dieser Be- lagerung erzählen auch Job. Vitoduranus 101 und ein Gredicht, welches Wurstisen (Baseler Chronik 172) citiert: beide reden von stercus oder stercora humana. Endlich heißt es über dasselbe Ej-eigniss in der Zimmerischen Chronik I, 365, 6 ff.: zic dem heften die von Straszhurg die secreta und haimliche gemach in ir stat rumen und solchen ivust in ain unzall tonnen und vesser tlion und die ins leger vieren lassen, die warden durch sonderliche darzu aufgerichte instrumenta sampt den stin- kenden faiden aszen in das schlosz geworfen^ dadurch dann die yrofian, und fruchten zugleich den hrnnnen aller verwust und verderld loard und die im schlosz genett, das sie nit lenger sich enthalten hunten, derhalben sich loeiter in die sprach mit den stetten begeben niusten. Oberlin setzt demnach p. 26 und 1160 unter Albergrieu oder Olbergrien, Oelbergrien *) einfach faeces oder stercora humana an und führt mehrere lehrreiche Beispiele auf. DaL^ dabei der Sinn anuähei^nd getroffen ist, leuchtet ein; versuchen wir, ob wir das Wort auch philo- logisch feststellen können. Freilich ist nicht entfernt mit Oberlin an Olbeeren zu denken. Vielmehr ist elsässisch dl, schwäb. aul, eine contrahierte Form für adel; es müßte bairisch, wenn belegt, äl lauten. In ganz Deutschland aber, hoch wie niederdeutsch, bedeutet adel oder addel, contrahiert cd, ]\[ist- jauche oder Mist; s. Deutsches Wörterb. 1, 177; Schmeller-Frommann *) Über die Schreibung oe für 6 s. mein Glossar zu Städtechroniken YIIL IX p. 1117. K. E. H. KRAUSE, KLEINE MITTHEILUNGEN. 303 1, 34; Vilmar Kurliessisches Idiotikon p. 4; Brem.-nieders. Wörterb. 1, 10; Schütze Holsteinisches Idiotikon 1, 18; Kosegarten Wörterb d. niederd. Sprache p. 102. Grien bedeutet nach einer bei Oberlin citierten Stelle s. v. a. Koth, Unrath; es ist dasselbe Wort, welches Maaler die teutsch Spraach Bl. 192", wenn auch vielleicht nicht ganz prägnant, als synonym mit Eingeweide aufführt. Demnach bliebe her zu erklären. Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich in her nur ein durch Einfluß des g, mit welchem das folgende Wort anlautet, beein- trächtigtes stm, herc oder stf. herge erblicke , gebildet wie halsherc oder halsherge. Es wäre also olhergrien *) nichts anderes als grien, d. h. Koth, Unrath aus dem olherc, der olherge, d. h. der Cloake. Die Anwendung dieses geistreichen Mittels, um eine Festung zur Übergabe zu bewegen, steht übrigens nicht vereinzelt da, ja wenn Oberlin 1256 Recht hätte, so gab es Wurfmaschinen, die nur zum Schleudern von hat, kot (niederd. quät) dienten und daher kwotwerg hieüen. (S. Closener a. a. O. p. 99.) Daß derartige Geschosse von drastischer Wirkung waren, ist nicht zum Verwundern ; eine sehr pikante Schilderung derselben gibt Christianus Wierstraat, Reimchronik der Stadt Neuß (ed. v. Groote. Köln 1855) p. 77, welche man nachlesen mag. LEIPZIG, November 1870. KARL SCHRÖDER. KLEINE MITTHEILUNGEN. 1. Moneke. Simon. Zu A. Hoefer's Meinung (Germ. XIV, S. 216 ff. speciell S. 218), der Name Moneke könnte aus Simon, Simoneke entstanden sein, glaube ich einen Beleg liefern zu können, indem monik urkundlich als Tauf- name vorzukommen scheint. 1353 wird in einer Stader Urkunde (Stader Osterprogr. 1856 S. 77 f.) ein Bauer 'monik heuniken syle- mannis sone' genannt; Beiname ist es da sicherlich nicht, ich kann es nur für den Taufuameu halten, wie der des Vaters Hennih ist^, der Familienname Syleman oder van dem Syle**); in diesem Falle ist *) Ein zutreffendes Analogen für die Unterdrückung des auslautenden g (c) bietet die nicht seltene Schreibung burgräve. **) Ueber den noch dauernden gleichen Werth des '-mann und des San (van dem, van der) s. Archiv des Vereins f. Gesch. und Alterth. zu Stade ?,, S. LM).3. 21 * 304 K. E. H. KRAUSE dann aber, wie im Bremischen so ganz überaus häufig, das Diminutiv statt des eigentlichen Namens angewandt, der nur Simon sein kann ; denn monik = monachus wird als Taufhame kaum anzunehmen sein. Der Name Symon kommt dort gleichzeitig freilich seltener vor (1. c. S. 40), ist im Bremischen aber im 15. Jahrh. doch häufiger (Arch. des Ver. f. Gesch. etc. zu Stade 3, S. 283 fi".) Außer dem gekürzten Namen Hennik (neben Hennike, Henniugh, Hennynghius, Enninghius) für Johannes kommt in dortiger Gegend noch sehr häufig Kopeke, Kopike, jetzt Kopeke, für Jacob vor, ein dem monik, moneke zu vergleichen- des Beispiel*). Ich füge hinzu, daß in Hamburg 1373 ein Conradus dictus Mo- neken (Koppmann, Hamburger Kämmereirechnungen I, p. LXXXI Not. 4) und 1371 ein Schütze Moneke (ib. p. 140) vorkommt, ein monec 1275 (Meckl. ürk. B. Nr. 1374) in Rostock, wo auch eine mo- nekenstrafa, wie in der Umgegend monekehaghen 1268 und monekehusen neben monekenhusen (Ib. IV, p. 52 im Ortsreg. , auch Schröter Beitr. Heft 1 (einziges) p. III), pl. moneke Tunnicius ed. Hofiinann p. 10 Nr. 153. Der Beiname monek könnte auch castratus oder impotens bedeuten, wie kaphingst, kapün u. a., das Brem. Wb. 2, S. 184 v. mon- nik bietet das dort in der Gegend noch übliche 'monneken castrare'. Zu den Thieren, die nach dem möuch benannt sind, gehört auch ein Insect (wahrscheinlich 'bruchus' Breui. Wb. VI p. 205), dann die bekannte Grasmücke, 'Plattmönch' oder '^ Mönch' (sylvia atricapilla), ferner glaube ich aus Reinekes Verwandtschaft die kleine Otter (Lutra lutreola) oder den nörz mit seinem mecklenburgischen Namen '«i«>ifc *) Kupekinus , Cupeke Koppmann Necrolog. cap. Hamb. p. 87 Aug. 15 und p. 92 Aug. 28. Bekanntlich ist in Frauemiamen die Aphaeresis seit alter Zeit noch heute üblich ; ich möchte dabei zu Schillers Erklärungen, Germ. XV, S. 410 bemer- ken, daß Sefke Josephe zu sein scheint (Zeveke : Archiv des Ver. zu Stade 3, S. 295) da die Kosenamen für Sophie Fia (ib.), Fike, Fiken zu sein pflegen. Sylke, Syllike wird nicht Sibylla, sondern Caecilia sein (Czille, Czyllike ib., noch heute Zielchen). Beiläufig: Ghese, Gheseken kommt urkundlich nicht nm- für Gertrndis, sondern auch für Margarete und sicherlich auch für Gesina und Gisela (Gisselle, Gysel) vor; ich kenne die Formen Gese, Gesse, Gesze, Geze, Gesike, Gessike, Gessica, Geiszike, Geiske, Geisske, Ghesecke, Geysche, Geyszke, Geiszke, jetzt ständig Gesche. — Mette, Metken wird ebenfalls noch jetzt auch als Kosenamen für Margarete, wahr- scheinlich auch für Magdalene gebraucht. Für Sweneke giebt das Archiv 1. c. Swa- nicke und Swenicke; es kommen dort aus dem Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrh. zum Theil seltene (Herche, Henipe, Hemme [eines Johann Schiller Frau; Br. Wb. V. p. 386 erklärt Hemmeken für Emma], Hebbeke, Asselle, ßeniken, Senime, Lzemme, Czimme, Beisske), zum Theil auch alterthümliche Fraiieunamen vor (Framehilt, Willemut). KLEINE MITTHEILUNGEN. 305 ottermänk' (Schiller Thier- und Kräuterb. X, 7) hierher ziehen zu müs- sen, für den ich auch ^mink' gefunden habe. — Mönk heißt im Bi'em. und Holst, auch der Grundpfahl zum Stauen und Ablassen der Teiche, münk (s. Stüremb. v.) der bei Erdarbeiten, zum Nachmessen der Ar- beit stehen bleibende Erdkegel, und dem ähnlich ist die Bezeichnung Mönch für isolierte Felsen und Klippen , wie z, B. in Helgoland , am Harz etc. Die alten schweren kleinen Hohlziegel heißt man in Bremen wie in Rostock noch heute bald Mönchsziegel, bald ' mö/ifcen und nön- ken' (Brem. Jahrb. 2. p. 402 ad p. 117 *,\ den oben liegenden nämlich mönk, die unteren nönken, was ich erwähne, um eine ähnliche Na- mengebung aus Nameudeutung zu Germ. XV, 80 anzuführen. Dort ist meschucke, muschttcke, ohne Zweifel richtig von biscuit abgeleitet in Rostock nennt man aber heute nach der Deutung rauschüken = monsieur'chen im Scherz den Oberzwieback mit diesem Namen, den Unterzwieback aber mamselken. Bartolt ist der Storch (Germ. XIV p. 219) wohl nur im Anklang an die letzte Silbe seines Namens adebar genannt, und ähnlich, aber onomatopoetisch ist 'den Olrik anheen' (ib. p. 220) zu deuten, nach dem Tone des Aufrülpsens beim Einbrechen. Ich kenne die Redensart in der Form 'Ae röpt Ollerk\ wie auch ^ Ahsalon rufen' für den Ton des Schluckauf (slukup) 'ab' oder ' ob' im Scherz gesagt wird. Für Namengebung aus Nameudeutung halte ich auch kiuenihhe Streitschnabel als Zwietrachtsäer, bei Schiller Beitr. (Schweriner Progr. 1867) p. 8; denn nach Analogie der Straßennamen in Rostock und Stralsund : kibbenibber = kivenibberstr. (jetzt Kivenhiverstr.) müsste nicht kif, Streit, sondern kiße klve Kinnlade das Bestimmungswort sein. Beide Straßen danken wohl einem Personennamen ihre Bezeichnung; in den Hamburger Kämmereirechn. findet sich ein Kivenibbe 1381 (Koppmann, 1, p. 310), ein Thidericus Kyvennybbe 1386 (ib. p. 419). In Bremen wird aber eine Kiefstrate angeführt. Und nun noch einen Beleg zum Funkeldune des Redent. Spiels als Saufteufel (Germ, XIV, S. 192): man hört im Bremischen öfter die Ausdrücke „Funkelhageldün" und 'funkelhagelbesoffen'. Schröder's Deu- tung ist darnach richtig. *) 1)1 Bremen hießen sie eigentlich ichdfiten. Brem. Jahrh. 1. c. Brem. Wb. 4. S. 669, nach letzterem scheint der obere, deckende Ziegel (Mönch) mule genannt wor- den IM sein, ein Wort, dessen Deutung nicht angegeben, etwa : mule, pantoffel ? 306 K. E. H. KRAUSE 2, Zum Namenrätlisel des Primas. Im Namenrätlisel des Primas, Carm. Burana 183", sucht Grion in Zachers und Höpfners Ztsehr. II, 412 den Woliker oder Wolfger von Ellenbrechtskirchen oder Leubrechtskirchen; er sagt selber, dali er zu- meist nach vorgefaßter Vermuthiing deute, und so zwingt er ker als hopf und epa = eph = f als Bauch heran; lool-c-er soll = Völliger', rekfloio als 'flauer Recke' gedacht werden. Ohne irgendwie in Grions Ausfüh- rungen einzugreifen oder für oder wider zu entscheiden , erlaube ich mir den Wolfker, falls er wirklich in den Worten steckt, bequemer und ich glaube plausibeler herauszuschälen: Liftera hi's hina me dat vel syllaha trina, je zweimal zwei Buchstaben, tcolf-krus oder grus^ oder auch drei Silben, ioolf-1ce-7-HS. Si mihi dematur caput, (nämlich das Ende: hrus) ex reliquo gene- ratiir Bestia {ivolf), si veider (Vordersilbe iüo?f), pennis ero tecta decenter\ d. h. grus f. Kranich; wozu das fem. tecta palJt. Nil si vertor ero, nil stim laico neque clero. d. h. krustoolf oder krusewolf , ein nicht unpassendes Beiwort fiir einen Golias und Kneipenbruder. Kruse f. und krauss, doch wohl m., cruci- bulum Mild. Wb. I, 890; neben kraus wird auch krus m. zu vermutheu sein, da nd. krus, kros, kraus für Krug als Trinkgefäß und Wirtshaus vorkommen; auch die lat. Form crucibulum führt darauf. 3. Lever Meer. 1593. Toten -Über setzen. Se geuen ock vor, loenn de Seele uth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hehhen by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der groten Stede gebuioet syn, und darna moth se auer dat Leiter Meer und so fordan. Spegel des Antichristischen Pawestdoms etc. dorch Nicolaum Grysen Predigern in Rostock thosamen geordent. Rostock dorch Steffen Miillman M. D. XCIII. bei Wiechmann Meklenburgs altniedersächsiche Litte- ratur II 131. Dieser 1870 erschienene 2. Theil des so äußerst ver- dienten Werkes von Wiechmann -Kadow umfaßt die in Mecklenburg während der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. erschienenen niederdeutschen Werke und Einzeldrucke, viele von allergrößter Seltenheit, manche wahr- scheinlich schon völlig verloren. Die Auszüge, welche Wiechmann bietet, sind für alle, denen die kostbaren Originale nicht zur Verfügung KLEINE MITTHEILUNGEN. 307 stehen, sprachlich und culturhistorisch von großer Bedeutung, so p. 68 (a. 1570) der Stralsunder Ausdruck na ordeninge der Jarschare und die ebendaher stammenden Vermählungs-Ausdrücke in ihrer Reihefolge: ihoschlach (Abmachung unter den Eltern), upslack (öffentliche Ver- lobung), hochfldt, die auch S. 122 (a. 1592) ähnlich aus üreifswald ge- meldet werden. Oder auch die seltenen Rostocker Gewerbenamen S. 73 (a. 1Ö72): Decker, Brugger, Kiemer ^= Thurm- und Dachdecker^ Steindiämmer oder Steinbrücker, Lehmstreicher, welche an der Sonne zu trocknende Lehmsteine (kluteu) und Lehrawände oder Scheunen- tenuen machen. Die unbekannten nd. Worte sind in Noten erklärt; dazu glaube ich folgende Bemerkungen machen zu dürfen: Krallen- schnöre S. 54 sind nicht nur Korallen, sondern überhaupt Halsbänder aus rund gedrehtem Schmuck, z. B. Bernstein (Bernsteinkrallen). Ingedömpte ist S. 55 wesentlich Leinenzeug, noch jetzt das Hauseinge- weide; bei Verlöbnissen kann es natürlich dann für Mitgaue, Mitgift gebraucht werden, wie S. 122. Wandtschmyde, Wandschmyde S. 55, ist nicht feines Geräth oder Silberzeug, „das als Zierde auf Borten an den Wänden steht" sondern Silber- und Goldbesatz an den Gewanden, Spangen, Tressen etc; der Gegensatz sind die Kleider ane Sülvem hechte edder Schmyde. — By vormidung jngelyueder straff S. 59 ist nicht „jeglicher" sondern „einbeliebter" d. h. festgesetzter Strafe; das betr. Edict des Raths zu Rostock enthält ja auch ganz bestimmte Strafsätze. 4. Nachtrag zu uns, us, ösek, sek*). Für die Vermischung der Formen bringe ich noch folgende Be- weise: In den Urkunden zur „Geschichte der Familie von Blücher von Dr. Fr. Wigger" Th. I, die fast sämmtlich Mecklenburg angehören, steht regelmäßig uns unse, jedoch in Nro. 358 p. 277 (anno 1374) us, use, unse promiscue; Nro. 365, p. 283 (vor a. 1377) ebenso us, uns, use, unse; Nro. 373 p. 2ü4. (a. 1388) use, tmse] Nro. 386 p. 308 f. (a. 1418) immer use, nur einmal unsem; Nro. 390 p. 312 (a. 1419) nur use, van user iveghen; Nro. 415 und 441 p. 338 f. und 365 (a. 1431. 1442) nur US use] die Schreibart wechselt natürlich: unze, unsse, unnse, unsze etc. ■ — In Fallerslebener Urkunden des 14. Jahrh. in der Zeitsch. des bist. *) Germ. XVI, 93—97. Daselbst ist 91, 9 zu lesen: gebraucht f. gedruckt; 95, 4 US f. uns; 95, 24 Calenberg; 97, 24 bezweifelt f. bezeichnet. 308 KARL HOPF Vereins f. Niedersaehsen 1869 p. 114 ff. steht auf dem Gebiete des os und ösch regelmäßig: uns, unse, nur p. 134 (a. 1337) hat us, tise; p. 135 (a. 1340) uSf M5e; p. 136 f. (a. 1344) us, os, use, unse bunt wechselnd. Die letzte Urkunde wechselt auch mit wi und we im N. , die beiden vorletzten haben we. ROSTOCK. K. E. H. KRAUSE. SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN AUS DEM XIII. JAHRHUNDERT. Der Codex N. 1080 der hiesigen königlichen und Universitäts- Bibliothek (in Folio, aus dem Ende des 14. Jahrh.) enthält von einer Hand geschrieben: a) Caesarii Heisterbacensis Dialogi rairaculorum fol. 1 bis fol. 298 r 1 ; h) Sieben Miracula, ohne Überschrift fol. 298 r 2 bis 300 r 2; c) Vita B. Hugonis ordinis Cisterciens. monachi in Tannenbaeh fol. 300 r bis 304 r; dann den Index auf fol. 305 —308. Letztere ist dieselbe, aus der Schoepflin in seiner Historia Zaringo -Badensis (Vol. V n. LXXVII) die bekannten Nachrichten über den letzten Zähringer Berthold V. mitgetheilt hat; das Ganze ist bis heute noch uugedruckt. Eine Colla- tion des Caesarius mit der neuesten Ausgabe, die meist nach späteren Manuscripten gemacht ist, dürfte noch manche interessante Varianten ergeben. Die sieben culturhistorisch sehr interessanten Wundergeschichten sind meines Wissens noch ungedruckt; sie fallen augenscheinlich in die Zeit von 1218 — 1260; denn Graf Wilhelm III. von Jülich, von dem in No. I die Rede ist, starb nachweislich — wie auch der Ver- fasser der Legende angibt — 1218, und bei dem in No. III erwähnten Erzbischofe von Magdeburg hat man wohl ohne Zweifel an Rudolf von Dingelstädt zu denken^ der am 29. September 1260 plötzlich bei der Tafel vom Tode überrascht ward. Ich lasse darnach die Stücke selbst folgen. I. Quoniam rerum placet novitas, nova veteribus placuit novis homini- bus enodare, quateuus alia ex aliis tam rerum similibus quam novitate SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 309" miraculi clarescant. Innotescat igitur presentibus et futuris posteri, videlicet hoc tempore anno ab incarnacione domini ]\[CCXVIII rem evenisse mirandam et ammiracione dignam, sed non tarn mirabili& gestu quam novitate moderna, preeipue cum nemo sit de nostratibus, qui vel infernum veraciter pertimescat vel fide et actu virtutum regnum celorum sollicitus concupiscat. Accidit igitur ut Comes de Greulch qua- dam die coram multis militibus patris sui parvo ante spacio defuncti memoriam subito in medio propalaret; verum quia ut de scintilla sepe modica, si pastum recepei'it congruum, magna poterit civitas cicius con- cremari, sie sermo ex inproviso prolatus si fomentum senserit, cito sen- tenciam protelatur; unde accidit ut exemplo (sie!) nescio quo tactusai-dore rem quam semel dixerat, illico subsequens eandem replicabat. Dixerat enim se valde mirari, ubi vel in quo statu pater suus nuper a carne solutus posset detineri, deinque adiciens omni voto se arcius amplecti, si huius exitum et certitudinem propositi valeat investigare, multum premii multumque araicicie specialis et perpetue se velle propter hoa conferre, si modo quemquam reperiret, qui talia nosci potuisset, iuravit. Quod cum omnes audivissent, unus miles ex presentibus respondit: Domine mi Comes, si factis dicta compenses, scias velle me quod dixeras pro viribus comprobare et animum tuum quantum omnipotens aut permiserit aut dederit alleviare. Quo dicto quid plura? promissum proficiscitur consumari. Veniens itaque ad quendam congnatorum suo- rum nigromanticum , eius super hoc auxilium flagitans, breviter rem agendam congnoscere fecit; qui demones mox convocaus iam dictum militem ad infernum deduci et completa eius voluntate sanum reduci precepit. Ingresso igitur purgatorio per diversas cum transportant pena- rum mansiones, patrem quippe coniitis per singula loca requirens; sed ibi non reperto eo, transeunt ad penam infernalem ubi et est repertus, Qui cum vidisset militem, vehementer admirans dixit: Quis te huc, vel quid queris, adduxit? Et ille protinus causam vie exponens de eius statu requisivit. Cui Comes respondit: In inferno sine spe finis sum demersus, verum quia desperatus mundo vixi, sine spe reditus me in hunc locum defixi. Justus enim dominus deus , licet misericors sit multeque miseri- cordie, tamen quod vivens magis quisque diligit et eligit, si morte in eo manens preoccupatus fuerit, id ipsum secum sine fine manebit et ei dominabitur. Elegi, si semper viverem in mundo, semper vellem peccare et preeipue dominandi superbiam nunquam proposui declinare. Unde quia opus dyaboli concupivi, inferni puteum absque retraccione introivi. Heu me infelicem, heu me sero penitentem; hinc nunquam exibo, sem- per hie ero; factus sum similis Lucipero, qui ante lucem ante ipsum. 310 KARL HOPF Cliristum Jhesiim dominari non timuit; fidera quoque eins sicut omnes superbi a me repnli, necnon me munduin diligere nee debere quidaliud sperare me credidi; insuper non propter me eum a mundo cruci- fixum attendi, et sie diligendo mundum incredulitatem promerui. Heu me, si tamen fidem quamvis peecator essem non amisissem, felieem me redidissem. Sed quid ultra tibi referam? libei-ari nequeo; penas minores sentire potero, si ecelesie Stipendium quod abstuli restituatur. Cui miles flens dixit: Domine mi dilecte, servieio vestro devietus iure hominii, sicut nunc vestri sum filii, rogo vos intime, quantum huius responsionis gracia aliquid mihi detis certum inter signa, ut cum dilecto filio vestro domino meo comiti hec refero, fidem adhibeat, et quod ab eo petatis ablatum beneficium ecelesie pro domino restituat. Econtra comes anxius cogitavit, quid filio suo transmitteret, et cogi- tando reperit quedam verba secreta nimie virtutis, videlicet, ut trium- phum concederet, si quis ea gestaret; hec insinuans filio omnem scru- pulum sustulit suspicionis. Receptus ergo miles a comite honoratur, diligitur, sustollatur et omne quod sub tali signo de patre didicit, comes firmiter credidit, asserens hec eadem verba preter se et patrem a nullo sciri. Interim comes militem pro tanto laboris amore cogitavit multum sublimare seeularibus diviciis et honoribus in altum levare. At miles dei misericordia preventus, fictilem ac volatilem, transitoriam, vanam, frivolam, deeeptoriam, cadueam, mortiferam fugiens gloriam, non iam cecus Adam, sed rationabilis homo et sensatus, coufitetur se attenus errasse? invanum dies expendisse, gracias agens deo, quia talia meruit future vite congnoscere probamina, unde valedieens mundo et abrenuncians dyabolo et pompis eins pro presenti seculo, terrestrem paradisum claustra monachorum, que sunt officina bonorum operum, flens pre gaudio intravit. Unde et nos benedieamus domino, qui cecum, surdum, mutum , quadriduanum, mortuum suscitavit, qui est benedictus in secula seculorum amen. n. Olym erant duo elerici valde sincere dilecti quorum unus cum moreretur rogatus est ab altero, ut infra tricesimura diem, si ei liceret, rediret. Rediit ergo ut videbatur non dolens sed tamen ubique secum infernum habebat. Quod cum socius non erederet, defunctus de manu propria sudorem expressit, quem contra viventem excussit; de quo vivens tres guttas in faciem recepit, uuam in frontem, duas in maxil- lam, que mox cutem et carnem usque ad ossa combusserunt et in modum nucis tria foramina fecerunt; ille vcro in terram corruit et fero SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 311 expiravit. Tunc dixit ei mortuus: Surge; non morieris. Surrexit et levius habuit. Ait iterum mortuus: Ex hoc dolore penas inferni disce et ab hiis tibi cave, et dedit ei litteras in huuc modum scriptas: Beelzebub princeps demoniorum cum satellitibus suis omnesque contrarie potestates archiepiscopis, episcopis, abbatibus, presbiteris ceterisque pre- latis amicis suis tartaream salutacionem et inviolate societatis federa, que dissolvi non poterunt. Magna nobis fiducia in amicicie vestra, caris- simi; multum de vobis gratulamur, quia sentitis optime nobiscum et que nostra sunt queritis ubique tuendo atque fruendo quicquid ad nostrum ius pertinet congnoscitis. Sciatis itaque universitati nostre mul- tum fore acceptum, et multa graciarum accione studia vestra prosequimur eo quod inferorum vie et altera prodicionis itinera vix capere possunt animarum multitudines infinitas, que per ministerium vestrum et per exemplum vestre conversacionis a via veritatis abducte quottidie nobis copiose adducuntur; unde regni nostri potencia roboratur magnifice. Perseverate ergo tamquam fideles et intimi nobis, nobis in amicicia nostra et in opere quod cepistis ; quia profecto parati sumus et congruam retri- butionem pro hiis omuibus rependere vobis". Post hoc mortuus evanuit. Alter i'eligionem ingressus optime obiit, sed cicatrices de combusturis usque ad mortem habuit. — Sequitur aliud. III. Est civitas metropolis in Saxonia Megdeburg nomine, cui pre- fuit antistes omni vesanie deditus et provinciarum devastator, proprie ecclesie dilapidator existens et rerum temporalium inutilis distractor; sed deus omnipotens qui neminem perire desiderat misericorditer ex- pectans se converti, quod ipse segniter neglexit. Unde memorabile versa vice sue non indignum. Est eciam opidum a civitate memorata distans quasi quatuor leucas iuxta descensum fluvii Eiben, ad quod prefatus episcopus quadam die pervenit, corpore quidem sanus sed mente vesanus. Ipsa namque nocte cum decumberet in lecto, ulcione divina Collum strangulatur a dyabolo. Mira res; ipsa itaque nocte cum tlie- zaurarius maioris ecclesie in sacrario decumberet in lecto et membra sopori dedisset, vidit in sompnis ante principale altare dominum seden- tem ad iudicium cum matre virgine Maria et suis apostolis; afluit et sepedictus episcopus. Tandem supervenit sanctus Mauricius eiusdem ecclesie patronus quasi vir strenuus lorica militari armatus causa movendi querimoniam contra episcopum suum, petens a domino sibi dari advocatum scihcet sanctum Paulum. Quo sibi dato conquerebatur de episcopo suo, quod ecclesia sua per ipsum rebus esset dissipata et 312 KARL HOPF honore destituta, et Paulus adiecit dicens: Oportet episcopum esse irreprehensibilem, castura, non prodigum, sobrium^ modestum, et cetera que in eius epistola memorantur. Hiis auditis episcopus peeiit sibi eciam dari beatum Petrum apostolum pro se patrocinandum, quo sibi denegato, dixit sibi contra Paulum litigandum non esse contra consodalem suum; petivit ergo beatam virginem pro se patrocinari, Ipsa quoque rennuente, petivit per sentenciam sibi dari. Dixit dominus ad matrem suam beatam virginem: Mater, promoveas verbum suum. At domina nostra ad filium: Obsecro te, fili mi, ne urgeas me interpellari pro eo; attestor te ipsum, quod multociens intercessione mea averterim indignacionem tuam ab eo, ut sie aliquando resipisceret, sed frustra laboravi. Iterate dominus ad matrem suam ait: Ego sum misericors te tu raater minime; miserere te indigentis. Respondit mater: Verum quidem est, ut asseris; tu non solum misericors, sed et iustus. Ista Paulo agente dixit: Domine iuste iudex reddens unicuique iuxta opera sua; ecce Mauricius athleta tuus postulat sibi fieri iudicium et iusticiam. Dominus dixit: Maurici, episcopus tuus sit in potestate tua et voluntate. Statim arripiens eum et portavit in humeris suis et de pulpito, in quo legitur ewangelium, precipitavit eum ante altare sancte crucis et con- fracte sunt cervices eius. Et statim evigilans subthezaurarius audivit sonitum pulsantis ad fores ecclesie, et campauarius, qui iacebat in .ecclesia, surrexit et accessit ad ianuas templi inquirens causam sonitus. Nuncius qui advenerat dixit se venisse de opido supradicto et episco- pum denunciavit fore defunctum. Sicque perpendi potest, quod ipse eadem hora, quando sanctus Mauricius eum deiecit de pulpito, eum fuisse defunctum. Itaque nuncius ait, ut compulsarentur campaue. Hiis intellectis sacrista perrexit ad sacrarium, intimans thezaurario que in- tellexerat, et pulsabantur matutine; post hoc compulsabantur campane, sicut moris est, ad iudicium defuncti. Hoc itaque facto accurrerunt plurimi sciscitantes, que causa rei esset, et cum intellexissent, mirabantur, quod tam subita et inprovisa morte episcopus eorum preventus fuisset. Cum autem demane corpus exanime deferretur, inventum est Collum confractura pelle integra et illesa permanente. Per illud exemplum atten- dant et caveant omnes prelati ecclesiarum, ne res, que a fidelibus col- late sunt sanctis in elemosinam, ut deo et eius genitrici atque ipsis sanctis serviatur, inutiliter expendant vel consanguineis tribuant vel alio modo turpiter devastent, quia ab ipsis usque ad minimum nota requi- retur in districto examine ab ipsis patronis, ut^ dum minus discrete expenderint ipsorum temporalia, in ultimo pereant cum corpore et aniraa. — Sequitur aliud. SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 313 IV. Duo monasteria nigri ordmis iuxta Maguntiam sunt sita, unum in honore sancti Albani martyris, alterum in honore sancti Jacobi Zebedei. In quo monasterio accidit quoddam miserabile prodigium Omnibus religiosis et maxime ipsius ordinis scilicet nigri stupendum, qui tunc temporis miuime observabatur. Quadam die in sero dicto com- pleterio tres iuvenes clam descendentes in Renum pre caumate diei refrigerare se cupientes, hü quadam vehemencia dissoluti Renum in- silieutes, et unus eorum Ruthgerus nomine prepeti cursu minus cautus submersus interiit; cum autem illi duo intellexissent soeium eorum interisse et inopinata morte suffocatum, non sine magna tristicia et pavore asceudentes quantocius monasterium remearunt; quorum unus Arnoldus nomine pre nimia tristicia in lectum egritudinis decidit. Sed ille prefatus R(uthgerus) per alveum Reni defluebat, et uude corpus exanime evexerunt ad littus iuxta villam Waldaha iuferius Magunciam unum miliare sitam. Et cum demane abbas de Eberbach magister Rey- mundus nomine Renum ascendisset, et viso cadavere congnovit per tonsuram monachum fuisse, fecit eum in ipso loco sepeliri per quen- dam conversum secum equitantem. Et cum venisset Magunciam, retulit factum clericis, qui aderant. Porro paulo post nocte dominica, qua de more vigihe sacre celebrantur, et ille, qui iniirmo deputatus fuerat minister, vigiliis cum aliis monachis interesset, egroto in conclavi solo decumbente et lampade coram eo lucente, ecce venit sepedictus frater R. corpore nudo et humecto, quasi iam de aquis ascendisset. Cum autem ille decumbens eum vidisset, valde perterritus, tamen muniens se sigillo sancte crucis, sciscitando interrogavit , ubi esset et quomodo se res haberent erga eum. Dixit: Ego sum in loco dampnatorum. At ille: Posset, inquit, tibi aliquid subveniendo prodesse? Respondit: Nequaquam; sed si indutus fuissem veste illa, salvari potuissem. Cuculla iacentis pendebat in pertica. Et ait illi: Si tibi proderit, indue illam, et respondit: Non; sed si in ea preventus morte fuissem, spem haberem liberari. Ideoque premunire te veni, ne tu in eandem damp- nacionera pervenias; quia in hac conversacione, qua sie modo conver- saris nullus vestrum salvari poterit. Et ne reputes me quasi fantasma, corporaliter sum hie; sed si iam apperiretur locus ubi sepultus sum, non ibi reperirer. Hoc quoque tibi sit insignum. Ille alter consocius noster, qui nunc incolumis videtur et est, ab ista tertia die futura veniet ad me moriturus in mensa. Quod et factum est. Et adiecit: Et ut scias penam me sequi, si omnes ignes in Maguncia in unum essent coUecti, non tantum ardorem haberent, quantum ego sustineo. Et hyans apparuit os suum amplitudine mira et exivit fumus densissi- 314 KARL HOPF mus cum scintillis et fetore intollerabili, et continuo nusquam com- paruit. Et dum venisset minister, adhuc tantus fetor erat in conclavi, ita quod ambo vix ferre poterant. Nam cum die prenotata sederet in mensa prefatus consocius iocundus et letus immemor existens immi- nentis periculi facti, allata est exestuans assatura porcina; ipse inter alios arripiens frustillum carnis inhyanter in os iniecit et statim expiravit. Hoc intellecto supradicto Arnoldo, statim cum meliorari cepisset, com- mutavit vitam in meliorem statum et transtulit se ad ordiuem minorum fratrum et factus est verbi dei egregius predicator. V. Regum secreta celare, dei mirabilia revelare perdocemur agyo- graphya. Unde miraculum nunc incredibile dei dispensacione factum notificandum plerisque duxi necessarium. In Brabancia in quadam villa erant duo homines devoti vir, et uxor sua, qui pro munere deo obtule- runt continenciam in quantum licuit, debitum carnale non solvendo. Et ideo ne illicitus ardor libidinis urgeret eos ad amplexus naturalis connubii, fecerunt sibi sterni segregatim. Quadam igitur nocte vir nimis ardore naturali succensus vocavit uxorem ad lectum; at rennuente suiTexit maritus et accessit ad eam et ingressus solito more congnovit eam carnali copula, et ipsa pre nimia indignacione et ira prorupit in hec verba: Si hie hac vice conceptus erit, ille dyaboli sit. Et factum est ita; cum mulier hec perorasset, concepit et decursis novem mensi- bus peperit filiam. Statim dyabolus affuit, puerum rapuit et ad diversas matronas et mulieres in forma humana deportavit, dicens eum esse inveutum. Et quia elegantis erat forme, eundem lactaverunt et lac habundauter per triennium ipsi tribuebant. Post ablactacionem vero in diversas mundi partes ipsam puellam duxit et preciosissimis vestimentis vestivit, peetus gemmis, monilibus, anulis et colIum et manus aureis circulis decentissime adornavit et ad diversa colloquia et concilia, festi- vitates cousociorum suorum duxit, ut illi congratulentur ei in omni genere ludorum. Frequenter eciam ducebat eam ad nundiuas et forenses ludos et choreas, ut in cantilenis et in omni genere musicorum animus eins demulciretur. Nunquam sinebat ipsam esurire, sitire vel aliquam penuriam pati, sed semper de melioribus cibariis et habundanter ministravit. Ubi contigebat eum transire per domicilia bonorum virorum et ecclesias sanctorum, saltus faciebat, non audens eis appropinquare. Cumqne iam puella haberet XV annos et esset nubilis, pervenit ad cenobium quoddam monachorura, ut aliquem ibi de simplicioribus de- ciperet et ad suara suggcstionem iuclinaret, ipsam foris relinquens. Cum vero aliquantulam morara faceret, deus pater misericordiarum et SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 315 tocius consolacionis misertus super plasmate suo, misit sanctum JacoLum apostolum ad ipsam puellam dicens : Quid sedes hie? At illa: Ductor nieus fecit me sedere liic. Cui apostolus: Tu perdita es, si non acquie- veris meo cousilio, et corpore et anima peribis. Dyabolus est qui te ducit. At illa: Quicquid iusseris domine hoc faciam. Ait apostolus: Da michi dexteram tuam, et impressit in ea signum sancte crucis et ait: Modo de cetero nou audebit tibi appropinquare. Et instruens eam pleniter et edocens dixit: Vade, acquire honestam mulierem et vade in domum patris tui et matris, "qui sunt in proxima villa ultra duo miliaria, et voca sacerdotem et fac confessionem et recipe symbo- lum et baptismum et permane in virginitate, ut possis salvari, et totum processum vite sue ei exponens sicut prelibavimus et valedicens ei recessit. Dyabolus peracto negotio suo exivit et ad puellara veniens ait: Ach, quis fuit hie? 0 quid fecisti me relinquens, cum niehil tibi defuerit et delicate te educaverira? O quam magnum laborem per- didi, quia de cetero tibi appropinquare nou valeo. Et voeiferaus ela- more magno et eiulatu evauuit et nusquam comparuit. Puella videns se liberatam acquisivit sibi rauherem honestam et recto itinere perveuit in domum patris suis. Et videntes eam decenter ornatam et vestitam, mirati sunt, quenam esset. Et ait: Tu es pater mens, et hee mater mea, et totum processum eis recitavit. Recongnoverunt pater et mater filiam; venerunt parentes et affines, et factum est gaudium magnum, glorificantes deum, qui faeit mirabilia magna solus. Statim vocavit sacerdotem, fecit confessionem reeepitque symbolum et baptismum et alia sacramenta ecelesiastica et in virginitate perseveravit et celibem vitam de cetero duxit, et eonsummatis diebus vite sue perrexit ad dominum, cui est honor et gloria in secula seculorum amen. VI. Quam periculosa et exeerabilis sit sentencia excommunicaciouis, et quam salubris fidelis confessio, ex subiecto doceberis exemplo. Re- tulit nobis Godfridus venerabilis abbas Novi castri, quod est cenobium in Alzacia Cysterciensis ordinis, quod quidam conversus ibidem quan- tum perpendi poterat bone vite erat, excepto quod excommunicaeionera pro nichilo reputabat. Hie in quadam sollempnitate gloriosissime vir- ginis Marie moi'e solito cum aliis conversis ad altare venit; abbas eukaristiam sibi porrexit, sed niehil recepit, et in mauibus eins niehil est inventum, sed, ut eredimus, divinitus corpus dominicum reversum est super patenam in loeum suum. Conversus vero ut sensit se non recepisse corpus domiui, tristis et turbulentus recessit, cogitans ex peceatis suis hoc sibi contigisse. Tandem in se reversus puram cou- 316 KARL HOPF, SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. fessionem fecit, absolucionem petivit et impetravit. Et iterato ad altare accedens, sine impedimento corpus domini recepit et cum gaudio domura rediit; postea vero aliquantulum vitam suam melioravit et de cetero deum semper cum maximo timore pre oculis habebat. Per omuia bene- dictus deus qui tauta magnalia servulis suis prestitit et diversis modis se ipsis manifestat. — Sequitur. VII. Beata et gloriosa virgo Maria dei genitrix nunquam reliquit irre- muneratum qualecunque quamvis exiguum sibi serviciura impensum. Unde non est tacite subtrahendum, quali modo pro modico servicio sibi ab ignorante exhibito quam misericorditer sua dignata est pre- sencia visibiliter visitare. Ei'at quidam plebanus locuples admodum, qui habebat iuter aliam familiam suam hominem surdum et mutum, que duo raro disiungi videntur. Tandem ille mutus ad tantam per- venit egritudinem, ut in lectum decidens expectaret ingressum uni- verse carnis. Nam ipsa beata virgo venit ad eum in ipso mortis articulo salutans eum dixit: Salvet te deus Jhesus Christus filius meus, et in hac sahitacione illico cepit loqui et adiecit, dicit ei: Fac tibi venire sacerdotem et age penitentiam et confitere pure peccata tua et sume eukaristiam sanctum corpus domini nostri Jhesu Christi filii mei et alia ecclesiastica sacramenta et in his rite per- actis ducam te in requiem tibi preparatam. Et fecit sibi sacer- dotem inquiri, et cum venisset, confessus est et communicatus com- munione sancta. Et omnes qui aderant, admirantes interrogabant eum dicentes^ quomodo et quid ei accidisset, quod tunc loqueretur. Nam huiusmodi verba fuerunt audita ex ore eius, quod beata vh-go presencia sua visibihter eum salutasset et iussisset fieri^ sicut pre- libatum est, et dedisset ei loquelam. Et iterum interrogaverunt eum, si umquam aliquid servicium exhibuisset ei. Ipse respondit, se ignorasse et nichil antea de ea audisse nee aliquid scivisse, sed interdum dominum suum semper septima die ieiunare considerasset et semper sequenti die populo celebrasse et ita se intellexisse, quod dominus suus in- tenderet aliquid boni, et sie ea intencione cum eo ieiunavi. Hiis auditis, dixit ille paterfamilias : Verum quidem est, semper sabbato in honore beate virginis quo ego solitus sum ieiunare, et ipse ieiuna- vit mecum. Et hec omnes audientes cum ammiratione magna et voce glorificaverunt deum et gloriosam eius matrem virginem, que non derelinquit sperantes in se et servientes sibi. KÖNIGSBERG. KARL HOPF. K. MAURER, ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 317 ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. Herr Svend Giniudtvig hat in „det kougelige danske Videns- kabernes Selskabs Forhandliuger 1870" eine Abhandlung „Om de Gotiske Folks Väbeucd" veröffentlicht, welche zugleich auch in einem Separatabdrucke erschienen ist, und welche so viel Schönes und Lehrreiches enthält, daß sie wohl verdient dem Leserkreise der Germania rasch bekannt gemacht zu werden. Der Gegenstand der Arbeit ist ein vorzugsweise rechtsgeschichtlicher, und über einzelne einschlägige Fra- gen hatte ich schon früher Veranlassuag mich auszusprechen; da der Hr. Verf. mir die Ehre angethan hat^ diese meine früheren Äusserungen zu besprechen, und mich in freundlichster Weise so zu sagen zu einer nochmaligen Prüfung meiner Ansichten aufzufordern, mag es ent- schuldigt werden, wenn gerade ich mit einer Erörterung des von ihm angeregten Thema's ihm folge. Es bespricht aber der Verf. drei verschiedene Listitute, deren Zusammengehörigkeit erst noch festzustellen war. Er handelt nämlich zunächst von dem Eide auf die Waffen (S. 3 — 21), dann von der sverdtaka bei der Aufnahme von Leuten in des Königs Dienstver- band (S. 21 — 25), endlich von dem väpnatak in den Dingversamm- lungen und sonstigen Zusammenkünften (S. 25—45), worauf er dann nochmals zum Waffeneide zurückkehrt (S. 45 — 57), und mit einem theils auf diesen, theils aber auf das väpnatak bezüglichen Nachtrage schließt; dabei glaubt er das väpnatak auf den Gesichtspunkt des Waffeneides zurückführen, die sverdtaka dagegen als ein durchaas selbständiges, mit diesem nicht zusammenhängendes Institut betrachten zu sollen. Ich werde dieser Dreitheilung folgen, jedoch nur bei dem väpnatak Anlass zu einer eingehenderen Untersuchung finden. Daß die Ablegung von Eiden auf die Waffen ein gemein- samer Gebrauch der gothischen, oder wie wir sagen würden, der ger- manischen Volksstämme war, belegt der Verf. durch eine reiche Zu- sammenstellung von Quellencitaten, welche das Vorkommen des Waffen- eides bei den Quaden und Franken, bei den Alamanneu, Baiern und Langobarden, bei den Sachsen endlich und Dänen darthun, und nach- weisen, daß zumal im Holsteinischen dessen Gebrauch bis in das GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahr^-. 22 318 KONRAD MAURER 17. Jhdt. hinein fortdauerte. Selbst aus Schottland wird ein vereinzeltes Zeugniss erbracht; für den Norden aber, dessen Rechtsquellen den Waffeneid nicht nennen, wird dessen Gebrauch theils durch fränkische Annalisten und die russische Chronik Nestors, theils durch ein paar Eddalieder, und was die spätere Zeit betrifft durch „Aslak Tordssöns og skön Valborgs vise", dann für Schweden durch das Zeugniss des Sir Bulstrode Whitelocke festgestellt, welcher als Gresandter Cromwells in den Jahren 1653 — 54 Schweden besiichte. Es sind bald promisso- rische Eide, welche, zumal beim Abschlüsse von Verträgen, auf die Waffen abgelegt werden, bald assertorische, zumal gerichtliche Eide, und zwar mit oder ohne Eideshelfer. Daß die mehrmals betonte vor- gängige kirchliche Weihe der Waffen nur eine später hinzugetretene Förmlichkeit sei, hebt der Verf. wohl mit Recht hervor; ebenso aber auch, daß die Ablegung des Eides ursprünglich stets auf die eigenen Waffen des Schwörenden erfolgte, und daß erst in späterer Zeit hin und wieder an deren Stelle das Schwert des Richters trat. Doch möchte ich nicht annehmen, daß dabei nur der Umstand maßgebend gewesen sei, daß sich der Waffeneid vorzugsweise nur in den unteren Gerichten erhielt, welche für nicht waffenfähige Personen bestanden, vielmehr eine andere Deutung vorziehen, auf welche ich gleich kommen werde. — Der Verf. erörtert aber auch, und zwar am Schlüsse seiner Abhandlung, den für den Waffeneid maßgebenden Grundgedanken, und findet den- selben nicht in der Auffassung der Waffen als Attribute oder Reprä- sentanten irgend einer Gottheit, ebensowenig in dem Gedanken, daß der Schwur mit dem Schwert in der Faust, oder bis in den blu- tigen Tod gehalten und vertheidigt werden wolle, sondern in der Be- ziehung auf die Strafe, welche der Schwörende für den Fall des Mein- eides auf sich herabrufen sollte, das Fallen nämlich durch die eigenen Waffen. In wirksamster Weise wird diese Deutung unterstützt durch die Vergleichung der Eide, welche die Völundarkvida, 33, schwö- ren lassen will: „at skips bordi, ok at skjaldar rönd, at mars bsegi ok at msekis egg-', mit dem Fluche, welchen die Helgakvida Hundingsbana 11, 31 — 33, unter Bezugnahme auf geschworene Eide der Sigrün in den Mund legt : „])ik ökyli allir Skridiat pat skip, eidar bita, er und J)er skridi, Jjeir er Helga ])6tt oskabyrr hafdir unua, eptir leggisk! — — — Rennia sä marr. ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 319 er und J)er renni, Bitia J)er J)at sverd, J)6ttu jQandr J)ina er ])u bregdir, forctask eigir! nema själfum })er — — — syngvi um höfdi!" Weitere Belege werden sodann aus Nestors Chronik beigebracht, welche ebenfalls beim Waffeneide die Worte gebraucht zeigen, daß den Meineidigen sein eigener Schild nicht beschützen, und daß er durch seine eigenen Waffen fallen soll; es wird ferner eine Bestimmung des Haderslebener Stadtrechts von 1292 herangezogen, wonach der fi'emde Gast, je nachdem er zu Wagen, zu Pferd oder zu Schiff reist, auf die Radnabe, den Steigbügel oder das Schiffsbord den Fuß beim Sclnvure zu setzen hat, — eine Bestimmung der Apenrader Schraa von 1335, dann eines friesischen Gesetzes aus ungefähr derselben Zeit, welche ganz ähnliche Vorschriften geben, — ja sogar eine Parallele aus der neuesten Geschichte Indiens, welche eine ganz ähnlich construierte Eidesformel noch im Jahre 1837 angewandt zeigt. ]\Iir scheint dieser Nachweis in glänzendster Weise gelungen, und damit ein ebenso werth- volles als sicheres Ergebniss für die germanische Rechts- und Religions- geschichte gewonnen; nur möchte ich mir erlauben dem geehrten Hrn. Vrf. anheimzugeben, ob nicht auch die Ablegung eines Eides in die Hand des eigenen Liten (Lex Saxon. 8), dann die Eidesabiegung auf das Schwert des Richters in ähnlicher Weise zu deuten sein möchte. Der Tod durch die Hand des eigenen Hörigen, — der Tod ferner durch das Schwert des Richters dürften wohl dem Tode dm'ch die eigenen Waffen als gleichartig an die Seite treten. Auch darin bin ich mit dem Verfasser vollkommen einverstanden, daß er den Gebrauch des Schwertes bei der Aufnahme in den Dienstverband des Königs von dem Waffeueide vollständig getrennt hält. Die Hirdskra des K. Magniis lagabsetir lässt denjenigen, welcher als hirdmadr oder gestr in des Königs Gefolgschaft aufge- nommen werden soll, nur des Königs Schwert berühren, welches dieser auf seinem Schoosse liegen hat; bei der Ernennung eines Herzogs oder Jarles dagegen lässt sie dem Ernannten durch den König zuerst ein Schwert, und dann noch eine Fahne überreichen. Mir will nicht ein- leuchten, daß diese Verschiedenheit der Form hinsichtlich der Auf- nahme in die unteren und oberen Grade des Dienstverbandes eine ur- sprüngliche sei. Ein paar aus der Fagrskinna, der Haraldss. härfagra in der Heimskriugla, dann aus der Hrölfss. Kraka entnommene Stellen, welche der Verf. selber anführt, scheinen mir darzuthun, daß ursprüng- lich schon die Aufnahme eines gewöhnlichen Inrdmanns durch die 9o ••* 320 KONKAD MAURER Überreichung eines Schwertes erfolgte; die Bezeichnung „sverdtakarar konüngs," welche den sämmtlicheu Dienstleuten des Königs mit all- einiger Ausnahme der Kerzenjungeu zukam, scheint eben dahinzuweisen, und schwerlich würde bei der Bestellung des Herzogs oder Jarles eine zweifache Waffe gegeben worden sein, wenn nicht die eine von beiden bereits zuvor in einem allgemeinei'en Gebrauche gewesen wäre. Ich möchte demnach in der von der Hirdskra vorgeschriebenen Form für die Ernennung der hirdmenn und gestir nur eine spätere Vereinfachung und Abschwächuug einer altern, bei der Ernennung des Jarls und Herzogs stehen gebliebenen Förmlichkeit erkennen; wie dem aber auch sei, gewiß ist, daß hier wie dort Schwert und Fahne lediglich als Sym- bole der Investitur in Betracht kommen, wie ja beide auch bei allen andern germanischen Stämmen oft genug in gleicher Weise verwendet werden, — daß ferner hier wie dort der vom Manne zu leistende Eid dieser Investitur erst nachfolgt, und dabei in gewöhnlicher Weise auf Reliquien oder auf ein heiliges Buch abgeschworen wird. Mit dem Waffeneide hat demnach die hier in Frage stehende Benützung des Schwertes in der That nicht das Mindeste zu thun, vielmehr reiht sich dieselbe nur der Benützung eines Trinkbechers bei der Aitfnahme eines skutilsveinn, oder der Benützung eines Handtuches bei der Auf- nahme eines kertisveinu (Hirdskra, §. 24 und 47) als gleichgeartet an, indem hier wie dort die Beschaffenheit der zu übernehmenden Dienst- pflicht für die Wahl des bei der Aufnahme gebrauchten Symboles maßgebend wird. — Ob übrigens, Avie der Verf. annimmt;, die später in Schweden sowohl als in Dänemark hin und wieder nachweisbare Ableistung eines Huldiguugseides auf das Schwert des Königs oder eines königlichen Beamten imter den Gesichtspunkt einer deraiiigen sverdtaka, und nicht vielmehr unter den eines vapnatak zu stellen sei, ist mir sehr zweifelhaft; ich unterlasse aber ein näheres Eingehen au den Punkt, da es mich zu weit vom nordischen Rechte abführen Avürde. Was aber endlich die Auffassung des vapnatak betrifft, so ver- mag ich mich nicht in gleicher Weise mit dem Verf. einverstanden zu erklären, und dieser Umstand zwingt mich, in Bezug auf diesen Brauch mich etwas einläßlicher auszusprechen. — Durch eine ziemlich reich- liche Zusammenstellung von Belegen aus den geschichtlichen sowohl als aus den Rcchtsquellen thut der Verf. dar, daß in NorAvegen das vapnatak benützt wurde, um Beschlüsse zu fassen, oder auch die ge- fassten zu bestätigen. Zumeist kommt dasselbe in den Dingversamm- lungen zur Anwendung, und zwar wird es am lögj)ing vorgenommen „innan lögrettu og ütan"; ausnahmsweise findet dasselbe aber auch in "ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 321 ungeordneteren Versammlungen statt, wo immer größere Menschen- massen sieh zusammensehaaren und sich veranlasst sehen, einem Col- lectivwillen Ausdruck zu geben. Zuweilen handelt es sich dabei um die Erlassung von Gesetzen oder die Annahme eines Königs, zuweilen um die Verhängung der Acht u. dgl. wegen schwerer Verbrechen; andere Male findet aber dieselbe Förmlichkeit auch auf civilrechtliche Urtheile Anwendung, oder selbst auf die an diese sich anreihende Auf- lassung von liegenden Gütern (jardarskeyting); ja selbst gelegentlich der feierlichen Übernahme eines Gelübdes wird einmal von derselben Gebrauch gemacht. Über die Art, wie das vapnatak sich vollzog, sind wir leider ohne genügende Nachricht. An einer einzigen Stelle wird gesagt, daß die Leute „bördu saman väpnum sinum" (Heim skr. Ha- raldar s. gilla^ cap. 18, S. 723); aber gerade diese Stelle spricht von einer in sehr ungeordneter Weise zusammengelaufenen Volksmenge, und vermeidet überdieß die Bezeichnung vapnatak. An einer andern Stelle wird der Handschlag (handfestr) neben dem vapnatak genannt (Sverris s. cap. 20, S. 55); aber gerade diese Stelle spricht von der Übernahme eines Gelübdes, und es ist demnach recht wohl denkbar, daß gerade in diesem Falle neben dem Beschlüsse der Gesammtheit auch noch die persönliche Verpflichtung jedes Einzelnen in Frage kam, für deren Übernahme der Handschlag die geeignete Form bot. — Weiterhin wird dann dargethan, daß derselbe Gebrauch auch in Däne- mark wiederkehrte, nur daß er freilich hier ungleich früher theils ab- kam, theils entartete, als in Norwegen. Ein geschichtliches Zeugniss zeigt das vapnatak hier im Jahre 1076 gebraucht bei Erlassung einer gesetzlichen Bestimmung über die Thronfolge; das schonische Recht aber weist dessen Gebrauch bei der Friedloslegung am Landsdinge nach. Da Andreas Sunesön dasselbe „collisione armorum et contactu" vor sich gehen lässt, erhält das oben erwähnte „berja saman väpnum sinum" eine willkommene Bestätigung; aber freilich erleidet die Form sowohl als das Bereich der Anwendung des vapnatak hier frühzeitig eine Änderung. Schon ein paar Recensionen des Skaanske Lov, deren älteste höchstens in den Schluß des 15. Jhdts. hinaufreicht, haben an der hier maßgebenden Stelle, art. 139, S. 130 (ed. Schlyter) eine ent- sprechend abweichende Lesart, und eine Reihe anderer, dem 16. und 17. Jhdt. angehörige Zeugnisse bestätigt, daß am Landsdinge von Schonen der Kläger, welcher eine Achtserklärung gegen seinen Gegner durchgesetzt hatte, sein Schwert zu ziehen und in einen Balken zu hauen pflegte, was man dann „huggse hans fred affhanum paa lands- ticget med syt vapn" nannte. Nicht von einem Zusammenschlagen 322 KONRAD MAUEER oder Berühren der Waffen;, und überhaupt nicht von einer Collectiv- handkmg der Dinggemeinde, sondern nur noch von einem einseitigen Acte des Klägers selbst ist also jetzt die Rede; mit der Form der sym- bolischen Handlung hat sich ferner jetzt auch deren Deutung geändert^ soferne dieselbe nicht mehr auf die Bekräftigung eines gefassten Be- schlusses als solche, sondern nur noch auf das gewaltsame Heraushauen aus der Friedensgenossenschaft bezogen wird; endlich auch das Be- reich der Anwendung des Actes hat sich nunmehr verengert, indem derselbe selbstverständlich nur noch bei der Achtserklärung gebraucht werden konnte. Dürftiger noch sind die für Schweden zu Gebote stehenden Nachweise. Whitelocke's bereits angeführtes Reisetagebuch erwähnt zwar den Namen des „weppun tack"; aber die Anwendung, die er von demselben gemacht werden lässt, zeigt, daß es sich dabei um einen einfachen WaiFeneid handelte. Bei einer Hochzeit nämlich, welche die Königin Christine auf ihrem Schlosse zu Stockholm aus- richten Hess, sah er selber 12 Männer vom Adel durch einen Eid, den sie auf einen vorgehaltenen Speer leisteten, ihr Zeugniss über die Höhe der versprochenen Morgengabe bekräftigen, und zugleich sich zur Überwachung ihrer Entrichtung verpflichten; die Bezeichnung des Actes will der Berichterstatter von dem Grafen Erik Oxenstjerna er- fragt haben; aber die Thatsache, daß der Berichterstatter, ein nam- hafter englischer Jurist, nach seiner eigenen Angabe seinen Gewährs- mann auf die Ähnlichkeit des Namens mit dem des englischen wapen- take aufmerksam machte, erregt den Verdacht, daß ein Mißverständniss auf der einen oder andern Seite begangen worden sein könnte. Sonst lässt sich aber nur noch aus Urkunden und Gerichtsbüchern des 17. Jhdts. darthun, daß in Smäland der schonische Gebrauch, bei der Achtser- klärung dem Gegner den Frieden wegzuhauen gleichfalls beobachtet wurde, und daß man in derselben Landschaft auch bei der Auflassung von Liegenschaften an einen Speerschaft zu greifen pflegte; aber beide Nachweise beziehen sich eben nur auf eine einzige, und zwar an Schonen zunächst angrenzende Landschaft, und ob Verelius seine Deutung des Wortes väpnatak^ wie der Verf. meint, wirklich aus der Praxis der schwedischen Gerichte geschöpft, und nicht bloß aus den bekannten Stellen der norwegischen Königssagen und Gesetzbücher, allenfalls mit Benützung von Sir Henry Spelman's Glossarium archaiolo- gicum entlehnt hat, scheint mir doch recht sehr zweifelhaft. Um so gewisser ist dagegen, daß wir in England den nordischen Brauch wieder nachweisen können, wenn auch in etwas eigenthümlicher Ge- staltung. Wir finden hier in den Gesetzen, und zwar schon seit K. ÜBER DAS VÄPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 323 Eädgärs Zeiten (959 — 75), das wsepentäc oder wsepenget^ec als eine dem hundred entsprechende Unterabtheilung der scir oder Grafschaft erwähnt, und zwar erwähnt als eine Eigenthümlichkeit der nördlichen Theile des Landes; genaueren Aufschiuli über dasselbe gewähren aber erst die sog. Leges Edwardi Confessoris. Sie behandeln die wapentagia als ein Äquivalent des hundredum in den Provinzen, welche „sub lege Anglorum" stehen (cap. 30); dieß ist indessen ein entschiedener Irrthum, wenn nicht Schreibfehler, da die Aufzählung der einschlägigen Grafschaften vielmehr auf die „lex Danorum" hinweist, d. h. auf die von Dänen und Nordleuten besetzten Gegenden. Sie leiten ferner den Namen des Bezirkes aus der „lingua Anglica" ab, „quia arma vocant wappa, et taccare, quod est confirmare" ; wiederum ein Irrthum, da es kein ags. Wort täc, tac, oder getsec gibt, wie bereits R. Schmid bemerkt hat, und die Bezeichnung somit nur aus der nordischen, beziehungs- weise dänischen Sprache abgeleitet werden kann. Sie bemerken endlich, daß die Veranlassung zu der Benennung der Gebrauch gegeben habe, daß einem neuernannten Vorsteher des Bezirkes zu gesetzter Zeit an der gewöhnlichen Dingstätte die sämmtlichen angeseheneren Männer inner- halb desselben entgegenzukommen, und mit ihren Lanzen dessen hoch- aufgerichteten Speer zum Zeichen der Huldigung zu berühren pflegten. Auch auf diese Deutung des Wortes ist nicht zu bauen, wie denn der freilich beträchtlich spätere Chronist Johannes Brompton dasselbe ganz anders, nämlich davon ableitet, daß die Vasallen zum Zeichen ihrer Dienstpflicht bei einem Wechsel in der Person des Herrn ihre Wafien abzuHefern hatten, also von der heregeat oder dem relevium; aber immerhin wird man annehmen dürfen, daß der Gebrauch selbst^ auf welchen sich der Compilator des Rechtsbuches beruft, von ihm nicht erfunden^ sondern aus der Praxis entlehnt worden sein werde, und kann damit der Gebrauch des väpnatak bei der Annahme eines neuen Häuptlinges, wie er für Dänemark und Norwegen feststeht, auch für die dänisch-norwegische Bevölkerung Englands als bezeugt gelten, gleichviel übrigens ob dessen Anwendung auf diesen einzigen Fall be- schränkt, oder auch noch in andern üblich gewesen sein möge. End- lich ist uns auch aus der Normandie ein vereinzeltes Zeugniss der gleichen Übung aufbewahrt, indem Dudo in seiner unschätzbaren Schrift de moribus et actis Normannorum IH, S. 96 (bei Duchesne) erzählt, wie um das Jahr 930 eine Anzahl normannischer Krieger vor einer schweren Schlacht ihrem Herzoge Treue bis in den Tod gelobte, und dabei „more Dacorum" zum Zeichen der festen Entschließung und Vereinigung ^tela mutua? voluntatis pacto una concusserunt". 324 KONRAD MAURER Kann hiernach das väpnatak als ein den sämmtlichen nordger- manischen Stämmen gemeinsamer Brauch mit voller Sicherheit be- trachtet werden, so fragt sich doch noch wie dasselbe aufzufassen sei, und, was damit auf das Genaueste zusammenhängt, ob die gleiche Sitte auch bei den Südgermanen sich nachweisen lasse? Der Verf. stellt nun das väpnatak mit dem Waffeneide zusammen, und nimmt an, daß dessen Bedeutung in dem gemeinsamen Beschwören des gefassten Be- schlusses bestanden habe; er will ferner zwar die bekannte Stelle der Germania cap, 11: „Si disciplicuit sententia, fremitu aspernantur^ sin placuit, frameas concutiunt: honoratissimum assensus genus est armis laudare, " hieher beziehen und in gleicher Weise deuten, aber die Worte desselben Tacitus, Hißtoriarum V, cap. 17: „Ubi sono ar- morum tripudiisque (ita Ulis mos) approbata sunt dicta," dann die entsprechenden Angaben Csesar's über die GalHer (Bell. Gall. VII, cap. 21), sollen nicht hieher gehören, da sie nur von dem Waffenlärm als Zeichen des Beifalls sprechen. Ich gestehe, daß ich von der Stich- haltigkeit dieser Auffassung mich nicht zu überzeugen vermag, und will meine Gründe hiefür in Kürze darlegen. Vor Allem glaube ich be- tonen zu müssen, daß an keiner einzigen von den vielen Stellen, welche des väpnatak gedenken, dasselbe mit einem Eide in Verbindung ge- bracht wird. In der Sverris s, freilich, cap. 16, S. 41 — 42, heißt es: „J)ä var Sverri getlt konungs nafn ä ]3essu ätta fylkna ])ingi, ok dsemt med väpnataki, ok svarit hanum land ok ])egnar eptir landslögum fornum;" aber es sind eben hier deutlich drei verschiedene Acte an- einander gereiht, welche bei der Annahme eines neuen Königs sich folgten, das gefa konungs nafn, das dsema honum land ok ]3egna, und der Huldigungseid, wobei das väpnatak ausschließlich mit dem zweiten Acte in Verbindung gesetzt wird, nicht mit dem dritten. Allerdings wird ferner an einer andern Stelle derselben Sage neben dem väpnatak noch eines Handschlages Erwähnung gethan, welcher gleichzeitig ge- geben wurde; aber es ist bereits bemerkt worden, daß gerade an dieser Stelle die Übernahme eines Gelübdes in Frage steht, welches neben der Gesammtheit auch die Einzelnen als Einzelne betrifft, und daß daraus die Verbindung der doppelten Form sich erklärt. Beide Stellen zeigen demnach, daß in den Fällen, in welchen eine Verpflichtung übernommen werden sollte, neben dem väpnatak noch eine weitere, ge- rade hierauf bezügliche Förmlichkeit vollzogen wurde, möge dieß nun ein Schwur oder ein Handschlag sein ; warum dieß, wenn das väpnatak selbst nichts Anderes als ein Waffeneid war? In einer Reihe von An- wendungsfällen dieses letzteren ist ferner jede Möglichkeit, an einen ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 325 Eid zu denken, ausgeschlossen. Wie soll z. B. das vapnatak, mittelst dessen ein gerichtliches Urtheil bestätigt, oder eine Auflassung von Liegenschaften bekräftigt wird, unter den Gesichtspunkt eines Eides gebracht werden? Ein Versprechen der Unterwerfung unter das Urtheil oder der Gewährschaft für die Übertragung kann nicht gemeint sein, da nicht die Partei, sondern die Gerichtsgemeinde den Formalact voll- zieht; eine Bekräftigung aber der eigenen Ehrenhaftigkeit bei der Fällung des Erkenntnisses kann ebensowenig in dessen Vornahme ge- sucht werden, denn diese lag bereits in dem Richtereide, welcher bei der Bildung der lögretta von deren Mitgliedern zu schwören war. Das gemeine Landrecht fordert dessen Ableistung ausdrücklich, })ingf. 6. §. 3, und wenn zwar die altern norwegischen Rechtsbücher, welche die Dingordnung theils überhaupt nicht eingehend behandelt, theils uns nicht vollständig aufbewahrt haben, derselben nicht gedenken, so stellt doch der isländische Richtereid, von welchem uns selbst die alte, heid- nische Formel erhalten ist, dessen Ursprünglichkeit auch für das nor- wegische Recht sicher. Endlich dürfte auch jene für den Waifeneid maligebende Grundanschauung, welche der Verf. mit so überraschender Sicherheit aufgespürt und festgestellt hat, mit dem vapnatak vollkommen unvereinbar sein. Die Formel des Waifeneides faßt uothwendig den einzelnen Schwörenden als Einzelnen, und in seinen Beziehungen zu seinen eigenen Waffen ins Auge ; der Vorgang beim vapnatak dagegen zeigt den Einzelnen nur als Glied eines größeren Ganzen thätig, und bringt seine Waffen mit den Waffen aller andern Genossen in Be- rührung; wie soll darin der Gedanke an den Tod durch die eigenen W^affen sich aussprechen, der den Schwörenden für den Fall seines Meineides treffen soll? Ganz folgerichtig wird darum auch, wo wirklich ein Collectiveid geschworen wird, bei der Eideshülfe nämlich, nicht die Form des vapnatak, sondern die des gewöhnlichen Waffeneides ein- gehalten, und doch hätten wir, wenn jenem erstem wirklich die Bedeutimg eines Schwures zukäme, gerade hier, wenn irgend wo, dessen Anwendung zu erwarten. In der That wird denn auch nur ein einziges Mal der Ausdruck vapnatak auf einen unzweifelhaften Waflfen- eid angewandt: dieses einzige Mal aber ist jener Bericht des Sir Bulstrode Whitelocke über einen schwedischen Vorgang aus der Mitte des 17. Jhdts., ein Bericht also, der von vornherein den Gedanken an ein Mißverständniss nahe legt, und überdieß auf eine so späte Zeit sieh bezieht, daß auch abgesehen von einem Mißverständnisse des Berichterstatters eine Trübung der Auffassung durch Vermischung zweier äusserlich sieh berührender und beiderseits länjrt im Absterben 326 KONRAD MAURER begriffener Gebräuche leicht zu erklären wäre. Ich kann demnach nicht umhin, zu der älteren Deutung des vapuatak zurückzukehren, und in demselben lediglich eine Form zu erkennen, mittelst deren die versammelte Menge ihre Willensmeinung, und insbesondere ihre Zu- stimmung zu einem ihr zusagenden Antrage ausdrückte, also ganz dasselbe, was die beiden angeführten Stellen des Tacitus in Bezug auf die Germanen, und was die gleichfalls angeführten Worte Csesar's in Bezug auf die Gallier beschreiben. Die Gemeinsamkeit der Übung bei den sämmtlichen germanischen Stämmen betrachte demnach auch ich als feststehend, nur daß ich dieser einen etwas andern Sinn bei- legen zu sollen glaube, als welchen der Verf. in derselben findet. Eine Frage bleibt nach allem Bisherigen noch zu erörtern übrig, die Frage nämlich nach der Stellung, welche das isländische Recht zum vapuatak einnimmt. In den Rechtsquellen aus der republikanischen Zeit geschieht desselben oft genug Erwähnung '); immer aber be- zeichnet dabei der Ausdruck den Schluß der Dingzeit, und die Hrafn- kels s. Freysgoda definiert denselben somit ganz im Sinne der Rechtsbücher, wenn sie sagt: „en ]3at heitir väpnatak, er al})yda ridr af alj)ingi". Jon Eiriksson hat bereits auf diesen Sachverhalt die Behaup- tung gestützt, daß der Ausdruck im isländischen Rechte etwas ganz Anderes bedeute als im norwegischen, nämlich den Zeitpunkt, mit welchem die Dingversammlung zu Ende geht, und in welchem eben darum die während ihrer Dauer abgelegten Waffen von den Dingleuten wieder aufgenommen werden, und er hat auch nicht unterlassen zu bemerken, daß erst nach der Unterwerfung der Insel unter den König von Norwegen das väpnatak im norwegischen Sinne des Wortes auf derselben Eingang gefunden habe, wie dasselbe denn wirklich in der Järnsida sowohl als in der Jonsbök unzweideutig in solcher Weise er- wähnt wird. Die meisten Neueren haben sich dieser Annahme an- geschlossen, R. Keyser sogar mit der, keiner Widerlegung bedürftigen Modalität, daß er auch das väpnatak der norwegischen Rechte ledig- lich auf die am Schlüsse der Dingzeit erfolgende Wiederaufnahme der Waffen beziehen zu sollen glaubt; auch ich selber habe mich bereits öfter für die von Jon Eiriksson vertretene Ansicht ausgesprochen, und zumal wiederholt die verschiedene Geltung des gleichen Ausdruckes in der norwegischen und in der älteren isländischen Rechtssprache *) Die vom Verf. angeführten Stellen sind nicht erschöpfend; ich kann den- selben z, B. ohne lang herumzusuchen noch Gragäs, §.62, S. 112, und §. 234, S. 178, ed. Finsen, beifügen. ÜBER DAS vlPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 327 hervorgehoben ^). Unser Verf. dagegen glaubt auch in dem väpnatak der älteren isländischen Quellen denselben Formalact wie im norwegi- schen Rechte erkennen zu sollen, welcher, am Schlüsse der Dingzeit vorgenommen, eine solenne Bestätigung aller am Dinge gefassten Be- schlüsse enthalten habe, obwohl er die Möglichkeit zugibt, daß die wirkliche Handhabung der betreffenden Formalität sich auf Island aus dem Gebrauche verloren haben möge; er meint aber überdieü, die wirkliche Vornahme des väpnatak sei sowohl in der späteren frei- staatlichen Zeit als in der Zeit der Königsherrschaft durch eine andere, wenn auch verwandte Förmlichkeit ersetzt worden, nämlich durch das löfatak, und sei somit in der königlichen so gut wie in der republi- kanischen Zeit das väpnatak im Grunde nur ein leerer Name gewesen. Ich glaube indessen dieser Annahme in allen ihren wesentlichen Theilen entgegentreten zu müssen, und will dieß Schritt vor Schritt unter Dar- legung meiner Gründe zu thun versuchen. — Meines Erachtens ist zu- nächst rein undenkbar, daß zu der Zeit, in welcher unsere Rechtsquellen entstanden, im isländischen Freistaate ein Formalact, wie ein solcher im norwegischen väpnatak vorlag, am Dinge vorgekommen wäre. Wir kennen sehr genau den formellen Gang der Verhandlungen in den Dinggerichten sowohl als in der gesetzgebenden Versammlung des Freistaates; nirgends wird aber mit einer Sylbe angedeutet, daß für die Gültigkeit der hier beschlossenen Gesetze oder der dort erlassenen Erkenntnisse noch ein weiterer, am Schlüsse der Dingzeit vorzunehmen- der Formalact erforderlich gewesen sei. Wir sind ferner über das, was am Schlüsse der Dingzeit zu geschehen pflegte, sehr genau unterrichtet. Wir wissen, daß die gesetzgebende Versammlung noch am letzten Tage der Diugzeit (jiinglausnadagr) einen Zusammenti'itt zu halten hatte ^) ; daß der Gesetzsprecher, und zwar am lögberg, also nicht in der lögretta, den Kalender für das nächstfolgende Jahr vorzutragen, und alle während der Dingzeit beschlossenen Begnadigungen, dann alle hier zu Stande gekommenen neuen Gesetze bekannt zu geben hatte *) ; daß endlich jetzt der öffentliche Verruf aller Klagsachen vor sich zu gehen hatte, welche erst am Alldinge des folgenden Jahres verhandelt werden sollten ^), und zugleich der competente Gode zur Haltung des Executionsgerichtes aufzufordern war, wenn am Dinge Jemand durch *) Z.B. in meinem Artikel Grägäs in der Ersch u. Gruber'schen Encykloptedie, S. 47, Anm. 47; dann in einem solchen über Altnoridische Wörterbücher, im Anzeiger für Knnde der deutschen Vorzeit, 1863, Nr. 12. *) Kgsbk, § 117, S. 212. ^) Ebendca, §. 116, S. 209, und §. 101, S. 177. ^) Ebenda, §. 76, S. 124; §. 77. S. 125, und öfter. 328 KONKAD MAURER Urtheil, Schiedsspruch oder Vergleich der Acht oder Landesverweisung verfallen war ^). Deutlich werden dabei jene Vorträge und Verkündi- gungen als der äußerste Schluß der Dingzeit bezeichnet; man kann Gerichtssitzungen nur begehren „medan ösagt er misseristal upp" oder so lange nicht „nymseli ero uppsögd" '), und der Termin für das An- gehen des Goden um einen feransdöm kann eben darum auch durch die Worte „eptir doma" bezeichnet werden ^), — ja der für die Be- wachung der Pferde bestellte Hüter der Pferde muß diese „at jiing- lausnum" den Dingleuten zurückbringen, noch ehe „misseristal se upp- sagt" ^), und der Zeitpunkt, in welchem der Jahreskalender vorgetragen wird, steht in genauester Verbindung mit dem anderen, „er menn bregda tjöldum sinum" ^^), d. h. mit dem Momente, in welchem die Dingleute von ihren Dingbuden die Bekleidung und Bedachung weg- nehmen. Der Zeitpunkt der Heimreise sammt den ihm unmittelbar vorhergehenden Verrichtungen ist damit deutlich genug bezeichnet; wie sollte es sich erklären, daß dabei nur eben des väpnatak nicht erwähnt und der für dasselbe charakteristischen Formalien nirgends gedacht sein sollte, wenn dasselbe überhaupt in einem feierlichen, von der gesammten Dinggemeinde, oder doch von der lögretta gemeinsam vorzunehmenden Formalacte bestanden hätte? Dazu kommt, daß uns nirgends gesagt wird, daß das norwegische väpnatak am Schlüsse der Dingzeit und zur collectiven Bestätigung aller während der Dauer der Versammlung gefassten Beschlüsse erfolgt sei; ganz im Gegentheile wird desselben vielmehr immer nur gelegentlich einzelner Beschlüsse und in einer Weise gedacht, welche zu der Annahme berechtigt, das- selbe sei jedem einzelnen Beschlüsse auf dem Fusse gefolgt, und habe sich somit während der Dauer einer und derselben Dingversammlung mehrmals wiederholt. „lunan lögrettu og vitan" war in Norwegen das väpnatak vorzunehmen; auf Island dagegen wird dasselbe auf einen Zeitpunkt verlegt, in welchem die lögretta ihre letzte Sitzung bereits gehalten und die Thätigkeit der Gerichte ihr Ende erreicht hat. Daß hiernach das väpnatak der älteren isländischen Rechtsquellen etAvas ganz Anderes bezeichnete als das norwegische väpnatak, und daß jenem nicht nur jeder formelle Charakter fehlte, sondern dasselbe auch an einen ganz anderen Zeitpunkt sich knüpfte als dieses, glaube ich 8) Ebenda §. G2, S. 112. ') Ebenda, §. 47, S. 83, und §. 101, S. 177; Vi'gslodi, Cap. 52, S. 93 led. Ainani.). *) Kgsbk, §. 48, S. 84, und §.69, S. 120. ^) Kaupab., Cap, 88, S. 442; vgl. Kgsbk, §. 76, S. 124. ") Vig- slöd i, ang. O. ÜBER DAS ViPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 329 als gewiss ansehen zu dürfen; aber andererseits will ich damit ganz und gar nicht behauptet haben, daß diese verschiedene Geltung des Ausdruckes in der isländischen und in der norwegischen Rechtssprache von jeher bestanden habe, und damit komme ich auf den Punkt, wel- cher eine gewisse Ausgleichung zwischen meiner Auffassung und der des Verf.'s immerhin ermöglicht. Wir wissen, daß das isländische Recht sich vergleichsweise spät von dem norwegischen abgezweigt hat, und es ist demnach völlig undenkbar, daß ein in beiden Rechten gleich- mäßig wiederkehrender technischer Ausdruck in beiden von jeher ver- schiedene Geltung gehabt haben könnte. Auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß das norwegische Recht im gegebenen Falle der ursprünglichen Bedeutung des Ausdruckes getreu geblieben ist; die Naturwüchsigkeit des von ihm festgehaltenen Formalactes, und mehr noch die Parallelen, welche das dänische, schwedische, normannische und nordenglische Recht, und in weiterem Abstände sogar Tacitus und Cäsar bieten, stellen diese Thatsache doch wohl imbedingt fest. Das isländische Recht muß demnach eine Änderung erlitten haben, welche hinterher auch den Sinn seiner Terminologie ergriff, und mag es dabei etwa folgendermaßen zugegangen sein. Aus vorläufig hier noch uner- örtert zu lassenden Gründen ließ man auf Island den alten Formalact des väpnatak außer Übung kommen. In den alten Rechtsüberlieferungen aber, und zumal auch Rechtsformeln, welche man nach wie vor mit Ehrfurcht weiter trug, fand man den Ausdruck nach wie vor gebraucht, und es galt, nachdem dessen ursprünglicher Sinn vergessen worden war, sowohl dessen praktische Bedeutung festzustellen, als auch für denselben eine etymologische Erklärung zu finden. Da griff man nun in letzterer Beziehung nach dem Nächstliegenden, und bezog das Wort auf die Wiederaufnahme der Waffen am Schlüsse der Diugzeit, worauf dasselbe sprachHch in der That recht gut bezogen werden konnte; die Verlegung des Zeitpunktes, welchen dasselbe bezeichnete, von dem Momente des gefassten Beschlusses auf den letzten Tag der Dingzeit war dann freilich eine Folge der geschichtlich unbegründeten Etymo- logie, aber eine Folge der unbedenklichsten Art, da ja zwischen bei- den Zeitpunkten immerhin nur wenige Tage in Mitte liegen konnten. Es fehlt nicht an Belegen für ganz ähnliche Vorkommnisse innerhalb der isländischen Rechtsgeschichte; ich erinnere nur an die mehrfach interessante Glosse über den Ausdruck „fyrir ena Jjridjo sol", dann an die Definition des hrisiingr und hornüngr "), welche letztere eben- "j Kg-sbk, §. 86, S. 150; dann §. 118, S. 224. 330 KONRAD MAUBEB falls von der Geltung der betreffenden Bezeichnungen in den norwegi- schen Rechtsquellen wesentlich abweicht. — Was sodann die Erwäh- nung des vdpnatak im norwegischen Sinne des Wortes in der Jdrnsida und Jonsbok betrifft, so wird diese Niemanden wundern, der sich über- haupt mit der ungeschlachten Art einigermaßen vertraut gemacht hat, in welcher diese beiden Gesetzbücher die Vorschriften des norwegischen Rechtes nach Island hinüber tragen; die Angaben aber, welche unser Verf. über das löfatak bringt, kann ich weder für vollständig richtig, noch auch fiir vollständig erschöpfend halten. Wohl richtig, daß wir schon am Schlüsse des 13. Jhdts. Beschlüsse der isländischen lögretta „med lofataki", d. h. durch Handerhebung gefasst finden; aber nichts berechtigt uns, diesen Gebrauch schon in die Zeit des Freistaates zurück- zudatieren, nichts ihn als einen specifisch isländischen zu betrachten. Man darf m. E. das löfatak keineswegs mit dem älteren handsal oder handtak, dem handaband oder handalag, der handfestr oder handfesta m Zusammenhang bringen, denn jenes galt, wie unser Handmehr, als die Form für die Beschlussfassung einer versammelten Menge, dieses, wie unser Handschlag, als die Form für die Eingehung eines unter mehreren Einzelnpersonen abzuschließenden Vertrages, womit natürlich recht wohl verträglich ist, daß hin und wieder durch Vertrag ganz ähnliche Bestimmungen beliebt werden können, wie sie anderwärts durch den Beschluß einer Dingversammlung getroffen werden, oder daß in einzelnen Fällen beide Formen zugleich eingehalten werden, weil es sich zugleich um den Abschluß eines Vertrages und das Zustandekommen eines Beschlusses handelt. Ganz zufällig ist ins- besondere, wenn einmal in der Fsereyiuga s. (Flbk, I, S. 366) eine handfesta unmittelbar vor dem Schlüsse der Dingversammlung vor sich geht, denn auch in diesem Falle handelt es sich ganz und gar nicht, wie der Verf. annimmt, um den Abschluss und die Besiegelung der Verhandlungen am Dinge, wie beim väpnatak, sondern lediglich um eine persönliche Verpflichtung, welche Sigmundr Brestisson dem alten ])räud gegenüber eingieng, und bezüglich deren es ganz gleichgültig war, ob sie am Ding oder anderwärts übernommen wurde; von dem löfatak dagegen erfahren wir umgekehrt, daß es auch auf Island in der lögretta und gelegentlich jedes einzelnen Beschlusses vor sich gieng, ganz und gar nicht collectiv am Schlüsse der Dingzeit, wie sich dieß gelegentlich eines einzelnen Falles ganz unzweideutig heraus- stellt ^^). Läßt sich hiernach keine Spur des löfatak in der republikani- schen Zeit Islands nachweisen, so steht andererseits fest, daß dasselbe '2) A rna bps s., Cap. 42, S. 7.35. ÜBER DAS vApNATAK IJER NORDISCHEN RECHTE.] 331 mit dem Schlüsse des 13. Jhdts. in Norwegen ganz ebenso gut vor- kam wie auf der Insel; bereits in dem neueren Stadtrechte des K. Magnus lagabsetir wird desselben gedacht ^^), und nicht minder in zwei Verordnungen aus den Jahren 1313 und 1377 '■^), — in Urkunden wird dasselbe öfters erwähnt, wie z. B. in den Jahren 1323, 1328 und 1362 '^), und das vom Verf. selbst bemerkte Aufkommen des farb- loseren Ausdruckes ])ingtak in norwegischen sowohl als isländischen Rechtsquellen kann recht wohl mit diesem Wechsel in den bei der Beschlußfassung gebrauchten Förmlichkeiten zusammenhängen, indem man sich durch denselben veranlasst sah, nach einer Bezeichnung zu suchen, welche für das väpnatak und lofatak gleichmäßig anwend- bar war. Insoweit also ist mein Ergebniss das, daß das väpnatak zwar mit dem Eide auf die Waffen ganz und gar keine innere Gremeinschaft hat, aber allerdings ganz wie dieser ein in das graueste Alterthum hinaufreichender und allen germanischen Stämmen gemeinsamer Brauch ist, welcher sich nur im isländischen Freistaate auffälliger Weise früh- zeitig verloren hat^ um erst mit der norwegischen Herrschaft wieder nach der Insel zurückzukehren; daß ferner in Folge jenes Verschwin- dens des Brauches selbst der isländischen Jurisprudenz die richtige Erklärung des betreffenden Ausdruckes abhanden kam, welcher doch in alten Formeln und Rechtsvorschriften noch aufbewahrt war, und daß darum eine ganz andere Deutung desselben aufkam^ welche hin- wiederum auch eine geringe Verschieb img des Zeitpunktes zur Folge hatte, an welchen die Wirkungen des väpnatak sich knüpften; daß endlich seit dem Schlüsse des 13. Jhdts. in Norwegen sowohl als auf Island an die Stelle des väpnatak mehrfach ein lofatak trat, freilich ohne daß darum die ältere Form völlig aufgegeben, oder über die Form hinaus an der Bedeutung des Actes irgend Etwas geändert wor- den wäre. Vielleicht gelingt es aber auch noch, die Gründe jenes raschen Verschwindens des norwegischen väpnataks auf Island zu ent- decken, und ich will, wenn auch nur zögernd, zum Schlüsse noch eine deßfallsige Vermuthung hier mittheilen. Wir wissen, daß nicht nur auf Island das Betreten eines Tempels allen Bewaffneten verboten war '^), sondern daß ganz dasselbe Verbot auch in Norwegen galt ^'). Gerade in Bezug auf Norwegen wird aus- ") Bsejarsk., §. 2. '••) Norges gamle Love HI, S. 99 luid 196. **) Norske Samlinger, V, S. 356 und 540; Diplom, norveg. U, Nr. 370 S. 296. ") Vatnsdsela, Cap. 17, S. 29; Landnäma, Hl, Cap. 3, S. 177^ "} Eigla, Cap. 49, S. 99; Olafs s. Tryggva.sonar, Cap. 167 (FM8, II, S. 44). 332 K. MAURER, ÜBER DAS VÄPNATAK DER NORWSCHEN RECHTE. drücklicli angegeben, daß es die liofslielgi, d. h. der dem Tempel zu- kommende Friede war, auf welchen das Verbot sich begründet; man möchte aber von hier aus von Vornherein schließen, daß auch der Dingfrieden, die jjinghelgi, das bewaflfuete Betreten der Dingstätte aus- schloß, und es fehlt nicht an einzelnen Anhaltspunkten, welche diesen Schluß unterstützen. Von Norwegen wird uns einmal ausdrücklich berichtet, daß noch um das Jahr 934 die Leute unbewaffnet am Glula- })inge aufzuti'eten pflegten ^^) ; von Island aber hören wir, daß die Ding- stätte des ]36rsnessJ)inges für so heilig galt, daß sie durch kein Blut- vergießen entweiht werden durfte '^), dann daß man am JDorskafjardar- jDing das Schwert wenigstens mit fridbönd, d. h. Friedensbanden um- wickelt zu tragen pflegte ^^), ganz wie man dasselbe im eigenen Hause zu verwahren gewöhnt war, wenn man sich vollkommen sicher glaubte '■^'). Später noch wird auf Island dem B. Gizurr (f 1118) nachgerühmt, daß er „fridadi svä vel landit, at ]iä urdu engar stordeilur med höfd- ingjum, en vapnaburdr lagdist mjök nidr", und mit Bezug auf ihn hervorgehoben, daß noch zwei Jahre nach seinem Tode „var svd litill vapnaburdr, at ein var stälhiifa J)ä a alj)ingi, ok reid drjiigum hverr böndi til ]3ings, er ])i var a Islandi" ^'^). Gehalten wurde freilich das Verbot nur wenig, wie denn die Schwertschleifer sogar ihre eigenen Buden am Alldinge hatten ^^) ; aber doch enthalten die Annalen noch zum Jahre 1154 den Eintrag: „lagdr vapnaburdr ä al])iugi ä Islandi", und eine andere Quelle berichtet, wie im Jahre 1218 B. Magnus Gizurar- son von Skälholt wenigstens so viel durchsetzte^ daß die Leute nicht mehr bewaffnet in die Gerichte kommen durften "^). Mit diesem mehr- fach wiederholten Verbote des Waffentragens am Dinge lässt sich nun, so viel Island betrifft, das Abkommen des väpnatak im norwegischen Sinne des Wortes ebenso gut in Verbindung bringen, wie die neuere Bedeutung, welche der Ausdruck in der isländischen Rechtssprache annahm; um so schwieriger ist dagegen zu erklären, wie in Norwegen jemals das alte väpnatak mit demselben Verbote des Waffentragens an der geheiligten Dingstätte sich vereinign lassen konnte. Vielleicht hilft folgende Erwägung auf die Spur. Das väpnatak im älteren Sinne *«)Eigla, Cap. 57, S. 126. *») Eyrbyggja, Cap. 4, S. 7; vgl. Cap. 10. S. 11, und Landnama, II, Cap. 12, S. 97—8. *») Gfsla s. Sürssonar, I, S. 5.5. »») Sturlünga, IX, Cap. 3, S. 186; Kr(5karefs s., S. 8. ") Kristni s., Cap. 13, S. 29, und Cap. 14, S. 31. ") Kgsbk, §. 101, S. 176; Njäla, Cap. 146, S. 247. ^•'j Sturlünga, V, Cap. 30, S. 158: Magnus biskup bannadi öllum mönn- um at bera väpn til döma; gjördu nienn )i;i menn til doiua väpulausa, er Jiar skyldo mal framflytja. FEDOR BECK, VON ETSLtCHEN MElSTERSTÜCKELtN. 333 entspricht offenbar dem militärischen Elemente in der altgermanischen Verfassung: mag sein, daß seine Anwendung ursprünglich auf die zu militärischen Zwecken bestimmten Versammlungen beschränkt war, auf das vapna])ing also oder die väpnastefi'a , für welches die Orkney- inga s. ja sogar einmal die Bezeichnung väpnatak selbst braucht ^^), auf die Versammlungen der Heergenossen ferner, und allenfalls noch auf das örvarjiing, das in Karapfsachen zusammengeboten wurde. Ein Überwuchern der militärischen Seite der Verfassung, durch die langen Wanderungen und beziehungsweise das Vikingertreiben und die fort- währenden inneren Kämpfe bedingt, konnte dann die Förmlichkeit auch in das Gerichtswesen und die gesetzgebenden Versammlungen hiuüber- gebracht haben, während auf Island, wo die Lage des Landes und der Gang der Staatsbildung das Heerwesen zurückdrängte und dafür das Priesterthum in den Vordergrund rückte, das väpnatak ganz aus den- selben Gründen verschwinden machte, aus welchen die Häuptlinge den kriegerischen Titel des hersir oder fylkir mit dem priesterlichen des godi vertauschten, oder der Eid auf den heiligen Tempelring an die Stelle des WafFeneides trat. MÜNCHEN, deu 25. Juni 1871. KONRAD MAURER. VON ETSLICHEN MEISTERSTUCKELIN DIU WAEN IHT BANCWIRDIC SIN. Unter dem Titel „Weiberzauber von Walther von Griven" ist kürzlich im zweiten Hefte des 15. Bandes der Zeitschrift für deut- sches Alterthum ein Gedicht von 44 Versen veröffentlicht worden. Der Herausgeber hat sich au die Heidelberger Handschrift No. 341 gehalten. Verschwiegen — oder nicht gewußt (?) hat er, daß der Text des Gedichtes aus der betreffenden Handschrift bereits von Karl Haltaus veröffentlicht worden war in der Einleitung zum Lieder- buch der Clara Hätzlerin S. XXXIV folg., und zwar nach einer Abschrift von Franz Pfeiffer. Ebenso hat er unerwähnt gelassen, daß dasselbe Gedicht mit nur gei'iugen Abweichungen sich auch im Cod. ") Flbk, II, S. 429. GERMANIA. Neue Reihe IV, (XVI.) Jahrg. 23 334 FEDOR BECH Kolocz. vorfindet, sowie iu zwei späteren Überarbeitungen, einer nämlich in der Hätzlerin selbst S. 217 und einer zweiten im Cod. Palat. 384 Bl. 121 — 122, wie aus Haltaus a. a. 0. zu ersehen ist. Da der Herausgeber einen kritisch berichtigten Text zu geben be- absichtigt hat, so begreift man nicht, weshalb er sich lediglich auf die Heidelberger Hs. beschränkt und das übrige handschriftliche Material unbeachtet gelassen hat. Überdies zeigt der auf Pfeiffers Abschrift beruhende Druck bei Haltaus an einigen Stellen andere Lesarten, namentlich bei dem schwierigen Verse 31, so daß man nun nicht weiß, an wen man sich zu halten hat. Nach Haltaus heißt es näm- lich hier : daz achte kravt zihe hin niht mit fremden wiben oh iz geschieht tu sam si sin niht gelouhe. Für zihe hin niht hat dagegen die neueste Abschrift zeche hin niht. Mit der ersteren Lesart stimmen auch die Überarbeitungen, so Cod. Palat. : niht zeihe in fremder iveibe alz es gefchehe sie laz ez pleihe, und Hätzlerin: sy zeich in nicht mit främden loeiben oh es hefchicht u. s. w. Ohne mich zu entscheiden, ob zihe (zieh) in niht oder zecke in niht das ursprüngliche gewesen, scheint mir das in den Text gesetzte zecke er iht besonders darum unannehmbar, weil, wenn der Satz hypothetisch gefasst wird, die gleich darauf folgende Bedingung oh daz geschiht als überflüssige Wiederholung dasteht. Warum nicht, da doch hier eine Vorschrift in Form eines Gebots an ihrem Platze ist, den Imperativ wie ihn die Überlieferung hat belassen? In Betreff der beiden Überarbeitungen fragt es sich noch, ob ihnen ein dem jüngst edierten ganz gleicher Text zu Grunde ge- legen habe oder nicht. Wenn man bedenkt^ daß Walther von Griven zur Abfassung seines Zaubers wahrscheinlich von Hartmann von Aue angeregt worden war, der uns ein ähnliches Zaubermittel {zouberlist, krützouher) im ersten Büchlein 1273 folg. hinterlassen hat (vergl. meine Anmerkung zu 1280 und die Verbesserungen daselbst auf S. 352); daß er gleich wie Hartmann seinen Zauber aus Frankreich stammen ließ; daß es endlich bei Hartmann 1319 — 22 heißt: sivem also gelinget, daz er st zesamen hringet, der sol st schüten in ein vaz, daz ist ein herze äne haz, und daß damit die Überarbeitungen stim- men in den Zeilen, welche sie zwischen V. 18 und 19 bringen: und tun die in ein reines vaß Ich meine in ein hertz on hass (Hätzlerin: mit stäter lieh on allen haß Vnd tuo das in ain raines vaß): so kann man sich der Vermuthung kaum erwehren, daß der ältere Text, nach VON ETSLtCHEN MElSTERSTÜCKELtN. ' 335 welchem jene Paraphrasen sich richteten, ein anderer gewesen sein werde als der uns in der Heidelberger Handschr. erhaltene. Denn die an Hartmann erinnernden Zeilen waren schwerlich Zuthat der späteren Umarbeiter, sondern waren wohl bereits von Walther selber aus Hartmann entlehnt. An die Mittheilung des eben besprochenen Gedichtes schließt si«^ in der genannten Zeitschrift, von derselben Hand verfasst, eine „Ährenlese". Sehr viele von den darin aufgestellten Vermuthungen und Erklärungen sind vortrefflich; sie bekunden ebenso sehr den seltenen Scharfsinn und die erstaunliche Belesenheit des Philologen, wie man solche bisher an dem Verfasser zu bewundern gewohnt war, als die bedeutende Überlegenheit des zünftigen Meisters, der sich vor andern berufen fühlt, die Fehler der Gesellen und Lehrjungen mit kräftigen zunßtvörteUn wie „elend" „thöricht" „albern" „ungeheuer- lich" unbarmherzig zu rügen. Doch will es mich bedünken, als sei auch hier manches mit auf die Bank gebracht, das bisher nicht für bankgerecht gegolten hat. Dahin ziehe ich zunächst diejenigen Vermuthungen, die sich hier für neue ausgeben, in Wirklichkeit es aber nicht sind. Auf- merksamen Lesern wird es nicht entgangen sein, daß ein Theil von den auf S. 249 besprochenen Stellen des guten Gerhard, so z. B. die Verse 2091 (naehne uns) 5766 {ir kurzeivile) 6031 (zem) 6071 (loas jämer) 6555 (ht in möhte) 6829 (mit schriß) 5802 (stnes), bereits im Jahre 1841 im ersten Bande der Zeitschr. für D. A. 199 bis 201 vom Verf. selber in derselben Weise behandelt worden sind. Der Verf. hat aber nicht nur sich selbst, sondern wie es eifi'igen Ährenlesern manchmal zu gehen pflegt, auch fremdes Eigenthum geplündert, versteht sich ohne daß er es gewußt hat. Die Bücher, aus denen man sich leicht davon überzeugen kann, sind ja in den Händen fast aller Philologen, es kann daher schon deshalb keinem Zweifel unterliegen, daß er sich versümet oder vergdhet hat. So wird S. 259 das im Tundalus 56, 27 stehende huken in haken geändert, eine Besserung, die schon längst vollzogen ist von den Herausgebern des mhd. Wörterbuches I, 613^, 2. Auch was über Grälant gesagt wird auf S. 259, gewährt nicht viel eigenes und neues, ist meist nur Wiederholung dessen, was man schon in den Altd. Wäldern IH, 33 folg. und in der Zeitschrift f. D. A. VI, 295 gelesen hat. Ferner was S. 255 über huchelj Fackel, als neu aufgetischt wird, so namentlich die Stelle in v. d. Hagens GAbenteuer II, 524, 37 aus Jansen dem Enenkel, hat schon Frommaun ein Jahr vor dem großen Kriege 23* 336 FEDOR BECH in Schraellers Baierschem Wörterbuche I, 196 besorgt. Endlich die auf von Karajans deutsche Sprachdenkmäler bezüglichen Vermuthungen, von denen auf S. 264 die Rede ist, vier glückliche Emendationen, sind sämmtlich schon von Bartsch gebracht worden, vor nunmehr neun Jahren, in einer kleinen beherzigenswerthen Abhandlung in Pfeiffers Germania VII, 278 folg. Mag sich auch mein Freund Bartsch freuen, daß er mit einem großen Kritiker hier auf gleicher Fährte ist, das wird man mir doch zugeben, „bankwirdig" ist dieses Ver- fahren von Seiten eines Meisters wie der Ährenleser nicht. Von den Stellen, in welchen das seltene Wort stalhoum vor- kömmt, auf S. 258 vermisst man folgende, die nicht hätten fehlen sollen: Heinrich von dem Türlin 5532: emen stalboum truoc er (der Riese Assiles) ze wer, so er in meiste hi dem mer iender mohte vin- den, oder ein eiche oder linden, swar er hin ze strtte gienc, ferner 6785 folg: er muoste reisic unde karc sin, der in (den Weg) solde vai-n, ohe er daz solde hewarn, daz er da iht verfiele von manegem grozen schiele und manegem stalboume, davon der loec vil küme schein; endlich 26713 ouch was er (der Drache) selbe lool so groz als ein grozer stalbotim (: zoum). Im Tundalus 43, 10 heißt es nach der Handschr. Sw'slacht daz lant touchers getruc. daz was fvr daz eiter guot genuc; der erste Vers davon wird auf S. 258 folgendermaßen emendiert welaht daz lant ivuochers truoc mit Berufung auf G-. Frau 913 und 1063, wo sich das sonst unbekannte icelaht findet. Von einem in unserer alten Muttersprache so bewander- ten Meister wie Herr Prof. Haupt kann man kaum annehmen, daß er nicht gewußt habe, daß hier das fragende icelaht nicht an seinem Platze war; er wird sich eben nur vergähet haben; denn wenn er eine dem ähnliche Wortbildung setzen wollte, mußte er ja auf sicelaht kommen. Aber wozu eine so zweideutige und schlecht bezeugte Form hier einschmuggeln? ist swelrslaht, auf das man zunächst rathen wird, so unerträglich? Auf S. 262 wird eine Frage, die einst Lachmann aufgeworfen, mit Berechnung auf Effect wieder vorgetragen in folgender Stelle: „im Mhd. Wb. 3, 839'' wird eine Erklärung Beneckes wiederholt, die Lachmann anführt, und durch die Frage „„beißen die Bremen?"" ein- leuchtend zurückweist". Hier gilt es. Lachmann gegen den Mißbrauch, den seine Freunde mit seinen Worten treiben, in Schutz zu nehmen. Folgende Beispiele, denke ich, werden der betreffenden Frage ihr falsches Licht wie ihren Stachel nehmen: im Rolandsliede 215, 24 VON ETSLtCHEN MEISTERSTÜCKELtN. 337 sagt der treulose Genelun zum Kaiser: loaz hästü dir selben gewizzen? Rtiolanten hat ItcJite ein preni gepizzen, da er slief an dem grase ; ferner Bruder Hansens Marienlieder 4183: ich vuert me den bis der mucken den der leev mich sold zurucken. Schließlich muß ich noch der Stelle gedenken, in der von König Ruther die Rede ist, auf S, 264. Da sie, nach der ihr beigefügten Ver- wahrung gegen das in's Haus schlachten zu urtheilen, jedenfalls nicht zufällig herausgegriffen , sondern dazu bestimmt scheint, zu zeigen, wie man Texte kunst- und zunftgerecht zur Bank haut, so setze ich sie fast ganz her: „Ruther 916 mi in kinne got an mir armen man. Darin liegt zunächst nu erkenne sich got an mir armen man. Aber dies kann nicht das echte sein. Dietrich sucht Coüstantins Hilfe: durch gendde quam ich here gevaren: du salt dm ere an mir beicaren. Es ist also zu schreiben nu erkenn dich an mir armen man. Parz. 12, 19 der sich hefe an im erkant, e daz er waere dan gewant, mit deheiner slahte gimste zil, den icart von im gedanket vil^^. Man muß sich billig wundern, warum H. gerade hier die echt niederrheinische Form inkinnen durch erkennen verdi'ängt wissen will. Hat er doch in seiner Zeitschrift VIT, 263 selbst ausgesprochen: „das Gedicht König Ruther ist niederrheinisch In der Sprache, aber im Sagenstoffe enthält es bairische Bestand- theile". Das Zeitwort inkennen [(alts. antkennian ankennian, ahd. in- kennan) = erkennen, bekennen, im Wernher von Niederrhein 10, 29, in der Eneit 100, 37; 187,29 nach M, Iwein 3172 nach A hat bereits Hildebrand in seinem vortrefflichen Artikel über kennen im deutschen Wörterbuche V, 532 — 533 verzeichnet; andere Beispiele geben die Urkunden bei Kindlinger Gesch. der deutschen Hörigkeit 512, 145: ich Jutte . . . enkenne ind betilghe dat ich u. s. w. (a. 1396): 567, 166: so enkenne ich Henricus vor my und vor myne erve, dat ich u. s. w. (a. 1430); 573, 170: des ivy Johannes und Herman vorg. enkennen under unsen segel (a. 1442). Wie aber inkennen, ebenso waren die übrigen Worte der Überlieferung unantastbar. Got an einem inkennen wird das- selbe bedeuten, was im Gregor 560 got an einem erkennen, sich barm- herzig gegen einen erweisen; oder es liegt eine verwandte Auffassung zu Grunde wie in dem mnd. kent got und in dem mnl. dat kinne god ,Gott erbarms' bei J. Grimm Kl. Sehr. V, 470. Die von Herrn Prof Haupt versuchte kühne Änderung des Textes erscheint hiernach nicht als eine Besserung, sondern als eine Verschlechterung und zeigt hin- länglich, wie es dem armen König Ruther ergehen würde, wenn er ein- mal unter so schonungslos zuhauende Hände gerathen sollte. ZEITZ, im August 1871. FEDOR BECH. - 338 HUGO GRAF VON WALDERDOEFF BRUCHSTÜCKE VON HANDSCHRIFTEN DES JÜNGEREN TITUREL. I. In der Monatssitzung des historischen Vereines für Oberpfalz und Regensburg am 10. Juni 1869 berichtete Herr Domvicar und Ordinariatsassessor G. Jacob über Fragmente des jüngeren Titurel, die er vor einiger Zeit unter den Resten des Archives von Obermünster aufgefunden hat und die jetzt in der bischöflichen Dr. Proske'schen Musikbibliothek aufbewahrt werden. Es wird den Lesern der Germania vielleicht nicht unwillkommen sein, nähere Kunde über diese Fragmente zu erhalten. Bereits im Jahre 1809 hatte der um die Geschichtsschreibung von Regensburg und Baiern überhaupt hochverdiente nachherige Dom- herr Thomas Ried in Regensburg 30 Pergamentblätter in Folio von Actendeckeln abgezogen, die sich als Fragmente einer sehr schönen Hs. des jüngeren Titurel erwiesen ; er sandte sie an die kön. Hof- und Staatsbibliothek in München, wo sie gegenwärtig als Cod. germ. 7 auf- bewahrt werden. Im folgenden Jahre gab Docen in seinem „Send- schreiben über den Titurel" (Berlin und Leipzig 1810. 8.) die erste öffentliche Nachricht über diesen Fund. Eingehender wurden die Bruch- stücke von Dr. Karl Roth (Bruchstücke aus der Kaiserchronik und dem jüngeren Titurel. Landshut 1843) besprochen und theilweise ver- öffentlicht. Zwanzig Jahre später (1863) war Herr Jacob so glücklich, unter vielen andern Pergamentfragmenten des Archives zu Obermünster sechs gut erhaltene Blätter aus demselben Codex aufzufinden. Die Blätter sind in Folio, zweispaltig geschrieben; die siebenzeiligen Stro- phen beginnen mit geschmackvollen wechselweise rothen und blauen Initialen, jede Spalte enthält neun Strophen. Es treffen also auf die sechs Blätter 216 Strophen oder 1512 Verse. Das Pergament ist von schönster Zubereitung; die Schrift ist durchweg gleich und rein; die Tinte ist etwas braun geworden. Die Blätter sind oben in der Mitte mit alten arabischen ZijQfern numeriert; die Lagen, welche aus je acht Blättern bestanden, unten am Ende des achten Blattes mit römischen Ziffern. Das erste Blatt der ersten Lage war, wie aus letzterer Nume- rierung erhellt, nicht beschrieben; die Bezeichnung der Blätter beginnt BRUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUKEL. 339 daher erst auf dem zweiten Blatte mit 1. Wie bereits Roth angab, hat sich der Maler der Initialen öfters geirrt und unrichtige Buchstaben gesetzt; dieselben stehen richtig meistens am Rande. Auf der Innen- seite sind die Blätter vollkommen gut erhalten, auf der Außenseite zwar mehrfach abgerieben und beschmutzt, doch immerhin noch leser lieh. Wie schon Roth (S. 55) richtig bemerkt hat, muü die Handschrift zwischen den Jahren 1540 — 1557 zerschnitten worden sein, da diese beiden Jahreszahlen auf den Münchner Blättern als die äußersten Grenzen erscheinen. Auch auf den neu aufgefundeneu Blättern linden sich Jahreszahlen aus derselben Zeit, als: 1540, 1545, 1547, 1548. Auf den meisten Blättern steht: „Stifftspueh", d. h. Buch über die Einnahmen an Pachtgeldern u. s. av.; auf dem zweiten auch der Name des Stiftes: „Obermüuster". Schon diese äußerlichen Merkmale lassen erkennen, daß Rieds Fragmente ebenfalls aus Obermünstcr stammen; es ist daher Hoffnung vorhanden, daß vielleicht auch der Rest dieser schönen Handschrift mit der Zeit noch zum Vorschein könnnt, da der größte Theil des Obermünster'schen Archives seit der Säcularisation in den Gewölben des Reichsarchives zu München ruht und noch nicht durchforscht ist. Die Zusammengehörigkeit der besprochenen Fragmente erhellt jedoch noch mehr aus ihrem Inhalte, indem sie sich gegenseitig er- gänzen; so liegt z. B. das zweite Blatt der Handschrift in München, während das erste und das dritte zu den neu aufgefundenen gehören. Ihrem Inhalte nach bestehen übrigens unsere sechs Blätter aus folgenden Strophen: 1. Blatt: Str. 1 — 36 Hahn; von letzter noch drei Zeilen (Roths Druck beginnt mit 36, 4). Die erste Strophe ist hereingerückt, um für eine nachträglich zu malende größere Initiale (A), die jedoch nicht mehr ausgeführt wurde, den gehörigen Raum zu lassen; auch sind die sieben Zeilen dieser Strophe nicht nach den Versen abgesetzt. Wir lassen hier als Probe die ersten Strophen folgen: (a) N angcug vnd an leczo. bi.st dv got ewich lebend, din krafft an vndersecze. diu haltet himcl erd enbor vf swebend. din ie diu imm* ist gar vngepfaehte. sam wirt din hohe nimmer preit Icuge tieflPe noch daz din betraechte. : Swi doch gedauche galient. vil snel ob allen dingen. n-; . ,..■ ,, di nimmer dar geuahent. 340 HUGO GRAF VON WALDEKDOEFF da si den dinn gewalt mügen erswingen. dannoch din herscbaft also über grozze. cheiser ob allen chungen. so pist'du herr vnd niemen din genozze. Ze brisen und ze rvmen. ist immer din getichte. sit du so reine blvmen. himel vnd erde mähtest gar uz nihte. den himel mit der engel schar geheret. di erden mit gezirde. da von din lop in himel wirt gemeret. Bei Strophe 13 hat der Schreiber aus Versehen einige Verse aus- gelassen, welche von einer viel späteren Hand mit verblaßter Tinte ziemlich unleserlich am Rande ergänzt sind. 2. Blatt: Str. 69 — 103; zwischen diesen beiden Blättern fehlt also eines, das sich jedoch bei den Münchner Fragmenten befindet und, wie erwähnt, von Roth veröffentlicht wurde; das Blatt ist mit Ziffer 3 bezeichnet. 3. Blatt: Strophe 1325 — 1360; mit Ziffer 39 bezeichnet; am Ende mit der Lagen-Nr. V. 4. und 5. Blatt laufen im Texte fort und enthalten die Strophen von 1850—1921; Bl. 4 hat die Bezeichnungen 55. VII; Bl. 6 trägt die Ziffer 56. 6. Blatt: Str. 2422—2447; mit 71. IX. bezeichnet und mit dem Custos: „Am mute was so state'^. Was die Stellung dieser neu aufgefundenen sechs Fragmente zu den in München befindlichen betrifft, so reihen sie sich in die ersten 25 Blätter ergänzend ein. Da nun auch die Münchner Blätter mit der Strophe 2699 Hahns *) enden , so gehören sämmtliche 36 Blätter der ersten Hälfte des Gedichtes an; sie enthalten circa 1296 Strophen, was etwas über ^^ des ganzen Gedichtes beträgt, oder beinahe die Hälfte jenes Abschnittes, dem die Fragmente angehören. Da auf einem Blatte 36 Str. stehen, so müßte der Codex übrigens vollständig wenigstens 176 Folioblätter (22 Lagen) in sich begriffen haben. Die Regensburger Bruchstücke enthalten mehrere in Hahns Texte fehlende Strophen; so gleich das erste Blatt eine Strophe, 35*: Etwenn in lihter wizze. de(r?) chlarheit wol gerichet. so daz gin sinem glizze. *) Hahns Ausgabe hat 6207 Strophen. BRUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUREL. 341 nie uiht enward vf erd daz im gelichet. ' et wenn so riselt erz mit süzzem towe. (wa)nn wazzer et aleine. ez waer vf erde niht in lebender schowe; und nach Str. 26 folgt Hahns Strophe 30 etwas verändert: Ein brunn hoch der so lebend. ist er den ich da meine. mit wazzer ist er gebend. der chlarheit rieh so edel vnd so reine. daz engel schar ein irdisch lip genozzet. und wirt sin nam gedriet. (ze) reht genant so mann iuz wazzer stozzet. Dagegen folgt Hahns Strophe 31 unmittelbar auf Str. 29. Auch unser zweites Blatt zeigt einige Strophen, welche der Heidelberger Handschrift fehlen, nämlich 70* und 73"; auch Strophe 73 ist ganz verändert; alle drei lauten: 70* Dev erd ist ovch eutrennet. an ir nature funden. da si wol gancz erchennet. was da hat si vil starche man verslvnden. alsam datan vnd abyron verslinden, durch dich ze räch wol chunde sus chan din kraft wol strichen und erwinden. 73" Vnd daz mich fiwr vermiden. ßul ich vil saelden müzzich. ich mein daz da chan sniden. von diner werden hulde gar vngrüzzich. vnd werdent von dem erbe diu gestozzen din vaterliche trewe. div lazze mich den chinden diu genozzen. 73* Aveh waz dir wider gebend, deu erd gar den toten, gesvnd schone lebend. sand lazarum din kraft ist vn verschroten, gewesen ie des was ovch Jonas iehent. vnd manich tusent ander, an den din kraft was vnd ovch ist geschehent. Die Münchner Blätter haben im Ganzen 35 Strophen, welche dem Heidelberger Codex fehlen, (Gedruckt bei Koth S. 4G ff.) Da unser Blatt VI mit 71 bezeichnet ist, so enthielt — das Blatt zu 36 Strophen gerechnet — das Gedicht bis hieher 2556 Strophen; dieß Blatt schließt jedoch mit Hahns Str. 2447; der Regensburger Titurel hatte also bis 342 K. J. SCHRÖER hieher 109 Strophen mehr als der Heidelberger, wovon wir jedoch nui* 38 kennen. Außer den eben besprochenen sechs Pergamentblättern hat Herr Domvikar Jacob in Obermünster noch die Spur eines zweiten *) Codex des jüngeren Titurel aufgefunden. Es ist dieses ein leider zerschnittenes Blatt einer Papierhandschrift aus späterer Zeit. Dieselbe war in Folio, zweispaltig geschrieben mit rothen Initialen; die Currentschrift ist die des 15. Jahrhunderts. Das kleine Fragment enthält die Strophen 4047 (3 Zeilen), 4048. 4049. 4050 (3 Zeilen), dann kehrseits 4076 (3 Zeilen), 4077. 4078. 4079 (3 Zeilen). Als Probe stehe hier Strophe 4049: Der don von Rotubumbes tambur vnd von busein die giengen alles krumbe.s By musten lernen vö gedrange peiii klagenot wedonet gar mit laide wie gar in frid gepannen, was ir lag da manger auf der haide. Bereits in einem früheren Vortrage hatte Herr Jacob eine Über- sicht der vielen Pergamentfragmente aus Obermünster gegeben, die nun in fünf Mappen in der Eingangs erwähnten Bibliothek aufbewahrt werden. Die fünfte Mappe enthält außer den bereits besprochenen Blättern noch mehrere Germanistica, und möchte es seiner Zeit Gelegenheit geben hierüber, sowie über manche andere ähnliche Funde aus Regens- burg, weitere Mittheilungen machen zu können. HUGO GRAF VON WALDERDORFF. n. Zwei Pergamentfolioblätter, durch Herrn Archivar J. Zahn in Graz, der sie mir freundlichst mittheilte, abgelöst von einer Handschrift des steirischen Landesarchivs "^Hern Wolfg. von Stubenberg Einlag' (Steuerfassion v. J. 1542), geschrieben um 1350, enthalten Str. 3322, 2 bis 3393, 2 der Hahnschen Ausgabe. Da die Bruchstücke zu derselben Textclasse wie die Heidelberger Hs. gehören, so wird eine Angabe der Lesarten statt eines Abdruckes genügen. 3322, 2 beginnt das Bruchstück mit für staet daz si nicht sint so gaehe mutes wende 3 manleich. 4 wint daz dem gevancge. *) Ein dritter ganz erhaltener Codex soll im Jahre 1809 bei der Beschießung Regensburgs durch die Franzosen mit dem ehemaligen Stifte Mittelmünster, damals Jesu itencoUegium, zu St. Paul verbrannt sein. BEUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUREL. 343 3323, 1 Uli fehlt. wurd do vol. 2 vil choum — wart man ir paider schar vil reich g. 3. 4 mit mangem hohez weitem palas schone ob ich es hüttc hiezz od' gezelt. daz waer nicht lobes chroue. 3324, 1 warn grozzer dinge. 2 iach ot von. siinderlinge. 2 an fehlt. 4 von ruezz und auch von roste. 3325, 1 daz wart alsus v. 2 von seiden imd von g. chlait das wirt von fr. paz geh. 3 dan hie die wat da si herberge. 3326, 1 achmardaine. 2 und ouzzerhalb von czamer. pergen. Widerscheine. 3. 4 alsi die simne mit starcher ahnt rote. alle die chnopfe karfunchel die biizten vber all dem her nacht vinster note. 3327, 1 wart ditz werch geleichet. 2 in. 4 r. und üb. noch leiite vil manich. 3328, 1 Deu stat mit weiten porten was umb. 2 damit daz daruf. so geslichtet. 3 wol] höh. die port all und. 3329, 1 paiden sunder. waren. 2 mit] von. wart, von] und. 3 da mitten. 4 dar inn man si und alle ir gote helfe und ge- nade musten pitten. 3330, 2 deu heidenschaft getorste. 3 petchous von. 4 chund reichait walten mer dann vil und edell würcz raine. Dann folgende bei Hahn fehlende Strophe: Der edell smach solh waezzen gab mit chraft der reichen, ob alle chramer saezzen an einer stat es chund im nicht geleichen. ir paider palas achmardeine innerthalb mit smaratgrüner varbe. 3331, 1 Swie so daz. 2 ir ern ze einem geniezze. man fekll. 3 icht. 3332, 1 Ir beite schar deu. 2 sein geleich der glander. 3 allen wanch. 4 erieten aller zaegleichen. 3333, 1. 2 Deu stat was liecht da gebende, so daz deu reichait vaste was an den pergen chlebende und an den welchen daz deu von ir glaste. 4 bis 3335, 4 tasme der stat an eheste groz geleiche. Jupiter ze wirde erdachte sekureiz die zirde reiche. 3336^ 1 ot nicht. 2 Vor ungewitters p. weder petegewant noch matel seh. 3 so daz. hutten mer g. 4 auz tr. elleu. 3337, 2 und eilen ir g. w. durch stainzich. 3 vergoldet. 4 turne sam da ein walt mit rosen waer getoldet. 3338, 3 sol ist mir ein helleweicze. 4 haizzet der geicze. 3339, 1 den nacht. 2 die bedouchte. sahen. 3 sein nicht. 4 so mans ie lobleicher sach so mans ie minder wart da j. 3340, 1 loutter. netze damit thasme bevnngen. 2 was voleich zeiuer. ringe fehlt. zu] an. 3 und was pas dann ein^ spanne wol an der w. 4 ab turnen und vö änen het man die stat ernert vor manigem. 3341, 2 wes rämpt. gerne fehlt. 3 leuget vil leichte seh. 4 eins Wortes mer den leuten dan ob ich die chost machet reich'. 3342, 1 lug leuget. 2 werde foul m. daz liegen chan die sele gar vercheren. 3 und ewichleich in wemde not versenchen. 4 ob es. nu fehlt, leip gut. 3343, 1 siut. 344 K. J. SCHRÖER 2 dca Stent noch offenbaere paide tag und nacht und Hecht bes. 3 d' wazzer griezz gcstain und perge von. 4 nu fehlt, tumbe waz ich. liegen. 3344, 1 sich möchte, gefügen. 2 golde es was in paz vaile dann daz eysen. 3 ouf dem. 4 zalten zu dem swachen die in selben lebent ze. 3345, 1 Noch 1. sum. 2 mit aller, nach] vil. choste pfl. 4 reichait und ubermüte mit der werlte vil wunder. 3346, 1 Der selben perge die gr. habent sich und. 2 laut. entsl. ob ross viereu waern ze säne gepuuden. 3 deu fürt ir ainer sampt vil wol ze. 4 nu laere vor gr. 3347, 1 Anders, vil weiten golt gestaine. 2 under weilen chnollen grozz und chlaine. 3 Von den pergen zerrent vil und seh. 4 furent die herüber ze K. daz si nicht. 3348, 1 si die g. 2 vollen ninder an vihe s. r. w. 3 ist daz. neste. 4 also, und mangel mit gepreste. 3349, 2 oi fehlt, ungebrosten. 3 deu lecz der B. was von. 4 den chan. 3350, 1 Daz. daz tr. 2 sint also t. dort sam uns. 3 der helfant und der esel sunder vare. 4 ein tail der art geleichet. dem fehlt. 3351, 1 ander. 2 sie an halt laegen. 3 an fehlt. 4 so möchte mir deu chele wol w. 3352, 1 wart da lout. 2 mit süzzem hellen, doz gesundert. 3 als ob. 4 auf. damit so. 3353, 2 sunder gar] vil bloz. 3 elleu. 4 warn in sundern. den wolt y. hie not sein chl. 3354, 1 wie er wart mit gewalte ze Alexandrie besezzen. 2 do gahmuret in valte und au^ seit des. 4 do fehlt. 3355, 1 entf. in waer mit g. 2 an ander not vil manige un ungezalte. 4 witige mit der Stangen. 3356, 1 euch raten. 2 die 1. wir eu gerne darumb. 3 deu ere. 4 icht vor uns sei geschehende. 3357, 1 chreftichleichen. 2 pei meinem. 3 ir hört hämo trat der p. 4 da von ist tragende chron zw. h. in. 3358, 1 unserm ringe. 2 chan 1. swie manich schar in dringe. 3 da von auch. 4 ewer chaine nicht harte. 3359^ 1 swer sich. 2 des ungepf. swer wol deu. 3 der müz des wol empfinden an. 4 swer. den chan mer dan halber tail verwischen. 3360, 1 elleu. 2 auch daz. 4 sunder. all da. 3361, 1 Als ir die Marrochaise vor. 2 k. mit fraise. er pehüi vor in man. 3 haime doch. 3362, 2 ir icht howet — verhowen. 3 fünf die w. 4 paiden iene die ersten und die lösten. 3363, 1 Arbellitor wis tragende. 2 heute ich pin dir sagende kunige fünf dir wartent ob^wir streiten. 4 nim da nicht war der pl. 3364, 1 dir wol benennet ^sint^^^e von. 2 selbe tue der Jer- maligunde. 3 Basulikant. 4 man nu. 3365, 1 Rabylicalcze. ir funt gar b. 2 erde hat von dem. der fehlt, und fehlt, schelhen. 2 mit hazze vil. 4 soldes reich chnollen. czarbundol. 4366, 1 Serpandirax von p. funfer w. 2 der nam. als. (3 deu serpant h. deinen reich eroset. 4 nam. 3367, 1 karigale. edypreiz. pricze. 2 nu] auch, paidenthalben warten ienes und dicze. 3 ot alle. 4 an eren an gute. BRUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUREL. 345 3368, 1 stellet nach. 2 Grozzap. dir. 3 und sigd'bunt und ossator von lente. 4 seit da proiz die nemenden auf daz. 3369, 1 Trisol. 2 Volchomen an dem. und alle meine. 3 vor von. 4 einander sult ir alle hazzen und unminnen. 3370, 1 Serak von Serwadeise du pf. 3 hört] vil. 4 An landen reichen chan dir in hundert reichen nicht genozzen. 3371, 1 Dar über dreizzich und hundert den leihent. 2 eines. daz ir herren eh. n. pf. 5 sein nur. und uns mit armute alsus bewellen. 3372, 2 nider] vand'. 4 mit] hat. ze dienste sint durch ubermüt gespr. 3373, 1 und ouch] über. solten. 2 der zwo und. sundert sich also ir müsten. 3 die uns gotl. helfe, chunden. 4 als der ubermute. 3374, 1 von arte, gerbet. 2 di fehlt. 4 die alle chron sint tragende in sunder landen wol mit chuniges ziere. 3375, 1 Karratschen die reichait starchen, die sint got hie tragende, in goldes reichen archen. der soltu nemen war bin ich dir sagende. 3 gib ich helfe. 4 chunichreichen der fürsten vil die chunigen sint genozze. 3376^ 1 mus. swen. sein. 2 anders waeren sie uns helfe. 3 vor. 4 der sikch. genaiget. 3377, 2 dient uns. daz selbe tuet senaar. 3 mesopor samar und sabricene. 3378, 1 Den wart. 2 der daz velt bedachet meile prait was er da von g. 3 gewelbet und gewelbet. 4 mit ziglade pla al uberal gelbet. 3379, 1 sen reich' zierde h. gr5zzer. 3 hohe. 4 ir turne höh. da nicht. 3380, 2 nicht wer- hefte. veste fehlt. 3 ez] deu. es foulen. 4 von seiner. 3381, 2 ob lernen. 4 die sunne uberglestet und ougen traben daz. 3382, 1 ge- luget. 2 als der hoch fürste hiraelwaere. 3 sein chraft es da mit starchen winden. 4 er von d. g. fluges fürte. 3383, 1 vil sanft. 2 zergiese. der böte daz da stünt auf redere. 3 deu nu hie den karratschen under. 4 grözzen. si ze goten muet dar under viengen. 3384, 2 und] oder. ist des zeite. 3 sprachen si si sint. 4 ist. 3385, 3 unz daz paidenthalb sich verdaechten. 4 Die von babylone dise. smaehten. 3386, 2 so fehlt. 3 als man ze streite. 4 nicht mer noch nicht min^ so wirt. gepfendet. 3387, 1 Von B. disem. hie] do. 2 daz fehlt, ein fehlt. 3 gahmuret. mich sein h. 4 Anevane in Sturme da mit seit ir vil grozze gäbe mir g. 3388^ 1 Mara sprach, aufgemezzen. 4 Heut alsam mit stunge. 3389^ 1 uncz daz. 3 ob ich den leip da fl. 3390, 2 gerunge der ich pin vor aller girde gcrnde. 3391, 1 Meinen lieben chinden wol — unchunden. 2 wil ich nicht pinden. 3 sein also daz. 4 der volge. ja ist ze groz von heres flÄte. 3392, 1 dir ainem. 2 vil suezer daz raeche d. gird. 4 sul. hurtichleich vol drucken. 3393, 2 mit etleich schließt Bl. 2. WIEN, April 1871. K. J. SCHRÖER. 346 LITTERATUR. LITTERATÜR. Kluge, Hermann, Geschichte der deutschen National-Literatur. Zum Gebrauche an höheren Unterrichtsanstalten bearbeitet. Zweite, ver- besserte Auflage. Altenburg, 1870. Oskar Bonde. VKI, 168 S. gr. 8. Noch ehe ich dazu gelangte, dieses treflfliche Buch theils um es zu empfehlen, theils um ihm durch meine Ausstellungen, Correcturen und Nach- träge zu nützen, in der Germania anzuzeigen, erschien schon nach Ablauf eines halben Jahres eine zweite Auflage*), die, wie sich mir nach kurzer Vergleichuug ergeben, mit Recht eine verbesserte genannt werden darf. Dieser seltene äußere Erfolg beweist, daß der Verfasser, ganz abgesehen von seiner Leistung im Einzelnen, mit seinem Buche, welches nach Tendenz und An- lage sich nicht unwesentlich von ähnlichen Werken unterscheidet, einen guten Grifi" gethan hat und einem Unterrichtsbedürfnisse entgegengekommen ist. Er als Lehrer des Deutschen an einem Gymnasium hatte am ehesten Gelegen- heit, sich von dem Werthe oder Unwerthe der zahlreichen für den Schul- gebrauch bestimmten Litteraturgeschichten zu überzeugen. Es ist rein unmöglich, daß ein solcher Grundriß oder Leitfaden allen Anforderungen genüge. Der eine Verfasser sucht den Schwerpunkt eines Lehrbuches hier, der andere wo anders, und so wird auch die Beurtheilung von Seite des praktischen Schulmanns verschiedenartig ausfallen. Kluge erwähnt in seinem Vorworte mehrere der bekanntesten und verbreitetsten Schulbücher dieser Richtung, und findet an ihnen, wenn er auch ihre Vorzüge anerkennt, durchgängig das zu tadeln, daß sie zu viel Material bieten, mit dem der Schüler nichts anzufangen weiß, und das der Lehrer im Unterricht nicht verwerthen kann. Darum entschloß sich Kluge, auf eine zwölfjährige Erfahrung gestützt, ein Lehrbuch zu schreiben, das, auf Vollständigkeit Verzicht leistend, sich vor allem auf die Bedürfnisse der Schule beschränkt. Dasselbe will zunächst dem Schüler dazu verhelfen, daß er im Allgemeinen den Entwickelungsgang über- schaue, den die deutsche Litteratur genommen habe. Vor allem aber hat er sich die Aufgabe gestellt, die Jugend mit den classischen Werken unseres Volkes vertraut zu machen. Es fehlen daher in diesem Buche Hunderte von Namen, die in andern Werken stehen, dafür aber werden die bedeuten- deren Erscheinungen aus den beiden Blüthenperioden unserer deutschen Litteratur um so eingehender besprochen. In der älteren Zeit verweilt dasselbe am längsten beim Nibelungenliede, Gudrun, Parzival, Walther von der Vogelweide; in der neueren bei Klopstock, Wieland, Lessing, Herder, Göthe, Schiller. Hinsichtlich der Litteratur der Gegenwart hat sich der Verfasser große Beschränkung auferlegt, nur die hervorragendsten Erscheinungen wollte er nicht übergehen. Durch solche Anlage ist es dem Verfasser möglich geworden, seinem Buche auch einen darstellenden Charakter zu geben und zugleich die geschieht- *) Nachträglich (October 1871): jetzt liegt schon eine dritte vor. LITTERATUR. 347 liehen Thatsachen mit Urtbeileu zu begleiten, welche erst auf das Bild, welches von unserer Litteratur entworfen wird, Licht und Schatten fallen lassen und es hiedurch erst recht wirksam machen. Auf diese Weise ist das Buch zugleich für das Privatstudiuni geeignet. Wenn über das Princip dieser Litteiaturgeschichte von Kluge nur Päda- gogen und erfahrene Schulmänner endgültig entscheiden können, so muß ich in dieser Beziehung mich des Urtheils enthalten. Des Verfassers pädagogische Ansicht aber als richtig angenommen, kann ich aus voller Überzeugung mich dahin erklären, daß er das Princip der Beschränkung und der Auszeichnung des Bedeutenden in lobenswerthester Weise durchgeführt hat. Der Zweck des Buches von Kluge ist ein populärer, und darum würde seine Besprechung, wenn man pedantisch sein wollte, nicht in die Germania gehören. Die Arbeit in ihm aber ruht auf wissenschaftlicher Grundlage, und darum liegt es den Fachmännern ob, die Leistung zu prüfen und so viel sie es vermögen mit der Aufdeckung von Fehlern und mit Äußerungen von Wün- schen zur Verbesserung einer solchen Schrift beizutragen. Gerade diese Lehr- bücher, die so überaus wichtig sind und die ebenso sehr schaden, wenn sie Schlechtes, als sie nützen, wenn sie Gutes bieten, sind beständigor Ver- besserung fähig. Nur dieser Gesichtspunkt ist es, der mich bei einer eingehenden Be- trachtung dieser nicht umfangreichen Schrift leitet. Außer dem Inhalte selbst, der Anordnung, der Darstellung und dem Urtheile sind es besonders auch die Anmerkungen, die litterarischen und bibliographischen Verweise, welche von uns ins Auge zu fassen sind. Getreu seinem Principe befleißigt sich der Verfasser auch hier einer weisen Beschränkung und Sparsamkeit. Aber wenn wir dieß auch anerkennen, so werden wir doch hie und da manches vermissen, andererseits auch manches angeführt finden, was entbehrt werden kann. Und schließlich werden wir unter dem nothwendig Genannten auch manchmal auf unrichtige Angaben stoßen, die zu corrigieren wir verpflichtet sind. Öfters wird sich uns auch Gelegenheit bieten, Nachträge aus der gelehrten Litteratur der allerneuesten Zeit zu geben. Zu §. 1 „Begriff der deutschen Literaturgeschichte" sind in einer An- merkung genannt „die bedeutendsten Werke, welche die deutsche Literatur- geschichte von der ältesten bis auf die neueste Zeit behandeln." Hier würde ich nach „bedeutendsten" noch hinzusetzen „und brauchbarsten". Denn es sind verschiedene Werke genannt, die keineswegs bedeutend zu nennen sind, da sie aller eigenen Forschung baar, nur in der Darstellung ihre Stärke haben. Dahin gehört namentlich die Litteraturgeschichte von Roquette. Das treffliche Buch von Cholevius würde nicht unter die anderen Litteraturgeschichten einzureihen, sondern am Schlüsse nach einem — zu nennen sein, weil es die deutsche Litteratur in monographischer Weise nur von einem Gesichtspunkte aus behandelt. Die folgenden Paragraphen verbreiten sich über den „Indogermanischen Sprachstamm" und die „Dialecte des germanischeu Sprachstamms" in ganz angemessener Weise. Dagegen ist zu §. 4 „Das Hochdeutsche. Die Laut- verschiebung" eine Erinnerung zu machen. Vom Mittelhochdeutschen wird gesagt, seinen Kern bilde die schwäbische Mundart. Das ist eine antiquierte Ansicht. Das Mittelhochdeutsche gründet sich auf keine einzelne Mundart 348 LITTERATUR. aber die Mundarten haben alle in dieser allgemeinen Sprache einen freieren Spielraum, als es den heutigen im Gegensatz zu unserem Schriftdeutsch gestattet ist. Zu vergleichen ist hier der Aufsatz von Franz Pfeiffer über die mittelhochdeutsche Hofsprache, ursprünglich in den Wiener Sitzungs- berichten 1861, jetzt auch aufgenommen in „Freie Forschung. Kleine Schriften zur Geschichte der deutschen Litteratur und Sprache von Franz Pfeiffer" (Wien 1867) S. 308. Eine neue noch zu prüfende, aber schwerlich richtige Ansicht stellte Holtzmann in seinem letzten, kurz vor seinem Tode erschienenen Werke, in seiner altdeutschen Grammatik (Leipzig 1870), S. 340 auf. Nach ihm ist das Mittelhochdeutsche im wesentlichen fränkisch. In der Anmei'kung Kluge's ist das mittelhochdeutsche Wörterbuch von Müller und Zarncke ge- nannt; in der nächsten Auflage würde auch das von Lexer um so mehr anzuführen sein, als es gerade für weitere Kreise berechnet ist. Weiterhin sagt in demselben Paragraphen der Verfasser, dem Neuhoch- deutschen liege die obersächsisehe Mundart zu Grunde. Das ist nur zum Theil wahr; das Neuhochdeutsche schließt auch viele österreichische und selbst niederdeutsche Elemente in sich. In der Anmerkung ist das deutsche Wörter- buch genannt; da dieses aber noch nicht vollendet vorliegt, würde es viel- leicht nicht unangemessen sein, wenn noch ein anderes fertiges Werk nam- haft gemacht würde, am besten das Weigand'sche. Die erste Periode, „von der ältesten Zeit bis auf Karl den Großen", wird in vier Paragraphen besprochen. §. 7 handelt von der Bibelübersetzung des Ulfilas. Hier ist zu bemerken, daß es nicht heißen kann: „Eine dritte ist die Mailänder Handschrift", denn es ist nicht eine einzige Handschrift, sondern es sind Handschriftenfragmente. Diese sind nicht von Angelo Mai und dem Grafen Castiglioni gefunden, sondern nur vom ersteren, von beiden sind sie ediert. Außer den Bruchstücken aus den Paulinischen Briefen und aus Esra und Nehemia enthalten diese Fragmente auch Stücke aus dem Matthäus. In Anmerkung 4 (S. 8) zu diesem Paragraphen, wo auf die Schriften von Grimm und Zacher über die Üunen hingewiesen wird, wäre wohl auch die Abhandlung Müllenhoffs und von Liliencron's (Allg. Monatschrift, Halle 1852) zu nennen. In den bibliographischen Citaten der Ausgaben ist un- richtig bemerkt, „die Uppströmische Ausgabe des Ulfilas erschien 1854". Uppström hat verschiedene Ausgaben geliefert, und die vom Jahre 1854 ist keine Ausgabe des Ulfilas, unter welchem Ausdruck man doch den ganzen Ulfilas (so weit wir ihn haben) verstehen muß, sondern nur eine Ausgabe des Codex argenteus. Im §. 9 „Hildebrandslied. Alliteration" wird uns zuerst ein althoch- deutsches Sprach- und Litteraturdenkmal genannt. Hier wäre in der Anmer- kung gleich auf die wichtige Sammlung von Müllenhoff und Seherer auf- merksam zu machen. Die Ausgabe des Hildebrandsliedes von Feußner könnte getrost gestrichen werden. Von Grein's Ausgabe (1858) kann man nicht sagen, daß sie die neueste und beste sei. Die beste nicht, weil gerade bei diesem Denkmal, dessen Einzelheiten so verschieden gefaßt werden, ein sol- ches Prädicat schwerlich ertheilt werden kann, und die neueste nicht, weil der Text, wenn auch nicht in selbständiger Weise ediert, später auch noch von Rieger gegeben wurde, zugleich mit trefflichen Bemerkungen, in Pfeiffers Germania 9 (1864), S. 318. In der kurzgefaßten Darstellung über das Hilde- LITTERATUß. 349 brandslied ist auch Caspar von der Ron genannt; da hätte auch das jüngere Jlildebi-uudslied aus dem 16. Jahrhundert eine Erwähnung verdient. Caspar von der Kön ist aber kein Dichter (s. unten). In demselben Paragraphen wird in einer Anmerkung auch der Merse- burger Zaubersprüche gedacht. Es heißt da: es werden in ihnen alte heid- nische Götter angerufen. Augerufen ist nicht das rechte Wort. Auch werden heidnische Götter nur im zweiten Spruche mit Namen genannt, denn die Idisi des ersten können doch nicht als Götter gelten. Die Ausgabe von Feußner kann wiederum gestrichen werden, dafür wäre es passend, wenn die Anführung der Grimm'schen Ausgabe vom Jahre 1 842 noch den Zusatz erhielte: auch in den kleineren Schriften 2, 1 (186,5). Da die Müllenhoff- Scherer'sche Sammlung so überaus wichtig ist, auch andere Specialeditionen überflüssig macht, so würde es gerade für eine solche populäre Litteratur- geschichte von Voi'theil sein, werm überhaupt bei den kleineren Denkmalen der althochdeutschen Zeit einfach auf die Nr. bei M. — Seh. verwiesen würde. Dadurch wird Platz gespart und der Leser auf ein leicht zugängliches Buch hingewiesen. Neben diesen alliterierenden Sprüchen sind auch genannt der Ueisesegen , von Kai-ajan entdeckt (soll heißen: Hunde- oder Hirtensegen) und der von Pfeiifcr edierte Bienensegen. Entweder muß diese Bemerkung hier, wo es sich um alliterierende Dichtungen handelt, ganz wegfallen, oder es ist anzudeuten, daß diese zwei Segen, obwohl inhaltlich aus demselben poetischen Bedürfnisse erwachsen, jünger sind, statt heidnischer christliche Anschauung verrathen und zum Theil schon den Endreim aufweisen. Die „zweite Periode von Karl dem Großen bis in die Mitte des 12. Jahr- hunderts" wird durch einen einleitenden Paragraphen (10) über die „Karolin- gische Zeit" eröftnct. S. 11 „Christliche Poesie des 9. Jahrhunderts" nennt: 1. Das Wessobrunner Gebet, 2. Muspilli, 3. Heliand, 4. Der Krist. 5. Das Ludwigslied. Würde hier nicht der Heliand zuerst zu nennen sein? Kluge's Bemerkung, daß im Wessobrunner Gebet wie die Form der Alliteration so auch die Auffassung und Schilderung des Ganzen das Gepräge der altheidnischen Poesie trage, wird sich keiner Zustimmung erfreuen. Für die nächste Auflage ist der höchst geistvolle imd anregende Aufsatz von Wackei'nagel in der Zeitschrift f. deutsche Philologie 1 (1869), S. 291 nicht zu übersehen. — Von Muspilli ist gesagt, es vermischten sich auch hier altheidnische Vorstellungen mit christ- lichen. Das ist nach der Schrift von Zarncke, auf die Kluge auch verweist, wenn auch nicht bibliographisch genau und genügend, sowie nach Müllenhoff's Ausführungen nicht mehr anzunehmen, und darf also auch nicht mehr aus den älteren Litteraturgeschichten in ein populäres Lehrbuch herübergenommen wer- den. — Vom Heliand kann man nicht mehr sagen, daß sein Verfasser ungelehrt gewesen sei, seitdem sich herausstellte, daß er außer der lat. Evaugelienharmonie auch noch eine Reihe Kirchenväter benutzte. Eben darum ist es auch nicht zutrofl'cnd, wenn es unter 4 heißt, der Heliand folge dem einfachen Berichte der Evangelien. — Das Biographische über Otfried möge Kluge mit der Einleitung Kelle's vergleichen, und er wird finden, daß er in seinen Angaben manches zu ändern hat. — Wird das Ludv/igslied auch zu den Leichen gerechnet, so kann man doch nicht sagen, daß in ihm die strophische Gliederung fehle. §.12 bespricht die „lateinische Poesie der Geistlichen von 900 — 1150". Bei der Inhaltsangabe des Walther von Aquitanien hat den Verfasser das Streben (JEKMANIA. Neup |{(>ilip IV. (XVI.) .)alii;;. 24 350 LTTTERATUR. nach Kürzü verleitet, ungenau zu sein. „Hier werden sie (W. und Hildegunde) von dem nach jenen Sehätzen lüsternen Günther und Hagen überfallen." Der lüsterne ist nur Günther, nicht Hagen. „In blutigen Kämpfen beweisen die Helden ihre Tapferkeit, bis sie endlich alle verwundet und verstümmelt Frieden schließen." Danach sollte mau meinen, es wäre keiner der Kämpfer gefallen. Die ganze Inhaltsangabe ist umzuändern, und es schadet nicht, wenn sie bei diesem wichtigen und anziehenden Gedichte etwas breiter und ausführlicher gehalten wird. In der Anmerkung ist noch Platz, um noch andere, selbständig erschienene und darum zugänglichere Übersetzungen als die in Scheflfers Buche (besser 'Romane ) Eckehard anzuführen. — Zu Ruodlieb' fehlt die biblio- graphische Verweisung. — Bei dem lateinischen Nibelungenlied sollte gesagt sein, daß die Nachi-icht von der Existenz eines solchen auf eine Stelle in der Klage zurückgeht. — Vortheilhaft würde es sein, da die Seite überdieß noch Raum gewährt, wenn in den Worten über die lateinisch behandelte Thiersage auch noch einige gelehrte Nachweise gegeben würden. Jacob Grimms Bemühungen sollten hier nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Zu §. 14, 6 fiele dann die Anmerkung weg. — Von Roswithas Werken wird gesagt, neue Untersuchungen hätten ihre Echtheit in Frage gestellt, imd es als wahrscheinlich erscheinen lassen, daß sie von dem gelehrten Humanisten Conrad Celtes um das Jahr 1500 verfaßt worden seien. Dazu in der Anmerkung der Verweis auf Aschbach's Ab- handlung. Diese neuen Untersuchungen haben keineswegs die Autorschaft des Celtes erwiesen, im Gegentheil ist alle Welt darüber einig, daCs Aschbach in unverantwortlicher Dilettantenweise die Frage aufgeworfen und beantwortet, und sich dadurch schließlich in höchstem Maße compromittiert und blamiert hat. In die Anmerkung gehört nun künftig auch Köpke's Werk: .. Hrotsvit von Gandersheim" (2. Th. seiner Ottonischen Studien. Berlin 1869).*) — In einer Anmerkung ist der Prosadenkmäler gedacht. Hier hätte der Zweck der Glossen und Übersetzungen angedeutet werden sollen. Die Ordnung wäre besser: Glossen, Interlinearversionen, eigentliche Übersetzungen. Notker Labeo ist nur als Über- setzer der Psalmen genannt. Die hervorragende Thätigkeit dieses gelehrten Mannes, des bedeutendsten Namens auf dem Gebiete der ahd. Prosalitteratur, muß nothwendig in helleres Licht gestellt werden, sobald er überhaupt ge- nannt wird. Die „dritte Periode: Erste Blüthezeit unserer deutschen Litteratur, 1150 bis 1300" eröffnet der Verfasser mit folgenden Worten: „Nach 250jährigem Winterschlafe beginnt seit der Mitte des 12. Jahrhunderts eine großartige, gegen den Verfall der Poesie in den vorhergehenden Jahrhunderten wunderbar erscheinende Blüthe des deutschen Gesanges. " Mit diesem Satze kann man weder in sachlicher noch in stilistischer Beziehung einverstanden sein. Wenn in den vorhergehenden Jahrhunderten die Poesie in Verfall war, so hat es doch eine Poesie gegeben, also kann man nicht von 250jährigem Winterschlafe reden. Es ist eine alte Tradition aus den Litteraturgeschichten, daß die Poesie einen langen „Winterschlaf" gehalten habe. Das mag eine Zeit lang wahr gewesen sein, weil man es nicht besser wußte. Unsere Kenntnisse sind aber erweitert, darum muß die Darstellung sich ändern. Nur im 10. Jahrhundert, so weit wir *) In der 3. Auflage anders gewendet und der Zusatz, daß Aschbach's Annahme von Köpke glänzend widerlegt worden sei. LITTERATUR. 351 dieß biß jetzt zu beurtheilen vermögen, schweigt die deutsche Poesie und an ihre Statt tritt jene lateinische Kloster- und Hofdichtung, die, wenn auch in fremdem Gewände auftretend, docli ihrem Wesen nach deutsch ist. Aus dem 11. Jahrhundert aber liaben wir eine ganze Reihe Denkmäler deutscher Sprache, und wenn diese auch keineswegs von hohem jioetischen Werthe sind und sie darum in einem Buche wie das vorliegende nicht weiter hervorgehoben zu wer- den brauchen, so darf doch ihre Existenz niclit verschwiegen oder gar ge- leugnet werden. Nothwendig muß sie der Verfasser, und wäre es auch nur in einer Anmerkung, berücksichtigen, wenn er nicht ein durchaus falsches Bild von der Entwickelung der altdeutschen Poesie entwerfen will. Wenn nun eine Poesie in der vorhergehenden Zeit vorhanden war, so kann man sie nicht im Verfall begriffen darstellen ; das kann nur sein, wenn erst eine Erhebung voraus- gegangen ist. In der Anmerkung sind Gödeke's deutsche Dichtung im Mittelalter und Barthel's classische Periode der deutschen Nationallitteratur im Mittelalter ge- nannt. Hier würde, da vorher nur die Litteraturgeschichten namhaft gemacht sind, welche von der ältesten Zeit bis auf die neueste reichen, auch Uhland's Litteraturgeschichte, seine Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter (Uhland's Schriften 1. und 2. Bd. Stuttgart 1865. 1866) passend zu nennen sein. Kluge spricht in dem ersten (13.) Paragraphen dieses Abschnittes über die „Umgestaltung der deutschen Dichtung", berührt die Gründe des Auf- schwungs und gedenkt auch der Form der höfisch ritterlichen Poesie. Hier war auch zu sagen, daß, wenn auch die Form der Reimpaare vorwog, die Strophe nicht ganz ausgeschlossen war, und daß die Reimpaare auch für die dichterische Darstellung einheimischer Stoffe benutzt wurden. Es heißt da über die Form: „Die Eintönigkeit dieses einfachen Metrums (der Reimpaare) wird dadurch vermindert, daß der Sinn häufig mit dem ersten Reime des Reimpaares schließt und Hebungen mit Senkungen sehr häufig abwechseln." Der erste Satz ist richtig, in Klammer könnte dazu gesetzt werden der technische Ausdruck: Reimbrechung, der zweite aber ist mindestens unklar. Wenn Hebungen mit Senkungen sehr häufig abwechseln, so würde dieß ja die Eintönigkeit nicht vermindern, sondern vermehren. Es muß gesagt sein, daß auf den Hebungen das Princip der alten Verskunst beruht, wodurch, da die Senkungen auch fehlen können, die in der modernen Poesie herrschende eintönige regelmäßige Ab- wechslung von Hebung und Senkung vermieden wird. Die Eintönigkeit wird auch dadurch vermindert, daß der Vers nicht an ^inen Rhythmus gebunden ist, sondern mit und ohne Auftact beginnen kann. — W^as über die Sprache gesagt ist, will nicht mehr recht passen; es läßt sich hier leicht eine andere Wendung finden. Im §. 14 werden unter die „Anfänge der neu aufblühenden Dichtung 1150 — 1180" Wernher's Lobgedicht, das Annolied, die Kaiserchronik, Lam- precht's Alexanderlied, das Rolandslied und Heinrich's Reinhart Fuchs genannt. Die Zeit 1150 ist doch für verschiedene dieser Dichtungen zu spät angesetzt. Wenn aber ein Gedicht verdient hier genamat und besprochen zu werden, so ist es der König Rother, den Kluge nur in einer Anmerkung erwähnt. Dafür könnten die Inhaltsangaben der andern Gedichte knapper gefaßt werden. — Von der Kaiserchronik wird gesagt, daß in ihr noch mehi- als im Annoliede 24- 352 LITTERATUR. eine bunte Menge von Geschichten eingefügt sei; daraus muß man schließen, daß Kaiserchionik und Annolied ganz ähnlich weitschichtig angelegte Werke seien, während das Annolied doch einen ganz andern Charakter trägt. Die Frage, ob das Annolied aus der Kaiserchronik geschöpft, oder diese jenes auf- genommen habe, ist vom Verfasser nicht berührt worden, was mit einem Satze geschehen kann. Bei Erwähnung des Nibelungenstreites (S. 25 fg.) wäre praktisch auf die von Zarucke in der Einleitung zu seiner Ausgabe gelieferte vollständige Biblio- graphie zu verweisen , so daß dann in den Anmeikungen manches gestrichen werden kann. Nachdem der Verfasser die verschiedenen Theorien erwähnt und die Ausgaben von Holtzmann und Zarncke genannt hat, kann es nicht heißen: „worauf dann 1866 die Ausgabe mit Erklärungen von Karl Bartsch folgte" *). Diese Ausgabe legt eine andeie Handschrift, nämlich B zu Grunde, im Einklang mit einer neu aufgestellten Theorie, die Kluge unbedingt berücksichtigen und ebenso wie die vorhergehenden kurz charakterisieren muß. Bartsch's Unter- suchungen sind dann später in der Anmerkung genannt, weil Bartsch mit Pfeiffer in der Annahme des Kürenbei-ger's als des Verfassers des Nibelungen- liedes übereinstimmt. Diese Verfasserschaft ist in Bartsch's Darlegung gar nicht der Hauptpunkt, sondern ein Moment zweiten Ranges. Die Hauptsache ist bei ihm der Nachweis einer älteren gemeinsamen Vorlage von Nibelungen- noth und Nibelungenlied, wodurch die Annahme einer Mittelstufe, des soge- nannten gemeinen Textes, ganz wegfällt. Künftig ist auch die kritische Ausgabe der Nibelungennoth von Bartsch (Leipzig 1870) zu erwähnen. — Die Hypo- thesen von Moslcr und Gärtner sind so haltlos, daß anzurathen ist, von ihnen in der nächsten Auflage gar nicht zu reden. In der im Allgemeinen richtigen Schilderung der Nibelungenstrophe (S. 27) habe ich nur das eine nicht ganz zutreffend gefunden, daß gesagt ist: „Die erste Hälfte hat in jeder der vier Zeilen drei Hebungen mit klingenlem (weib- lichem) Schluße." Hier muß es heiC^en mit „scheinbar" klingendem Schluße, wie aus den selteneren Zeilen mit vier Hebungen und stumpfem Schluße ge- folgert werden kann. An die Gudrun (§. 16) schließt der Verfasser die andern weniger be- deutenden Heldengedichte an. Hier fehlt jeglicher littcrarischer Nachweis, so daß der Leser, der sich etwas genauer mit diesen Dichtungen beschäftigen will, ohne Rath bleibt. Paragraph 18 betrachtet „die vier größten Dichter des höfischen Epos". Eigentlich gibt es nur drei Größen. Heinrich von Veldeke, so bedeutend er als Bahnbrecher ist, würde besser getrennt stehen; auch wäre sein Einfluß schärfer hervorzuheben. — Wenn Gottfried von Straßburg den Wolfram von Eschenbach einen vindaere loilder maere nennt, so bezieht sich dieß nicht auf Wolfram's vielfach dunkle Sprache, sondern auf die Menge der Episoden und seltsamen Abenteuer in seinem Parzival. Dem Titurel gebührt unter den Dich- tungen Wolfram's der Platz vor dem Parzival, weil er seine Jugendarbeit ist. Wolfram benutzte zu seinem großen Werke nicht bloß eine französische Quelle, sondern zwei. Zu welcher Zeit der Parzival gedichtet wurde, ist nicht gesagt; das möge noch nachgetragen werden. — Auf Wolfram folgt Gottfried , dann *) In der 3. Auflage nun der richtige Zusatz: auf Grund der Handschrift B. LITTERATUR. 353 Hartmann. Wäre es nicht zweckmäßiger, Hartmaun unter den dreien die erste Stelle zu geben V Auch im folgenden §. 19 „die andern Dichter des höfischen Epos" empfiehlt sich eine Umstellung. Es sind genannt: Conrad von VVürzburg, Rudolf von Ems, Conrad von Flecke (besser Conrad Fleck); sie folgen besser aufein- ander: Coni-ad Fl., Rudolf, Conrad von W. — Köpke's Ausgabe des Barlaam kann in der Note gestrichen werden. — In der Anmerkung wird auch der Meier Helmbrecht genannt. Das Gedicht ist so köstlich, daß es nach seinem Inhalte skizziert zu werden verdient; in der Note ist nur Schröder's Übersetzung genannt; die Textausgabe von Keinz muß künftig berücksichtigt werden. Hierauf geht der Verfasser zur „höfischen Lyrik" über und bespricht in §. 20 zunächst „Stoffe und Formen". Beim „Lied" wäre kurz anzudeuten, daß der Ausdruck sich anfänglicli auf eine Strophe bezieht, und daß der Plural diu Uet gebraucht wurde , um das auszudrücken , was dann später auch und jetzt ausschließlich der Singular bezeichnet. Auf die Ähnlichkeit des Ab- gesangs mit unserem Trio dürfte hinzuweisen sein. Auch die bedeutendsten Liederhandschriften macht Kluge namliaft. Die Ordnung ist nicht zu billigen. Zuerst ist die Heidelberger, dann die Weingartucr und dann erst die Pariser (früher die Manessische genannt) zu nennen. Die bibliograpiiischen Angaben i'cr Minnesinger-Ausgaben gehören besser in die Note, wo sie auch Aveniger Raum beanspruchen. Zweckmäßig wäre auch hier die treffliche Sammlung von Bartsch (Leipzig 1864) anzuführen. Der folgende §. 21 „Die bedeutendsten höfischen Lyriker" wird nicht befriedigen. Es fehlen verschiedene wirklich bedeutende, andere gehören nicht hierher, wenn sie auch berühmte Namen tragen wie Wolfram von Eschenbach u)id Gottfried von Straßburg. Was von ihnen auf dem Gebiete der Lyrik ge- leistet worden, ließe sich besser vorher durch kurze Andeutungen abmachen. Von Gottfried heißt es, er habe eines seiner größten uni schönsten Lieder zum Lobe der h. Jungfrau gedichtet. Dazu wird in der Note bemerkt , daß Pfeiffer diese Annahme widerlegt habe. Glaubt Kluge an die Kraft dieser Widerlegung, woran nicht zu zweifeln, dann ist der Lobgesang überhaupt nicht mehr unter Gottfried's Namen anzuführen. Es könnte nur gesagt werden, daß ihm auch von der Pariser Handschrift mit Unrecht ein umfangreicher Lobgesang zugeschrieben werde, der seinen Stil in übertriebener Weise nachahmt und der daher keineswegs schön zu nennen ist. Dann könnte auch die in der An- merkung zu §. 18, 3 genannte Vermuthung Watterich's bei Seite gelassen werden. In einer umfänglicheren Litteraturgeschichte wäre ihre Erwähnung vielleicht am Platz, hier aber, wo es möglichste Beschränkung gilt, muß von einem Buche abgesehen werden, dessen Ergebnisse zwingend widerlegt sind. Am längsten verweilt Kluge bei Walther von der Vogelweide. Zuerst spricht er über seine Heimat und entscheidet sich für Franken. In der Note wird die betreffende Litteratur zusammengestellt, wobei auch angegeben ist v. d. Hagen, Wackernagel und PfeiflFer hätten sich für Franken erklärt, Rudolf ]\Ienzel, dem sich jetzt auch Bartsch anschließt, für Tirol. Pfeiffer hat aller- dings früher sich für Walther's fränkische Heimath ausgesprochen, in der Ein- leitung zu seiner Ausgabe aber stellte er Tirol auf, weil sich da ein Ort Namens Vogelweide habe finden lassen *). Wenn Wilmauu's (Einl. 3 fg.) mit Beziehung *) In der 3, Auflage berücksichtigt. 354 LITTERATUB. auf eine Äußerung Scherer's geltend uiaelit, daß den Nameu Vogelweide man- cher Ort führen konnte und wirklich geführt hat, so ist daran zu erinnern, daß Pfeiffer selbst auf seinen Fund kein großes GrCAvicht legen wollte, daß er aber eine Bestätigung der Tiroler Heimath in dem Gebrauche der Handschriften fand, Landsleute zusammen zu stellen*). — Kluge führt, um Walther's Mannig- faltigkeit in lebendigen Beispielen darzuthun, verschiedene seiner Dichtungen mit ihren Anfängen an. Das schöne Frühlingslied Muget ir schouwen waz dem meien ist mindestens unsicher. Dafür wäre also in der nächsten Auflage ein anderes Beispiel auszuwählen, was nicht schwer halten wird. — Bei der Bedeutung, die Walther zu seiiaer Zeit gehabt hat, wäre es passend gewesen, wenn der Verfasser vielleicht in einer angehängten Anmerkung seinen Dicht ereinfluß hervorgehoben und seine Schule in einigen Namen wie Rubin, Ulrich von Singenberg, Reinmar von Zweier und Bruder Wernher vorgeführt hätte, zumal sich in diesen Nach- folgern der Waltherische Dichtergeist nach verschiedenen Richtungen hin aus- prägt und fortpflanzt. Der folgende Paragraph (22) handelt von der „Entartung des Minne- sangs". Ich glaube nicht, daß man Ulrich von Liechtenstein unter die Dichter der Epigonenzeit rechnen darf, Avelchc eine Entartung des Minnesangs bekunden. Seine Lieder sind sehr frisch, anmuthig, wohl gelungen in der Form und nicht im mindesten unhocellch. Wenn seine Lieder nur in der Pariser Handschrift überliefert wären und wir seine abenteuerliche Selbstbiographie nicht hätten, so würde der Dichter ohne Zweifel unter die talentvollen Schüler Walther's gerechnet werden. In seinem Frauendienst erblicken wir eine Entartung des Minnelebens und Minnedienstes, aber in dessen lyrischen Theilen nicht eine Entartung der Poesie. — Heinrich von Meißen kann eher hierher gerechnet werden, weil bei ihm, der Wolfram sowohl wie Gottfried in ihren Schwächen nachahmt, die Poesie in Dunkelheit oder in eitel Spielerei ausartet. Die Aus- gabe Ettmüller's ist künftig in der Note beizufügen. Der letzte Paragraph (23) dieses Abschnittes behandelt die „didaktische Poesie, Lehrgedichte und Fabeln". Die Abfassungszeit des welschen Gastes sollte angeführt werden, da wir sie genau wissen. Daß Thomasin auf Seite des Papstes steht und auch als Gegner Walther's aufgetreten ist, ließe sich mit kurzen Worten noch nachtragen. — Der Renner des Hugo von Trimberg ist ohne bibliographischen Nachweis erwähnt. — Benecke's Ausgabe des Edelsteins von Boner kann gestrichen werden. Die „Vierte Periode, 1300 — 1500, Entwickelung der Poesie in den Hän- den des Bürger- und Handwerkerstandes" wird mit einer Betrachtung (§. 24) *) Bei der Gelegenheit eine Bemerkimg. Mit Recht sagt Wilmanns, die öster- reichische Heimath lasse sich nicht streng beweisen, nimmt aber diese Äußerung wieder zmück: man sei wegen des den österreichischen Dialect bekundenden Reimes pfarren : verwarren wohl berechtigt, Osterreich für Walther's Heimat gelten zu lassen. In der Anmerkung zu der betreffenden Stelle (83, 35) steht: „verwarren statt verworren-^ hier verräth Walther seine österreichische Mundai't. S. Lchm's Anm." Pfeiffer erklärte zu 116, b verwarren auch für eine dialektische östen-eichische Form: in der zweiten Auf- lage steht präciser: „dialektische, vorzugsweise österreichische Form''. Daß man aus diesem einen österreichischen Reim nicht gleich einen Schluß auf die Heimath machen dürfe, hat Pfeiffer Germ. 5, 4 fg. ausgeführt. Der Reim ist aber gar nicht speciiisch österreichisch, er ist ebenso gut alemannisch, worüber man sich bei Weinhold alem. Gramm. 8. 11 hinlänglich belehren kann. LITTERATUR. 355 eröfiiiet über ,, Verfall der Poesie und Ursachen desselben" (warum nicht: und seine Ursachen?). Zu den inneren Gründen des Verfalls rechnet der Verfasser auch das Übergewicht der Form über den Inhalt. Das ist wahr, aber auch wieder nicht. Nicht in der gesammten Poesie tritt dieß Übergewicht hervor, sondern nur iu der kunstmäßigen Lyrik. Zu §. 25 „Epische Poesie" ist zu bemerken: Caspar von der Ron ist nicht ein fränkischer Volksdichter und Umarbeiter des Heldenbuchs, sondern nur ein Schreiber, worüber zu vergleichen Zarncke in der Germania 1, 53 fg. Zu §. 26 „Lyrische Poesie": Hier wäre doch zu verweisen auf Grimm's immer noch werthvolles Buch über den Meistergesang und, damit der Leser, wenn er Meistergesänge kennen lernen will, einen Anhalt habe, auf Bartsch's Edition der Kolmarer Handschrift. — In der Anmerkung ist die Sammlung der historischen Volkslieder von Soltau genannt; da wäre auch die Fortsetzung oder die Ergänzung von Hildebrand nicht zu übersehen. Dagegen kann Wolf's Sammlung gestrichen werden. — Von Liliencron's Sammlung ist nun künftig auch der 5. Band zu erwähnen, der außer den Melodien eine vortreffliche Unterweisung gibt über die musikalischen Verhältnisse. Zu §. 27 „Didaktische Poesie". Strobel's Ausgabe des Narrenschiffs braucht nach Zarncke's bedeutender Leistung nicht mehr genannt zu werden, zumal in einem Buche wie das vorliegende. Zu §. 29 „Prosa". Die 2. Aufl. von Hamberger's Ausgabe von Tauler's Predigten erschien nicht 1844, sondern 1864. — Diepenbrock's Suso liegt in 2, Aufl. vor, 1838. — Die Übersetzungsprosa ist so wichtig für diesen Zeit- raum, daß eine eingehendere Belehrung erwünscht erscheint. — Bei dem Satze über die vorlutherischeu Bibelübersetzungen denkt man unwillkürlich nur an Drucke, nicht auch an die älteren in Handschriften überlieferten Übersetzungen. — Zu Till Eulenspiegel verdient Lappenberg's Ausgabe genannt zu werden. Es folgt: „Fünfte Periode. Die deutsche Litteratur im Zeitalter der Refor- mation 1500 — 1624". Wenn nicht schon vorher sich Gelegenheit bieten sollte, würde hier auf ühland's Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Dichtkunst im 15. und 16. Jahrhundert (im 2. Bd. der Schriften) hinzuweisen sein. Zu §. 30 „Epische Poesie". Kluge übersetzt bei Erwähnung und Deutung des Namens Theuerdank das Wort teioerlich , teuerlich mit abenteuerlich. Es ist viel- mehr = theuer, wertb, hoch, erhaben. — Die Ausgabe von Haltaus ist zu erwähnen. Ebenso die des glückhaften Schiff"s von Halling, wenn sie auch nicht genügt. Von Hans Sachs sind ebenfalls gar keine Ausgaben angeführt, was sich auch auf den folgenden Paragraphen erstreckt. Jetzt kann die vor Kurzem erschienene Ausgabe der Lieder von Hans Sachs von Gödeke, die auch eine ganz vorzügliche Einleitung enthält, berücksichtigt werden (4. Bd. der d. Dichter des 16. Jhds. Leipzig 1870). Diese Meisterlieder sind auch vorzugsweise Er- zählungen. Zu §. 33 „Dramatische Poesie". Jacob Ayrer ist zu stiefmütterlich behandelt. Zu eitleren ist die Ausgabe seiner Dramen von Keller (5 Bde. liter. Verein 1865). Zu S. 34 „Prosa". Da die Sprache Luthers so überaus wichtig ist in der Geschichte unserer Sprach e und Litteratur, so könnte auch das Wörterbuch von Dietz (1. Bd. 1870) genannt werden, zumal es in der Einleitung eine gute, wenn auch nicht durchaus gelungene Darstellung der Sprache Luther's bietet und zugleich eine reiche Bibliographie von Schriften, namentlich der kleinen. 356 LITTERATUR. Ungeru vermisse ich in diesem Paragraphen neben den Volksbüchern eine kurze Hinvveisung auf die reiche und charakteristische Litteratur der Schwanke; hauptsächlich wären hier zu nennen Wickram's Kollwagenbüchlein ('Ausgabe von Heinrich Kurz 1865), Pauli's Schimpf und Ernst (Ausg. von Oesterley, litter. Verein 1866) und Kirchhofes Wendunmuth (Ausg. von Oesterley, 5 Bde., litter. Verein 1869). Bis hierher erstreckt sich der Zeit nach das Gebiet, welches der Germania als einer Zeitschrift für deutsche Alterthumskunde anheimfällt. Die weitere Behandlung der Litteraturgeschichte Kluge's gibt, wie es in der Natur dtr Sache liegt, nicht den gleichen Anlaß zu Erinnerungen ; aber wer genau kriti- sieren wollte, würde auch öfters, namentlich in bibliographischer Beziehung, verschiedenes vermissen oder anders wünschen. Einmal , weil die jüngere Zeit, wenn auch durch das Programm dieser Zeitschrift nicht streng und pedantisch ausgeschlossen, doch den Zielen, welche die Germania verfolgt, ferner liegt, dann aber auch, weil ich selbst zu einem recht philologischen Betriebe der neuen deutschen Litteratur noch nicht gelangt bin, v>'ill ich nur noch weniges bemerken. Wie in den dem Mittelalter und der Reformationszeit gewidmeten Partien des Buches öfters bei keineswegs unwichtigen Schriften eine littcrarische Ver- weisung auf eine Textausgabe oder eine Monographie vermißt v/ird, so auch in der Behandlung der Neuzeit. Hier bedarf es natürlich weniger der Anführung von Ausgaben, und wir billigtu es in Hinblick auf die Tendenz des Buches durchaus, daß Kluge von vielen Titelangaben und Jahreszahlen abgesehen hat. Dagegen hat er auf monographische Studien über einzelne Perioden oder ein- zelne Schriftsteller sein Augenmerk gerichtet und die beste bis in die neueste Zeit reichende Litteratur citiert. Aber freilich thut er es nicht gleichmäßig. Manche Poeten der Neuzeit haben in der That noch keinen Biographen und Kritiker gefunden, und es bleibt auf diesem Felde noch eine reiche Ernte, aber andere haben ihn gefunden, ohne daß der Verfasser auf solche Erschei- nungen Rücksicht nimmt. Man wird öfters versucht sein anzunehmen, Kluge habe, um sein Buch nicht unnöthig mit gelehrten Citaten zu belasten, von der Erwähnung der oder jener ihm wohl bekannten Monographie abgesehen; allein er führt öfters auch Schriften an , die nicht unbedingt nothwendig zu nennen wären, ja die er hätte getrost weglassen können. In dieser Beziehung wird er bestrebt sein müssen, Gleichmäßigkeit zu erzielen, und kritisch streng bei der Citierung der litterar-historischen Monographien zu sein. Dieser allgemeinen Bemerkung reihe ich einzelne Nachträge an. Zu §. .38. ,,Gryphius". Nicht zu vergessen ist künftig das Lustspiel ..die geliebte Dornrose", weil es das erste ist in der deutschen Litteratur, in welcher die Volksmundart im Gegensatz zum Schriftdeutsch zu künstlerischer Geltung kommt (herausg. von Palm. 1865). Zu §. 40. „Roman". Gerade den bedeutendsten Roman aus der vor- nehmen Welt hat Kluge unerwähnt gelassen: die Octavia des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig. — Die Monographie von Cholevius ist in der Note genannt; sie wird für diesen Paragraphen noch besser ausgenutzt werden mü?;sen. Andreas Heinrich Bucholtz darf auch nicht ganz übergangen werden. — Die Note auf S. 68 ist unrichtig stehen geblieben; sie ist durch die folgende unnöthig gemacht. LITTEEATUE. 357 Die neuere Litteiatur ist, wie bekannt, außer in selbständigen Mono- graphien auch vielfach in Beiträgen zu Zeitschriften und Sammelwerken be- handelt. Gerade die zerstreut erschienenen Arbeiten entgehen allzu leicht dem Auge des Historikers; darum möge der Verfasser nach dieser Kichtung hin die periodische Litteratiir auszubeuten suchen. Um nur auf einzelnes hinzu- weisen, will ich erwähnen, daß mit das Beste, was über Wieland jemals ge- schrieben wurde, sich findet im Album des Litterarischen Vereins in Nürnberg für 18GÜ. Es ist ein umfangreicher Aufsatz von J. L. HoflFmann. — Der Julius von Tareut von Leisewitz ist vorzüglich monograi)hisch behandelt von August lienueberger in seinem leider nur in einem Bande erschienenen Jahrbuch für deutsche Litteraturgeschichte {Meiningen 1855). Dort finden sich auch noch mehrere Aufsätze, die citiert zu werden verdienen. Demi es braucht ja nicht immer ein dickes Buch zu sein , was eine Anmerkung zieren soll. Aufmerksam machen will ich zugleich auf eine Reihe treft'liclier Aufsätze über die Litterat.ur des 18. Jahrhunderts, welche Henneberger in der Zeitschrift für deutsche Kixiturgeschichte (Nürnberg 1858) niedergelegt liat. — Das Buch vou Robert Prutz „Menschen und Bücher" (Leipzig 1852) fand ich nicht citiert, und doch enthält es mehrere ausgezeichnete Monographien; vor allem zu nennen ist die Abhandlung über Karl Friedrich Bahrdt. Über diesen seltsamen Mann schrieb noch ausfüln-licher Gustav Fiauk in Rainner's historischem Taschenbuch (37. Jahrg. 186(J). Eine sehr brauchbare Arbeit über Novalis von Fortlage brachte das eingegangene deutsche Museum von Prutz, welche jetzt auch aufgenommen ist unter den sechs philosophischen Vorträgen vou Fortlage (Jena 1869). Ho wer- den auch die littcrar-historischcn Aufsätze von Trcitschke zu berücksichtigen sein; vieles bietet auch das litterar-bistorische Taschenbuch von Prutz; auch Gosche's Jahrbuch und Archiv wird, weim es nicht wieder in's Stocken geräth, für die Erforschung der neueren Litteratur wirksam werden, und mag sicii daher der Beachtung empfehlen. In neuerer Zeit haben sich Stimmen vernehmen lassen, welche den Unter- richt der Litteraturgeschichte auf Gymnasien verwerfen. Es ist dieß eine sehr wichtige pädagogische Frage , zu deren Entscheidung ich mich nicht berufen fühle. Wo dieser Unterricht noch als berechtigt und nothwendig augesehen wird, trägt zu seinem Gedeihen sicher die Wahl eines guten Lehrbuches wesent- lich bei. Hat sich das Buch von Kluge bereits bewährt, so zweifle ich nicht, daß es sich um seiner Vorzüge willen noch ein weiteres Gebiet gewinnen wird. Wie die zweite Auflage, gegen die erste gehalten, schon mannigfache Ver- besserungen aufweist, so wird der Verfasser auch in Zukunft bestrebt sein, dem Buche, ohne sein Wesen und seine Anlage anzutasten im Einzelnen eine immer größere Vollkommenheit zu geben. Indem ich durch meine Besprechung dem Verfasser förderlich zu sein gedachte , habe ich doch dabei die vorliegende Arbeit nicht allein im Sinne gehabt. Wie bei Kluge, so finden sich auch in andern ähnlichen Werken viel- fach Auffassungen und Urtheile, die, aus älteren Litteraturgeschichtcn stammend, vor den neuen Forschungen nicht bestehen können. Dieß habe ich hervor- gehoben, und dadurch gesucht, den Ergebnissen der Wissenschaft zum Besten des Unterrichts Geltung und Eingang zu verschaffen. JENA, August 1870. REINHOLD BECHSTEIN. 558 LITTERATÜK. Die vorchristliche Unsterblichkeitslehre vou Wolfgang Menzel. In zwei Bänden. Leipzig. Fues's Verlag. 1870. VIII ii. 28G w. 393 Seiten. An eine Bemerkung Jahns über die Notli wendigkeit vergleichender Alter- thumsforschuugen anknüpfend, weist der Verf. zuvörderst in dem Vorworte zu vorliegender Arbeit darauf hin, wie auch diese, aus dem Gefühl desselben Be- dürfnisses hervorgegangen, von ihm seit dreißig Jahren, je nachdem er Muße dazu gewonnen, inm er wieder fortgeführt worden ist, denn „man kann solche Studien nicht über das Knie brechen, sie erfordern weite Umsicht und lange Zeit." Im Weitern äußert er sich dahin, daß die heidnischen Unsterblichkeits- lehren nicht aus einer Urofienbarung an die Heiden hervorgegangen sind, noch auch nach einem angeblichen Plane Gottes die christliche Lehre vorbereitet haben, als sei durch beide ein Faden hindurcbgelaufen, wie nach der bekannten Darwin'- schen Theorie durch die Thier- und Menschenwelt; sie sind vielmehr etwas voll- kommen Selbständiges für sich, durchaus naiv, naturAvüchsig und verschieden- artig, hervorgegangen aus der Gefühls- und Denkweise sehr verschiedenartiger Völker. Alle alten Völker stimmen jedoch darin überein, daß sie eine höhere Macht über sich erkannten, und auch darin, daß sie dieselbe zunächst den am meisten in die Sinne faJhmden Naturerscheinungen, Naturkräften und Elementen zuschrieben, bis sie Erfahrung genug gewonnen hatten, eine gewisse Einheit im Weltgebäude, in der Hamionie des Raumes und der Zeitmessung zu erkennen. Als etwas unzweifelhaft Gemeinsames, was allen heidnischen Unstsrblichkeits- lehren wie überhaupt der Weiterentwickelung aller Religionsbegriffe, Culte und Mj'then als Unterlage gedient hat, erweise sich ferner die Ausrechnung und Feststellung des Sounenjahres. An den Kalender desselben haben sich die Grund- anschauungen von Erde und Himmel wie vom Naturleben und Weltschicksal in der Zeit geknüpft, wie die Festtage und Mythen der höchsten Götter. War aber die Er- kenntniss von dem Laufe der Gestirne und dem mächtigen Einfluß der Sonne so weit gediehen, so wurde die Ehrfurcht vor dem Donnerer sehr abgeschwächt, wenn er nicht wie überhaupt die Elementargottheiten im Vergleich zu den astra- lischen Gottheiten mehr in den Hintergrund trat, und die Götterwohnungen stiegen von den Berggipfeln zu den Sternenhöhen hinauf, während zugleich die Autorität der gelehrten Priesterschaften, von denen alle diese neuen Ent- deckungen ausgiengt'n, außerordentlich verstärkt werden mußte. Die wichtigste Veränderung jedoch, welche die Feststellung des Sonnenjahres im Glauben der alten Völker hervorrief, war die Ahnung einer andern höhern Welt des Jenseits, denn man konnte sich nicht von der Macht und dem Einfluß der Gestirne über- zeugen, ohne an eine hinter den sichtbaren Gestirnen wirkende unsichtbare Macht und Weisheit zu glauben , an etwas Heiliges und Göttliches in jenen oberen Regionen. Sobald aber die alten Völker zu dieser Stufe theils der Er- kenntniss theils der Ahnung gelangt waren, giengen ihre Anschauungen weit aus einander; denn je nachdem der in den Völkern wohnende Geist geartet war, machten sie sich von der unsichtbaren Welt über den Sternen verschieden- artige Begrifte. Zwar die beiden ältesten Culturvölker, die Babylonier und Ägypter, bekümmerten sich um Jenseits und Ewigkeit noch wen g und konnten sich von der sie umgebenden materiellen Welt noch nicht losreißen; jedoch faßten sie dieselbe schon in einem ganz entgegensetzten Geist auf, die Baby- lonier heiter und freudig, aber ihren Reichthum in sorgloser Üppigkeit ver- LITTERATUK. 359 geudend, die Ägypter hiiigegeu denselben zu hüten bestrebt und sich von aller Welt ängstlich abschließend. Wieder anders die Perser, welche in Folge eines sittlichen Impulses das physische Glück des Daseins durch Tugend zu verdienen und das böse Princip fortwährend zu bekämpfen suchten. Aber auch sie dachten sich das Jenseits nur als eine Fortsetzung des Diesseits, ohne noch den tiefen Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit erkannt zu haben. Diese Erkenntniss gieng zuerst den Indern auf und überwältigte sie völlig. Sie vertieften sich nämlich nach der Zeit der Veda's dermaßen in den Geist, daß sie die materielle Wirklich- keit zu ihren Füßen beinahe vergaßen und es wenigstens für das höchste Ver- dienst erklärten, sich über dieselbe hinwegzusetzen. Sie sahen die Wirklichkeit nur für ein Scheindasein an und prägten sich unvertilgbar den Wahn ein, sie hätten schon früher einmal existiert und würden auch nach dem irdischen Tode noch in unzähligen "Verwandlungen fortexistieren, bis ihre Seele von allem Irdi- schen und Sinnlichen frei werde und sich mit dem absoluten Geiste vereinigen würde. Was die Völker des Abendlands betritft, so machten sie sich von einem Jenseits lange Zeit nur nebelhafte Vorstellungen; als aber auch bei ihnen der Glauben an die Unsterblichkeit tiefer in den Seelen zu wurzeln anlieng, trugen sie einfach alles, was ihnen in der irdischen Wirklichkeit am liebsten gewesen, in ihre Vorstellungen vom ewigen Leben über, und zwar nur in den Mysterien, denn der öffentliche Cultus blieb noch ausschließlich den Naturgöttern gewidmet, die aber aus elementaren Gewalten nach und nach mehr zu astralischen wurden. Für die realistische Auflassung des Weltganzen waren die alten Griechen be- sonders maßgebend : sie konnten sich also auch die hohen Götter als Ordner der Natur und Lenker der Geschicke weder als reine Geister noch als symbolische Gestalten denken , sondern gaben ihnen unwillkürlich ilire eigene menschliche Gestalt mit menschlichen Neigungen und Leidenschaften. Im germanischen Norden hielt das vorzugrsweise kriegerische Volk sich von dem indischen Extrem, alles nur geistig aufzufassen, wie vom realistischen der Griechen, die selbst den Geist verkörperten, gleich weit entfernt und faßte den Gegensatz zwischen Geist und Leib, Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits in seiner ganzen Schärfe auf, ohne das eine über dem andern zu vergessen oder zu vernachlässigen. Man darf annehmen, daß der germanische Völkerstrom frühzeitig in manche Beziehung zu den alten Persern gekommen ist, die ebensowenig einseitig waren, deren Dualismus aber hauptsächlich den sittlichen Gegensatz zwischen Gut und Böse, Tugend und Sünde betonte. Demnächst spricht der Verf. von den verschiedenen Vorstellungen, welche die Griechen und Römer, die Inder und Germanen in Bezug auf die Zeit hegten. Für die Inder gab es gewissermaßen nur eine Ewigkeit, die wiederum für die Griechen und Römer bloß ein nebelhafter Begriff war, da sie aus der Zeit gar nicht herauskamen und sogar vor der Einweihung in die Unsterblich- keitslehre der Mysterien Zeit und Ewigkeit verwechselten. Die Germanen hin- gegen zeichneten sich durch eine originelle Auffassung des Verhältnisses zwischen Zeit und Ewigkeit aus. Sie glaubten wie die Juden an ein ewiges Princip im Allvater, ließen diesen aber im Verborgenen bleiben und nahmen an, die Welt werde während der ganzen Zeitlichkeit von Odin regiert, einer Personification des absoluten freien Willens, der absoluten Praxis, ohne irgend eine sittliche Schranke oder Bedingung, nicht gut und nicht böse, abwechselnd und nach 360 LITTERATUE. Laune das eine oder das andere, nur immer böse, ja heimtückisch, wo ihm irgend eine sittliche Pflicht als Beschränkung seiner Willkür zugemuthet wurde. So und nicht anders ist sein wahres Charakterbild in der alten Edda. Weil er nun aber während der ganzen Ziütlichkeit so viel Unrecht thut und zuläßt, ist das Leben in dieser Zeitlichkeit auch nichts Vollkommenes und eben deß- halb muß die Zeit einmal aufliören und Odin sammt der ganzen gegenwärtigen Welt einmal untergehen. Alsdann erst wird Allvater eine neue bessere Welt schaffen und dieselbe durch den guten Gott Tialdur regieren lassen. Dadurch unterscheidet sich die nordisch germanische Auffassung wesentlich von der orientalisch-indischen und von der griechisch-römischen. Wie ferner der indische Brahma erst zum Hauptgott erhoben werden konnte, nachdem das Sonnenjahr festgestellt und der Cultus der Elemente in den der astralischen Mächte über- gegangen war, so auch Odin bei den Germanen, und wie sofort der alte in- dische Donnerer dem Brahma untergeordnet wurde, so auch der alte nordische Donnerer dem Odin. Nur die klassischen Völker im Süden Europas behielten den alten Donneier als Hauptgott bei. Um die Ananke und die Moiren kümmerte sich aber Zeus ebensowenig wie Odin um die Nornen. Dieß ist der Hauptinhalt der vom Verf. in der ersten Abtheilung: „Die Symbolik des Sonnengottes als Unterlage der heidnischen U n s t e r b I i c h k e i t s le h r e n " dem ersten Buche ..Die Zeit und ihre E in th eilung" vorangestellten „Oriontirung", die hier meist wortgetreu wieder- gegeben ist und woraus man den Gang der Untersuehnng und die Hauptzüge derselben him-eichend erkennen wird. In den folgenden Abschnitten des ersten Buches bespricht der Verf. da^n das Sonnenjahr, die Licht- und Nachtseite desselben, den sterbenden Gott und den Einfluß der menschlichen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. In Bezug auf den ewigen Jäger, der den frevelnden Schuß in die Sonne gethan hat (S. 29), bemerkt Menzel, daß dieß Odin ist, der Führer der wilden Jagd oder des wilden Heeres. Die Sage verbirgt daher einen tiefen Sinn. Odin, scheint der Mythus zu besagen, hält als Gott der Zeitlichkeit die Sonne gewaltsam in ihrem Laufe zurück, weil sie sonst immer höher hinauf- steigen lind in den Himmel zurückkehren würde, so dalJ die Zeit aufhören müßte; er zwingt sie also umzukehren, um jedes Jahr von neuem denselben Lauf zu wiederholen. — Zweites Buch: Der Raum und das Natur- centrum. Das letztere befindet sich am Nordpol, und der Verf. bemerkt in dieser Beziehung, es könnte zufällig scheinen, daß den Indern, Persern, Griechen ihre heiligen Himmelsberge gerade im Norden lagen; wenn das aber auch nicht der Fall gewesen wäre, Avürde der magnetische Zug nach Norden, dem die Menschengeister folgen müssen, weil die Augen sie dahin ziehen, immerhin auch über die Berge hinaus den Mittelpunkt des Weltraums in der nördlichen Rich- tung des Horizontes und Himmels gesucht haben; denn es konnte den alten Völkern nicht entgehen, daß der ganze Himmel mit seinen unzähligen Sternen sich um einen Mittelpunkt im Norden im Kreise bewegt. Ferner weist der Verf. darauf hin, daß im Zendavesta Ver die himmlische Burg des Urkönigs Dschem- scliid ist, worin die Keime aller Pflanzen, Thiere und Menschen bewahrt sind- dasselbe scheine auch die Stadt Beroe zu sein, welche nach Nonnos von lieblichen Gärten und Inseln umgeben mitten im Ocean liegen soll ; hier landete zum ersten Mal Aphrodite und hier gebar sie den Eros; das ist Eros Proto- gonos; die Liebe als das allbewegende Princip und dieses Beroe sowohl wie LITTERATUR. 361 jenes Ver dürfe man auf das Land der seligen Hyperboreer wie auf den An- fang aller Dinge im Nordpol beziehen. Björn und Veor waren Beinamen des Thor, und dieß mahne deutlich an Ver und Beroü. Auch der deutsche Sagen- held Dietrich, in welchem schon Grimm und Uhland Thor wiedererkannt, werde immer Dietrich von Bern genannt, worunter man insgemein die Stadt Verona verstanden hat, dessen Name und Begriff aber viel älter und von mythischem Ursprung sei. Auch müsse an Bör und Buri, die Väter Odins, erinnert wer- den. Außer den Himmelsbergen bespricht das zweite Buch auch noch das Weltei, das Bärengestirn, die Sphärenharmonie, die Himmelsleiter der Planeten, auf welcher mittelst der Milchstraße die Seelen zwischen Himmel und Erde auf- und niedersteigen, ferner Nysa, wo Dionysos erzogen worden, jener höchste Gott der Mysterien, der, im feurigen Äther unter Blitzen geboren, sich in die niedere Welt herabließ und selbst dem Tode sich hingab, um durch seine Wiedergeburt auch der Menschheit seine Wiedergeburt zu gewähren. Die letzten Abschnitte dieses Buches bilden der Glasberg und der Wcltbaum. — Drittes Buch: Die Beziehungen der Sonne zum Naturcentrum. So wie das Centrum des Raumes unverrückbar im Nordpol ist, ebenso concentriert sich die Zeit mit ihren Wechseln in der Sonne, und feste Punkte des Anfangs und Endes waren wie für jeden Tag ihr Auf- und Niedergang, so für jedes Jahr die Wintersonnenwende. Zur Vermittlung dieser beiden Centren bot sich auf die natürlichste Weise das Nordlicht, in welchem sich einfach die Morgen- und Abcndröthc zu wiederholen scheint, welches aber ausschließlich an den Noi-dpol der Erde gebunden ist, über welchem der Nordpol des Himmels senkrecht steht. Dort ruhe die Sonne bei ihrem nächtlichen Lauf von Westen nach Osten stets zur Mitternachtstunde ein wenig aus und von ihrem Mitternachtscheine komme das Nordlicht her. In der Wintersonnenwende mußte sonach letzteres mit dem brennenden Neste des Phönix verglichen werden, in welchem ursprünglich das Jahr, dann aber die Zeit im allgemeinen sich immer neu verjüngt, und so hatte man auch für die Zeit einen Mittelpunkt gefunden , welcher dem Mittelpunkte des Raumes, dem Nordpol des Himmels entsprach. Ans dieser Symbolik folgte ferner die Vorstellung, daß in dem Moment der Sonnenwende, in dem die Sonne von ihrem fortwährenden Laufe ein wenig ausruht, die Zeit die Eigen- schaft des Raumes, nämlich Stätigkeit, d. h. die Eigenschaft der unveränder- lichen Gegenwart, also der Ewigkeit annimmt, wogegen alles im Räume die Eigenschaft der Zeit, nämlich deren Beweglichkeit aus der Gegenwart hinaus in Vergangenheit und Zukunft sich aneignet. Auf dieser Vorstellung beruht alle Magie der Sonnenwenden, das Versetzen aus der Zeit in die Ewigkeit, die Vergegenwärtigung des Vergangenen und Zukünftigen und eine Menge von Magien und Verwandlungen. Dem Nordlichte entspricht aber auch die Waber- lobe, wie schon Magnusen bemerkt hat; Iduna. Menglöd, Gerda, Brynhild be- deuten sämmtlich die Sonne iu ihren verschiedenen Beziehungen zur Zeitlichkeit und zum Räume. Das Ewige, Reine, Jungfräuliche in der Sonne ist Iduna; das Heilende, Segnende, Wohlthuende in derselben ist Menglöd; ihr Freiwerden aus der Gefangenschaft des Winters iu jedem Frühling ist durch Gerda be- zeichnet, das Unrecht und das Leiden aber, das ihr in der Zeitlichkeit wider- fährt, durch Brynhild. Haben wir im Nordlichte den Ausgangspunkt erkannt, von wo aus die Sonne in Raum und Zeit eintritt und wohin sie immer wieder zurückkehrt, wo sie also gewissermaßen vom Anfang bis zum Ende der Zeitlich- 362 LITTERATUR. keit gebannt ist, so können wir auch die Waberlohe nur mit dem Nordlichte in den h. Nächten der Sonnenwende identificieren. Alle andern Erklärungen haben den tiefen Sinn nicht erfaßt und bieten viel zu kleinliche Vorstellungen. In diesem Buche wird dann noch der Sonnengarteu am Nordpol, auf den wir weiter unten zurückkommen, die Insel des Chronos, sowie der Garten der Hesperiden besprochen. — Viertes Buch: Der Gegensatz von Zeit und Ewigkeit. Es handelt von dem Verschwinden der Zeit in der Ewigkeit, dem schlafenden Gott und den verschiedenen Zeitaltern, den Zeitringen (Draupnir, Brisingamen, Halsband der Harmonia), dem Eegenbogen, der Zauberin Circe fCirkel, Zeitring) u. s. w. Gelegentlich der Anna Perenna, unter welcher man sich Ceres als Nahrungsspenderin des Jahres dachte, bemerkt Menzel, ein Mythus von ihr sei interessant. Mars nämlich soll sie einmal feurig umarmt haben, in der Meinung, es sei die Minerva; darin liege ein tiefer Sinn. Mars ist der Kriegsgott, aber zugleich auch der Monat März, der ewige Frühlingsheld, der jeden Winter besiegt. Sich für würdig haltend, mit der Göttin Athene, die über der Zeit in der Ewigkeit thront, verbunden zu werden, wird ihm doch nur immer das vergängliche Jahr imtergeschohen. Ferner heißt es in dem Abschnitte „Hilde", daß dieser kurze, unscheinbare Mythus einen Grundgedanken der nordischen Heiduureligion enthalte. Högni nämhch, der einäugige, schlaue und hartherzige Vater, der in den deutschen Heldenliedern als der grimmige Hagen vorkommt, ist Odin, der höchste Gott des Nordens. Hier tritt sein innerstes Wesen hervor, welches nichts anderes ist als Tod und Zerstörung; er will da- her auch nicht, daß seine Tochter sich vermähle. In ihr aber liegt das Princip des Lebens und der Liebe; deßhalb läßt sie ihren Geliebten, wenn auch noch so oft von ihrem Vater getödtet, doch immer wieder aufleben, und so wird sie, obschon ursprünglich liebevoll, doch zu einer Personification des unaufhörlichen Streites und Wechsels von Leben und Tod in der Welt. In Betreff des Brisin- gamen bemerkt der Verf. , daß nach einem Bruchstück aus des Skalden Ulf Gesang Heimdall mit Loki um Freyjas Halsschmuck kämpfte, und zwar beide im Meere in Robbengestalt. Bleibe nun auch diese Eobbensymbolik unverständ- lich, so weise doch der Gegensatz zwischen dem Himmelswächter Heimdall und dem teuflischen Allverschlinger Loki darauf hin, daß der eine den Ring der Zeit festhalten, der andere ihn zerreißen will. Die bisherigen Erklärungen des Brisingamen seien ungenügend und meist aus der Luft gegriffen. Nur Uhland (Sagenforsch. 20. 103) habe das Richtige wenigstens genannt, indem er in dem bösen Loki das Ende, im Heimdall den Anfang zu erkennen glaubte; das sei richtig in Bezug auf den Kampf beider Gottheiten um das Halsband. Loki will dem Zeitverlauf ein baldiges Ende bereiten, Heimdall (d. i. der Welttheiler, der zwischen Himmel und Erde, Jenseits und Diesseits, Ewigkeit und Zeit theilt) will die Zeit zum natürlichen Ende kommen lassen, und deßhalb reißen sie sich um den Ring. — Fünftes Buch: Herein ragen der Ewigkeit in die Zeit. Es bespricht die sich an die SonnenAvende knüpfenden mannigfachen Vorstellungen, sowie die Heimchen (die auch Pflanzenseelen sind), die wilde Jagd u. s. w. Hinsichtlich der Dame Habonde oder domina Abundia bemerkt Menzel, daß der Name wohl deutsch sein und die abendliche oder Nachtseite derselben guten Göttin bedeuten dürfte, deren morgentliche oder Lichtseite in der Fee Morgana hervortrete; diese sei der Morgen, jene der Abend. — Sechstes Buch: Die Saturn allen. Es handelt von der Frei- LITTERATUR. 363 heit und Gleichheit aller Menschen zur Zeit der Sonnenwenden, der Verwand- lung der Elemente, sowie der Thierp und Menschen zu jener Zeit des Jahres, den gegenseitigen Besuchen der Menschen und Götter u. s. w. — Demnächst folgt des Werkes zweite Abtheilung: „Die orientalischen Uusterb- lichkeitslehren". Erstes Buch: Vorderasiatische und egyptische Unsterblichkeitslehren. Es wirft auch einen Blick auf die Etrusker und Kelten. Bei Gelegenheit der babylonischen Mythe von Omorka bemerkt Menzel, daß derselbe Gedanke und nahezu dieselben Namen in der Edda wiederkehren, wo aus dem Kampfe der Kälte mit der Hitze der Riese Ymir, der Inbegrifi' der gesammtcn Materie entstehe u. s. w. — Zweites Buch: Indische Un- sterbliclikeitslehre. — Dritte Abtheilung: Die altgriechische Un- sterblichkeitslehre. „In Bezug auf die Griechen, unstreitig das geistreichste Volk der alten Welt, war ich bemüht", sagt Menzel im Vorwort (Bd. I S. V), „ohne Misskeunung der Einflüsse, welche dasselbe vom Orient und auch wohl vom Norden her empfangen hat, doch in den verschiedenen Stadien seiner geistigen Entvvickelung seine Originalität sicher zu stellen. Es ist mir dabei mehr und mehr aufgefallen, daß der demokratische Geist in Athen einen nicht geringen Einfluß auf die eigenthümliche Ausbildung hellenischer Mythen und Mysterien ausgeübt hat, was bisher noch zu wenig berücksichtigt worden ist." Erstes Buch: Die cerealischen Mysterien der alten Griechen. In Bezug auf die Phäaken heißt es, daß etwas Eibisches in ihrem Wesen liege, sofern sie auf dem Meere mit Gedankenschnelle dahinfahren und den Odysseus in einer Nacht in seine Heimat bringen; allein für Eiben seien sie nicht humo- ristisch genug. Gleichwohl scheine ihre ganze Vorstellung aus unserm Norden entlehnt zu sein. ,,Nach dem Noi'den weisen uns auch andere Nachrichten. Wir haben vom paradiesischen Sonnengarten des Apollo am Nordpol der Erde oder im Nordlicht schon im Eingang dieses Werkes gehandelt, ebenso von den Hyperboreern, dem lang lebenden und seligen Volk jenseits des Nordwindes.'' Auf diesen Punkt der nordischen Abstammung verschiedener mythologischer Vorstellungen der Griechen (vgl. Menzels Odin 296) kommt der Verf. auch sonst noch zurück; so heißt es in Bezug auf die samothrakischen Weihen, daß der nordische Einfluß sich an den Namen des Orpheus anknüpfe; in ihm spie- gelt sich aber nur der bekannte Hauptgott der alten heidnischen Finnen, Wäinämöinen, ab; denn auch diesem lauschen, wenn er die Harfe spielt, alle Thiere. Auch Pythagoras, obwohl eine historische Person, sei doch ohne Zweifel zu einer Personification der ganzen orientalischen und nordischen Weisheit ge- macht worden, und es sei gewiß bedeutungsvoll, daß dabei keineswegs die orien- talische, sondern die nordische, keltische und germanische Weisheit die Haupt- rolle spiele. Man dürfe annehmen, daß der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, der in den Mysterien der Griechen gepflegt wurde, mehr nach der edlern nordischen Vorstellungsweise, als nach der Seelenwanderungslehre des Orients gemodelt worden ist. Ferner heißt es weiterhin (2, 338): ,.Sofern sie das jung- fräuliche Princip im Lichte, das Ewige und auch im Wechsel Unzerstörliche bedeutet, halte ich die griccliischc Athene dem Namen wie dem Begrifi" nach für die nordische Göttin Iduna, welche gleichfalls jungfräulich und ein Ideal sittlicher Reinheit ist. Der Cultus der griechischen Athene ist überhaupt gleich dem anderer griechischer Götter, in denen sich noch der keusche und ritterliche Charakter des Nordens ven-äth, über Thrakien vom germanischen Norden und 364 LITTER A TUR. nicht über Kleinasien und die Inseln vom Orient hergekommen. Das nordische Wort Id heißt „wieder" und die Göttin bedeutet das immer wiederkehrende ewige Licht, welches in der Nacht und im dunkeln Winter doch niemals unter- geht, sondern immer gleich schön und jung wieder da ist. . . Ich stehe nicht an, in dem Namen der Göttin (Itonia, Iduna) das Ideal schlechthin oder die reine Idee, das Höchste und Edelste in der Geisterwelt, wie das Licht in der Körperwelt, zu erkennen. 'iSeiv heißt im Griechischen sehen, tdia das Bild, aber auch das Urbild, das Ideal. Pallas, der zweite Name der Göttin, hilngt ohne Zweifel mit Baal, Belus, Apollo, Baidur zusammen, und drückt den GrnndbcgrifF des Lichten und Schönen aus". Andere auf den Norden bezügliche Stellen übergehe ich. — Zweites Buch: Orphische und Pythagoräische Unsterblichkeits lehre. Aus dem ersten Abschnitte : .»Übergang des Pflicht- bewußtseins in die Bußfertigkeit", sind bereits die sich auf den nordischen Einfluß beziehenden Stellen mitgetheilt worden. — Drittes Buch: Die dionysischen Mysterien, wovon der erste Abschnitt den bereits er wähnten ,. Zusammenhang des dionysischen Cultus mit der Demokratie in Athen" darlegt. In dem Abschnitt „Verhältniss der Dionysien zur Athene" heißt es: „Wie weit auch der noch in seiner Verklärung sinnliche und materialistische Dionysos von der rein geistigen und ewig jungfräulichen Athene abzustehen scheint, so ist er doch in der orphischen Spcculation mit ihr verbunden wor- den und das Bindeglied zwischen beiden war Nysa, das Naturcentrum im Nordpol, von wo alle Durchdringung des materiellen Raums mit Geist und Segen ausgegangen ist. . . Diodor erwähnt auch daneben einer volkreichen Stadt und läßt den Gott Dionysos, als er erwachsen ist, mit dem Volk der Nysaeer ausziehen, um die Libyer zu überwältigen. Von diesem interessanten Kriege nun haben unsere großen Akademiker, trotz ihrer weltberühmten Gelehr- samkeit, niemals das geringste Verständniss gehabt, ja davon kaum Notiz genommen. Es handelt sich aber gerade hier von einem hellen Licht, das in die Grundlehren des classischen Heidenthums fällt. Denn Diodor bringt in der geheimnissvollen Höhle zu Nysa den jungen Gott Dionysos in die engste Ver- bindung mit der jungfräulichen Pallas Athene, die seine Jugend pflegt und beschützt. Sie ist das ewige jungfräuliche Licht, die reinste und heiligste Auf- fassung des göttlichen Geistes der hellenischen Gedankenwelt. Sie muß den jungen Dionysos leiten und beschützen, weil er berufen ist, durch Selbstauf- opferung dereinst die Mensi'hheit zu erlösen. In demselben Sinne steht bekannt- lieh auch Pallas Athene dem Herakles und allen Heroen der Humanität bei. Bevor aber Dionysos seine Mission in der Menschheit beginnen kann, müssen erst die bösen Naturgewalten überwunden sein, muß die Erde erst zur Wohnstätte der Menschen bereitet sein. Dem sittlichen Kampfe muß ein Kampf mit den rohen Elementen vorangehen. Das ist nun nach Diodor der Kampf der Nysaeer gegen die Libyer, dasselbe was der Titanen- und Gigantenkrieg. Libyer aber werden die feindlichen Mächte genannt, weil Libyen für das südlichste Land galt, alles Böse aber vom Südpol herkommen sollte, wie alles Gute vom Nord- pol. . . Der Kriegszug des Dionysos nach Indien, den der späte Dichter Nonnos .im ausführlichsten beschrieben hat, spiegelt uns wahrscheinlich jenen ältesten Krieg der Nysaeer wieder ab". — Viertes Buch: Die Gräbersymbolik der alten Griechen. — Wir kommen nun zu der vierten Abtheilung: Die altdeutsche Unsterblichkeitslehre, worüber sich Menzel am LITTERATUK. 365 Schluß des Vorworts folgendermaßen äußert: „Neu sind im vorliegenden Werke vorzugsweise auch die Forschungen über die altdeutsche Unsterblichkeitslehre. Hier war am meisten aufzuräumen. Ich glaube endlich einmal die Verwirrung der Begriffe beseitigt zu haben, in welcher man sich bisher herumgetrieben hat, ohne Weg und Ziel zu finden. In allem aber, was ich über die altdeutsche Unsterblichkeitslehre ermittelt habe, liegt zugleich der Beweis, daß unsere Vor- fahren wie in der Welt der Thaten, so in der Welt der Gedanken originell und den bedeutendsten Völkern des Alterthums ebenbürtig waren. Man wolle also mein Buch den patriotischen Bestrebungen emi-eihen, die mein ganzes Leben ausgefüllt haben. " Erstes Buch. Das Kechtsverhältniss zwischen Zeit und Ewigkeit. Den ersten Abschnitt bildet „der Grundgedanke des deutschen Heideuthums", und hier heißt es so: „Die germanische Glaubens- lehre schließt ßich in ihren Grundzügen zunächst an die altpersische an. Mit dem persischen Urgeist Zaruana akarana , der nie handelnd hervortritt, son- dern die Weltlenkuug zwischen dem guten und bösen Princip, Ormuzd und Ahiiman, theilt, und dem Altvater der nordischen Edda, der ebenso indifferent bleibt und für sich erst den bösen Odin, nach diesem aber den guten Baidur die Welt regieren läßt, besteht eine auffallende Übereinstimmung. Man findet aber auch eine Anlehnung der nordischen Glaubenslehre an die altägyptische, wenigstens insofern, als Seb, wie wir oben sahen, den Ägyptern zugleich als das böse Princip und als die personificierte Zeit galt. Diese Vorstellung kehrt im nordischen Ileidenglauben wieder; denn auch Odin ist die personificierte Zeit. In der weitern Ausführung der Grundgedanken weicht aber der Norden von Persien wie von Ägypten ab und nähert sich der griechisch-römischen Vor- fitellungsweise. Als die Eömer nämlich mit den Deutschen bekannt wurden, glaubten sie in deren Hauptgott Odin ihren Mercurius wiederzuerkennen, und ihre Geschichtschreiber haben ihn auch nie anders genannt. Im Mercur liegt aber wieder deutlich der Zeitbegriff des Fortschreitens der Zeit im ewigen Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter. Von besonderm Interesse ist hier, daß sich die Griechen und Römer ihren Hermes und Mercur ebenso vorzugsweise schlau und rücksichtslos gedacht haben wie die Deutschen ihren Odin, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihn nicht zu ihrem höchsten Gott machten und auch nicht vorzugsweise zu ihrem Heerführer und Kriegsgott." Weiterhin bemerkt der Verf.: „Der Gegensatz, in welchem Frigg und Bryn- hildur sich mit Odin befinden, der Gegensatz einer rechtschaffenen Frau und edeln Jungfrau gegen den Egoismus und die rücksichtslose Willkür des Mannes, entspricht auf merkwürdige W^eise dem in den griechischen Mysterien, besonders in den Eleusinischen, vorherrschenden Gedanken, das Recht wurzle im weib- lichen Principe, Freiheit und Willkür dagegen im männlichen. Ich habe darauf bei Betrachtung des Mythus von Demeter und Persephone aufmerksam gemacht, im deutschen Heidenglauben tritt aber der Gegensatz noch deutlicher und schärfer hervor. . . Derselbe Gegensatz wiederholt sich im VerhältnijS Odin's zu Baidur. Wenn der letztere ein Sohn Odin's genannt wird, so wird dadurch nur angedeutet, daß wir uns Baldur's Tod als einen Vorgang innerhalb der Zeitlichkeit unter Odin's Herrschaft denken sollen. Beide Götter sind einander im Princip so entgegengesetzt, daß sie wie Oimuzd und Ahriman jeder seinen besondern Zeitraum beherrschen sollten. Man ließ aber den Baidur noch in Odin's Zeit leben und sterben, um seinen Tod durch die Nichtswürdigkeit der GERM.\NIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 25 366 LITTERATUR. odinischen Weltlierrschaft zu motivieren. Denn Baidur starb aus keinem andern Grunde, als weil er zu gut für diese Welt Odin's war. Deshalb soll er nun auch wieder aufleben und die Welt dauernd beherrschen, wenn erst Odin todt sein wird." Ferner bemerkt Menzel, der größte Unterschied zwischen der ger- manischen und griechischen Anschauung bestehe darin, daß nach der erstem die Freuden in Walhalla keineswegs ewig dauern, daß vielmehr alle seine Genossen mit Odin selbst im letzten großen Weltkampfe untergehen sollen, Allvater aber einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Diese Bescheiden- heit des nordischen Kraftgefühls sei ein schöner Charakterzug des Germanismus ; man unterschied die Lust des Kampfes, die einen ewigen Werth nicht anzu- sprechen hat, von dem sittlichen Adel des Helden. Nur diesem letztern kommt der ewige AVerth zu, und zwar um so gewisser, als er im irdischen Lebeu unter der Herrschaft Odin's von diesem selbst mit Hass verfolgt und mit Ge- fahren umringt wurde. Indem am Ende der Zeit der allherrschende böse Odin untergehen muß, steht der durch den Adel der Seele über das Gemeine er- habene Held in Baldr wieder auf, und nur deshalb tritt er auch schon im irdischen Dasein in innige Verbindung mit der Göttin, welche ewigen Ursprungs und berufen ist, die Zeit und Odin's Herrschaft zu überdauern, doch, so lange dieselbe währt, unter ihr leiden muß. — In dem Abschnitt „Von der Sonnen- anbetung" will der Veif. den Cultus der Sonne, als der höchsten weiblichen Gottheit im deutschen Heidenthum, aus einer „Ungeheuern" Menge von über- einstimmenden Zeugnissen nachweisen, denn nicht nur fremde, sondern auch deutsche Gelehrte haben bis auf die neueste Zeit den tiefgreifenden Unter- schied nicht begriffen, und suchen immer noch männliche Sonnengötter in den altnordischen Edden und Saga's und in den heidnischen Erinnerungen des deutschen Volkes. Der Grund, warum man im Süden die Sonne männlich, im Norden weiblich dachte, liege aber nahe. Im Süden übt die Sonne eine über- wältigende Macht und erscheinen der Norden und die Nacht mit ihrer Kühle und ihrem Monde zwar untergeordnet, aber wohlthätig und erfrischend; im Norden haben umgekehrt Nacht und Kälte das Übergewicht und erscheint ihnen die Sonne mit ihrer Wärme und Fruchtbarkeit untergeordnet, aber wohl- thätig und in hohem Grade anziehend. Die Macht wird im Manne, der Liebreiz im Weibe verehrt. In dem folgenden Abschnitt: „Die Bedeutung der Sonne im deutschen Heidenglauben", bemerkt der Verf., daß, unter wie vielen außer- ordentlich verschiedenen Gestaltungen und Namen in den uns erhaltenen schrift- lichen Denkmalen, in den mündlichen Volkssagen und im Aberglauben die altdeutsche Sonnengöttin auch vorkommt, sie sich doch alle auf eine einzige ursprüngliche Bedeutung zurückführen lassen; sie vertritt nämlich überall nur das Ewige innerhalb der Zeitlichkeit oder das Himmlische im Irdischen. Alle andern Gottheiten des deutscheu Heidenthums (der unsichtbare Allvater und der todte Baldr allein ausgenommen, die gar nicht mehr als vorhanden an- gesehen werden) gehören ausschliesslich der vergänglichen Zeit und dem ver- gänglichen Raum der gegenwärtigen Welt an und beherrschen sie; nur die Sonne allein gehört der Ewigkeit und einer höhern bessern Welt im Jenseits an, welche jetzt mit Allvater und Baldr verschwunden erscheint, und aus der sie durch eine Verwünschung in die niedere Welt und in die böse Zeit hinein- gebannt ist, um in aller Noth derselben doch den Menschen Trost und Hilfe zu bringen und sie stets daran zu erinnern, daß es noch eine höhere und LITTERATUR. g§7 bessere Welt gibt. Vermöge ihrer Verwünscbung muß die Sonne, so lange die Zeit dauert, ihren Kreislauf beständig wiederholen, gleichsam eine Gefangene innerhalb der Zeit und unterworfen dem allmächtigen Zeitgott Odin, der jetzt unumschränkt allein herrscht, der einst untergehen muß, wenn die Zeit aufhört. Nur in den heiligen Stunden der Sonnenwenden und Tag- und Nachtgleichen ist es der Sonne vergönnt, von ihrem mühsamen Lauf ein wenig auszui'uhen, und dann steht auch die Zeit stille oder ist gar nicht mehr vorhanden, sondern an ihre Stelle tritt die Ewigkeit und Allgegenwart des Vergangenen und Künf- tigen. — Zweites Buch: Sehnen und Suchen des Ewigen in der Zeit. Der erste Abschnitt handelt von „Iduua's Fall vom Himmel". Das Lied von Odin's Eabenzauber schließt damit, wie am Morgen die Sonne prächtig am Himmel aufgeht, die Nacht entflieht, und froh und erfrischt steigt Heimdall nieder zu den Himmelsbergen, Darin ist deutlich ein Zusammenhang zwischen jenem trostlosen Fall Iduna's und der Sonne trostreichem Wandel ausgedrückt. Die vom Himmel Verstoßene wird für die Erde eine hilfreiche Göttin. Daß so unmittelbar auf die Erzählung des Falls die prächtige Beschreibung des Äforgens und des segnenden Sonnenaufgangs folgt, ist nicht zufällig. x\uch heißt es in dem Gedichte Str. 6, Iduna sei der Name, den die Göttin bei den Alfen führe, und Strophe 26 wird die aufgehende Sonne wieder ausdrücklich die Alfen- bestrahlerin genannt. Iduna wird also Sonne; die jungfräuliche Göttin, ganz der Pallas Athene ähnlich, steht über allen Göttern, Avird daher von allen wie fremd betrachtet, Sie kommen in große Noth und Angst und wissen nicht was sie thun sollen, indeß Iduna sich für sie opfert und von der Weltesche nieder- steigt, um die Welt zu segnen, welche durch die Sünde der Äsen verdorben wurde, Sie allein weiß und thut alles, während die Äsen zagen; da fühlen sie sich plötzlich von höherer Macht ergriffen und fallen in tiefen Schlaf, und als sie wieder erwachen, sehen sie staunend die Sonne aufgehen, deren Entstehen und Bedeutung sie nicht kennen. Weiterhin bemerkt Menzel, daß die rauhe Trude dasselbe Wesen scheine wie die rauhe Else und insofern mit Iduna identisch ist, als auch diese im rauhen Kleide, im Wolfspelz eingehüllt er- scheint, nachdem sie vom Himmel herabgefallen. Im Wolfspelz erkennen wir die Wolfsgestalt wieder, welche Leto, die Urnacht, annahm, als sie aus dem Lande der Hyperboreer jenseits der Nordwinde flüchten mußte, um im Osten die Lichtgötter, Sonne und Mond, zu gebären. Derselbe Mythus sogar mit dem- selben Namen kehrt wieder in einem böhmischen Märchen bei Waldau S. 502 und so noch in vielen andern Mäichen und Sagen, z. B. bei Grimm No. 65 „Allerlei rauh" u. s. w. Der Sonnengöttin werden wir bald wieder begegnen so gleich in dem folgenden Abschnitt „Lufthildis", in deren Sage der schlafende Kaiser wie der im Kyffhäuser und im Uuterberge nichts anderes als den schlafen- den Chronos, den nordischen Allvater, den in der Zeitlichkeit latenten Gott der Ewigkeit bedeutet, Lufthildis, deren Name eine Hilde oder Kämpferin der Luft anzeigt, ist die Sonne, welche während der Zeitlichkeit umläuft und den um- laufeneu Raum beherrscht: als Spinnerin spinnt sie alle Lebensfäden an und webt der Erde ihr Kleid, Ihre Spindel ist der Pflug, den die Mutter Perchta um die Erde zieht mit dem unzähligen Volke der Heimchen , d. h, der Keime und Saaten; der Hirsch ist das Sinnbild der Zeit. Nun wird auch das Sinnbild des großen Spinnrockens am Himmel (das Sternbild des Orion) deutlicher. Während im Nordpol am Himmel Allvater schläft, bewegt sich jener himmlische 25* 368 LITTERATUR. Spinnrocken im weiten Kreise um ihn her; während die Ewigkeit in einem Punkte ruht, l^mschrcibt die Sonne die Kreislinie der Zeit. Beachtenswerth dabei ist die Güte Lnfthildens, ihre Sorge für die Armen und ihre Heilkunde. Das stimmt auf das genaueste mit allen unsern zahlreichen Volkssagen von der in der Verbannung lebenden Sonnengöttin, der guten Spinnerin Bertha, der heil- kundigen Hildegard u. s. w. zusammen. — In dem Abschnitt „Freyja" äußert sich der Verf. dahin, daß das gothische Wort fr au ja die Frau, überhaupt die Herrin bedeute, und insofern die Liebesgöttin Freyja und die Gemahlin Odins, Frigg, zusammenfallen; sie sind beide Herrinnen, aber in verschiedenen Gebieten. Indem man sie miteinander verwechselt habe, sei viele Verwirrung in die Er- klärung ihrer Mythen gekommen, hauptsächlich dadurch, daß man geglaubt liat, in ihrem Geliebten Odur oder Ottar sei Odin versteckt und insofern Freyja auch mit der Frigg ursprünglich identisch. Das sei eine falsche Auffassung; man müsse das Götterpaar Odin-Frigg ganz bei Seite lassen, wenn man den Begriff der Freyja richtig fassen wolle; der Umstand, daß in nordischen Quellen einigemal von der Frigg und Freyja dasselbe erzählt werde, obgleich es nur auf eine passe , sei durchaus nicht maßgebend. Als Endeigebniss der Unter- suchung zeige sich, daß Freyja, eine Vanin und ursprünglich den nordischen Äsen fremd, neben Freyr wie Köre neben Koros von südlichen und acker- bauenden Völkern verehrt, in einer unbekannten Zeit von den nordischen Völkern adoptiert und auf die Sonnengöttin übertragen wui-de. Das ewige Wesen in der Sonne verliert von seiner Reinheit und nimmt einigermaßen zeitlichen Charakter an, indem sie gerade im höchsten Sonnenstände ihre meiste Gewalt in der Natur ausübt. Das hindert aber nicht, daß in Freyja auch wieder jener ewige Charakter festgehalten wird ; ihr Verhältniss zum verlorenen Odur ist unter anderm Namen nun ganz dasselbe, wie das der Nanna zum verlorenen Baidur. Endlich geht Freyja aus ihrer ursprünglich untergeordneten Stellung als Vanin weit hinaus und wird unter dem Namen Hacberta die höchste Gottheit selbst, über allen andern Göttern erhaben und unter dem Namen Valfreyja als Königin der Walkyrien oder als die Fee Morgane die von allen andern Göttern unab- hängige Beschützerin der edelsten menschlichen Helden, wie Pallas Athene bei den Griechen. Dieses Ineinanderschieben so vieler Namen und Begriffe dürfe eben nicht befremden, denn es seien doch nur alles Nebenbegriffe, abgeleitet aus dem alleinigen Begriffe der Sonne. — Drittes Buch: Die Erlösung am Ende der Zeit. Nachdem der Verf. bisher die mythischen Vorstellungen verfolgt hat, die sich auf den Lauf der Sonne beziehen, so kommt er hier auf die zahlreichen andern zu sprechen , in welchen die Sonne als an einem bestimmten Punkt des verlorenen Geliebten harrend gedacht ist; so handelt der zweite Abschnitt von der „verwünschten, auf ihren Erlöser harrenden Jung- frau", und der Verf. bemerkt in dieser Beziehung, daß das Wesen der betreffen- den Göttin „bisher noch niemals richtig erkannt, die überwältigende Menge von Beweisstellen, wie er sie im gegenwärligen Werke vorlege, noch niemals zusammengeti-agen wurde". Über Menglöd und Fiölsvinnsmäl bemerkt der Verf., daß die harrende Jungfrau niemand anders sei als jenes Wesen, das wir schon als Iduna, Nanna und Brynhild kennen, und das Lied uns in die Zeit versetze, in welcher Iduna's Verbannungszustand endet, sie axis der Zeitlichkeit befreit und zur ewigen Heimat zurückgeführt wird. Ihr Erlöser aber ist der lang- ersehnte Geliebte, nicht mehr Skirnir noch auchSigurd, sondern Baldr, der ein- I^ITTERATUR. 369 zige Gott, der die andern überleben wird. — Viertes Buch: Altdeutsche Grräbersymbolik. — Demnächst folgt die fünfte und letzte Abtheilung: Die Apotheose ein ausschliesslich griechisch-germanischer Ge- danke. Hier äußert sich der Verf. in Bezug auf Sigurd dahin, daß er, das germanische Ideal eines Jünglings, sich von Achilleus dunh schwerere Arbeiten und Kämpfe unterscheide und darin dem Herakles näher komme, sich aber von beiden durch sein Verhältniss zu der großen Blutrache unterscheide, die nach der germanischen Weltansicht die ganze Weltgeschichte durchläuft, mit ihr beginnt und endet; diese Blutrache aber ist Buldr"s Mord für Ymir's Mord, sowie der Mord Sigurd's die Blutrache ist für den Otr"s. Der Gedanke, wenn die Zeitlichkeit bestehen sille, müsse, was in ihr das Piincip des Ewigen in sich trägt, hingeopfert werden, scheint tief in Gemüth und Sitten eingeprägt gewesen zu sein. Für die Materie (Ymir) muß der Geist in seiner höchsten Reinheit und Schönheit (Baldr), für das gemeine Lebensbedürfuiss (das Gold, Otr) das höchste Ideal menschlicher Unschuld, Reinheit und Gottähnlichkeit (Sigurd) geopfert werden. Sigurd's Arbeiten und Kämpfe sind noch niemals richtig verstanden worden. Der Grundgedanke ist: Sigurd, als der wahre Ver- treter und das Ideal menschlichen Heldenthums, berührt den Himmel und die Hölle, dringt mit seinem angeborenen Heldenmiah bis zur Höhe des Himmels und in die tiefe Nacht der Erde, um dort wie hier sich das Herrlichste und Köstlichste anzueignen. Die Sage, deren Gunnar eine andere Form für Loki ist, hat in die Heldenzeit versetzt, was ursprünglich Göttermjthus war, — In dem letzten Abschnitt dieses Buches und des ganzen Werkes wird über die Fee Morgana bemerkt: „Wie sich das Gegenbild zu Brynhilldur an den Ge- staden der Nordsee ausgebildet hat, ob vielleicht unter keltischem Einfluß, ist nicht mehr zu ermitteln. Gewiß aber ist, daß die Fee Morgana in einem rei- chen keltisch-germanischen Sagenkreise ebenso edel als Brynhilldur und ebenso besorgt um den höchsten Adel menschlichen Heldenthums wie sie, doch zugleich im Besitze höchster und unumschränkter Macht ist und keinen bösen Gott neben sich mehr zu fürchten hat. . . Sie ist wahrscheinlich die Sonnengöttin, aber das ewige Princip in der Sonne, während das zeitliche Princip in dieser im Wechsel von Sommer und Winter, Tag und Nacht in andern mehr leidenden Sonnen- göttinnen personificiert ist. . . Da sich die Luftspiegelung am häufigsten am Morgen zeigt, bedeutet der Name der Göttin auch wohl nur einfach den Mor- gen. . . Was die edle Brynhilldur für Sigurd, das ist die Morgane für den Ogier von Dänemark, der auch Olger Danske heißt. . . Es scheint sich hier von sehr alten und wohl später vielfach umgemodelten Erinnerungen zu handeln. Däne- mark dürfte schwerlich die Heimat des Helden sein. In dem Wort Danske liegt vielmehr der Begriff eines mit der Geisterwelt in Verbindung kommenden Hel- den, wie der Temmringer, Ritter Tynne, der Tannhäuser, Thomas von Ercel- doune etc. beweisen. Im Namen des irischen O'Donoghue sind die Namen Danske und Ogier nur versetzt *). . . Die Namen führen weit zurück in die dunkelsten Erinnerungen der Vorzeit unserer Urväter in Asien. Am auffallendsten ist eine persische Erinnerung." Dies ist die Sage von Thamuras oder Thahamurath, die der Verf. bereits Bd. I S. 220 besprochen hat und auf die ich unten des weitern zurückkomme, weshalb ich hier auch noch den auf dieselbe bezüglichen *) Warum hat M. nicht auch angeführt, daß die Todten gr. Jävot, heißen? 370 LITTERATÜR. Schluss des ganzen Werkes mit Auslassung weniger Worte vollständig mittheilen will. „Es ist gewiß merkwürdig, heißt es daselbst, daß die Vorstellung von einer himmlischen Huldgöttin, die einen Sterblichen liebt und, wenn er es verdient, in ihren Himmel emporzieht, sich auch sogar in Märchen des Orients wieder- holt. Sie sind wohl nicht erst aus dem Abendland entlehnt, sondern, wie die altpersische Sage von Tamureh beweist, wenigstens bei den tapfern Stämmen Mittelasiens, von wo Griechen und Germanen ursprünglich herkamen, einheimisch- Es scheint in der Natur selbst zu liegen, daß heroische Völker oder wenigstens das heroische Zeitalter eines Volkes auf solche Vorstellungen fallen müssen. Irdischer Lohn und Ruhm scheint zuweilen zu gering, um den würdig belohnen zu können, der mehr vollbracht hat, als der gewöhnliche Mensch vermag. Aus diesem Gefühl ging die Apotheose des Herakles und Achilleus hervor, und warum sollte dasselbe Gefühl nicht auch im Orient Helden durchdrungen haben? Die poetische Vorstellung von der die Helden schirmenden Huldgöttin hatte aber auch noch ein anderes Motiv , wie es in der nordischen Sage von Bryn- hilldur vorliegt. Gegenüber dem offenen Unrecht, welches von den die Zeitlich- keit beherrschenden Göttern und Königen begangen wird, besteht ein uralter Bund zwischen sterblichen Helden, die sich gegen das Unrecht empören, und der jungfräulichen Göttin des ewigen Rechts, das zwar durch übermächtige Bosheit im zeitlichen Leben unterdrückt werden kann, doch alles Zeitliche über- dauern wird. Solchen heroischen Gefühlen waren auch die kriegerischen Völker des Orients keineswegs verschlossen. Wenn sie auch mit dem verhältnissmäßig später zur Herrschaft gelangten religiösen Systeme der Brahmanen, des Budd- hismus und des Islam nicht übereinstimmen, so haben sie sich doch durch Überlieferung in der Märchenpoesie fortgepflanzt. Die Tradition geht wohl zu- meist auf skythische und altpersische Vorstellungen zurück. Die Perser waren ein Heldenvolk wie die Germanen, und vieles von ihnen ist in die heroische Poesie der Muhamcdaner übergegangen. So die Lehre von den himmlischen Schutzgeistern, welche die muhamedanische Poesie unter dem Namen der Peri noch immer als mächtige Feen kennt, ganz ähnlich der abendländischen Fee Morgane. Es gibt eine gute Anzahl morgenländischer Märchen, in welchen die den jungen Helden beschützende Fee als Königin des Himmels in der freiesten und machtvollsten Stellung erscheint. AVeil aber diese Märchen nur zur Unter- haltung der Damen in den Haremen aufgezeichnet und umgearbeitet wurden, so enden sie gewöhnlich damit, daß die hohe Himmelskönigin sich gutmüthig herablässt, dem sterblichen Manne in seinen Harem zu folgen und die Zahl seiner Weiber zu vermehren. . . Diese trivialen und eigentlich absurden Schluss- scenen, mit welchen die spätem morgenländischen Dichter die schönen alten Märchen verunstaltet haben, sind sichtbar nur aufgeklebt, und ein edleres Original läßt sich immer deutlich trotz de;- Übertünchung erkennen." Hiermit schließt das Werk , von dem ich im Vorstehenden eine ge- drungene Übersicht gegeben, sowie dabei einige charakteristische Stellen her- vorgehoben und meist wörtlich mitgetheilt habe. Man wird daraus auch unter anderm ersehen, daß dasselbe sich mit der frühern Arbeit Menzel's über „Odin" sehr oft berührt und auf darin ausgesprochene Ansichten zurückkommt oder sie weiter entwickelt, so daß beide Schriften sich dann gegenseitig ergänzen, was deutlicher hervorträte, wenn der „Odin" irgend ein Inhaltsverzeichniss oder Register besässe. Außerdem wird man leicht ersehen haben , daß in der vor- LITTERATUK. 371 liegenden Arbeit, abgesehen von der sehr willkommenen Zusammenstellung der unter den verschiedenen Völkern des Alterthums über den behandelten Gegen- stand herrschenden Vorstellungen , von dem Verf. auch mancherlei neue An- Bichten über dieselben mitgetheilt sind , obwohl im Obigen sie nicht sämmtlich haben berührt werden können. Ob dieselben auch als begründet erscheinen, darüber wird man freilich zuweilen verschiedener Ansicht sein; auf einen Umstand aber muß ich hier aufmerksam machen, der dabei in Betracht kom- men muß, insoweit nämlich jene Ansichten des Verf. durch Anführungen aus mancherlei Schriftstellern gestützt sind. Nun ist es fast unmöglich, die große Zahl von Citaten, die sich gewöhnlich in gelehrten Werken vorfinden, zu con- trollieren; und auch im vorliegenden Falle habe ich nur hin und wieder, wo auffällige Thatsachen oder Umstände mitgetheilt waren, dieselben in den dabei angegebenen Quellen nachgesehen, dabei aber oft entweder das Gesuchte gar nicht, oder etwas ganz Anderes gefunden, was dann allerdings zuweilen auf die Haltbarkeit der betreffenden Ansichten einen sehr abschwächenden Einfluß haben muß. Einige Beispiele sollen dies beweisen; so heißt es 1, 51: „Im Hohenlied 6, 10 tönt die Sonne." Davon steht daselbst nichts; bei Luther wenigstens heißt es: „auserwählt wie die Sonne", und Ernst Meier (Das Hohelied u. s.w. Tübingen 1854), der da übersetzt „so rein wie die Sonne", bemerkt nichts zu dieser Stelle. Was es mit dem Psalm 19, 5 „Klang" für eine Bewandtniss hat, weiß ich nicht zu sagen, da ich keinen Commentar zur Hand habe; Luther übersetzt „Rede", die englische Bibel hat „words". — 1, 60: „Nach einer dänischen Sage in v. d. Hagen's Jahrbuch der deutschen Sprache und Alter- thümer S. 360 erscheint der Mond als ein Käse, der aus der Milch der Milch- straße zusammengeflossen ist." An jener Stelle (Bd. 1) heißt es aber so: „In Holberg's Prinzen von Ithaka erzählt ein Kammerdiener der Dido von seiner Reise durch den Himmel: der Mond schien ihm von dem schönsten holländi- schen Käse, dabei so dünn als ein Fladen und größer als er gedacht, so daß unsere Anne Marie mit ihrer breiten Sittsamkeit, zumal im Reifrock, ihn be- decken könnte; aus der Milch der Milchstraße aber, welche von dem Stier und der Jungfrau am Himmel gemolken wird, macht man die Käse, um den ab- nehmenden Mond wieder zu ergänzen." — 1, 67: ,,Glasir heißt der goldene Wall um die Götterburg der nordischen Aseu. Skaldskaparmäl." Ebenso schon im ,,Odin" 267. In der angeführten Stelle steht jedoch: ,,In Asgard vor der Pforte Wallhalls steht ein Hain, welcher Glasir heißt (I Asgardi firir durum Valhallar stendr lundr, sä er Glasir kalladr)." — 1, 89: „Auch Strabo VII, 341 kennt den Garten des Phoibos am' Quell der Nacht, da wo Boreas die Orithyia entführte"; ferner 1, 93: „Daß wir den Sitz dieses Urgotts (Chronos) im höchsten Äther am Nordpol suchen müssen, erhellt aus Strabo VII, 143"; ebenso schon Odin 320. Die pp. 341 und 134 im Strabo des Casaub. befinden sich im VIII. und III. Buche; dort steht aber nichts; dagegen heißt es VII, 295: „Sophokles sagt in einer Tragödie in Betreff der Orithyia, Boreas habe sie geraubt und fortgeführt über das Meer hinweg und über alle Grenzen des Erdbodens und über die Quellen der Nacht "und die Schluchten des Himmels und über den alten Garten des Phoibos." (ZocpoK?.t~^ tguyioöti: nsgi rrjc; 'Slgi&viag Xsyoov , w^ dvccQTtayiica vno Bogsov Y.o^iaQii'r] Tnio re itövxov va.vx lii iG%axa jj-doroj, NuxTOg zf 7ir]yüg ovgavov z otvanzvxuii ^ot'ßov xs naXaiov yi^nov.) — 1, 94 f.: „Plutarch in der Abhandlung vom Mondgesichte 26 zählt drei Inseln nordwestlich 372 LITTEKATUR. von Britannien. Auf der einen, Ortygia, schläft Chronos in einer tiefen Höhle. . . Er wird einst erwachen und das goldene Zeitalter zurückbringen". Von einem Bolchen Erwachen u. s. w. ist an jener Stelle des Plutarch nicht die Rede. — 1, 95. „Nach der englischen Überlieferung schläft der mythische König Arthur auf der Insel Avalen und wird einst erwachen, um sein Volk zu erlösen. Ecker- mann, Kelten II, 250." Menzel kommt noch mehrmals auf den schlafenden Arthur zurück, so 2, 377, wo dazu auf Gerv. Tilb. otia imp. 17 und Usserius brit. eccles. antiqu. 273 verwiesen ist. Das Citat auf Gervas. muß auf einem Irrthum beruhen; an der in Rede stehenden Stelle (1, 95) wird zur Verglei- ehung auf Gilbert (1. Gerv.) Tilb. bei Leibnitz scr. rer. Brunsv. 1, 921 ver- wiesen (dies ist die Odin 329 f. angeführte Stelle Gerv. Tilb. II, 12; in meiner Ausg. S. 12), wo zwar von Artus, aber nicht von dessen Schlaf die Rede ist. Die Stelle aus Usher steht bei San Marte Gottfried von Monmouth S. 426, und auch da ist von keinem Schlafe Arthur's die Rede. Eckermann spricht zwar auch nicht von demselben, aber doch von Arthur's Bezauberung durch die Fee Morgane, und verweist auf Amadis de Gaula V, 99. Dies Citat stammt aus Gräße 2, 3, 162, und da es mir interessant dünkte, die Original- stelle kennen zu lernen, ein Esplandian aber in Lüttich weder im Original noch in der Übersetzung aufzutreiben war, so wandte ich mich deshalb nach Stuttgart an Kausler, der mir freundlicherweise Folgendes mittheilte: „Eine spanische Ausgabe ist auch hier nicht vorhanden, und so gebe ich die Stelle nach einer alten italienischen Übersetzung „Le proezze di Splandiano che seguono ai quattro libri di Amadis di Gaula suo padre" s. 1. et a. (die Druck- erlaubniss ist jedoch vom Senat zu Venedig 23. Oct. 1550 ertheilt), und die Stelle steht am Ende von cap. 95 (nicht 99, welches nicht vorhanden ist) wie folgt: „(Die Zauberin Urganda beschwört aus den drei Zauberbüchern, die sie hat, von einem Thurm der Isola ferma einen furchtbaren Sturm herauf) ende si estirpö di terra quel gran castello con tutto quello spacio doue era r arco de gli leali amanti, e leuossi si in aria; e fatta tosto una grande aper- tura e uoragine ne la terra, se ne uenne, e calö giü quel gran castello insino a r abisso, doue restarono incantati tutti que' gran Prencipi, senza restarli niun de' lor sentimenti; ma di loro haueva ben quella gran sauia Vrganda cura, perche gran tempi poi le fece la fata Morgana intendere , come ella teneua incantato il Re Artu suo fratello, e la certificaua, ch' egli doueua di nuouo ritornare a regnare nel suo regno de la gran Bretagna, e che in quel tempo stesso ritornarebbono anche al mondo quel Imperatore [i. e. Splandiano] e quelli gran Re, che seco [i. e. coli' Imperatore] erano per ricuperare col Re Artu tulto quello che haueuano i Re Christiani successori della Christianitä perduto." Diese Bezauberung Arthurs ist allerdings nun wohl ein Zauberschlaf und stimmt also in diesem Punkte wenigstens mit der von mir zu Dunlop S. 541* an- geführten, muthmaßlich walisischen Sage, nach welcher Arthur in einer Höhle schlafen soll, über deren Authentie ich jedoch nichts Näheres anzugeben weiß; vgl. Gervas. S. 263 Nachtrag zu S. 151. Keinesfalls aber schläft Arthur „in der Glasbnrg auf der seligen Insel" Menzel 1, 246. — 1, 181: „Gilbert (1. Gervas.) bei Leibnitz scr. rer. Brunsv. I, 987 (1. 988) erzählt, ein Frauen- zimmer, welches Aale gegessen, habe plötzlich Alles sehen können, was unter Wasser war." An der angeführten Stelle (p. 38 f. meiner Ausg.) erzählt eine yon den draci (Flußgeistern) der Rhone geraubte, aber nach mehreren Jahren LITTERATUR. 373 unbeschädigt zurückkehrende Frau, die unten Ammendienste verrichtet hatte, „cum uno aliquo die pastillum anguiliarem pro parte dracus nutrici dedisset, ipsa digitos pastilli adipe linitos ad oculum unum et unam faciem ducens, meruit limpidissimum sub aqua ac subtilissimum habere intuitum". — 1, 237: „Die Kuh, in der nach Piutarchs Isis 39 Gott Osiris soll begraben worden sein." Bei Plut. steht nichts der Art, wohl aber bei Steph. Byz. s. v. Bov- aiQig. — 1, 246: „Die alten Kelten oder Gallier glaubten an Unsterblichkeit. . . sie gaben ihren Todten Schuhe mit für die Reise in die Unterwelt. Scott min- strelsy II, 357. Grimm Deutsche Myth. 795." Grimm führt die betreffende Stelle aus Scott an; sie findet sich (wie ich ergänze) in der Einleitung zu „A Lyke-wake dirge" und die Nachricht bezieht sich auf die Zeit der Königin Elisabeth. Wie dem aber auch sei, jedenfalls sind die Bewohner von Yorkshire, von denen an jener Stelle die Rede ist, weder Gallier noch Kelten. — 2, 25: „In der Wintersonnenwende singen die Musen im Sonnengarten des Apollo hoch im Norden und feiern die Wiedergeburt des Jahres. Diodor II, 47." Von den Musen und ihrem Gesang im Sonnengarten steht nichts bei Diodor, wie aus der von Menzel selbst 1, 87 f. angefülirten Stelle erhellt. Dasselbe Versehen wiederholt sich 2, 154. — 2, 27: „Deshalb sagen andere Quellen auch, Perse- phone' habe einen Stier geboren. Clemens von Alexandrien admonitio p. 11. Arnobius V, 11." Bei Clemens steht dies nicht, wohl aber bei Arnobius. — 2, 39: „Wie also bei den Ägyptern die besiegten Schaaren des Seb und bei den Indern die des Mahishasura zur Strafe der Seelenwanderung verurthcilt wurden, so auch bei den Griechen die Titanen, nachdem sie von Zeus be- zwungen worden waren. Dio Chrys. orat. 30. 550;" vgl. 2, 42: „Auch die oben erwähnte Nachricht, nach welcher die Seelenwanderung eine Folge des Titanensturzes gewesen sein soll, scheint nicht ursprünglich griechisch gewesen zu sein." Gewiß nicht, da bei Dio Chrysostomus nur gesagt ist, daß die Men- schen als Abkömmlinge der Titanen (nämlich des Deukalion) während ihres ganzen Lebens von den Göttern gezüchtigt würden ; sonst steht dort durchaus nichts weiter. — 2, 115: „In Sikyon wurde Dionysos als Weib angebetet. Clem. von Alex, admon. p. 25." Das sagt Clemens nicht, sondern nachdem er den Dionysios xo<(>oxl)tt).r]<; erwähnt, fügt er hinzu, daß die Sikyonier den Dio- nysos anbeten, membris cum piaeficientes muliebrihus. {Ei-Ai^avoL tovtov itQOG- v.vvovav . enl zwv yvvoci-Af^imv rd^civzsg xov dtövvaov uoqi'wv, ecpooov aia^ovg ■Kai Tjjs vßQswe a&ß(y^o7'rse ^QX^ijöv.)'" — 2, 339: „Der römische Name der Athene ist Minerva, erscheint aber mit dem der Athene und Iduna verbunden in der Minerva Itonia, bei Stephan. Byz. p. 429. Diese Göttin war als Patronin der Köotier zu Iton hoch verehrt. Strabo III, 639. IX, 438." Bei Steph. Byz. findet sich der römische Nnme s. v. Ixwv nicht angegeben; auch das Citat Strabo III, 639 ist zu streichen und statt 438 zu setzen 435. — 2, 368: „Die eckelhafte Rache, die derselbe (Mcnelaos) nach Lukian Wahre Geschichten II, 25 an der Helena nimmt." An dieser Stelle (2, 26) ist von der Strafe die Rede, die Rhadamanthys (nicht Menelaos) den Entführern der Helena auferlegt, nicht aber dieser selbst, was auch bei der Natur der Strafe {sv. xäv nidoKov A^aai;) unmöglich gewesen wäre. — 2, 378: „Die Insel (Avallon) wird von Pseudo-Gildas als paradiesisch geschildert. . . . Hier regiert Morgane als die jungfräuliche Königin (regia virgo) und als die Schönste unter den Schönen .. . und \cm ihr soll einst wie des Artus Wiedergenesung, so die Heilung aller 374 LITTEKATÜK. Wunden der Zeit und die Wiedergeburt in der Ewigkeit bewirkt werden. San Marte a. a. 0." Von letztern Umständen steht durchaus nichts an jener Stelle (Gottfr. von Monmouth S. 426 nach Usher), wo es blos heißt, daß die unge- nannt bleibende königliche Jungfrau, nachdem sie Arthur geheilt hat, sich mit ihm verbindet und dort noch mit ifeaa zusammenlebt (Immodice laesus Arthuru» tendit ad aulam — Regis Avallonis, ubi virgo regia vulnus — lUius tractans, sanati membra reservat — Ipsa sibi, vivuntque simul, si credere fas est). Bei dieser Gelegenheit will ich bemerken, daß die älteste Erwähnung von Arthurs Versetzung nach der Insel Avallon bei Layamon V, 111 p. 144 vorkommt: „Und ich will nach Avallon fahren zur holdseligsten aller Jungfrauen, zu der Königin Argante, der sehr schönen Elfin." (And ich wuUe uaren to Aualun; - — to uairest alre maidene, — to Argante peve quene; — aluen swide sceone). Man bemerke, daß Morgane hier Argante heißt, und ebenso wenig wie bei Pseudo-Gildas und sonst noch als Arthurs (Halb-) Schwester, wie es in spätem Eitterromaneu der Fall ist, bezeichnet wird. Ursprünglich dürfte sie jedoch, wie mir scheint, identisch sein mit der irischen Kriegsgöttin Morrigan, die gleich ihren Schwestern sich oft einen berühmten Helden zum Geliebten oder besondern Günstling erwählte. S. Hennessy in der Revue Celtique. Paris 1870, No. 1 p. 32 ff.: „The Ancient Irish Goddess of War". — 2, 380: „Da nun Ogier der Däne in den vielfachen Dichtungen, die ihm im Mittelalter gewidmet wurden, als ein Liebling der Fee Morgane zuletzt in deren Himmel oder Paradies gelangt und gleich dem keltischen Arthur im Schlafe von ihr bewacht wird, um die goldne Zeit des Kitterthums zu erneuern u. s. w. " Ogier erscheint nirgend als im Schlafe von der Fee Morgane bewacht. — 2, 384 f. Ich habe die ganze Stelle, die den Schluß des Werkes bildet, bereits oben (S. 370) mit- getheilt, und muß hier nur bemerken, daß es in der Sage von Thahamurath (Thamuras s. Menzel, 1, 220. 2, 381), wie sie Herbelot s. v. (Deutsche Übers. 4, 460) erzählt, so heißt: „Nachdem er auf diese Art die Merdschane in Frei- heit gesetzt hatte, bewog ihn diese Fee zu einem neuen Kriege gegen Hudkonz, einen andern Riesen, der sein (1. ihr) Feind war. Bei dieser Zwistigkeit fand der große Thahamurath das Ende seiner Siege und seines Lebens, und hinter- ließ seinen Nachfolgern das Modell von einer Monarchie, die ihres Gleichen nicht hatte." Wir sehen also hier, daß Thahamurath auf Veranlassung der Fee blos sein Leben verliert, keineswegs aber von dieser mit ihrer Liebe beschenkt oder gar in ihren Himmel emporgezogen wird, so daß alle Folgerungen, die von Menzel an diese persische Sage geknüpft werden, sich als unbegründet erweisen. Es wäre also wohl zu wünschen gewesen , daß der Verf. sich eine größere Genauigkeit bei Benutzung seiner directen oder indirecten Quellen hätte angelegen sein lassen, zumal wo diese, wie einige der angeführten Bei- spiele zeigen, nicht unwichtige Punkte betreffen. Ferner wäre es vortheilhaft gewesen, wenn Menzel von allen so genannten keltischen Quellen ganz und gar abgesehen hätte, insoweit diese nämlich der frühern, freilich auch jetzt noch nicht ganz ausgestorbenen Schule angehören, wie z. B. Eckeruiann, de la Villemarque n. s. w., welche letztern beiden von Menzel nur gar zu oft noch angeführt werden. Die letzten Arbeiten des trefflichen A. Schulz (San Marte) zeigen, welche Ansicht er jetzt von jenem Kelticismus hegt, dessen Nichtigkeit darzulegen er selbst außer andern Forschern wie Wright, Stephens, Nash, Watts u. s. w. nicht wenig beigetragen. Auch die Etymologien des Verf., von denen LITTERATUR. ^ 375 oben mehrere mitgetheilt worden und wozu auch gehört ragnarok Rauch der Recken 1, 140, Mistral 2, 311, vgl. Diez Etymul. W. B. vol. I s. v. Maestro u. s. w. sind oft unzulässig oder doch sehr gewagt, jedenfalls hätte Menzel besser gethan sich möglich fern davon zu halten oder doch mit mehr Vorsicht zu verfahren; es ist dies ein ebenso verlockendes wie schlüpferiges Gebiet. — Ich komme nun zu einigen weitern Bemerkungen, die sich mir beim Lesen des Buches dargeboten und die vielleicht nicht ganz unwillkommen sein werden ; «0 z. B. zu 1, 29: „Schuß in die Sonne" s. A. Kuhn „Der Schuß auf den Sonnenhirsch" in Zachers Zeitschr. Bd. I bes. S. 91 f. 94 f. — 1, 41: „Die alten Perser dachten sich den im Norden ihres Reiches aufsteigenden höch- sten Gipfel des Kaukasusgebirges, Albordj (heute noch Elborus genannt) als den Urberg, der in der Mitte der Welt bis zum Himmel emporwachse, wo ihr höchster Gott Ormuzd im ewigen Lichte wohne, von wo Sonne, Mond und Sterne ausgehen und wohin sie wieder zurückkehren. Schwenck, Fers. Myth. 293. Ritter, Erdkunde VIII, 44." Von den Orkanen und Gewitterstürmen, die dagegen im Osten, besonders in den Alpenländern des Belur-tagh furchtbar wüthen, spricht Ritter, Asien VII, 433. Anders nun bei Roskofi" Gesch. des Teufels 1, 118: „Von Norden kam Frost, Schnee, Wüstenwind, die Schaar der Räuber; im Westen ging die Sonne unter, da war der Sitz der Finsterniss, des Todes; wo aus den vulkanischen Gipfeln des Eiburs*) die Rauchsäulen empor- stiegen, wo verwüstende AA'olkenbrüche niedergingen, wo Fieber und Krankheit herrschten. Im Osten dagegen, wo die Sonne aufgeht, da wohnten die guten Geister, hier war der Ort des Lichtes, auf der hohen Kette des Belurtag „der Berg der Höhe", d. h. der heilige Berg, auf welchen sich der Sonnengott Mithra zuerst mit siegreichem Glänze setzte. Vendidad XIX, 92. XXI, 20." Ich will auch gleich hier Menzel 1, 240 hinzufügen: „Nach altper^ischer Über- lieferung im Avesta opferte das ürwesen Zervana Akarana, das Allumfassende, um einen Sohn zu bekommen, den er Ormuzd nennen wollte und der eine voll- kommene Welt erschaflFen sollte. Indem er aber opferte, kam ihm ein Zweifel an, ob das Opfer auch helfen werde. Und siehe, er bekam zwei Söhne, denn aus seiner Hoffnung entstand der gute Ormuzd, ans seinem Zweifel aber der böse Ahriman." Vgl. dagegen Roskoff a. a. 0. 1, 122: „Was Zervanakarana, die ungeschaffene Zeit, das Eine Urwesen betrifft, von welchem Ormuzd und Ahriman erst hervorgebracht worden ist, wird dies als eine durch Anquetil's Mißverständniss in die Zendschriften hineingetragene Meinung erklärt (Vgl. Jos. Müller, Spiegel, Roth, Brockhaus, Haug). Könnte man es nicht für eine spätere speculative Zurückleitung auf die Einheit betrachten, die allerdings dem Volks- bewusstsein fern gelegen? Damit stimmt überein, daß in den altern Theilen des Zendavcsta Zervan nirgend über Ormuzd gesetzt wird, daß, wie auch Döl- linger behauptet, Zervan ein der altiranischen Lehre ursprünglich fremdes Wesen ist". — 1, 86 f. Die Meer- und Himmelsexpeditiouen Alexanders des Großen, so wie die wahrsagenden Bäume finden sich schon im Pseudo- kallisthenes 2, 38. 41. 3, 17. Was erstere, nämlich das Hinabfahren in's Meer in einer Taucherglocke oder einem Glaskasten betrifft, so will ich dabei auf folgende Stelle bei Schirren, Die Wandersagen der Neuseeländer u. s. w, 1, 127 aufmerksam machen: „Von dem Verkehr zwischen Erde und Unterwelt erzählt *; Südlich vom Caspischen Meere und verschieden vom Elborus. 376 LITTERAT UR. eiu eigenthümliches Märchen in den Malayischen Annalen. Rajah Suran , mit allen Ländern der Erde bekannt geworden, wünscht zu erfahren, wie es unten in der See aussieht und läßt sich in einem Glaskasten hinabsenken. Er kommt in ein Land Dega, heiratet des Königs Tochter Putri Mahtab al Bahri und erzeugt mit ihr drei Söhne. Dann kehrt er auf dem Pferde Sambrani zur Oberwelt heim." Vgl. S. 175: „Der Glaskasten, in welchem Rajah Suran sich in das Meer senken läßt, ist die trag wie ein todter Ball sinkende Sonne, das Ross Sambrani, welches ihn aus der Tiefe emporträgt, die Sonne, welche in lebendigem Schwung aus der Nacht in die Höhe tritt." — 1, 97: Clement erzählt in seiner Reise nach Irland, „die Bevölkerung von Aran Mor glaube, im äußersten Westen liege Hy Brasail, die Insel unter Zaubermacht, das Paradies der irischen Heiden." Über diese Insel s. K. v. K(illinger), Erin 6, 346; vgl. 3, 161 S. Sie ist es wohl auch, zu welcher die irischen Mönche auf ihrer wunderbaren Fahrt gelangen bei Gottfr. v. Viterbo p. 78 ff.; cf. Acta SS. Juni 2, 184. Ferner wird in einer auf der königl. Bibliothek zu Stockholm befindlichen irischen Handschrift des 7. Jahrb., die aber viel- leicht noch älter ist, erzählt, wie ein irischer Häuptling einst an einem Baume in der Nähe seiner Burg einen goldenen mit eben solchen Blumen und Edel- steinen bedeckten Zweig fand. Er brach ihn ab und nahm ihn in die Burg mit; während er nun von Jedermann bewundert wurde, trat eine schöne Frau ein und erhob Ansprüche auf den kostbaren Gegenstand, wobei sie behauptete, er käme von einer Insel, auf welcher dergleichen Zweige sehr gewöhnlich wären und Männer und I'rauen niemals alterten. Sie rieth dem Häuptling ein Fahr- zeug auszurüsten und sie nach der Insel zu begleiten, was er auch that, indem er ein Schiff mit dreimal neun Männern bemannte. Sie langten auf der Insel an und hielten sich da einige Zeit auf, wobei sie sich so glücklich fühlten, daß ihnen die Tage verschwanden, ohne daß sie wußten, wo sie hinkamen. Endlich kehrte der Häuptling nach Irland zurück , wurde aber von Niemand erkannt, denn es waren mehr als hundert Jahre verflossen; s. G. Stephens, Förteckning öfver de förnämsta Brittiska och Fransyska Handskrifterne uti Kongl. Bibliotheket i Stockholm. Stockh. 1847, S. 18, 19. S. auch Asbjörn- sen Norske Huldre-Eventyr og Folkesagn. Tredje Udgave. Christiania 1870 S. 337 f. die vortrefflich erzählte Sage: „Skarvene fra Udröst." — 1, 119: „Der Rabe kommt sogar selbst als Lichtträger vor^ sofern er glü- hende Kohlen im Schnabel tragen soll. Lyrer Chronik zum Jahr 1191. Diese Vorstellung scheint zunächst abgeleitet vom blit/ tragenden Adler des Jupiter. " Der Feuer in sein Nest tragende Rabe findet sich auch im Talmud s. Lands- berger Die Fabeln des Sophos S. LXXXV. S. über diesen weit ausgedehnten Sagenkreis bes. Ad. Kuhn Herabkunft des Feuers u. s. w. und dazu meine Bemerkungen in Pfeiffers Germania 5, 122; Eberts Jahrb. für roman. und engl. Litter. 3, 155: füge hinzu Pröhle Unttrharz. Sagen No. 49, Gräße Sagen- schatz des Königr. Sachsen No. 288, Wuttke Deutscher Volksaberglaube §. 151 (2. Aufl.) — 1, 168: „Die wilde Jäger in Gurorysse mit dem Schlangen- schwanz." Über diese durch ein Mißverständniss Grimms entstandene Benennung der Guro Rysserova (d. h. Gudrun Stutenschwanz) s. meine Bem. in der Anzeige von Simrocks Mythol. 3. Aufl. zu S. 195 (hier oben S. 215). — S. 170. 172. Verkleidung der Männer in Weiber und umgekehrt. S. meine Bem. Heidelb. Jahrbücher 1868, S. 96. — 1, 221. Bei Gelegenheit der aus LITTERATUR. 377 Borrow's bekanntem Werke über die Zigeuner angeführten Sage vom Ursprünge derselben, fragt Menzel, ob nicht dabei an den Sieg des Themuresh über die Diws gedacht werden dürfe und an die uralten Kriege der beiden ältesten Cultur- völker in Babylon und Ägypten. Ich jedoch sehe darin weiter nichts als eine aus der englischen Benennung der Zigeuner (nämlich Gipsies für Egyptians) unter diesem Volke selbst zur Verherrlichung ihrer Abstammung entstandenen Sage. — 1, 2G4. Daß in der Befreiung der schönen Sita aus der Gewalt des bösen Riesenkönigs Ravana durch den Königssohn Rama „die Befreiung der Vegetation und insbesondere der Saaten aus der schrecklichen Gewalt des Winters zu verstehen sei, leuchtet ein, wenn man erwägt, daß die frommen Indier das jährliche Fest der Befreiung Sitas im April feiern." Vom Winter kann eigentlich in Indien nicht die Rede sein, vielmehr von der ausdörrenden Sonnenglut und deren Bezwingung dui-ch die Monsuns, die aber oft erst Anfang Juli losbrechen. Ritter, Asien 7, 94. — 2, 12. Jungbrunnen S. meine Bem. in den Gott. Gel. Anz. 1864 S. 2066 f.; füge hinzu Tylor Urgesch. der Menschheit. Deutsche Übers. 455 — 8. — 2, 19. In der An m. wird hier die bekannte Antwort der Theano angeführt in Bezug auf eheliche Umarmung (statt der Worte „dem Feste der Thesmophorien vorstehen" müßte es genauer heißen: „das Thesmophorion be- treten" SL'^ ro Osaiiocpogiov v.ärsiat). Es wird nicht unpassend sein, hieibei auf die mit jener vollkommen übereinstimmende Ansicht Miltons hinzuweisen in der schönen Stelle Parad. Lost 4, 736 bes. v. 758 — 9: „Far be it, that I should write theo sin or blame — Or think thee unbefitting holiest place — Perpetual fountain of domestic sweets etc." — 2, 29: „Persephone durfte die Unterwelt nicht verlassen, nachdem sie eine Granate gegessen." S. meine Bem. oben S. 218 zu Simrocks Mythologie S. 427. — 2, 46. Eros und Psyche und 177 Zeus und Semele. Die ursprüngliche Identität dieser beiden Älythen habe ich nachgewiesen in Ad. Kuhn's Ztschrft. 18, 56 ff. und dann auch in den Heid. Jahrb. 1869 S. 502 gezeigt, daß erstere Mythe sich auch in Südafrika bei den Zulu's findet. Der ursprüngliche Sinn derselben war sicher ein anderer als der ethische, welcher erst später hineingetragen wurde. — 2, 99 Zusatz dazu auf S. 394: „Dionysische Vor Stellungen kehrten noch bei den ersten Christen in Rom wieder. In den Katakomben des h. Petrus und Marcellinus feiern die Seeligen ein Gastmahl." Dergleichen grobsinnliche Vorstellungen von Schmausereien und Tanzfesten im Himmel fanden sich noch im christlichen Mittelalter (s. meine Anzeige von Simrocks Lauda Sion in den GGA. 1868 S. 1426) und werden auch jetzt noch angetroffen (so z. B. heißt es in einem schlesischen Volksliedcheu: „Und im Himmel is gutt laben [d. h. leben], da gibts lauter Kuch' und Baben" u. s. w.). Auch das ewige Allelujasingen und Harfenieren der Engel im Himmel, wovon in den Kirchenliedern so oft die Rede ist, bietet eben nur eine sehr sinnliche Vorstellung. — 2, 144: „Edle Geschlechter, die den Schwan zu ihrem Stammvater machten, wollten nicht aus dem Grabe, sondern aus der Quelle des Lichts herkommen." Hierbei ist aber nicht zu übersehen, daß der Schwanritter nicht eigentlich aus dem Grabe kommen soll, sondern aus dem Jenseits, dem Lande der Seeligen, und dieß ist eben „die Quelle des Lichtes" oder „das Naturcentrura", wie es Menzel nennt; er kommt aber von dort zumal wenn er ein Gott ist, vgl. Simrock Myth. 286 f. (3. Aufl.). — 2, 153 ff. Die Sirenen. Ein Aufsatz von F. L. W. Schwartz „Die Sirenen und Hraesvelgr" findet sich in der Zeitschrift 578 MISCELLEN für d. Gyninasialwesen. Jahrg. XVII S. 465 ff. — 2, 158. „Weder der indische Gott Wischnu als Mannlöwe noch der männliche Sphinx der Ägypter, haben die geringste Begriffsverwandschaft mit der weiblichen Sphinx der Griechen." Dagegen S. 162: ,Apollodor beschreibt die Sphinx, vor welcher Oedipus steht, als geflügelte Löwin mit einem Jungfrauenkopfe. Dieser Jungfrauenkopf bezeichnet wahrscheinlich die Göttin Pallas Athene, das ewig jungfräuliche Licht, welches die Nacht des Todes überwindet und alles Leben bedingt. Den gleichen Sinn hat aber wahrscheinlich auch der Sperber- kopf, den zuweilen die ägyptische Sphinx trägt. Der Sperber ist der Vogel des höchsten Lichtäthers und bedeutet zugleich das geistige Wesen des Lichtes." Der Sperber aber geht auf Hör (Horus). Anderes von Menzel mit Bezug auf die Sphinx Bemerkte muß ich hier übergehen. — 2, 237. Umhegung von Seidenfäden. S. hier oben S. 224 zu Simrock Mythol. 492. — 2, 275 Mai und Beaflor. Dieß Gedicht gehört nicht in den Sagenkreis der Florentia, son- dern in den der geduldigen Helena. Ich komme nun zu der Beigabe jedes deutschen Gelehrtenwerkes, nämlich den Druckfehlern, von denen hier in den betreffenden Verzeichnissen nicht alle gebessert sind und ich noch einige erheblichere nachtragen will; so Band 1 S. 17 Z. 4 V. u. 1. Omphalos — 30, 8 v. o. 1. poet. (poeticon) — 41, 17 v. o. Elborus (hat Menzel bei Elborough an Lord Ellenbor ough gedacht?) — 46, 16 V. u. st. myth. 1. met. — ebend. 10. 11 v. u. st. Grimm D. Myth. 1. Grimm und Schmeller Lat. Ged. — 52, 14 v. u. Nicomach. — 59, 14 v. u. primus — 67, 7 v. u. coelum vitreum — ebend 5 v. u. 781 — 89, 18 v. u. st. 341 1. 295—95, 15 v. u. st. a. a. 0. 1. 1, 37 f. — 125, 13 v. o. UaupuqTtoQ (Nonnos 41, 277) — 126, 5 v. u. hregg — ebend. 3 v. u. Hildi- meidher — 200, 5 v. o. Alfquarnar — 244, 10 v. o. Anaitis — 245, 13 V. u. larvae — Bd. II S. 236 Z. 20 v. o. Porale — II 243, 10 v. o. Vry- maend — II 255, 16 v. o. st. Eleusiuieu 1. Thesmoi^horien — II 282, 8 v. o. Pedauque. Nachdem ich nun so auf die mehr oder minder hervortretenden Mängel verschiedener Art, die ich in vorliegendem Werke zu bemerken glaubte, in dem Obigen hingewiesen, bleibt mir nur noch übrig, auf die mannigfachen neuen und jedenfalls zu weiterer Forschung anregenden Ansichten, die darin enthalten sind, wiederholt zurückzukommen und dem Verf., dem auf zahlreichen Feldern der Forschung längst bewährten Veteranen, für das so erworbene neue Verdienst die gebührende Anerkennung zu zollen. LÜTTICH. FELIX LIEBEECHT. MISCELLEN. Luthers Handexemplar seiner Schrift: An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen. Wittemb. 1540. 4. Bekanntlich existieren von der in der Überschrift genannten Schrift Luthers zwei verschiedene Originaldrucke aus dem Jahre 1540, welche beide MISCELLEN. 379 aus Joseph Klugs Officiu hervorgiengen *). Schon das Titelblatt zeigt die Ver- scliiedenheit beider Drucke. Der achtzeilige Titel des einen Druckes ist in folgender Weise abgetheilt: An die | Pfarrherrn, Wi- j der den Wucher [ zu predigen. | Vermanung | D. Mart. Luth. [ Wittemberg. | M. D. XL. Der andere Druck hingegen hat 9 Zeilen: An die | Pfarrherrn Wi- | der den Wu- | eher zu predi- | gen. j Vermanung D. ] Martini Luther. | Wittemberg. | M. D. XXXX. Die Titeleiufassung (ein Holzschnitt: in den vier Ecken, von Kreisen um- schlossen , die Embleme der vier Evangelisten, zwischen den beiden obern [Mensch und Löwe = Matthäus und Marcus] der Apostel Petrus, zwischen den beiden untern [Stier und Adler = Lucas und Johannes] der Apostel Paulus, in den beiden Seitentheilen der Papst, zwei Bischöfe und ein Kirchenvater) ist zwar bei beiden dieselbe, doch ist die des ersten Druckes bedeutend klarer und deutlicher, als die des zweiten. Auch in der Bogenzahl weichen beide Ausgaben von einander ab, indem erstere nur 11 Bogen (Sig. A — L, letzte Seite leer), letztere dagegen 12 Bogen (Sig. A — M, letztes Blatt leer) stark ist. Beide Ausgaben gehören gerade nicht zu den seltensten der Schriften Luthers; letztere befindet sich z. B. in der Waisenhaus-Bibliothek zu Halle, in der Wernigeiödischen Bibliothek, auch in der meinigen; erstere hingegen in der Marienbibliothek zu Halle und in der Universitäts-Bibliothek zu Gießen. Gleichwohl besitzt die letztgenannte Bibliothek in ihrem Exemplare der in Eede stehenden Schrift einen werth vollen Schatz, denn dasselbe enthält eine ansehnliche Reihe von L's. Hand eingetragener Correcturen, muß mithin L's. eigener Bibliothek entstammen. Gegenwärtig ist es mit mehreren andern L. 'sehen Schriften zusammen gebunden, welcher Sammelband die Signatur W. 9250 trägt. Da der zweite Druck diese Corr. , wenige ausgenommen, sorgfältig be- nutzte, so mag es genügen, hier nur einige der interessantesten folgen zu lassen. Bl. A iiij*' Z. 8 v. u. strich L. das Wort ausstreichen (in was Oiristus recht hie antwortet, wollen wir hernach ein wenig ausstreichen) und schrieb deutlich an den Kand anstachen, gleichwohl hat der zweite Druck anstreichen (sie), an- stechen uneigentlich für kurz berühren, zur Sprache bringen, begegnet auch sonst öfter bei L. Vgl. mein Wtb. zu D. Martin Luthers deutschen Schriften I, l02^ Bl. B j" Z. 13 V. 0. sollte nach ertrencken noch erhencken eingeschaltet werden, was nicht geschehen ist. Bl. B ij" Z. 1 7 f . V. 0. heißt es also kan itzt niemand mehr louchern, geitzen noch böse seien, welche Stelle nach L's. Correctur lauten sollte: also kan itzt niemand mehr Wucherer, geitzig noch böse sein (von wuchern strich L. das n und setzte dafür er, von geitzen en und schrieb ig dafür an den Rand), der zweite Druck änderte zwar touchern in Wucherer, ließ aber geitzen stehen. Bl. B iij" Z. 4 V. u. wollte L. vor derselben noch denn eingeschoben haben ; ebenso Bl. B iij Z. 10 V. 0. nemlich vor das leihen. Ist beides nicht geschehen. *) Vgl. Bindseil Verzeichniss der Original-Ausg;aben der Lutherischen Über- s«tzung sowohl der ganzen Bibel, als auch größerer und kleinerer Theile und einzelner Stellen derselben. Halle, 1841. S. 53'. Irmisclier gibt in der Erl. Ausg. der deutschen Schriften L's. Bd. 23 S. 282 vier älteste Ausgaben an; wie viele davon Originaldnxcke sind, läßt sich nach den dort gegebenen Titeln nicht bestimmen. 380 MISCELLEN. Bl. C j* Z. 11 V. 0. steht am Rand die schuld hundert gülden^ was zwi- schen mit einem hundert gülden und hezalen eingefügt werden sollte. Nicht corr. Bl. C ij*" Z. 10 V. 0. ist nach der mal eins (ohne Zweifel durch ein Versehen des Setzers wegen des nochmals folgenden der mal eins) ausgefallen solche zween schaden leiden, so Icundte ich der mal eins. Corr., aber köndte st. hindfe, wie L. schrieb. Ein Beleg dafür, daß auch die Originaldrucke die Schreibung L's. nicht überall wiedergeben. Bl. E j* Z. 7 V. u. ist nach tausent ausgefallen so nimpt er ierlich 4 hundert tausent, was L. an den Rand schrieb. Corr., aber jherlich gedr. S. vorher. Bl. E ij" Z. 13 V. u. soll nach widergeben eingeschaltet werden oder schuldig sein wider zu geben. Corr., doch odder st. oder; ebenso Bl. E iij'' Z. 11 V. u. , wo L. vnd durchstrich und oder an den Rand schrieb. Bl. E iiij* Z. 14 V. o. sollte nach ein tausent floren oder zwey eingeschoben werden vnd nemen von den selben funff oder sechs am hundert, was jedoch nicht geschehen ist. Ebenso ist Bl. F j*" Z. 7 V. u. in schendliehe zwar das n gestrichen, aber im zweiten Druck nicht corr. Bl. Gr iij'' Z. 16 V. 0. schrieb L. noch das Wort dazu an den Rand, welches nach etwas eingeschoben werden sollte, dazu fehlt zwar im zweiten Druck nicht, ist aber vor etwas gesetzt, anstatt hinter dasselbe, wie L. deutlich durch ein f angedeutet hatte. Bl. J j* Z. 12 V. 0. setzte L. noch weltlich an den Rand, was zwischen new und regiment eingeschaltet werden sollte. Ist nicht geschehen. 151. K ij* Z. 7 V. u. müßte vor ein burger den andern noch stehen ein adel den andern, was L. an den Rand schrieb, aber auch im zweiten Druck fehlt. Schließlich mag noch bemerkt werden, daß sämmtliche Gesammtausgaben der Schriften L's. den Text nach dem corr. (zweiten) Drucke haben. MARBURG. DIETZ. Beide. In Germ. IX, 457 sagte ich, daß im Englischen kein Beispiel aufzufinden sein möchte, worin 'beide' mit drei Gliedern verbunden sei. Wenigstens ist mir im neueren Englisch kein solches aufgestossen ; doch finde ich im älteren Eng- lisch bei Hector Boece (1465 — 1536) in seiner „englischen Geschichte", von der ein Bruchstück in den Vorlesungen Max MüUer's [deutsch von Böttger, II. Serie 498] citiert wird, folgende dem älteren Gebrauche von 'beide gleiche Stelle: „Sum had baith heid, feit, and wyngis." FRIEDBERG i. d. W. FR. MÖLLER. Berichtigung. S. 135, 20 lies Magschaft; 142, 7 Stöcklein; 152, 11 in der Hölle; 153, 3 v. u. urverwandt; 155, 4 perdere. DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. Unter den im skandinavischen Norden existierenden Rittersagen aus dem Sagenkreise von König Artus und seiner Tafelrunde gibt es meines Wissens nur noch zwei *), über welche bis jetzt nichts Näheres bekannt war, die Erexsaga und die Gabonsaga ok Vigoles, von wel- cher letzteren Nyerup in seinem noch immer wichtigen Buche : Almin- delig Morskabslsesning i Danmark og Norge igjennem Aarhundreder Kjöbenhavn 1816 p. 126 ss., Arni Magnussen folgend, die Behauptung aufstellt, sie sei erst am Ende des 17. Jahrh. nach einem dänischen, auf unsern Wigalois zurückgehenden Volksbuche abgefasst, ohne jedoch eine nähere Begründung hinzuzufügen. Da diese Behauptung, wie ich mich durch eine genaue Vergleichung des isländischen Textes (ent- halten in Cod. Holm. 47 fol. pap) mit dem dänischen überzeugt habe, richtig ist, so hat diese Saga, die übrigens auch von Danismen Avim- melt, für uns nicht den mindesten kritischen Werth, am allerwenigsten zur Untersuchung über die etwaige Vorlage Wirnt's von Gravenberg. Weit wichtiger ist aber für uns die Erexsaga, über deren Überlieferung und Quelle ich mich deshalb im Folgenden ausführlicher verbreiten will, in ähnlicher Weise, wie ich in dieser Zeitschrift XIV, 129 — 181 über die Parzivalssaga gehandelt habe, in welcher Abhandlung — bei- läufig erwähnt — leider meinem im Corrigieren damals noch wenig- geübten Auge eine ganze Anzahl störender Druckfehler entgangen sind. I. Die Überlieferung der Erexsaga. Über d(>n verschiedeneu Bearbeitungen der Geschichte von Erec scheint in Bezug auf die Überlieferung ein gewisser Unstern zu walten. *) Die im Cod. A. M. perg 573 c. Qn. u. Cod. Holm, chart. 47 erhalteue Saga Artus Bretakonungs (vgl. Möbiiis, Cat. p. AS^ ^•) hat mit diesem Sageniu-eise nicht das Mindeste zu thun. Sie behandelt den bekannten Märcheustoff (vgl. Nyerup 1. c. p. 227 s.) von drei englischen Königssöhnen, die für ihren Vater den Vogel Phönix aus Arabien holen sollen, da dieser, schwer erkrankt, nur durch den Gesang jenes Vogels Genesung EU erwarten liat. GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVT.) Jahrp. 26 382 EUGEN KÖLBING Während die beiden uns näher bekannten Handschriften des französi- sclien Gedichtes am Schlüsse nachweisHch unvollständig sind, während Hartmaun's Erec uns nur in der verhältnissraäßig jungen Ambraser Handschrift und auch hier noch lückenhaft überliefert ist, ist die Erex- saga im Norden die einzige ältere Saga aus dem Artuskreise, von der keine Pergamenthandscirift auf uns gekommen ist. Wir besitzen nur zwei Papierhandschriften mit hie und da modernisierter Sprache. a) Cod. A. M. 181 chart. fol. auf der Universitätsbibliothek in Kopen hagen. Sie enthält folgende Saga's: 1. Ereksaga p. 532 — 537 incl. 2. Samsonarsaga fagra p. 538 — 544 incl. 3. Möttulssaga p. 545 bis 548. Dieser Handschrift sind, wenn das Gegentheil nicht be- sonders augemerkt ist, die im Folgenden- angeführten Stelleu ent- nommen. h) Cod. Holm. 46 chart. fol., zuerst beschrieben von A. J. Arwidsson: Förteckning öfver Kongl. Bibliothekets i /iStockholm Isländska Handskrifter p. 73, dann von Stephens: Samlingar utgifna of Svenska fornskrift-sällskapet. Andi'a Delen p. CXXXIX, end- lich von mir: Riddarasögur, p. IX s., wo specieller über die in derselben enthaltene Iventssaga gehandelt wird. Ein Facsimile vom Anfang der Erexsaga nach dieser Handschrift siehe bei Lady Guest: The Mabinogion Vol. H p. 193. Diese Handschrift ist der Schreibweise nach entschieden jünger als a, auch meist, bes. was Namen angeht, verderbter. Doch kann h an manchen Stellen als Correctiv für a gelten, um so mehr, da beide, nur in Einzelheiten im Texte von einander abweichend, sicherlich eine gemeinsame Vorlage gehabt haben, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach eine Membrane. H. Die Quelle der Erexsaga. Die Frage nach der Quelle der Erexsaga ist nicht nur um dieser selbst Willen interessant; es werden bei dieser Erörterung auch manche Streiflichter fallen auf das Verhältniss des Crestien'schen Erec zu dem Gedichte Hartmann's von Aue, das nur einmal gründlich erörtert worden ist von Karl Bartsch, in dieser Zeitschrift VH, 141—185. Mit Plülfe dieser auf das Sorgfältigste augestellten Untersuchung, sowie des fran- zösischen (ed. Imm. Bekker, Haupt's Ztschr. X, 373 ss.) und deutschen Textes (ed. Fedor Bech. Leipzig 1867) soll nun eine Einzelvergleichung vorgenommen werden. Die Einleitung des franz. Gedichtes, v. 1 — 26 incl. fehlt in der Saga. Dagegen vgl.: DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 383 Cr csti en V. 27 SS. Erexsaga. un ior de pasque, au tens nouel, rat er upphaf jiessai-ar fräsögu, at h. Caradigaut son chastel Artus konungr sat i sinum kastala er ot li rois Artus cort tenue. Kardigan het. rat var päskatid, ok onc si bele ne fu ueue : b^lt p&v inn virduliga si'na hird , sem ' ' vandi hans var til, svk einginn )>6ttist set hafa slika konungs prydi. Selbstständig ist im Nordischen die Erwähnung von 12 spekingar: Med hdnnm vdru XII spekingar hans ok räägjafar , er dagliga. riäti üt. med hdniim. Hier wird nun gleich Erex aufgeführt, was, abgesehen von einer kurzen Erwähnung in der Einleitung (v. 19), im franz. Text erst bei Schilderung der Jagd geschieht. Doch stimmen die einzelnen Züge: Erexsaga. Einn af Jieim var sonr llax konungs, mikill kappi i riddaraskap, fri'dr synum, ok i)5röttamadr mikill , ei eldri en hälf- Jiritugr, er saga Jiessi gerdist. Hann het Erex. Hann var velvirdr af koiiungi ok dröttningu ok allri hirdinui. Cres tien V. 82 ss. uns clieualiers, Erec ot non. de la taule reonde estoit. inout grant los en la cort auoit. de tant com il i ot este. n'i ot cheualier plus ame. et fu tant beax qu'en nule terre n'estuet plus bei de li aquerre. mout estoit beax et prouz et genz ; [et] se n'auoit pas vint cinq anz. Sollte nicht vielleicht dieser letzten Zeile im nordischen Text: af dröttningu ok allri hirdinui der erste Vers bei Hartmann entsprechen, der in Haupt's Ausgabe noch fehlt: hi ir und hl iv loihen, nämlich: war er hoch geehrt? Zu: er saga Jiessi gerdist, das im Französischen fehlte stimmt bei H. v. 4 : durch den diu rede erhaben ist. — Über die Ritter, die an Artus Hofe sind, wird in der Saga mehr gesagt, als bei Cr., wo man v. 31 s. vergleiche. Es heißt in der Saga: ])d mdtti sjd margan gödan riddara, konunga ok jarla ok adra dyra menn, hmdi %mga ok gamla, ok fusir frammi at hafa sinn röskleika fyrir dijrum mönnnm. Ganz selbstständig ist ferner in der Saga folgende Stelle : Skemtan var jiar at heyra ok hafa sem hverr vildi kjösa (a), Skemtan skorti Jjar ekki d hvern hält er vildi at sjd med aiigum ok heyra med eyricm (b). hveiT var vid annan eptirldtr ok gödviljadr , ok sem allir vdru sem gla- dastir, etc. Es ist übrigens interessant, hier die Iventssaga zu ver- gleichen, wo es ebenfalls vor der Katastrophe ohne Anhalt im franz. Text heißt: ok fölkit var sem gladasf, Jid etc. (Riddarasögur p. 75, 9 s.) Es heißt dann von den Damen: Crestienv. 53 s. et n'i a nule n ait ami Chevalier uaillant et hardi. Erexsaga. ok varu ]>aer allfaar er eigi höfdu kosit ser uniiasta. 20 - 384 EUGEN KÖLBING Es heiüt dann im nordischen Text, stimmend mit einer der eben angeführten vorausgehenden Stelle: Crestien v. 36 s. Erexsaga. li rois ti ses Chevaliers dist Kvertr konungr sir Iiljods ok ma?lti: qu' il voloit le blanc cerf chacier. Yctr er kunuigt at hh- ä skoginum er einn hjörtr er ve'r faum aldri veiddan. Im Französischen sagt Gauiiain, daß der Sieger einen Kuss zu bekommen habe^ im Nordischen Artus: Crestien V. 45 SS. Erexsaga. qui le blaiic cerf ocirre puet, Nu sa sem Jiat vinnr, skal kjösa einn par raison baisier li estuet koss af jieirri frictustu jungfrü sem i er des puceles de vostre cort hird minni. la plus bele, k que qu' il tort. In beiden Texten macht dann Gauuain (Valver) als Hinderniss geltend, daß es schwer sein werde, die schönste zu finden. Des Königs Antwort anlangend, vgl. man: Crestien V. 59 ss. Erexsaga. li rois respont: „ce sai ie bien, Konungr reiddist orduni hans ok niais por ce n'cn lairai ie rien ; nia>lti: Hvurt ))er li'kar vel eda illa, car ne doit estre contredite Valver, \>ii skal fara sem t'idr, ]jviat parole que li rois a dite". einginn jijönustumadr ä at neita Jjvi sem hans nioistari bidr hi'uuun. Als es sich um den Beginn der Jagd handelt, wird bei Cr. und in der Saga Artus ausgezeichnet: Crestien v. 123 s, Erexsaga. devant aus toz chai^-a li rois En frenistr aföllumvar Artus konungr sor un chaceor Espanois. 4 einum laupara sterkum ok fljotum sem svala a flugi. (b.) En Artiis konungr er fremstr k hlanpara einum sterkum ok mjök skjötum. (a.) Die Notiz über die Heimath seines Rosses ist im Nordischen auf das des Erex übertragen: . . . med lienni hinn vngi Erex d gödu erst er komit var af Spdnialandi. — Im Folgenden, wo bei Crestien die Königin nur von einer Jungfrau (v. 127), bei H. von mehreren be- gleitet ist, folgt die Saga dem ersteren: Einginn fykjdi henni nema E^-ex ok ein jungfrü. Der Eingang der Episode mit dem fremden Ritter ist im Deut- scheu kürzer gefasst; die Saga stimmt mit dem Französischen: Crestien V. 136 s. Erexsaga. tuit troi furcnt en un essart Pau nema stad i einu rjödri. delez le chemin areste. DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 385 Im Deutscheu fehlt: Erex sa ga. ok höfdu ebki vapn ncma eitt sveiiT, Cresti eu v. 103 s. r ; ii'ot arme o lui ?portee foit que tant soulement s espee. Selbststäudig ist im Nordischen: pau stiga af sinum hestam ok l'ita renna af peim moeäi. Crestienv. 138 ss. miis mout i oreiit pou estr, qrant il unent un cheual'e • 17 61 iv nmd sor son deetrier. - . ressu iisest ya jiau ri'cta fratn ur sko- ginum einn riddar.i alväpractan ok med hanum eina fn'da mey, ok fyrir ]ieim einn Ijötr dvergr k stöiam hesti haf.mdi [i hendi add. h] eina alnar svipa. V. 143 SS. dele«! li cheuauchoit k destre une pucele de grant estre; et deuant lor sor un roncin uenoit uns nains tot le chemin et ot en sa main aportee i le corg!e en son noee. Auch hier schließt sich das Nordische eng an Cr. im, denn bei IL wird eist der Ritter, dann der Zweig und dann erst die Dame genannt (vgl. v. 10 sg.). Erex Anerbieten, zu ^agen, wer der Ritter ist, hat weder Cr. noch die Saga, ebenio wenig die Anrede der Jungfrau an den Zwerg (v. 17 ss). In Erex Bericht an die Königin schließt sich die Darstellung des Nordischen auffallend an die deutsche Fassung an. „H. fasst die iei.>en Felden beschimpfende Sii;aaäon so auf, daß sie ihn nicht in dem Maße entehrt wie bei Chrisfan; bei diesem gesteht Erec ganz treu- herzig, er habe sich vor dem Ritte" gefürchtet, Aveil er seine Waffen nicht bei sich gehabt, bei H. schmerzt ihn am mesten die Schande, vor den Augen der Königin geschlagen worden zu sein.'' (Bartsch 1. c. p. 142.) Der Verfasser der Saga stimmt hier weder mit Bekkers Text noch mit dem von San-Marte, wo v. 228—38 ganz fehlen; da- gegen vgl. H avtuiann-A . 114 S: mir trii vor lu geschehen eine sehen' le also groz, C \z ir nie dehein min genöü eines hävcs nie gewan. daz mich ein sus wenic man . 5 lästerlichen hat geslagen und 'h im d.»z inuoz verhagen, des snhom ich mich so sere etc. Vgl. Cr. v. 232 SS-, wo das Wort Schande sich nicht tindet. E r e X s a g a . Segir diottningu af fentum si'iuiin ok Stil- vaeri til falhiar t.asr skmnmir on sii \)6 einkavest (scgir drotti 'ngu si'na u'd ok eru nü verri (vter skammir en ein, ok l)at verst, M, er ek jjortta ekki at hcfna min. 386 EUGEN KÖLBING Von dem Holen des Harnischs sagt die Saga nichts, wol nur um abzukürzen. Auffallend ist dann die egale Gedankenverbindung im Nordischen und Deutschen. Hartmann V. 134 ss. Erexsaga. ir'n geseht mich nimmer mere, Eii Jiaäan sver ek , dröttning, segir ich'n gereche mich an disem man, liann, at ek skal ei fyrr aptr koma til von des getwerge ich mal gewan. hirdar Artiis konungs, en ek hefi hefnt jiessarar jiinnar ok minnar skammar, eda fä adra hälfu meiri. Vgl. Cr. 238 SS.: mais itant prometre liuiiü, que, se ie puis, ie vengerai ma honte, ou ie l'engignerai. Weder bei Cr. noch in der Saga räth ihm die Königin von der Reise ab, wie bei H. Sie verabschieden sich von einander: Crestien v. 265 ss. Erexsaga. ä dieu vos comant. ok lifit i guds gledi. Heiisa Jiasr et la royne ausimant hänum meir en hundrad ti'd at skilnadi. h, deu, qui de mal Ie desfende. plus de cinq cenz foiz Ie commande. Crestien V. 269. Erexsaga. Erec se part de la royne, Nii ridrErex bort, en dröttning dvald- dou Chevalier suire ne fine. i.st i sköginum eptir, )iar til at konungr et la royne au bois remaint, kemr at med si'num mönnum ok hafdi oü li rois ot Ie cerf ataint. konungr veidt hjörtinn. ä la prise dou cerf ain^ois vient que nuns des autres li rois. Erec folgt den Spuren des Ritters bis zum Abend: Hartmann V. 172. Erexsaga. unz daz der Tibent ane gie. allt til aptans. Diese Zeitangabe fehlt bei Cr.; cf. Bartsch 1. c. p. 142. — Dem Nordischen eigenthümlich ist folgender Zug bei der Schilderung der Burg: y^«?' var margf folk ok mikil cfleäi, en hverr ])eirra ISt sina gledi, pd peir sau pevna vdpnacta riddara, oh fylgäu hdniim til lierhergja. (Vgl. H. 176 SS., Cr. 355 ss.) Das Sperberfest wird im Nordischen ebenso wie bei Cr. erst später erwähnt; ebenso wenig wird in der Saga von der Überfüllung der Stadt gesprochen. In der Beschreibung des alten Mannes stimmt die Saga mit Cr., während bei H. die Beschreibung ausführ- licher ist. Auffallend ist aber, daß sowohl bei H. als in der Saga der Alte nur seine Tochter, nicht auch seine Frau herbeiruft, wie es bei Cr. geschieht. Ebenso wird, wie bei H. so in der Saga, ihr früher der Auf- trng, das Pferd zu nehmen, ehe über ihre Reize gesprochen ist (vgl. Cr. 444-448, H. v. 315—320). Die Schilderung der Jungfrau in der Saga schließt sich an Cr. an: DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 387 Crestien v. 396 s. Erexsaga. . . . sa fiUe, qui fu vestue Ma^rin var i eiuum h'nkyitli fornuni d'iine chrmise par panz lec . , . ok sHtnum, en ])6 eigi at si'tti- var allr lienuar li'kami sv4 fri'dr at etc. I'ar fylgctu allir likamaus burdir ok poure estoit la robe defors, kurteisi svä at sjalf nattdran mundi mais desoz estoit beax li cois. .^^^^^^ ^^^ ^ ^.-^^^^ ^^^^.^^ ^^^ ^.^^ f^id mout estoit la pucele gente, skömut que tote i avoit uiis s'entente nature, qui faite l'avoit. Erec's Einwand und des Alten Entgegnung hat nur H. (vgl. Bartsch 1. c. p. 14.3), Ira Folgenden weicht die Saga von den anderen Texten ab. Es heißt: [En er hon sd Ei^ex, ])a feldi hon allan sinn elskuga til hans *)^ ok pöfti pö nndarligt, er hon skyldi kunna at elska ökunnan mann. Stöä nü hvdrt ok horfdi d annaf. retta sSr hüshöndinn; tekr nü hest hans ok leixtir hann til st aus ok gefr hdnmn körn ok rnungdt. Vgl. Cr. V. 436 ss. Bartsch 1. e Daß der hüshöndi, als er das Ein- verstcändniss beider bemerkt, sich mit dem Pferde zu thun macht, um beide allein zu lassen, ist wol Erfindung des Sagaschreibers. Bei Cr. folgt nun das Essen, ebenso bei H.; in der Saga erst nach den folgenden Erörterungen; hier heißt es nur: En jungfrüin pjönar Ei-ex ok leidir hann til scetis ok skemtir hvdrt ödru med hlidii. Erex thnt, als sein Wirth wieder kommt, folgende unzarte Frage: Crestien v. 499. Erexsaga. dites moi, beax ostes, fait il, ri'n dottir er hin fn'dasta mser i allri de tant poure robe si vil veröldinni; en Jsat uudra ek, at hun er por qu' est vostre fille atornee, svä fdtoekliga klajdd. qui tant par est bele et sennee? An diese Frage schließt sich nun gleich die Werbung: En ydr af at segja, ])d er pat minn vili ok hoenarstadr, at ]ni giptir mer pessa jung- frü, ok hetr ann ek henni en gulli ok riki mins födurs. Hier nennt er auch gleich seinen Namen, was bei Cr. allerdings auch, aber erst spcäter beijciner ähnlichen Gelegenheit geschieht. Man vgl. Crestien v. 641 ss. Erexsaga. puis dit: sire, uos ne sauez Vil ek eigi mi'nu nafni leyna; ek quel oste lierbergie avez, ' heiti Erex, son Ilax konungs; liefi ck de quel afaire et de quel gent. verit inect Arti'is konungi fimtn är. fiz sui dun riebe roi poissant. Eree fliz le roi Lac ai non; ensi in'apelent li baron. de la cort au roi Artus sui ; , . bien ai est^ trois anz o lui. *) ok ]je; Hartmanu's und der KSaga. Nicht nur das Gleiclmiss von der Sonne ; die eine Wolke verhüllt, das Staunen des Ritters über Emdens Schönheit, was Bartsch 1. c. p. 152 als Hartmann allein ge- hörig aufführt, sondern auch der Vergleich mit Rose und Lilie, den Bartsch übergeht, hat der nordische Text mit dem Deutschen ge- meinsam: Hartman n V. 1 700 SS. Erexsaga. als der rosen varwe Ol; var hennar andlits litr sein hin undor liljen wize güzze, rauiia rosa [med samteiiigdan livi'tan lit unde daz zcsamne flüzzc . . . sem lilja ^ eda hit rauda blöd i [nyfall- inn sna; " eda aolar birti i [heidri'kju V. 1 716 SS , . 3 vefri . als diu sonne in liehtem daee , .,,.,-, ,.,• i ■> • > "^ ' .samtpiii^f! hinni hvitu hlju. ''. snio- ir scliin vil voUechche hat, 1,^,'^,.; ,„•,,] ^, 3 i,ey3skfm. /*. und gähes da für gat ein wölken dünne und niht breit, so ist ir schin niht so bereit , als man in vor saeh. Die Identität dieser Gleichnisse in beidon Bearbeitungen ist wol einleuchtend. Bei Cr. fehlen sie ganz. Ilartmannv. 1736 s. P^icxsaga. Ton ir schoone erschräken die Ok horfdi ä hana öU liirdin zuo der tavelrnnde säzen . . . ok undrudu heimar fegrd. und kaphten die maget an. Auch dies fehlt bei Cr. Bei Christian räth man (oder vielmehr die Königin [v. 17ö2]) dem Könige, das Recht des Kusses nicht länger aufzuschieben , bei Hart- mann bedarf es dieser Aufforderung nicht. (Bartsch 1. c. p, lö3.) Ebenso wenig in der Saga, wo, nachdem die Königin Erex gelobt hat, Artus entgegnet: Saft er j)at, segir Lonimgr , ok ei heß ek sH fridari mey, ok ef ]>at er sampykki hirdarinnar ok allra dömr, at hon meigi vel fridust ok kurteisust heita af öllum meyjum i vdrri hird, ])d vil ek pann koss af henni piggja, sem ek vann til med minu sjyöti. Folgende Stelle wird bei H. und in der Saga erzählend aus- gedrückt, bei Cr. der Königin in den Mund gelegt: . . .at allir jdfa med einni rceddu^ at hon ein muni mäklig at piggja, hessa hcen; sidan vor paf allra dömr. Hartraanns Vergleich von Mond und Sternen hat die Saga si» wenig als Crestien. Die vom König beim Kuss gesprochenen Worte fehlen bei H. Die Saga und Cr. haben sie. Von den Geschenken an Erec's Schwiegervater weil.'« die Saga nichts, wol um abzukürzen. Die Stelle 392 EUGEN KÖLBING anlangend, wo es sich um die Hochzeit handelt, so schließt die Saga sich Cr. an, wenn auch Erec Artus nicht gradezu um Erlaubniss bittet, an seinem Hofe Hochzeit halten zu dürfen. Es heißt in der Saga: Nu hiär En^ex Artus konung at veita ser hrürthlaup ok jdtar konungr pat, so daß, wenn man die andern beiden Darstellungen vergleicht, gewisser- maßen eine Mittelstraße gewählt ist (vgl. Bartsch 1. c. p. 153). — Es folct nun im Nordischen ein Nameusverzeichniss. Aber diese Namen sind so verderbt, daß von ihnen wol mit noch mehr Recht behauptet werden muß, was Haupt (Ausgabe des Erec p. X) von den ent- sprechenden deutschen sagt, daß sie ohne eine ältere Handschrift „schwerlich gezähmt werden können." Die Aufzählung wird eingeleitet durch : Crestien v. 1920 s. Erexsaga. ie uos dirai, or entendcz, Kemr J)ar samau mikit fjölmenni ok qui fureut li conte et li loi. dyrir böfdingjar Jjeir sem ek mun nu fram telja. Aber wenn auch die Namen nicht stimmen (Avas übrigens Niemand Wunder nehmen wird, der die Neigung der Nordländer^ fremde Namen ihrer Sprache zu assimilieren, ja statt ausländischer Namen ähnlich klingende inländische zu setzen, kennt [vgl. Zeitschr. für deutsche Philologie H p. 444 s., wo Maurer einige Beispiele dafür anführt], so stimmen doch einzelne beiläufige Notizen, z. B. Crestien v. 1933 ss. auec ces que in'oez nommer, rar iijest kom Arasadi ' jarl af ey uiiit Maheloas, uns hauz ber, peh-ii er Wisi'o "^ heitir, med UV riddara, li sires de l'isle de Uuirre. [af Jieirri ey, er livÄiki er i ormr ne cn cele isle n'ot Ten tonoirre, padda^; jiar verdr ok hvärki ofheitt nc ne n'i cliiet foudre ne tcmpeste; ofkalt ok eingi vetr. ne boz ne serpenz n'i areste. i Nasäde b. ' Vera (?) h. ^ i Jiessari ey n'i fait trop chaut, ne n'i yucrne. eru hvärki ormar [ue] paddur. b. Vgl. H. V. 1918 SS. Ferner : Crestien V. 1981 s. Erexsaga. les barbes ont iusqu'as centurs. rä kom Artus konungr med si'num ceus tint molt eher li rois Artus. tveimr sonum, agaetura ok X huudrud riddara. ))eir höfdu allir si'd skegg ok einginn yngri en 60 vetra. V. 1977 ss. ainz ot compaignons tex trois cenz dont li moins iones ot sept uinz anz. les cliief orent ehenuz et blnns: car vescu auoient loiic tans. In Bezug auf die Nennung von Enitens Namen stimmt die Saga zu Cr., nicht zu H. DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 393 Crestien V. 2015 SS. Erexsaga. quaut Erec sa fame recut, Ok nd er pusanar dagr kemr, er eptir par son non nominer li estut; frdtt nafni meyjarinnar sem skyldugt er q'autrement n'est fame esposee, 1 guds lögum, en hun nefndist Evi'da, ok se par son droit non n'est nommee, eigi vissi Erex fyrr liennar nafn. encor ne savioit nus son non : lors premierenient le sot ou. Enide ot non en baptistere. Der Erzbischof von Cauterbury (Cr. 2022, H. 2124) segnet sie ein: Erkibiskup af Cantuaria piisacti Jtau saman. Die Schilderung des Festes ist im Nordischen sehr kurz. Bei Erwähnung des darauf folgen- den Turniers werden keine Namen genannt, was uns nicht auffjilleu kann, da dgl. Beschreibungen in den Saegar i stad, klmdir sik ok viailti til hennar: Crestien V. 2566 ss. Erexsaga. aparoillez vos orendroit Bd ))ik i slad med f)inum bezta bd- por chevauclier vos aprestez. nadi, J)viat 1 dag skulum vit af ))essari levez de ci; se vos vestez borg bsedi n'da ok eigi longr vil ek }^>ola de vostre robe la plus bele. amajli fyrir raitt lioglifi af ))eim lands- v. 2565. car eil qui me blasment ont droit. monnum. 394 EUGEN KÖLBING Die Abreise ist ziemlieh kurz s^eschildert, wenn {lucli, Cr. folgend, mit einigen Worten Erec's Vater eingeführt wird. Von einer langen Klao-e Evidas oder von einer Beschreibung von Erec's Waffen ist nicht die Rede. Ebenso wenig reitet Erex unter einem Vorwande ab, sondern es folgt eine wirkliche Abschiedsscene , wenn auch sehr kurz gefasst. Hier haben wir also überall Anschluß der Saga an Cr. Es folgen nun die Abenteuer Erec's auf dem Zuge. Selbstständig heißt es in der Saga zu Anfang: Hann ridr pd mörk er Hervidu heitir; j)d Idgii lUi dtta spülvirkjar, er drdpu menn oh rcentu fe ok pvi eiddist almannavegr ok var pat mörgimi mikit mein. Den Namen Hervida hat allerdings weder Cr. noch H. Doch er- innert eine Stelle bei H., wo das Treiben der drei Räuber geschildert wird, deutlich an die nordische Fassung, Hartmann v. 3116 ss.: swer so in wasre ze den ziten widerriten dem si möhten hau gestriten, so bäten si den weg belmot daz si im umbe daz guot naemen §re unde Hp. Bei Cr. heißt es nur v. 2781: qui de roberie uiuoit. — Während dann bei Cr. ein Raubritter mit seinen zwei Genossen erscheint, sind es bei H. und in der Saga drei Räuber. Man vgl.; Cres tie n V. 2780 SS. , Erexsaga. uns Chevaliers du bois issi, Bau lida nii leingi um skoginn f)ar qui de roberie vivoit. til er f)au rida svd at pau. sja einn kast- deux compaignons o lui menoit, ala, ok })ar üti fyrir III [alväpnada et s'estoient arme tuit troi. adcl. b) riddarar allir sitjandi a gödum hestum, ok skemta ser, ok veit Evida at peiv eru spillvii-kjar. Vgl. H. V. 3114: den häten mit gewalt drie rouhcere, und zu den Schluß- worten des Satzes H. v. 3121) s. : wan sl an ir gebcerden sach daz st rouhoere wären. Bei Cr. heißt es nur v. 2815: Enide vif les robeors. Vgl. ferner: Hartmann V. 3123 s. Erexsaga. die crsach von erste da?, wip, jivint hon var langt fram undan i veginn. wan si verre vor reit. Bei Cr. fehlt diese Motivierung, so gut wie die später von H. beigebrachte (vgl. Bartsch 1. c. p. 162 und 182). Von dem kastali, vor welchem die Räuber sich befinden, ist nur in der Saga die Rede. Die drei zuerst genannten Räuber bilden hier mit den später erwähnten fünf (Cr. 2911) eine Gesellschaft, wovon Cr. gar nichts Aveiß. H. er- wähnt es, wenn auch erst später, als die Saga, ausdrücklich, vgl. v. 3298 SS,: DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 395 man saget daz ez waeie ein geselleschaft under in und daz si teilten ir gowin mit den die Erec het erslagen e si'z begunden nndeisagen. dise fünve und jene dri man von den i'u e gesagt han die beten den walt in ir pbh'ge unde lägen bi dem wege, swer die einen vermite, daz ei' den andern zuo rite. Vergleichen wir diese Stelle in H. Gedieht mit der vorhin an- geführten Stelle V. 3116 ss., so ergibt sich^ was das Sachliche angeht, vollständige Übereinstimmung zwischen H. und unserer Saga. Der Unterschied ist nur, daß die acht Räuber in der Saga schon von An- fang au als vereinigt gedacht werden, in Folge wovon auch gleich alle acht ihre Wünsche in Bezug auf die zu hoifende Beute aussprechen. Ich gebe diese Stelle vollständig nach dem nordischen Text, da sie diesem eigeuthümlich ist: Ok er J)eir sern^i kastalanum vdru, sau ferd hans, kalla peir d sina kuinpäna ok seigjast sjd einn riddara vel büinn ok med hd7ium früta mey. pd mcplti einn: paf veit trüa min, setgir kann, at ek skal eiga hans frii, pviat eh" er ydvarr hilsböndi; pvi d ek fyrstr at kjösa af vdi'u herfanqi. Annarr mcelti: Ek skal eiga hans sverd; pridi moßlti: Ek skal eiga hans hrynju. Inn fjdrdi mcelti: ek skal eiga hans skjöld ok spjöt. Inn fimti mcelti: ek skal eiga hans hjdlm, merki ok gyrd- il; enn setti mcßlti: ek skal eiga hans all kloe,di; enn sjaundt mcelti: Ek skal eiga hans hest ok södidreidi. pd mcelti hinn dtti: per skiptit djafnt vid mik ok rangliga, ok med pvi ek fa' ekki fe, pa skal ek eiga hans hoegri hönd, fot ok lifit med. Nu rida pessir pnr fram at Erex, sem hünir vdru, en hinir herklcedast d medan, er i kastalanum vdru ok hüast at veita lid sinum kumpdnum, ef Parf. Bei Cr. und H. haben wir die beiden Gruppen von Räubern auseinanderzuhalten. Von den ersten drei Räubern wählt nur der Anführer, und zwar bedingt er sich bei Cr. das Ross der Frau« aus, v. 2797 : li palefroi uuil ie auoir (vielleicht selbstverständlich mit der, die ihn reitet?); was H. betrifft, so heißt es bei Bartsch 1. c. p. 159. ungenau, jener sage, er wolle nur die Wahl am Raube haben, ohne sich näher zu entscheiden. Denn v. 3211 heißt es ausdrücklich: ist daz ich im benim den Up, so'n teil ich niht ican daz vnp, : siner habe ger ich niht mere. Von den anderen fünf Räubern wählt bei Cr. und H. ebenfalls der erste die Dame (Cr. v. 2929, H. v. 3332 ss.) Ebenso der Anführer der Räuber in der Sagra. Für die Wünsche der 396 EUGEN KÖLBING Übrigen lassen sich keine Parallelen mehr aufstellen, da der nordische Text so bedeutend abweicht. Alle drei werden besiegt, aber die Darstellungen sind abweichend, wie häufig bei der Schilderung von Kämpfen. Selbständ^'g 'st besonders in der Saga der Schluß des ersten Kampfes: E. slö kann med sinni hurtstöng svd fast d hälsinn, er augun hrutu ur hanuni. Fell hann iil jardar undir fötum iil dmids. Vgl. Cr. v. 2852 ss. Beim Kampf mit dem zweiten schließt die Saga sich wenigstens dem Sinne nach an Cr. Darstellung an, indem diesem durch den Schild die Todeswunde bei- gebracht wird. Ebenso beim Kampf mit dem dritten. Bei H. sind alle drei Kämpfe sehr kurz geschildert (v. 3215 ss.). — Der Kampf mit den fünf anderen Räubern ist in der Saga am kürzesten geschildert. Es heißt: Tekst ]>ar hin snarpasta orrosta; oh lauk svd at E. feldi pd alla, en vard litt sdrr. Kurz ist auch die Darstellung bei H.; sehr ausführ- lich bei Cr. v. 2997 — 3061. — In Bezug auf das nächste Nachtquartier weichen alle drei Bearbeitungen von einander ab. In der Saga über- nachten Erec und Evida auf dem Schlosse der Räuber, bei H. scheinen sie die ganze Nacht durch zu reiten, bei Cr. hält Enide bei dem unter einem Baume schlafenden Ritter Wache. Im Folgenden zeigen sich wieder Differenzen. Bei Cr. und H. muß Enide die ei'beuteteu Rosse führen, in der Saga heißt es: Ridr hans frü fi^rir, en hann rekr hestana eptir^ ok fara svd marga daga, en Hggja üti um noetr, unz pau koma i eina borg, er Pnlchra heitir; Jiar red fyrir Milan jarl. Von dem sie ein- ladenden Knappen (vgl. Bartsch 1. c. p. 160 s.) w^eiß die Saga nichts. Die angeführten Namen gehören der Saga allein an. Der Graf, der Enida für sich gewinnen Avill, legt bei Cr. und H. besonderes Gewicht auf die schlechte Behandlimg, die Enida von Erec zu erfahren habe, in der Saga auf seine Liebe. Auch die Antwort der Dame ist ziemlich abweichend. Es heißt in der Saga: Hon sagdi: Gud gceti pin, jarl, pii ert rikr höfdingi ok af gud skipadr at hefja hans kristni ok refsa rangldtum, en ek er bundin hjüskapi; ok viunt pü ei vilja roiua skaparami tveimr sdlum senn, ok kaupa per ok mer helviti. Jarlinn svarar: Svd fastliga er mer petta i vilja komit, at ek missi eigi penna kost fyrir allt veraldar gull; ok ek skal ])urfa enn pins bönda höfud afsld, pött par liggi guds reidi d, ok ertii svd oer ok villaus at per pikkir betra at fylgjci einum falsara fdioekum, en sifja i hdsoiti hjd mer ok styra öllit minu riki med mer. Zu dieser Antwort des Grafen vgl Cr. v. 3330 ss. H. V. 3825 ss. Eine wörtliche Übereinstimmung wüsste ich auch für die folgende Rede Evidas nicht aufzuführen. Ganz eigen ist dem Nordi- schen folgender Zug; Ok haldit ydar ord vidr mik ok fdit mer ydvart DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 397 insigli d. En gefit mei' trii at halda öll ydvar ord ok heit vidr mik oh par medr ydvart insigli i pant. Vgl. Cr. V, 3389 ss., H. v. 3891 ss). Dies insigli zeigt sie danu ihrem Gemahl als Pfand dessen, was sie gesagt. Bei der Abreise gibt Erec bei Cr. und H. dem Wirthe sieben Pferde (Cr. v. 3492, H. v. 4013), in der Saga gödan hlmipara. Als der Grraf von Erecs Flucht hört, eilt er ihm nach mit Crestien v. 3507. Erexsaga. Cent cheualiers d'armes garniz. ok hans riddarar C til samans. bei H. sind es 19 (v. 4041), Der „senechal" ist bei Cr. nicht nament- lich genannt, in der Saga heißt er Bölvin. Gegen den Grafen selbst wäre Erec gefallen Cressien v. 3592 s. Erexsaga. mais mout fu riches li haubers, . ef brynjan hefdi ei hilft hanum. qiii si de mort le garanti etc. Erec sticht den Gegner vom Rosse; zu H. v. 4213: dar zuo im ahe der arm brach., vgl. in der Saga: ... er tök svd at jarlinn 7nisti hönd- ina. Vgl. Crestien V. 3605. Erexsaga. ez vos Erec eufori;ste. Erex fordar ser a skoginn. Der Graf aber hält selbst seinen Reiter auf: Crestien V. 3619 s. Erexsaga. seigneurs, fait il, ä toz uos di, ok kallar harri röddu, bidr öngvan qu'il n'i ait un seul si hardi .... sv4 djarfan at eptir hänum ridi edr mein V. 3622. geri. qui ost aler aiiant un pas. ' Bei H. fliehen die Ritter des Grafen von selbst, während, wie die Ver- gleichung lehrt, die Saga genau zum Cr. stimmt. Selbständig in der Saga ist dann Folgendes: En Erex ridr nü sinn veg pann dag tim skoginn, ok tekr ndttstad i einu rjödri um kveldit ok hindr sdr sitt, en at morgni ridu pau af sköginum fram hjd einum kastala. Eigenthümlich ist der Widerspruch in Bezug auf die Schilde- nmg des „Zwergkönigs" zwischen Cr. und H. auf der erneu, und der Saga auf der andern Seite. Während Cr. v. 3663 s. lautet: qu'il esiolf de cors molt petiz, mais de grant euer estoit hardiz, (vgl. H. v. 4279 ss.), erzählt die Saga: Äf peim kastala ridr üt einn riddari svd starr ok prekligr, at Erex pöttist öngvan annan pvilikan sei hafa. Es folgt dann die Schilderung der Rüstung des Ritters; danu, was für unseren Zweck interessant ist, ein Gespräch Erec's mit dem Ritter, das Cr. am betreffenden Orte (v. 3756) nicht hat, das sich aber bei H. und in der Saga findet. Beide Texte stimmen wenigstens dem GERUA.NIA.. Neue Reihe IV. (XVI.) Jabrg. 27 398 EUGEN KÖLBING Sinne nach übereiu. Ich gebe hier den nord. Text: ... talar Hl hans: ^il riddari, sagäi hann^ fd 7ner pina friäa imnustu, pviat pat sömir vel, hon skuli min vera, ok hana vil ek gjarnan fd ok par lifit leggja d. Ei^ex sagäi: Ek er litt til einvigis fcerr, en fyrr vil ek herjast, en lata mina unnustu, pviat ek heß rettara atmceli. Der Kampf selbst ist in der Saga kürzer geschildert. Als es sich dann um die gegenseitige Namennennung handelt, weicht sie etwas ab: Nu hidr kastalamaärinn hvildar [ok fcer hann pat add. bj ok spyrr fhann nü add. hj Erex at nafni, en hann seigir at hann skal fyrri seigja sitt nafn. Im Gegensatz dazu wird bei H. Guivreiz in den Mund gelegt V. 4455 s. : sus ist ez mir unmcere loer din vater ivcere. Doch fragt auch hier G. später noch nach E. Namen, v. 4521 ss. Der Fremde nennt sich in der Saga Guimar (Gunnerus verderbt b), bei Cr. Guiurez, bei H. Guiv- reiz). Ganz allein der Saga angehörig ist der Zug, daß sich eine nahe Verwandtschaft zwischen ihm und Erec herausstellt; Guimar sagt: ok er ek systurson llax konungs, während es bei H. nur heißt v. 4549: iwer vater ist mir wol erkant. — In allen drei Bearbeitungen fordert der König den Helden auf, bei ihm Rast zu halten; aber während bei Cr. Erec die Einladung ablehnt, nimmt er sie bei H. und in der Saga an. Freilich nach H. Erzählung verweilt er im Schlosse nur bis zum nächsten Morgen (v. 4573), in der Saga vierzehn Tage : Ok rida heim til kastalans ok dvaldist par hdlfan mdnud. Grcedir Erex sdr sin, ok pegar sem hdnum er aptrbata, byst hann boH etc. Vgl. Cr. v. 3885 ss., H. V. 4615 SS., wo der König denselben Vorschlag macht, aber von Erec abschlägige Antwort erhält. Im Folgenden hat die Saga eine andere Reihenfolge der Scenen, indem im Gegensatz zu den beiden übrigen Bearbeitungen zuerst der Kampf mit dem Riesen vorgeführt wird, während dort der Kampf mit Ksei und Erec's Überlistung durch Gawein vorhergeht. Im Einzelnen zeigt sich mehrfach Übereinstimmung: Crestien V. 4286. Erexsaga. en une forest uenu sont. ... til J^ess er hann kemr ä einn V. 4289. eydiskög f»ykkan ok vidan. qu'il oirent crier molt loing . . . Heyra f)ar mikinn gr4t ok illaeti, n'dr V. 4305 SS. eptir })eim lätum Jjar til er hann sär eina si s'en ua konu grdtandi [ok] hlaupandi um sköginu. tant que la pucele troua, Hon reif af ser klsedin ok {jreif i sitt qui par le bois aloit braiant. här. V. 4311 3. la pucele aloit dessirant ses dra8, et ses crins detirant. DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. ;i99 Nur der nordische Text weiß von zwanzig Rittern, die den Gatten der Dame begleitet haben und von den Riesen erschlagen worden sind. In der Saga ist die Darstellung in einzelnen Punkten ausführlicher, 'als in den andern Bearbeitungen. Es heißt: En at oss kömu tveAr jötnar i go'.r kveld ok drdpu alla riddara, en töku hönda minn hardUga ok hördv ok hundu d hak, en ek komst nndan, er ek nu [fdtoßk ok aitm add. b] vesöl ordin. Tdku ])eir ok vdra hesta ok klcedi. Crestien v. 4335. Erexsaga. encor sont il d'ici molt pres. Eru lieir skamt heclan. Vgl. H. V. 5361 s. Erec verspricht zu helfen und eilt den Riesen nach. Er er- reicht sie Crestieu V. 4364 SS. Erexsaga. et vit le cheualier en cors . . hefir best i togi ; k hamim var al- deschau et nu sor im roncin, naktr mactr ok bundnar hendr ;i bak con s'il fust pris ä larrecin, aptr, en foetr nirtr uudir kvid. les mains liees et les piez. Vgl. Hartmann v. 5401 ss.: im wären die hende ze rücke mit gebende und die füeze unden zesamene gebunden. Man beachte ze rücke =-- d hak, nnden = undir kvid, Zusätze, die bei Cr. fehlen. Der eine Riese sagt: Crestien v. 4411 s. Erexsaga. n'auriez uos force uers nos . . . J^viat ekki hefir f)u meira vid mik ne c'uns aigneax contre deux lous. at gera en lamb vid leon. Dieser Vergleich fehlt bei H. Die Darstellung des Kampfes selbst schließt sich, wenn auch mit Abkürzungen, an Cr. an. Am Schlüsse des Kampfes mit dem zweiten Riesen zeigt sich wörtliche Überein- stimmung : Crestien v. 4452. Erexsaga. qiii fu en deux moitiez fenduz. . . . ok snidr bann sundr i miftju. V. 4456. Si'itan leysir bann binn bundna rid- ä tant Erec le deslia. dara ok frdttir bann at nafni. V. 4491. Nafn mitt er Balvi'el; ek er atfadr mais nostre non sauoir desir. af Karinlis. [Cai-vib'a h.) V. 4495. Cadoe de Tabriol ai non. Wenn wir H. v. 5643 s. : Sadoch er sich nnnde von Bofriol dem lande, vergleichen, so liegt die Vermuthung nahe, daß der Sagaschreiber den 400 EUGEN KÖLBING Namen der Localität für den Namen des Ritters gehalten hat, eine Verwechslung, wie sie in diesen Saga's öfters vorkommt; vgl. Riddara- sögur p. 33, wo ich einen ähnlichen Irrthum nachgewiesen habe. Die Saga beglückt uns dann noch mit einigen Namen, die ich in den' anderen Texten nicht finde. Es heißt: Blin unnusta heitir Favida, dottir jarls af Guderis borg. En ek er hertugi af Fölkhorg. Nur im Nordischen weist Erec die Dienste des Ritters ab mit: segist eigi pann prcelka sem guit heßr frelsat med sinni miskunn. Dann heißt es : Crestien v. 4506 s. Erexsaga. donc alez tost, sanz demorer, . . . en bad hann fram n'cta til Artus ä mon seignor le roi Artu. konungs ok segja hänum sannindi af V. 4512. si'num ferctum. alez i tost, et si li dites etc. Es folgen jetzt in der Saga zwei Abenteuer, die in den übrigen Texten ganz fehlen, und die ich darum vollständig mit den Varianten aus h mittheilen will, mag man über ihren Werth denken wie man will. Cap. X. Fra Erex er J)at ' at seigja, at hann ridr ^ leingi um sköginn ok hans unnusta, ok hafa öngva foedu, utan aldinn af vidi. Ok einn dag heyra ]3au ögurlig Iseti. J)vi nsest sau ja au hvar einn flug- dreki flygr ok hefir [einn mann i ser ^ alväpuadan ok hefir solgit hann meir en i beltisstadj [hann lifdi ^, en drekauum vard madrinn jaungr ok flaug •'' lagt. Erex harmar nü dauda dyrligs dreings ok heitr af öllu hjarta a *» gud ser til hjalpar, en manninum til lifs. Ridr sidan fram at hänum med öruggu hjarta. Vill heldr missa sit lif, en [leita ei vid at hjälpa J)eim manni ", ok höggr ä boexl drekanum svä hann kiknadi ^ ; vid ])etta högg Isetr hann upp manninn * ok vendir sdr at Erex ok hleypr nü at hänum med gapanda munui. Erex hleypr af baki hestinum ok leggr sinu spjoti i munn drekans af öllu afli ' '^ til hjartans, ok feil hann daudr ä ers Erex ok fekk J)at Jjegar bana. Nü geiugr Erex a [])eira manni * • sem a vellinura lä i üviti ' ^ , ok hans frü Evida, ok leita ])au hänum '^, lifs, sem J)au meiga; ok sem hann vaknar vid, JDakkar hann jjeim '* hjartanliga sina lifgjöf. [\)A spyrja |)au hann ^^ at nafni. Hann svarar: Ek heiti Pläto, Vigdoei "' borgar riddari >', hertugi, systurson herra Valvens af Artus "^ gardi. En Jjessi dreki tök mik i morgun sofanda af minum skildi, ok er min frü ok hirdsveinar * ^ skamt ä burt hedan leitandi min. Nü gef ek mitt riki ok mik X J)itt vald. Nü ))akkar Erex ^o g^di, er hann hefir frelsat 2' svä gödan '^'^ riddara, jjviat gerla kennir hverr Jseira annan, ok vard |)ar ^^ fagnadarfuudr med ]3eim, ok skjott koma |3ar menu Pläto ok hans unnusta, sorgmöd '^^ af hans burthvarli, [ok setladi "^ hann dau- DIE NORDISCHE EKEXSAGA ITND IHEE QUELLE. 401 ftan, ok er |iau säu hans freist ok tbrmerktu hann lifs vera ok vita hversu at helir borit, verda }ian fcgnari en frä megi segja, fallandi til f'ota ok [[lakkandi liänura merkiliga "^ |)enna sigr ok mildiverk, bjod- andi häniim sina lylgd ok Jjjonustu, en hann ])vi skjott neitti ok bidr J)au f'ara til Artiis konungs ok segja hänum hvat til tidinda hetir borit i |)essari ferd, en Jiau gera svä ok jjö naudig; skilja svä vid hann at sinni, en Erex ridr um skoginn med sina unnustii langa hrid unz hann s^r, hvar rfda VII menn alväpnada; rcka })eir marga hesta kly^ada af dyrum gripum til eins kastala -" er skamt stod j^adan, ok }iser ä Qora riddara bundna ok '^^ sära ok ^orar jungfriir hardla vsenar, ok j^eir sjä hvar Erex ridr, ok })egar snüa j^rir at hänum, en tjörar rida til kastalans at geyma herfangit. Sä sem fyrir ^eim var, kallar '^^ härri röddu ^^: Jiü riddari, segir hann, ridr sem ^' fol i hendr oss ölhim, en ef ])n vilt Hf hafa, J>ä fä oss väpn Jiin ok klfedi, best ok unnustu, en gakk i linklsedum einum, vilir ])ü lif hafa ok berfoetr ok ))akka oss sefinliga lifgjöf. Erex svarar: jiessir eru iijafnir kostir ok dvrt skulu jjer mitt lif ädr kaupa, en J)er fäit }>at. Nu ridr at jaeim ok leggr sinu spjoti [fyrir brjost einum •''^ Jieirra, ok hrindr hänum daudum af hestinum, en til annars höggr hann sinni hoegri hendi [ok sneid hjälminn svä at heilinn lä ä jördinni ^^, en hinn Jjridi sn^ri undan vid fall sinna f^laga, ok f?er skjotan dauda^ |5vi at Erex höggr ä hans bak svä at hann tök sundr i midju. I ]^)vi k6mu at hänum fjorir, ok ridu allir senn at Erex; ok var höfdingi j:)eirra verri einn vidreignar, en hinir allir. Fser Erex nü mörg sär ok stör, ok svä rifna upp [hin fornu sär ^^. (Vgl. H. v. 5716 ss. En svä lykr ^^, at Erex felHr ^e ])A alla; enda er hann ]>ä mjök ylirkominn af särum ok moedi, ok ])6 ridr hann skjotliga [jjangat sem hinir bundnu väru ok leysir J)ä; spyrr j^ä sidan at nafni, en sä seigir er fyrir j^eim var: Ek heiti Jüben hertogi af Freiheimi ^ ' ; en jsessir eru J>rir minir brcedr, Perant ok Jodim -'^ ok Malides ^^ hertvigar af Mänaheimi: eru |)essir värar unn- ustur, en ver frettum til JDessara illvirkja ok hugdum at freista med värri frsegd, en viljum \)er nü gjarna J)j6na *". Erex mselti: ]jer g6dir herrar, sagdi hann, farit i guds fridi fyrir göd bod, en ydvara jjjonostu vil ek ekki hafa. En ef jaer vilit m^r nökkut '^ ' gera, \)a, fari j^^r skjott ok segit Artus konungi at Erex Ilaxson hefir j^ik irelsat. Eu [|)eirra foringi jätar *- J)vi gjarnan ok bidr *^ hann af baki at stiga ok binda sär sin, ok hvilast ])vi hjä J)eim um stund, en hann vill Jsat eigi ^^ ok snyr ä skoginn med Evida. reir vilja Jiä fylgja hänum. Hann fyrirbydr ])e\m jiat ok snüa |)eir aptr i kastalann ok binda sär sin ok dveljast Jjar nökkrar ncetr. Ok ridu jiadan ä Artus "*^ fund. 402 EUGEN KOLBING ') jsat om. a. Ergänzt nach h. ') nii add. h. ^) i munni einn mann h. "•) en hann lifdi J)6 enn b. ^) hann mjök add. h. ") allmättugan add. h. ') hjälpa eigi Jiessum manni h. ^) af tok 6. ') lausan add. h. '") allt add. h. ") Jjessum manni 6. '') svä iiaer at bana kominn add. b. '^) mi add. h. '*) Erex 6. '^) J)au spyija hann enn b. '") Margelei. * ") riddari om. i. '*) konungs ofZd. 6. ") skjaldsveinar 5. '") allmättigum add. b. ^') fyrir si'na hönd add, b. '') ägsetan b. '') mi hinn mesti acZtZ. b. ^'') hun sorgadi mi mjök b. '^^} setlandi b. '*) Jjakka hänum nü mikilliga b. ^') skäla b. ") J)ä alla ad(Z, 6. ") k Erex acZcZ. 6. ^o) sv4 mfelandi add. b. ^') eitt add. b. '^) i gegnum einn b. ^^) medr sverdi um })vert andlitit ok i simdr hausinn svä at heilinn f^ll ä jörd b. ^^) hans hin gömlu sär b. ^'') bardaga fiein-a add. b. '*) drepr h. '•) Forkheimi b. ^*) Joachim b. ^^) Malcheus b. ■'") fyrir lifgjöf ok frelsi jjer allii- ])j6na ok värir riddarar b. ^') nökkuni heidr 6. ^') ))eir jäta b. '*) bidja ä. **) medr öngu raöti ä. ■*') konungs ar fyrir himnariki. (Vgl. die ähnliche, religiöse Bemerkimg dem SchlossheiTn gegenüber, der Evida verführen will.) Die Trostrede folgt, wie bei Cr., noch ehe er sich mit seinen Gesellen berathen, nicht erst dann, wie bei H. Sie entspricht dem Sinne nach der in den anderen Texten. Das Folgende ist in der Saga sehr kurz gefasst. Unabhängig von den andern Texten hebt diese her- vor, daß er einer Unbekannten sich und sein Reich anbietet: en pö veit hann ei hennar nafn. Eigenthümlich ist, daß hier das Gefolge, das er wegen der Vollziehung der Ehe um Rath fragt, antwortet: Pat eru guds log ei, nema hun geß leyfi til, en '])at fekkst ei af henni. Bei Cr. findet sich nichts Entsprechendes, bei H. gerade das Gegentheil v. 6210: nv rieten st im'z alle. Der Unwille bricht dann erst später aus: Crestieu v. 4790 ss. Erexsaga. et li cuens la fiert en la face. Jarlinn reiddist m'i ok slaer haua cele s'escrie, et li barou piistr Hon grsetr sarliga; en hir- le conte blasment enuirou. dinni likar illa tiltoeki jarlsins, ok verdr af jaessu mikit hark i höllinni. Zu den Worten en-jarlsins vergl. Hartmann v. 6525 ss.: so dühte'z se alle gliche, arme uude liche ein michel ungefuoge. Die bei Cr. und H. in die Scene mehrfach eingeflochtenen Reden hat die Saga nicht, wol um den Text abzukürzen. Erec's Erwachen wird in vollständiger Übereinstimmung mit Cr. geschildert : Crestienv. 4817 s. Erexsaga. entre ces diz et ces tencons Ok Jjessu nsest tekr Erex at vitkast, reuint Erec de paumoisons. ok hleypr af bönmum ok bregdr V. 4824 s. sverdi, ok höggr til jarlsins i höfudit dou dois ä terre descendi, sva at heilinn la 4 jördunni. et trait l'espee isnelement. V. 4829. et fiert parmi. . . . le conte. 404 EUGEN KÖLBING Nach dieser Übersetzung i höfvMt ist statt Bartsch's Ergänzung: et fiert parrrii le vis le conte, 1. c. p. 180 v. 4829 vielleicht richtiger so herzustellen: et fiert parmi la teste al conte. Der deutsche Text gibt keinen Anhalt zu einer Verbessening. Crestien v. 4833 s. Erexsaga. li cheualier saillent des tables, Af Jsessu verki kemr svä mikill otti qui cuident que ce soit deables .... yflr hirctina alla, at hverr hleypr ut af V. 4838 s. höllinni, sem mest ma, svä maelandi: li uns deuant l'autre s'enfuit, Skundum iindan sem mest mögum v^r, quanque il puet, h grant eslais. ^vlat fjandinn er i li'kinu ok hefir drepit V. 4841 s. J*''^^°°- et Orient tuit, et foible et fort, fuiez, fuiez, uez ci la raort. H. schildert die Flucht ziemlich selbständig (vgl. Bartsch 1. c. p. 170). Über die Art, wie Erec zu seinem Pferde kommt, sagt die Saga nichts; es heißt nur: sina hesta i gardimcm. skjött, finnandi. Die Ver- söhnung findet hier bei dieser Gelegenheit noch nicht statt. Statt dessen folgt nun im nordischen Text die Schilderung des Zusammentreffens mit Kcei. Diese Scene wird mit folgenden Worten eingeleitet : ^au taka ser ndttstad d einum fögrum vöUmn vid sinn hrnnn vcenany ok htndr Evida um. sdr Erex, ok sofa siäan til dags, ok taka siäan hesta sina, rida sidan til eins kastala, ok dvöldu par prjdr noetr ok hvila sik. Padan rida Pau langan veg. Der Anfang der Scene selbst stimmt ganz genau zu Cr. : Crestien v. 3951 ss. Erexsaga. tant que par auenture auint Ok einn dagr s^r Erex, hvar ridr einn que Erec encontre lui uint. riddari, ok kennir at {\>k er kominn add. h) il conut bien le seneschal. Ksei raidismadr Artus konungs. V. 4036 s. Fellir bann Kaei rsedismann af baki tot estendu le porte h terre. ok tekr best bans ok hefir med ser. puis vint au destrier; si le prent. Anzumerken ist, daß bei H. Kfei bei der Rücklcehr zu Artus V. 48.54 ss. selbst die Vermuthung ausspricht, sein Besieger sei Erec gewesen, bei Cr. nicht, während es in der Saga gleich nach der Schilde- rung des Kampfes heißt: ok pd kennir hann Erex at vdpnalmnadi. — Das gegenseitige Fragen nach den Namen hat Cr. und die Saga nicht. Das Ross erhält Ksei erst wieder, als er hinzusetzt, er habe es von Valven geliehen; dies ist im Nordischen wenigstens angedeutet: Ok hidr Erex, gefa ser hest sinn, ok fekkst ei Jjat fyrr en hann sagdi at Valven pann hest wtti ok skildust med pvi at sinni, bei H. deutlich ausgespro- chen, während er bei Cr. gleich das erste Mal vom Eigenthümer des Rosses spricht. Zu: ok skildust med "pvi at sinni vgl. H. v. 4832: Nu DIE NORDISCHE EEEXSAOA UND IHRE QUELLE. 405 schieden st sieh ze stund, ein Ausdruck , für den sich bei Cr. nichts Entsprechendes findet. Das in den andern Texten nun folgende Abenteuer mit Gamlin fehlt in der Saga ganz. Statt dessen folgt jetzt die Aussöhnung, die, wie wir vorhin sahen, in den andern Texten an einer anderen Stelle steht. Doch stimmt die nordische Fassung offenbar mit Cr.: Crestien v. 4885 ss. Erexsaga. bien uos ai dou tot essaie. I mörgum |)rautum liöfum vit um h\iS ne soiez de rien esmaie; verit ok hefir gud iir ölhim velleyst, en q'or uos ain plus assez et pris, nü hefi ek reynt af f>er sanna ast, dygd et ie resui certains et fis ok trüfesti. que uos m'amez parfaitement. Die Saga setzt selbständig hinzu: Er nü ok mein vdn, er skjotr verdi skilnaär okkarr, Jwiat fast anqra nrik stör sdr ok langt matleysi. Ok pessu ncest fellr hann i nvit. Guimar erscheint med marga riddara , Avährend H. und Cr. be- stimmte Zahlen angeben. Von einem Kampf zwischen beiden, wie bei Cr. und H., ist im Kordischen nicht die Rede. Es heißt von Guimar: Hann kennir skjött Fyrex ok Evidam ok huggar hana skjött, en Icetr Erex i hoegan vagn ok fytr hann heim ? sina horg. Bei Cr. und H. wird Erec von Guivret's zwei Schwestern geheilt, in der Saga von einer: ok fa>rir hdnum til la>kningar systnr sina, er Godilna hef, pviat hon gaf alli heilt qrcedt, indeü ohne die Fämurgdn zu erwähnen. Die Schilderung des Abschiedes stimmt mit der bei Cr.: Bidr hann konung orlofs [til hrott- ferdar add. h] ok fa^r ])at med 'Jwi at hann sjdlfr vill fylgjci hdnum ok pat piggr Erex. Vgl. Cr. v. 5215, v. 5238 ss. In der Saga erhält nicht nur Evida ein Ross, sondern auch Erec Es heiüt: Guimer konungr gefr Erex XXX riddara alvdpnada til fylgdar ok gott ess komit af Lom.- hardi ok keypt fyrir XX merkr gulls. Bei der Beschreibung von Evida's Rosse, die verhältnissmäßig kürzer gefasst ist, als in den beiden andern Texten, stimmt doch manches Einzelne mit denselben. Statt der Auf- zählung der einzelnen Scenen aus Aeneas Leben, die auf dem Sattel- bogen dargestellt sind (vgl. Cr. v, 5292 ss. H. v. 7544 ss.) heißt es nur: d södulhoganum vdru skrifud öll störmerki Tröjumanna; vgl. H. v. 7545. daz lange liet von Troyä. Cr. v. 5293: coment Enens mut de Troie. Crestien V. 5303 ss. Erexsaga. uns Grez taillierres, qui la fist, .... med svä miklum haglcik at au taillier plus de set anz mist, hinn fljotasti ok hinn bezti höfudsmidr qu' ä nule autre oeure n'entendi. i öllu Bretlandi gat Joat ei fullgert ä sjö ärum. 406 EUGEN KÖLBING Mau vergleiche Hartmann v. 7461) ss. : Ein meister hiez Umbriz, der doch allen sinen fliz dar leite für war wol vierdehalbez jär, unz er in volbrähte dar nach als er gedähtc. ^ Wir sehen also, daß sich hier die Saga enger an Cr. anschließt, als H. Nach dem Abschied von Guimar gelangt Erec mit seiner Gattin zur Burg Bartiga {Brnndicjanz bei Gr., Brandigän bei H.), die ein König Essuen {Eysteynn b) in der Saga, Eurains bei Gr., Ivreins bei H. inne- hat. Der Name des Abenteuers ist im Nordischen passender gewählt als in den anderen Texten: hardr fagnadr *)^ Gr. b41d joie de la cort, H. 8005 des hofes freude, eine Übersetzung des franz. Namens, vgl. v. 8001. Crestien V. 5418 SS. Erexsaga. 1 aventure, ce vos plevis, I )^»essari borg er sa stadr, er heitir la joie de la cort a non. hardr fagnadr , ok bann hefir raörgum dex, cn joie n'a si bien nou. gödum riddara ordit ofagnadr, ok hefir V. 5390 s. einginn aptr komit s4 er farit hefir, ]io que doii chastel ne rcuint niis alröskr riddari verit hafi. qui lauentu re i alest qiierrc. V. 5393. cheualier fier et corageus. Von Tanz und Spiel im Schlosse, von den Klagen der Bewohner (vgl. Bartsch 1. c. p. 173) weiß die Saga nichts. Beim Empfang heißt es: Crestien V. 5501 s. Erexsaga. li rois Eurains cn mi la nie Ok er {^eim Jiar vel fagnat ok 8j41fr vint encontre ; si los salue. Essuen kouungr gengr i moti }ieim ok V. 5511. leidir \)ä, til sinnar hallar, ok gerir Jieim Ten inainne en son palais amout. agaeta veizlu. V. 5532 s. li rois cominande aprester Ic sopcr. Von den bei H. vorkommenden achtzig Frauen (v. 8220 — 8357) ist in der Saga nichts zu lesen, ebenso wenig werden Namen von den im Garten erschlagenen Rittern angeführt. Bald nach seiner Aufnahme in dem Schloss fragt Erec nach dem gefährlichen Platze: Crestien v. 5555 ss. Erexsaga. or nou puis celer en auant. Nu spyrr Erex , hvar sä stadr er , er la joie de la cort demant, hardr fagnadr heitir, ok segir Jiat sitt que nule rien tant me covoit. *) Zu dieser Art von Namen vgl. tiiiuadi atbur(!r (nach Stephens Vermuthung [HeiTa Ivan lejon - riddaren Stockholm 1849 p. XYIT] pmandi zu lesen), vgl. meine Anmerkung zu der Stelle: Riddarasögur p. 128. DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 407 V. 5560. erindi ))augat, at reyna sik )iar, ef nök- ccrtes, fait li rois, beax arais, knt msetti til frfegdar verda. V. 5562 s. Konungr svarar svk: Ek vil yctr J)Vi ceste chose est molt perilleusc, ei leyna, sagcli bann, at j^jessi heiäzla et dolant a fait maint preudomme. licfir mörgum raauni at skada ordit. Was die Schilderung des Baumgartens angeht, so findet sich ein auffallender Widerspruch zwischen den Worten der Saga und der Schilderung von Cr. und H.: Crestien v. 5691 ss. Erexsaga. au lifdu. Sidan ridu |)au heim i sitt riki ok styrdu |)vi medr scemd ok heidr ok fuUum fridi. })au gätu H sonu; het annari' eptir födur Evidse, an- *) Man vergleiche folgende Stelle der Parcev.nls Saga, Riddarasögiir p. 14, 29 ss. : Aldri verdr m6r hugr fyllandi vid öngvau jjanii er uü er lifandi: skal ek aldri vera fl^jandi, medan ek er upp standandi. DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 411 narr eptir föitur Erex. Urdu peir badir k()iinni;ar ok aburdnnieim, ok likir födur sinum at hreysti ok riddaraskap ok toku riki eptir föduv sinn. Lykr h^r |)essari sögu af j|)eim ägseta P^rex konungi ok hans frü Evida. Ziehen wir nun aus dieser längeren Einzelvergleichung das Resultat. 1. Wir sahen, daß im Ganzen unsere Saga sieh dem französischen Dichter anschließt, namentlich an vielen Stellen, wo Hartmann's Dar- stellung ausführlicher und breiter ist, und daß, wo in Einzelnheiten die beiden Gedichte nicht harmonierten, die Saga Crestien folgt, mit dem sie häufig wörtlich übereinstimmt. Wir dürfen daraus gewiß unbedenk- lich schließen, das dem nordischen Bearbeiter das französische Gedicht vorgelegen hat. 2. Wir mussten aber auch eine Anzahl von Stelleu hervorheben, wo die Saga nicht mit Crestien, sondern mit Hartmann stimmte, hie und da ebenfalls fast wörtlich, so daß ein gewisser Zusammenhang zwischen beiden sich nicht wol Avird ableugnen lassen. Da treten nun zwei Möglichkeiten ein. Zunächst liegt die Annahme, daß der Saga- schreiber außer dem französi:chen Gedicht noch unsern deutschen Erec vor sich gehabt habe, an den er sich, wenn es ihm convenierte, an- geschlossen habe. Indessen haben wir Mehreres geltend zu machen, was dagegen spricht. Allerdings ist der Einfluß deutscher Poesie auf die nordische in der Zeit der Abfassung dieser romantischen Saga's nicht ganz abzuleugnen. Namentlich ist, wie in der neuesten Zeit B. Döring (Zeitschr. ftir deutsche Philologie II p. 1 — 79) erwiesen hat, die Thidrekssaga großentheils mit Benützung einer Recension unseres Nibelungenliedes verfasst *). Ebenso gibt der Verfasser des altschwedi- schen Gedichtes: Hertig Fredrik af Noimandie, an, daß dasselbe aus dem Deutschen übersetzt sei; vgl. v. 3201 ss. : , : Thenne bok ther ij hasr höra, henne lot kesar otte göra ok vaenda afF valsko ij thyzt maal, , ', gudh nadhe thaes aedhla första sitel. mi «r hon anuan tiidh giordh til rima nylika innan stuutan tima äff thyzko ok ij swaenska tungag. *) Ob nur nach mündlicher Überlieferung oder nacli einer schriftlichen Vorlage, wird nach den vielen wörtlichen Übereinstimmungen, die sich finden, doch wol noch zweifelhaft sein. G. Brynjiilfsson übrigens hält es dem ganzen Stil der Saga nach für wahrscheinlicher, daß dem Autor nicht eine deutsche, sondern eine lateinische Quelle desselben Inhaltes wie das Nibelungenlied vorgelegen habe. 412 EUGEN KÖLBING Andere Angaben sind freilich sehr apokryphischer Natur, so wenn die Blomstrvallasaga aus dem Deutschen übersetzt sein soll, vgl. die Ausg. von Möbius p. 2^ "": En cd pessarri veizlu fyrir haräi heyräi herra Bjarni lesit i pyzku mdli petta cefintyri oh foerdi siäan konungt i Noregi. Oder wenn es zu Anfang der Sigurdar Saga fötar ok Asmundar Hüna- konungs (Cod. Holm, perg 7 fol.) heißt: ^at er upphaf einnar Utillar sögu, peirrar er skrifud fannst d einum steinvegg i Cölni, at Knütr etc, Aber wenn wir bedenken, daß die dem Erec verwandten Saga's, die Parcevalssaga, die Iventssaga, die Tristramssaga, die Möttulssaga (vgl. für die Quelle dieser beiden Saga's die jetzt erscheinende Aus- gabe von Gr. Bryujiilfsson) sämmtlich nur nach den entsprechenden französischen Gedichten verfasst sind, so wird es schon von selbst wahrscheinlich, daß es mit dieser Saga ebenso steht. Und es steht uns auch noch ein anderer Ausweg offen; nämlich dasselbe Resultat^ zu dem Bartsch bei seiner Vergleichung von Hartmann's Erec mit Crestien's Gedicht gelangte: daß dem Verfasser das französische Gedicht als Quelle gedient hat, aber freilich in einer Handschrift aus einer anderen Gruppe als die, der der Bekker'sche Text angehört, und zwar in einer Überlieferung, die der nicht fern stand, welche Hartmann benützte. So würden die allerdings unabweisbaren Übereinstimmungen zwischen Hartmann und der Saga sich durch Annahme einer gemeinsamen Quelle sehr einfach erklären. Zugleich wird dies eine Bestätigung liefern für Bartsch's Behauptung, indem eine ganze Reihe von Abweichungen des deutschen Textes vom französischen nicht mehr als gegen Bartsch sprechend angeführt werden dürfen. 3. Allerdings muß aber hier noch ein Drittes in's Auge gefasst werden. Wir hatten nämlich in der Saga nicht nur solche Abweichungen von Cr. Gedicht zu verzeichnen, wo jene zu H. stimmte, sondern auch eine ganze Anzahl anderer, theils Weglassungen, theils Zusätze, sei es ganzer Abenteuer oder nur einzelner Momente. Was die Weglassungen einzelner Gespräche und einiger unwichtigen Ereignisse angeht, so wer- den uns diese keine große Schwierigkeit bereiten. Wer diese Saga's in ihrem Verhältniss zu den Quellen nur etwas näher in's Auge gefasst hat, weiß, daß es dem Sagaschreiber häiifig wünschenswerth gewesen ist, die Erzählung abzukürzen, weshalb er namentlich in Schilderungen sich meist auf das Nothwendigste beschränkt. — Die mehrfach zu beobachtenden Zusätze dagegen, ebenso wie einzelne Veränderungen dürfen wir vielleicht zum Theil der Überlieferung der Saga zuschieben, denn es ist bekannt genug, daß die Abschreiber der Handschriften häuHg ebenso sehr Producenten wie Reproduceuteu waren (vgl. Möbius, DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IH1{K QUELLE. 413 Blomstrvallasaga p. XXII). Doch kommt dies für uiisern Fall darum weniger iu Betracht, weil wir zwei Handschriften haben ohne verhältniss- mäßig sehr bedeutende Abweichungen. Zudem steht die Kopenhagener Abschrift in einer Handschrift, deren Schreiber sich stets auffallend genau an seine Vorlage gehalten hat, wie sich aus anderen Saga's, wo die Vorlagen noch erhalten sind, nachweisen läßt. — Nun ist es aber, schon aus dem oben angedeuteten Streben nach Kürze nicht gerade wahrscheinlich, daß der Verfasser der Saga viel willkürlich hinzugesetzt haben wird. Die meisten der Änderungen, die häufig ganz verständig- angebracht sind, werden daher wol im Texte des Originals ihren Grund haben. Schwieriger ist es, über die beiden eingeschobenen Abenteuer ein Urtheil zu gewinnen. Möglich, daß die Vorlage sie ebenfalls ent- halten, möglich aber auch, daß unser Sagaschreiber sie erfunden hat. Was diese letztere Möglichkeit betrifft, so will ich nur bemerken, daß i\[enschen raubende Drachen in den romantischen Saga's öfters vor- kommen; man vergl. z. B. Blomstrvallasaga Cap. XXIV, wo auch ein dveki fljügandi einen Menschen raubt, ferner in der Saga af Flores ok sonum hans, die nach dieser Richtung hin mit der eben erwähnten manche Ähnlichkeit hat. Auch der Name Fläto ist andern ähnlichen Saga's nicht fremd; ich erinnere nur an die Fertraras Saga ok Piatos, wo dieser letztere ein Sohn des Königs Artus von Frakkland ist: das zweite der beiden hier zu besprechenden Abenteuer ist noch weniger charakteristisch, und kann sehr leicht aus der Feder eines Abschreibers geflossen sein. Daß besiegte Ritter oder Männer, die Ai'tusrittern Dank schulden, zu Artus geschickt werden, konnte er aus dieser Saga selbst, ebenso aus der Parcevalssaga wissen. (Vgl. auch hierüber Holland: Li romans dou chevalier au lyon. Hannover 1862 p. 164 s. Anmerkung.) Sonstige Beispiele für von einem Abschreiber eingeschmuggelte Aben- teuer vermag ich allerdings nicht aufzuweisen, auch ist dies sehr schwierig, da wir bei zu wenigen die Quellen kenneu. — Den Schluß der Saga angehend, so läßt sich in Folge des oben erörterten Zustandes der französischen Handschriften, über die Selbständigkeit oder Unselbständigkeit derselben ein abschließendes Urtheil nicht fällen. Bemerken will ich nur, daß der Schluß der Anlage nach mit denen fast sämmtlicher romantischen Saga's identisch ist, indem es in diesen üblich ist, die Söhne nach den Großvätern zu nennen. So wird in der Elissaga (Cod. Holm. 6, 4") der Sohn des Elis und der Rosa- munda nach Elis Vater Julien genannt, in der Remundarsaga keisara- sonar (Cod. Holm, chart. 47 fol.) der eine Sohn des Renunidr und der Elena Rikardr genannt nach Remunds Vater, der andere Jon nach GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI. Jahr^.) 28 414 E. FÖRSTEMANN Elenas Vater, in der Saga af Nitida frfegu (Cod. A. M. perg. 529. 4°) der Sohn des Livorius und der Nitida Rikardr nach Nitida's Vater, in der Sigurdarsaga ins ]3ögla (Cod. A. M. perg. 152 fol.) der Sohn des ^igurdr mid der Seditiäna Flöres nach Seditiäna's Vater, in der Alaflekssaga (Cod. Hohn, chart. 47) der Sohn des Alaflek und der j)örbjörg Rikardr nach Alafleks Vater, in der Jarlraannssaga ok Her- mans (A. M. perg. 529, 4") Herraann's Sohn Rikardr nach Hermann's Vater u. s. w. Wenn Avir eine kritische Ausgabe von Crestien's Erec mit Verzeich- nung sämmthcher Variauten besäßen, so würde sich höchst wahrschein- hch ermittehi lassen, welche Handschrift es war oder wenigstens zu wel- cher Gruppe die Handschrift gehört hat, die dem nordischen Bearbeiter vorlag. — Ebenso wird aber auch diese Erörterung über die Saga berücksichtigt werden müssen, wenn es sich um eine neue Ausgabe von Crestiens Gedicht handelt. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach ist doch die Handschrift unter die besten zu rechnen, von der schon im 13. Jahrhundert Abschriften zu fremden Bearbeitungen benutzt worden sind. — So gewinnen die bis jetzt ganz unbeachtet gebliebenen nor- dischen Sagen, welche Stoffe aus dem Artussagenkreise behandeln, gerade für iras i Sudrlöndiira eine Wichtigkeit, die bisher allerdings erwähnt (Strengleikar eda Ijodabok. Udgivet af R. Keyser og C. R. Unger. Christiania 1850, p. IV s.), aber nicht im Geringsten ausgebeutet worden ist. CHEMNITZ im Jimi 1871. EUGEN KÖLBING. DER ÜRDEUTSCHE SPRACHSCHATZ VON E. FÖRSTEMANN. (Vgl. Germania XIV, 337—372; XV, 385 410.) DRITTER ARTIKEL. Wir haben in zwei früheren Abhandlungen zuerst dasjenige deutsche Spracheigenthum betrachtet, welches wir mit den Lituslaven und andern verwandten Völkern theilen, dann dasjenige, welches uns bloß mit den Lituslaven gemeinsam ist; in diesem dritten Abschnitte haben wir es DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 415 mit unserm, so weit wir bis jetzt sehen, eigensten und ausschließlichen Besitze zu thun. III. Die germanische Schicht. Bei dieser dritten Schicht des urdeutschen Sprachschatzes erwächst eine Schwierigkeit, die bei Darlegung der beiden andern Schichten nicht vorhanden war Dort nämlich brauchte man einen (nicht ent- lehnten) Ausdruck nur in einer einzigen germanischen und in einer einzigen ungermanischen Sprache nachzuweisen, und hatte damit gleich seine Existenz für das Urdeutsche geradezu bewiesen; hier dagegen, wo uns exoterische Verwandte der germanischen Wörter für jetzt noch fehlen, entsteht die Frage: welchem der vier germanischen Sprach- zweige muß ein Wort gemeinsam angehören, um daraus den Schluß ziehen zu können, daß es auch schon urdeutsch gewesen sei? Genau genommen sind wir zu diesem Sclilusse nur dann berechtigt, wenn wir das Wort in allen vier Sprachzweigeu nachweisen können. Diese Forderung aber müssen wir als viel zu streng abweisen, denn dann müssten von diesem Verzeichnisse alle die Wörter ausgeschlossen wer- den, die gewil.'i im Gothischen vorhanden waren, uns aber in dem Fragmente des gothischen Sprachschatzes, welches wir kennen _, nur zufällig nicht überliefert sind. Und selbst wenn ein Wort, das wir im Nordischen, Hochdeutschen luid Sächsischen finden, wirklich dem Gothischen gefehlt hat, ist es fast wahrscheinlicher anzunehmen, daß CS urdeutsch vorhanden gewesen, im Gothischen aber verloren sei, als daß es urdeutsch noch gefehlt und sich erst nach der Absonderung des Gothischen gebildet habe. Genug, wir liaben eine gewisse Berech- tigung auch solche Wörter dem Urdeutschen zuzuschreiben, die wir im (iothischen nicht kennen. Wie aber, Avenn wir ein Wort weder im Gothischen noch im nordischen Zweige, sondern niir im Hochdeutschen und Sächsischen nachweisen können? dürfen Avir es auch da dem urdeutschen Sprach- schätze zuschreiben? im Ganzen gewiß nicht. Es mag ja zufällig einer oder der andere Ausdruck in dem einen wie in dem andern Sprach- zweige verloren gegangen sein, im Ganzen aber tritt hier eine viel größere Wahrscheinlichkeit ein, daf.^ dieser Ausdruck sich erst nach der Sonderuug des Gothischen laid Nordischen gebildet habe, als das Hochdeutsche und Sächsische noch eine Einheit ausmachten, also in derjenigen Zeit, die ich (vgl. Kubus Ztschr. XVHI, 1(31) die neu- urdeutsche zu nennen gewagt habe. 28* 41 (i E. FÖRSTEMANN Aus diesen Erwägungen ei'wächst von selbst die Kegel, nach welcher Avir das folgende Verzeichniss zusammengestellt haben. Wir schreiben einen bis jetzt nur im (Termanischen nachgewiesenen Aus- druck dann schon dem Urdeutschen zu, wenn er sich mindestens in zweien der vier germanischen Sprachzweige vorfindet, unter Avelchen zAveicn aber entweder der Gothische od er der Nordische nicht fehlen darf; blos hochdeutsch-sächsische Wörter werden im Allgemeinen aus- geschlossen und nur dann dem Urdeutschen zugeschrieben, wenn wir zwar nicht sie selbst, avoI aber eine Ableitung \'on ihnen im Gothischen oder Nordischen nacliAveisen können Diese Regel ist natürlich nur ein Versuch, sich der Wahrheit zu nähern; nicht im Mindesten darf man daran denken, damit die Wahr- heit zu erreichen. Näher betrachtet zerfällt aber die nach dieser Regel zusammen- gestellte dritte Schicht unseres urdeutschen Sprachschatzes Avieder in zAvei A^erschiedene Lagen, die wir vorsuchen müssen von einander zu trennen. Der eine Thoil nämlich besteht aus solchen Wörtern, für Avelche Avir Aveder in der indogermanischen noch in der slavogermani- schen, noch in dieser dritten Schicht des Deutschen selbst Primitive fividen ; sie kommen in unser Deutsches auf räthselhafte Weise hinein- geschneit, und Avir müssen ernstlich darauf denken, sie künftig ein- mal entweder der indogermanischen odov der slavogermanischen Schicht zuzuAveisen, oder sie endlich als unai'ischc Fremdwih'ter (z. B. finnische) zu erkennen. Der zAveite Theil dagegen macht uns AA''eniger Sorge; er besteht aus deutlichen Ableitungen oder Zusanimensetzungen solcher Wörter, die Avir in den beiden älteren Schichten unseres Sprachschatzes oder in dieser dritten Schicht selbst finden. Was ich im Folgenden biete, bezieht sich zunächst nur auf den eben erAvähnten ersten Theil dieser dritten Schicht, also auf die tiefere Lage dieser tertiären Bildungen imserer Sprache. Das Ver- zeichniss ist ganz so geordnet Avie die beiden früheren, und eingerichtet neben ihnen aufgeschlagen zu Averden. Auf Vollständigkeit macht es natürlich keinen Anspruch. Auch wird bei jedem Worte nur beabsichtigt nachzuweisen, in Avelchem der vier deutschen Sprachzweige es bisher belegt ist ; alles Aveitere Verfolgen durch die Mundarten ist unnütz ; höchstens in einzelnen Fällen führe ich zAvei Sprachen desselben SprachzAveiges an. SUBSTANTIVA. Säugethiere. Altn. bokkr (aries), ahd. hoch, ags. bucca. Goth. lamb (agnus), altn. ahd. ags. lamb. DEE TJRDEITTSCHE SPRACHSCHATZ. 417 Altn. borgr (verris), abd. bare, paruc xi. s. w., ags. bearb. VgL farah in der ersten Abbandkmg. Der Anknüpfung an skr. varaba, bat. verres, gr. sqqkos-, sqqcoo':; ist wobl uiclit beizustimmen. Altii. berr (verres), abd. per, ags. bar (engb boar). Ahn. göltr (verresi und gilta (sucula), abd. galza (sucuba). Altn. hros, hors, abd. bros, ags. bors. Ahn vigg (equus), ags. vieg, alts. wigg. Abu bvelpr (m., catukis), alid. bualf (n.), ags. bvelp (m.) Die Verbindung mit altir. euilenn (eatulus) bleibt unsieber mid ist jedenfalls nicbt eine enge. Unter den Avilden Säugetbieren zeigen sieb hier: Altn. björn, abd. bero, ags. bera. Unsieber ist Avobl die Anknüpfung an lat. fera. Gütb. faidio, altn. foa, abd. foba. Das Wort niaebt den Eindruek, als sei es auf sonst ungewöbn- licbem Wege aus dem Verbum falian eapcre entsprungen. Altn. ikorni, abd. oieborn, ags. äcwern. Hier mulJ ich mich aller Erörterungen über das viel besprochene räthselbafte Woi-t entbalten; mit Grimm Wbeb. Entstellung aus axLOJ'Qog anzunebmen vermag ich nicht; lebrreich ist, was Pictet in Kuhns Ztscbr. VI;, 188 f., anknüpfend an eine trübere Deutung von mir, erörtert. Altn. bind (eerva), abd. binta, ags. bind. Altn. breinn (cervus tai'andus), ags. brau. Altn. hvalr, abd. wal, ags. bväl. Ob wirklich mit (fccXaiva balaena zu verbinden? Altn. selr (phoea), abd. selab, ags. seolb. Nun zu den Vögeln: Goth. fugls, altn. fugl, abd. fogal, ags. fugol. Die Anknüpfung an lat. pullus ist wobl abzulehnen, die Ver- wandtschaft mit fliegen höchst dunkel und anziehend. Goth. hanin (Nom. bana), altn. bani, abd. bano, ags. baua. Altn. svala, abd. swalawa^ ags, svaleve. Altn. levirki, abd. leraha, ags. laverc. Ganz ähnliche linguistiscbe Fragen wie Eichbom unter den Säugetbieren erregt Lerche unter den Vögeln; vgl. aueli bier Pictet in Kuhns Ztscbr. VI, 192. Altn. haukr, abd. habub, ags. bafoc. Vgl. ir. seabhae, welsch hebog; vielleicht ist das deutscbe Wort als keltiscbes Fremdwort anzusehen. Altn. düfa, abd. tüba, ags. düva (alts. düfa). 418 E. FÖRSTEMANN Unter den bisher versuchten exoterischen Vergleichungen habe ich keine gefunden, die mir glaubwürdig wäre. Altn. heigri (ardea), ahd. heigir (ardea), ags. higre (picus). Altn. svanr, ahd. swan, ags. svan. Niedere Thiere : Altn. linni und linnr (serpens), ahd. lint. Altn. nadr (m.) und nadra (f.), ahd. natra (f.), ags. nädre (f.). Lat. natrix ist eine vollständige italische Bildung. Altn. ahd. ags. lüs. Der Mensch: Altn. halr (vir), ags. häle. Altn. karl imas), ahd. charal, ags. ceorl. Altn. vif, ahd. wib, ags. vif. Altn. dis (femina), ahd. itis (selten), ags. ides (alts. idis). Altn. dvergr, ahd. twerc, ags. dveorg. Goth. bruths, altn. brudr, ahd. brut, ags. brid, bryd. Goth. frauja (dominus), altn. Freyr, ahd. fro, ags. fred. Altn. vinr (amicus), ahd. wini, ags. vine. Altn. gisl (obses), ahd. gisal, ags. gisel. Altn. sveinn (servus, ursprünglich wohl pucr), ahd. swein, ags. svän. Altn. thraell (servus), ahd. drigil (zu schließen aus Wolfdrigil). Goth, sibja (consanguinitas), altn. sif, ahd. sibbja, sibba, ags. sibb. Goth. hansa (cohors), ahd. hansa, ags. hosu. Ob altpreuss. amsis (populus) damit zu vergleichen? Unter den Völkernamen scheint den deutschen Stämmen der der Gothen (urdeutsch Gutanas) gemeinsam gewesen zu sein und ur- sprünglich wohl das ganze ungetheiltc Volk bezeichnet zu haben : so erklärt es sich, daß er sowol im Süden als an der Weichsel als in Skandinavien bei einzelnen Stämmen bestehen blieb. Es folgt nun der thicrischc Körper; wegen der Anordnung vergleiche mau hier wie überall stets die erste Abhandlung: Altn. lif (vita), ahd. lib, ags. lif. Altn. lior (vita), ahd. ferah, ags. feorh. Altn. vangi (m.)^ ahd. wanga (n.), ags. vange (n.). Altn. gomr, ahd. goumo, ags. goma. Altn. müli, mhd. mül, müle. Altn. nef (rostrum, nasus), ags. neb. Goth. vairilö (labiura), altn. vor, ags. veler (altfries. were). Altn. hlyr i^gena), alts./hlear. Ahd. dümo pollex), ags. thuma: altn, thuniall, thumalhngr. DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 419 Altn. klo, ahd. klawa, ags. clavu. Altn. thio (femur), ahd. dioh, ags. theoL, theo. Altn. ökull, ökli (talus), ahd. anchal, ags. ancleov. Gotli. laists (vestigium , solea^ vgl. ahd. leisa), altn. leistr, ahd. laist, ags. laeste, last. Altn. ahd. ags. spor (vestigium). Altn. hold (cadaver, caro, cutis), ags. hold. Altn. dünn (msc, nhd. daune), ahd. colnduni. Altn. mön (juba), ahd. mana Altn. toppr, mild, zopf, altf'ries. top. Altn. bükr (corpus)^ ahd. buh (venter), ags. büc Goth. bruöts, altn. briost, ahd. brüst, ags. breost. Das altsl. prusi ist vielleicht zu vergleichen. Altn. bak (tergura) , ags. bäc Das ahd. baciiu (gcua) könnte trotz der veränderten Bedeutung dazu gehören. Altn. limr (artus), ags. lim, leom. Goth. lithus (artus), altn. lidr, ahd. lid, ags. lidu. Der Vergleichung des Wortes mit dem lat, arlus, die man ver- sucht hat, wage ich nicht beizustimmen. • Golh. tagl (crinis), altn. tagl, ahd. zagal, ags. tägel. Altn. barmr (gremium), ahd. baram, ags. bearra. Altn. tharmr, ahd. daram, ags. tliearm. Ahn. bein, ahd. bein, ags. bän (alts. ben). Altn. aedr, ahd. ädara, ags. aedra. Die bisher aufgestellten exoterischen Vergleichungen wollen mir noch nicht einleuchten. Altn. milti, ahd. milzi, ags. milte. Altn. magi, ahd. raago, ags. maga. Altn. lünga, ahd. lunga, ags. plur. taut, lungen. Goth. huhrus (m ), altn. hüngr (n.), ahd. liungar (m ), ags. hun- gur ym.). Altn. kvöl, ahd. quala, ags. cvalu. Altn. sar (dolor, vulnus), ahd. ser, ags. sär. Altn. und, ahd wunta, ags. vund. Altn. ben (vulnus), ags. benn. Pflanzen; zuerst Allgeraeines: Goth. fraiv (semen), altn. friof, frio. * Ahn. blad, ahd. blat, ags. bläd. Goth. ahs, altn. ax, ahd. ahir, ags. ear (Ähre). Altn., ahd., ags. hris. 420 E. FÖRSTEMANN Goth. tains (ramns), altn. teinn, ahd. zein, ags. tau. Altn. stofn, alid. starU;, ags. stemm. Vgl. altsl. stiblo (»Stengel, Stamm), Miklosich. Altn. vit1r (arbor, lignum), ahd. witu, ags. vudu. Goth. basi, altn. ber, ahd. beri, ags. berie. Bopp Gramm. III, o4o möchte das Wort zu skr. bhaksjan Speise fzu essendes) setzen. Einzelne Pflanzen: Altn. hafri, ahd. habaro, alts. havoro. Goth., altn., ahd. gras, ags. gras, gärs. Goth, rans, altn. reyr, reyrr, hraer, ahd. ror. Island, thistill, ahd. distil, ags. thistel. Minerale. Goth. hallus (lapis), altn. hallr. Das fem. halla ist nur verwandt, nicht dasselbe Wort; Miklosich vergleicht altsl. skala lapis. Sclnved. kisel, ahd. chisil, ags. ceosel. Altn. klif und klcif (rupes, chvus), ahd. clep, ags. clif, cliof . Altn. gier (vitrum), ahd. glas, ags. glaes (urdeutsch glesum). Altn. stäl, ahd. stahal, ags. steh Nähr u n g. Goth. mats (cibus), altn. matr, ahd. maz, ags. mete. Altn. födr, ahd. fotar, ags. fodur. Goth. smairthr [jttotrjs), altn. smiör, ahd. sracro, ags. smeru. Altn. spik, ahd. spec, ags. spie. Altn. hunaug, ahd. honang, ags. hunig. Goth. leithus (Obstwein), altn. lid, ahd. lidu, ags. Itd. Lit. lytus Regen und zcnd. raetu Flüssigkeit liegen begrifflich doch zu fern. Altn. sumbl (conviviuni), alts. sumbl, ags. symbel. Kleidung. Altn. smokkr (vestis pectoralis, indusium etc.), ahd. sraoccho, ags. smoc. Altn. väd, vod, ahd. wät, ags. vaed. Altn. klaedi, mhd. kleit, ags. clad, fries. kläth (noch nicht nach- gewiesen im Goth., Ahd., Alts.). Lit. kleida, lett. IcTeite nach Grimm Wbch. entlehnt. Altn. hosa, ahd. hosa, ags. hosa. Möglicherweise := lat. casa; s. Germania IV, 168. Altn. hüfa, ahd. hüba, ags. hüfe. DER UKDEÜTSrHE SPRACHSCHATZ. 421 Die Verglcichung mit skr. kakublia, gr. xv(pr] u. s. w. ist mir noch nicht sicher genug. Gotli. skohs, altn. skör, ahd. scuoli, ags. sco. Altn. flukr, ahd. tuoh, alts. dok. Zu skr. dhvaga Fahne? Fick. Altn. nKittull;, ahd. mantah Aus \i\t. mantele, manteluiny vgL Germania IV, 1H4. Altn. lindi (m., balteus. zoua), ags. Hndc (n.?), ijid. DiaL hnt (f.). Altn. vöttr (Handschuh), ahd. want (franz. gant). Altn. posi, ahd. phoso, ags. posa Beutel. W o h n u n g. Güth. razn (domus), altn. rann (donnis), ags. räsn (asser, laquear). Altn. inni, ags. inne domus. Altn. hörgar (arac), ahd. haruc, ags. hearg. Altn. höll (domus), ahd. halla, ags. heal. Ist skr. cäla (Haus, Halle) zu vergleichen? Altn. salr, ahd. sal, ags. sal. Goth. ubizva (Halle) altn. ups, uss, ahd. obisa, opasa, ags. efese. Altn. i,iald, ahd. zeit, ags. teld. Altn. hlid (ostium, operculuni), ahd. hlil, lit, ags hlid. Goth. haurds (fores), altn. hurd, ahd. hurt. Altn. balkr, ahd. balcho, alts. balco, Altn. svalir (plur., Gebidk), ahd. swelli Schwelle. Vielleicht = lat. solum; s'. Kuhns Ztschr. XVIII, 262. Altn. süla, ahd. siili, ags. syl. Altn. flet (cidnle, area, casa), ahd. tlezzi, ags. flett. Feuer, Licht, War nie. Altn. eldr (ignis) oder ildi, ags. aeled. Altn. kul [n.], ahd. kol, kolo (ni., und n.?j, ags. col. Wegen des skr. gvara (Gluth) und des griech. ygvvog (Brand) das Wort in die erste Schicht zu versetzen wage ich noch nicht. Altn, einmyrja (cinis, ignis), ahd. eimurra, ags. arayrie. LuH. Goth. luftus (m.), altn. Io])l (n.), ahd. luft (f. und n.), ags. lyft [f.). W a s s e r. Altn. haf, mhd. hap, habe, ags. h(-af aequor. Goth. sküra (iinbcr), altn. skur, nhd. schauer, ags. scür. Altn. hagl (n.), ahd. hagal, ags. hagal. Altn. iss (m.), ahd. is (n.), ags. is (n.). Es mag mit Fick an das zend. ici, huzvar. jah erinnert werden. 422 E. FÖRSTEMANN Altn. bekkr, ahd. bach, ags. becc. Mit Grimms Wbch. an griech. jcyjyr} zu denken ist höchst gewagt. Goth. brunnan, altn. brunnr, ahd. brunno, ags. burna. Gricch. . Altn. krank, ahd. krank. Goth. siuks, altn. siükr , ahd siuh , ags. si6c, se6k, s^c (siukan ist im Goth. stark). Altn. lamr, ahd. lam, ags. lam. Goth, daubs, altn. daufr, ahd. taub, ags. deaf Goth, blinds, altn. bliudr, ahd. blint, ags. blind. Geist. Goth. batiza, altn. betri, ahd, beziro, ags betera, Goth, veihs (altn. ve numen), ahd. wih (ags. vih idolum) 428 1^- FÖRSTEMANN (loth. ubils, ahn. illr, alid. ubil, ags. yfel, eofel. (Toth. v^iirsiza, altu. vei'ri, alid. wirsiro, ags. vyrsa, Altn. argr und ragr, ahd. arac, arc, ags. earg. Altu. hyri" (comis), ahd. hiuri. Ahn. sattr (concors). ahd. sanfti, ags. softe. Ahn. dyrr (carus), ahd. tiuri, ags. deor. Ahn. gramr, ahd. gram, ags. gram. Ahn. grimmr, ahd. grhiimi, ags. grimm. Ahn. ghidr (splendens, mitis, hxetus), ahd. glat, ags. gläd. Ahn. fegmu (Laetus), ahd. fagin, ags. faegen; goth. davon faginön. Ahn. tehr (hietus), ahd. zeiz. Ahn. fagr (pulcher), ahd. fagar, ags. faegr. (jroth. skauni (pulcherj, scliwed. skön, ahd. sconi, ags. soeone. Die Anknüpfung an skr. sjona ist zweifehiaft; vieheicht ist das "S^'ort abgeleitet von skavja video (s. erste Abliandlnng). Goth. (faihu-)frik (avarus), ahn. frekr, ahd. freh, ags. fraee, free. Ahn. klökr, ndid. khioe, nnl. kloek. j\Iit Wackernagel des griech. yXvxi'g herbeizuziehen, lehne ich ab. Goth. snutrs (sapiens), altn. suotr, ahd. .»^notar, ag.s. suotor. Übrige Adjectiva. Goth. raids (bestimmt), ahd. reiti, ags. raede. Goth. auths, altn. audr, ahd. odi, ags. eiid. Mit lat. otium zu verbinden? Goth. tils (passend), ags. til. Vgl. ahn. die Präpos. til, ahd. das Verbum zilen niti. Goth. ganohs (satis), altn. gnOgr, ahd. ganog, ags. genoh. Altn. görr (paratus, Adv. görva), ahd. garo (Thema garaw), ags. gearu (Thema gearv). PRONOMINA. Goth. unsar, altn. vor, ahd. unsar, ags. user. Goth. izvar, altn. ydliar, ahd. iwar. ags. eöver. Bopp versucht vergl. Gramui. il, 227 unsar und izvar mit skr. asmadija, jusmadija zu vereinen, wohl nicht mit Recht. Goth. sums, altn. sumr, ahd. sumer, ags. sum. VERBA. Essen und trinken (incl. der Causativa). Goth. niutan (frui, adipisci), altn. niota, nyta, ahd. niuzan, ags. neötan. Die Verbindung mit skr. nandarai (gaudeo) und griech. ovivrnn, ist sehr unsicher. Goth. snarpjan (rodere), ahd. snerfan (contrahere). DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 429 G-oth. slindan (deglutire), ahd. sliudau. Goth. födjan (nutrire), altn. faeda, ahd. fötjau, ags. fedan. Altn. süpa, ahd, süfan. Goth. driggkan, altn. drecka, ahd. triuchan, ags. alts. drincan. Am nächsten stellt lit. trenkn. trinku, wasche, bade. Stimme, Sinne, vermischte Körperfuuctionen. Goth. sviglon (pfeifen), ahd. suegalon. Goth, mundon (intueri), ahd. mundon, ags. mundjan. •- ''^ Altn. gapa (pandi, hiare), ahd. kaphen, ags. geapan. <■" * Altn. hniosa (sternutare), ahd. niusjau, ags. neosan. ;;''-' Goth. nisan (genesen), ahd. ganesan, ags. genesan, ' '• Goth. slepan (dorraire), ahd. släfan, ags. slaepan. i-.vi." Goth. sviltan (mori), altn. svelta, ags. sveltan. •' Goth. divan (mori), altn. deyja, ahd. towjan, alts. dojan. -' Nehmen, geben, fassen, halten. Altn. hliota (sortiri, adipisci), ahd. hliozan, ags. hleötan. Goth. blotan (dare, sacrificare), altn. blota, ahd. blozan, ags. blotan. Goth. saljan (dare, sacrificare), altn. selja, ahd. saljau, ags. sellan. Goth. hinthan (capere), altn. lienda, Goth. haldan (tenere), altn. halda, ahd. haltan, ags. healdan. ' * Goth. finthan (inveuire), altn. fiuna, ahd., ags. findan. •• "' ' Die Zusammenstellung mit skr. patami (falle, fliege), gr. niTtta, lat. peto ist mir noch nicht sicher. Decke n, schützen. '-*■ Goth. freidjan (parcere), altn. frida^ ahd. fridon, ags. fridjan. Altn. haga (hegen), ahd. hagjan, ags. hagjau. Goth. filhan (condere, servare), altn. fela, ahd, felhan, alts, fellian. Man hat das Wort einerseits gewiß unrichtig mit cpvldoGco, ander- seits wenig wahrscheinlich mit sepelio verbunden. Werfen, schlagen, ziehen, biegen. •- -'^ .(! lA Goth. vinthjan (worfeln), ags. vindvjau. Goth, thinsan (trahere), ahd. diusan. Goth. dreiban (impellere), altn. drifa, ahd. triban, ags. drifan. Goth. raupjan (raufen), altn. raufa, ahd. raufjan, ags. reäfjan. Goth. gairdan (cingere), altn, girda, ags, gyrdan, (ahd. gurtjan). Verbinden, trennen. Goth. lükan (claudo), altn. liüka, ahd. lühhan, ags. lücan. Goth. hahan (pendere), ahd. hähan, ags. hun. Die bisher aufgestellten exoterischen Vergleichmigen erwecken noch wenig Vertrauen. GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 29 430 E. FÖRSTEMANN Goth. maitan (scindere), altn. meita, ahd. meizan. Altn. bresta (frangere)^ ahd. bi'estan, ags. berstan. Altu. bryta (frangere), ags. breotan. Groth. qvistjan (verderben), ahd. quistjan. Ackerbau, Technologie. Goth. viuuan (der ursprüngliche Sinn ist wohl der von laborare), altn. vinna, ahd. winnan, ags. vinnan. Altn. sioda, ahd. siodan, ags. seodan. Goth. supon (condire), ahd. sofon. Goth. svairban (tergere), altn. sverfa, ahd. swerban, alts. swerban. Altn. vaska, ahd. wascan, ags. vascan. Goth. spinnan, altn. spinna, ahd. spinnan, ags. spinnan. Goth. smithon, altn. smida, ahd. smidon, ags. smidjan. Goth. meljan (scribere), altn. mala, ahd. mälon, malen. Altn. rita (scribo), ahd. rizan, ags. vritan. Licht, Wärme, Schall. Goth. brinnan (ardere), altn. brenna, ahd. brinnan, ags. birnan. Sollte nicht brinnan aus briknan entstanden und eine der be- kannten mit dem Suffix -n gebildeten Passivformationen sein, so daß es zu dem z. B. im Mhd. als brehen bekannten Verbum gehört und eigentlich bedeutet angesteckt werden? Altn. glita (spien dere), ahd. glizan, ags. glitan. Altn. gloa (candere), ahd. glojan, ags. glovan (alle drei gehen schwach). Goth. skeinan, altn. skina, ahd. scinan, ags. scinan. Altn. friosa, ahd. friusan, ags. frysan. Altn. skellan (sonare), ahd. scellan. Altn. thiota (sonare), ahd. diozan, ags. theotan. Luft, Wasser. Altn. riuka (olere), ahd. riuhhan, ags. reocan. Goth. bauljan (inflare), ags. byljan. Altn. driupa (stillare), ahd. triufan, alts., ags. driopan. Altn. skenkja (infundere), ahd. scencan, ags. scencan, Altn. svimma, ahd. svimman, ags. svimman. VergrÖsseruug, Verkleinerung. Altn. svella (tumere), ahd. swellan, ags. svellan. Goth. liudan (crescere), ags. leodan. Vgl. liut in der ersten Abhandlung, dessen Verwandtschaft mit Aoro'i? damit zweifelhaft wird. Bewegung, Ruhe. Altn. skrida (gradi), ahd. scritan, ags. scridan, scridau. DER ÜEDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. V481 Gotli, trudan (calcare), altn. troiJa, alid. tretan, ags. tredan. Goth. leithau (ire), altu, lida (ferri), alid. lidau (ire), ags. lidan (ire). Goth. liunan (cedere), ahd., ags. linnan. Goth. snivan (festinare), ags. sueovan. Goth. hlaupan (currere), alta. hhiupa, ahd. hlaufan, ags. hleäpau. Altü. springa (salire), ahd., ags. springan. Goth. reisan (surgere), altn. risa, ahd. risan, ags. reosan. Altn. bregda (movere), ags. bregdan. Goth. hvah'ban (so movere), altu. liverfa, ahd. hwerban, ags. hveorfan. Altn. skaka (quatere), ags. scacan. .} Altn. rida (se movere, equitare), ahd. ritan, ags. ridan. Goth. dreiban (incitare etc.), altu. drifa, ahd. triban, ags. drifan. Ahd. swingan (vibrare, flagellare), ags. svingan; im Goth. davon das Causat. svagg\;jau. Altu. thrjngja (m'gere), ahd. dringau, ags. tliringan (vgl. gotk. threihan drängen). . , : ■ , ,>.i.i Altn. kriupa (repere), ahd. krifan (selten), ags. creopan. Goth. knussjan (auf die Kuie fallen); in den andern Sprach- zweigen etwas zweifelhaft; vgl. altu. knosa contundere? ahd. chnusjan allidere? ags. cnyssian contundere? ■ . Altn. fylgja (sequi), ahd. folgen, ags. folgjan. ' .' Wäre es wol möglich, das Verbum als ein Causativura von f 1 ie h e u anzusehen? Das sprachliche Veriiältniss von fliegen, fliehen, folgen bedarf einer Aufhellung und verspricht anziehende Ergebnisse. Goth. vrikan (persequi), altn. reka, ahd. rehhan, ags. vrecan. Goth. thliuhan (fugere), ahd. fliohan, ags. fleöhan. cf •• Altn. fliuga (volare), ahd. fliogan, ags. fleogan. Goth. motjan (obviam venire), altn. maeta, ags. metan. Altn. roa (remigare), ags. rövan. Altn. slyngja (jacere, vincire), ahd. slingan, ags. slingan. Goth. niuhsjau (visitare), altn. nysa, ahd. niusjan, ags. neosjau. Vgl. skr. naksämi herbeikommen. ' Goth. briggan (afferre), schwed. bringa, ahd., ags. bringan. Altn. dvelja (morari), ahd. twelau (torpere), alts. duelan, ags. dveljan (errare). , , p j; m:;, uli •;. Beginn, Ende, Erhöhung, Erniedrigung. Goth. du-ginnan (iucipere), ahd. bi-ginnan, ags. ginnan. Altn. Olga (cadere), ahd. sigan, ags. sigan. j,;:„;-,,ii ■ Goth. driusan (cadere), ags. dreösan. 29* 432 E. FÖRSTEMANN Goth. haunjan (humiliare), ahd. honjan, ags, henan, hyüau. Goth. sigqvan (sinken), schwed. sjunka, ahd. sinchan, ags. sincan. Nahe verwandt mit dem obigen altu. siga? Besitz, Gewinn, Verlust. Altn. missa (missen), ahd. missjan, ags. missjan. Goth. Husan (verlieren), ahd. liusan, ags. leosau. Wol schon in eine frühere Sprachperiode gehörig, da das Adj. los in der zweiten, das Verbum lösen in der ersten Abhandlung er- wähnt ist. Lachen, Weinen. Goth. qvainon (flere), altn. kveina, ahd. weinon, ags. cvänjan, vänjan. ;■• Bedenken erregt das Altir. coinim (deploro) wegen der mangeln- den Lautverschiebung. Sprache. Goth. bidjau (petere), altn. bidja, ahd. bitjän, ags. biddan. Lat. peto ist hier fern zu halten. Goth. baidjan (jubere), altn. beida, ahd. beitjan, ags. baedan. Goth. flautjan (gloriari), ahd. flOzjan. Goth. hröpjan (vocare), altn. hropa, ahd, hrofan, ags. hreopan. Die von Benfey in der Kieler Monatschrift 1854, 20 aufgestellte Vergleichung mit skr. *cropajämi verdient alle Beachtung, doch scheint in beiden Sprachen das Wort vollständig in gleicher Weise gebildet zu sein. Goth. levjan (prodere), ahd. l&wan, läjan, ags. laevau. Goth. hiufan (queri), ahd. hiufan, ags. heofan. Goth. vrohjan (accusare), altn. roegja, ahd. rogjan, ags. vregean. Goth. slavan (tacere), altn. slaeva (mitigare), ahd. slewen (tabes- oere), ags. slavjan (pigrum esse). Altn. gala (canere), ags. galan. Im Ahd. vgl. gellau (gellen). Goth. svaran (jurare), altn. sverja, ahd. swarjan, ags. sverjau. Altn. tina (legere), ahd. zeinjan (monstrare). Geißt. Goth. agljan (tristem facere), ags. egljan. Goth. airzjan (irre machen), ahd. irreon. Ags. irsian irasci ist zweifelhaft, auch wegen des s. Goth. laubjan (credere), altn. leyfa, ahd. galaubjan, ags. gelefan, gelyfan. Altn. raerkja (sentire), ahd. markjan, markon, raarkSn, ags. mearcjau. DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 483 Goth. leisan (experiri), in den andern Sprachen nur noch das Causativum davon laera, leran, laeran. Goth. inarzjan (iratum reddere), ahd. marrjan (impedire), ags. mearrjan. Goth. rahujan (ratiocinari), altn. reikna, ahd. rechanon, ags. recnjan. Goth. fi-aisan (sciscitari), ahd. freison, ags. fräsian; vgl. altn. freista. Goth. beidan (exspectare), ahd. bitan, ags. bidan. Goth. stojan (judicare), ahd. stawan^ stowan, stowön. Goth. vargjan (condemuare), ags. virgjan. Goth. sakan (litigare), ahd. varsahhan (abnegare), ags. saoan. Altn. venja (adsuefacere), ahd. wenjau, ags. venjan. Goth. varjan (arcere), altn. verja, ahd. warjan, ags, varjau. Die bisher aufgestellten exoterischeu Vergleichungen sind noch nicht recht überzeugend. Goth. aistau (aestimare), altn. aesta (petere). Goth. leikan Cplacere), altn. lika, ahd. liehen, ags. licjau. Goth. maurnan (sollicitum esse), ahd. mornen, ags. murnan, meornau. Goth. sifan (laetari), ags. sifjan. Goth. luton (fallere), altn. lyta (dedecorare). ahd. luzen (latere), ags. lütjan (latere). Altn. svikja (fallere), ahd. swihhan, ags. svican. Sein, tliun. Goth. taujan (facere), ahd. zouwen, ags. tavian. Goth. (ga-)fahrjan (parare), altn. fegra, ags. gefaegerjan. Übrige Verba. Altn. groa (crescere, virere), ahd. groen, grojan, ags. grovan. Goth. letan (sinere), altn. lata, ahd. läzan, ags. laetan. Altn. reita (irritari), ahd. reizjan. Goth. sauljan (comnjacul^re) , altn. söla^ ahd. solon, suljan, ags. Goth. vammjan (cominaculare), ahd. wemmjan, ags, vemraan. Goth. driugan (militare, pugnare), ags. dreögan. Altn. spara (parcerc), ahd. sparen, sparon, ags. sparjan. Adverbia. Goth. ufta (saepe), altn. opt, ahd. ofto, ags. oft. Altn. sjaldan (raro), ahd. seltan, ags. seldan. Goth. air (mane), altn. är, ahd. er, ags. aere. ,. Goth. jai, altn., ahd. ja, ags. gea. Lit. je scheint wol nur entlehnt zu sein. 434 E. FÖESTEMANN Präpositionen. Goth. tliairh (per), ahd. durah, ags. tliurh. Die Wurzel ist sicher das indogermanische tar (transgredi), die Bildung aber eine speciell deutsche. Altn. gegn (contra), ahd. gagan, ags. gägn, geön. Entweder im Gothischen , wo nur vithra gilt, früh verloren oder erst in der mittelurdeutschcn Periode gebildet. Goth. und (usque), altn, und, ahd. unz, ags. od. Conjunctionen. Altn. enn (etiam), ahd. auti, ags. and. Eben so wie das vorhergehende gegen zu beurtheilen. Goth. auk (enira), altn. auk, 6k (et), ahd. auh, ags. eäc (etiam). Das Wort gehört zu dem im Deutschon sonst verloreneu Pro- nominalstamm ava und setzt ein indogermanisches ava-ga (= griech. ys) voraus ; das altslavische ovako (ita) ist wol fern zu halten. So weit dieses Verzeichniss, dem ich reichliche Erweiterung und Berichtigung von allen Seiten her und nach allen Seiten hin wünsche. Wenn wir aber schon jetzt aus diesem Entwürfe einige Bemerkungen über die Culturstufe zu gewinnen wagen, welche die Germanen mit der hier behandelten Sprachschicht erreicht haben, so darf das nur in dem Bewußtsein geschehen, daß hiemit viel gewagt wird. Jenes Voca- bular liefert uns nämlich, abgesehen von seiner Unvollständigkeit, nicht ein Bild, sondern ein Zerrbild jener Culturstufe; besonders insofern manche Wörter viel älter sind als sie hier erscheinen, von uns aber noch nicht in ihrer vollen Alterthümlichkeit erkannt werden, manche andere Ausdrücke dagegen in der That erst einer weit jüngeren Zeit angehören und von einem deutschen Volkszweige zum andern als Fremdwörter hinübergewandert sind, wodurch sie den falschen Schein gewinnen, als gehörten sie schon der Periode des ungetheilten Ur- deutschen an. Solche Erwägungen dürfen uns aber nicht entmuthigen; auch aus dem Zerrbilde läßt sich auf das Bild, aus dem Blicke durch ein trübes strahlenbrechendes Medium auf den vollen klaren Anblick schließen. Was ich über den Unterschied der urdeutschen Culturstufe von der slavogermanischen andeuten möchte, wäre etwa Folgendes. Nur wenige Begriffssphären sind schon in der vorhergehenden Periode ganz abgeschlossen, so daß sie einer Erweiterung nicht mehr fähig sind; ich rechne dahin die Bezeichnungen der Verwandtschafts- grade, die Adjectiva für die Farben und die Zahlwörter. Auf allen drei Gebieten zeichnet die Natur eine gewisse Grenze vor und DER URDEUTSCfiE SPRACHSCHATZ. 435 diese ist bereits in der slavogermamschen Periode erreicht, seitdem auch nur in künstlicher Weise überschritten worden. Das erste, wonach wir zu fragen haben, ist die Weise, in welcher sich die Natur dem von den verwandten Völkern gesonderten Ger- manen darstellte. Täuscht mich nicht Alles, so nahm sie einen nörd- licheren Typus an als vorher. Neue Pflanzenarten mangeln fast völlig in unserem obigen Register, nur der Hafer, dieses im Süden wenig gebaute, recht eigentlich nordische Getreide tritt auf. Unter den Thieren fallen uns gleich in die Augen das Rennthier (hreinn), das ja früher weit südlicher als jetzt vorkam, der Walfisch (hvalr) und der Seehund (selr). Auch Eichhorn ist ein neuer Ausdruck. Für den Bären und den Fuchs sind die altindogermanischeu Ausdrücke verloren und neue gebildet, als hätte man in der Zwischenzeit diese Thiere nicht mehr zu Gesicht bekommen. Daß neben dem Hirsch sich die Hin de als besonderes Wort nöthig erweist, deutet auf die Häufig- keit oder Wichtigkeit dieses Wildprets in den neuen Wohnsitzen. Wenn sich neben dem älteren albiz ein neues Wort Schwan geltend macht, weist das nicht zunächst auf den Unterschied zwischen dem gemeinen und dem nordischen Singschwan? Echt nordisch sieht es auch aus, dalJ die Wörter Eis und frieren speciell germanisches Eigenthum sind, ja auch den Hunger möchte ich mit in dieser Reihe nennen, womit ich natürlich nicht meine, daß die Slavogermanen noch nicht gefroren oder gehunirert hätten; aber die Bildung eines neuen Wortes zeigt auf die Wichtigkeit des Begriffes hin. Zu dieser nordischen Natur gehört auch das Ufer des nordischen Meeres und in Folge der neu in den Gesichtskreis tretenden Erscheinung entwickelt sich das echt deutsche Wort Strand; selbst der Ausdruck Kiesel scheint zunächst die in der Brandung abgerundeten und ausgeworfenen Steine zu be- zeichnen. Höchst wahrscheinlich ist es, daß bei dieser Wanderung nach Norden eine Berührung oder Durchdringung mit finnischen Völkern stattfand. Mir ist es immer glaubhaft erschienen, daß entgegengesetzt wie bekanntlich in verschiedenen Bezeichnungen für die Riesen, so auch in dem deutschen Zwerg sich der verächtliche Ausdruck für ein schwächlicher gebildetes Volk verberge ; es hilft nichts, schon jetzt etwa an die Turcae oder an die TvQtyhai (TvQayiTai etc.) zu erinnern, doch mag es eben so gut geschehen, Avie unserm Grimm in der ]\Iytho- logie dabei das griech. ^Eovgyos einfiel. Tn Hinsicht auf die Viehzucht, welche das neu entstandene Germanen Volk trieb, scheinen die oben für die Thierwelt verzeichneten Ausdrücke darauf hinzudeuten, daß zwar die Zucht des altehrwürdigen 436 E- FÖRSTEMANN Rindviehs auf ihrer früh erreichten Stufe verharrt, daß aber die des Pferdes, Schafes, und besonders des Schweines ein so gesteigertes Interesse erregte, daß hier neue Ausdrücke nothwendig wurden; für das letzte Thier spricht auch, daß Speck und Schmer als sprach- liche Neubildungen erscheinen. In Hinsicht des Geflügels mögen Andere weiter erwägen, was es geschichtlich bedeute, daß wir die Gans und die Ente noch mit altindogermanischen Wörtern bezeichnen, für den Hahn aber (also auch für Huhn und Henne j deutsches Specialeigen- thum geschaffen haben. Überraschend ist es, wie die Kenntniss der einzelnen Theile des thierischen Körpers auf diesem Standpunkte zu- nimmt, und damit die Fülle ihrer sprachlichen Benennungen; es ist als wenn .eine weniger üppige Natur die Menschen gezwungen habe, die einzelnen Theile, auch die Eingeweide, besser auszunutzen, als es früher geschehen sein mochte. Ich bemerke gleich, daß das deutsche Daume auch auf den ersten Schritt zu Benennungen für die einzelnen Finder der Menschenhand hinweist. Als äussersten Ausläufer der Vieh- zucht möchte man auch schon für jene Zeit eine Bienenzucht vermuthen; das deutsche Honig tritt neben das altindogermanische Wort so, als sei damit ein auf anderem Wege, nicht mehr von wilden Waldbienen gewonnenes Product gemeint. Nichts neues bietet der Acker- und Gartenbau, es müßte denn sein, daß das goth. leithus auf ein neues aus den Gartenfrüchten gewonnenes Getränke deutet. Die Wohnungen müssen bei rauher werdendem Klima mit immer größerer Sorgfalt angelegt worden sein, und in der That über- rascht die oben angeführte große Zahl Wörter für die einzelnen Theile des Hauses. Für das Gebiet der Technologie mag es nicht gleichgültig sein, daß der Stahl als Product, die Zange als Werkzeug und das Verbum schmieden als Zeichen für die Thätigkeit mit ihren echt deutschen Ausdrücken im obigen Verzeichnisse erscheinen; damit tritt die Schmiede- kunst an die Spitze der Handwerke, und zwar als etwas Neues und Staunenerregendes, so daß sie für ihre Rolle in der Mythologie be- fähigt wird. Ganz parallel damit läuft es, daß sich die Cultur nun auch auf die Erzeugung und Benutzung des Glases ausdehnt. Das zu dem älteren weben hinzutretende deutsche spinnen zeigt auf tech- nologische Fortschritte. Kamm und Kerze sind, Avenn auch auf sehr verschiedenem Gebiete, Zeichen für die Weiterbildung der Geräthe. Von Musik und Schreibekunst boten uns die beiden früheren Verzeichnisse keine Spur; in unserm dritten wird jene durch Sang, DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 437 Lied, Harfe (auf Glocke .^ebe ich nichts) und das Verbum gala, diese durch die beiden Verba meljau und ritan deutlich angezeigt. Das Seewesen mag gleichfalls nicht stehen geblieben sein; wer es weiß, mit welcher Verachtung die Anwohner der Seeküste noch jetzt auf die kiellosen Fahrzeuge biuneuläiidischer Gewässer herabsehen, wird dem Worte Kiel, das in unserem Verzeichnisse auftritt, immer- hin eine gewisse Aufmerksamkeit schenken. Auch finden sich in jenem Verzeichnisse Spuren davon, daß man schon begonnen hat, verschiedene Arten von Schiffen zu unterscheiden. War auch das Kader schon lange bekannt, so scheint doch erst die urdeutsche Sprache ein besonderes Verbum für das Fortbewegen durch das Ruder gebildet zu haben. Man erwäge endlich die beiden oben verzeichneten Ausdrücke mastr und thöfta. Auf solchem Standpunkte darf man nun schon nach dem suchen, was etwa dem heutigen Begriffe des Staates entspricht. Oben findet man mehrere Ausdrücke, welche es bekunden, daß sich schon das Verhältniss zwischen einer herrschenden und einer dienenden Menschen- classe mehr ausgebildet hat. Auf eine gewisse Rechtspflege führen uns die Verba stojan, vargjan und sakan, auch das Substantivum Eid und in Übereinstimmung damit das Verbum schwören. EndHch mag auch der Galgen hier erwähnt werden. Die Zeitverhältnisse werden gewiß der Ausbildung des Kriegs- wesens nicht ungünstig gewesen sein. Die Begriffe von Kampf und Sieg (s. auch das Verbum driugan) treten hervor wie früher noch nicht, Ruhm und Ehre finden Avir früher kaum angedeutet, jetzt in drei Ausdrücken. Ebenso mangelt früher ganz ein Wort für Wunde, während uns hier drei Wörter dafür begegnen. Daß die Massen der Streiter schon geordnet waren, zeigt das Wort kumbl, der Sporn beweist den früher ,noch nicht sicheren Gebrauch des Rosses zum Reiten. Und aus den älteren Ausdrücken für die einzelnen Theile der Bewaffnung hebt sich jetzt schon ein wie es scheint von Anfang an allgemeinerer und damit auf. einen gewissen Organismus hinweisender Ausdruck Waffe ab. Wo so wie in dem letztgenannten Worte das Einzelne ins All- gemeine^ das Concreto ins Abstracto zusammengefasst wird, da zeigt sich überhaupt ein geistiger Fortschritt. Zu Helm und Speer und Schwert tritt die Waffe wie zu Gans und Ente und Staar der Vogel, wie zu Nacht und Woche und Jahr die Zeit, ein Wort, das wohl schon sehr früh diesen abstracten Sinn gehabt hat, noch früher freilich gewiß nicht. Und daß der große Weltenzeitmesser, der Himmel; 438 RICHARD WÜLCKER auch dem jungen Germanenvolke ein Gegenstand der Beobachtung war, darauf weisen ebenso himins, hifinn und tüngl wie die ge- naueren Bestimmungen für die Zeiteiutheilung, deren wir oben mehrere finden. Von den Himmlischen aber müssen die Anses und Irmin in diesem Zusammenhang noch weiter ins Auge gefasst werden. So entfernt sich unser Volk um Stufe auf Stufe mehr von der Thierwelt und ihrem Gesichtskreise; sollten nicht die Germanen in raats und fodr einen Gegensatz zwischen menschlich bereiteter und thierisch roher Speise haben ausdrücken wollen, der freilich nicht immer beachtet wurde? Diejenigen Substantiva, Adjectiva und Verba, welche in meinem diesmaligen Register unter der Rubrik G e i s t stehen, übertreffen in ihrer Gesammtzahl die entsprechenden des Verzeichnisses in meiner ersten Abhandlung, ein deutliches Zeichen vom Geistesfort- schritt der Germanen nach ihrer Trennung von den Slaven. Ich habe mir selbst absichtlich eine Fessel angelegt, um dies neue Culturbild nicht zu weit auszumalen und damit höher zu fliegen als gut ist. Oben bemerkte ich, daß diese dritte Schicht unseres Sprach- schatzes sich in zwei Theile sondern lasse und habe von diesen beiden nur den ersten gemustert^ den andern Theil aber, der die von den bisher erwähnten Ausdrücken abgeleiteten oder mit ihnen zusammen- gesetzten Wörter umfasst, nicht mit hineingemischt. Da nun die Scheidung dieser beiden Wortclassen nur eine gram- matische ist, beide also historisch genommen wol als gleichzeitig auf- getreten anzusehen sind, so wird die ]\Tusterung der zweiten Classe in culturhistorischer Hinsicht eine Probe auf die Musterung der ersten geben müssen, Diese Probe darf ich mir vielleicht für künftig vor- behalten. DRESDEN, den 30. November 1870. LIED DER RITTER WIDER DIE STÄDTE. Liliencron veröffentlicht im I. Bande seiner historischen Volks- lieder (unter Nr. 89—93) fünf Lieder, di« den Krieg der süddeutschen Städte gegen die Fürsten und Ritter behandeln und theils den Städten günstig, theils ihnen feindlich lauten. LIED DER RITTER WIDER DIE STÄDTE. 439 Als Nachtrag hierzu gebe ich ein Gredicht, welches sich im Archive zu Frankfurt am Main gefunden hat. Ueberschrieben ist es: ,, Nicolas ein liedchen geschanckt de)' ritter toegen icider die stede.'^ Es ist in Brief- form zusammengelegt und führt die Aufschrift: „Dem Ersamen Nicolae statschriber czii Franckenfurt mynem liehen herren und hesundern guten fninde.'^ Der Schreiber unterzeichnet sich Jacobus. — Obgleich nun nach alledem Schreiber und Empfänger des Gedichtes gut städtisch gesinnt waren, ist der Inhalt desselben trotzdem gegen die Städte ge- richtet, wie schon der Name, den sich der Dichter beilegt, Burenfiendt, andeutet. Zur Bestimmung der Hs. dient, daß es an Stadtschreiber Nicolaus gerichtet ist. Es muß dies Nicolaus Uffsteiner gewesen sein, der von 14.31 — 1470 das Stadtschreiberamt bekleidete. Weist also schon die Abschrift des Liedes auf die Mitte des 15. Jh. hin, so kann das Gedicht selbst nach den darin enthaltenen Andeu- tungen auch nicht zu anderer Zeit entstanden sein. Sehen wir uns nun nach den Beweisen um ! Nach dem blutigen Kriege der Städte gegen die Herren im Jahre 1389, der mit der Niederlage der ersteren endete, blieb es einige Jahr- zehnte ruhig. Doch in den vierziger Jahren des neuen Jahrhunderts entbrannte von neuem der Kampf. War auch das Jahr 1440 ungünstig für die Städter, um so gün- stiger war das folgende Jahr für dieselben. Ende März 1441 wurde Neuenfels (über der Kupfer), anfangs September Maienfels (über der Brettach) (vgl. Chronik, d. Städte: die fränkischen Städte, Nürnberg II. Bd. pag. 236, 17) unter Anführung des Hauptmanns Ehinger von Ulm zerstört. Vergeblich suchten Erzbischof Dietrich von Mainz und andere Fürsten zu vermitteln, auch der 1441 zu Frankfurt unter persönlichem Vorsitze der drei geistlichen Kurfürsten abgehaltene Tag führte zu keinem Ziele. Die kleinen Fehden dauerten immer fort. Am 22. März 1446 schloßen 31 Städte ein Bündniss, um sich der Übergriffe des Adels zu erwehren, selbst einige Fürsten traten bei. Doch schnell gelang es auch dem rastlosen Eifer des Markgrafen Albrecht von Brandenburg- Ansbach, des Hauptgegners der Städte, da- gegen einen Fürstenbund ins Leben zu rufen, so mächtig, wie vorher keiner war. Selbst weitentfernte Herrscher traten dem Bündnisse bei, wie Heinrich von Mecklenburg, die Fürsten von Pommern und Rügen u. a. (Vgl. Chr. d. Städte. Nürnberg II. pag. 467 ff.) Ein Grund, den Städten den Krieg zu erklären, fand sich leicht, hatte doch f;)st jeder Ritter irgend einen Streit mit einer der verbündeten Städte. So z. B. 440 EICHARD WÜLCKER beanspruchte Markgraf Albrecht die Auslieferung Konrads v. Heideck von den Nürnbergern (vgl. a. a. O. pag. 123 ff.), Erzbischof Dietrich von Mainz Entschädigung wegen Zerstörung von Neuenfels. (Vgl. die Richtiguug u. a. O. p. 236.) Ich übergehe die langen Verhandlungen, welche Nürnberg und die Städte mit Albrecht nutzlos führten und die sich bis zum Juni 1449 hinauszogen. Endlich Ende Juni schickte Albrecht und der Bischof von Bamberg, als die ersten, ihre Absagebriefe an Nürnberg (datiert sind dieselben vom 29. Juni), schnell folgte die übrige Menge der Ritter. Doch auch die Städte ließen nicht auf sich warten: am 2. Juli erklärten sie die Fehde, schon der nächste Tag brachte den Beginn des Kampfes, indem Erhard Schiirstab von Nürnberg (a. a. 0. pag. 148) das Schloss Malmsbach zerstörte. Zum Glücke ist uns in Nürnberg noch das Verzeichniss sämmt- licher Herren, die absagten, erhalten (über die Hs. desselben vgl. a. a. 0. p. 420. 421) und darin finden sich alle Namen, die in unserm Liede genannt sind. Unter den rittern, die mit Albrecht absagten, sind genannt: (pag. 428, 25) Ritter Eberhart von Urbach, der Ältere und (pag. 433, 23) Eberhart Rüde von Kollenberg. Jakob, Bernhard und Karl von Baden standen bei: (pag. 446, 21) Hans von Berchten, genannt Hasenki'öz, (pag. 446, 24) Hans von Klingenau, genannt Swiczer. Der Kampf schwankte hin und her, endlich am 11. März 1450 erfochten die Nürnberger einen bedeutenden Sieg bei dem Pillenreuter Weiher über Albrecht, und wurden sie auch am 14. April beim Kloster Sulz geschlagen, so überwanden sie doch abermals am 20. Juni bei Rednitzhembach die Fürstenpartei. Dieser letzte Sieg wirkte entschei- dend auf die während des ganzen Krieges geführten Unterhandlungen: am 22. Juni kam eine Richtigung in Bamberg zu Staude.. (Abgedruckt in Erhart Schürstabs Bericht über den Krieg pag. 230 — 239 a. a. O.) Hiermit hörte die offene Fehde auf, wenn auch erst 1453 der Streit vollständig beigelegt wurde. Nach dem bisher Angegebenen läßt sich die Zeit der Entstehung unsers Liedes genau angeben. Eberhart von Urbach, sagt der Dichter, hat schon ritterlich die Reichsstädte angegriffen und streitet kräftig gegen sie. Eberhart Rüde von Collemberg ist auch ein tapferer Ritter, der viele Heri-en unter sich hatj doch diese, statt ihm gegen die Bürger kämpfen zu helfen, helfen ihm nur beim Essen und Trinken. Alles steht jetzt günstig für LIED DER RITTER WIDER DIE STÄDTE. 441 die Ritter: die Wirapfener haben verloren und die Städte sind darüber niedergesolilagen. Mächtige Herren bekämpfen die Bürger, vor allem der Erzbiscliof von Mainz, Swiczer streitet gegen die Städte und ver- wüstet ihr Gebiet und Hasenkröz ist dabei sein Helfer. Darum, mein lieber Rüde, fährt der Dichter fort, ist jetzt die Gelegenheit, die städtischen Bauern, die schon auf ihre festen Mauern vertrauend glauben, sie könnten den ganzen Adel vernichten, nieder- zuwerfen und ihren Hochmuth zu brechen. Da die meisten der Ritter im Juli 1449 entsagten (vgl. pag. 433 a. a. O.), Rüde voti Collemberg aber erst am 6. December, so muß in dieser Zeit unser Gedicht entstanden sein. Mit dieser Zeitbestimmung fällt auch zusammen, daß Nicolaus Uffsteiner von 1431—1470 Stadt- schreiber war. Ueber die Person des Dichters ist, da Burenfiendt sicher nur ein angenommener Name , einzig aus den Worten 7nyn herre von Mencze der heißt nit Jieinfz zu schließen, daß er ein Unterthau des Mainzer Erzbischofs und in dessen Auftrag vielleicht das ganze Lied verfasst hat. Dieß gewinnt noch dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß die Collem- berger Herren Maiuzische Dieustmannen waren. — Das Lied lautet* Eherhart von nrhdch ist ein mann Er grifft die richstete redelich an I er thvt ine vil czu leide \ das er sie nicht czu recht wag hrengen nu ist er doch keyn heyde j| Der edel knecht Bnt ere vnd recht \fur fursten herren vnd mannich gesiecht das sagt mann inn dem lande j das im das nicht gedyen mag das ist den fursten eyn schände. In irem lande mochte er sich neren \ darinn solte er sinen phenniy czeren so findet man vil der czagen \ sie suchen vil rencke vnd hoser wengke \ ■wer mochts in alles vertragen | Eherhart Ende ist lool hekant \ er hat gute ritter an der hant | czu Collenherg ist er geseßen \ sie ryfen hie im uß vnd inn vnd helffen im das rintfleisch eßen. Das die von Wympfen han verloren \ das tkut den andern steten czorn f vjie eß sich hat ergangen \ das schaffet ir sfolczer ohermnt | darczu ir ffi'oß gehrangen \ Das luder ligt schon an der löge | die richstete haheii vil der frage wie Collemherg sy geschaffen \ sie achten aller herren nicht vnd furch- ten eyns fursten straffen. Sie czogen alle gerne darfur .so ligts dem hischoff für der fhur \ sie dorff'en den drotz nicht brechen | Myn herre von Mencze \ der heißt nit heintz E' %vurde villicht Nuioenfels rechen. Des adels gut hat nicht verhluet \ So horß dran myn lieher Rüde | mann giht dir die huren czu treffen \ heczalestu mit rechter mnncze so histu nit gut czu fffen\\ WUJielm Stoiczer ist er genant \ er rennet gar f rißlich 442 LITTERATUE. hin das lant ) den abunt vnd den morgen j er rennet gar fiißlich nach dem gut vnd leßet die fogelin sorgen. Hasenkroß ist sin geselle \ das brenget noch manchem vngefelle \ Sie laßen ir roßelin lauffen \ vnd wollen der ricJistete ßlczgebuwer \ umb das vnrecht stra,j(fen. Den richsteten den ist nit czu getruwen keyn bederman sal vf sie btiioen Sie vberheben sich der hohen muren \ sie achten aller herren nicht \ vnd sint doch filczgehuren Ir obermut ist also groß \ sie tragen dem adel alle gehaß sie meynen ine czu vertriben | Nv hiljf glücke eß ist an der czyt so wollen wir wol bliben Der vns dieß liedlin macht Burenßendt der hats erdacht \ er solte sin dorheit masßen \ so tribet er gar vil der narren- spil vnd wil sich sin nicht erlaßen. Jakobus vester servitor. FRANKFURT am Main, November 1870. RICHARD WÜLCKER. LITTERATUE. Die Programme der gelehrten Schule Islands. Die Bewohnei* Islands sind bekanntlich wenig zahlreich, und außerhalb der Insel ist die Kenntniss ihrer Sprache nur wenig verbreitet. Auf ein Absatz- gebiet von höchstens 70,000 Seelen beschränkt, welche noch obendrein weit zerstreut und in wenig günstigen wirthschaftlichen Verhältnissen leben , kann die isländische Litteratur begreiflich nur mühsam gedeihen, da die Herausgabe selbst i'echt tüchtiger Werke nur sehr ausnahmsweise sich lohnt, und fach- Avissenschaftliche Bücher zumal können fast nur mit Unterstützung aus öffent- lichen Mitteln zum Drucke befördert werden. Um so bedeutsamer wird für das Land die Wirksamkeit, welche die Zeitschriften einerseits und die Publicationen von Vereinen oder Körperschaften anderei-seits entfalten , denn in sie flüchten sich so manche recht sehr brauchbare Arbeiten, um nur überhaupt das Tages- licht erblicken zu dürfen. Unter den derartigen Publicationen nehmen aber die Programme der gelehrten Schule des Landes einen sehr bedeutenden ßang ein. Während in der katholischen Zeit schon ziemlich frühe Domschulen an den beiden Kathedralen zu Skälholt und zu Hölar, dann Klostevschulen an den neun Klöstern des Landes entstanden waren, diese wie jene freilich nur wenig gesicherten Bestandes, musste in Folge der Köformation der Staat, indem er die Kirchengüter gutentheils einzog, sich wohl oder übel dazu bequemen, auch die Sorge für den gelehrten Unterricht zu übernehmen. Nach ein paar vergeblichen Anläufen, w^elche in den Jahren 1542 und 1550 genommen worden waren, wurde endlich im Jahre 1552 an die Errichtung zweier Domschulen zu Skäl- LITTERATUR. 443 holt und zu Holar ernsthaft Hand angelegt, und von da ab bestanden beide neben einander fort, bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts herab. Auf Grund eines kgl. Rescriptes vom 29. April 1785 *), welches die Verlegung des Bisthumes sowol als der Schule von Skdlholt nach Reykjavik verfügte, erfolgte die Verlegung der letzteren nach der nunmehrigen Hauptstadt der Insel, im Jahre 1787; durch ein weiteres Rescript vom 2. October 1801 '^1, welches das Bisthum und die Domschule zu Holar unterdrückte, wurde ferner jene Schule zu Reykjavik zur einzigen und gemeinsamen höheren Unterrichtsanstalt des ganzen Landes erhoben. Nachdem dieselbe wegen gänzlichen Verfalles ihrer Baulichkeiten im Jahre 1805 interimistisch nach Bessastadir hatte verlegt werden müssen ^), wurde unterm 7. Juni 1841 deren Zurückverlegung nach Reykjavik angeordnet '*), und unterm 24. April 1846 deren Eröffnung auf den 1. October desselben Jahres anberaumt ^), an welchem Tage dieselbe denn auch wirklich in feierlichster Weise stattfand "). Seit jenem Tage ist die gelehrte Schule Islands an dem genannten Orte verblieben; von Pi-ogrammen derselben ist aber erst in den beiden letzten Stadien ihres Bestandes die Rede. In einzelnen gelehrten Schulen Dänemarks hatte sich schon frühzeitig der Gebrauch ausgebildet, durch eigene Programme zu ihren öflFentlichen Prüfungen einzuladen, und diese Einladung von einer wissenschaftlichen Ab- handlung begleiten zu lassen. Eine Verordnung vom 7. November 1809 hatte, §. 89, diese Übung für diejenigen Anstalten bestätigt, an denen sie bestehe '), für Island aber konnte diese Bestätigung, ganz abgesehen davon, daß die betreffende Verordnung auf der Insel niemals publiciert wurde, schon darum keine Bedeutung haben, weil an den isländischen Schulen das Ausgeben von Programmen niemals gebräuchlich gewesen war. Dagegen wurde zufolge einer vom damaligen Stiftsamtmanne P. F. Hoppe und vom Bischöfe Stein- grimur Jönsson gegebenen Anregung unterm 8. September 1827 angeordnet*), daß an der gelehrten Schule Islands der Geburtstag des Königs in Zukunft öffentlich gefeiert, und daß zu dieser Feier durch ein öffentliches Programm eingeladen werden solle, und vom Jahre 1828 beginnt demgemäß die Reihe der von dieser Anstalt ausgegebenen Programme. Durch eine Verfügung vom 14. September 1839 wurde sodann angeordnet ^), daß diese Programme jeden- falls einen Bericht über alle die Schule berührenden Ereignisse des Vorjahres zu enthalten hätten, außerdem aber wo möglich noch eine wissenschaftliche Abhandlung enthalten .sollten, und damit erhielten dieselben einen weiteren Inhalt, während bisher jener Rechenschaftsbericht nur mündlich gelegentlich des Schulfestes vorzutragen gewesen war. Aber gerade um dieselbe Zeit ergab sich ein wunderlicher Zufall. Am 3. December 1839 starb K. Friedrich VI; aber auf Island erfuhr man hievon nichts, tmd feierte demnach getrost dessen auf den 18. Januar fallendes Geburtsfest. Als mau dann von dem eingetreteneu Thronwechsel Nachricht erhielt, glaubte man auch K. Christians VIII Geburts- fest, welches auf den 18. September fiel, noch feiern zu sollen, und bekam *) Lovsamling for Island, V, S. 182—7, '') Ebenda, VI, 8. 530—31. ^) Ebenda, S. 680—1, und 752—55. ') Ebenda, XII, S. 134-5. ^) Eben- da, XIII, S. 413—4. ^) Reykjavikur itosturinn, I, S. 7—8. '') Lovsam- ling for Island, VII, S. 291. *) Ebenda, IX, S. 208—9. ») Ebenda, XI, S. 392-3. 444 LITTERATUR. somit zwei Schulfeste uud zwei Programme in einem Jahre; andererseits hatten Anfragen über das Format, in welchem die Programme gedruckt, und über die Sprache, in der sie geschrieben werden sollten, zur Folge, daß keines der beiden Programme den neuerdings vorgeschriebenen Rechenschaftsbericht ent- hielt. Erst nachdem ein das Format der Programme regelnder Erlass vom 16. November 1839 und ein das Schulfest auf das Ende Mai jeden Jahres zu haltende Schlußexamen verlegender vom 15. December 1840 '") auf Island bekannt geworden waren, nachdem ferner die Stiftsobrigkeit ihrerseits unterm 31. Mai 1841 erklärt hatte, das gelehrte Programm, welches für den 1. October 1840 ausgegeben worden sei, solle für das Jahr 1841 gelten, und nur am Schlüsse des Mai's dieses Jahres der erforderliche Rechenschaftsbericht, und zwar in isländischer Sprache, ausgegeben werden ^^), kam wieder feste Ordnung in das Programmenwesen der Schule, indem gelegentlich des Schlußexamens, welches zu Ende Mai jeden Jahres gehalten zu werden pflegte, ein in isländi- scher Sprache geschriebenes Programm ausgegeben wurde, welches neben dem vorschriftsmüßigen Rechenschaftsberichte des Rectors zugleich eine wissenschaft- liche Abhandlung irgend eines der an der Schule angestellten Lehrer enthält. Ein provisorisches Reglement für die gelehrte Schule zu Reykjavik, welches am 30. Mai 1846 ausgegeben wurde, änderte, §. 9, sub 1, hierannur so viel "*), daß dem isländischen Programme fortan auch eine dänische Übersetzung bei- gegeben werden sollte, während zugleich der Exaraenstermin auf den Schluß des Juni's verlegt wurde, ersteres eine Bestimmung, welche unterm 7. December 1847 neuerdings eingeschärft'"'), unterm 24. Juli 1849 aber auf Antrag der Stiftsobrigkeit dahin modificiert wurde '*), daß die dänische Übersetzung in Zukunft nur noch für den Rechenschaftsbericht festgehalten, für den wissen- schaftlichen Theil der Programme dagegen nicht mehr gefordert werden solle. Das definitive Schulregulativ vom 30. Juli 1850 fordert in seinem §. 9, Nr. 1 ein Programm der bisherigen Art, und läßt somit Alles bei den bisherigen Bestimmungen '^) ; neuere Bestimmungen aber sind meines Wissens über den Gegenstand überhaupt nicht mehr ergangen. Nach diesen einleitenden Bemerkungen lasse ich ein Verzeichniss der Programme folgen, welche die Lateinschule Islands herausgegeben hat. Da gar manche von diesen hohen wissenschaftlichen Werth beanspruchen können, anderer- seits aber deren Existenz und Inhalt nur Wenigen bekannt sein dürfte, trotz- dem daß mit den gelehrten Schulen Schleswig-Holsteins nicht nur, sondern auch Preussens bereits seit dem Jahre 1843 ein Programmaustausch eing.eleitet wurde '^), mag eine solche Zusammenstellung für manchen Leser der Germania nicht ohne luterese sein, und erlaube ich mir an deren Schluß noch auf die- jenigen Abhandlungen besonders aufmerksam zu machen, welchen ich eine mehr als gewöhnliche Bedeutung beilegen möchte. '") Ebenda, XI, S. 402, und 710—11. ") Vgl. die Skyrsla um Bessa- stada-skola, fyrir sköla-ärid, 1840-41, S. 10. •^) Lovsamling for Island, Xni, S. 440. •*) Ebenda, S. 774. '*) Ebenda, XIV, S. 325. '^) Ang. O., S. 521. "') Vgl. die Erlasse der Schuldirection vom 11. Juli und 9. December 18-13, dann vom 7. December 1847, Ang. O., XII, S. 624—25, mid 669—70, dann XIII, S. 774 — 75; femer das Schreiben des Ministeriums für Kirche und Unterricht vom 28. April 1849, Ebenda, XIV, S. 257. LITTERATUR. 445 1828. Solemnia scholastica ad celebrandum Uiem 28. Januurli 1828 regi nostro augustissimo Frederico Sexto natalem habenda die 3. Februarii 1828 hocce libello indicunt scholaj Bessastadensiis magistri. Regulas (juasdam siraplicio- res ad computandum motum luna; scripsit: Bjöinus GInnnlaugi filius, coUega scbolse Bessastadensis. In iiionasterio Videyensi 1828. Typiß ei- pressit factor et typograpbus G. J. Schagfjord. Sumtibus .schoke Bessa- stadensis. — 20 pp. in 4'\ 1829. Skola-bdti'd i minningu fedi'ugar-ilags vors alh-anadugasta Kouiings Fridrik.s Sjötta, ])anu 28. da Janüan'i 1829, bodud af Könnurum Bessastada Sköla. Fyrsta og önnur bok af Homeri Odyssea, ä Islenzku litlügd af Svein- birui Egils.synI. Videyar Klaustri, 1829. Prentadar af Fakt, og Buk- ]iryckjara Schagfjord, a kostnad Bessastada Skohi. 4 und .36 SS. in 8°. 1830. pridja og Qorda bok af Homeri Odyssea, a Islenzku iitlagdar af Svein-^ birni Egilssyni. 4 und 48 SS. 8» '^). 1831. Hugsvinnsmäl , äsamt })eiiTa Idtinska Frumriti, i'itgeün af Ilallgruui Sch^vi'ng, Dr. — Prentud af B(jk])ryckjara Helga Helgasyni. — 36 SS. in 8". ^ 1832. Olafs drdpa Tryggvasonar, er Hallfredr orti Vundnudaskäld, i'itg^fin af Sveinbirni Egilssyni. — 24 SS. in 8". 1833. Brot af Placidus-drapu, ütgefid af Sveinbirni Egilssyni. ~ 68 SS in 8". 1834. Solemnia scholastica etc. De mcnsiua et delineatione Islaudiaj interioris, cura societatis litterariai islandica.' bis temporibus facienda scripsit B j ü r- nus Gunnlaugi filius, collega scholai Bessastadensis. — 40 SS. in 8". 1835. Skola-hati'd, etc. Fimta, sjötta, sjöunda og ättunda b6k af Homeri Odyssea, & islenzku ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 64 SS. in 8*^. 1836. Töblur yiir Solavinnar syuilega gäng 4 Isl.andi, af Birni Gunnlaugs- syni. — 16 SS. in 4". 1837. ForspjallslioJ), ütgefin af Hallgrinii Scheving, Dr. — 56 SS. in 8". 1838. Nmnda, tnmda, ellefta og tölfta bok af Homeri Odyssea, 4 islenzku üt- lagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 80 SS. 8". 1839. })rettanda, fjortdnda, finitända og sextända bök af Homeri Odyssea, a islenzku ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 76 SS. in 8®. 1840. Seytjanda, ätjdnda, nitjanda og tuttugaata bok af Homeri Odyssea, ä islenzku ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 80 SS. in 8" "^). 1840. Tuttugasta og fyrsta, tuttugasta og önnur, tuttugasta og jn-idja, tuttugasta og fjörda buk af IToineri Odyssea, k i'slenzku ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 72 SS. in 8". 1841. Ski'rsla um Bessastada- Skola fyrir sköla-ärid 184U — 1841. Samin äf Juni Jonssyni, Lector theologiiL- K. af D. Videyar Klaustri. Prentud ä kostnad Bessastada sköla, 1841. — 24 SS. in 8° ''-'). ") Ich gebe fort;iu von den Formalien des 'J'itels nur nocli ;iii, was .sieli ;ui den- selben ändert, mit Ausnahme des variierenden Tages, auf welchen die Einladuno- lautet n. dgl. "*) Die Angabe des Druckers fehlt diesem und den zunächst folgenden Pru- grammeu; warum auf das Jahr 1840 zwei Programme kommen, erklärt sich aus dem Eingangs Bemerkten. '^} Von jetzt ab beginnen die Berichte über den Zastand der ÜKEMAKIA. Neue ßeiUt IV. (XVI.) Jahrf. 3Q 446 LITTEEATUl. 1842. Bodsrit til ad hlusta 4 pk opinberu yfirheyrslu i Bessastada sköla pann 23. — 28. Maji 1842. Videyar Klaustri, Prentad -k ko'stnad Bessastada sköla. 1842. — Innihald: 1. Njöla, edur audveld skodun hirainsins, med Jjar af fljötandi hugle'dingum um hatign Guds og alheims äformid, eda hans tilgäng med heiminn; af Birni Gunnlaugssyni Adj. 2. Skola- skyrsla af Herra Jöni Jonssyni, Lector Theol. og R. af D. — 104 und 16 SS. in S^. 1843. Islendskir m&Ishsfettir safnadir, utvaldir og i stafrofsröd foerdir af Skola- kinnara Dr. H. Scbeving. - 60 und 14 SS. in 8** ^O)^ 1844. Fjögur grömul kvaedi, ütg. af S. Egilssyui. — 76 und 40 SS. in 8". 1845. Lei'^arvisir til ad jjekkja stjörnur. Fyrri parturinn. Sarainn af B. Gunn- laugssyni. — 68 und 14 SS. in 8° '^'). 1846. Leidamsir til ad Jjckkja stjörnur. Sidari parturinn, saminn af B. Gunn- laugssyni. — 4 und 100 SS. in 8". 1847. Islenzkir mälshaettir safnadir, utvaldir og i stafröfsröd fserdir af Dr. H. Scbeving. — 40 und 16 SS. in 8"'^'^). 1848. Edda Snorra Sturlusonar, eda Gylfaginning, Skä.ldskaparmäl og Hättatal. Utgefin af Sveinbirni Egilssyni, Rector og Dr. Theol. — VIIl und 156 SS. in 8», 1849. Ritgjördir, tilheyrandi Snorra Edda. — S. 157—252 in 8*'^^;. 1850. In diesem Jahre scheint weder ein Programm noch ein Rechenschafts- bericht über den Zustand der Schule ausgegeben worden zu sein , in Folge derselben Unruhen in der Anstalt, welche zur Cassierung dieses Schuljahres durch Ministerialerlass vom 18. Mai desselben Jahres führten ^^). 1851. Tvö brot af Haustlaung og {lörsdräpa (Se. bis. 59. 61 — 64), fserd til retts mäls, og ütskyrd med glösum i stafröfsröd, af Dr. theol. rector Svb. Egilssyni. — 32 und 28 SS. in 8". 1852 — 56 erschienen meines Wissens lediglich vom Rector Bjarni Jonsson redi- gierte, und bei dem Buchdrucker Einarr Jjördarson in Reykjavik gedi-uckte Rechenschaftsberichte, ohne irgend welche wissenschaftliche Beigabe ; ich halte die Angabe ihrer Seitenzahlen für überflüssig, bemerke übrigens, Schule (Sköla-skyrslur) die Programme zu begleiten ; warum im Jahre 1841 der Bericht allein ausgieng, ist aus den Eingangsbemerkungen zu entnehmen. ^'') Ich erwähne fortan der sköla-skyrslur nicht mehr, die übrigens für die Lilterargeschichte der Insel nicht ohne Werth sind; sie sind bis zum Jahre 1846 einschließlich von Jon Jönsson verfasst. ^' Als Druckort figuriert von jetzt ab Reykjavik, und als Drucker wird wieder Helgi Helgason genannt, wie auch im folgenden Jahre. ^*) Von hier ab sind die sköla-skyrslur von Dr. Sveinbjöm Egilsson verfasst, und zwar bis zum Jahre 1851 einschheßlich. ^') Das Programm von diesem und dem letztvorhergehenden Jahre liegt mir nicht als solches, sondern nur in der bekannten Separatausgabe vor, und die Skyrslur beider Jahre fehlen mir völlig; die Seitenangabe bezieht sich somit auch nur auf jene Ausgabe. Jon })orkelsson schreibt mir, daß jene beiden Programme überhaupt nicht mehr zu bekommen seien, da Rector Bjarni Jönsson die ganze Auflage derselben nach Dänemark geschickt hat. *^) Vgl. Miuisterialschreiben vom 25. Sep- tember 1850 in der Lovsamling, XIV, S. 619, und Jon Ärnason in dem Lebens- abrisse, welchen er den Rit Sveinbjarnar Egilssonar, Bd. TI, vorangesetzt hat, S. XL bis XLI. LITTERATUR. 447 daß sie mehrentheils erst im nächstfolgenden Jahre erschienen/ oder doch lange nach der Festlichkeit, zu welcher sie einladen sollten. Sie tragen übrigens auch nur den Titel „Skyrsla um hinn Iserda sköla i Reykjavik" u. 6. w. 1N57 (1858). Synishorn af ütleggingu af norroi'nu ;'i ensku og frakknesku. (S. 47 bis 55). -- 56 SS. in 8". 1858. Synishorn u. s. w. (S. 47—55.) 56 S. in 8« ''% 1859 (1860) und 1860 Bloße Rechenschaftsberichte. 1861 (1862). Athugascmdir vi(t Islenzka mälmyndalysing eptir Iversen, gjördar af Jöni })orkeIssyni. (S. 51 — 71.) — 72 SS. in 8**. 1862. Bloßer Rechenschaftsbericht. 1863. Um r og ur i nirtrlagi orda og orclstofna i islenzku, eptir Jou jiorkels- sou. — 32 und 160 SS. in 8"-*^). 1864. Bloßer Rechenschaftsbericht. 1*^65. Austurför Kyrosar eptir Xenofon. islenzkud af Halldöri Kr. Fridriks- syni og G-isla Magnüssyni. — 80 und 66 SS. iu 8". 1866. Austurför Kyrosar eptir Xenofon u. s. w. p. 81 — 160. 1867. Von diesem Jahre ist mir nur die Skyrsla zugekommen; da iudeß durch eine Ministerialentschlicßung vom 30. August 1865"'^) die Genehmigung ertheilt wurde, die obige Übersetzung der Anabasis in drei Theileu als Schulprogramm zu veröffentlichen, wird wol der Schluß dieser Übersetzung dem Rechenschaftsberichte dieses Jahres beigegeben worden sein. 1868. Skyringar k visum i nokkurum islenzkum sögum, samdar af Jöni \> ov- kelssyni. — 48 und G4 SS. in 8"^®). 1869. Ein bloßer Rechenschaftsbericht, welchem unter dem Titel „Vidbsetir vid registur yfir bökasafn Reykjavikur Is^rda sköla sidan 1862" ein Nachtrag zu dem im Jahre 1862 von Jon Arnason herausgegebenen Verzeichnisse der in der Schulbibhothek entliallenen Bücher beigegeben ist. — 68 und 92 SS. 1870. Skyringar k vi'sum i' Xjäls sögu, samdai af Jöui }» or kel ssy ni. — 52 und 32 SS. in 8 . So weit 1 eichen bis jetzt die Programme der isländischen Lateinschule. In den 43 Jahren, welche hier überhaupt in Betracht kommen (1828 — 70), ist demnach eines zu nennen, in welchem, so viel mir bekannt, überhaupt kein Programm, weder wissenschaftlichen noch administrativen Inhaltes erschienen ist (1850;; in 11 Jahren sind, so viel ich v/eiß, nur Rechenschaftsberichte über den Zustand der Schule, aber keine wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht worden: 1841, 1852-56, 1859—60, 1862, 1864 und 1869, und in 13 Jahren umgekehrt nur wissenschaftliche Programme ohne administrativen Inhalt (1828 *^) Beide Übersetzuugspioben voiu Kector Bjarni Jönssou selbst, welcher auch ilif Keclieuscliaftsberichte verfasst hat vom Jahre 1852 ab bis 1867 einschließlich. ") Der Bericht des Rectors Bjarni enthält, §. 6 — 14, eine meines Eraclitens sehr unglückliche Vertheidigung gegen Angriffe, welche er wegen des Weglassens des wissen- schaftlichen Theiles in seinem Programme in isländischen Blättern erfahren hatte. '') Tidindi um stjöraarmälefni Islands, 11, S. 204. "*) Der Rechenschafts- bericht für dieses und die folgenden Jahre vom derzeitigen Rector Jens Sigurdsson. ainem Bnider dc< vielverdienten Arcliivares Jon Sigurdsson in Kopenhagen. #ß LITTERATÜR. bis 1840), darunter in dem letzten Jahre (1840) deren zwei. Von den 32 Pro- grammen wissenschaftlichen Inhalts, welche sich hiernach entziffern, sind 6 dem philologischen Gebiete völlig fremd, nämlich Björn Gunnlaugsson's Regeln zur Berechnung der Bewegung des Mondes (1828), dessen Bericht über die Landes- vermessung auf Island (1834), dessen Tabellen über den Gang der Sonne auf Island (1836), dessen naturphilosophisches Gedicht „Njola," d. h. Nacht, wel- ches bis auf die neuere Zeit herab zu so manchen Streitigkeiten in isländischen Zeitschriften Veranlassung gegeben hat (1842), endlich dessen Anleitung zur Sternkunde (1845 und 46). Wenig Interesse bieten ferner dem ausländischen Leser die 7 Programme, welche Sveinbjörn Egilsson's prosaische Übersetzung der Odyssee enthalten (1829 — 30, 1835, 38 und 39, sowie aus dem doppelten Jahre 1840), die isländische Übersetzung der Anabasis von Halldörr Fridriks- 6on und Gi'sli Magnussen (1865 — 67), sowie Bjarui Jonsson's Übersetzungen einzelner Sagenstücke iu's Englische und Französische (1857 und 58). Um so interessanter sind dagegen auch für uns die 14 übrigen Programme, von denen 6 den Rector Sveinbjörn Egilsson (f 1852), 4 den Dr. Hallgn'mr Scheving (t 1861), endlich 4 den Lehrer Jon Jjorkelsson zum Verfasser haben. Sveinbjörn Egilsson's tüchtige Handausgabe der Snorra-Edda (1848 bis 1849) ist Jedermann bekannt, so daß über sie kein Wort zu verlieren ist. Seine Ausgabe der Olafsdräpa Tryggvasonar (1832) ist in Munch und Unger's Oldnorsk Lacsebog reproduciert worden, und in diesem Abdrucke wol auch ziemlich verbreitet; die Verfasserschaft Hallfred's ist freilich inzwischen bestritten worden "'•'). Weniger bekannt dürfte seine Ausgabe der fragmentarischen Placidus drapa sein (1833), dann seine Ausgabe vier anderer geistlicher Lieder, Harm- sol, Liknarbraut, Heilags anda vi'sur (Bruchstück), und Leidarvisan (1844), endlich auch seine Ausgabe der Fragmente der j^orsdräpa des Eilifr Gudrünarson und der Haustlaung des J:)j6d61fr hvinverski (1851), welche freilich Sküli JDorl- aci'us beide schon vor ihm ediert hatte. Abgesehen von den tüchtig edierten Texten bieten auch die einleitenden Bemerkungen, dann die Anmerkungen, wo- mit der Herausgeber dieselben begleitet hat, gar viel des Trefflichen, wie dieses von dem Verfasser des Lexicon poeticum nicht anders zu erwarten ist, und um derentwillen werden die einschlägigen Programme auch dann noch ihren Werth behalten, wenn die betreffenden Texte längst in andere und zugänglichere Aus- gaben übergegangen sein werden. Von Dr. Hallgrfmr Scheving sind zunächst ebenfalls zwei Ausgaben von älteren Gedichten zu erwähnen, nämlich einmal der Hugsvinnsmäl (1831) d. h. einer isländischen Bearbeitung der Disticha de moribus des Dionysius Cato, deren Original denn auch der Bearbeitung in der Ausgabe beigegeben wird, und zweitens der Forspjallsljöd (1837), oder des Hrafnagaldr Odins. Sophus Bugge hat letzteres Lied in seiner trefflichen Ausgabe der älteren Edda mit erschöpfender Umsicht ediert, und zugleich in seinem Vorworte, S. XLVI bis IX, meines Erachtens vollkommen überzeugend dargethan, daß dasselbe erst im Anfange des 17. Jahrhunderts gedichtet sein könne; immerhin be- haupten aber Dr. Scheving's Ausführungen in seinem Vorworte, zumal S. 9 und fgg., dann in seinen Anmerkungen auch jetzt noch ihren hohen Werth ^') Von Gudbr au dr Vigfüss ou, in deu Fonisögm*, S. XIII; aber aufh Möhius setÄt suhon iu steinern Catalogus, S. 135, ein Fragezeichen. LtTtEEÄtUif. 449 Weiterhin verdanken wir aber demselben erfahrenen Kenner und treuen Freuüde aller volksthütnlichen Züge im Leben seiner Landsleute zwei sehr schätzbare Sammlungen isländischer Sprichwörter (1843 und 47). welche eine willkommene Ergänzung des älteren, von Gudmundr Jöusson veranstalteten und vom Bök- menta-f61ag herausgegebenen ,,Safn af isleuzkum ordskvidum, fornma?lum" etc. (1830) bilden. Endlich von Jon f)orkelsson, dem noch in rüstigster Manneskraft wirkenden Lehrer und Schriftsteller, bringen die Programme zunächst eine Kritik über C. Iversen's, im Jahre 1861 zu Hadersleben erschienene „Kort- fattet islandsk Formlajre for de forste Begjndere" (1861), welche sich zwar nur auf eine Reihe ganz vereinzelter Punkte einläßt, diese aber auf eminent solide Weise, nämlich durch Vorführung sehr reichhaltiger Belegstellen für die einzelnen in Frage stehenden Wortformen zu erledigen weiß. In ähnlich gründ- licher Weise wird in einer zweiten Abhandlung die Endung -r und -ur be- handelt (1863); eine dritte aber gibt Auslegungen einer Reihe schwieriger Verse in verschiedenen Sagen (1868), nämlich aus der Holmverja s., Gunn- laugs s. ormstungu, Heictarviga s. und Landndma, und eine vierte: Auslegungen schwieriger Verse aus der Njäla (1870), Auslegungen, welche nicht nur das Verständniss der betreffenden einzelnen Strophen berichtigen, sondern auch die Lexicographie der älteren isländischen Dichtersprache mehrfach bereichern dürften. Ich kann nicht von dem Gegenstande, den ich hier besprochen, scheiden, ohne einem Wunsche Ausdruck zu geben, den ich in Bezug auf denselben auf dem Herzen habe. Allerwärts pflegen Schulprogramme mehr als andere littera- rische Producte der Aufmerksamkeit selbst der Männer vom Fache sich zu entziehen ; allerwärts sind solche einem rascheren Untergange durch die Un- achtsamkeit derjenigen ausgesetzt, denen der Zufall ihrer äußeren Stellung sie im ersten Augenblicke in die Hand spielt. Die Entlegenheit des Landes, die geringe Zahl seiner Bewohner sowol als der Ausländer, welche für deren Sprache ernsteres Interesse zeigen, die höchst mangelhafte Beschaffenheit endlich der buchhändierischen Verbindungen mit der Insel stellen die Programme einer isländischen Schule in beiden Richtungen noch ganz besonders ungünstig. Möchte es den Leitern der Lateinschule zu Reykjavik gefallen, für eine band- weise Ausgabe der erheblicheren wissenschaftlichen Programme dieser Anstalt je nach Verlauf einer längeren Reihe von Jahren Sorge zu tragen, und diese dadurch auch auswärtigen Freunden der isländischen Litteratur leichter zu- gänglich zu machen; das Ausland würde von solcher Einrichtung vielfachen Vortheil, die eigene Heimat aber Ehre und Anerkennung in weiterem Umkreise haben! MÜNCHEN, den 26. Mai 1870. KONRAD MAURER. ZenO, oder die Legende von den heiligen drei Königen. Ancelraus vom Leiden Christi. Nach Handschriften herausgegeben von August Lübben. Bremen 1869. 8. Eine neue Ausgabe des Zeno haben wir mit großer Freude begrüßt. Nicht nur sprachlich gehört der Zeno zu den interessantesten niederdeutschen Dich» 45(J LITTERATUR. tungen, — aucli stofflich, sollte man meinen, müsste die Legende von den heiligen drei Königen des Anziehenden und Wissenswerthen genug bieten. Zu unserm Bedauern aber hat sich der Herausgeber des Zeno der einen Hälfte seiner Aufgabe völlig entschlagen: er hat darauf verzichtet, „das Gedicht nach seinem historischen, resp. sagenhaften Inhalte zu untersuchen." Damit hat aber der Herausg. gegen ein sehr löbliches Herkommen Verstössen; ja noch mehr: wir fürchten keinem Widerspruch zu begegnen, wenn wir es für die unabweis- liche Pflicht eines Herausg. betrachten, ein Gedicht historischen oder sagen- haften Inhalts auch nach eben dieser Seite hin zu erläutern und sich nicht auf die „engsten Grenzen philologischer Thätigkeit" zu beschränken. Am Wenigsten aber sollte man sich durch einen Mangel an Zeit bestimmen lassen ! Sonst hat im Übrigen der Herausg. den philologischen Theil seiner Ein- leitung sehr eingehend behandelt. Ihm lagen bei seiner Bearbeitung vier Hss. vor, zwei niederdeutsche und zwei hochdeutsche, welche unter sich in keiner Abhängigkeit stehen und ziemlich selbständige Eedactionen bieten ; es war also bei der Frage , welche Hs. der Edition zu Grunde zu legen sei , zunächst zu untersuchen, ob da» Original ursprünglich niederdeutsch oder hochdeutsch ab- gefasst war. Das Resultat dieser sehr sorgfältigen Untersuchung ist, daß, so sehr auch „der ganze Habitus so zu sagen des Gedichtes niederdeutsch ist," doch ein Schwanken der Formen nicht verk.annt werden kann, eine Ei-scheinung, die sich nach der Meinung des Herausg. daraus erklärt, „daß eine ältere Hand- schrift, die auf der Gi'enzscheide beider Dialecte mit überwiegender Hinneigung zum Niederdeutschen, etwa am Niederrhein, geschrieben ist, allen diesen vier Handschriften zu Grunde gelegen hat." Dieser Auffassung können wir uns nur anschließen. Auf solche niederrheinische Vorlage weisen zunächst sprachlich, dann auch sachlich alle Merkmale hin , und wo dürfen wir denn auch unsere Vorlage anders suchen als im heiligen Köln? Was war natürlicher, als daß ein so bedeutendes Ereigniss, wie es die Transferierung der heiligen drei Könige für Köln war, alsbald seinen Sänger fand, wobei dann die Legende von Zeno den natürlichen Ausgangspunkt bot. Mit diesem Ereigniss (1160) wäre dann auch die Abfassungszeit der ältesten deutschen Bearbeitung des Zeno ziemlich scharf bestimmt. Was die Ausgabe selbst betrifft, so wollen wir zunächst anerkennen, daß die Herstellung des Textes im Ganzen und Großen gelungen erscheint: offen- bare Fehler sind verbessert, manche verdorbene Lesung ist wiederhergestellt und der Text von mancherlei Schreiberzuthat gereinigt. Im Einzelnen aber können wir uns mit der Art zu edieren, wie sie Hr. L. befolgt, nicht ein- verstanden erklären. Hr. L. hat seiner Ausgabe die hannoverische Hs. H zu Grunde gelegt, „aber ohne ihr damit die erste Autorität einzuräumen." Da- gegen kann man natürlich nichts haben, obwol wir für die Wolfenbütteler Hs. (W) mehr Sympathien haben ; selbstverständlich musste bei fehlerhafter Lesung auf W zurückgegangen und manche Lücke in H aus W ergänzt werden; auch daß den Dresdener (D) und Zeitzcr (Z) Hss., obwol diese schon viel ferner lie- gen, ab und zu ein Einfluß auf die Gestaltung des Textes eingeräumt wurde, ist natürlich. Aber es musste doch die Hs. H, wenn einmal gewählt, die Grund- lage bilden, von der nur da abzuweichen war, wo ein zwingender Grund ver- jag; die Hs. H mit aller ihrer Eigenthümlichkeit , nur gereinigt, musste zum Abdruck gebracht werden, und alle Abweichungen in Schrift und Lesung ge» LITTERATUR. 451 hörten in die Varianten, welche, wenn sie recht vollständig gegeben werden, einen ,, synoptischen" Abdruck der verschiedenen Texte überflüssig machen, Die Richtigkeit dieses Verfahrens scheint auch Hr. L. im Princip anzuerkennen, nur gestaltet sich bei ihm die Sache in praxi erheblich anders. Gleich die ersten Zeilen des Gedichtes mögen als Probe dienen. Es lauten dort die Anfangsverse in der Lesung von H folgendermaßen: De dat gerne vornemen, j Wo dat de hilligen dre koninge to lande quemen, | De schullen dat toeten vorwär etc. In diesen Versen liegt absolut nichts, was einen Herausg. nöthigte, an seiner Vorlage zu ändern. Dennoch kann Hr. L., der sich „Änderungen im Text nur sehr sparsam erlaubt" und der Verlockung, „das metrische Gefüge besser zu gestalten,'' aus dem Wege gegangen ist, diese Verse unmöglich passieren lassen, sondern schreibt so : We dat gerne ivolde vornemen, | Wo de hilgen dre konin'je to lande quemen, \ De schal dat weten vorivär etc., — wobei nichts gewonnen, wol aber durch das gestrichene dat eine sehr charakteristische Wendung verloren und durch das geänderte de und eingeschobene wolde der Reim verschlechtert wird, indem das bessere vornemen (: quSmen) einem vornemen weichen muß. V. 59 liest H: unde schnede also ein kint düt. Was hat es für einen Zweck, fragen wir, schrlede zu streichen und wenede zu setzen? Etwa bloß, weil wenede noch ein paar Male vorkommt? Was die Änderung düt in döt anlangt, so läßt sich auch hier kein genügender Grund beibringen, da es eine entschiedene Eigenthümlichkeit der Hs. H ist, .sich der Formen müt (505. 661), vürde (547), grüt (1392), bedrüvet (101. 661) etc. zu bedienen. Ist doch die Schreibung gut die allgemein herrschende geworden. V. 162 heißt es in H: vil schere se to der dore quam. W^as in aller Welt kann den Herausg. veranlassen, dafür wo dräde zu setzen? Ist denn schere ein anrüchiges Wort? Fast möchte es so scheinen, denn v. 263 ist abermals in H die Lesung lil schere getilgt und dräde in den Text gesetzt. V. 187. Warum ist die Lesung he wart to male vrn in H unzulässig? Hr. L. ändert in ran herten vro. V. 248. We willen (oder meinethalb en willen) des nicht Pden ist ein tadel- loser Vers; dadurch, daß Hr. L. eigenmächtijr nicht mir liden liest — wozu keine Hs. einen Anlaß bot — ist der Vers metrisch verdorben. V. 272 bietet einen ganz analogen Fall. Die Lesung in H ist fehlerlos: Ik en wil drinken noch eten, Ik ivil de wärheit weten. Hr. L. aber glaubt aus einer — ohnehin lückenhaften — Hs. ein des und aus einer andern ein erst zusammenstoppeln zu müssen, und liest nun: ik loil des erst de wärheit weten, W^elcher Vers besser ist, überlassen wir dem Leser zur Beurtheilung. V. 289. Zeno wird vom Bischof benachrichtigt, daß draußen für ihn ein hochwichtiger Brief liege. H schreibt hier: Dö wart Zeno crö shi möt ^ Und tö lopende he sik hnf: \ He häkle den bref etc. Diese Lesung muß Hr. L. wol für ganz unmöglich halten, denn er componiert sich eine andere mit Hülfe der Hs. D: unde im ivandelte wedlr sin blüt, und liest nun v. 29'": unde kpende sin llöt. Wie stimmt das zu den „nur höclist sparsam" erlaubten Änderungen im Text p. XVI? Sollte Hr. L. etwa Ans oß nehmen an der Assonanz möt : höf, so wüiden wir ihn auf p. XV seiner Einleitung hinweist n. V. 324. H hat: und hören sik hen mit yrotem schalle. Hr. L. setzt dafür: unde gingen hen e^^c. Wo hier eine Nöthigung zu ändern liegt, ist scL. r zu sehen ; so viel aber scheint gewiß, daß Hrn. L's Verbesserung recht "^ ftlos ist. 452 LTTTERATUK. V. 413. Se (jink hiden de stat up den graven ist unseres Eraclitens eine durchaus verständliche Lesung, die einer Änderung se gink Cd dem dore up d. g. ganz und gar nicht bedürftig ist. V. 504. Ebenso scheint uns der Vers: dat gl den lof vnd ere hdn so völlig richtig, daß eine förmliche Manie dazu gehört, hier zu ändern: dat gr des schullen ere hän. V. 979. H lautet: Dat ivas mt ungelucl;e rorwur^\Dat !k dat wort sprak opcnhar. Wir finden au diesen Versen nichts auszusetzen, denn eine kleine metrische Unebenheit lernt man im Niederdeutschen übersehen. Weshalb daher Hr. L. so bedeutend ändert, bleibt unklar, zumal da er keine Hs. anführt, mit der er seine sog. Emendation stützen könnte. Hr. L. liest nämlich: It v:as mi ein ynluckich dach, \ Dat ik dat vnrt jü sprak ^ ein Vers, der übrigens metrisch gleichfalls nicht Stich hält. V. 1163. D6 dat te.ken dar schacl, \ Jegen den trnn he upwart sach heißt es in H. Hr. L. schreibt: Do he dnsfiC fekene sach, | Jegen .... upinert sprak. Es ist nur von Einern Zeichen die Rede, eine Änderung also gar nicht geboten. Upwart entspricht durchaus der mundartlichen Färbung der Hs. H, welche a vor r besonders liebt — s. z. B. market v. 17. arfgut v. 517. 532 — und deshalb besser beibehalten wird. V. 1181. Do de hischop dat vornam,\Dat her Zeno fö lande quam etc. ist die Lesung in H. Wir fordern Jeden auf, uns zu sagen, weshalb der Hs. nicht gefolgt werden soll. Augenscheinlich ist es nur das bon plaisir des Hrn. L., wenn er eine totale Änderung vornimmt, nämlich: Do dem bischoppc de bode quam, | Den drom he dö to herten nam etc., eine Änderung, die, bei dem völligen Schweigen der Varianten, gar nicht einmal auf Hss. gestützt erscheint. In dem nun folgenden Verse ist, beiläufig bemerkt, das einfache bot der Hss. in enbot geändert und die Reihenfolge der moniken und kanoniken vertauscht, — man möchte glauben aus Spielerei, denn ein Grund ist nicht ersichtlich. V. 1236. Alle de hilligen de in dem himmel sint liest H und AI de hilgen de mit godde sint liest W. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Hs. H zu folgen ist, da sie zu Grunde liegt und in keiner Weise verdächtig ist; völlig unberechtigt ist daher die Aufnahme der Lesung W. Nahezu komisch wirkt die Pietät des Herausg. , der alle de hilligen (H) beibehält, — W hat al de hilgev, — sonst aber den Vers mir nichts dir nichts ändert. Hr. L. war doch V. 2 nicht so schüchtern, sondern schrieb ruhig hilgen gegen handschrift- liches hilligen'i Und wie gewissenhaft Hr. L. darauf bedacht ist, in dem Text, den er willkürlich ändert, keinen Verstoß gegen die Mundart der Hs. zu machen ! Er schiebt aus W die Worte de mit godde ein und verstümmelt die Hs. H, aber er trägt doch Sorge, daß die Form godde modificiert wird, weil H gewöhn- lich gode schreibt! Doch wir kommen auf die Mundarten zurück. V. 1393. Was für ein Grund liegt vor, die Lesung H: edd Jiere in eddele keiser (W) zu verwandeln? V. 1481 fi". Diese Stelle ist besonders charakteristisch für das Verfahren des Hrn. L. In H lauten diese Verse: Ik dö di dtlhaft \ Miner geistliken kraft: | De vmlt dede ml is gegeven | De wUe dat ik mach leven. Der Bischof von Köln nimmt also den Kaiser in die geistliche Brüderschaft auf, wozu er die Gewalt hat. Die Stelle scheint ganz klar und zweifelsohne. Hr. L. aber fühlt sich beunruhigt dadurch, daß die Auturität des Papstes nicht genügend gewahrt ist; LITTEKATUR. 453 er schreibt schlankweg: de, mi de päwea lieft gegeven, ohne ehie handschriftliche Lesung für seine Emendatiou beizubringen! — Wen unser Verzeichnis etwas lang dünkt, der nehme die Versicherung, daß wir dasselbe mit Leichtigkeit verdoppeln und verdreifachen könnten, nament- lich wenn wir auch die zahlreichen Stelleu einer Besprechung unterwerfen wür- den, wo bloß ein Wort geändert ist, wo z. B. fruntliken für vroliken (218), heren für grcven (237), unde für he (360), bagine für siister (420) gesetzt ist, wo lachen in scräken (442), bringen in nemen (464), walt in macht (1295), vorstä in vornim (1362) etc. verändert ist, ohne daß ein vernünftiger Grund vorliegt. Eines aber müssen wir noch berühren, weil wir besonderen Werth darauf legen: wir meinen die Stellung, die Hr. L. in seiner Ausgabe den mund- artlichen Formen gegenüber einnimmt. Wer überhaupt die niederdeutschen Mundarten etwas näher betrachtet, der muß wahrnehmen, daß das Gesammtgebiet niederdeutscher Zunge viel mannig- faltiger schattiert ist als man zu glauben pflegt. Wir sprechen hier nicht von den ganz groben und in die Ohren fallenden mundartlichen Unterschieden, wie z. B. tk und ik u. dgl. ; aber es gibt doch auch sehr subtile Unterschei- dungen, deren sich nicht Jeder bewusst wiid, ohne daß man ihm daraus einen Vorwurf machen könnte. Wir würden es z. B. für leichtfertig halten , Jeman- dem die Kenntnis des mecklenburgischen Dialectes absprechen zu wollen, bloß weil er den dat. pl. cn und ene promiscue gebraucht hätte, — und doch hat Nerger in seiner trefflichen Grammatik des meckl. Dialectes dargethan, daß die Form ene in der mecklenburgischen Mundart unzulässig ist (§. 1 4.5), wäh- rend in dem engbenachbarten Hamburg beide Formen sich finden. (S. Van d. holte des hill. Cruzes meiner Ausg. im Wörterbuch s. v. he.) Die nieder- deutschen Mundarten bedürfen noch sehr detaillierter Forschung, bis wir zur klaren Unterscheidung ihrer Gebifete gelangen: an seinem Theile dazu mitzu- wirken, sollte jeder Herausg. als seine Pflicht betrachten. Dazu gehört aber vor allen Dingen nicht ein Verwischen und Gleichmachen mundartlicher Unter- schiede : im Gegentheil hat der Herausg. der Mundart in allen ihren Schattie- rungen und Nuancen nachzugehen. Nur durch engstes Anschmiegen an die Vorlage wird es möglich, nach und nach das Gebiet eines Lautes, einer Form fest zu bestimmen. Wir würden hierüber gar kein Wort yerlieren, wenn nicht Hr. L. in seiner Ausgabe anders zur Sache stünde. Wir haben schon oben Gelegenheit gehabt, einer besondern Vorliebe der Hs. für die Form ü statt ö zu gedenken, und wir stehen nicht an, hierin eine durchaus berechtigte Eigenthüralichkeit zu erblicken. Auch die Schreibung itpwart für upioert ist bereits erwähnt. Ebenso verhält es sich mit einer Menge von andern Lauten. Die Hs. H liebt ei = t (z. B. heit 13, heilt 200, reit 1527, weit 1578 etc.) — doch gewiß nicht ganz ohne Grund, sondern weil die Aussprache des e im Sprachgebiet der Hs. H eine breitere war; ist es nicht von Interesse, einer reineren Aussprache gegenüber das zu constatieren? H schreibt mit besonderer Vorliebe a für o (z. B. apenhäre 335, luven : daven 435, aver 500, have : lave 517, laren 828, namen 1539 etc.) — abermals ein deutlicher Beweis, daß da, wo H geschrieben wurde, die Sprache dem a zuneigte, während W durchweg o schreibt. In der mecklenburgischen Mundart beginnt dieses Überwiegen des a über an- iäugliches o mit dem 15. Jb. (Nerger §. 28), — waon begann es links der 454 LITTERATUE. Elbe? Oder war diese Aussprache dem Dialect von je eigenthümlicb ? Keines- falls, so will uns scheinen, dürfen wir der Hs. die Lesung o aufzwingen. Ein anderes Beispiel. H schreibt stemme (161): Hr. L. corrigiert nach W sfempne und läßt auch diese Lesung stehen, nachdem ihm doch durch den Reim stemme : grimme (561) der Beweis geliefert ist, daß H richtig stemme liest. Somit haben wir also einen Mischmasch verschiedener Lesungen, die kein Mensch für etwas Gutes halten wird. Weiter: die Hs. H weist durch die überwiegend gebrauchte Schreibung unt im Präfix auf eine andere Gegend als W , — was berechtigt uns, diese Form zu Gunsten von ent zu opfern? Beide Hss. H und W halten u. a. fast durchgehends an der Schreibung sc fest (z. B. scöne 15, we^kerinne 158, eskeden 758 etc.) — warum also die freilich etwas glattere Schreibung seh durchführen, wenn sich beide Hss. weigern und die offenbar ältere Form verloren geht? Warum die Formen mi dl jü allein gelten lassen, wenn doch einmal nachgewiesenermaßen die Hs. mik (101. 154. 224), dik (287. 352. 439), fjik- (1136) braucht? Über das leidige Zuschneiden nach der Schablone! Und doch möchte das noch hingehen, wenn nur wenigstens Methode drin wäre! Wenn Hr. L. durch den Reim genöthigt war. Formen wie mik und dik aufzunehmen, so ist es thöricht, dieselben, da wo kein Reim steht, zu tilgen. Wollte Hr. L. die Form om durchführen, wie er in der That v. 1259 em (H) in om ändert, so durfte er auch v. 116 em nicht stehen lassen. Ebenso wenig durfte die Form desse (560. 1356) stehen bleiben, wenn es des Herausg. Absicht war, was ja aus den andern Änderungen von desse in dusse (v. 6. 123. 757 u. öfter) hervorzugehen scheint, die Lesung dusse durchzuführen, freilich zum Schaden der Hs. und zum Nutzen keines Menschen. Noch weiter: H kennt in 3. sg. praet. nur die Form heyunde. Diese Form bevorzugt auch W, doch findet sich dort auch zweimal die Lesung heyan (1209. 1605) und Hr. L. hat nichts eiligeres zu thun, als die beiden hegan aus W in seinen Text zu setzen, vermuthlich weil er fürchtete, seine Leser könnten am Ende vergessen, daß man auch manchmal hegan sagt. Ganz derselbe Fall ist es mit der 3. sg. praet. künde, welche in H immer künde, in W immer konde lautet, wie Hr. L. selbst in deip Varianten zu v. 86 angibt. Mit dieser Angabe wäre füglich die Sache zu Ende; indeß scheint es Hrn. L. doch leid zu sein um die arme Form konde, und so setzt er sie doch noch zu guter Letzt in den Text und zwar im Reime konde : heyunde (v. 1301)! Ähnlich ist es endlich mit dem Gebrauch der Formen fink und fenk, hink und henk etc. Beide Formen kommen in H wie in W, und zwar ungefähr gleich oft vor, — natürlich hatte der Herausg. der Lesung zu folgen und die Varianten in W anzugeben. Statt dessen hat sich Hr. L. bei dem Bewußtsein beruhigt, daß beide Formen gebräuchlich seien, und setzt fink und fenk etc. darauf los, wie es ihm in die Feder kommt. Sachlich mag das ja in diesem Falle einerlei sein ; für einen Editor aber ist es immerhin eine sonderbare Praxis. Einige Worte müssen wir noch über die Längenbezeichnung des Hrn. L. sagen. Er stützt sich hier wie bei seinen früheren Ausgaben mit seiner Methode auf die Autorität von Jacob Grimm, Grammatik l'*, 251 f. Daß J. Grimm in diesem Falle einem Irrthum unterlag, darüber möge man Nerger a. a. 0. §. 33 nachsehen. Zugegeben aber auch, Hr. L. wäre im Princip im Rechte, so müssen wir doch verschiedene Verstösse gegen eben dieses Princip constatieren: es ist iw lesen ok (47 u. oft), moste (64 u. oft), Mr (94 u. c), mer (96 u. c), erst LITTERATUE. 455 (397 u. 0.), gutlik (313, vielleicht nur ein Druckfehler), gunde : stände (723), most (804), süf : tut (1048), Mlden (1084), vel (1230). SchlieLUich beiläufig und in aller Bescheidenheit ein paar Anderungs- vorschläge. V. 63 heißt es vom Teufel in Kindesgestalt: He soch so sere ut m'en hntsten | Dat men se (d. h. der Frau) lauen moste. Mir scheint die Lesart luteti hesser: man musste die Frau lassen, weil sie beim Säugen Schaden nahm; die Fortsetzung stimmt dazu: Se wunnev mennir/e vrowen edder vyif\De alle vor- loren ore Vif. V. 212 scheint mir im Ausdruck etwas ungeschickt: ivent he de swarten kinist bcschrrf. De sir. k. heschr'wen ist hart; wie wäre es mit der Lesung hedr^ff V. 751 (H) redet davon, daß der Teufel in des Königs Tochter gefahren ist, und fährt fort: Is de konink sus nd bi Jiulden,\So wart mi mm arf tvol gülden. Hr. L. liest nach dem Vorgang von D und Z: Is he dem k. so nä bi h. und erklärt: Steht er, der Teufel, so hoch in des Königs Gunst. Es scheint durchaus geboten , he (der Teufel) in se (die Tochter) zu ändern ; es würde dann heißen: Ist sie dem König so viel werth, so kann ich mir durch die Heilung etwas Tüchtiges verdienen. V. 1348. H schreibt: Unde hüt dem bröder tnen vroliken dn. Die Varianten bieten keine bessere Lesung. Wir schlagen vor: unde hat den hroder vrolit sm. Metrisch ist diese Lesung sicher besser; auch im Ausdruck scheint sie uns fließender. — Dem Zeno beigegeben erscheint hier noch ein Gedicht, welches mit dem Zeno in keinem Zusammenhange steht und nur in besonderer Veranlassung gelegentlich mit abgedruckt ist, nämlich das aus Schade's Geistlichen Gedichten vom Niederrhein (Hannover 1854) bekannte Anselmus hoich, in niederdeutscher Fassung. Dasselbe beansprucht in sofern ein besonderes Interesse, als hier der Nachweis geliefert ist, daß unser niederdeutsches Gedicht nicht etwa aus dem Niederrheinischen übertragen ist: vielmehr liegt hier das Origin.al vor und das niederrheinische Gedicht erweist sich als Copie. So mögen also die beiden Mund- arten in Betreff der Originalität der Dichtungen Zeno und Anselmus abrechnen. Was nun das Gedicht anlaugt, so macht dasselbe einen überaus wohlthuenden Eindruck; die Erzählung ist, die etwas monotonen Zwischenfragen abgerechnet, durchaus würdig gehalten, ja stellenweise nicht ohne poetische Weihe, dabei von großem Fluß der Diction. Auch der Schreiber verdient alles Lob: die Überlieferung ist nahezu musterhaft. Hr. L. hat keine Ausgabe des Gedichtes veranstalten wollen, sondern nur einen Abdruck beabsichtigt, — zu unserer Befriedigung: so weiß man doch, woran man mit seinem Texte ist. Was Hr. L. dem Abdrucke hinzugefügt hat, ist nur wenig: Berichtigungen und Worterklärungen, die ganz an ihrem Platze sind. Nur Eines sei bemerkt: p. 145 steht zu v. 525: Lies 07ie. Diese Besserung von one statt ome scheint uns so durchaus unzulässig, ja so ganz unmöglicli, daß wir ohne Weiteres einen übersehenen Di uckfehler annehmen. RUDOLSTADT. KARL SCHRÖDER. 456 LITTERATUR. Regel. Karl, Die Ruhlaer Mundart dargestellt. Weimar, Böhlau 1868. VIII, 314 S. 8". Bücher wie das vorliegende veralten nicht, darum wird eine Anzeige und Beurtheilung, die sich nicht unmittelbar an die Zeit seines Erscheinens knüpft, immer noch eine gute Stelle finden können. Schon längst ist es bekannt, daß Herr Professor Regel in Gotha an einem thüringischen Idiotikon arbeitet. Daß ein solches Werk nur langsam reifen kann, weiß jeder Einsichtige, und dennoch wird mancher mit einer gewissen Ungeduld die endliche Ausführung jenes Vorhabens ersehnt haben. Denn während die Erforschung der mitteldeutschen und insbesondere thüringischen Dialecte recht wacker betrieben wurde, geschah für die der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit verschwindend wenig. Wie eine Mundartforschung nicht ohne historisch-grammatische Grundlage gedeihen kann, so wird die Erkenntniss der mundartlich gefärbten Sprache der Vorzeit immer unlebendig bleiben, wenn ihr die der geschichtlichen Entwickelung und des heutigen Gebrauchs nicht zu Hülfe kommt. Für einen ganzen Studienkreis also ist Eegefs Unternehmen geradezu eine Nothwendigkeit. Werden unsere Wünsche auch noch nicht in allernächster Zeit erfüllt, bo haben wir in dem vorliegenden Buche über die Ruhlaer Mundart einen Vorläufer jenes umfassenden Werkes erhalten, den wir freudig willkommen heißen müssen. Einmal um seiner selbst willen, dann aber auch weil er uns trotz seines mono- graphischen Charakters ein Bild gibt von der Anlage und der Ausführung des künftigen gesammten thüringischen Idiotikons, für dessen Vollendung der Ver- fasser nach seinem eigenen Bekenntnisse in nicht mehr ferner Zeit die nöthige Kraft und Muße zu finden hofft. Ursprünglich lag es nicht im Plane Regel's, mit einer Einzelstudie vor Vollendung und Veröffentlichung des Hauptwerkes hervorzutreten , sondern Anlaß und Anregung zu seiner vorliegenden Schrift verdankt er dem bekannten Reiseschriftsteller Alexander Ziegler, welcher ihn für ein früher von ihm in Angriff genommenes umfassendes Werk über seinen Geburtsort Ruhla zu einem Beitrag durch eine Abhandlung über die Ruler sprach aufgefordert hatte. Dieser anfänglich beabsichtigte Beitrag wuchs aber zu einem selbständigen Buche an und fand erst nach Überwindung manigfacber Hemmnisse seinen Weg an die Öffentlichkeit. Für uns ist diese Wendung des äußern Schicksals der Arbeit gewiß erwünscht; denn inmitten eines umfassenden culturgeschichtlichen und topographischen Werkes hätte diese sprachliche Studie leicht übersehen und vergessen werden können. Wenn irgend eine Volksmundart verdient und geeignet ist, monographisch dargestellt zu werden, so ist es die Rahlaer. Denn sie ist nicht bloß ein be- sonderes Charakteristicum eines bestimmten Dialects, sondern sie ist a;ich des- halb so eigenartig, weil sie verschiedene von einander abweichende, wenn auch vielfach verwandte, Idiome in sich vereinigt. Sie ist wol eine mitteldeutsche und zwar thüringische Mundart, aber ihr Grundcharakter ist hennebergisch, also fränkisch, also auch oberdeutsch. Dazu kommt noch eine ganz besondere Eigen- thümiichkeit. Das Ruhlaische nämlich „bezeugt durch den Sonderbesitz einer nicht ganz unerheblichen Anzahl von Wörtern slavischer Herkunft, daß ein ur- sprünglich an diesem Orte vorhanden gewesenes sorbisches Volkselement auch LITTERATUR. 457 nach langer Überwucherung durch den germanischen Hauptbestand des Stammes nicht ganz bis auf die letzte Spur hat aufgrezehrt werden können." Erheischten diese verschiedenen Elemente eine eingehendere und ausge- dehntere Betrachtung, als sie einer einheitlich organischen Mundart gewidmet zu werden braucht, so ist die vorliegende Monographie Regel's auch deshalb etwas umfänglich ausgefallen, weil der Verfasser sich nicht bloß an die Fach- genossen wandte und durum in seiner Darstellung einer ausführlicheren Aus- drucksweise anstatt einer lakonischen bedurfte. Gerade darin liegt aber auch der Hauptreiz des Buches. Obwohl ich das Hauptresultat, welches doch von wesentlichem Einfluß auf den Umfang sein mußte, im Voraus kannte, wollte mir doch anfänglich diese Abhandlung über eine einzelne Mundart etwas zu weit angelegt erscheinen, und diesen Eindruck hat das Buch wohl auch auf andere gemacht. Als ich aber nicht bloß blätterte und hie und da auch hinein- sah, sondern an die zusammenhängende Leetüre schritt, habe ich gerade in der darstellenden Weise des Buches einen besonderen Vorzug finden müssen. Es thut wohl, wenn die grammatischen Thatsachen auch ihre Ei'klärung finden. wenn sie in den Zusammenhang mit andern Erscheinungen gestellt werden. Auf solche Weise hat Regel seine Darstellung belebt und ihre Leetüre zu einer wirklich genußreichen gemacht. Dabei ist diese Darstellung auch durchaus wissenschaftlich. Nicht bloß der heutige Gebrauch wird uns vor Augen geführt, sondern der Verfasser weist zugleich wo es nöthi^ scheint auf die ältere Sprache zurück. Andererseits werden die gelehrten Forschungen vielfach citiert, welche den Gebrauch in der Kuhlaer Mundart bestätigen oder erklären helfen. So hauptsächlich Reinwald's hennebergisches Idiotikon, Vilmar's Idiotikon von Kurhessen nebst Bech's Nach- trägen, und die Arbeiten Georg Brücknor's und der Gebrüder Stertzing über die heunebergische Mundart in Frommanns Zeitschrift. Beispiele sind reichlich ge- geben, sowohl einzelne Formen und Worte als Redewendungen. Zu ihrer Er- klärung ist das Schriftdeutsche meist beigesetzt, nur selten begegnet ein Citat, welches dem unkundigen Leser unverständlich sein wird, weil ihm die Über- setzung mangelt. Mitunter, habe ich gefunden, ist die Übersetzung zu frei, indem sie den Sinn wiedergibt, ohne das Wort herüberzunehmen oder zu über- tragen. Die Anordnung des reichhaltigen Stoßes ist durchaus angemessen und dabei übersichtlich. Die vier Capitel des Buches repräsentieren zwei Haupttheile, einen grammatischen und einen lexicalischeu. Der grammatische behandelt in drei Capiteln die Laute, die Wortbildung und Wortbiegrung. Das vierte Capitel „Wortvorrath" handelt zuerst vom volksthümlichen Ausdruck, dann folgt unter dem lexicalischen Wortschatz die Anführung der niclitgormanisclien, dann der einheimischen Elemente. Unter den Lauten bespricht der Verfasser natürlich zuerst die Vucale und .sagt da im Eingang über den Ruhlaer Vocalismus im Allgemeinen, daß er einen Reichthum und eine Manigfaltigkeit zeige , welche den Dialeet nicht nur gegen das cisrentlich Thüringische und Henncbergischc, sondern auch gegen die nhd. Schriftsprache hinsichtlich der lautlichen Lebendigkeit vielfach in ent- schiedenen Vortheil setzen; „denn während er auf der einen Seite viele der alten Laute mit zäher Treue bewahrt hat, sind ihm durch eine Reihe von Um- gestaltungen zum Theil sehr merkwürdiger Art viele neue Laute zugewachsen, 458 LITTERATUR. die aber, weil sie meist mit gesetzmäßiger Consequenz eintreten, dem Klang der Mundart nicht den widrigen Charakter zweckloser Vergröberung oder Ver- wilderung, sondern den lebensvollen Hauch einer wohlabgestuften originellen Lautentwickelung Terleihen." Erst werden „die einfachen Kürzen,"' dann „die einfachen Längen" be- sprochen. Hier heißt es unter b): „Hinsichtlich des aus uo verengten « steht die Mundart, sofern nicht auch hier Kürzung oder Ausweichung eingetreten ist, auf rein mitteld. Stufe, während das eigentlich Thüringische den mhd. Laut meist in seinem üe durchklingen läßt." So viel ich beobachtet, kommt dieser Diphthong üe allerdings vor im Thüringischen, aber daneben auch der reine Vocal ü ohne Nachschlag. Und wenn ein e nach u zu hören ist, so fragt es sich, welcher Consonant folgt, ob seine Aussprache eine vorhergehende Pause erfordert oder nicht, — Unter c) werden die „alten Diphthongen," unter d) die „Steigerung" betrachtet. Die Steigerung des echten ü zu au zeigt sich auch im Personalpronomen dau im Gegensatz zum Mhd. Aber diese Steigerung tritt doch wohl nur ein, wenn das Pronomen demonstrativ steht, was kurz liätte bemerkt werden können, sonst steht die Kürzung de. — Es folgt: e) Brechung, /) Verdunkelung, g) Ausweichung (ein inhaltreicher Abschnitt), hj Dehnung und i) Kürzung. Hier unter Kürzung heißt es im Anfang: „Das mhd. oder auch nur nhd. A, welches vor auslautendem r in oi ausgewichen war, tritt vor rn in denselben Wörtern zu reinem a gekürzt wieder hervor, und nun folgen Beispiele, die besser etymologisch auseinander gehalten worden wären. — Unter 6 werden die Kürzungen des ie respective i in i vorgeführt, nach ihnen auch se gingen, vu- fingen. Diesen Formen gehen die Nebenformen gengen , /engen zur Seite, weshalb auf e) 3. (S. 20) verwiesen werden konnte. Diese Beispiele wären übrigens besser nicht zuletzt, sondern im Anfang zu nennen gewesen, weil sie einen sprachlichen Vorgang zeigen, der in der nhd. Umgangssprache sanctioniert ist. Bei der Kürzung des ico respective u in u hätte in gleicher Weise für die Leser, die nicht die grammatischen Verhältnisse gleich bei der Hand haben, auf die nhd. Wandlungen von Mutter, Futter als Analogien hingewiesen werden sollen. Die übci sichtliche Betrachtung des ruhlaischen Umlauts hat der Verfasser erst am Schlüsse des Vocalismus gegeben, weil der Umlaut auf den verschieden- artigen Erscheinungen desselben ruhe und sich nur nach deren vorgängiger Be- sprechung verständlich darstellen lasse. Unter 1. c) wäre eine Trennung der Beispiele von Vortheil gewesen, wo der Umlaut Berechtigung hat, wo er auf Analogie beruht, wo er auf eine Nebenform zurückgeht. Im Consonautismus werden 1. die Liquidae, 2. die Labiales abgehandelt. Das Ruhlaische zeigt hier im Widerspruche gegen die thür. Art und überein- stimmend mit dem Henueb. eine Abneigung gegen b nach Vocal und nach l und r. Das Beispiel gdl gelb, dessen mhd. Form gel auch angeführt wird, scheint mir deshalb nicht hierher zu gehören, weil die Form ohne b alt ist, und weil das h gar nicht organisch ist, sondern erst in jüngerer Zeit aus w nach dem Gesetze der Lautabstufung verdichtet wurde, aber nur im Nominativ, d. h. im Auslaut, während das w in der Aussprache trotz der Schrift in den übrigen Casus im Inlaute verblieben ist. In diesem Falle weicht auch das Ruhlaische nicht vom Thüringi- schen ab. — Die Form A« haben, im hatt, ihr habt, (jehät, gehabt, stehen aller- dings etymologisch auf einer Stufe wie drä, traben, gelät, gelabt, allein die LITTERATUE. 459 Syncope und die Ausstoßung des i-Lautes ist schon so früh vor sich gegangen, daß hier wohl Alterthümlichkeit anzunehmen ist. Diese Formen von haben hätten passend im Anfang genannt werden können, um an ihnen als an einem schrift- gemäßen und zum Theil auch noch heute gültigen Beispiel die andern auf dem- selben Princip beruhenden Vorkommnisse zu erläutern. — Unter den Gutturalen wird auch der Verhärtung des j zu q gedacht und als Beispiel r/emiei- -^^ jener angeführt. Ist dies der einzige Fall? — Unter den Dentalen kommt der Ver- fasser (S. 77) auf eine ganz besonders interessante Erscheinung: zu sprechen. Im Ruhlaischen wie in verschiedenen Theilen des hennebergischeu Dialects heißt es: äü mutt , ihr müPt, ä mvM, er mußte u. s. w. ; laft, laßt, ä Uitt, er läßt. „Daß hier," sagt Regel, „nicht von einer nd. Lautstufe, sondern lediglich von Ausstoßung des .9, z vor dem f die Rede sein kann, das beweisen die ruhl- Grundformen ich müss, mäi müssen, ich lass, mäi lassen, ä liss, er ließ, sowie der klare Wegfall des z im mhd. Idzen (er läl u. s. w.), und es darf daher auch g.wiß bei dem höchst merkwürdigen ruhl. Prät. Conj. {ä, litt, er ließe, me litt, man ließe, mäi, sü litten, wir, sie ließen) nicht an einen Rest niedprd. Charakters gedacht werden, sondern diese Anomalie kann nur aus Verirrung des Sprachgefühls im Anschluß an das Präs. ä Uitt, äü latt erklärt werden." Ebenso deutet Re^el den mhd. Infin. mütten, müssen und das licnneb. Präs. mrii matte, wir müssen. Bei den Präsens-Formen mit t von lassoi, wird man schwerlich an niederdeutsches Element denken , sondern Alterthümlichkeit annehmen; sie wären daher bei dieser Erörterung nicht in einer Reihe mit den Formen von müssen als Beispiele, sondern nur als Analogien und Beweise an- zuführen gewesen. Es handelt sich um alle /-Formen von müssen und den Conjunctiv von lassen. Mir waren aus der hennebergischeu Mundart bis jetzt nur die Formen von müssen bekannt und ich hielt sie allerdings für Reste des Niederdeutschen. Wenn Regel's Beweis auch nicht zwingend sein kann, da es sich um Analogien handelt, so glaube ich doch, daß er diese seltsame Erscheinung treffend gedeutet und erklärt hat. Anstatt eine Alterthümlichkeit zu sein, ist nun jede dieser Formen eine Neuerung. Es wäre daher nachzuspüren, wann sie zuerst auftreten. Dies dürfte aber insofern schwierig sein, als sie in der Litteratur und in urkundlichen Aufzeichnungen gewiß vermieden worden sind. — Auch im folgenden Abschnitte (5. b) findet Regel Anlaß, mundartliche Er- scheinungen etymologisch zu erklären. Die in Thüringen und Henneberg sehr gebräuchliche Partikel änn in der Bedeutung von : denn, wohl, wird gewöhnlich aufgefasst, als sei sie = de7in, in welchem das d durch Aphäresis abgefallen sei: ebenso bei och = doch. (Ich habe mir dieses och immer aus jock erklärt.) Regel dagegen sieht in änn das ahd. Fragewort eno, enonn, enoni, in och die mhd. Partikel oht, ot, cht, gibt aber eine Vermischung mit denn und doch zu. Im Gebiete der Wortbildung (Capitel TI) möchte ich das als besonders charakteristisch hervorheben, daß im Ruhlaischen das Suffix -chen für die Ver- kleinerungswörter herrscht wie im Thüring. und Thür-Henneb. und im Gegen- satze zum Frank. -Henneb. -le. In der Lehre von der Wortbiegung (Capitel III) wird zuerst das Sub- stantivum besprochen. Ein überaus interessanter Vorgang in der Ruhlaer Mund- art ist die Bildung des Dativs in der starken Singular-Declination. Jeder, der sich mit deutscher Grammatik beschäftiei-t. muß von Regel's Beobachtungen die in dieser Weise noch niemals gemacht sind, nothwendig Kenntnis» nehmen. Die Flexion -e hat der Euhlaer Dialect aufgegeben. 460 LITTERATUR. Hierin stellt sich das Ruhlaische dem Hennebergischen zur Seite, während das Thüringische, wenn auch nicht durchaus, mit dem Meißnischen an der vollen Form festzuhalten pflegt. Während in der Schriftsprache und so auch in vielen Mundarten durch den Abfall des e der Dativ dem Nominativ und Accusativ gleich wird, sucht das Ruhlaische eine von dieeem Casus prägnant geschiedene Form zu schaifen, und zwar auf dreierlei Weise: 1. durch Vocal- kürzung, beziehungsweise Bewahrung der Kürze; 2. durch Vocalkürzung und Consonantenveränderung; 3. durch Abwerfung des auslautenden Gutturalen ohne Veränderung des Stammvocals. Was aber von den Gutturalen gilt, ist zum Theil auch bei den Labialen der Fall, darum wäre vielleicht auf p. 68. 69 zu ver- weisen gewesen. In der Flexion des Zeitworts ist ebenfalls eine höchst cigen4;hümliche Erscheinung hervorzuheben. Der Infinitiv nämlich begegnet in drei Formen: 1. die gewöhnliche ist die ganz endungslose; 2. dieser endungslose Infinitiv wird ganz regelmäßig durch das alte Präfix ge- zu einer zweiten Form verstärkt bei den Hülfszeitwörtern können und mögen (z. B. ich Itin mich net laut/ Cif- gehall, ich kann mich nicht lange aufhalten); 3. die dritte Form ist die auf -em, -n, und diese dritte Form, welche sich einmal in der Verbindung des In- finitivs mit zu, sodann nach den Zeitwörtern bleiben und werden, auch nach sehen und hören findet, ist nach Eegel's sicher zutreffender Ausführung im ersten Falle der Dativ des Infinitivs (früher auf enne, ene ausgehend), im zweiten Falle nur scheinbar der Infinitiv, vielmehr ursprünglich das Part. präs. Sehr anziehend ist von Kegel über den volksthümlichen Ausdruck ge- handelt. Hier werden uns eine Menge treffender Redensarten , bildlicher und formelliafter Ausdrucksweisen, Sprichwörter, Wettersprüche und Zeitregeln vor- geführt. In einer Wendung scheint mir der Sinn zu speciell wiedergegeben zu sein; ü säk cCn himmel für an duidelsuk {in (er sah den Himmel für einen Dudelsack an) wird übersetzt: war so betrunken, daß er nichts mehr unterscheiden konnte. Soweit ich diese Redensart kenne, so wird sie nicht bloß von der Trunkenheit gesagt, sondern überhaupt von dem Zustande,, in welchem einem, um wiederum einen volksthümlichen Ausdruck zu gebrauchen, der Kopf brummt. So heißt's bei Sommer in den Bildern und Klängen aus Rudolstadt von dem Lehrjungen, der von seiner Meisterin eine Schelle ei'hielt: da hafr aber änne Schalle von ir kröcht, dajfr 'n Himmel fer änn Dudelsack hätt möcht ansih. — Bei Anführung der Sprichwörter hätte sich vielleicht die Trennung in reimlose und gereimte empfohlen. Die Druckeinrichtung wäre hier auch übersichtlicher, wenn diese Sprüche mit ihren Übersetzungen nicht fortlaufend stünden, sondern links das Ruhlaische, rechts das Schriftdeutsche seinen Plate fände. In den Verwünschungsformeln finden sich Reste heidnischen Glaubens; hieran knüpft der Verfasser eine Besprechung solcher Wörter und Wendungen, in denen alte mythische Vorstellungen haften geblieben sind. Regel erwähnt auch den Härscheklds (der heilige Nicolaus und Knecht Ruprecht) und möchte den ersten dunkeln Theil des sonderbaren Wortes aus einem zweiten ebenfalls entstellten Namen z. B. Hieronymus erklären. Ich habe harsche in Tllurscheklas immer für das Adjectiv hfrsch, herisch, Bildung von htr genommen, in der Be- deutung von heilig = sanct, habe aber freilich dafür keine Analogien zur Hand, Im Hennebergischen kommt nur daneben vor: Hersche-Rupperich, d. i. LiTTERATUß. 461 der Knecht Kuprecht (s. Spieß, VolksthümlicLtes aus dem Fränkisch- Henne- bergischen S. 101 fg.). Die nichtgermanischen Elemente im lexicalischen Wortschatze der Euhlaer Mundart bestehen zunächst in einer Anzahl von lateinischen oder französischen Lehnwörtern, welche nach Regel's Urtheil die ruhl. Mundart wohl zum großen Theile mehr in Folge der Meßreisen und des ausgebreiteten Gewerbeverkehrs der Ruhlaer als in Folge des gesteigerten Fremdenbesuches der neuesten Zeit aufzuweisen hat. „Viel wesentlicher aber für die Beurtheilung der ruhl. Mund- art ist es, daß in ihr eine Eeihe von ^Vörtern erscheint, welche sich zwanglos aus dem Slavischen und zwar speciell aus dem Böhmischen erklären , während sie sich jeder gesunden Etymologie auf germanischem Boden hartnäckig ver- schließen. Ihre Anzahl ist nicht groß, aber sie sind zum Theil so eigenthümlich und weisen so deutlich auf lange Einbürgerung in Ruhla hin, daß man sie als einen unwiderleglichen Beweis für ein hier altbestehendes slavisches Volkaelement ansehen darf," Auch der Name „Ruhl" oder vielmehr „die Ruhl" läßt sich ungesueht aus dem Slavischen eiklären (s. S. 157). Die Ruhl ist eigentlich „das Feld". Der Ortsname findet sich auch noch öfter auf slavischem Boden. Das Einheimische im lexicalischen Wortschatze dos Ruhlaischen nimmt den verhältnissmäßig größten Raum in Regel s Buche ein. Die Zusammenstellung ist alphabetisch , dabei ist trotz des lexicalischen Charakters dieses Theils im Buche jeder Artikel durch die zahlreich beigebrachten Beispiele, durch die Ver- weisungen auf ältere oder verwandte Mundarten, durch die Bestimuiung der hennebergischen oder thüringischen Heimat eines Wortes, durch historische und culturhistorische Fingerzeige geradezu unterhaltend zu nennen. — Zu hatzen (S. 162): Bei mir in Meiningen gilt der Batzen 5 Kreuzer, der Halbbatzen 2-2 Kreuzer, was ziemlich so viel ist als G Pfennige, wenn Regel nach Gothaischen Pfenningen gerechnet hat, aber mehr, wenn man 6 leichte Pfemiige {= 1\ Kreuzer) oder 6 preußische Pfennige (= \'\ Kreuzer) annimmt. — Zu berzel, birzel (S. 1(54): ist im Hennebergischen (hier hörzel) nicht der Rücken, sondern nur das Steißstück der Vögel. Die Beispiele, die Regel anführt, sind als Belege für die allgemeinere Bedeutung „Rücken" nicht zwingend, berzelstück ist nur über- tragen: die Rückseite. — Zu döitscher (S. 173): Die Erklärung Kartoffelgebäck ist wohl zu allgemein. Es kommt im Hennebergischen auch die Zusammensetzung vor: Kartoffeldätscher \ c^äiscAer geht auch auf die Form ; denn nicht jedes Gebäck ist dätscher. Eine genauere Erklärung bei Spieß S. 6. — Zu hütz (S. 203). Die Bedeutung des Wortes =^ große Menge i«t nl'ht allein thüringisch , sondern auch hennebergisch. — Zu äü^s (S. 209): Der Hutes ist allerdings vorzugsweise der Kloß von rohen Kartoffeln , aber das Wort bezeichnet auch jeden andern Kloß, wie auch die Zusammensetzungen Kartoffelhütes und Mahl-(Mehl-)hütes zeigen. Den Segensspruch «Jott hüte's möchte ich nicht so deuten wie Regel: Gott lasse uns die schwere Speise wohlbekommen ; denn schwer ist die Speise nicht, am wenigsten ist es der Kloß von rolien Kartoffeln, der zu den leicht- verdaulichsten Speisen gehört, sondern der Segensspruch ist ganz allgemein zu nehmen. Da die Klöße eine häufige und beliebte Speise in jener Gegend sind, auch vielfach ohne Fleisch oder Braten genossen werden, so konnte sich leicht ein Segensspruch gerade an diese Kost anheften. — Zu säft (255): Auf S. 3 ist unter den einfachen Kürzen mit a auch das Wort sacht genannt; im Wörter- ÜERMANIA. Neue Ueihe IV. (X\J.) JaUrg. 31 462 LITTERATUR. buch ist es nicht mit eingereiht als Artikel. Dieses niederdeutsche Zwillingswort vom hochdeutschen mnft ist ziemlich weit südwärts schon vorgedrungen auch in die Mundarten. Über seinen Gebrauch mögen daher die Dialectforscher Beobachtungen anstellen. Regel führt unter säft =: sanft als Synonym die Bil- dung Süchtig an, erwähnt aber das einfache Wort sacht nicht ; darnach scheint es in der Kühl nicht heimisch. — Zu schmorr (S. 263): Das hess.-henneb. schmwgen , ohne Noth spuren und darben , ist doch auch schriftgemäß , wenn auch selten. Hier sei nur erinnert an die Stelle in Göthe's Ergo bibamns: „Und was auch der Filz von dem Leibe sich schmorfjt, so bleibt für den Heitern doch immer gesorgt." — Zu iväs (S. 284): Ist was im Kuhlaischen nur allgemein: Tante? Hat sich nicht der bestimmte Begriff „Vaters Schwester" erhalten, und geht nicht daneben mum her? — An vielen Stellen sind in Eegel's ruhlaischem Idiotikon schwierige und dunkle Worte zum erstenmale befriedigend erklärt und aufgehellt. Ich weise in dieser Beziehung auf die lehrreichen Artikel: dribsch (S. 177), er (S. 181), hMich (S. 207), nach nöden (S. 244), schärz (S. 257). Der Anhang des Buches bringt Kinderverschen' und andere volksthümliche Verschen'. Den Schluß bildet Der Riwwerskuchen', ein Gedicht in Ruhlaer Mund- art von Ludwig Storch, dem bekannten Dichter und Erzähler. In der Reihe der dialectologischen Monographien steht Regel's Darstellung der Ruhlaer Mundart mit obenan. Wird sie dem Dialectforscher unentbehrlich sein, so werden auch alle aus ihr Belehrung schöpfen und sich an ihr erfreuen können, denen eine tiefere Erkenntniss der deutschen Sprache und des deutschen Volksthums am Herzen liegt. JENA, August 1870. REINHOLD BECKSTEIN. Nachtrag zu S. 317—333. Zu dem von Svend Grundtvig beigebrachten Belege für den Gebrauch des Speeres bei einer Hochzeit, welche in Schweden im Jahre 1654 gefeiert wurde, kann ich nunmehr noch einen weiteren fügen, welchen mir Hr. Dr. Hans Olof Hildebrand Hildebrand in Stockholm freundlichst nachgewiesen hat. In Follstrup, Beskrivning om Södermanland (Stockholm, 1837) S. 79, findet man nämlich folgende Angabe: „Sedan det blef aflagt att gifva hustrun vapen , brukades länge, i synnerhet bland de förnäma, tili och med i Carl XI. tid tili ett minne deraf att andra dagen nedlägga en lans prydd med silkesband, hvilken sedan af nägon af marschalkarne utkastades genom fönstret, tili et tecken, at inga vapen mellan makar mer behöfdes. Den sista gangen man vet att detta skett, var da laudshöfding grefve Douglas och grefvinna Beata Stenbock blefvo gifta i Stockhohn." Hr. Dr. Hildebrand bemerkt mir dazu, daß Graf Gustav Douglas am 4. August 1680 mit Gräfin Beata Margaretha Stenbock sich verheiratete. Man sieht, der Vorgang fällt um 26 Jahre später als der von Sv. Grundtvig er- wähnte, ist diesem aber durchaus gleichartig; der Name des vapnatak wird aber dabei nicht genannt, und die Deutung, welche dem Gebrauclie gegeben werden will, mag sie nun richtig oder falsch sein, führt in keiner Weise auf dieses zurück. Eine weitere Verfolgung gerade der schwedischen Rechtssitte wäre sehr erwünscht. K. MAÜßEB. 463 BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT DER ERSCHEINUNGEN AUF DEM GEBIETE DER GERMANISCHEN PHILOLOGIE IM JAHRE 1870. KARL BARTSCH*). I. Begriff uud Geschichte der germanischen Philologie. 1. Raumer, Rudolf v., Geschichte der germanischen Philologie, vorzugs- weise in Deutschland, gr. 8. (XIl, 743 S.) München 1870. Oldenbourg. 3 Rthlr. 6 Sgr. Auch 11. d. Titel: Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit. 9. Band. — Vgl. Zeitschrift für deutsche phüologie 3, 481—483 (Weinhold); Blätter für literar. Unterhaltung 1871, Nr. 2G (Riickert); Saturday Review Nr. 807, 2. Haym, R. , die romantische Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des menschlichen Geistes, gr. 8. (XII, 951 S.) Berlin 1870. Gärtner. 4 Rthlr. Enthält einen Abschnitt über die germanistischen Studien, die von den Roman- tikern angert'gt wurden, namentlich der Brüder Grimm. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 18 ; Theolog. Literaturblatt Nr. 1 ; Zeitschrift für Plülosophie LVIII, 2 (Ulrici) u. s. w. 3. Bouterwek. — Crecelius, W., Karl Wilhelm Bouterwek. Ein Nekrolog. Zeitsclirift des Bergischen Geschichtsvereins, 5, 365 — 389. 4. Diemer. — Bartsch, K., Joseph Diemer. Germania 15, 460—462. 5. J. Grimm. — Andresen, Karl Gust., Über die Sprache Jacob Grimms, gr. 8. (VIII, 299 S.j Leipzig 1870. Teubner. 2% Rthlr. Vgl. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 376 (Weinhold). 6. HofFmann v. Fallersleben. — Wagner, J. M., Hoffmann von Fallers- ieben. Nachtrag, gr. 8. (8 S.) Dresden 1870. Schönfeld. 4 Ngr. Abgedruckt aus Petzhold's N. Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft. 7. Holtrop. — Campbell, J. A. G., Levensbericht van J.W. Holtrop. In: Levensberichten der afgestorvene medeleden van de Maatschappij der Ned. Letterkvmde te Leiden. Leiden 1870. 48 S. . 8. Holtzmann. — Thal er, Karl von, Adolf Holtzmann. ' Neue freie Presse 1870, 12. Juli. ,, 9. Professor Holtzmann f. Allgemeine Zeitung 1870, Beilage 188. 10. Koberstein. — Zacher, J., August Koberstein. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 507 — 515. 11. August Koberstein. Allgemeine Zeitung 1870, Beilage 75. ,: , 12. R(ichter), A., August Koberstein. Illustrirte Zeitung Nr. 1400. *) Mit Unterstützung meiner Freunde K. Gislason, Th. Möbius, E. Verwijs, 31* 464 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 13. liebrecht. — The Hterary labours of Dr. Felix Liebrecht. A con- tribution towards the bibliography of the science of comparative mythology and folk lore. Trübner's Americau and Oriental literary record 1870, Nr. 57. 14. Pfeiffer.— Schmidt, Job., Pfeifferfeier in Bettlach 29. Mai 1870. Germania 15, 252—260, 15. 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Illustrirte Zeitung Nr, 1358. 24. Wilhelm Wackernagel. ^ Beilage des Preussischen Staats-Anzeigers 1870, Nr. 22. 25. Wilhelm Wackemagel. Allgem. Kirchenzeitung 1870, Nr. 4. 26. te Winkel. — Bartsch, K., Lammert Allard te Winkel. Germania 15, 107—108. 27. R(ichter), A., das Grimm'scbe Wörterbuch und seine Fortsetzer. Illustrirte Zeitung Nr. 1411; mit Skizzen nnd Porträts von Hildebrand , Weigand und Heyne. 28. Freybe, A., Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section der XXVI, Philologeuversammlung zu Kiel, 27. bis 30. Sept. 1869. Germania 15, 109—128. II. Handschriftenkunde und Bibliographie. 29. Rieger, Max, Reste altdeutscher Handschriften zu Darmstadt. Germania 15, 203—206. 30. Handschriften der Kieler Universitätsbibliothek, die in sprachlicher Beziehung Interesse haben. Serapeum 1870, Nr. 20 fg. Enthält K, B. 21, perg. 8. 14, Jahrh. ein latein. deutsches Glossar; K. B, 22 Alani ab Insulis Anticlaudianus; 23* ein latein, Gedicht Stella clericorum; 29 ein niedersäcbs, Gebetbuch des 15, Jahrb.; 30 ein solches in vläraischer Sprache. 31. Tabulae codicum manu scriptorum praeter graecos et orientales in bibliotheca palatina Vindobonensi asservatorum , edidit academia caesarea Vin- dobouensis. Vol. IV. gr. 8, (490 S.) Wien 1870. Gerold. 3% Rthlr. (Enthält Nr, 5001—6500.)^ BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 465 32. Bartsch, Karl, Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie im Jahre 1869. Germania 15, 463—508. 33. Bibliotheca philologica, oder geordnete Übersicht aller auf dem Gebiete der classischen Alterthumswissenschaft wie der älteren und neueren Sprach- wissenschaft in Deutschland und dem Ausland neu erschienenen Bücher. Heraus- gegeben von Dr. W. Müldener 22. Jahrg. 2. Heft gr. 8. (II, u. S. 113—277). Göttingen 1870. Vandenhoeck und Ruprecht. 13 Ngr. 34. Wiechmann, C. M. , Meklenburgs altuiedersächsische Literatur. Ein bibliographisches Repertorium der seit der Erfindung der Buchdruckerkunst bis zum dreißigjährigen Kriege in Meklenburg gedruckten niedersächsischen oder plattdeutschen Bücher, Verordnungen und Flugschriften. 2. Theil. Zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts. 8, (VII, 152 S.) Schwerin 1870. Bärensprung. 35. Weller, E., Ergänzungen zu K. Gödeke's Grundrisa zur Geschichte der deutschen Dichtung. Serapeum 1870, Nr. 22 ff. ^ 36. Well er, E., weltliche Lieder- und Gedichtsammlungen. Beiträge zu Gödeke's Grundriss und Weller's Annalen. Serapeum 1870, Nr. 15. 37. Well er, E., einige Lieder, Gedichte und Reimzeitungen. Serapeum 1870, Nr. 15. 38. Doorninck, J. J. van, Bibliotheek van Nederlandsche Anonymen en Pseudonymen, roy. 8. Schluß (XII S., Sp. 769 — 838). 's Gravenhage 1870. Nijhoff. 39. Haan, Dr. Wilh., sächsisches Schriftsteller-Lexicon. Ein Verzeichniss der von den jetzt lebenden Universitäts-Professoren [theol. und phil. 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Heft. S. 770 ff. 45. Wedewer, H., das Christeuthum und die neuere Sprachwissenschaft. Programm der Selektenschule zu Frankfurt am M. 1870. 4. 25 S. Vgl. Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen 47, 328, 466 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 46. Naphegyi, G-, the album of language. lUustrated by the Lord's Prayer in one hundred languages, with historical descriptions of the principal languages, interlinear translation etc. fol. (322 S.) London 1870. Trübner. 52 s. 47. Lagus, En ny äsigt cm de indogermanska sprakens urhein. Öfversigt af Finska Vetenskaps Sucietetens Förhandlingar XII, 10 ff. 48. Hickmann, die indogermanischeu Sprachen Europas. 8. 17 S. Programm der Handelsschule in Eeichenberg. 49. Müller, Prof. Dr. Friedr., Indogermanisch und Semitisch. Ein Beitrag zur Würdigung dieser beiden Sprachstämme. [Aus den Sitzungsberichten der k. Akad. der Wiss.] Lex. 8 (16 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. 3 Ngr. 50. Bopp, Franz, vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armeni- schen, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslavischen, Gothischen und Deutschen. 3. Ausg. 2. Bd. gr. 8. (570 S.) Berlin 1870. Dümmler. 4 Rthlr. 51. Pott, Prof. Dr. Aug. Frdr., Etymologische Forschungen auf dem Ge- biete der indogermanischen Sprachen unter Berücksichtigung ihrer Hauptformen, Sanskrit, Zend-Persisch, Griechisch-Lateinisch etc. 2. Aufl. in völlig neuer Um- arbeitung. 2. Theil, 4. Abth. Detmold 1870. Meyer. 5^/3 Rthlr. A. u. d. T. : Wurzel-Wörterbuch der mdogermanischen Sprachen. 2. Bd.: Wurzeln mit consonantischem Ausgange. 2. Abth.: Win-zeln auf die Nasale und Zischlaute, gr. 8. (LXTV, 600 S.) Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 2. 52. Fick, Aug., vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen. Ein sprachgeschichtlicher Versuch. (In 2 Abtheilungen). 1. Abth. [2. umgearb. Auflage des „Wörterbuchs der indogerman. Grundsprache." Göttingen 1868.] gr. 8. (V, 418 S.) Göttingen 1870. Vandenhoeck und Ruprecht. 2 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 17. 53. Förstemann, E., der urdeutsche Sprachschatz. Zweiter Artikel. Germania 15, 385 — 410. 54. Förstemann, E., Altnordisch und Litauisch. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 353 — 381. 55. Thoraseu, Dr. Wilh., Über den Einfluß der germanischen Sprachen auf die finnisch-lappischen. Eine sprachgeschichtliche Untersuchung. Aus dem Dänischen übersetzt von E. Sievers. gr. 8. (IV, 188 S.) Halle 1870. Buchhandl. d. Waisenhauses. 1 Rthlr. Vgl. Saturday.Review 1870, 10. Nov.; Academy 15. Nov, 56. Bugge, Sophus, Zur etymologischen Wortforschung. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 29, 1 — 50. 57. Key, On the derivation of son, nurus, anus, uxor, wife, näg, omuis, solus, every, all, oXog. Transactions of the philolog. society 1868 — 69. Part. II. London 1870. p. 257 flt. 58. Culmann, F. W. , zur Etymologie der Worte gehen und stehen. Ein Wort über indogermanische Wortbildung. 8. (72 S.) Leipzig 1870. Fr. Fleischer. 12 Ngr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 1. 59. Culmann, F. W., die Namen der Raubthiere in verschiedenen Spra- chen. Ein Beitrag zur Theorie der primitiven oder seelisch -organischen Wort- bildung, gr. 8. (66 S.) Leipzig 1870. Fr. Fleischer. 12 Ngr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 22. 60. Müller, Friedr., die Vocalsteigerung der indogermanischen Sprachen. Sitzungsberichte der k. k. Akademie der Wissenschaften, phil. histor. Classe, 66. Band. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 467 61. Schmidt, Johannes, la foiTtiation des futurs dnns les huigues indo- germaniques. 8. (39 S.) Paris 1870. Abdruck aus der Re\nie de linguistique, .3. Jalirg. Nr. 3. 62. Tob 1er, Gerlaud's Abhandlung über Intensiva und Iterativa. Zeitschrift für Völkerpsychologie 7. Bd., 2. Heft IV. Grammatik. 63. Holtzmaiin, Adolf, altdeutsche Grammatik, umfassend die gothisclie, altnordische, altsächsische, angelsächsische und althochdeutsche Sprache. 1. Band, 1. Abtheiluug. Die specielle Lautlehre, gr. 8. (XVII, 349 S.) Leipzig 1870. Brockhaus. 1 ^j^ Rthlr. Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1871, Nr. 2.5; Saturdav - Review 1870, 17. Sept.; Allgem. Zeitung, Beilage 190; Herrio's Archiv 47, 221— 22;{. 64. Heyne, Moritz, kurze Grammatik der altgermauischen Dialecte, Gothisch, Althochdeutsch, Altsächsisch, Angelsächsisch, Altfriesisch, Altnordisch. 1. Theil. Kurze Laut- und Flexionslehre der altgermanischen Dialecte. 2. ver- besserte Auflage, gr. 8. (X, 354 S.) Paderborn 1870. Schöningb. 1 Rthlr. 12 Ngr. Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1871, Nr. 7; Blätter f. d. bayer. Gvmuasial-Schul- wesen VII, 2. 3. 65. Helfenstein, James, a comparative grannnar of the teutonic lan- guages, being at the same time a historical grammar of the english language and comprising Gothic, Anglo-Saxon, Early English, Modern English, Icelandic, Danish, Swedish, Cid High German, Middle High German, Modern German, Old Saxon, Old Frisian, Dutch. gr. 8. London (Berlin, Asher) 1870. 18 s. Eine Anzeige bringt die Germania demnäch.st. 66. Zur Geschichte der deutschen Sprache. Preußischer Staatsanzeiger 1870, Beilage 38. 67. Hildebrand, R. , zur geschichte des Sprachgefühls bei den Deut- schen und Römern. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 253 — 26.5. 68. Niki, Professor, Blicke in die Etymologie der deutschen Sprache, ein Beitrag zum Vcrständniss derselben für Studierende. 29 S. 8. Programm des Gymnasiums zu Neuburg a. d. Donau 1870. 69. Hahn's, K. A., althochdeutsche Grammatik. Neb.st einigen Lese- stücken und einem Glossar. Mit Rücksicht auf die Fortschritte der Wissenschaft bearbeitet von Adalb. Jeitteles. 3. vielfach veränd. und verm. Aufl. gr. 8. (XV, 132 S.) Prag 1870. Tempsky. 27 Ngr. Vgl, Allgem. Liter. Zeitung 1870, Nr. .SO; Blätter f. d. bayer. Gymnasial-Sclml- wesen VII, 7. 70. March, Francis A., a comparative grammar of the anglosaxon lan- guage, in which its forms are illustrated by those of the Sanskrit, Greek, Latin, Gothic, Old Saxon, Old Friesic, Old Norse and Old High German. 8. (262 S.) New York 1870. 8 s. 6 d. Vgl. Academy 1870, Nr. 13. 71. Nilsson, L. G,, Anglosaxisk (forueugelsk) Grnmmatika, Senare Haft, 8. (S. 40 — 121). Lund 1870, Gleerup, 1 rigsd. 50 örc. 72. Loth, J., ftymologischo angelsächsisch-englische firammatik. irr. 8. (,XII, 481 8.) Elberfeld 1870. Friderichs. 2% Rthlr. Vgl. Liter. Centralbl. 1871. Nr. 6; Herrig's Archiv 47, 179—188 (Stimming); Saturday Review Nr. 747; Atheuaeum 1870, 27. August; Academy 1871, Nr, 27. 468 BIBLIOGRAPHIE VON 1870- 73. Fleming, J. P., Analysis of the english language. 8. (XII, 306 S.) London 1869. 2 RtUr. 74. Diekmann, 0., a treatise on the origin and development of the english language. 8. Göttingen 1870. Dissertation. 75. Silling, Oberlehrer, Origin and development of the english language. Osterprogramm der Realschule in Zwickau 1870. 76. Thorer, Carol. Aemil., quae ratio intercedat inter anglicam recen- tioris aetatis linguam ejusque fontes requiritur. Dissertatio. 8. (VI, 33 S.) Görlitz 1870. 77. Wood, H. T. W. , Changes in the english language between the publication of Wiclif s Bible and that of the authorised version, a. d. 1400 to a. d. 1600. 8. (70 S.) 2 s. 6 d. 78. Payne, the norman dement in the spoken and written English of the 12"" 13"' and 14"' centuries, and in our provincial dialects (with an exa- mination of Chaucer's use of the final e p. 428 — 447). In Transactions of the philol. Society 1868—69, London 1870, p. 352 ff. 79. Knobeisdorf, Otto v. , die keltischen Bestandtheile in der eng- lischen Sprache. Eine Skizze. 8. (73 S.) Berlin 1870. Weber. Vs Rthlr. 80. Wimmer, Ludv. F. A., Oldnordisk Formisere til brug ved under- visning og selvstudium. 8. (VIII, 134 S.) Köbenh. 1870. Steen. V^l. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 12. Eine deutsche Bearbeitung von E. Sievers, mit Zusätzen des Verf., hat das Werk inzwischen auch deutschen Lesern zugänglich gemacht. 81. Bayldon, Gco. , an elementaiy grammar of the Old Norse or Ice- laudic language. 8, (X, 117 S.) London 1870. Williams a. Norgate. 82. Södervall, K. F., hufvudepokema af svenska spräkets utbildning. 8. (130 S.^ Lund 1870. Gleerup. Vgl. Zeitschrift für deutsche pjiilologie 3, 233—236 (Möbius). 83. Bjursten, Herman, Ofversigt af svenska spräkets och litteraturens historia. Uppl. 3, efter författarens död bearbetad och tillökt. Mit denna läro- bok svarar en af H. Bjursten efter samma plan anordnad lasebok. 8. (123 S.) Stockholm 1869. Norstedt & Söner. Ekd. 1, 25. 84. Claeson, G., Ofversigt af svenska spräkets och litteraturens historia pa grundvalen af H. Bjurstens lärobok i ämnet utarbetad. 8, (140 S.) Stock- holm 1870. Norstedt & Söner. 85. Rydqvist, Job, Er., Svenska spräkets lagar, kritisk afhandling. IV, 2. 8. (S. 229 — 552.) Stockholm 1870. Klemming. 8G. Rydqvist, Job. Er., Ljudlagar och skriftlagar. (Utdrag ur 4"" bandet af 'Svenska spräkets lagar'). 8. (153 S.) Stockholm 1870. Klemming. 87. Höfer, Alb., der Rückumlaut. Germania 15, 50—53. 88. Sweet, Criticism on Prof. Koch's papers on as. ea and eä. Transactions of the philol. society 1870, S. 1 ff. Vgl. Bibliographie 1869, Nr. 69. 89. Treitz, Guil., de vocalibus neoanglosaxonicis commentatio. 4. (52 S.) Marburg 1869. Akademisches Programm. 90. Michaelis, G., zur geschichte der consonantenverdoppelung. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 265 — 267. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 469 . 91. Delbrück, B., die decHnation der substantiva im Germanischen, insonderheit im Gotischen. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 381 — 407. 92. Rumpelt, Privatdoc. Dr. H. B., die deutschen Pronomina und Zahl- wörter historiscli dargestellt, gr. 8. (XII, 179 S.) Leipzig 1870. Vogel. 1 Rthlr. Vgl. Blätter f. bayer. Gymnasial - Schulwesen VII. Bd.; Allg. Lehrer - Zeitung 1871, Nr. 20. — Über die angelsächs. Pronomina vgl. auch unten Nr. 164. 93. Schröder, C. , niederländische Einwirkungen auf die Formen der Ordinalia am Niederrhein und im Elsaß. Germania 15, 419—424. 94. Höfer, Alb., Unsich im Niederdeutschen. Germania 15, 73—74. 95. Zacher, J., Unaich im Niederdeutschen. Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 506. , ■ 96. Höfer, Alb., das Pronomen diser. Germania 15, 70—72. 97. Bech, F., der umgelautete Conjunctivus Praeteriti rückumlautender Zeitwörter. Germania 15, 129-157. 98. Höfer, Alb., zu Particip und Gerundium. Germania 15, 53—61. 99. Bernhardt, E., über den genetivus partitivus nach transitiven ver- ben im Gotischen. Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 292—294. 100. Hof er, Alb., das intensive in. Germania 15, 61—65. 101. Höfer, Alb., Verstärkung durch ander«? Wörter, insbesondere durch PraeiJositioni'n. Germania 15, 65 — 67. 102. Höfer, Alb., binnen und büten und deren Steigerungen. Germania 15, 67—68. 103. Cauer, Ed., zur Geschichte der Wortbedeutungen in der deutschen Sprache. 4. (25 S.) Programm des Gyuniasiums zu Hamm 1870. Vgl. Archiv für das Studium d. neueren Sprachen 48, 193 — 194. V. Lexicographie. 104. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm» Fortgesetzt von Dr. Rud. Hildebrand und Dr. Karl Weigand. 4. Bd. 2. Alith. 2. u. 3. Lieferung. [Halmenmeer — Hebemutter] bearb. von Dr. M. Heyne; und 5. Bd. 9. Liefg. [krachen — Kreistag] bearb. von Dr. R. Hildebrand. Lex. 8. (sp. 241 — 720 u. 1921—2160.) Leipzig 1870. Hirzel. h % Rthlr. 105. Diez, Friedr. , etymologisches Wörterbuch der romanischen Spra- chen. 3. verb. u. verm. Ausgabe, gr. 8. 2 Bde. Bonn 1870. Marcus. 106. Lexer, Prof. Dr. Matthias, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Zugleich als Supplement und alphabetischer Index zum mitteliiochdeutschen Wörterbuche von Benecke-Müller-Zarncke. 2. u, 3. Liefg. Lex. 8. (Sp. 321 bis 9G0.) Leipzig 1870. Hirzel. k 1 Rthlr. Vgl. Jaiirbücher f. Philol. und Pädagogik 1870. 9. Heft (Schweizer-Sidler). 470 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 107. Glossarium des XTV. oder XV. Jahrhunderts, herausgegeben von Oberlehrer Dr. Sachse. 8. (27 S.) Berlin 1870. Programm. Vgl. Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 628—530 (Steinmeyer). 108. Burda, W. , zum deutsch-preußischen Vocabular von Nesselmaun. Beiträge zur vergleich. Sprachforschung 6. Bd., 4. Heft. 109. Dietz, Ph., Wörterbuch zu Dr. Martin Luthers deutschen Schriften. 4. Lief. gr. 8. (1. Bd. LXXXVII u. S. 625—772, Schluß.) Leipzig 1870. Vogel. IV3 Rthlr. Vgl. Zeitschrift für d. österr. Gymnasien 1870, S. 409—412 (Scherer); Zeitschrift für deutsche philologie 2, 358—365 (Hildebrand); Blätter f. liter. Unterhaltung Nr. 39. 110. Vries, M. de, en L. A. te Winkel, Woordenboek der Neder- landsche Taal. Aflev. 9. (Sp. 1281 — 1440): Africhten— Afsluiten. 's Graven- hage 1870. 16 Ngr. Vries, M. de, en E. Verwijs, Woordenboek etc. Tweede reeks. Aflev. 2. 3. loy. 8. (Sp. 161 — 480): Om— Omschittereu. Ebenda. 111. Oudemans, A. C, Bijdrage tot een Middel- en Oudnederlandsch Woordenboek. Uit vele glossaria en andere bronnen bijeeuverzameld. 8. Aflev. 2. (S. 273-857.) Arnhem 1870. Nijhoft". 112. Ordbok öfver sveuska spraket, utg. uf sveuska akademien. Heft 1. 4. (VIII, 358 S.) Stockholm 1870. Samsou & Valiin. 1 Rthlr. 14 Ngr. 113. Svensk ordbok med angifvande af ordens härleduing. 12. (256 S.) Stockholm 1870. L. J. Hierta. 114. Kindblad, K. E. Ordbok öfver sveuska spraket. II, 2 — 4. imp. 8. (S. 113—448). Stockholm 1870. Palnuivist. 115. Dal in, G. , fullständig förklariug öfver fiämmaude orJ, som före- komma i svenska tal- och skriftspräket. Heft 1 — 3. (480 S.j Stockholm 1870. 116. Dal in, A. F., svenska sprakets synonymer. 12. (404 S.) Stock- holm 1870. Beckman. 117. Rydqvist, J. E., svenska akademieus ordbok, historiskt och kritiskt betraktad. 8. (75 S.) Stockholm 1870. Norsted & Söucr. Aus den Abhandl. d. Schwed. Akademie, Bd. 45. 118. Jänicke, Oberlehrer Osk. , über die niederdeutschen Elemente in unserer Schriftsprache, gr. 4. (35 S.) Berlin 1870. Calvary. Vs Kthlr. Vgl. Archiv für das Studium d. neueren Sprachen 47, 330. 119. Boltz, Aug., das Fremdwort in seiner kulturhistorischen Entstehung und Bedeutung. Vortrag. 8. (34 S.) Berlin 1870, Gärtner. 6 Ngr. Vgl. Zeit.schrift f. d. Österreich. Gymnasien 1870, S. 412 (Scherer). 120. Das Fremdwort in der deutschen Sprache. Beilage des preußischen Staats-Anzeigers 1870, Nr. 21. 121. Bacmeister, Adolf, Germanistische Kleinigkeiten. 8. (102 S.) Stuttgart 1870. Kröner. Inhalt: Alte Familiemiamen. Das Fremdwort im Deutscheu. Stab oder Meter? Stenotelegraphie. Deutsche Schlecht- und Rechtschreibung. Der Ursprung der Sprache. Vgl. AUgem. Zeitung 1870, Nr. 354 Beilage; Trtibner's Kecord 1871, 28. Febr. ; Ham- burg. Naclnicbten Nr. 19. 122. Deccke, Dr. Wilh., die deutschen Verwandtschaftsnamen. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung, nebst vergleichenden Anmerkungen, gr. 8. (VIII, 223 S.) Weimar 1870. Böhlau. 1 Rthlr. 6 Ngr. Vgl. Ac»demy Nr. 19; Saturd.iy-Review 1870, 15. Octnb. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 471 V23. Höfer, Alb., Brot- und Semraelnamen. Germania 15, 79— 8;5. 124. Berliner, Dr. A., Mittelhochdeutsches in jüdischen Quellen. Literaturhlatt der Wochenschrift 'die jüdische Presse', 1870. Nr. 1. 125. Birlinper, A., 1. bairische Orthographie, 15. Jahrh. 2. Hand- werker- u. s. w. Namen, bairisch. 3. Struot. 4. in Eichelweiß. 5. Fürhäß. 6. Über Monatnamen. 7. Digge, Dickhe, Tigew. Zeitschrift für vergrleichende Sprachforschung 19, 311 — 3'_*0. 126. Woeste, F., Beiträge aus dem Niederdeutscheu. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 326—328. 127. Höfer, Alb., Zu Germau. 12, 325 und 13, 160 Germania 15, 78 — 79. Über nalen und vorhien. 128. Wedgwood, english etymologies (adaw, boulders, buxom, charcoal, doit, forcemeat, fulsome, gewgaw, go to pot, tadpole). Transactions of the philol. society 1870, S. 288 ff. 129. Brinkmann, Fr., der Hund in den romanischen Sprachen und im Englischen. Archiv für das Studium der neuereu 8praclien 46, 425 — 464. 130. Höfer, Alb., Brav. Germania 15. 72 — 73. 131. Delbrück. B., Über das gotische dauhtar. Zeitschrift für vergleichende Si)rachforschung 19, 241 — 247. 132. Höfer, Alb., Fander. Fauner. Germania 15, 416. 133. Höfor, Alb., Nd. reröf, reröven. ^ ' GeiTuania 15, 75. 134. Höfer, Alb., Gotisch skaudaraip, Lederriemen. Germania 15, 69 — 70. 135. Höfer, Alb., So vro also u. anderes Niederdeutsche. Germania 15, 76 — 77. 136. Meyer, Leo, Spange. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 390 — 392. 137. Jilnicke, 0., und J. Zacher, vergiseln. Zeitschrift für deutsche philolugie 2, 496 — 506. 138. Obermüll er, Wilhelm, Deutsch- keltisches, geschichtlich geographi- sches Wörterbuch zur Erklärung der Fluß-, Berg-, Orts-, Gau-, Völker- und Per- sonennamen Eui-oiias, West- Asiens und Nord-Afrikas im Allgemeinen, wie Deutsch- lands insbesondere. Nebst den daraus sich ergebenden Folgerungen für die Urgeschichte der Menschheit. 11. Lief. gr. 8. (2. Band, S. 885 — 480). Leipzig 1870. Denicke. ' „ Ethlr. 139. Koth, Dr. Karl, kleine Beiträge zur deutschen Sprach-, Geschichts- und Ortsforschung. 20. Heft, dazu als Anhang: Inhalt des 1. und 2. Bdchcns. 8. (S. 193—240 u LXIV S.) München 1870- Finsterlin. % Rthlr. 140. Höger, Beiträge zur mittelalterlichen Ortsforschung. Verhandlungen des histor. Vereins für Niederbayern 15, 267 — 290. 141. Sartori, Hermann, unsere Ortsnamen. I. (5 S.) Progiamm der Mittelschule zu Schwartau. 142. Bazing, H., zur Deutung von Ortsnamen. Zei tschrift des histor. Vereins für das wirtemberg. Franken. 8. Bd., 2. lieft. 472 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 143. Kellner, Dr. W., über eine Hinweisung auf die große Zahl Niederlassungen am Rhein mit der Zusammeusetzung donk in Namen. Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland, 47. und 48. Heft, S. 201—203. 144. Bück, Dr. R., über die Bedeutung der alten Namen des Bodensees Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees, 1870, 2. Heft. 145. Müller, Max, The nanie of the Danube. Revue celtique 1870, Mai, Nr. 1. 146. Crecelius, W., Godesberg = Wodensbe rg. Zeitschrift des bergischen Qeschichtsvereins 7. Band Bonn 1670. 147. Brandes, Dr. H. K., der Name des Badeortes Pyrmont erklärt. 8. (23 S.) Detmold 1870. Meyer. 12 Gr. 148. Hesekiel, Ludovica, zur Geschichte deutscher Frauennameu. Bazar 1870, Nr. 14. 149. Steub, Dr. Ludwig, die oberdeutschen Familiennamen. 8. (XI, 216 S.) München 1870. Oldenbourg. 1 Rthlr. Vgl. Kuhns Zeitschrift 20. Bd. 2. Heft; Reusch, theolog. Literaturblatt 1870, Nr. 19 ; St. Galler Blätter Nr. 46; Sprachwart 1871, Nr. 1. 1.50. Reich el, R., Marburger Namenbüchlein. Programm des Gymnasiums zu Marburg in Steiermark 1870. Vgl. Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 47, 467. 151. Pauli, Dr. Carl, über Familiennamen, insbesondere die von Mundes. T. 4. (28 S.) Münden 1870, Augustin. 8 Ngr. Vgl. Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 47, 46G. 152. Höfer, A., Benennung nach der Mutter u. a. — Namen mit Vor- namenbuchstaben verbunden? Germania 15, 83—89. 153. Meyer, Franz, der Name Meyer und seine Zusammensetzungen. gr. 4. (22 S.) Osnabrück 1870. Rackhorst in Comm. Ve Hthr. 154. Charnok, R. P., Patronymica Cornu-Britannica, or the Etymology of Cornish Names. 8. London 1870. Longmans. 7 s. 6 d. 155. Gislason, Konr., Tillisgsbemjerkninger om -ri'dr. Aarböger for nordisk Oldkyndighed 1870, 2. Heft. VL Mundarten. 156. Mi eck, Dr., über Gemination und Reduplication in den Volks- muudarten und in der Kindorsprache. Archiv für das Studium der neueren Sprachen 46, 293 - 302. 157. Schnell, Eugen, der historische Übergang des alemannischen in den schwäbischen Dialekt. Preußischer Staats-Anzeiger 1870, Beilage Nr. 1.3. 158. Krassnig, Job., Versuch einer Lautlehre des oberkärntischen Dialekts. Programm des Unter- Realgymnasiums zu Villach 1870. Vgl. Archiv für d. Studium d. neueren Sprachen 47, 4G6. 159. Jarißch, Anton, Harfensaiten zu den „Heiraathsklängen" oder der Dialekt der Deutschen in Böhmen. Systematisch dargestellt. Nebst einem An- hange. 16. (IV, 84 S.) Wien 1870. Klemm. 16 Ngr. 160. Gradl, H., der ostfränkische dialekt in Böhmen. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 321—352. BIßLIOGRAPHIE VON 1870. 473 161. Knötel, A., die Mundart in und um Frankenstein. Mit Wörter- sammlung. Rübezahl 1870. 162. Dunger, Dr. Hermann, über Dialekt und Volkslied des Vogtlands. Ein Vortrag, gr. 8. (24 S.) Plauen 1870. Neupert. Vg Rthlr. Vgl. Blätter f. literar. Unterhaltung 1870, Nr. 21. 163. Winkler, Johann, over de Taal en de Tongvallen der Friezen. 8. (48 S.) Leeuwarden 1870. 164. Jennings, James, tbe dialect of the West of England, particularly Somersetshire. With a glossary of words now in use there. Also with poems and other pieces, exemplifying the dialect. 2. edition, with two dissertations on the anglosaxon pronouns and other pieces. 8. (XXIV, 167 S.) London 1870. Smith. 4 s. 6 d. 165. Uppränning tili grammatik for delsboraalet, utg. af Helsinglands fornminnessiillskap. 2. Aufl. 8. (5^ S.) Hudiksvall 1870. Hellström. 166. Freudcnthal, A. O., om svenska allmogemälet i Nyland. 8. (IV^ 110 S.) Helsingfors 1870. Alis: Bidrag tili kHnnedom af Finnlands Natur och Folk. 167. Bühler, Valent., Davos in seinem Walserdialekt. Ein Beitrag zur Kenntniss dieses Hochthaies und zum schweizerischen Idiotikon, I. Lexicogra- phischer Theil. gr. 8. (XLIV, 258 S.) Heidelberg (Aarau, Sauerländer) 1870. 2 Rthlr. Vgl. Literar. Centralblatt 1870, Nr. 32; 1871, Nr. 9. 168. Schmeller, J. Andr., Bayrisches Wörterbuch. Zweite, mit des Verfassers Nachträgen vermehrte Ausgabe im Auftrage der historischen Com- mission bei der k. Akad. d. Wiss. bearbeitet von G. K. Frommann. 4. Lief. (Sp. 769 — 1024). München 1870. Oldenbourg. 24 Ngr. 168*. Schröer, K. J. , Wörterbuch der Mundart von Gottschee. 8. Wien 1870. Gerold in Comm. 169. Sundermanu, Fr., Volksthümliche Thiernamen in Ostfriesland. Ostfriesisches Jahrbuch 1. Band, 2. Heft. 170. De Bo, L. L., Westvlaamsch Idioticon. 1. und 2. Lief. (S. 1 — 208.) A— D. roy. 8. Brügge 1870. Gailliard. fr. 4, 25. 171. Slang Dictionary or the vulgär words, street phrases and fast expressions of high and low society. New edition. 8. (XXI, 305 S.) London 1870. Hotten. 6 s. 6 d. 172. Burns, Robert, Lieder. In das Schweizerdeutsche übertragen von Aug. Corrodi. 16. (VII, 103 S.) Winterthur 1870. Bleuler-Hausheer. 1 V3 Rthlr. 173. Scheifele, Joh. Geo., [vulgo Jörg von Spitzispui] neue Gedichte. 3. Abth. 1. Gedichte In schwäbischer Mundart. 2. Gedichte in reindeutscher Sprache. 3. Grammatische und sonstige Bemerkungen. 2. Aufl. gr. 16. (VII, 119 S.) Lindau 1870. Stettner. 6 Ngr. 174. Michel, der schwäbische, als AUerwelts-Spassmacher. Ausgewählte Sammlung der beliebtesten Gedichte und Erzählungen in schwäbischer Mund- art etc. Nebst einem Anhang von schwäbischen Spruch Wörtern und Redensarten mit ihrer Erklärung. 16. (283 S.) Stuttgart 1870. FiscUhaber. 12 Ngr. 474 BIBLIOGRAPHIE VON 1870, 175. Dewils, Heinz, der Heedclberger Draguner - Wachtmeester. En humoristisch-satyrisches Saldotebild. 8. (V, 254 S.) München 1870. 1 Rthlr. 176. Datterich. Localposse in der Mundart der Darmstädter. 4. Aufl. 8. (108 S.) Friedberg 1870. Scriba. V3 Rthlr. 177. Kobell, Fr. v., der Türken-Hänsl, a' Gschichtl aus'n Krieg vo' 1870. [Oberbayerisch]. 8. (8. S.) Stuttgart 1870. HoflFmann. Ve Rthlr. 178. Rosegger, P. K., Tannenharz und Fichtennadeln. Geschichten, Schwanke, Skizzen und Lieder in obersteierischer Mundart. 8. (216 S.) Graz 1870. Pock. 24 Ngr. 179. Jarisch, Ant. , Heimatbsklänge. Eine Sammlung von Gedichten in der Mundart der Deutschen in Nordböhmen und Schlesien. 3. Aufl. 16. (VIII, 134 S.) Wien 1870. Klemm in Comm. 16 Ngr. 180. Heiteres aus Hessen. Altes und Neues in Altcasseler und Nieder- hessischer Mundart. 8, (32 S.) Cassel 1870. Vollmann, '/g Rthlr. 181. Kienner, de plattdütsche, up dat Jahr 1871, unner Byhulp van Jan van Buten, Kassen Dukdal, Dr. Swerenoth etc. herutgewen v. K. Fr. B — n. 8. (XVI, 104 S.) Jever 1870. Mettcker. '/^ Rthlr. 182. Moor, Jan van, König Wilhelms Besük in Bremen am 15. Juny 1869. Humoreske. 7. u. 8. Aufl. 16. (11 S.) Bremen 1870. Tannen. 3 Ngr. 183. Fr icke, W., Wat möt, dat möt. Eine lustige Geschichte in nieder- sächsischer Mundart. 2 Bde. 8. (IV, 217 u. IV, 247 S.) Jena 1870. Costenoble. IV2 Rthlr. 184. Tiek, Karl, wecke Leiw is de grötst? Tau Ihren van uns' leiwes, dütsches Vaderland, van de richtigen Dütschen, vörut äver: de echten, dütschen Mudders schräben. 8. (180 S.) Altona 1870. Mentzel. '/^ Rthlr. 185. Geschieht van den rieken Hamborger Kopmann Peter Stahl, nach Vatting Möllern sine Verteilung un in sine Mundwies dalschreben in säben- teigen Verpustungen van Mi, Verf. v. „Dumm Hans." gr. 8. (IV, 163 S.) Schwerin 1870. Stiller. 7^ Rthlr. 186. Piening, Th., de Reis naa'n Hamborger Dom. 6. Oplaag. gr. 16. (III, 121 S.) Hamburg 1870. Richter. Vg Rthlr. 187. Brinckman, John, Uns' Herrgott up Reisen. Ein Stippstürken, gr. 16. (248 S.) Rostock 1870. Leopold. 27 Ngr. 188. Schröder, Willem, Swinegels Reise nah Paris as Friedensstifter. Eene putzige plattdütsche Historje in tein Kapitteln. 2. Aufl. 4. (106 S.) Berlin 1870. HauBfreund-Exped. Ve J^t^ilr. 189. Gilow, Chr., de Minsch. 8. (VII, 100 S.) Anclam 1869. Krüger in Comm. V3 Rthlr. 190. Gilow, Chr., de Pulteabend. 2 Theile. 8. Ebenda. 2% Rthlr. 191. Dalmer, Karl, Ernst Muritz Arndt, wur he na 100 Jähren syne Wannerung dörch Dütschland wedder antreten will im plattdütschen Rock m. synen Rügenschen Stock, gr. 8. (III, 82 S.) Stralsund 1870. Hingst. Vg Rthlr. 192. Swanneblummen. Jierboekje for it jier i869. Utjown fen 't Selscip foar P'rysce Taal in Scriftenkinnisse. 8. Liowerd 1870. Akkeringa. f. 0,30. 193. Iduna. Frisk rim end ünrim. Utjown fen't selskip for Friske taal end skriftenkinnesse. Garde Rige. 26. Jierg. Liowerd 1870. Akkeringa. f. 1,00. 194. Dijkstra, Waliug, Twee grappige stikken. Frits Reuter nei for- telt. 1. Ho ik aan en wijf kaem. 2. Uut de franse tijd. 1, Heft. 8. (48 S.) Heereuween 1870. Jüdfest. fl. 0,30. ßlBLIOGRAPHIE VON 1870. 475 195. Dijkstra, Waliug, in utfenhuser by de bakker. Blyspil mei sang. Oarde printiuge. 8. (64 S.) Bolswerd 1870. Cuperus. fl. 0,50. 196. De Byckoer, Frisk jierboekje for 1871. 26. Jiergong. 8. (XVI, 80 S.) Freantsjcr 1870. Telenga. f. 0,30. 197. The poetry of provincialisms. English Essays, 4. Band. Hamburg, Meißner. 198. Axon, William E. A., the literature of the Lancashire dialect. A bibliographical essay. 8. (24 S.) London 1870. Trübner. 1 s. 199. Axon, W. E. 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(VIII, 296 S.) Leipzig 1871. G. Wigand. 2 Rthlr. 221. Bechstein, Ludw., Neues deutsches Märchenbuch. 17. u. 18. Aufl. 8. (IV, 271 S.) Wien 1870—71. Ilartleben. 12 Ngr. 222. Vernaleken, Theodor, österreichische Kinder- und Hausmärchen. Treu nach mündlicher Überlieferung. Neue Ausgabe. 8. (XII, 355 S.) Wien 1870. Brauraüller. 1 V3 Rthlr. 223. Zingerle, J. V., Kinder- und Hausmärchen aus Tirol, gesammelt durch die Brüder Zingerle. 2. Aufl. 16. (XI, 284 S.) Gera 1870. Amthor. V3 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 5 (E. Kuhn); Allgem. Zeitung 1870, Nr. 354, Beilage; lUustr. Zeitung Nr. 1462; Allgem. Famil. Zeitung 1871, Nr. 25. 224. Musäus' Volksmärchen der Deutschen. Volksausgabe in 1 Band. 8. Gesammtausgabe. 8. (XV, 496 S.) Altona 1870. Haendcke u. Lehmkuhl. 24 Ngr. 225. Musäus, J. K. A., Legenden vom Rübezahl. 16. (89 S.) Leipzig 1870. Reclam. 2 Ngr. 254. Band der Universal-Bibliothek. 226. Hoff mann, J., Märchenbuch für die Jugend. Eine Auswahl der schönsten deutschen Märchen gesammelt. 4. (III, 68 S.) Stuttgart 1870. Thiene- mann. 2 Rthlr. 227. Löhr, J. A. C, großes Märchenbuch. Neu geordnet von G. Harrer. 8. (V, 481 S.) Stuttgart 1871. Chelius. 1 Rthlr. 228. Pflaume, Karl, Märchenbuch. 8. (IV, 228 S.) Aschersleben 1870. Huch in Comm. ^3 Rthlr. 229. Hilgenfeld , Emma. Frau Kätzchen. Ein Märchen dem Volksmunde nacherzählt. 4. (lO S.) Chemnitz 1870. Pocke. 1 Rthlr. 230. Asbjörnsen, P. Chr., Norske Huld re- Eventyr og Folkesagn, for- talte. 3. Udgave. 8. (VI, 391 S.) Christiania 1870. Steensball. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 37 (A. Kuhn). 231. Populär Tales of Hindostau and Germany. English Essays. 3. Vol. Hamburg 1870. Meißner. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 477 232. Gronzenbach, Laura, sicüianische Märchen. Aus dem Volksmund gesammelt. Mit Anmerkungen R. Kühlers u. e. Einleitung herausg. von 0. Hartwig. 2 Theile. 8. (LV, 368 u. IV, 263 S.) Leipzig 1870. Engelmann. 3 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 21; Keusch, theolog. Literaturbl. Nr. 13. ' 233. Liebrecht, Felix, Lappländische Märchen. Germania 15, 161—192. 234. Ethö, Dr. H., Beiträge zur neuesten vergleichenden Sagenforschung auf indogermanischem Gebiet. Ergänzungsblätter zur Kenntniss der Gegenwart 1870. 235. Schwartz, Prof. Dr. W., die ethische Bedeutung der Sage für das Volksleben im Alterthum und in der Neuzeit. 8. (36 S.) Berlin 1870. Heinersdorff. Vg Rthlr. Sammlung wissenschaftlicher Vorträge 1. Heft. — Vgl. Berliner Revue 62, 10. 236. Der sittliche Zug in der deutschen Sage. Beilage des PreulJischen Staatsanzeigers 1870, Nr. 28 ; an Schwartz anknüpfend. 237. Sago Verl den. Sagor och äfventyr fra främande länder. Ett urva.1 ur alla folkslags sago-Iitteratur samlade och öfveraatta af H. Hörner. I, 8.- (166 S.) Stockholm 1869, 2 rd. 238. Steger, Dr. Friedr., das Elsaß und Deutsch-Lothi-ingen. Land und Leute, Ortsbeschreibung, Geschichte und Sage. 8. (VIII, 91 S.) Leipzig 1870. Quandt. 15 Ngr. 239. Mayer, Jos. Mar., Das Bayern-Buch. Geschichtsbücher und Sagen aus der Vorzeit der Bayern, Franken und Schwaben. 2. Halbband. 8. (IV, u. 385—710 S.) München 1870. Lindauer. % Rthlr. 240. Priem, J., Nürnberger Sagen und Geschichten. 8. (VIII, 194 S.) Nürnberg 1870. Ebner. 7^ Rthlr. 241. Fuchs, Fritz, die Burg Rodenstein und die Sage vom wilden Heer. Die illustrirte Welt 1870, Nr. 18. 242. Gerber, Mor., erzgebirgische und voigtländische Volksklänge, Sagen und Geschichten. In zwanglosen Heften. 1. 2, Heft. 8. (S. 1 — 64.) Aue 1870. ä 2V2 Ngr. 243. Landschau, Sagen aus der Umgegend von Dobran. Mittheilungen des A^'ereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen. 9, 278 ff. 244. Födisch, die Sage vom Hassenstein. Ebenda 9, 277. 245. Grässe, Dr. J. G. Th., Sagenbuch des preußischen Staates. 15. bis 18. Liefg. gr. 8. (2, 321 — 640.) Glogau 1870. Flemming. k V4 Rthlr. Vgl. N. Preuß. Zeitung 1871, Nr. 258. 246. Groß, Karl, Holzlandsagen. Sagen, Märchen und Geschichten aus den Vorbeigen des Thüringer Waldes. 8. (VIII, 135 S.) Leipzig 1870. Wartig. % Rthlr. Vgl. AUgem. Liter. Anzeiger VI, 1 ; Volksblatt f. Stadt u. Land, Nr. 96. 247. Erfurter Schnozeln. 3 Bändchen. Erfurt 1867 — 70. Körner, ä V3 Rthlr. 248. Kaufmann, Alex., Nachträge zu Alex. Kaufmann, Quellenangaben und Bemerkungen zu K. Simrock's Rheinsagen. Archiv des histor. Vereins von Uuterfranken. 20. Bd. 3. Heft (1870). 249. Herchenbach, Wilh., der Schwanenritter von Cleve. Eine nieder- rheinische Volkssage. 8. (80 S.) Mühlheim a. d. R. 1870. Bagel. '/ß Rthlr, QEßUANIA. Nene Reihe IV, (XVI.) Jahrg. 32 478 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 250. Kristensen, E. T. , jydske folkeminder , isasr fra Hammeruoi Herred. 8. (80 S.) Kjöbenhave 1870. 251. Daae, L., Norske Bygdesagn. Christiania 1870. 252. Fomnordiska sagor. Ofversättning mid förklaraude anmärkningar af C. J. L. Lönnberg. Med en karta. 12. (146 S.) Norrköping 1870. Vallberg. 253. Asbjörnsen, Chr., och Jörgen Moe, 10 norska folksagor och ihentyr. Svenek öfversattDing af H. Hörner. (Öreskrifter för folket 35). 8. (48 S.) Stockholm 1869. 20 öre. 254. Dasselbe, andere Auswahl. (Öreskr. 36. 37.) 8. (48 u. 64 S.) Ebenda. 20 u. 25 öre. 255. Svenska folksagor, samlade af J. L. 12. (92 S.) Stockholm 1870. Carlson. 256. Nägra fo rnlemningar och foiksägner i Misterhults socken. Smäland, Dybeck, Rana 3. Heft. Stockh. 1870, S. 39—40. 257. Sägner om troll. (Smaskrifter för folket 4.) 8. (16 S.) Stockholm 1870. Norstedt & Söner. Ebenso Nr. 6; Sägner om jättar; Nr. 6: S. om tomtar; Nr. 7: S. om Necken. 258. Fischer, E., zur deutschen Thiersage in poetischer Beziehung. 4. 35 S. Programm des Gymnasiums zu Ratzeburg 1869. Vgl. Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen 47, 337. 259. Säve, Karl, zur Nibelungensage. Siegfriedbilder beschrieben und erklärt. Aus dem Schwedischen übersetzt und mit Nachträgen versehen von J. Mestorf. Mit 4 Taf. Abbild. 8. (88 S.) Hamburg 1870. Meißner. 24 Ngr. Vgl. Bibliographie 1869, Nr. 245; Heidelb. Jahrbücher 1870, 10. Heft; Saturday- Review 10. Nov.; Hamburger Nachr. 133; Anz. f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1871, Nr. 6. 260. Bär, Wilhelm, die Quelle der Sagen von den Riesen und Drachen. Kulturgeschichtliche Skizze. AUgem. Familien-Zeitung 1870, Nr. 37. 261. Mussafia, Ad., suUa legenda del Legno della Croce. Studio. Lex. 8. (54 S.) Wien 1870. Gerold in Oomm. V^ Rthlr. Aus den Sitzungsberichten der k. Akademie. Vgl. Revue critique 1870, Nr. 32 (G. Paris). 262. Köhler, R., zur Legende von Gregorius auf dem Steine. Germania 15, 284-291. 263. Oesterley, H., zu Gesta Romanorum. Germania 16, 104—105. 264. Historie von dem Zauberer Virgilius. Auf's Neue erzählt von Bello Pileo. 8. (60 S.) Reutlingen 1870. Fleischhauer. 2 Ngr. 265. Oppert, Dr. Gustav, der Presbyter Johannes in Sage und Ge- schichte. Ein Beitrag zur Völker- und Kirchenhistorie und zur Heldendichtung des Mittelalters. 2. Aufl. 8. (VIII, 228 S.) Berlin 1870. Springer. 3 Rthlr. Vgl. Athenaeum 1870, 15. October. 266. Bergmann. F. G., the San Greal: an inquiry into the origin and »ignification of the San Greal. Edinburgh 1870. Vgl. Athenaeum 1870, 9. April. 267. Köhler, R., die Griseldis-Novelle als Volksmärchen. 1. deutsch. 2, dänisch. 3. russisch. 4. isländisch. Oosche's Archiv für Literaturgeschichte 1, 409 — 427, BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 479 268. Axoti, W. E. A., the legend of the disguiaed kuight. 8. Loadon (1870). Trübner. Aus den Transactions of the royal society of literature. Vgl. Trübners Record 1871, 28. Februar. 269. Marc-Monnier, Guillaume Teil et lea trois Suiases, la legende et l'hiatoire. Revue des deux mondes 1870, Janvier, p. 214 flf. 270. Zinzow, Ad., Vineta und Palnatoke. Der nordische Teil. Pädagogisches Archiv 12. Jahrgang, 8. Heft. 271. Sage und Geschichte der weißen Frau. Historisch-politische Blätter 66, 299—313. Nach Kraußold. 272. Über die Sage der weißen Frau. Die Biene 1870, Nr. 10. '■ 273. Födisch, J. E., die Sage von der weißen Frau in Böhmen. Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, 9. Jahr- gang 3. Heft. 274. Bäßler, Ferd., Über die Sage vom ewigen Juden. 8, (24 S.) Berlin 1870. Heinersdorflf. '/, Ethlr. Sammlung wissenschaftlicher Vorträge. 5. Heft. Vgl. Allgem. Liter. Anzeiger 1871, Nr. 48. 275. Blaas, C. M., der ewige Jude in Deutschland. Eine culturgeschicht- liche Skizze. 8. (13 -S.) Programm des Gymnasiums zu Stockerau 1870.' Vgl. Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen 47, 468. 276. Deutschlands Schild und Wappensagen. Illustrirte Zeitung Nr. 1386—1414. 277. Uetterodt, Ludw., Graf, Promemoria eine angebliche Wappen» und Schildsage der Grafen von Schwarzburg betreflfend. Deutscher Herold. Monatsschrift für Heraldik. 1. Jahrgang (lf70). IX. Volks- und Kinderlieder, Sprich wörter, Sitten und Gebräuche. 278. Liliencron, v., Nachträge zu Nr. 40 der historischen Volkslieder und zu den Bruchstücken der Simon'öchen Reimchronik bei Lorenz Fries. Sitzungsberichte der bair. Akad. d Wiss. 1870, II, 373—393. 279. Wormser Lied auf Franz von Sickingen aus dem Jahre 1515. Rlitgetheilt von H. Ulmann. Forschungen zur deutschen Geschichte 10, 656 — 660. 280. Tobler, über die historischeu Voikslieder der Schweiz. Archiv des historischen Vereins in Bern 6, 305-362. Vgl. Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 47, 350. 281. Deutsche Volkslieder aus Kärnten. Gesammilt von Dr. V. Po- gatschnigg und Dr. Em. Herrmaun. 2. Band, a. u. d. T. : Lieder vermischten Inhaltes. 16. (244 S.) Graz 1870. Pock. 1 Rthlr. Vgl. Wissenschaft!. Beilage der Leipz. Zeitung 1869, Nr. 27. 282. Das Volkslied im Voigtland. Europa 1870, Nr. 13; im Anschluß an Dunger, oben Nr. 162. 283. Album polnischer Volkslieder der Oberschlesier. Übertragen von Emil Erbrich. 8. (XIV, 66 S.) Breslau 1870. Gebhardi. Vj Rthlr. 284. Chambers, R. , populär rhymes of Scotland. New edition. 8. (408 S.) London, Chambers. 285. Grundtvig, Sv., Danmarks gamle Folkeviser. 4. Bd., 2. Heft. (S. J 93— 400). Köbenh. 1870. 32* 480 BiBLIOGRAPHrE VON 187Ö. 286. Vallvisor, och barusänger. (Smäekrifter für folket. 9.) 8. (8 S.) Stockholm 1870. Norstedt & Söner. 287. Svenska folkmelo dier. Dybeck, Runa 3, 52. 288. Svenska gissegator. Dybeck, Runa 3, 48-50. 289. ür program et tili aftonunderhällningen med nordisk folkmusik. Dybeck, Runa 3, 50-52. 290. Rochholz, Prof. Dr. E., Zwei Kinderreime gedeutet. Verhandlungen d. Vereins für Kunst und Alterthura in Ulm. Ulm 1870. Heft 3, S. 42 ff. 291. Elliott, J. W., national nursery rhymes and nursery songs set to muaic. With illustrations. kl. fol. London (Berlin, Asher) 1870. 2 '/^ Rthlr. 292. Englisch nursery rhymes translated into French by John Roberts. Rivingtons. Vgl. Athenaeum 1871, 8. Juli. 293. Wand er, K. F. W. , Deutsches Sprichwörter - Lexicon. 28.— 30. Lieferung, hoch 4. (Band 2, Sp. 1537—1886). Leipzig 1870. Brockhaus. k Va Rthlr. 294. Hof er, Edm., Wie das Volk spricht. Sprichwörtliche Redensarten. 6. stark verm. Aufl. 16. (XVI, 212 S.) Stuttgart 1870. Krabbe. 24 Ngr. 295. Birlinger, A., Sprichwörter und Sprüche. Gennania 15, 102-104. 296. Köhler, R., Zum Spruch vom Nagel im Hufeisen. Germania 15, 105-106. 297. Deutsches Wesen in Sprüchwörtern, Sprüchen, Inschriften und Devisen. I. Beilage des preussischen Staats-Anzeigers 1870, Nr. 43. 298. Der schwäbische Michel s. Nr. 174. 299. Münz, Taufnamen als Gattungsnamen in sprichwörtlichen Redens- arten. Annalen des Vereins für Nassauische Alterthumskunde 10. Band. 300. Der Krieg im Munde des deutscheu Volkes. Wochenblatt der Johanniter-Ordens-Balley Brandenburg 1870, Nr. 48. 301. Die sociale Stellung des Pferdes in Sprichwort und Fabel. Europa 1870, Nr. 19, Sp. 595-604. 302. Tunnicius. — Die älteste niederdeutsche Sprichwörtersammlung von Antonius Tunnicius gesammelt und in latein. Verse übersetzt. Hsg. mit hochd. Übersetzung, Anmerk. und Wörterbuch von Hoffmann v. Fallersleben. gr. 8. (224 S.) Berlin 1870. Oppenheim. V/^ Rthlr. Vgl. Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 47, 171; Liter. Centralbl. 1870, Nr. 22; Magazin f. d. Liter, d. Auslandes Nr. 29. 303. Hoffmann von Fallersleben, die erste Ausgabe der Sprich- wörtersammlung des Antonius Tunnicius. Germania 15, 195 — 197. 304. Eichwald, K., niederdeutsche Sprichwörter und Redensarten ge- sammelt und mit einem Glossar versehen. 4. Aufl. 8. (III, 92 S.) Bremen 1870. Tannen. Va ^thlr. BIBLIOGRAPHIE VON 1870, 481 305. So spröäken de norddütsche Bu'rn. Röädenaoarten, Sprüchwüö'r, Bu'rröäthsel, Riemsel un Singsang van de Göären. 16. (IV, 200 S.) Berlin 1870. Schlingmann. V3 Kthlr. 306. Harrebom^e, P. J. , Spreekwoordenboek der Nederlandsche taal, of verzamling van Nederlandsche spreekwoorden en spreekwoordelijke nitdrukkingen van vroegeren en lateren tijd. 3. Th. Utrecht 1870. Kemink. f. 30,95. 307. Hislop, Alex., the proverbs ol Scotland : with explanatory and illustra- tive notes and a glossary. 3. edition. 8. (XII, 367 S.) Edinburgh 1870. 2 s. 6 d. 308. Kok, J., danske Ordsprog og Talemäder fra Sönderjylland. Sana- lede og samnaenstillede med gamle og nyere nordiske ordsprog. 8. (208 S.) Köbenhavn 1870. 309. Wil manne, W. , ein fragebüchlein aus dem neunten Jahrhundert. Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 166 — 186. 310. Weller, Emil, unbekannte Ausgaben bekannter Volksbücher. Serapeum 1870, Nr. 22, Intell. Blatt. 311. Tettau, W. Freiherr v., über einige bis jetzt unbekannte Erfurter Drucke aus dem 15. Jahrhundert. 8. Erfurt 1870. 312. Schönhuth, 0. F. H. , Hugdietrichs Brautfahrt und Hochzeit. Wieland der kunstreiche Schmied. Zwei sehr ergötzliche und abenteuerliche Historien. Aus alter Geschrift gezogen und auf's Neue erzählt. 8. (72 S.) Reut- lingen 1870. Fleischhauer. 2 Ngr. 313. Historie von der schönen Hirlande oder Sieg der Unschuld über die Bosheit. 16. (48 S.) Reutlingen 1870. Enslin u. Laiblin. 1 Ngr. 314. Magelona, die schöne, und Graf Peter mit den silbernen Schlüsseln aus der Provence. Eine anmuthige Geschichte aus alter Zeit. 16. (64 S.) Ebenda 1870. 2 Ngr. 315. Schönhuth, 0. F. H. , Historie von Heinrich dem Löwen. Gar wunderbarlich zu lesen. Mit schönen Figuren. Aus alter Geschrift auf's Neue an's Licht gestellt, 8. (40 S.) Reutlingen 1870. Fleischhauer. 1 Ngr. 316. Birlinger, A., Zu den Volksbüchern. Schwäbische Zeugnisse. Germania 15, 99-102. 317. Folkböger, gamla svenska, auyo utgifna. 1. Melusina. 2. De sju vise Mästare. 3. Kejsar Octaviauus. 4. Jesu barudomsbok. 5. Grisilla. 6. Fortu- uatus. 16. Orebro 1869. 318. Volksüberlieferungen. Ostfriesisches Jahrbuch 1, 2. Heft. 319. Ros egger, P. K., Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande. 8. (VII, 262 S.) Graz 1870. Verlag d. 'Leykam'. 28 Ngr. Enthält. Volkslieder, Sprichwörter und Gebräuche, Vgl. Neue evang. Kirchen- zeitung 1870, Nr. 42. 320. Waizer, Rudolf, der Aberglaube in Kärntens Bergen. Die Biene 1870, Nr. 5. 321. Födisch, Dr. J. E., aus dem nordwestlichen Böhmen. Beiträge zur Kenntniss des deu'.schen Volkslebens in Böhmen. 8. (30 S.) Programm der deutschen Ober-Real-Schule in Prag 1869. Vgl. Archiv f. d. Studium d. neuereo Spracheu 47, 332, 482 BffiLIOGRAPHIE VON 1870. 322. Dornick, Pastor emer. , kirchliche Sitten in der südlichen Ober» Laneitz. N. Lausitzisches Magazin 47. Bd , 1. Heft. 323. Jacobs, Ed., die Bedeutung des Brockens für die Volksvorstellung als Geisterberg etc. Zeitschrift des Harz- Vereins f. Geschichte u. Alterthumskunde, 3. Jahrgang (1870). 324. Reinhard, L., Aberglaube in Mecklenburg. Buch der Welt 1870, Nr. 2. 325. Zorn, Th., Aberglaube bei den Mönchsgutern auf der Insel Rügen. Globus, von K. Andree, 18. Band. 326. Kristensen, E. T. , jydske folkeminder, isser fra Hammerum Herred. 3. Heft. (80 S.) Köbenh. 1870. 327. Altbayerische Cultur skizzen. Die Bauernhochzeit. IX. Der Hoch- Keitstag. Augsburger Postzeitung, Sonntagsblatt, 1871, Nr. 23. 328. Hochzeitsbräuche auf Mönchsgut. Sonntagsblatt von Duncker 1870, Nr. 12. 329. T bemann, 0., westfälische Bauernhochzeit. Daheim 1870, S. 572—574. 330. Winkler, Johann, de bruidshoogten op het Noord-Friesche eiland Sylt, naar C. F. Hansen. De Vrije Fries 12. Deel. Leeuwarden 1870. 331. Reinsberg-Düringsfeld, Frh. v., Heirathsorakel in England. Der Bazar 1870, Nr. 26. 28. 332. Die sieben Wochentage in Glauben und Brauch des Volks, Von E. S. ninstrirte Zeitung Nr. 1383. 333. Lichtmeß (v. H.). niustrirte Zeitung Nr. 1387, 334. Hörmann, L. v., tirolische Ostern. Der Hausfreund 1870, Nr. 29, S. 457 ff. 335. Hörmann, L. v., Christi Himmelfahrt und Pfingsten in Tirol. Der Hausfreund 1870, Nr. 36, S. 569 ff. 336. St. Johannisblumen. Europa 1870, Nr. 26, Sp. 825—32. Nach J. Nathusius. 337. R(ein8berg) D(üringsf eld), v., der St. Nikolaustag, niustrirte Zeitung Nr, 1431. 838. Hör mann, L. v., das Julfest der alten Germanen. niustrirte Zeitung Nr, 1435. 339. Lang, H., Geschichte der Weihnacht. Zeitstimmen aus der reformirten Kirche der Schweiz, 12. Jahrgang, Nr. 1 ff. 340. Weinhold, K., Weihnachts-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien. Neue (Titel-) Ausgabe. Graz 1870. Leuschner. '^/g Rthlr. 341. Brunner, S., das Passionsspiel zu Oberammergau in den J. 1860 und 1870, 3. Aufl. 8, Wien 187Ü, Braumüller. 24 Ngr. 342. Forsch, J., das Passionsspiel zu Oberammergau in Bayern, gr, 16. (IV, 124 S.) Bamberg 1870. Buchner. 14 Ngr. Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1870, Nr. 26; Keusch, theolog. Literaturblatt Nr. 11. 343. Holland, Hyacinth, das Ainmergauer Passionsspiel im J, 1870. Iknn den „Zeitgemäßen Broschüren]." 8. (28 S.) Münster 1870. Russell. 2 Ngr. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 4gg 544. Lainpert, Friedr., das Passionespiel in Oberammergau. Zur Füh« rang und Orientirung. 8. (IV, 67 S.) VTürzburg 1870. Stuber, V^ Rthlr. Vgl. Allgem. Liter. Zeitung Nr. 22; Blätter f. liter. Unterhalt. Nr. 42; Z. theolot Literaturbl. Nr. 24. 345. Das PassionsSchauspiel im Oberammergau. Mit dem voll- ständigen Texte der Chorgesänge. 8. (72 S) Augsburg 1870. Schmid. 6 Ngr. 346. Schöberl, Franz, das Oberammergauer Passions-Spiel mit den Passionsbildern von A. Dürer. 16. (^90 S.) Eichstätt 1870. Krüll. Vs ßthlr. Vgl. Allgem, Liter. Zeitung Nr. 31 ; Heindl, Repertorium Nr. 7 ; Magaz. f. Päda- gogik Nr. 30. 347. Aus dem Zuckmantler Passionsspiel. Allgem. Evang, Luther. Kirchenzeitung 1870, Nr. 34, S. 629—639. X. Alterthümer und Culturgeschichte. 34^. Müllen hoff, Karl, deutsche Alterthumskunde. 1. Band. gr. 8. (501 S.) Berlin 1870. Weidmann. SVg Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 21 (A. v. Gutschmid); Zeitschrift für d. Öster- reich. Gymnas. S. 153 — 181; Saturday Review Nr. 791; Blätter f. liter. Unterhalt. 1870, Nr. 38; "Preußische Jahrbücher 1871, S. 178—183 (Scherer). 349. Lecky, W. E. H. , history of European morals, from Augustas to Charlemagne. 2 voll. 8. (930 S.) Vgl. Edinburgh Review Nr. 265, S. 36 ff. 350. Lecky, W. E. H. , Sittengeschichte Europas von Augustus bis auf Karl den Grossen. Nach der 2. verb. Aufl. mit Bewill. d. Verf. übersetzt von Dr. H. Jolowicz. 1. Band. gr. 8. (XH, 405 S.) Leipzig 1870. C. F. Winter. 1 Rthlr. 24 Ngr. Vgl Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1871, Nr. 6; Magazin f. d. Liter, d. Ausl. Nr. 30; N. evang. Kirchenzeitung Nr. 38; Zimmermanns theol. Literaturbl. Nr. .30; Dorpat. Zeitschr. f Theol. XII, 3; Hauck's theolog. Jahresber. 1871, Nr. 10. 351. Scberr, Job., deutsche Kultur- und Sittengeschichte. 4. Auflage, gr. 8. (XIV, 625 S.) Leipzig 1870. 0. Wigand. 2V3 Rthlr. Vgl. Xationalzeitung Nr. 145; Europa Nr. 11; Hall. Zeitung Nr. 59; Hessische Morgenzeitnng Nr. 3693. 3929; Hamburg. Nachricht. Nr. 57; Zeitung f Norddeutschi. 6476; Breslauer Zeitung Nr. 203; Blätter f. liter. Unterh. 1871, Nr. 9; Musikliteraturbl. 1870, Nr. 12. 352. Müller, J., der Aargau. Seine politische, Rechts-, Kultur- und Sitten- geschichte. 1. Band. Zürich 1870. Schulthess. 2 Rthlr. 353. Kasiski, Major, die Pfahlbauten in dem ehemaligen Persanzig-See. Baltische Studien 23. Jahrgang. 354. Hartmann, R., über Pfahlbauten namentlich der Schweiz sowie über noch einige andere, die Alterthumskunde Europa's betreflPende Gegenstände. Zeitschrift für Ethnologie v. A. Bastian n. R. Hartmann, 2. Jahrgang, 1. 2. 4. Heft. 355. Dederich, Oberl. Prof. A., Julius Caesar am Rhein. Nebst An- hang über die Germani des Tacitus (Germ. 2) und über die Franci der Peu- tinger' sehen Tafel. 8. (IV, 87 S.) Paderborn 1870. Schöningh. V3 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 52. 356. Tacitus, Agricola, Germania, Dialogus de oratoribus. Recogn. Ant. Bonzö. 16. (77 S.) Milano 1869. fr. 0,40. 357. Planck, Adolf, Beiträge zur Erklärung der Taciteischen Germania, 4. (42 S.) Heilbronn (Tübingen, Fues) 1867. 7,, Rthlr. Erst jetzt (1870'i in den Handel gekommen. 484 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 358. Usinger, Prof. K., zu Tacitus Germania cap. 2. Forschungen zur deutschen Geschichte 11, 595 — 616. 359. Wiedemann, Th., Nachtrag zu der Abhandlung 'über eine Quelle von Tacitus Germania. Forschimgen zur deutschen Geschichte 10, 595 — 601. 360. Waitz, G., Über angebliche Benutzung von Tacitus Germania im Mittelalter. Forschungen zur deutschen Geschichte 10, 602. 361. Watterich, Prof. Dr., der deutsche Name Germanen und die ethnographische Frage vom linken Rheinufer. Eine historische Untersuchung. gr. 8. (VIII, 112 S.) Mit einer Karte. Paderborn 1870. Schöningh. 7^ Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 12; Blätter f. liter. Unterh. Nr. 6 (Eückert); Herrigs Archiv 47, 456 (Mahn); Anzeiger f. Kunde d. deutsch. Vorzeit 1871, April; N. Preuß. Zeitung 1870, Nr. 250. 862. Kellner, Dr. Wilhelm, Chatten und Hessen. Eine Untersuchung über die Herleituug des Namens der Hessen aus dem der Chatten. Hassel's Zeitschrift f. preußische Geschichte 7, 425 — 442. 363. Pallmann, Dr. Rud. , die Cimbern und Teutonen. Ein Beitrag zur altdeutschen Geschichte und zur deutschen Alterthumskunde. gr. 8. (III, 70 S.) Berlin 1870. Klönne u. Meyer. % Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 37. 364. Die Alterthümer unserer heidnischen Vorzeit. Nach den in öffent- lichen und Privatsammlungen befindlichen Originalien zusammengestellt und heraus- gegeben von dem römisch-germanischen Centralmuseum in Mainz durch dessen Conservator L. Lindenschmit. 2. Band, 12. (Schluß-) Heft. gr. 4, (6 Steintafeln und 19 S. Erklärungen.) Mainz 1870. v. Zabern. % Rthlr. 365. Grabhügel aus heidnischer Vorzeit bei Frankfurt. Mittheilungen an die Mitglieder d. Vereins f. Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt a. M. 4. Bd., Nr. 1. 366. Peter, Anton, heidnische Grabalterthümer in Schlesien. Mittheilungen der k. k. Central-Commission etc. 15. Jahrgang (1870). 367. Vedel, E., om de bornholmske Brandpletter, Begravelser fra den seldre Jernalder. Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 1. Heft. 368. Feddersen, Arthur, Nogle viborgske Oldsager og Udgravinger. Aarböger f nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft. 369. Eugelhardt, C, Om Stendysser og deres geografiske Udbredelse. Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 2. Heft. 370. Worsaae, J. J. A., Om Forestillingerne paa Guldbracteaterne. Et Tydningsforsög. Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 4. Heft. Mit Figuren im Texte und 10 Tafehi. 371. Ein norwegisches Fahrzeug aus der Wikinger Zeit. llhistrirte Zeitung Nr. 1280. 372. Wein hold, Prof. Dr. Karl, die gotische Sprache im Dienste des Kristenthums. Festschrift. 8. (38 S.) Halle 1870. Buchhaudl. d. Waisenhauses. y4 Rthlr. Vgl. Heidelb. .Jahrbücher 1871. S. 646—648 (K. Bartsch); Zeitschrift f. deutsche Philologie 2, 236 — 237 (Bernhardt); Keusch, theolog. Literaturbl. Nr. 11 (Birlinger). 373. Waitz, Georg, deutsche Verfassungsgeschichte. 2. Band, 2. um- gearb. Auflage, gr. 8. (VIII, 738 S.) Kiel 1870. Homann. 5 Rthlr. 374. Roseustei n, über das altgermaniscbe Königthum. Zeitschrift für Völkerpsychologie 7. Baad, 2. Heft. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 485 375. Maurer, G. L. v., Geschichte der Städteverfassung in Deutsch- land. 1. 2. Band. gr. 8. 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Aarböger f. nordisk Oldkyndiglicd 1870, 4. lieft. 382. Maurer, K, Islands und Norwegens verkehr mit dem süden vom IX. bis XIII. Jahrhundert. Zeitschrift für deutsehe philologie 2, 440- 468. 383. Stephan, Heinrich, kgl. preuß. Geh. Oberpostrafh , das Verkehrs- lebcn im Mittelalter. Raumer's historisciies Taschenbuch 4. Folge, 10. Jahrgang (1870). 384. Stephan, da.s Verkchrsleben des Mittelalters. Beilage des k. preußischen Staats-Anzeiger.s 1870, Nr. 33 — 35. 385. Jahns, Max, der Pferdehandel. Faucher"s Vierteljahrschrift für Volkswirthschaft 8, 50—62. 386. Deppiug, Guillaume, Wunder der Körperkraft und Geschicklich- keit der Menschen. Historische Darstellung der Leibesübungen bei den alten und neuen Völkern. Aus dem Franz. von R. Springer, Mit 69 Illustr. gr. 8. (412 S.) Berlin 1869—70. Saccoo. 1% Rthlr. Vgl. Europa 1870, Nr. 26. 387. Die Ringkunst des deutschen Mittelalters mit 119 Ringerpaaren von Albrecht Dürer. Aus den deutschen Fechthandschriften zum ersten Mal herausg. v. 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Beschrei- bung der Waffen aus allen Zeiten. In 4 Bänden. 1. Bd. 8. (IV, 527 S.) Cassel 1870. Luckhardt. V^l. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 45. 393. Hilde brand, R., Zu Germania IX, 45. Germania 15, 236. Über dringen. 394. Eichwald, Karl, Cumpelmenteerbook vun't J. 1572. Tor lust und lerre upt Nee 'nitgewen. 2. Aufl. 16. (11 S.) Bremen 1870. Tannen. 3 Ngr. 395. Zapp, Dr., Geschichte der deutschen Frauen. Vier Vorträge gehalten in Berlin im Winter 1870. 8. (XII, 216 S.) Berlin 1870. Henschel. 1 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 5. 396. Escher, Dr. Heinr. , Prof., die Rechtsverhältnisse, der Einfluß und die Sitten der Frauen in den Gegenden, welche jetzt das Gebiet der schweizeri- schen Eidgenossenschaft bilden, in der zweiten Hälfte des Mittelalters, gr. 8. (76 S.) Aarau 1870. Sauerländer. 12 Ngr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 28. 397. Aus deutscher Vergangenheit. I. Die Frau im Mittelalter. Illustr. Familien-Zeitung 1870, Nr. 40, S. 630 fg. 398. Hofmann, Dr. F., Privatdocent, über den Verlobungs- und Trau- ring. 8. Wien 1870. Gerold in Comm. Sitzungsberichte d. k. Akad. d. Wissensch. 65. Band. 399. Richter, Albert, zur Geschichte des deutschen Kinderspiels. Cultur- geschichtliche Skizze. Westermanns illustrirte Monatshefte, October 1870, S. 37 — 47. 400. Das deutsche Kinderspiel. Ewopa 1870, Sp. 679—688. Nach A. Richter. 401. Über den Ursprung unserer geselligen Spiele. Allgem. Modenzeitung 1870, Nr. 22. 402. Ursprung der Spielkarten. Illustrirte Zeitung Nr. 1399. 1400. Mit Abbildungen. 403. Gouw, J. ter. De volksvermaken. 3. Lief, bis Schluß. 8. Haarlem 1870. Erven Bohn. ä f. 0,40; compl. f. 8,80. 404. Köhler, Ernst, Hrabanus Maurus und die Schule zu Fulda. 8. (40 S.) Leipzig 1870. Dissertation. Vgl. Allgem. Liter. Anzeiger V, 426; Jahrbücher f. Philol. und Pädag. 102, 515. 405. Colombel, Gymnas. Oberl., die Burgen und die Burgfrieden des deutschen Mittelalters. Annalen d. Vereins f. Nassauische Alterthumskunde 10. Band. Wiesbaden 1870. 406. Pike, G. H., ancient meeting-houses, or memorial pictures of non- conforTTiity in old London. 8. (504 S.) London 1870. Partridge. 407. Tafel- und Zimraergeräth vrr fünfhundert Jahren. Europa 1870, Sp. 271-278. Nach Weili. 408. Zahn, Dr. A. v., altdeutscher Teppich auf der Wartburg. Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1870, Nr. 92 — 94. Mit Abbildung und folgenden deutschen Versen : woluf ale meine wilden man wir wellent festen und buirge ha(n). schiesen alle nieman los abe an büte gewinnent wil einne habe. unser vesten die ist wol behüt mit gügeu klewea rosenblüt. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 487 409. Curtze, Oswald, die Hausinschriften im Fürstenthum Waldeck. Beiträge zur Geschichte der Fürstenthümer Waldeck und Pvrmont. 3. Band, 1. Heft. Arolsen 1870. 410. Homeyer, G., die Haus- und Hofmarken. Mit XLIV Tafeln. 8. (XXIV, 423 S.) Berlin 1870. Ober-Hofbuchdruckerei. 2'/^ Rthlr Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 5; Im neuen Reich, Nr. 20 (Emminghans); Zeitschr. f. Gesetzgebung u. Rei-htspflege in Preu!ien V, 2. 3; Anzeiger f. Kunde d. deutsohen Vorzeit, Nr. 6; Heidelberger Jahrb. S. 161—185 (Zöpfl); kritische Viertel- jahrsschrift 13. Jahrg., 3. Heft: Allgem. liter. Anzeiger VII, 2; Grenzboten 1870, Nr. 25; Preuß. Staatsanzeiger 1871, Beilage 10. 411. Homeyer, über Hausmarken. Monatsbericht der Berliner Akademie, März 1870. 412. Voß, über die Rolandsbilder. Blätter z. näheren Kunde Westfalens, 8. Jahrgang. 413. Ilg, Albert, zur Philosophie der Todesvorstellung im Mittelalter. Mittheilungen der k. k. Central-Commission etc. 15. Jahrgang (1870). 414. English Gilds. The original ordinances of more tban one hun- dred early English Gilds: together with the olde usages of the cite of Wyn- chestre etc. Edited by T. Smith. 8. (CXCIX, 483 .S.) London 1870. Trübner. Publication der Early English Text Society. 415. Förstemann.E., Straßennamen nach Gewerben. Zweite Sammlung. Germania 15, 261—284. 416. Frankfurter Straßennamen. Beilage des Preuß. Staatsanzeigers 1870, Nr. 52. 417. Staub, L., die Buchdruckerkunst. Eine historisch-technische Skizze mit Rücksicht auf die Schweiz, speciell auf Zug. 4. (22 S.) Programm der Cantonsschule in Zug 1870. 418. Weiß, Karl, Nachrichten über den Anfang der Buchdruckerkunst in Speier mit besonderer Berücksichtigung der ersten Druckerfamilie Drach. 2 Abth. 4. (32 S.) Programm des Gymnasiums in Speier 1870. 419. Linde, Dr. A. van der, de Haarlemsche Costerlegende wetenschap- pelijk onderzocht. 2' uitgaaf. 8. (X, 352 S.) 's Gravenhage 1870. Nijhoff. f. 3,50. 420. Meurs, Dr. F. van, de Keulsche kroniek en de Costerlegende van Dr. A. van der Linde te samen getoetst. 8. (VIH, 65 S.) Haarlem 1870. Kruseman. f. 0,75. 421. Weiß, Hermann, Kostümkunde (III. Abschnitt). Handbuch der Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart. Mit Illustrationen. 7. u. 8. Lief. gr. 8. (S. 673 — 880.) Stuttgart 1870. Ebner und Seubert. k 24 Ngr. 422. Der Hut in der Culturgeschichte. Novellenzeitimg 1870, Nr. 2. XI. Kunst. 423. Camesina, A. Ritter v., über Glasmalerei. Mittheilungen der k. k. Central-Commission etc. 15. Jahrgang (1870). 424. Der Todtentanz, wie derselbe in der weitberühmten Stadt Basel aLs ein Spiegel menschlicher Beschaffenheit ganz künstlich mit lebend. Farben 488 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. gemahlet, nicht ohne nützliche Verwunderung zu sehen ist. Orig. Holzschn. des 16. Jahrb. Mit den deutschen Versen. 8. (XII, 83 S. m. eingedr. Holzschn.) Leipzig 1870. Danz. 1 Rthlr. 425. Lübke, Wilh., Geschichte der Plastik. 2. stark verm. und verb. Aufl. Mite. 350 (eingedr.) Holzschn. 1. — 4 Lief. Lex. 8. (S. 1 — 176.) Leipzig 1870. Seemann, ä % Rthlr. 426. Kirch, G., die Räthselbilder an der Broncethür der Domkirche zu Augsburg. 4. Würzburg 1870. Woerl in Comm. 18 Ngr. 427. Kornerup, J., Om nogle af de gaadefulde Menneske- og Dyre- skikk eiser, som forekomme i vor Middelalders konst. Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft. Mit Abbild. 428. Lübke, Wilh., Geschichte der Architektur. 4. stark verm. u. verb. Aufl. Mit etwa 700 Illustr. in Holzschn. 1.— 4. Lief. Lex. 8. (S. 1 — 176.) Leipzig 1870. Seemann, k Yg Rthlr. 429. Baudenkmäler, die mittelalterlichen, Niedersachseus. Herausg. von dem Architekten- u. Ingenieur- Verein für das Königreich Hannover. 13. — 15. Heft. Imp. 4. Hannover 1869 — 70. Schmorl u. Seefeld. 430. Baudenkmale, Rheinlands, des Mittelalters. Herausg. von Fr. Bock. 2. Serie. 12 Lieferungen, gr. 8. Köln 1870. Schwann. 2 Rthlr. 431. Kornerup, J., Materialet i de aeldste danske kirker. Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 2. Heft. Mit 6 Bildern, 432. Weber, Gustav, Pfarrer, der Dom des heil. Gral. Neuer Abdruck. 16. (31 S.) Quedlinburg 1868. Franke. 6 Ngr. Vgl. Allgem. literar. Anzeiger 1870, S. 221. 433. Naumann, Emil, die Tonkunst in der Culturgeschichte. 1. Band, 2. Hälfte, gr. 8. (S. 399-772.) Berlin 1870. Behr. 2 Rthlr. Vgl. Magazin f. d. Lit. d. Ausl. 1871, Nr. 30; Spenersche Zeitung Nr. 206; Bl. f. liter. Unterh. Nr. 43, XII. Rechtsgeschichte und Rechtsalte rthümer. 434. Schulte, Prof. Dr. Joh. Fr. Ritter v. , Lehrbuch der deutschen Reichs- und Rechtsgeschichte 2. umgearb. Auflage, gr. 8. (XII, 588 S.) Stutt- gart 1870. Nitzschke. 3V3 Rthlr. 435. Wyß, Fr. v., Beiträge zur schweizerischen Rechtsgeschichte. 8, (88 S.) Basel 1870. Abdruck ans der Zeitschr. f, Schweiz. Rechtsgeschichte. Vgl. Götting. Gel. Auz. 1870, Nr. 26. 436. Stemann, C. L. E, , den danske Retshistorie indtil Christian V's Lov. 3. Heft, 8. (240 S.) Köbenhavn 1870, Gyldendal. 437. Beseler, Prof. Dr., der Judex im bairischen Volksrechte. Zeitschrift f. Rechtsgeschichtc 9, 244 — 261. 438. Sohm, Rud. , die geistliche Gerichtsbarkeit im fränkischen Reich. Zeitschrift f. Kirchenrecht 9, 193—271. 439. Stüve, Dr. C, Untersuchungen über die Gogerichte in Westfalen und Niedersachsen. 8. (VIII, 151 S.) Jena 1870. Frommann. 24 Ngr. Vgl, Literar. Centralbl. 1871, Nr. 17; Zeitschr. f. hannöv. Recht 3; Anzeiger f. K. d. d. Vorzeit Nr. 6; historische Zeitschrift 1871, 2, 392-395 (Waitz). 440. Böhlau, H., .aus der Praxis des Magdeburger Schöffenstuhls wäh- rend des 14, u. 15. Jahrhunderts. Zeitgchnft f. Recht8g«3chichte 9, Band, 1, Heft. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 489 441. Hahn, H., altdeutsches Eügegeiicbt lu deu Harzer Bergen. Die Gartenlaube 1870, Ö. 436—438. 442. Maldaga B«kur Hoola donikyrkiu. In: Timarit gefid üt af J. Püturssyni 1, 57 73 2, 73-92, 443. Tzschirner, K., de iiidole ac natura promisaionis popularis^ Auslobung quam vocant. Dissertatio. Berlin 1870. Puttkammer in Comm. Vj Rthlr. 444. Wasserschieben, geh. Justiz-R. Prof. Dr. H. , das Princip der Erbenfolge nach den älteren deutschen und verwandten Rechten. Eine rechts- geschichtliche Untersuchung. 8. (VI, 312 S.) Leipzig 1870. Breitkopf u. Härtel. iVa Rthli. 445. Kayser, Paulus, quid veteris juris Lubecensis Codices, quales a. 1839 Hachii curis prodierunt, de hereditatibus statuerint. Dissertatio, 8. (VI, lOÜ S.) Berlin. Puttkammer in Comm. '/g Rthlr. 446. Schröder, Rieh., zur Geschichte des Warterechts der Erben. Zeitschrift f. Eechtsgeschichte 9, 410—421. 447. Bülow, Paul., utium ad dominium rerum immobilium transferen- dum aecundum jus saxonicum medii aevi resignatione solemni in judicio facto opus fuerit nee ne. Dissertatio. 8. (.S7 S.) Königsberg 1870. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 27. 448. Um J)ridjüngam6t f Rdngar fifngi og Arness J)ingi & söguöldinni og ymislegt f>ar ad lutandi. In Timarit af J. Peturssyni 1, 73—88; 2, 92—114. 449. Zingerle, kleine beitrage zu den deutschen recbtsalterthümern. Zeitschrift für deutsche pbilologie 2, 324 — 326. 450. Luchs, Dr. H., über die kirchlichen Rechtsalterthümer Breslaus. Schlesiens Vorzeit in Bild und Kunst, Bd. 2, Heft 1. 451. Roth, P., zur Geschichte des bayrischen Volksrechtes. 4. (VI, 23 S.) München 1870. Franz in Comm. V4 Rthh-. Vgl. Eeusch, Literaturblatt 1869, Nr. 17. 452. Muth, Rieh. Friedr. v. , das bairische Volksrecht. .Eine rechts- historische Abhandlung. 8. 22 S. Programm des Gymnasiums zu Krems 1870. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 3 (Laband). 453. Edictus ceteraeque Langobardorum leges. Cum constitutionibus et pactis principum Beneventanorum. Ex majore editione monumentis Germaniae inserta correctiores recudi ferit Fr. Bluhme. 8. (III, 224 S.) Hannover 1870, Hahn. 18 Ngr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 36. 454. Summa legis Longobardorum. Longobardisches Rechtsbuch aus dem XII. Jahrhundert. Nach den Handschriften herausg. von Prof. Dr. Aug. Anschütz. 8. (58 S.) Halle 1870. Buchh. des Waisenhauses. ^3 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 11. 455. Der Sachsenspiegel nach der ältesten Leipziger Handschrift herausg. von Prof. Dr. Jul. Weiske. 4. Aufl., neu bearb. von Prof. Dr. Hilde- brand. 8. (XVI, 181 S.) Leipzig 1870. Hartknoch. % Rthlr. 456. Bohl au, H., Fragmente einer Sachsenspiegel-Handschrift. Zeitschrift für Rechtsgeschichte 9, 476. Pap. 14/15. Jahrh. 490 ÖIBLIOGRAPHIE VON 1870. 457. Hnupt, K. J. Th., der Alvil des Sachsenspiegels und seine Ver- wandten. Ein Beitrag zur vergleichenden Mythologie. 8. (39 S.) Liegnitz 1870. Cohn. 8 Ngr. Abdruck aus dem N. Lausitz. Magazin, 47. Band, Der Verf. führt das Wort auf Albe, Elfe, zurück. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 37. 458. Hof er, A., Altvile im Sachsenspiegel. Germania 15, 417 — 419. 459. Volckmann, Dr. E., das älteste geschriebene polnische Rechts- denkmal. 4. (24 S.) Elbing 1869. Saunier. 460. Staradowne prawa polskiego ponniki wy-dal Antoni Zygmunt Helcel (Alte polnische Rechtsdenkmäler, herausg. von A. S. Helcel). 2. Band. 4. (XIX, 960 S.) Krakau 1870. L. Helcel. Darin eine deutsche Aufzeichnung des polnischen Gewohnheitsrechtes aus dem 13. Jahrb. S. 1-33, derselbe Text, den Nr. 459 auch enthält. Vgl. Sybels historische Zeitschrift 1871, 4, 492. 461. Landbuch, Appenzellisches , v. J. 1409. Ältestes Landbuch der schweizerischen Demokratien. Herausg. von J. B. Rusch. 8. Zürich 1869. Schultheß. Mit einem freilich sehr ungenügenden Glossar. Vgl kritische Vierteljahrsschrift 12, 95 — 98. (Osenbrüggen ) 462. Das Barrecht von Pottenstein. Mitgetheilt von Th. Wiedemann. Österr. Vierteljahrsschrift f. kathol. Theologie, 9. Band, 1. Heft. 463. Böhlau, Dr. Hugo, Beiträge zum Schweriner Stadtrecht. Zeitschrift für Rechtsgeschichte 9, 261-286. 464. Bech, F., die bischöflichen Satzungen über das Eidgeschoss in Zeitz aus dem 14. und dem 15. Jahrhundert. 4. (24 S.) Programm des Gymna.siums in Zeitz 1870. 465. Franklin, 0., Sententiae curiae regiae. Rechtssprüche des Reichs- hofes im Mittelalter. 8. (XVI, 148 S.) Hannover 1870. Hahn. 1 Rthlr. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 2; histor. Zeitschr. 13. Jahrg. 3. Heft; Kritische Vierteljahrsscbrift 13. Jahrgang, 3. Heft. 466. Ältester Hofrodel von Jona, c. 1400, mitgetheilt von Helbling. Mittheiluugen f. vaterläud. Geschichte v. histor. Verein in St. Gallen, NF. 2. Heft. (187U). 467. Crecelius, W., Urkunden aus Deutsch-Lothringen. Zeitschrift des Bergischen Geschiclitsvereins, 7 Band. Enthält eine deutsche Urkunde von 1306, eine von 1341, ein Weisthum von St. Nabor; vgl. Grimms VVeis- thümer II, 38. 468. Kirch hoff, Alfr. , die ältesten Weisthümer der Stadt Erfurt über ihre Stellung zum Erzstift Mainz aus den Hss. heiausg., erklärt und mit aus- führlichen Abhandlungen versehen. Nebst e. Plan der Stadt Erfurt um 1300. 8. (IX, 314 S.) Halle 1870. Buchh. d. Waisenhauses. 2 Rthlr. \ gl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 45; Histor. Zeitschrift XHI, 396 — 399 (Laband); Heidelb. Jahrbücher 1871, S. 263 269 (Koppmann); Spenersche Zeitung Nr. 168. 469. Weisthümer, niederrheinische. 2. .^btheil. Jülisch-Bergische Weis- thümer. A. Jülische Weisthümer. B. Bergische Weisthümer. Archiv für die Geschichte des Niederrheins N. Folge, 2. Bd., 1. 2. Heft. 470. Schröder, Rieh., Specimen libri sententiarum Clivensis. 4. (16 S.) Bonn 1870. Akademische Abhandlung. 471. Schröder, R., Mittheilungen über Clevischc Rechtsquellen des lö, Jahrhunderts. Zeitschrift für Rechtsgeschichte 9, 421—476. BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 491 472. K euren en ordonnantien der stad Delft. Van den aanvang der XVI" eeuw tot het jaar 1536. Naar twee Hss. gecopieerd en met eenige aantekenin- gen voorzien door J. Soutendam. 8. (257 S.) Delft 1870. Molenbroch. f. 3,00. 473. Hellwald, F. v., iets over een oud Brugsch Handschrift. De Taal- en Letterbode 2, 229—236. 474. Maurer, K., über das Alter einiger isländischer Rechtsbücher. Germania 15, 1 — 17. XIII. Li tteraturgeschichte und Sprachdenkmäler. 475. Gödeke, Karl, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen. 3. Band. 3. Heft. gr. 8. Dresden 1870. Ehlermann. 1 Rthlr. 476. Heinrich, G. A., Histoire de la litterature allemande. 8. Paris 1870. 3 Bände. Vgl. Historisch-polit. Blätter, 67. Band, 8. Heft. 477. Kurz, Heinr., Leitfaden zur Geschichte der deutschen Literatur. 3. verb. Aufl. 8. (XVIII, 319 S.) Leipzig 1870. Teubner. 1 Rthlr. Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1870, Nr. 48; Literar. Handweiser Nr. 93-94. 478. Hahn, Werner, Geschichte der poetischen Literatur der Deutschen. 5. Aufl. 8. (VIII; 331 S.) Berlin 1870. Hertz. 1 Va Rthlr. Vgl. Herrigs Archiv 46, 323. 479. Weber, G., tyska litteraturen, dess upkomst, utveckling och historia. Ifran äldsta tiderna intill vara dagar. Kort sammandrag. Ofversatt af B. F. Olsson. 8. (178 S.) Stockholm 1870. 1 rd. 25 öre. 480. Kluge, Prof. Dr. Herm., Geschichte der deutschen National-Literatur. Zum Gebrauche an höheren Unterrichtsanstalten bearbeitet. 2. Aufl. gr. 8. (VIII, 168 S.) Altenburg 1870. Bonde. 14 Ngr. Vgl. Germania 16, 346—357 (Bechstein) ; Blätter f. d. bayr. Gymnasialschulw. Vn, 6; Jahrbüciier f. Philol. u. Pädag. 1871, 2. Heft; Herrigs Archiv 47, 167; Wis- sensch. Beilage d. liCipz. Ztg. Nr. 46; Allgem. Liter. Anzeiger VIT, 6; Academy Nr. 24. 481. Horst, Klotilde v. d., Geschichte der deutschen Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit mit Beispielen aus den besten Werken der Poesie und Prosa. Zum Gebrauche für Schulen und zum Selbstunterricht. 3. Theil. gr. 8. (XII, 648 S.) Detmold 1870. Meyer. Vj^ Rthlr. 482. Schäfer, Prof. Dr. J. W., Grundriß der Geschichte der deutschen Literatur. 11. Auflage. 8. (VIII, 204 S.) Bremen 1870. Geisler. 12 72 Ngr. 483. Burkhardt, J. G E., Geschichte der deutschen Literatur. I. Poesie. Für Schulen und zum Selbstunterrichte. 2. Aufl. (XII, 271 S.) Leipzig 1870. Klinkhardt. 18 Ngr. 484. Dietlein, W. , Leitfaden zur deutschen Literaturgeschichte. Mit Berücksichtigung der poetischen Gattungen und Formen. Für höhere Töchter- und Bürgerschulen. 4. verb. Auflage, gr. 8. (VIII, 136 S.) Quedlinburg 1870. Franke. Va Rthlr. 485. Evans, Dr. E. P., Abriß der deutschen Literaturgeschichte. 8. (236 S.) New- York 1869. 6 s. 486. Reuter, Dr. Wilh., Literaturkunde, enthaltend Abriß der Poetik und Geschichte der deutschen Poesie. 4. Aufl. gr, 8. (X, 154 S.) Freiburg i. B. 1870. Herder. 12 Ngr. Vgl. Allgem. liter. Anzeiger Nr. 44 ; Musik- u. Literaturbl. Nr. 1 ; Kathol. Zeit- ;scbrift f, Erziehung und Unterricht Nr, 1. . 492 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 487. Frickc, Dr. Willi., Tiiuclleii 7-ur Geschichte der deutschen Lite- ratur und Kunst. 8. (X, 54 S.) Leipzig 1870. Klinkhardt. '/^ Rthlr. Vgl. Herrigs Archiv 47, 310; Allgem. Literar. Anzeiger VI, 4; Jessen. Central- blatt 1870, Nr. 9. 488. Lange, Otto, literaturgeschichtliche Lebensbilder und Charakteri- stiken. Biographisches Repertorium der Geschichte der deutschen Literatur. 8. (VIII, 332 S.) Berlin 1870. Gärtner. 1 Rthlr. Vgl. Blätter f. liter. Unterhaltung 1871, Nr. 21. 489. Scheinpflug, Bernhard, die Dichtungsarten und ihre Literatur für Mittelschulen zusammengestellt. 2. Auflage. 8. Prag 1870. Dominikus. 22 Ngr. 490. Jonckbloet, W. J. A., Geschiedeuis der Xederlandsche Letter- kunde. 2, 1. 8. (336 S.) Groningen 1870. Wolters. 491. Jone kblo et's, W. J. A-, Geschichte der niederländischen Lite- ratur. Von Verf. und Verleger des Originalwerkes autorisierte deutsche Ausg. von W. Berg. Mit einem Vorwort und einem Verzeichniss der niederland. Schriftsteller und ihrer Werke von E. Martin. 1. Band. 8. (XVI, 468 S.) Leipzig 1870. Vogel. 2-3 Rthlr. Vgl. Ergänzungsblätter VI, 271 — 274 (Glaser); Gosche's Archiv f. Liter. Gesch. 1, 509—514; Blätter f. liter. Unterh. 1871, Nr. 21; Saturday Review Nr. 760; Leh- mann's Magazin 1870, Nr. 32; Westermanns Monatshefte, Nov.; Weserzeitung Nr. 8325; Nation. Zeitung Nr. 255; Hamburg. Nachricht. Nr. 102. 492. V loten, J. van, beknopte Geschiedeuis der Nederlandsche Letteren, ten dienste van het hooger en middelbaar onderwijs, en alle vordere belangstel- lenden. 2. Druk. r stuk 8. (208 S.) Tiel 1870. f. 1,60. 493. Schets van de geschiedeuis der Nederlandsche Letterkunde. I. Inleiding in de middeleeuwen. 8. (IV, 31 S.) Delft 1869. Waltmann. f. 0,40. 494. Bakhuizen van den ßrink, R. C, Studien en schetsen over vader- landsche geschiedeuis en letteren. Verzameld eu uitgegeven door E. J. Potgieter. 2. Deel, 2 — 5. Aflev. 8. 's Gravenhage 1870. Nijhoff. 495. Deutschland und die Niederlande in ihren ältesten literarischen Beziehungen. Die Grenzboten 1870, Nr. 38—39. Ajiknüpfend an Nr. 491. 496. Meijer, J. H., History of english literature for the use of Dutch schools gathered from the works of Spalding, Shaw, Pride a. others. 8. (IX, 227 S.) Groningen 1870. W^olters. f. 1,50. 497. Smith, Will., a smaller history of English literature for the use of schools, 8. (VII, 268 S.) London 1870. Murray. 3 s. 6 d. 498. Allibone, S. A., a critical dictionary of English literature and British and American authors, living and deceased, from the earliest account to the latter half of the 19. Century. Vol. I. IL Lex. 8. London 1870. Trübner. 499. s. Nr. 83. 84. 500. Atterbom, P. D. A., litterära karakteristiker. 2 Theile. (426 u. 347 S.) Örebro 1870. Bohlin. 501. Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage. 5. Band, gr. 8. (VIII, 343 S.) Stuttgart 1870. Cotta. 2 Rthlr. 24 Ngr. Vgl. Gott. Gel. Anzeigen 1870, S. 1769—74 (Liebrecht). 502. Spach, L., oeuvres choisies. T. IV. 8. (X, 615 S.) Strasbourg 1870. 15 fr. Behandelt u. a. Lamprecht, H. v. Veldeke, Wolfram, Hartmann, Rudolf v. Ems, Konrad v. Würzburg, Walther, und 34 andere LyrUser. Vgl. Kevue critique 1870, Nr. 28, BIBLIOGRAPHIE VON 18t0. 493 503. Altmüller, K., deutsches Schriftthum im Elsaß. Ergänzuugsblätter z. Kenatniss der Gegenwart 6, 420 — 426. 504. Petersen, N. M., Saralede Afhandlinger. 1. Theil. 8. (IX, 388 S.) Kjöbenh. 1870. 505. Günther, E. A. W. , die deutsche Heldensage des Mittelalters. Für Schule und Haus bearbeitet. 8. (XIII, 246 S.) Hannover 1870. Brandes. V2 Kthlr. Vgl. Saturday Review 1870, 20. Aug.; Allgem. deutsche Lehrerzeitung Nr. 44. 506. Klaiber, Julius, die Frauen der deutschen Heldensage. 16. (27 S.) Stuttgart 1870. Grüninger. Ve ^^tblr. 507. Dony, Oberl. Dr., das weibliche Ideal nach Homer mit ßücksicht auf andere National-Epen, Programm der Realschule I. Ordnung zu Perleberg 1870. Vgl. Herrig's Archiv 47, 334. 508. Fritzner, Job., bevise navnene i de nordisk Völsungasagn , at disse ere laante fra Tydskerne? Kristiania 1870. Aus histor. Tidskrift 1, 179-186. 509. Egermann, Josef, Auf welchen Bedingungen beruht die erste Blüthe- periode der deutschen Literatur? Ein literargeschichtlicher Überblick. 8. (30 S.) Programm der Realschule in Böhmisch-Leipa 1870. 510. Lortzing, zum Verständniss des Ritterthums und seiner Poesie. 4. (24 S.) Programm des Progymnasiums zu Bochum 1870. 511. Riezler, Dr. S. 0., der Kreuzzug Kaiser Friedrich I. In: Forschungen zur deutschen Geschichte 10, 1 — 149. Darin als 7. Beilage (Ö. 115 — 119) 'Minnesinger, die sich auf die genannte Kreuzfahrt bezieheo. 8. 'Deutsche Epen fS 119—125). 9. 'Elegia de morte Friderici.' (S. 125 fg.), lateinisch, und S. 126 bis 140 'das Ende des Kaisers in Geschichte und Sage. 512. Gödeke, K. , zur Geschichte des Meistergesanges. 1. Der unerkannte Ton. 2. Schnach Regilräu. Germania 15, 197—202. 513. Koch, Ed. Emil, Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. 3. Auflage. 6. Bd. gr. 8. (X, 558 S.) Stuttgart 1870. Belser. 1 Rthlr. 6 Ngr. Vgl Literar. Centralbl. 1871, Nr. 10; Hauck's Jahresbericht V, 4. 514. Wackernagel, Philipp, Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zum Anfang des 17. Jahrhundei'ts. 29 — 31. Lieferung (3. Bd., S. 865 bis 1184). Leipzig 1870. Teubner. ä Va Rthlr. 515. Leitritz, Wilh., Beiträge zu eiuer fruchtbaren Behandlung der deutsch-evangelischen Kirchenlieder von Luther bis auf die Gegenwart. 4. Aufl. 8. (XVI, 596 S.) Berlin 1870. Beck. iV^ Rthlr. 516. Biedermann, A., das religiöse Drama. 1 — 3. Zeitstimmen aus der reformirten Kirche der Schweiz 12, Jahrgang. 517. Leibing, Dr. Franz, die Regie eines großen Osterspiels im J, 1583. Europa 1870, Nr. 16; vgl. Bibliogr. 1869, Nr. 495. 518. Inscenierung eines geistlichen Schauspiels im Mittelalter. Europa 1870, S. 59—64 (nach Leibing). 519. Delepierre, Octave, la parodie chez les Grecs, les Romains et chez les modernes, kl. 4. (182 S.) London 1870. Trübner. Behandelt namentlich auch die mittelalt. latein. Parodien. Vgl. Revue critique 1870, Nr. 18; Athenaeum 1871, 1. Juli. GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI. Jahrg.) 33 494 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 520. Oesterley, H., Romulus, die Paraphrasen des Phädrus und die aesopisehe Fabel im Mittelalter. 8. (124 S.) Berlin 1870. Weidmann. Vgl. Gott. Gel. Anz. 1870, Nr. 42 fSelbstanzeige) ; Liter. Centralbl. 1871. Nr. 23; Allgem. Liter. Zeitung Nr, 9. 521. Wendeler, Camillus. de praeambulis eorumque .historia in Ger- mania. Part. I. de praeambulorum indole, nomine, origine. 8. (III, 55 S.) Halle 1870. Buchhandl. d. Waisenhauses. Yg Rthlr. 522. Müllenhoff, K., altdeutsche Sprachproben. 2. Aufl. 8. Berlin 1870. Weidmann, -/g Rthlr. 523. Neumann, Alois, mittelhochdeutsches Lesebuch mit einleitenden und erklärenden Bemerkungen und einem Glossar. 8. (VI, 264 S.) Wien 1870. Beck. 28 Ngr. Vgl. Zeitschrift f. rl. Österreich. Gymnasien 1870, S. 754 — 764 (Greistorfer) ; 1871, S. 280—285 (Jeitteles); Knhns Zeitschrift 20. Bd., 2. Heft; AUgem. Liter. Zeitung 1871, Nr. 5. 524. Viehoff, Prof. Dr. Heinr.. Handbuch der deutschen Nationallite- ratur nebst einem Abriß der Literaturgeschichte, Verslehre, Poetik und Stylistik und Aufgabensammlung. 3. Theil. Proben der älteren Prosa und Poesie. 6. Aufl. 8. (IX, 181 S.) Braunschweig 1870. Westermannn. 12 Ngr. 525. Weber, Georg, Lesebuch zur Geschichte der deutschen Literatur alter und neuer Zeit. 3. unveränd. n. erweit. Auflage. 8. (XXIII, 520 S.) Leipzig 1870. Engelmann. 1 Rthlr. 526. Schau enburg, Dr. Ed., und Dr. R. Ho che, Deutsches Lese- buch für die Oberklassen höherer Schulen herausg. 2 Theile. 8. Essen 1870. Bädeker. 1; Theil: 13—16. Jahihundert. 527. March, Fr. A., introduction to Anglo-Saxon. An anglo-saxon reader, with philological notes, a brief grammar and a vocabulary. 8. (VIII, 166 S.) New- York 1870. 7 s. 6 d. 528. Sprachproben, altenglische, nebst einem Wörterbuche. Unter Mit- wirkung von K. Goldbeck herausgegeben von E. Mätzner. 1. Band: Sprachproben. 2. Abtheilung: Prosa, gr. 8. (416 S.) Berlin 1870. AVeidmann. 4 Rthlr. Vgl. Athaeneum 2207; North Brit. Review 104. 529. Wimmer, L. F. A. , oldnordisk liesebog med tilhörende ordsam- ling. 8. (VIII, 220 S.) Kjöbenhavn 1870. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 12. 530. Vilmar, A. F. C, Anfangsgründe der deutschen Grammatik. II. Die deutsche Verskunst nach ihrer geschichtlichen Entwickelung. Mit Benutzung des Nachlasses von Dr. A. F. C. Vilmar bearb. von Dr. C. W. M. Grein. 8. (XIV, 245 8.) Marburg 1870. Elwert. 1 Rthlr. 531. Schubert, Herm., de Anglosasorum arte metrica. Dissertatio. 8. (55 S.) Berlin 1870. (Calvary). 12 Ngr. 532. Valentin, Dr. Veit, der Rhytlimus als Grundlage einer wissen- schaftlichen Poetik. 8. (13 S.) Programm der Handelsschule zu Frankfurt a. M. 1870. Vgl. Herrig's Archiv 47, 327. 533. Dannehl, Dr., Geschichte und Bedeutung des reimlosen fünfi'üiMgen jambischen Verses in der deutschen Dichtung. 4. (21 S.) Programm tlcs Gymnasiums iu Kudülstadt 1870. Vgl, Herrig's Archiv 48, 198. BIBLIOGRArHIE VON 1870. 495 534. Kurz, Hermann, der Kappenzipfel. Germania 15, 95 — %. 535. Zarnckc, zur Geschichte des fünffüßigen Jambus. Berichte der sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1870, S. 207—212. 536. Kachel, Dr. Max, Reimbrechung und Dreireim im Drama des Hans Sachs und andrer gleichzeitiger Dramatiker. 4. (30 S.) Freiberg 1870. 8 Ngr. Programm des Gymnasiums, Vgl. Herrig's Archiv 48, 199. A. Gothisch. 537. Meyer, G., Über Lukas 15, in Ullilas gothischer Bibelübersetzung. 4. (8 S.) Programm der höheren Bürgerschule in Hannover. 538. Bernhardt, E., ein beitrag zur geschichte des textes der gotischen bibelübersetzung. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 294— .302. B. Althochdeutsch. 539. Meyer, Karl, das Hildebrandslied. Germania 15, 17—26. 540. Zarncke, zum Hildebrandsliede. Berichte der sächs. Gesellsch. d. Wis^. 1870, S. 197-198. 541. Otfried, Leben Christi und Lehre besungen von — . Aus dem alt- hochd. übersetzt von Joh. Kelle. 8. (VII, 512 S.) Prag 1870. Tempsky. 2 Rthlr. Vgl. Zeitschrift für deutsche philologie 2. 246 (Zupitza); Reusch, tlieolog. Lite- raturbl. 1870, Nr. 15; N. Preuß. Zeitung Nr. 114; Kathol. Blätter aus Tirol Nr. 21; Hauck, Jahresbericht 1871, Nr. 7. 542. Behringer, Edmund, Krist und Heliand. Eine Studie, gr. 4. (62 S.) Berlin 1870. Ebeling u. Plahn. 'Vg Kihlr. Vgl. Zum Literaturblatt 1870, Nr. 42 (Brandes) ; Uauck, theol. Jahresber. 1871, 7. Heft; Reusch, theol. Literaturbl. 1871, Nr. 14 (Lindemann); Allgem. Zeitung, Bei- lage 172. 543. Wolfgramm, Fr., Otfrieds Evangelienbuch, ein Denkmal der deutschen Literatur. 4. (13 S.) Programm des Gymnasiums zu Stargard in Pommern 1869. Vgl. Herrig's Archiv 47, 334. 544. Die Sprache Otfrieds von Weissenburg. Allgem. Zeitung 1870, Beilage 73. 545. Hof mann, Über ein Notkerfragment. Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, I, 529 — 531, Aus der Schrift de octo tonis. 546. Hof mann, Studien über die Vorauer Handschrift. Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, II, 18.3 — 196. Behandelt die Schöpfung (= Summa theologiae), welche in 32 zehnzeilige Strophen zerlegt wird. 547. Sievers, E., zum Vocabularius Sancti Galli und den Glossae Keronis. Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 119—125. 548. Steinmeyer, E. , die deutschen Virgilglossen. Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 1 — 119. 549. Keinz. Fr., Mittheilungen aus der Münchener k. Bibliothek. Germania 15, 3-15—357. Hauptsächlich aus ahd. Glo.s.senhandschriften. 550. Pfannerer, Dir. Maur. , altdeutsche Beicht- und Gebetfoimel aus einem Codex des Stifts Tepel. Programm des Gymnasiuiri.>^ zu Pilsen 1870. Dieselbe, die Pfeiffer, Forschung und Kritik II, bereits mitgetheilt. Vgl. Herrig's Archiv 47, 468. 33* 496 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. C. Mittelhochdeutsch. 551. Äntelail. Von W. Scherer. Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 140 — 149. Aus der Hs. des Piaristen- collegiums zu Wien herausgegeben. 552. Arzneibuch. — Hofmann, über das Zürcher Arzneibuch des XII. Jahrhunderts. Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, I, 511 — 526. 553. Burgliart von Hohenfels. — Richter, 0., Burghart von Hohen- felsj eine literar.-historische Skizze aus der Blüthezeit des Minnegesangs. Neues Lausitz. Magazin 47. Bd., l. Heft (1870). 554. Barack, Dr., über den Minnegesang am Bodensee und den Minne- sänger Burkhard von Hohenfels. Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees. 2. Heft. Lindau 1870. 555. Chroniken, die, der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahr- hundert. 8. Band: Die Chroniken der oberrheinischen Städte. Straßburg, 1. Bd. gr. P. (XI, 498 S.) Leipzig 1870. Hirzel. 3 Rthlr. Vgl. Sybels histor. Zeitschr. XIII, 3, 258 ff.; Literar. Centralbl. 1870, Nr. 22; Keusch, Literaturbl. Nr. 17 (Birlinger); Saturday Review 19. Nov.; Gott. Gel. Anz. Nr. 21 (Frensdorff); Trübner's liter. Record Nr. 70. 556. Lorenz, 0., Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. In Anschluss an W. Watten- bachs Werk. 8. (IX, 339 S.) Berlin 1870. Hertz. 2 Kthlr. 557. Erlösung. — Bartsch, K., Bruchstücke einer Handschrift der Erlösung. Germania 15, 357—358. 558. Ernst. — Jäuicke, 0., über die abfassungszeit der beiden deut- schen gedichte von herzog Ernst. Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 151—166. 559. Freidank. — Paul, Hennann, über die ursprüngliche Anordnung von Freidanks Bescheidenheit. Inauguraldissertation. 8. (66 S.) Leipzig 1870. 560. Grion, Dr. Justus, Fridanc. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 408 — 440. Voll der wunderlichsten Einfälle. 561. Friedrich von Schwaben s. Nr. 549. Gedichte. 562. Höfler, C, Gedicht auf Meister Eckhart. Germania 15, 97—99. 563. Keinz, altdeutsche Denkmäler. Sitzungsberichte d. bayer. Akademie 1870, II, 109—119. Religiöse Dichtungen des 12. Jahrb., eingetragen in die Münchener Hs. lat. 935; daninter zum Theil die Sequenz von Muri. 564. Ein Seel vor Gottes Füßen lag. Gedicht aus dem Anfang des 14. Jahrb., übertragen von A. Freybe. gr. 16. (V, 68 S.) Leipzig 1870. Nau- mann. 12 Ngr. Vgl. Allgem. Lit. Zeitung Nr. 37; Braunschw. Hannov. Luther. Kirchenbl. 39; Volksblatt f. Stadt u. Land 94; Christenbote 34; Hauck, theol. Jahresber. 1871, 1. Heft. 565. Gottfried von Strassburg. — Kurz, Herrn., Zum Leben Gott- frieds von Straßburg. Germania 15, 207—236. 322-345. 566. Ja nicke, 0., Setmunt. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 495. 567. Halbsuter. — Liebenau, der Dichter Hans Halbsuter von Luzern. Monatsrosen des Scbweiser Studentenvereins 15, 186-200. BIBLIOGRAPHIE VON 1870 497 568. Hartmann von Aue. Herausgegeben von Fedor Bech. 1. Theil. Ärec der Wunderaere. 2, Aufl. 8. (XX, 356 S.) Leipzig 1870. Brockhau«. 1 Rthlr. Auch u, d. T. : Deutsche Classiker des Mittelalters. 4. Band. 569. Heinz el, R., über die lieder Hartmanns von Aue. Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 125 — 140. 570. Höfer, Alb., Hen- und Frau Hacke. Germania 15, 411 — 416. 571. Gütb, Dr., das Verhältniss des Hartmann'schen Iwein zu seiner altfranzösischen Quelle. Archiv für das Studium der neueren Sprachen 46, 251 — 292, 572. Heinrich VI. — Meyer, Karl, die Lieder Kaiser Heinrichs VI. Germania 15, 424—431. 573. Heinrich von Morungen. — Bartsch, K., zu Heinrich von Morungen. Germania 15, 375—376. 574. Heldenbuch, deutsches. 5. Teil, gr 8. Berlin 1870. Weidmann. 273 Rthlr. Inhalt: Dietrichs Abenteuer von Albrecht von Kemenaten nebst den Bruchstücken von Dietrich und Wenezian. Herausgeg. von Jul. Zupitza. (LV, 296 S ) Vgl. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 237 — 244 (Steinmeyer); Zeitschr. f. d. österr. Gymnasien 1870, 556—561 (Heinzel). 575. Zarncke, Kaspar von der Rhön. Berichte der k. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften 1870, S. 207. 576. Hesler, Heinrich, s. Nr. 29. 577. Historienbibeln, die deutschen, des Mittelalters, nach vierzig Hand- schriften zum ersten Male herausgegeben von Dr. J. L. F. Theodor Merzdorf. 2 Bde. 8. (914 S.) Stuttgart 1870. Litterar. Verein. 100. und 101. Publication des litter. Vereins. Vgl, Keusch, theolog. Literaturbl. 1871, Nr. 17 (Birlinger). 578. Johann von Wiirzburg. — Regel, K., ein dichterisches Zeugniss für einige Persönlichkeiten des thüring. fränkischeti Gebietes. Zeitschrift d. Vereins f. thüiing. Gescliichte 7. Bd., 4. Heft. 579. Johannesminne und deutsche Sprichwörter aus Handschriften der Schwabacher Kirchenbibliothek. Von C. Hofmann. Sitzuujjjsbcrichte der Münchener Akad. 1870. II, 15—38. Die Sprichwörter aup einer latein. Predigtsanimlung des 14. .Jahrh. 580. Konrad von Heimesfurt. — Wülcker, R., und K. Bartsch, der Dichter der Urstende. Germania 15, 157 — 161. 581. Kudrun. — Hildebrand, R., Zur Gudrun. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 468 — 478. 582. Mariendichtung. — Narrationes de vita et conversatioue b. Mariae virginis et de pueritia et adolescentia salvatoris ex cod. Gisscnsi ed. 0. Sch.ide. i. (28 S.) Königsberg 1870. Als Quelle deutscher Mariendichtunj^en hier anzuführen. 583. Mechthild. — Offenbarungen der Schwester Mechthild von Magdeburg, oder das fließende Licht der Gottheit, aus der einzigen Handschrift des Stiftes Einsiedeln herausg. von P. Gall Morel. 8. (XXXII, 287 S.) Regens- burg 1869. Manz. Vgl. Literar Centralbl. 187u, iS'r. U 584. Minnesänger. — Müller, Max, Old Germjin Love In M. Müllers Chips from a Gennan Workshop, Bd. IIl. 498 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 585. Mönch von Heilsbronn, der. Zum ersten Male vollständig her- ausgegeben von Oberbibl. Dr. J. F. L. Theodor Merzdorf. gr. 8. (XXVII, 170 S.) Berlin 1870. Ebeling u. Plahu. sVa Rthlr. Vgl. Heidelberger Jahrbücher 1870, 8. Heft. 586. Neidhard. — Keinz, Fr., und Fr. Wieser, zu Neidhard's Liedern. Germania 15, 431—434. 587. Bergmann, Jos. v., ein lateinisches Epitaphium Neidhardi. Mittheilungen der k., k. Central-Commission etc. 15. Bd. 588. Nibelunge, der, Not, mit den Abweichungen von der Nibelunge Lied , den Lesarten sämmtlicher Handschriften und einem Wörterbuche, her- ausgegeben von K. Bartsch. 1. Theil. Text. 8. (XXIII, 394 S.) Leipzig 1870. Brockhaus, l^a Rthlr. Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1871, Nr. 25; Ällgem., Zeitung 1870, Nr. 214; Zeit- schi-ift f. d. österr, Gymnasien 1870, S. 403—409 (Scherer). 589. Hofmann, Beiträge zur Textkritik der Nibelungen (als Probe aus einer später in den Denkschriften erscheinenden größeren Abhandlung). Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, I, 527 — 528. Über die in A fehlen- den Strophen. 590. Briefwechsel über das Nibelungenlied von C. Lachmann und Wilhelm Grimm. (Fortsetzung und Schluß.) Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 343— 3C5. 515—628. 591. Huß, H., über den ethischen Werth des Nibelungenliedes. Zeitschrift f. d. österr. Gymnasien 1870, 831—856. 592. Stolte, Gymnasiallehrer, Dr., der Nibelunge Not verglichen mit der Ilias. 4. (26 S.) Programm des Gymnasiums zu Rietberg 1869. Vgl. Herrig's Archiv 47, 335. 593. Zarncke, Friedrich der Große und das Nibelungenlied. Berichte der k. säcbs. Akademie d. Wissenschaften 1870, 203 — 206. 594. Meyer, Karl, die dramatischen Bearbeitungen der Nibelungensage. Deutsche Vierteljahrsschrift Nr. 130 (1870), S. 140 ff. 595. Oswald. — Strobl, Jos., über das Spielmaunsgedicht von St. Os- wald. (Aus den Sitzungsber. der Akademie.] Lex. 8. (III, 48 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. ^/^ Rthlr. 596. Oswald von Wolkenstein. — Zingerle, Dr. J. V., Beiträge zur älteren tirolischen Literatur. I. Oswald von Wolkenstein. [Aus den Sitzungsber. der Akad.] Lex. 8. (78 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. 12 Ngr. 597. Ottacker von Steier. — Karajan, Th. Ritter v. , zu Seifried Helbling und Ottacker von Steiermark. Zwei Vorträge. [Aus den Sitzungsber. d. Akad.] Lex. 8. (26 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. 598. Lütolf, A., Herr Otto vom Turne, der Minnesinger zu Lucern. (Ab- druck aus dem Geschichtsfreund Bd. XXV.) Einsiedeln 1870. Benzinger. 32 S. 8. Mit dem Bilde ans der Pariser Hs. Vgl. Kölnische Volkszeitung 1870, Nr 293. 599. Passionaldichter. — Zingerle, Dr. J. V., Findlinge. Heft H. [Aus den Sitzungsber. d. Akad.j Lex. 8. (140 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. % Rthlr. Stücke aus dem Leben der Altväter. 600. Reinmar von Zweter. — Deutsche Lieder von R. v. Zw. Allgem. Evang. luther. Kirchenzeitung 1870, Nr. 23. 24. 601. Rothe. — Funkhänel, Dr., zu Rothe's düringischer Chronik S. 466 ff. der v. Liliencron sehen Ausgabe. Zeitschrift d, Vereins f. thüring, Geschichte 7. Bd., 4. Heft. BTBLTOGEAPHIE VON 1870. 499 602. Witzschel, Dr, A., Nachtrag über das Lebeu der heil. Elisabeth von Rothe. Zeitschrift d. Vereins f. thüring. Geschichte 7. Bd , 4. Heft. 603. Schauspiel. — Das Spiel von den zehn Jungfrauen, eine Opera seria, gegeben zu Eiseuach am 24. April 1322, übertragen u. zeitgeschichtlich behandelt von A. Freybe. 16. (V, 99 S.) Leipzit? 1870. Naumann, '/a Rthlr. Vgl. ßraunschw. hannov. luther. Kirchenbl. Nr. 39; Christenbote 43. 604. Bechstein, R., das Spiel von den zehn Jungfrauen. Allgem. Zeitung 1870, Beilage 316. 605. Schneider's, Hans, historisches Gedicht auf die Hinrichtung des Augs- burger Bürgermeisters Schwarz. Von C. Hofmann. Sitzungsberichte d. Münchener Akad. 1870, I, öOO-öll. Vom Jahre 1478. 606. Seifried Helbling s. Nr. .597. 607. Spervogel. — Scherer, Wilh., Deutsche Studien. I. Spervogel. [Aus den Sitzungsbor. d. Akad] Lex. 8. (73 S.j Wien 1870. Gerold in Comm. '4 Rthlr. 608. Weihnachtslied von Spervogel (12. Jahrhundert). Lutherische Kirchenzeitung 2. Bd. 5. Heft. 609. W. , zwei EgerUlndische Geschlechter, die Spervogel und die Juncker. Mittheiluugen d. Vereins f. Geschichte d. Deutschen in Böhmen, 9. Jahrg. 5. Heft., Vgl. Bibliogr. 1869, Nr. 588. 610. Thomasin. — Eugene Oswald, Early German Courtesy-Books. An account of the Italian Guest by Thomasin von Zirilaria (sie !), of How the knight of Winsbeke tought bis son, and the Lady of VVinsbeke her daughter, the German Cato and Tannhaeusers Courtly Breeding. 1869. Vgl. Magazin f. d. Liter, d. Auslandes 187]. Nr. 46. 611. Ulrich von Zatzikhoven. — Bächtold, J., der Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven. Dissertation. 8. (56 S.) Frauenfeld 1870. Huber. '/g Rthlr. A'gl. N. Zürcher Zeitung 1870, Nr. 387. 612. Walther von Klingen. — Pupikofer, Decan J. A., Walther III, Freiherr von Klingen zu Klingnau, Ritter und Minnesänger. Schriften d. Vereins f. Geschichte d. Bodensees. 2. Heft. Lindau 1870. 613. Walther von der Vogelweide. Herausgegeben von Franz Pfeiffer. 3. Aufl., herausgeg. von K. Bartsch. 8. (LXIV, 344 S.) Leipzig 1870. Brockhaus. 1 Rthlr. Deutsche Classiker d. Mittelalters 1. Bd. Vgl. Allgem. Zeitung 1870, Beilage 108. 614. Walther von der Vogelweide. Herau.sgeg., geordnet und erklärt von K. Simrock. 8. (XII, 254 S.) Bonn 1870. Marcus. Vg Rthlr. 615. Walther von der Vogelweide, Auswahl aus den Liedern, heraus- gegeben u. mit Anmerkungen u. einem Glossar versehen von Beruh. Schulz. 8. (XV, 124 S.) Leipzig 1870. Teubner. 616. Bechstein, Reinh., zu Walthers Vocalspiel. Germania 15, 434—438. 617. Anzoletti, Patriz, ist Walther von der Vogelweide ein Tiroler? 8. (46 S.) Programm des Gymnasiums zu Bozen 1870. Vgl. Zeitschrift f. d. östeiT. Gymnasien 1871, 363—365 (Job. Schmidt); Herrio-'.s Archiv 47, 468. 618. Scharlach, Dr., Walther von der Vogelweide als nationaler Dichter. Görlitz 1870. Programm der höheren Töchterschule. 619. Wernher der Gartenaere s. Nr. 549. 620. Schröder, Rieh., Corpus juris germanicum poeticum. II. Wernhcf der gartenaere und bruder Wernher. Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 302—305, 500 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 621. Wolfdictrich. — Liebrecht, F., zur Litteraturgeschichte des Wolf- dietrich. (Nachtrag zu Germ. 14, 226). Germania l.o, 192 — 194. 622. Wolfram's von Eschenbach Parzival und Titurel. Herausgegeben von K. Bartsch. 1. Theil. 8. (XXXVII, 362 S.) Leipzig 1870. Brockhaus. 1 Rthlr. Deutsche Classiker d. Mittelalters. 9. Bd. Vgl. Liter. Centralbl. 1871, Nr. 20; Allgem. Liter. Zeitung Nr. 13. 623. Zarncke, zu Wolfram's Parzival. — Zu Wolfram's Leben. Berichte der k. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften 1870, S. 199—202. 624. Strobl, Jos., zu Wolfram's Willehalm. Germania 15, 95. Zur Litteratur des 16. Jahrhunderts. 625. Fischait. — Wackernagel, Wilh., Johann Fischart von Straßburg und Basels Anthcil au ihm. 8. (VIII, 214 S.) Basel 1870. Schweighauser. 1 '/2 Rthlr. Vgl. Revue critique 1870, Nr. 6. 626. Fischart's Nachtrabe. Ein 300jahriges literar. Juhilaeum. Europa 1870. Nr. 20. 627. Kirchhoff, Hans Wilh., Wenduumuth. Herausgeg von H. Österley. 5 Bände. 8. Stuttgart 1869. 96—99. Pnblicat. d. litter. Vereins. Vgl. Heidelb. Jahrb. 1871, S. 391—396 (Liebrecht). 628. Luther. — Schnorr v. Carolsfeld. Fr., über die Dresdner Hes. der Tischreden Luthers. Serapeum 1870, Nr. 11. 629. Luther, M., ob Kriegsleute raicli in seligem Stande sein können. Wittenberg 1526. Neu durchgesehen und bevorwortet von Dr. G. C. A. v. Harlel.^. 8. (43 S.) Leipzig 1870. Fritzsche. 2 7^ Ngr. 6-'»0. Paulus AemiliuB. — Zamcke, des Paulus Aemilius Romanus Übersetzung der Bücher Samuelis. Berichte der k. sächs. Gesellscli. d. Wi.sseuscli. 1870, Ö. 212 — 22*5. 631. Sachs, Hans, herausgegeben von A. von Keller. 1 — 5. Band. 8. Stuttgart 1870. 102—106. Publication des Litterar. Vereines. 632. Hans Sachs, Dichtungen. 1. Theil. Geistliche und vreltliche Lieder. Hersiusg. v. K. Goedeke. 2. Theil. Spruchgedichte. Herausg. v. J. Tittmann. 8. (L, 322; XXXVI, 264 S.) Leipzig 1870. Brockhaus. 2 Rthlr. Deutsche Dichter des 16. Jainhunderts. 4. 5. Band. Vgl. Presse 1870, Nr. 157; Süddeutsch. Sonntagsblatt Nr. 24. 633. Sachs, Hans, Kampfgespräch zwischen Sommer und Winter. Mit einer Einleitung von C. Lützelberger. Album des literar. Vereins in Nürnberg 1870. S. 1 14. 634. Hans Sachs als Meistersinger. Allgemeine Zeitung 1870, Beilage 283. 63.5. Die Wohnhäuser des Hans Sachs. Korrespondent von und für Deutschland 1870, Nr. 57. 5^ 636. Waldis, B. — Weller, E., Barkard Waldis nicht katholisch. Serapeum 1870, Nr. 13. 637. Eine Warnung an das Teutschland. 1572. Von E. Weller. Anzeiger für K\%\Nde der deutschen Vorzeit 1870, Sp. 243 — 244. 638. Kuczynski, Arnold, thesaurus libellorum historiam reformationis illujtrantium. Verzeichniss einer Sammlung von nahezu 3000 Flugschriften BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 501 Luthers und seiner Zeitgenossen. Nach den Original, aufgenommen und be- arbeitet. Supplement zu den Handbüchern von Panzer, Weller, Gödeke und Heyse. 8. (IV, 262 S.) Leipzig 1870. T. 0. Weigel. 1 Rthlr. D. Altsächsisch. 639. Heiland s. Nr. 542. E. Mittelniederdeutsch. 640. Aesopus, Niederdeutscher. 20 Fabeln und Erzählungen aus einer Wolf > nbütteler Hs. des 15. Jahrh. herausg. von HofFmann von Fallersleben. gr. 8. (83 S.) Berlin 1870. Oppenheim. 18 Ngr. Vgl. Götting. Gel. Anzeig. 1870, Nr. 9 (Österley): Herrig"s Archiv 47, 172 (Ranch); Academy Nr. 19, Lehmanns Magazin Nr. 29. 641. Hofmann, Über ein niederdeutsches Lancelotfragment und einige daran sich knüpfende literargeschichtliche Frapen. Sitzungfsberichte der bayer. Akademie 1870, II, 39 — 52. 642. Hoffmann von Fallersleben, Jesui und seine junge Braut. — Marien Himmelfahrt. Germania 15, 366—37,'}, F. Mittelniederländisch. 643. Beatrijs. Eine Legende aus dem 14. Jahrhundert. Hochdeutsche metrische Übersetzung von Wilh. Berg. 8. (XII, 35 S.) Haag 1870. Nijhoff. 12 Ngr. 644. Bruchstück aus dem Boek van den Hoiite. Von A. Birlinger. Gei-mania 15, 360—64. 645. Willems, Alf., het Brusselsch fragment van den Cassanus. De Taal- en Letterbode 2, 158-166. 646. Eyssonius Wichers, E. W. L., iets over den Perguut. Dietsche Warande IX, 72—85. 647. Hellwald, F. v., Zwei neue Maerlandt-Fragmente. AltpreuIHsche Monatssclirift 1870, 3. Heft. 648. Verwijs, E., Jacob van Maerlant en Jacob van Oostvoorne. De Taal-en Letterbode ü. 73—88. 649. Frommann, Dr., ein mittelniederländisches Minnelied. Anzeiger für Kxmde der deutschen Vorzeit 1870, Sp. 242. 650. Vlooten, J. van, onuitgegeven Middelnederlandsche Verzen. (Haagsche Hs. Nr. 721.) Dietsche Warande IX, 6-25. 142-157. 651. Moltzer, H. E., de middelnederlandsche dramatische Poezie. 2' gedeelte. 8. (VTIL S. 141—255). Groningen 1870. Wolters, f. 1,50. Enthält: Lanseloet, Die hexe, Drie dagfhe here, De tniwanten, Winter ende Sommer, Rubben. A. u. d. T. Bibliotheek van Middelnederl. Letterknnde, 3. Aflevering. 652. Den boom der schriftueren van VI. personagien ghespeelt tot Middelburch in Zeelant, den eersten Augusto ent jaer 1539. Opt nieuw uitgeg. met een ophelderende woordenlijst door Dr. G. D. J. Schotel. 8. (VTII, 52 S.) Utrecht 1870. Kemink. f. 0,50. 653. Hoffmann van Fallersleben, Thomas a Kempis. Germania 15, 365—366. 654. Willem van Hildegaarsberch, Gedichten van, van wege de Maatschappij der Nederl. Letterkunde uitgeg. door Dr. W. Bisschop en Dr. E. Verwijs. 8. (XXVIU, 331 S.) '« Gravenhage 1870. Nijhoff. f. 6,00. 502 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. G. Angelsächsisch. 655. Köhler, Artur, die einleitung des Beovulfliedes. Ein Beitrag zur frage über die liedertheorie. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 305 — 314. 656. Köhler, Artur, die beiden episoden von Heremod im Beovulfliede. (V. 901—915 und 1709 — 1722.) 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(VI. 288 S.) 10 V2 s- Publication der Early English Text Society. 663. Child, Francis James, Observations on the language of Gower's Confessio Amantis. A Supplement to Observations on the language of Chaucer. Memoirs of the American Academy, New Series, Vol. IX, p. 265. Vgl. Herrigs Archiv 47, 322 — 326 (Stimming). 664. Cur Ladys' Lament, and the Lamentation of Saint Mary Magda- lena. Edited by C. E. Tarne. London, Washburne. 1. Theil der Serie: Early English Religious Literature. Vgl. Athenaeum 1871, Mai, S. 556. 665. The vision of William concerning Piers the Plowman. Edited by W. Skeat. 8. London 1869. Trübner. Publication der Early English Text Society. I. Altnordisch. Runen. 666. Bugge, Sophus, Lidt om de icldste nordiske runeindskrifters sprog- lige stilling. Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft. 667. Möbius, Th., zur kenntniss der ältestesten runen. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 208 — 215. 668. Stephens, George, the copies of some runic stones. 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Norges Konge-Sagaer fra de asldste Tider indtil anden Halvdeel af det 13de Aarhundrede efter Christi Födsel, forfattedc af Suorre Sturlasön, Sturla Thordssön o. fl. og oversatte af P. A. Munch. 2. Bindet udg. og fortsat af 0. Rygh. 2—4. Heft. Christiania 1870. 679. Kon unga-Boken eller Sagor om Ynglingarue och Norges konungar intill är 1177 af Snorre Sturleson. Öfversatt och förklarad af Hans Olof Hildebraud Hildebrand. 6—7 Heft. (S. 241—344; 1 — 128.) Örebro 1870. Vgl. Germania 15, 449-- 459. (K. Maurer.) 680. Lilja (the Lily), an Icelandic religious poem of i he XIV. Century, by Eystein Asgrimsson. Edited by Eirikr Magnussou. 8. (LVI, 124 S.) London 1870. V^illiams a. Norgate. Vgl. The Academy 1871, Nr. 25 (Th. Möbius). 681. Döring, B., Die quellen der Niflungasaga in der darstellung der Thidrekssaga und der von dieser abhängigen fassungen. (Schluß.) Zeitschrift für deutsche philologie 2, 265—292. 682. Om Njäl och hans söner. (Smäskrifter för folket 3.) 8. (24 S.) Stockholm 1870. Norstedt. 683. Kölbing, E., Nachtrag zur Parzivalssaga. Germania 15, 89 — 94. 684. Völsunga saga: The story of the Volsung and Niblung with certain songs from the eider Edda, translated from the Icelandic by Eirikr Magnuisson and W. Morris. 8. (286 S.) London 1870. Ellis. 12 s. Vgl. Athenaeum 1870, 11. Juni. 685. Gfslason, Konr., Smäbemyerkninger til de tvende udgavcr af den arnamagnseanske membrn. nr. 674 A. Aarböger f, nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft. 686. Holm, F. W., Nordboemes Reiser til Amerika, fortalt efter islandske kilder. 8. (20 S.) Kopenh. 1870. Abdruck aus 'Folkelsesning 1869. 687. Eptirrit af nokkrum gömlum skjölum. Ti'marit gefid i'it af J. Peturssyni 1, 36—45. 2, 39—51. Isländische Urkunden, 688. Literae testamenti Thorstani Eiulphi (1386. Lslandicc), Ti'marit u. s. w. 2, 115—117. 504 BIBLIOGRAPHIE VON 1870. K. Altdänisch. 689. Romantisk Digtning fra Middelalderen , udg. af C. J. Brandt. 1—2. Bind. 8. (XIV, 356; VII, 382 S.) Kjöbenh. 1869—70. Auf drei Bände berechnet. L. Mittellateinische Poesie. 690. Waitz, G. , das Carmen de hello Saxonico oder Gesta Heinrici IV, neu herausgegeben, kl. 4. (86 S.) Göttingen 1870. Dieterich. 1 Rthlr. 6 Ngr. Aus den Abhandl. d. GesellHcbaft d. Wissenschaften. Vgl. Literar. Centralblatt 1870, Nr. 38; Philol. Anzeiger II, 5; Gott. Gel. Anz. Ö. 1201-2 (Waitz); Heidelb. Jahrb. 1871, S. 259-263 (Wattenbach). 691. Zarncke, eine vierte Umarbeitung der s. g. Disticha Catonis. Berichte der k. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften 1870, S. 181—192. 692. Bartsch, K., zur Hroswithafrage. Germania 15, 194. 693. Marbach, J. , die Nonne Roswit — die älteste deutsche Dichterin. Norddeutsch. Protestantenblatt 1870, Nr. 2. 694. Grotefend, Dr. H., Laurea sanctorum, ein lateinischer Cisiojanus des Hugo von Trimberg. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1870, Sp. 279—284. 301—311. 695. Höfig, Dr. Herrn., lateinische Hymnen aus angeblichen Liturgien des Tempelordens Icritlsch und exegetisch bearbeitet, gr. 8. (VIII, 58 S.) Par- cbim 1870, Wehdemann. 12ya Ngr. Vgl. Theolog. Jahresber. 1870, 4. Heft. 696. Buch der Hymnen. Altere Kirchenlieder aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen von Ed. Hobein. 2. Auflage. 4. (XXIV, 335 S.) Halle a. S. 1870. Schwabe. 697. Kays er, Prof. Dr. Joh. , Beiträge zur Geschichte und Erklärung der Kirchenhymnen. 3. Heft. gr. 8. (III, 311—435.) Paderborn 1869. Junfermann. 17V2Ngr. 698. Nicolai de Biber a carmen satiricum ed. Theob. Fischer, gr. 8. (VIH, 305 S.) Halle a. S. 1870. Buchh. d. Waisenhauses. Im 1. Bande der Geschichtsquellen der Provinz Sachsen, herausgeg. von den geschichtl. Vereinen der Provinz. 699. Hubatsch, Oscar, die lateinischen Vagantenlieder des Mittelalters. 8. (V, 100 S.) Görlitz 1870. Remei. 16 Ngr. Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 28; Heidelb. Jahrb. Nr. 33; Magazin f. d. Liter, d. Auslandes Nr. 20. 700. Planctus de corrupto saeculi et ecclesiae statu. Anzeiger f. Kunde d. deutscheu Vorzeit 1870, Sp. 368—370. Aus einer Einsiedler Hs. des 15. Jahrh. 701. Wattenbach, W., lateinische Reime des Mittelalters. Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1870, Nr. 1 S, Berichtigungen. Lies 78, 15 v. u. foutre; 101, 2 lies Erpfma7i statt Erqfman; 16 Manius st. Manir ; 17 Zmiber des st. Zaubeudes; Z. 6. v. u. 1856 st. 1855; 102, 14 Hut st. luit; 23 Narnjuangeli und Mingmiggeli ; 28 uuitua st. mitua; 103, 21 1. Hausnamen st. Hausnarren; 36 Hikieshusun-^ 104, 14 1. Maudio st. Mandio; 16 gaiija st. ganja; 10 Eckeo st. Erkeo; 105, 7 Crecelius 8t. Freccius'; 29 Tant st. Tarih ; 106, 11 1. ^J'ffrjj: 12 'ÄQCaxri-^ 107, 16 'i 8t. e ; 109, 19 1. 3. und 8. Jahrg.; 259, 14 grennast. jgo« Uiezu eine Beilage. PF Germania 3003 Jg.l6 PLEASE DO NOT REMOVE CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY